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Neigimg und Beruf haben mich seit Jahren genöthigt, mich mit Sprachen der mannigfaltigsten Bauformen zu beschäftigen, manche von ihnen familienweise zu vergleichen, andere lehrend oder schildernd darzustellen. Kathedererfahrungen und häufiger Gedankenaustausch mit befreundeten Fachgenossen über allge- meinere Fragen kamen hinzu; in der einschlägigen Literatur, soweit ich sie kennen lernte, fand ich nur Theile dessen, was ich suchte. Vieles, was mir nicht einleuchtete. Und so wurde es mir zugleich Bedürfniss und Pflicht, mir und Anderen über meinen Standpunkt Rechenschaft zu geben. Schon die Lehr- vorträge über vier uns so fremdartige und untereinander so verschiedene Sprachen, wie Chinesisch, Japanisch, Mandschu und Malaisch, nöthigten mich immer wieder, in's sprachphilosophische Gebiet hinüberzuschweifen. Dabei konnte ich beobachten, wie schwer sich oft die besten Köpfe von den mutter- sprachlichen Vorurtheilen losringen, wie aber dann, wenn dies gelungen, aus den entlegensten Gebieten herüber auf heimische Spracherscheinungen Licht fallen kann. Darin beruht ja der Werth der Analogie im Organen der induc- tiven Wissenschaften, dass so oft an weit entfernten Punkten die Thatsachen, ihre Gründe und Wirkungen die nämlichen sind, dass sie aber das eine Mal klarer zu Tage liegen, als das andere. Und gerade die Sprachen unserer Familie leisten in der Verhüllung Erstaunliches, strengen den Fleiss des geschichtlichen Forschers, den Scharfsinn des Denkers da an, wo andere ihren Mechanismus und ihre Geschichte offen zur Schau tragen. In erster Reihe ist dies Buch für Jene bestimmt, die wir dereinst als unsere Mitarbeiter und Nachfolger zu sehen hoffen. Das möge es entschuldigen, wenn ich den hodegetischen Fragen mehr Raum gegönnt habe, als dies sonst wohl in Werken verwandten Inhalts üblich ist. Auch das Äusserlichste der Methodik lässt sich ja von Innen heraus erklären. Dagegen habe ich im Inter- esse der Kürze Manches weggelassen, was man in einem wirklichen Lehr- und Handbuche suchen dürfte: einen Abriss der Phonetik, eine Sammlung von IV Vorwort. Definitionen grammatischer Ausdrücke, eine familienweise tbersicht der Sprachen und wohl noch manches Andere. Unsere Wissenschaft selbst ist noch jung: viele ihrer Gebiete sind kaum erst von Forschem berührt, manche bieten noch den Reiz und die Gefahren eines jungfräulichen Bodens. Dem musste ich vor Allem Rechnung tragen. Der Leser soll sehen, wie schnell ein zielbewusst beharrliches Schaffen tüchtige Früchte gezeitigt hat, und soll an diesen Früchten seinen Theil Mitgenuss haben. Er soll sich aber um Alles nicht einbilden, wir wären schon weiter, als wir sind. Die höchsten und letzten Ziele möge er vor Augen haben. Soweit ich sie zu erkennen glaubte, habe ich auf sie hingewiesen; umschrieben habe ich das ganze Gebiet, soweit ich es ermass, und von dem Rechte des Kartographen, sein Gradnetz auch durch die Terra incognita zu ziehen, habe ich ausgiebigen Gebrauch gemacht. So gut es ging, tastete ich das Reich der Möglichkeiten aus, verfuhr dabei oft apriorisch, suchte aber dann, wenn es meine Erfahrungen erlaubten, an Beispielen das Mögliche als thatsächlicj;i zu erweisen. Hierin war ich nun besonders schlimm daran. Meine eigenen Erfahrungen und die allgemeineren Schlüsse, die ich daraus zog, habe ich natürlich zumeist in sehr abgelegenen Sprachgebieten geschöpft Beispiele aber sollen erläutern und müssen möglichst einleuchten, darum möglichst nahe liegen. So musste ich wohl oder übel die meinigen da entnehmen, wo ich von Berufswegen am Wenigsten zu suchen habe: aus der Muttersprache, den bekanntesten Sprachen Europas und der Indogermanistik. Manchmal ging es mir, wie einem Ausländer, der lieber die Landesmütze thaler- und nickelweise borgt, als sein mitgebrachtos Geld mit Coursverlust ausgiebt; und das unbehagliche Gefühl, das man mit sich schleppt, wenn man bei den Nachbarn wissenschaftiiche Anleihen macht, habe ich gründlich kennen gelernt. Da kann ich nun jene Besserberechtigten, deren etwaigen Tadel ich erwarte, nur um freundlichere Nachhülfe bitten, für den Fall, dass mein Werk eine zweite Auflage erleben sollte. Dies gilt be- sonders vom dritten Buche. Wo es sich dagegen um die Äusserungen der lebendigen Muttersprache handelte, da habe ich geglaubt, meinem Gefühle und Urtheile ebensoviel zu- trauen zu dürfen, wie dem Anderer. Umfrage habe ich dann wohl gehalten^ um mich zu vergewissem, aber nicht immer bei denen, die gewohnt sind in den Sprachen mit dem Auge des Palimpsestenforschers Doppeltexte zu lesen. Man wird nicht missverstehen, wenn ich die Gesichtspunkte der einzelsprach- lichen und der sprachgeschichtlichen Forechung einander recht schroff entgegen- setzte. Die Gleichberechtigung Beider erkenne ich ja an, und ich suche zu zeigen, wie die Beiden sich am Ende ineinander verweben müssen. Eben darum aber sehe ich vorerst die Fäden lieber scharf aneinandergehalten, alsv durcheinander gefitzt. / / / Vomort. V Mein Buch ist in einer längeren Reihe >on Jahren mit grossen Unter- brechungen entstanden, und seine Theüe sind keineswegs in der Reihenfolge verfasst, in der sie nun vorliegen. Was mich eben beschäftigte, wurde, sobald es mir reif schien, als Aufsatz niedergeschrieben; mit der Zeit entstand der Plan zum Ganzen, ich hielt Vorlesungen über allgemeine Sprachwissenschaft und füllte je länger je mehr die Lücken meines Manuscriptes aus. Die Spuren einer solchen Entstehung lassen sich kaum verwischen, und ich hoffe, man werde dies entschuldigen. Ein Lehrbuch zu schreiben, etwa ein System, wie es Heysb unternommen, konnte ich nicht wagen. Besser schien es mir, den Leser schildernd und erörternd durch unsere Werkstatt zu führen und natürlich da am Längsten zu verweilen, wo ich selbst mit Vorliebe arbeite. Ich habe hier wenige Genossen, besonders auch unter meinen Landsleuten; und eben dies mag es rechtfertigen, dass ich meinen Standpunkt zur Geltung bringe, nach- dem so manche unserer hervorragendsten Indogermanisten ihrerseits das Gleiche gethan. Ich suche Verständigung und thue mein Bestes, um sie zu finden; ich verlange nichts Besseres, als gegenseitige Anerkennung. Mit Citaten habe ich einigermassen gekargt. Erstens woUte ich den um- fang des Buches möglichst einschränken, und zweitens mochte ich keinen An- lass zu Prioritätsstreitigkeiten geben, gegen die ich eine gewisse Abneigmig hege. In der Geschichte der Wissenschaft kommt es wohl vor, dass Einer so nebenher einen wichtigen, folgenreichen Gedanken ausspricht, den erst viel später ein Anderer ausbeutet Und dieser Andere kann ebensogut selbständiger Entdecker, als von Jenem angeregt gewesen sein. Erschöpfende Belesenheit masse ich mir nicht an, und sie ist bei dem Umfange unserer Literatur kaum zu verlangen. Manches, was ich für mein Eigenstes halte, mag sich schon längst in den Werken Anderer vorfinden; und wenn ich es wirklich zum ersten Male zu Papier gebracht habe, so kann, ohjie dass ich es mich entsinne, mein verengter Vater der Urheber gewesen sein. Auch die Polemik habe ich thunlichst vermieden. Nur wenige Male schien es mir geboten, mich ausdrücklich vor meinen Vorgängern zu verantworten; sonst habe ich mich damit begnügt, meine Meinungen, so gut es anging, für sich reden zu lassen. Manchmal auch mögen mir die abweichenden Ansichten Anderer überhaupt unbekannt geblieben sein. In Wettbewerb da zu treten, wo ich schon von Früheren das Beste geleistet sah, lag am wenigsten in meiner Absicht Ich hätte aber auf den Zusammenhang des Ganzen und auf die rela- tive Vollständigkeit meines Werkes verzichten, hätte, mit anderen Worten, eine Reihe von Abhandlungen statt eines Buches schreiben müssen, wenn ich in solchen Fällen ganz geschwiegen hätte. Man wii'd bemerken, vielleicht missfällig bemerken, dass ich es liebe, meine Sätze auf die Spitze zu treiben. Aus Gefallen am Paradoxen geschieht dies VI Vorwort wahrhaftig nicht Ich mag nur lieber mir das Argumentum ad absurdum selbst einhalten, als es mir von Anderen entgegenstellen lassen; und am Liebsten möchte ich zeigen, dass meine Gedanken auch bis in ihre letzten Schlussfolgerungen die Probe bestehen. Wo es sich vollends um die Aufstellung von Idealen handelt, da mag ich die AUerweltsweisheit, dass diese doch uneiTcichbar seien, gar nicht hören. Es gilt ja auch nicht, sie zu erreichen, sondern ihnen näher und immer näher zu kommen. Genug, wenn wir das Endziel und die nächste Wegesstrecke vor ims sehen und die Klüfte kennen, in die uns ein überhastetes Streben stürzen kann. Nach Kräften habe ich den Bedürfnissen der Philologen und Sprachlehier Rechnung getragen. Eine verfehlte Unterrichtsmethode kann dem Schüler den Lehrgegenstand für Lebenszeit verleiden; und verfehlt scheint es mir allemal zu sein, wenn bei jungen Köpfen mehr darauf abgezielt, ihnen ein Wissen und Können beizubringen, als die Sehnsucht nach Wissen und Können zu wecken. Denn das Gelernte wird wieder verlernt, das gewonnene Interesse aber wächst und wirkt fort. Meine Klagen über Missgriffe im Sprachunterrichte waren schon gedruckt, ehe die Schulreform für Preussen in Angriff genommen war. Sind sie veraltet oder verspätet, dann um so besser. Jene Widersacher unserer classischen Bildung, die sich darauf stützen, wie wenig anregend oft die Gym- nasien gerade in ihren Hauptfächern wirken, haben leider bisher einen Schein Rechtens für sich. Der muss ihnen genommen werden; der Beweis muss ge- führt werden, dass die scheinbar trockenste Wissenschaft in Wahrheit eine der lebensvollsten und anregendsten- ist. Was das griechisch-römische Altertlium für unsere wissenschaftliche, künstlerische imd staatliche Gesittung gewesen, davon können hundert Reformer nicht einen Deut abhandeln. An den Philo- logen ist es, sie vollends zum Schweigen zu bringen. Gelingt es ihnen, den Sprachunterricht zu einer Schule des Verstandes und Geschmackes zu gestalten, so werden sie auch Geschmack und Verständniss für die Sprachstudien erwecken. Wir leben in einer Zeit der Monographien. Der Einzelne vergräbt sich zu gern in's Einzelne, verliert den Zusammenhang mit dem Ganzen und klagt daim, wenn er sich vereinsamt sieht Es ist entweder beschränkter Dünkel oder zimpfer- liche Scheu vor Dilettanterei, wenn man den Verkehr mit den Nachbarwissen- schaften ablehnt und nicht da mitgeniessen will, wo man nicht mitschaffen kaim. Indem ich während des Druckes das Register anfertige, entdecke ich, dass ich mich doch öfter wiederholt habe, als mir lieb ist Die Art, wie das Buch zu Stande gekommen, möge dies einigermassen entschuldigen. Oft musste ja schon um der Sache willen derselbe Gedanke an verschiedenen Stellen wieder- kehren; und dann geschah es wohl, dass mir auch wieder derselbe Ausdruck oder dasselbe Beispiel als besonders bezeichnend vorschwebte und in die Feder floss. Berlin, im Februar 1891. Vorwort zur zweiten Auflage. Hiermit übergebe ich die „Sprachwissenschaft" meines verewigten Oheims Geobg von der Gabelentz in yermehrter und verbesserter Gestalt den philolo- gischen Fachkreisen und bitte dieselben, dieses Vermächtnis des allzufrüh heim- gegangenen Gelehrten in wohlwollender Weise aufnehmen zu wollen. — Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, den weiteren Ausbau dieses grossartig ange- legten Werkes mit eigener Hand zu unternehmen. Er, der unserer jungen Wissenschaft so wunderbare Wege gezeigt und führend vorgegangen ist, musste gerade auf der Höhe seines Schaffens, im Vollbesitz des gewaltigen Materials auf sprachlichem Gebiet, den Schauplatz seines Wirkens nur zu bald verlassen. — Dem Ueberlebenden erübrigte es, mit schonender Hand das Geschaffene, so- weit es irgend anging, zu erhalten, und nur da, wo der Fortschritt der Wissen- schaft es dringend verlangte, Änderungen und Erweiterungen vorzunehmen. Wildenroth bei München, Mai 1901. Dr. Graf Schulenburg. Inhalts -Yerzeichniss. Erstes Buch. Allgemeiner Tlieil. Seite I. Capitel. Begriff der Sprachwissenschaft. §. 1. Nothwendigkeit der Definition , . . . . 1 §. 2. Begriff der menschlichen Sprache: Deutharkeit, Eindeutigkeit, Absichtlich- keit Geberdensprache: Hörbarkeit. Sprachen der stimmbegabten Thiere: Gliederung 2 §. 3. Lautsprache, Articulation (Techmeb) 4 §. 4. Der Gedanke, Begriff des Denkens (Steinthal, IjOtze) 6 n. Gapitel. Aufgaben der Sprachwissenschaft. §. 1. Spracherlemung. — Sprachwissenschaft 7 §. 2. A. Die Einzelsprachen 8 § 3. B. Sprachgeschichte, Sprachstämme 9 §. 4. C. Das Sprachvermögen; die allgemeine Sprachwissenschaft 10 Rückblick 12 ni. Capitel. Stellung der Sprachwissenschaft. Anthropologie. Ethnographie. Geschichte. Naturwissenschaft. Psychologie; Logik und Metaphysik. — Gegen die Einreihung der Sprachwissenschaft in die Natur- wissenschaften 13 IV. Capitel. Anregungen zur Sprachwissenschaft. Yerwunderung: Frage nach den Gründen. Zweck des Lernens und Forschens 17 Die Ägypter: Zerlegung der Sprache in Laute, Buchstaben 18 Die Assyrer: Assyrisch -sumerische Grammatiken und Wörterverzeichnisse ... 18 Die Chinesen: Bücherverbrennung und philologische Restauration. Sprachphilosophie 19 Griechen und Römer: Geringschätzung der Barbaren. Sprachphilosophie . . . . 2() Ihre Epigonen: Alexandria, Byzanz 20 Das Christenthum 21 Der Isl&m Antheil der Perser 21 Die Juden: Massoreten und Punctatoren 22 Die P&rsl 22 Die Inder: Begabung und Anregungen. Panini's Grammatik 23 Die Japaner: Anregungen von Aussen; schnelle Wandelungen in der eigenen Sprache. Grammatik 24 Rückblick: Sprachphilosophie, einzelsprachliche Forschung, vorzugsweise in der Muttersprache. Verfall der Sprache und Classicität 24 X Inhalt. Seite Neuere Zeit: Humanismus. Missionare und Reisende. Wissenschaftliche Ahnungen, Sasbbtti^Vabo, Mabbmhan, Pbbmabe, Wesdin, Relan»U8, Sajnovicb, Gtabm atht 25 Die Sanskritstudien: Enoländeb, Schlegel, Bopp, Rask, J. Gbimm, Pott ... 26 Die Polyglotten: Dübbt, Lbibniz, das Vocabularium Catharinae, Hebvas, Adelünq und Vatbb (Mithridates). Fb. Müllbb 27 Entzifferung der Keilschriften und Hieroglyphen .28 Wilh. V. Humboldt 28 Die Indogermanistik 29 Verzweigungen und Annäherungen . 30 y. Capitel. Schulung des Sprachforschers. §. 1. Verschiedene Ausgangspunkte und Richtungen 31 §. 2. a) Phonetische Schulung. Werth der Phonetik, Stellung derselben zur Sprachwissenschaft. Laütunterscheidung, Articulation. Übung des Sprach- und Gehörsorgan. Phonetische Schriftsysteme 32 Zusatz: Schreibung fremder Sprachen 38 §.3. b) Psychologische Schulung. Denken und Sprechen. Die Sprachen als Weltanschauungen. Wortschöpfungen und Übertragungen. Arten derselben. Beobachtungen an der Muttersprache. Sprachfehler. Einfluss des Volks - thums, der Berufsart. Jede Neuerung ursprünglich ein Fehler; was bedingt ihre Annahme oder Ablehnung? Sprache des gemeinen Mannes. Erhaltende Kräfte. Selbstbeobachtung 39 §. 4. c) Logische Schulung, praktische und theoretische. Wichtigkeit für den Sprachforscher 47 §. 5. d) Allgemein sprachwissenschaftliche Schulung. Sprachtalent. Erlernung fremder Sprachen. Anregungen vom Entlegensten her. Wahl der Sprachen. Nothwendigkeit der Praxis. * Wichtigkeit der Indogermanistik. Leetüre allgemein sprachwissenschaftlicher Werke 48 Zusatz: Phantasie und Menschenkenntniss. Geschichte, Völkerkuude: Philosophie, Naturwissenschaften als Nebenstudien 52 Zweites Buch. Die einzelsprachliche Forschung. L Capitel. Umfang der Einzelsprache. Sprache, Dialekte, Unterdialekte. Wieviele Sprachen giebt es auf der Erde? Schwankende Terminologie, fliessende Grenzen. Doppelte Eintheilungsgründe : a) politisch -social, b) nach dem gegen- seitigen Verständnisse. Individual- und Volkssprachen. Sprachgemeinschaft: a) mit den Mitlebenden, — b) mit den Vorfahren. Merkmale der Verschiedenheit von Sprachen, Haupt- und Unterdialekten 54 IL Capitel. Die besondere Aufgabe der einzelsprachlichen Forschung. Veränderungen der Sprachen, dialektische Spaltungen. Die Vorgeschichte und das jeweilige Sprachgefühl: Verschiebungen, Lösung alter, Anknüpfung neuer Ver- bindungen. Die s. g. isolirten Sprachen • .... 58 IIL Capitel. Sprachkenntniss. 1. Jede Sprache will erlernt sein 61 2. Fehlerlose Handhabung der Muttersprache .... 62 3. Diese geschieht unbedacht 63 Inhalt. XI Seite 4. Aber nach Gesetzen, die unter sich ein organisches System bilden. Stoff und Form, innere Sprachform 63 5. Gedächtnisserwerb und unbewusste Abstraction 63 rV. Capitel. Spracherlernung. §.1. A. Durch mündlichen Umgang. Erlernung der Muttersprache. Frei ge- bildete Eindersprachen. Einwirkung der Erwachsenen, Aneignung der Regeln. — Verschiedensprachige Menschen: stumme Verständigung; Ab- lauschen der fremden Sprache; rasche Auffassung und Verständigung bei Ungebildeten. — Missionare; Reisende. Gefahr der Missverständnisse. Methode. — Zwei- und mehrsprachige Erziehung 65 §.2. B. Durch methodischen Unterricht. Lehrer und Lehrbücher. Welche Methode ist die beste? Gefahr des Übersetzungswesens. Neuere Verbesserungen 71 §. 3. C. Aus Texten. Bekannte und unbekannte Grössen, Grade der Schwierig- keit. Methode: Naives Verhalten — GoUectaneen 73 V. Capitel. Erforschung der Eirizelsprache. §. 1. Die Erkenntniss als Ziel. Was soll erkannt werden? 75 §. 2. A. Anlegung und Führung der GoUectaneen. Abwechselndes cursorisches Lesen. Form der GoUectaneen; verschiedene Methoden 77 §. 3. B. Prüfung und Ordnung der GoUectaneen. Neue Sichtung, Umordnung . 79 VI. Capitel. Die Darstellung der Einzelsprache. A. Die Grammatik. §. 1. Innere und äussere Sprachform. Sprachbau, Satzbau, — Vollständigkeit und Richtigkeit der Grammatik. Das System ; Fehler dagegen. Selbstschilderung 81 §.2. a) Zeitpunkt zur Selbstprüfung. Selbstbeobachtung bei der Erlernung einer fremden Sprache. Naives Verhalten, Gongenialität 83 §. 3. b) Bestandtheile des grammatischen Wissens; die beiden Systeme. Die Sprache als zu deutende Erscheinung und als anzuwendende» Mittel. Beides im Geiste durchwoben, in der Darstellung auseinanderzuhalten 84 §. 4. c) Die Prolegomena. a) Laut- und Accentlehre. h) Grundgesetze des Sprachbaues. Die Sprache des Grammatikers und der Leser gleichgültig . 86 §. 5. d) Das analytische System. — Die Entdeckung der Regeln; die Grammatik in entdeckender Methode. Der analytische Weg: vom Weiteren zum Engeren, und zwar in Rücksicht sowohl auf den Stoff wie auf die Gesetze und Regeln. Kein gemeingültiges Schema möglich. Gleichartiges gehört zusammen. Was ist gleichartig? Beispiel eines analytischen Systems. Gemischte Systeme. Nothwendigkeit, Alles zu beweisen 88 Zusatz: Beispiel am Arabischen 92 §.6. e) Das synthetische System. Seine Aufgabe. Unterschied vom analytischen Systeme. Weg von den Theilen zum Ganzen. Andere Gesichtspunkte. Grammatische Synonymik. Beispiele: Was stellt der Sprache ihre Aufgaben? Die psychologische Modalität. Werth des synthetischen Systems: praktischer und theoretischer. Wissenschaftliche Berechtigung dieses Systems. Indi- viduelles Verhalten der Synonymik gegenüber, verwaschene Grenzen und hieraus entstehende Schwierigkeiten. Grundsätze für die Forschung. — Ein- theilung des synthetischen Systems 93 §. 7. Zusatz I. Stilistik und Grammatik. Individueller und nationaler Stil . . 104 §. 8. Zusatz IL Die Appendices 106 XII Inhalt. Seite §. 9. Allgemeines über die Schreibweise und äussere Ausstattung. Berechtigte Klagen. Erleichterungen 107 §. 10. Arten der Grammatiken: a) Systematische — methodische, b) Vollständige Grammatiken — Elementarbücher; grammatische Vorschulen, c) Kritische und didaktische Grammatiken 109 §. 11. Die grammatische Terminologie 114 §. 12. Die Beispiele . 116 §. 13. Paradigmen und Formeln. Die Anubandhas der Inder 116 §. 14. Übungsstücke 119 §. 15. Die Sprache des Grammatikers und die darzustellende Sprache .... 120 §. 16. B. Das Wörterbuch. Als Nachschlagebuch dem Bequemlichkeitszwecke dienend. Möglichkeit eines wissenschaftlichen Wörterbuchs. Volksthum und Wortschatz. Grenze zwischen Grammatik und Wörterbuch praktisch geboten und wissenschaft- lich gerechtfertigt Idee eines wissenschaftlichen einzelsprachlichen Wörter- buchs: I. Wortschatz als Erscheinung: a) etymologisch; b) morphologisch. II. Wortschatz als Ausdrucksmittel: encyklopädische Synonymik. Wieviel ist davon erreichbar und zweckmässig? 121 §. 17. C. Berücksichtigung zeitlicher und örtlicher Besonderheiten in Grammatik und Wörterbuch. Wahrung des einzelsprachlichen Standpunktes. Grenzen des Zulässigen. Die Mode in der Sprache. Akademien zur Regelung der Sprachen. Bühnenmässige Sprache 125 §. 18. D. Sprache und Schrift. Vorläufer und Ursprung der Schrift. Trieb zu bildnerischem Schaffen, zur Selbstverewigung. Gedächtnisshülfen. Gonventionelle Zeichen , Bilder und Symbole. Grenze zwischen der Schrift und ihren Vorläufern: Lesbar- keit, — die Schrift stellt Sprache dar. Stilisirung. Wechselwirkung zwischen Sprache und Schrift. Kunstschriften. Eintheilung der Schriften in Wort-, Sylben- und Buchstabenschriften. — Zwischenstufen. Die Ortho- graphie: historische und phonetische. Neuerungsversuche und ihre Schwierig- keit. Werth der historischen Orthographien für die Sprachwissenschaft. Transscriptionen 127 Drittes Buch. Die genealogisch -historische Sprachforschung. Einleitung. Nächste Aufgaben. Aus der Geschichte der vergleichenden Indogermanistik. Nähere Fassung der Aufgabe: im Grunde überall Geschichte einer ein- zigen Sprache. Unterschied von der einzelsprachlichen Auffassung: nicht räumlich, auch nicht zeitlich, sondern artlich. Einseitigkeit des historischen Standpunktes. Ursprachen und Urdialekte. Zufälligkeiten in den Stand- punkten und Masstäben. Aeussere und innere Geschichte 13G Erster Theil. Die äussere Sprachgeschichte. Der Verwandtschaftsnachweis. §. 1. Aufgaben der Sprachengenealogie. Jetziger Stand unseres Wissens von den Sprachfamilien. Deren Menge. Ob noch grössere Einheiten, ob Ur- Inhalt. XIII Seite einheit aller Sprachen anzunehmen? Möglichkeiten und Übereilungen. Methode, Zufall und Einfall. Bestimmung der Verwandtschaftsgrade . . 142 §. 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachstämme 145 A. Das Aufsuchen von Anzeichen 145 a) Geographische Momente 146 b) Anthropologische Momente 147 c) Ethnographische und culturgeschichtliche Momente 148 d) Sprachlicae Momente 148 a) Ähnlichkeiten im Lautwesen 148 ß) Im Sprachbaue 149 y) In der inneren Sprachform 150 rf) In Wörtern und Lautformen 151 B. Zur Methodik der Sprachenvergleichung. Voreiligkeiten. Die „turani- nischen Sprachen^S Beweis der Verwandtschaft 154 1. Aufsuchen der ältesten Lautformen 156 a) Die vollere Lautgestalt 156 b) Spätere Zuwüchse 157 c) Ursprüngliche Bedeutungen ' . . 157 2. Prärogativinstanzen 157 3. Inductive Probe 158 §. 3. Arten und Grade der Verwandtschaft. Voll- und halbbürtige Verwandt- schaft, Mischsprachen. Nähe und Ferne: Ähnlichkeit, zumal lexikalische Übereinstimmungen und gemeinsame Neubildungen * . 158 §. 4. Zusatz I. Zur Anwendung der obigen Lehren 160 I. Die hamito-semitische Sprachfamilie 160 II. Verwandtschaft des Nahuatl mit den Algonkin - Sprachen 162 §. 5. Zusatz IL Stammbaum- und Wellenthorie. Schleicher, Johannes Schmidt 163 §. 6. Zusatz III. Die Sprachen von Kabakada und Neulauenburg, ein Ausnahmefall 165 §. 7. Zur Technik. Gollectaneen zum Verwandtschaftsnachweise. Encyklopädisches Wörterbuch. Regelmässige Lautvertretungen. Grammatische Vergleich ung 166 Zweiter Theil. Die innere Sprachgeschichte. Erstes Hauptstück. Allgemeines. §1. Ihre Aufgaben. — Ideale Ziele und bisherige Bestrebungen. Die Indo- germanistik und die drei vergleichenden Grammatiken von Bopp, Schlsichbb und Bbüomann. Die indogermanische Ursprache 168 Zusatz: Delbrück über Bopp und Schlei chbb 171 §. 2. Alte und neuere Sprachen. — Aus der Geschichte der Indogermanistik. Die „Ursprache** des Stammes. Ihr Werth vorläufig der einer Formel. Die Gesetze des sprachlichen Werdens als Problem : Werth der lebenden Sprachen neben den todten 172 §. 3. Die vereinzelte Sprache. — Ausschluss fremder Einflüsse. Isolirte Völker. Die einheimischen Mächte in der Regel stärker als die fremden .... 176 §, 4. Die Etymologie. — Analytische Methode. Etymologische Wörterbücher. Begriff der Etymologie. Herkunft der Wörter und grammatischen Formen; Wurzeln. Weitgehende Bestrebungen und Skepticismus. Wichtigkeit der Etymologie 179 Zweites Hauptstück. Die sprachgeschichtlichen Mächte. §. 1. Deutlichkeit und Bequemlichkeit — Voraussetzung der Deutlichkeit. Be- XIV Inhalt. Seite quemlichkeit des Gewohnten ; Streben nach weiterer Krafterspamiss, körper- licher und geistiger. Erhaltung, Zerstörung , Neuschöpfung. Anstrengung zum Zwecke der Deutlichkeit, Einfluss auf das Lautwesen. Anschaulich- keit und Eindringlichkeit 181 §. 2. Der Lautwandel. — Aus der Geschichte der Indogermanistik. Gesetzlich- keit und Gründe der Unregelmässigkeiten 185 a) Irrige Vergleichungen 186 b) Verschiedene Laute in der Ursprache 186 c) Verschiedene Voraussetzungen der Lautentwickelung 186 d) Falsche Analogie 186 e) Entlehnungen 186 Das Axiom von der Unverbrüchlichkeit der Lautgesetze. Seine Voi-aus- setzungen. Wieweit berechtigt? Hodegetischer Werth. Unerklärliches 186 Zusatz: Beispiele zur Lehre von der Articulation und der Lautverschie- bung. 1. Samoanisch. 2. Batta, Dajak, Malaisch. 3. Australische Sprachen. 4. Amerikanische Sprachen: Pirna, Hidatsa, Chilenisch 193 §. 3 a. Die Euphonik (Sandhi). — Zweck oder Ursache? Lautliche Neigungen der Einzelsprachen und Sprachfamilien. Bequemlichkeit. 1. Richtungen der Beeinflussung. 2. Was wirkt, und was wird beeinflusst? 3. Innerer und äusserer Sandhi. 4. Ergebniss. — Physiologisches und psychologisches Moment. Verschiedenes Verhalten der Sprachen. Zetacismus. Unorganische Dentale. Erhaltende Mächte 196 §. 3 b. Bevorzugung und Verwahrlosung in der Articulation. Nachdruck und Flüchtigkeit. W^as verflüchtigt sich? Entähnlichungen lautlicher Neben- formen. Geschäftliche Kürzungen, Zahlwörter, Rufhamen. Sprachen mit raschem Lautverschliff 205 §. 4. Naturlaute als Ausnahmen von den Lautgesetzen. — Onomatopöien, Kinder- laute, Inteijectionen 208 §. 5. Die Analogie. — Gemeingültigkeit, Vieldeutigkeit und Gefährlichkeit der Sache. Die Analogie bei der Spracherlemung. Verhalten der Indo- germanistik. Was verleiht der Analogie Wirkung und Anklang? Warum nicht überall Analogie? — Die einzelnen Fälle der Analogiewirkungen . 209 §. 6. Die falsche Congruenz. — Umladung der Formative von einem Redetheile auf den anderen 214 §. 7. Das etymologische Bedürfniss. Aufbauen und Zerlegen. Falsche Zer- legungen ; Volksetymologien ; Übertritt der Wörter aus einer etymologischen Familie in die andere 215 §. 8. Das lautsymbolische Gefühl. — Naives Verhalten zur Muttersprache. Wo ähnliche Klänge und ähnliche Vorstellungen zusammentreffen, da verbinden sie sich im Sprachgefühle. Erklärung des Herganges aus der Sprach- erlernung der Kinder. Wirkungen des lautsymbolischen Gefühles; Zu- sammensetzungen und Redensarten; Bedeutungswandel; Neubildungen; un- organischer Lautwandel; Einfluss auf Formenbildung und Syntax? . . . 218 §. 9. Gebundene Rede. — Mechanik bei längerem Sprechen, Pause und neuer Anlauf. Rhythmik. Erhaltung des Veraltenden, Zerstörungen im Laut- und Formenwesen. Betonung der Antithesen 225 Inhalt. XV Seite Bedeutungswandel, Verluste und Neuschöpfungen. §. 10. Einleitung. — Schwierigkeiten 227 §.11. Classification der einschlägigen Thatsachen. Die Begriffe und ihre Grenzen. Grenzverschiebungen. Zusammenfliessen und Spaltung. Abschaffung, Ver- engung, Erhöhung oder Erniedrigung. Neuschöpfungen, Übertragungen, Entlehnungen. Wirkungen des Culturerwerbes und Verkehrs 229 §. 12. Die bewegenden Mächte 232 1. Ähnlichkeit der Vorstellungen, — auch der Laute 232 2. Composition und Construction 234 a) Das Gleichniss * 234 b) Phraseologische Verbindungen; achtungsvolle und geringschätzige Ausdrücke 234 c) Eigentliche Composita 236 d) Kürzungen derselben '. . 236 3. Entähnlichung der Bedeutung bei Doubletten 238 4. Verdeutlichungen und Verstärkungen. — Periphrastische Formen, Dimi- nutiva, Übertreibungen. Composita 239 ö. Ironie und rhetorische Frage 244 6. Sitte und Satzung. Ge- und verbotene Ausdrücke; Tabuwesen. Ein- fluss der sozialen Stellung. Keuschheit und Zote. Männer- und Weibersprachen. Die Karaiben, die Kolarier. Aristokratie der Sprache; Entwerthung des Vornehmen 245 §. 13 a. Nach- und Neuschöpfungen von Wurzeln nnd Wortstämmen 250 §. 13b. Schwund alter und Entstehen neuer grammatischer Kategorien. — Neue Tempora. Verlust gewisser Tempora und Casus, des Duals. Doppelte Pluralformen. Das Neutrum bei den Neuromanen. Die Kategorie des Be- lebten im Slavischen 253 Rückblick. §. 14. Der Spirallauf der Sprachgeschichte, die Agglutinationstheorie. — Älteste Wörter nicht nothwendig einsylbig, nicht nothwendig unveränderlich. Die Afformativa ursprünglich selbständige Wörter. Abnutzung der Laute, Deutlichkeitstrieb, daher neuer Ersatz für das Schwindende. Die indo- germanischen Sprachen; die indochinesischen: tertiäre Isolation. Der Polysjrnthetismus 255 §. 15. Hemmende und beschleunigende Kräfte. — Verkehr der verschiedenen Altersstufen untereinander 258 Einfluss des Verkehres, Sprachmischung. §. 16. Einleitung. — Verständlichkeit; was sie erfordern und erlauben kann Ver- ständigung mit verschiedensprachigen Menschen. Gemischte Bevölkerungen 259 §. 17. Aussterben der Sprachen. — Recht des Stärkeren: Lebenskraft der Völker; Vergewaltigungen. Auiswanderer 261 §. 18. Entlehnungen. — Internationaler Verkehr mit Waaren und Begriffen. Fremdwörter und Nachbildungen. Wanderung von Wörtern. Was wird ent- lehnt? Lehnwörter als Überbleibsel verklungener Sprachen. Merkmale der Fremdlinge. Einbürgerung und Angleichung. Finnisch und Germanisch. Dialektische Doubletten. Namen der Culturpflanzen 262 §. 19. Beeinflussung des Lautwesens durch Nachbar- Sprachen und -Dialekte . . 269 XVI Inhalt. Seite §. 20. Entlehnte Redensarten, Einführung fremder grammatischer und stilistischer Formen. Annahme fremdsprachlicher Gewohnheiten. Einfluss fremder Litteraturen : der chinesischen, der indischen, der arabischen. Die griechisch- römische Prosa, — die französische. Kopten, Äthiopier, Syrjänen ... 270 §. 21. Sprachmischung innerhalb der Muttersprache. — Die kleinsten Kräfte und Wirkungen. Neuerwerb, Auffrischen, Vergessen. Selbststeigerung der eigenen Gewohnheiten, Annahme fremder. Wirkung mächtiger Individuali- täten. Nachwirkung sprachlicher Eindrücke im Traumleben. Abstumpfung des sprachlichen Gewissens 27S §. 22. Einiluss der Kindersprache. — Deren Eigenthümlichkeiten. Nachahmung seitens Erwachsener; Nachwirkungen: Diminutiva, Koseformen der Rufnamen 277 §. 23. Eigentliche Mischsprachen. — Unzählige Menge der Möglichkeiten. Creolen- sprachen. Die Melanesier, Australier und Kolarier. Lbfsius' Theorie von den Sprachen Afrikas 278 §. 24. Dialektforschung. — Mikroskopische Arbeit der historischen Sprach- forschung. Kleinste Wandelungen. Schärfe des Unterscheidungsvermögens bei engem Gesichtskreis. Doppelformen in Dialekten. Rückschluss auf die Vorzeit. Wissenschaftlicher Werth der Dialektforschung 283 §. 25. Ständesprachen. — Spaltung der Volksclassen, Zuzug von Aussen. Beruf, Denk- und Sprachgewohnheiten. Slangy argot u. s. w., Herkunft der Aus- drücke, Aufnahme derselben in den nationalen Sprachschatz 288 §. 26. Zusatz I. Anregungen zu sprachgeschichtlichen Untersuchungen. Irrlichter. — 1. Japanisch und Mandschu. 2. Chinesisch, Koreanisch, Mandschu. 3. u. 4. Scheinbare Lautvertretungen; Bedenken. 5. Irrlichter auf indo- germanisciiem Gebiete 289 §. 27. Zusatz II. Sprachvergleichung und Urgeschichte — Probleme. Sprache und Volkstypus. Der gemeinsame Wortschatz als Zeuge vom wirthschaft- liehen und geistigen Inventare der Vorfahren 293 §. 28. Zusatz III, Die Wurzeln. — Begriff der Wurzel. — Wurzeln im einzel- sprachlichen Sinne, — im Sinne der Stammes - Ursprache. Apriorische und aposteriorische Wurzeln. Das Problem der Ursprache. Übergang zur all- gemeinen Sprachwissenschaft 295 §. 29. Zusatz IV. Laut- und Sachvorstellung 297 Viertes Buch. Die allgemeine Sprachwissenschaft. I. Capitel. Ihre Aufgaben. Grundlagen des Sprachvermögens; Verschiedenheit seiner Entfaltungen; Werth- schätzung der Sprache. Urzustand der menschlichen Rede 30L II. Capitel. Die Grundlagen des menschlichen Sprachvermögens. §. 1. Allgemeines 303 §. 2. Physische Grundlagen. Sprechende Thiere. Die Hand. Die Nahrung. Keine periodisch wiederkehrenden Paarungszeiten. Hülfsbedürftigkeit der Kinder, Familienleben 304 §. 3. Psychische Grundlagen. Familienleben und Liebe. Horden; Gemeinsinn und Neid. Spiel trieb. Nachahmungstrieb. Sanguinisches Temperament. Inhalt. XVII Seit« Eitelkeit. Neugier und Geschwätzigkeit. Gemeinsame Arbeit. Die Laute als ständige Synxbole. Neugier und Frage: Analyse. Zank und Lüge. Spi-achspielerei. Verschiedenheit der Stimme nach Alter und Geschlecht: conventioneile Laute. Vorzüge der akustischen Mittel vor den optischen 307 §. 4. Laute und Töne in der Ursprache. — Mannigfaltigkeit. Auch Mehrsylbler. Stilisirung 313 §. 5. Die Personificirung, Beseelung und Belebung. — Übertragung des Willens auf Willenloses. Das Widerstrebende. Übertragungen im Ausdrucke. Woher die Vergleiche? Die Etymologie 315 III. Gapitel. Inhalt und Form der Rede. I. Die Rede. Logische Verknüpfungen. Das Ich und das Du 317 1. Mittheilende Rede im engeren Sinne 318 2. Fragende Rede 318 3. Gebietende u. s. w. Rede 319 4. Ausrufende Rede 319 Prüfung dieser Eintheilung. Mittelstufen. Schema. — Arten der ausrufenden Rede 319 A. Voller Satz 319 B. Ellipse 319 C. Vocative u. dgl 319 D. Reine Interjectionen . . 321 a) Nachahmende 321 b) Subjective 321 Eintheilung der Rede in Rücksicht auf die Formung: Schema. — Schema nach Art und Grund der Erregung. — Zwitterfonnen 322 II. Eintheilung der Rede in Stoff und Form. §.1. A. Der Stoff. — Worin besteht er? Seine Gliederung und Zerlegung. Geistiger Standpunkt der Völker: Perspective nnd Horizont; geistiges Auge. Die Beziehungen (Bindemittel) als Stoff, als Form 324 %. 2. B. Die Form 327 §.3. 1. Die innere Fonu. Humboldt, Pott, Steinthal, Mistbli, Fb. Müllbb. — Beurtheilung. Werth der Etymologie. Genetische Erklärung .... 327 §. 4. Die äussere Sprachform. Die morphologische Classification 345 1. üngeformte Satzwörter 345 2. Häufung derselben 345 3. Isolirung 346 4. Gomposition 346 6. Hülfswörter 346 6. Agglutination, Prä-, Sub- und Iniixe 347 7. Fliessende Grenzen: was befördert die Agglutination? 348 8. Unterabtheilungen der Agglutination 349 a) Sub- und Präfixe 349 b) Umfang der Agglutination • . , 349 c) Innigkeit der Verbindungen von Form und Stoffelementen . . . 350 d) Grammatische Funktionen 351 9. Anbildung und Agglutination. Defektivsystem 351 B XVIII Inhalt. Seite 10. Symbolißation 352 11. Fliessende Grenzen 353 12. Die angeblich flectirende Classe 354 13. Einverleibung, Polysynthetismus. Humboldt. Arten d. Einverleibung 354 14. Die syntaktischen Composita 359 15. Die Erscheinungen der Wortstellung 359 §. 6. C. Der Formungstrieb. — Scheinbarer und wirklicher Überfluss im sprach- lichen Ausdrucke; dessen Ursprung und Abschaffung. Der Zweck der Sprache nicht nur geschäftlich. Synonymformen. Das zu Grunde liegende Bedürfniss. Formungstrieb überall 360 III. Die Wortstellung. Psychologisches Subject und Prädicat. — Die Agglutinationen als Zeugen vor- geschichtlicher Stellungsgesetze. Die ungegliederte Rede. Rede und Ant- wort. Die Ellipse. Häufung einwertiger Äusserungen; logisches Band zwischen solchen. Anfänge zusammenhängender Rede. Unbestimmtheit des Zusammenhanges zwischen den Redegliedem. Die Ordnung frei, aber be- deutsam, zunächst vom Standpunkte des Hörenden, dann aber auch von dem des Redenden aus. Inductiver Beweis; Grundsätze für die Wahl der Bei- spiele. Isolirung des psychologischen Snbjectes. Das Verbum vor dem Subjecte. — Das psychologische Subject als grammatische Kategorie. . . 365 IV. Die Betonung. Herkömmliche Erklärung der Stellungserscheinungen. Wann und was betont man? Lautes Reden. Betonung bestimmter Theile der Rede, immer pole- misch^ gegensätzlich. Warum so oft das erste Satzglied betont? Bedeut- samkeit der Betonung 373 y. Ausspracheweise oder Stimmungsmimik. Einwirkung der Stimmung des Redenden auf Laut- und Tonbildung. Ver- wendung der Modulationen zu Form- und Wortbildung 376 VI. Zusammenwirken des Stellungsgesetzes und der Stim- mungsmimik. Beide schon der Ursprache eigen, dieser verhältnissmässige Frische und Mannichfaltigkeit verleihend. Möglichkeit zu fester Gestaltung. Gegensinn (C. Abel), ironische Redeweise. Rohe Sprachen 380 VII. Classification der Wörter nach Begriffskategorien, grammatische Redetheile. Das Prädicat als Name des Subjectes. Verschiedene Subjecte mit gleichen Prädicaten. Gleiche oder ähnliche Subjecte mit entgegengesetzten Prädi- caten. Unterschied zwischen Ding, Eigenschaft und Thätigkeit durch die Betrachtung der Welt gegeben. Denkgewohnheiten. Das Gewohnte wird zur Regel. Verschiedenes Verhalten der Sprachen, wie möglich? Hybride Fälle. Verschiedene Auffassungsweisen. Das verbale Prädicat im Gegen- satz zum nominalen. Die ursprünglichen Kategorien , 381 VIIL Möglichkeit — Regel — Gesetz. Rückblick: Ursprünglich schrankenlose Mannigfaltigkeit. Ob schon gramma- tisches System? Antriebe zu weiterem grammatischen Ausbaue der Sprache: gesteigertes Geistesleben, — das Gewöhnliche gewinnt die Alleinherrschaft. Die s. g. Naturvölker. Wechselwirkung zwischen Sprache und Volksgeist 385 Inhalt. XIX Seite IV. Gapitel. Sprachwürderung. Gesichtspunkte für die Werthbestiramung der Sprachen. 1. Einleitung. — Wechselwirkung zwischen Sprache und Volksgeist . . 387 2. Grundlagen der Induction. — Culturwerth der Völker. Dualismus zwischen Formsprachen und formlosen Sprachen oder Gradunterschiede V Die Grundlagen der Induction verschoben 388 3. Massstab auf Seiten der Sprachen. — Verschiedenheit der Organe und Functionen. Angebliche Vorzüge auch bei Sprachen niedrig stehender Völker: Congruenz, grammatisches Geschlecht, innerer Lautwandel, prä- dicative Conjugation, die dritte Person in der Coi^jugation, der Nomi- nativ, Durchdringung von Stoff und Form. Ergebniss 389 4. Geschichtliche Einflüsse 395 5. Werth der Etymologie — Gefahr ungerechter Beurtheilung .... 395 6. Wesen der indogermanischen Flexion. — Das Defectivsystem und die geistige Anlage der Rasse 398 7. Lautgesetze, Sandhi u. s. w. — Anticipationen und Nachwirkungen. Die indogermanischen und die uralaltaischen Sprachen 401 8. Agglutination. — Bedenklichkeit der Etymologien. Stoffliches kann formal werden 4ö3 9. Das etymologische Bewusstsein. — Logische Klarheit 404 10. Missgriffe bei der Analyse und Beurtheilung; störende Factoren. — Die zwischenzeiligen Übersetzungen. Die Terminologie. Fehler der Gram- matiken. Gefahr voreiliger Geringschätzung. Mischsprachen .... 405 1 1. Die semitischen Sprachen. — Vocalwandel. Ähnliches in anderen Sprachen 408 12. Malaien und Semiten. — Ähnlichkeiten in der Syntax. Vergleichung der Völkerstämme. Schlussfolgerungen. Die semitische Wortstammbildung 411 13. Malaien und üralaltaier. — Gegensätze im Sprachbaue. Vergleichung dor Rassenanlagen 415 14. Die Bantuvölker. Sprachbau und Volkscharakter 420 15. Indianersprachen Amerikas. — Der incorporirend polysynthetische Bau der Sprachen und das Geistesleben der Rasse. Verbale und nominale Auffassungsweise 423 16. Andere Völker und Sprachen. — Die Australier. Die Indochinesen. Die Kaukasusvölker 425 17. Btrnb's Principles of the Structure of Language. — Uumboldtt, Stbinthal und Byrne 426 18. Einzelerscheinungen und Einzelsprachen. — Weiterbildungen und Ab- änderungen. Verhalten den Neuerungen gegenüber. Zähigkeit und Trägheit, Empfänglichkeit und Geschmeidigkeit. Gesichtspunkte zur Beurtheilung. Sprach- und Volksgeschichte. Erziehung und Verwahr- losung der Sprachen; Neuschöpfungen und Einbussen 427 Einzelne Factoren: A. Das Lautwesen 431 B. Innere Articulation. — Begriff, Flüchtigkeiten und Kürzungen; be- sonders scharfe Articulation. Anwendung auf die Beurtheilung der sprachlichen Formen. Einfluss auf die Sprachgeschichte. Rückschluss auf den Volksgeist 432 XX Inhalt. Seite C. Der Sprachbau oder der grammatische Gesichtspunkt — Die Gram- matik und die nationalen Denkgewohnheiten. Objective und sub- jective Momente 437 I. Die Objectivität. a) In der formellen Eintheilung des Wortschatzes. — Werth der classificirenden Merkmale. Nominale und verbale Prädicate. Schwund der Unterscheidungsmerkmale. Was und wie wird classificirt? (Mafoor^ Süd - Andamanisch) 438 b) Wortformen von absoluter Bedeutung. — Im Mafoor. Vergrössemde oder verkleinernde, lebende und tadelnde Formen (Italienisch, Spanisch). Zahl, Zeit, Ort. Besonderes und Allgemeines . . 443 c) Ausdrücke für die Beziehungen der Satzglieder und Sätze unter- einander und des Sprechenden zur Rede 448 a) Im Allgemeinen. — Grammatik und Logik. Mannigfaltigkeit des Ausdruckes. Analyse eines Beispieles. Schwierigkeiten und Voraussetzungen der Beurtheilnng 448 ß) Prädicat und Attribut, Satz und Satztheil. — Die Wortfolge. Einseitig pr&dicativer und einseitig attributiver Sprachbau. Zwischenstufen und Entwegungen 451 y) Prädicativattribute, Zwischenprädicate. — Relativs&tze. Stellung des Attributes hinter seinem Träger 456 6) Attributivprädicate, Pr&dicatsprädicate und secundäre Pr&dicate. — Fälle im Chinesischen 458 e) Active und passive Redeweise, Incorporation. — Einverleibende Form des Satzbaues 459 ^) Kominales und verbales Prädicat, prädicative und possessive Conjugation 460 »;) Casus, Prä- und Postpositionen. — Die möglichen Beziehungen substantivischer Satztheile zu anderen. Der Objectivcasus als Unterart der adverbialen. Der Anschaulichkeitszweck. Einzelnes: I. Objectcasus im Chinesischen. II. HülfswOrter für die Attri- butiwerhältnisse ebenda. III. Adnominale und adverbiale Attribute. IV. Bevorzugung der letzteren. V. Welcher Art adverbiale Beziehungen in den einzelnen Sprachen? VI. Die beiden Genetive bei den Polynesiem 461 S) Verwandlung der Sätze in Satztheile. — Die Aufgabe, ihre Wichtigkeit und Schwierigkeit. I. Unvermitteltes Aneinander- reihen kurzer Sätze. II. Eintönige Coi^junctionen. III. Parti- cipial- und Gerundialconstructionen. IV. Planmässigeres Ver- fahren : a) Zeiten und Modi einander bedingend, b) Satzwörter und Quasiwörter: ee) Zusammengesetzte Verbalnomina, ß) Quasi- Substantiva, syntaktisch erzeugt, y) Kennzeichnung durch veränderte Wortstellung 463 i) Logische Modalität. — Schwierigkeit der Beurtheilnng. Bei- spiel aus dem Chinesischen 470 Inhalt. XXI Seite IL Die Subjectivität s) Psychologische Modalität. — Mittheilsamkeit, ihre Yoraiissetzungen und Richtungen 472 b) Die soziale Modalität — Rückschlüsse auf das gesellschaftliche und staatliche Leben 474 IIL Der Stil 475 V. Capitel. Die Sprachschilderung. Bedürfniss derselben. Voraussetzungen und Aufgaben 476 VI. Capitel. Die allgemeine Grammatik. Allgemeine Gesichtspunkte. Das Lautwesen. Der Sprachbau. Die gramma- tischen Erscheinungen der Sprachen, ihre Bedeutung, ihre Regelmässigkeit, ihre Geschichte. Das synthetische System und die Monographien . . . 479 Vn. Capitel. Die allgemeine Wortschatzkunde. Ihre Voraussetzungen und Aufgaben. Welt der Vorstellungen. Etymologie. Phraseologie 482 Vin. Capitel. Schluss. Rückblick auf die Aufgaben der einzelsprachlichen und sprachgoschichüiche^ Forschung. Erhaltende und gestaltende Kräfte. Sprach- und Volksleben. Letzte Ziele der allgemeinen Sprachwissenschaft 485 Register 487 Erstes Buch. Allgemeiner Theil I. Capitel. Begriff der Sprachwissenschaft. §. 1. Wenn eine Wissenschaft damit beginnt, dass sie sich selbst definii't, so unternimmt sie eine vorläufige Rechtfertigung ihres Bestehens, die unmittelbar die Erhebung gewisser Ansprüche bedeutet. Dies, erklärt sie, ist mein Gebiet; kein Anderer hat es bisher in Besitz genommen, kein Anderer soll es künftig beanspruchen. So verlangt sie nicht Duldung, sondern Anerkennung imd übt mit dem Augenblicke, wo sie ihrer selbst bewusst wird, ihren Nachbarinnen gegenüber ein Recht der Ausschliessung. Fin solches Recht setzt eine feste Grenzbestinmiung voraus; imd diese soll mm unternommen werden mit aller Pedanterie und Umständlichkeit. Wemi irgendwo, so ist hier die Wissenschaft zugleich befugt und genöthigt einen grossen Theil des Publicums rücksichtslos zu langweilen; — den Theil des Publicums meine ich, der bei Begriffsbestimmungen den Ruf zur Sache erhebt, weil er nicht begreift, dass Begriffsbestimmmigen zur Sache gehören. „Sprachwissenschaft ist die Wissenschaft von der Sprache", — so erklärt die grammatische Definition, die keine sachliche ist noch sein will. Was ist Sprache? das ist die Frage, welche die Sprachwissenschaft zweimal zu beantworten hat: zum ersten Male vorläufig, in der Absicht ihr Gebiet zu umschreiben, zu zeigen, wie dies Gebiet sich gegen andere abgrenze: das ist die Wortdefinition, die einem Umrisse gleicht Die zweite Definition wird sie in ihrem ganzen V^er- laufe und Wirken zu liefern haben: den Begriff der Sache, der die Sache er- schöpfen soll. Das ist die Sachdefinition, die sich mit dem ausgeführten Bilde vergleichen lässt Wir haben es vorerst mit der Wortdefinition zu thun. Diese wäre mit wenigen Worten als etwas Feststehendes auszusprechen wie ein Ge- setzesparagraph. Wir aber wollen sie von weiteren zu immer engeren Kreisen fortschreitend finden; der Erfolg wird zeigen, ob wir recht daran thuen. T. d. Oabelentz, Die SprachwissenBch^t. 2. Aufl. $ 1 I, I. Begriff der Sprachwissenschaft. S 2 Begriff der menschlichen Sprache. Gleich beim Beginn unserer Erörterungen zeigt uns die menschliche Spraclio eine Eigenschaft, die uns fernerhin noch öfter beschäftigen wird; sie anthropo- morphisirt, d. h. sie überträgt menschliches Sein und Thun auf die ausser- menschliche Welt. Ich rede, der Andere hört und vorsteht mich; also ist für ihn die Rede eine Simies Wahrnehmung, die er versteht; und was er vei*steht, ist nicht die Wahrnehmung allein, sondern der in ihr enthaltene Siim. Einen Sinn in einer Wahrnehmung finden heisst sie deuten. Nun sucht der denkende Geist jede Wahrnehmung zu deuten, und so redet Alles zu ihm, es mag wollen oder nicht. In diesem Verstände redet man von der Sprache der Natur und lässt die Steine eines alten Gemäuers Geschichte erzählen. Allein anders wird die Sprache der Natur vom Naturforscher gedeutet, anders vom Naturmenschen; und anders deutet der Alterthumsforecher die Sprache der Steine, anders der Maurer, der sie wegbricht. Und doch haben in beiden Fällen die Zwei genau dasselbe vor Augen gehabt, und beide haben richtig gedeutet. Daraus folgt, dass diese Sprachen mehrdeutig sind. Sprache soll aber ein- deutig sein, denn nur das Eindeutige ist verständlich. Und sie muss nicht nur Verständnissgrund des Einen, sondern auch A^erständnissmittel des Anderen sein, mithin freiwillige Aeusserung, denn nur wo ein Wille ist, kann von einem Mittel die Rede sein. Mit anderen Worten: Sprache verlangt erst ein Ich und dann ein Du. Da hätten wir zwei Gründe, warum eine Sprache unbe^eelter Dinge nur im uneigentlichen Sinne möglich ist; der Vergleich hinkt und zwar nicht bloss auf einem Beine. Besser, so scheint es, steht es mit der sogenannten Geberdensprache; der Eine macht dem Anderen ein sichtbares Zeichen, das dieser so versteht und nur so verstehen kann, wie es von Jenem gemeint ist. Hier haben wir also die zwei Merkmale der Absichtlichkeit und der Eindeutigkeit; aber ein drittes fehlt, das zur Sprache im eigentlichen Sinne nicht minder wesentlich ist: die Stimme, die das Zeichen giebt, das Gehörorgan, das es aufnimmt Vorhin redeten wir vom Ich und Du, jetzt reden wir von meinem Munde und deinem Ohre. Eins aber haben jene sichtbaren Zeichen doch mit der hörbaren Sprache gemein, und insofern vor der Sprache der Natur und der Culturdenkmäler voraus, nämlich die Vergänglichkeit: sie dienen dem Augenblicke und sind nicht mehr, sobald sie gedient haben. •Mit noch mehr Scheine Rechtens redet man von Sprachen der stimm- begabten Thiere. Hier treffen in der That alle bisher aufgestellten Erforder- nisse zu. Das Thier bedient sich seiner Stimme, imi sich verständlich zu machen, §. 2. Menschliche Sprache. 3 imd es wird veretanden, nicht nur von Seinesgleichen, sondern auch von dem beobachtenden Tlüerfrennde. Käme es nur auf die Lebhaftigkeit des Aus- imd Eindruckes an, so wüsste ich nicht, was an den Sprachen des Hundes und der Singvögel zu vermissen wäre: ihre rhetorische Leistungsfähigkeit ist erstaunlich. (»erade diese aber haben sie mit den Gesten und Mienen gemeinsam, deren Be- fieutsamkeit und tiefe Wirkung auf das Gemüth wir an den Meistern der Schau- .spielkiinst bewundem. Soweit man aber die Thiersprachen bisher erforscht hat, «rleichen sie den Gesten noch in einem anderen, weniger vortheilhaften Stücke: was sie ausdrücken sind Empfindungen oder höchstens Gesammtvoi'stellungen, nicht in ihre Glieder zerlegte Gedanken. Ein Thier, das Schmerz empfindet, mag in seiner Sprache rufen: Au! aber ein Gebilde wie unsem Satz: Ich empfinde Schmerz, oder wie das lateinische „doleo'^ vermag es nicht zu schaffen; es mag wohl auch in seiner Sprache sagen: Burr! oder Plautz! aber es sagt nicht: Wir wollen auffliegen, oder: Da fällt etwas. Hier haben wir eine Fähigkeit, die bis- her nur an mensclüicher Rede, aber auch an aller menschlichen Rede beobachtet worden ist: die Zerlegung der Vorstellung (Analyse), der der gegliederte Aus- druck des Gedankens entspricht. Jeder gegliederte Gedankenausdruck ist selbstverständlich ein gewollter und in der Regel eindeutiger. Daher bedürfen wir dieser zwei Merkmale nun nicht länger und fassen unsere Definition dahin zusammen: Menschliche Sprache ist der gegliederte Ausdruck des Ge- dankens durch Laute. Es sei schon hier bemerkt, dass diese Definition ein Mehreres in sich fasst Zunächst gilt die Sprache als Erscheinung, als jeweiliges Ausdrucksmittel für voei, oder durch Übereinkunft, d-iaei, gegründet? Schon Protagoras hatte die drei Geschlechter der Hauptwörter, die Zeiten der Verba und die Arten der Sätze unterschieden. Aristoteles, von der Logik ausgehend, that weitere, immer noch unsichere Schritte zur Entdeckung der Redetheile. Erst die Stoiker kamen hierin der Wirklichkeit näher und scliritten weiter zur Entdeckung der gramma- tischen Functionen. In der etymologischen Wortanalyse, wo man sie versuchte, machte man die tollsten Missgriffe; glücklicher war man in der Analyse des Satzes. Logik, Rhetorik, Stilistik und Poetik hatten die Grammatik in ihren Dienst genommen. Die Dialekte waren anfangs in der Literatur gleichberechtigt, das Übergewicht des Attischen war nur tliatsächlich durch die geistige Über- macht Athens begründet. Allerwärts jedoch verstand man ohne Schwierigkeit die ionischen und äolischen Dichtungen; ilire Sprache ahmte man gelegentlich Griechen und Römer, Christenthum, Islftm. 21 nach, machte sie aber nicht zum Gegenstande wissenschaftlicher Untersuchung. Erst als die xoim) ÖiäXsxrog die anderen Dialekte in eine gewisse Feme rückte, wurden auch diese in den Bereich philologischer Forschung gezogen. Die Philologie ist recht eigentlich die Wissenschaft der Epigonen, die mit wehmüthiger Bewimderung durch die Grabstätten einer erstorbenen Cultur wandern. Sie wollen bei den grossen Ahnen lernen, ihre Werke gemessen, daher müssen sie die Werke sammeln und untersuchen. So verhielten sich die Alexan- driner zu ihren Vorfahren in Hellas und Kleinasien, die Begründer der grössten Bibliothek des occidentalischen Alterthums. Die Römer hatten, angeregt von den Stoikern, begonnen ihre Sprache grammatisch zu bearbeiten, Yarro hatte selbst das Altlateinische und die ver- wandten italischen Dialekte in den Kreis seiner Untersuchungen gezogen. Was aber für das Griechische Alexandrien, das wurde für das Latein Byzanz: was dort Apollonios Dyskolos und sein Sohn Aelius Herodianus, das leistete hier Priscianus, dessen Institutiones grammaticae Jahrhunderte lang in den Schulen eine unbestrittene Herrschaft geübt haben. Fast ist es, als lernten in der Schule der Verbannung auch die Sprachen Selbsteinkehr zu halten. Das. Christenthum hatte für die Wissenschaft zunächst den negativen Vortiieil, dass es mit dem Begriffe der Barbaren aufräumte. Wenn es statt dessen den Christen und Juden die Heiden gegenüberstellte, so betrachtete es doch diese mit Theilnahme als zu Bekehrende. Und vorzugsweise den Armen predigten seine Sendlinge die Heilsbotschaft, den Armen, das heisst den Un- gebildeten, Leuten der verschiedensten Zungen, die alle in ihren Muttersprachen belehrt sein wollten. Viele wichtige Texte verdanken wir den ersten Jahrhunderten unserer Beligion, die ältesten imd umfassendsten, wohl auch die einzigen Quellen zur Erforschung so mancher alten Sprache, — zunächst aber auch nicht mehr. Was die Christen jener Zeit an philologischer Arbeit geliefert, war entweder Fortsetzung der griechisch-römischen Wissenschaft, oder Bibelforschung. Wich- tiger für unsere Wissenschaft war es wohl, dass nunmehr eine Menge Völker der Schreibkunst theilhaftig und in einen gewissen geistigen Verkehr mit Rom gezogen wurden. Das Latein wurde im Westen Kirehensprache, musste erlernt und gelehrt werden, und diesem Umstände verdanken wir einige germanische und keltische Grammatiken und Wörterbücher. Anders als das Christenthum wirkte der Islam. Sein heiliges Buch in andere Sprachen zu übersetzen verbot er geradezu, der Koran muss in der Ur- sprache gelesen werden. So wurde die Erlemimg des Arabischen für viele zur religiösen Pflicht. Gleichzeitig aber erlitt diese reiche und schöne Sprache in dem Masse, wie sie sich über die Völker verbreitete, vielerlei dialektischen Verderb, der zu wissenschaftlicher Reaction, d. h. zur grammatischen Feststellung der ächten, rechten Sprache des Propheten herausforderte. Wieviel dabei etwa 22 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft. griechischer Anregung zu danken sei, wissen wir nicht; sicher ist dass wenige Sprachen des Ostens eine sorgfältigere Beliandlung erfahren haben als diese. Diese Arbeit begann sehr frühe, schon in den ersten Jahrhunderten nach der Hedschra, und es ist merkwürdig, dass der rühmlichste Antheil dabei den Persern zukommen soll. Nirgends sonst im Orient ist die Syntax so sorgfältig bearbeitet worden, wie hier. Die Juden scheinen eret nach der Zerstörung ihrer Hauptstadt auf eine philologische Untersuchung ihrer heiligen Schriften verfallen zu sein. Diese Bücher sind bekanntlich in einer vocallusen Schrift verfasst, und ihre richtige Lesung war Sache der Tradition, die nach der Auseinandersprengung des Volkes gefährdet war. Mit den Lauten wäre aber der Sinn verloren gegangen oder entstellt worden, imd dem musste vorgebeugt werden. So begann, angeblich um das zweite Jahrhundert unsrer Zeiti-echnung, die Thätigkeit der Massoreten und Punctatoren, denen kritischer Feinsinn nachgerühmt wird. Die systematische Arbeit der hebräischen Grammatiker scheint aber erst arabischem Einflüsse ihren Ursprung zu verdanken. Die Pärsi waren durch die alten Sprachen ihrer heiligen Schriften, Alt- baktrisch und Pehlewi, auf philologische Untersuchungen hingewiesen; was sie darin etwa geleistet, ist aber wohl erst zum kleinsten Theile bekannt. Geradezu unvergleichlich sind die grammatischen Leistungen der Inder. Kein Volk des Alterthiuns mochte zu diesem Zweige des Forschens zugleich glänzender befähigt mid mächtiger angeregt sein, als dieses. In seinen Veden besass es einen reichen Schatz von Hymnen, in alter Sprache verfasst, noch immer dem religiösen Cultus dienend, und welch vielgestaltigem, schwierigem Cidtus! Dem Worte des Gebetes wurde eine magische Kraft beigelegt, Unheil drohend dem, der es falsch gebrauchte, es auch nur unrichtig aussprach. Und ferner welche Sprache! In der Fonnen- und Wortbildungslehre zugleich reicher und diu'chsichtiger entwickelt, als irgendeine ihrer Verwandten, wohllautend wie wenige, für sich schon dem ästhetischen Wertlie nach ein Kunstwerk, zu künstlerischer Ven^^erthung und Gestaltimg einladend, in einer reichen po- etischen, theologischen und philosophischen Literatur entfaltet und bewähil Endlich ein Volk, das an Vielseitigkeit, Feinheit, Tiefe und freier Voraussetzungs- losigkeit des Denkens dem giiechischen nahe kommt und nun mit seiner For- schung an eine solche Sprache herantritt. Die Vorgeschichte der indischen Grammatik ist noch lange nicht voUkonunen aufgehellt vielleicht zum Theile auf ewig verdunkelt durch Panixi's Wundei'werk. Es ist dies die einzige wahr- haft vollständige Grammatik, die eine Sprache aufzuweisen hat^ eine der reichsten Sprachen zudem: und sehen wir von den Elementarbüchern ab, so dürfte sie zu gleicher Zeit die kürzeste aller Grammatiken sein; denn man hat ausgerechnet, dass sie in fortlaufendem gewöhnlichem Drucke, in lateinische Buchstaben Inder, Juden, Pari. 23 transscribirt, kaum hundert Octavseiten füllen würde. 8ie fasst ihren Stoff in etwa Tiertausend kurzen Kegeln zusammen, die in acht Haupttheile geordnet sind. Die Reihenfolge und Vertheilung der Lehrsätze ist aber nicht organisch in unserem Sinne, das Zusammengehörige, z. B. verschiedene Formen desselben Wortes, muss man oft an den verschiedensten Stellen zusammensuchen, und es kommt vor, dass eine einzige Form durch eine lange Reihe von Regeln und Ausnahmen hindurch Spiessruthen laufen muss, ehe sie endlich für den Lernenden feststeht Was diesem dabei zugemuthet wird, will ich wenigstens annähernd an einem Beispiele aus der deutschen Grammatik veranschaulichen. Bei §. 80 bildet er sich ein, es müsse nach der Analogie von flehte, wehte auch heissen: gehte, stehte, sehte; bei §. 100 nach sah, geschah, auch: gah, stah; bei §. 140 nach stand auch gand, bis er endlich in §. 200 die Form ging lernt. Das sind vier Stadien, man hat aber bei Pänini in einzelnen Fällen mehr als doppelt soviele gezählt Sein Buch kann nur der gebrauchen, der in jedem Augenblicke alle Lehrsätze im Geiste gegenwärtig hat; kern Wunder, dass es allein an die sechs Jahre fleissigsten Lernens erfordern soll. Ich weiss nicht ob man in der gleichen Zeit bei gleichem Fleisse mit unseren Hülfs- niitteln auch nur im Latein die gleiche Vollkommenheit erreichen würde, wie der Brähmane unter Pänini's Leitung im Sanskrit Ein Lehrbuch dieser Art ist zunächst ein Kunstwerk, um nicht zu sagen ein Kunststück; aber die wissenschaftliche Arbeit liegt ihm zu Grunde, und auf sie kommt es hier allein an. In der That ist das Gelingen eines solchen Wunder- werkes an mehr als eine Voraussetzung geknüpft: erstens an die vollständige Beherrschung eines ganzen Sprachstoffes, an einen Geist, dem in jedem Augen- blicke jede Einzelheit der Sprache gegenwärtig ist, — mid wo fände sich ein solclier Geist wieder? Zweitens an die schärfete Analyse dieses Stoffes, zumal auch an die genaueste Feststellung aller seiner Lautgesetze. Man sieht, die unvergleichliche Verdichtungs- und Gestaltungsgabe des grossen Inders kommt erst in dritter Reihe. Sie ist das Künstlerische an ihm, aber auch das, was keinem Gelehrten fehlen sollte, der nicht nur Steinbrecher sein will, sondern auch Baumeister. Pänini's Baustil freilich war so ungefähr der des Reisenecessaires, das in möglichst engem Räume möglichst Vieles vereinigen soll, und das Ziel, das er sich gesteckt hatte, war nicht das wissenschaftliche, die Dinge zu er- klären, sondern das praktische, vorzuschreiben, wie man die Sprache richtig an- wenden solle. Unser Ideal ist ein anderes, und wenn wir den indischen Meister nicht im Punkte der Vollständigkeit erreichen, so können wir ihn dafür in der organischen Auffassung mid Anordnung des Stoffes übertreffen. Füi- die Unbequem- liehkeiteu der Pänini 'sehen Methode waren übrigens auch die Inder nicht miem- pfindlich, und manche ihrer jüngeren Lehrbücher sind, anscheinend völlig unab- liängig von europäischem Einflüsse, iiacli einem uns genehmeren Schema gearbeitet 24 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft. Die Japaner haben vielleicht auf keinem Gebiete selbständigen geistigen Schaffens glänzendere Erfolge aufzuweisen, als in der Sprachforschung. Fast seit anderthalb Jahrtausenden bildet das Chinesische die Grundlage ihrer humanistischen Bildung. Zu granmiatischer Behandlung hat es auch sie nicht angeregt, man müsste denn hierher gewisse Arbeiten über die chinesischen Hülfswörter rechnen ; dafür sind die lexikalischen und schriftkundlichen Arbeiten um so bedeutender. Des Confucius Lehre, zu der sich bald die Gebildeten be- kannten, schont nicht nur die Pietät, sondern fördert sie sogar; in Japan fand sie eine alte, ihr fremde Cultur vor, deren ehrwürdige Denkmäler, alte mündlich fortgepflanzte Sagen, lieder und Gebete, zunächst in Schriften niedergelegt und dann bis auf den heutigen Tag geschätzt und durchforscht wurden. Die ein- heimische Sprache veränderte sich aber fast ebenso rasch, wie das Sächsische in England oder das Altnordische in Dänemark; in der Yergleichung ihrer grossen Vergangenheit mit ihrem jetzigen Zustande, — einem wahren Verfalle — , lag auch hier die stärkste Anregung zur Untersuchung. Andrerseits führte der Buddhismus dem Lande indische Einflüsse zu, deren Tragweite wir noch nicht voll ermessen können. Ihnen schreibe ich u. A. die rationellere Anordnung des japanischen Syllabares zu, die, wenn man s als Stellvertreter der Palatalen aimimmt, der indischen folgt: a, i, u, e, o, k, s, t, n, f, m, y, r, w. Es soll eine Sanskrit-Grammatik in japanischer Sprache geben, und so mag denn der erste Anstoss zui- systematischen Bearbeitung der eigenen Sprache von fremdher gekommen sein. Immerhin ist dabei nichts von sklavischer Nachahmung zu spüren. Denkt man daran, wie gewaltsam wir Europäer lange Zeit die fremd- artigsten Sprachen in das Prokrustesbett der lateinischen Grammatik hinein- gezwängt haben, so müssen wir die Grammatiker des östlichen Inselreiches um ihres wissenschaftlichen Taktes willen bewundern. In der Etymologie haben sie nur ein wenig toller gehaust als unsere Vorfahren; in der voraussetzungslos sachgemässen Behandlung der Formenlehre und Syntax aber kommen sie dem Ideale sehr nahe. Ei-st in diesem Jahrhunderte haben ein paar japanische Ge- lehrte verunglückte Versuche gemacht, ihre Grammatik über den europäischen Leisten zu spannen: sie haben heftigen Widerspruch hervorgerufen, und es müsste eine Freude sein, dem Kampfe beizuwohnen. Jetzt mag es an der Zeit sein, einen Rückblick zu thun. Die sprach- philosophischen Versuche, auf sehr beschränkten sachlichen Kenntnissen beruhend, sind nur für die Geschichte des menschlichen Denkens von bleibendem Werthe. Uns aber interessirte, was in positiver Sprachforschung geleistet worden, und da ergab sich nun folgende Beobachtung: Bei allen Völkern, die einzigen Assyrer ausgenommen, begann die Arbeit bei der eigenen Muttersprache; aber auch diese wurde erst dann untersucht, als sie oder ihre Literatur in Verfall gerathen war. Nun diente die Forschung nicht theoretischen, sondern praktischen. Rückblick; die neuere Zeit. 25 reglementären Zwecken: das Alte ist classisch, das Neue ist anders, folglich ist OS unclassisch, folglich unrichtig oder unschön. Wie muss man es anfangen, wenn man sich schön und richtig ausdrücken will? Dazwischen zeigt sich wolil hie und dort etwas von der Raritätensucht des Alterthümlers. Die Etymologie und die Sprachvergleichung, wo sie versucht wurden, entbehrten der wissen- schaftlichen Grundsätze; Dauerndes wurde nur auf einzelsprachlichem Gebiete geschaffen, und eine Erweiterung unseres einzelsprachlichen Wissens war nöthig, ehe mit Erfolg an eine genealogisch-geschichtliche und an eine allgemeine Sprachwissenschaft gegangen werden konnte. Bisher hatte die Forschung da die reifeten Fi'üchte gezeitigt, wo sie sich auf das Nächstliegende beschränkte; die Zeit sollte kommen, wo die entferntesten Sprachen auf einander Licht warfen. Unter den geistigen Erzeugnissen der neuen Zeit ist die vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft eines der jüngsten; unbewusst aber hat man schon seit der Zeit des Humanismus, der grossen Entdeckungen und der kirch- lichen Reformation auf sie vorgearbeitet. Das Lateinische wurde gründlicher getrieben mit der Absicht, es in classischer Form zu beherrschen. Das Studium des Griechischen, zunächst durch vertriebene byzantinische Gelehrte den Occi- dentalen eröffnet, gelangte bald zu allgemeinem Ansehen. Die Bibelforschung zog sclinell das Hebräische in ihren Bereich. Christliche Sendboten, anfangs meist katholische, zogen in die neu erschlossenen Länder, lernten ihre Sprachen, schrieben in ihnen und über sie; manche ilirer Bücher sind in unseren Tagen mehr als doppelt mit Golde aufgewogen worden. An Anregungen zum Ver- gleichen der Sprachen mangelte es den frommen Männern nicht: sie waren aber zumeist allzu befangen in jüdischen Überlieferungen, als dass sie der Sache mit wissenschaftlicher Frische hätten zu Leibe gehen können, und, irre ich nicht, so wurde ihnen schliesslich diese Bescliäftigung von der Curie untersagt. Liest man ihre Bücher, so wundert man sich wolil zuweilen, wie pedantiscli sie den fremdartigen Stoff den Formen der lateinischen Grammatik anzupassen suchen; dann aber ist man auch nicht selten freudig überrascht über acht wissenschaftliche Ahnungen. Der Italiener Fil. Sassetti war der erste, der es bekannt machte, dass die indische Sprache „viele Dinge mit der italienischen gemein habe''; das war im sechszehnten Jahrhunderte! Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts sprach der spanische Dominicaner Fraxc. Vabo, der erste, von dem man eine gedruckte chinesische Grammatik besitzt, den Satz aus: auf drei Dinge komme es im Chinesischen an, auf die Betonung, die Wortstellung und die Phraseologie. Das war weniger schneidig aber erschöpfender als das hundert Jahre später vom Engländer Marshm.vn niedergeschriebene Wort: The whole of Chinese grammar depends on position. Der französische Jesuit P. Primäre, wenig jünger als Varo, eiferte schon gegen die Einführung der lateinischen Terminologie in die chinesische Sprachlehre und verlangte unmittelbare Ein- 26 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft. fülirung des Schülers in den Sprachgeist, -- ad legitimum germanmnque sinicae loquelae iisura et exercitationem. Manche dieser Geistlichen quälen wohl erst sich und ihren Stoff durch alle Kapitel der lateinischen Grammatik hindiuch, th eilen aber dann in Form eines Anhanges mit, was eigentlich den Geist der Sprache ausmacht. Im Jahre 1798 erschien des österreichischen Carmeliters Johann Philipp Wesdin (Paulinus a. S. Bartholomaeo) Abhandlung De antiquitate et affinitate linguae Zendicae, Samscrdamicae et Germanicae. Der erste mir bekannte Sprachvergleicher im heutigen Sinne des Wortes ist der gelehrte Holländer Hadr. Relanüus, der in seinen Dissertationes mis- cellaneae, Utrecht 1706—1708, die weite Verbreitung des malaischen Sprach- stammes, sogar Lautvertretungsgesetze zwischen Malaisch und Madegassisch nachweist Im Jahre 1770 erschien des Ungarn J. Sajxovics Buch: Demonsü'atiu idioma Hungarorum et Lapponum idem esse, ebenfalls mit Lautvergloichungeii und in derThat den Verwandtschaf tsnach weis führend. Der Vater der grammati- schen Sprachvergleichung ist ein anderer Ungar, S. Gyarmathy, der, wie er sich ausdrückt, die Verwandtschaft seiner Muttersprache mit den Sprachen finnischen Ursprunges grammatisch, durch eine Formenvergleichung, erweist. Uns Westeuropäern musste die Sache der vergleichenden Spraclnvissenschaft näher gerückt werden, ehe sie eine bleibende Heimstätte bei uns finden konnte. Sprachvergleicluing verlangt etymologische Analyse, und diese will zuerst an einem leicht zerlegbaren Stoffe geübt sein. Ein solcher sind aber misre west- ländischen Sprachen keineswegs. An dieser Stelle erklärt sich die leitende Rolle, die dem Sanskrit in unsrer Wissenschaft zufallen sollte, — dem Sanskrit und der grammatischen Kunst der Inder. Ein Deutscher, der Jesuit Hanxleden, war der Erste, der eine Sanskritgrammatik für Europäer verfasste, ein anderer, der schon genannte Wesdin, der erste, der eine solche herausgab (1790): leider verdunkelte er dabei das Lautwesen der Sprache durch seine unglückliche Ti'ansscription, die der tamulischen Aussprache folgte. Dem halfen die Arbeiten der Engländer Golebrooke, Carey, Wilkixs und Forster (1805 — 1810) ab. Werke der indischen Literatur wurden nacli Europa gebracht^ gedruckt, über- setzt, und die Zeit war da, wo man sie zu geniessen verstand. Es \var die Zeit der Romantiker, und ein Romantiker war der Ei'ste, der uns Deutsche m da^ jüngst erschlossene Zauberland einführen sollte. Im Jahre 1808 erschien Friedkuh Schlegel's Buch: Über die Sprache und Weisheit der Inder, das durch seine Classification der Sprachen epochemachend wurde. Zu den Fi^eunden der in- dianistischen Studien gehörte nun auch Franz Bopp, der mit 25 Jahren, 1816, das Conjugationssystem der indogermanischen Sprachen (noch mit Ausschluss der slavo-litauischen, keltischen und des Armenischen) veröffentlichte, den würdigen Vorlaufet seiner grossartigen Vergleichenden Grammatik (1833 flg.). Gleichzeitig mit ihm hatte der Däne Rasmus Christian Rask, einer der bedeutendsten Sprach- Das Sanskrit. Die Polyglotten. 27 fureclier seiner Zeit, von der skandinavischen Familie ausgelieud, seine Unter- suchungen weiterhin über den indogennanisclien Stamm ausgedehnt; in einer 1818 erschienenen Preisschrift entwickelt er zuerst in allen wesentliclien Punkten das nachmals an Jacob Grimmas Namen geknüpfte Lautverechiebungsgesetz. Gkimm solbst hat dieses Gesetz in der ersten Auflage seiner Grammatik 1819 noch nicht erwähnt, in der zweiten, 1822, aber es mustergiltig dargestellt. Im Grunde hatte man es doch den Indern zu danken, dass man von nun an in der (jrammatik den lautlichen Erscheinungen ganz anders Rechnung tragen lernte, als vorher. Xicht immer gilt der Satz, dass ein grosses Buch ein grosses Unglück sei. Zwei vierbändige Werke, Jacob Grfmm's Deutsche Grammatik und Franz Bopp's Vergleichende Grammatik, sowie A. F. Pott 's fast gleichzeitig erschienene Etymologische Forsclnmgen, 2 Bände, 1833, 1836, sind für die gesammte ge- nealogisch-historisch vergleichende Linguistik grundlegend geworden. Von Bopp wurde zum ersten und bisher einzigen Male die ungeheure Arbeit unternommen, das ganze Material einer Sprachfamilie grammatisch zu ordnen und zu beurtheilen; bei Grimm war es ein grosser Sprachstamm, der unsrige, dessen Zweige in ihren Ü))ereinstimmungen und Verschiedenheiten einander gegenseitig erklärten und er^nzten. Der Jüngste der Drei aber fügte den grammatischen Arbeiten seiner Vorganger ein gross angelegtes lexicalisch vergleichendes Werk hinzu. Die tjereehtigkeit gebot, dass wir auch Jener gedachten, die zuerst den Weg ge- wiesen haben, der Pfadfinder, die den Strassenbauern vorausgehen mussten. Seltsame Dinge aus fernen Ländern, von Reisenden heimgebracht, sind zuerst nur Gegenstände neugierigen Ergötzens; erst später werden sie zu wissen- s^chafthchor Forschung gesammelt. Bäi*enzwingor und Menagerien waren die Vorläufer unsrer zoologischen Gärten; Waffen imdZiergeräthe der Wilden wanderten in Prunksäle und Raritätencabinets, ehe sie sich in ethnographischen Museen zusammenfanden. Und mit den Sprachen war es ähnlich: polyglotte Vaterunser- sammlungen eröffneten den Reigen: Gl. Düret's Trösor doThistoire des langues de test univers, 2. Aufl. Yverdon 1619, ein stattlicher Quartant, war doch niu' ein werthloses Sammelsurium. Des grossen LEmxiz allseitiger Geist ridhtete sich auch auf flie Probleme der menschlichen Sprachen: die europäischen suchte er verwandt- schaftlich zu ordnen, wobei ihm u. A. die Verwandtschaft des Magyarischen mit dem Suomi, des Türkischen mit dem Mongolischen und Mandschu auffiel: den Ursprung der Sprache, den Werth ihrer Ausdrücke für allgemeine und be- sondere Begriffe zog er in Betrachtung und verlangte synoptische Wörtersamm- luugen aus allen Sprachen der Erde. Das sogenannte Vocubalraium Cathariuae, 1786 — 89, ist wohl mit auf seine Anregung entstanden, jedenfalls war es die Verwirklichung eines Leibniz'schen Gedankens. Ein ausserordentlich begabter und thätiger Linguist war der Spanier Lorexzo Hebvas. Als Missionar in dem vielsprachigen Amerika mochte er sein Interesse für die Mannichfaltigkeit der 28 I, IV. Anregungen zur Sprachwissenschaft. menschlichen Zungen gewonnen haben, und dies Interesse fand später, als er in Rom mit Aratsbrüdem aus allen Erdtheilen zusammentraf, reichliche Nahrung. Sein Hauptwerk, der dreibändige Catälogo de las lenguas, 1800 — 1802, ist wie der weitere Titel besagt ein in vieler Hinsicht gelungener Versuch, die Völker nach der Verwandtschaft ihrer Sprachen zu classifiziren. Weniger selbständig aber reichhaltiger ist Johann Christoph Adelung's bekannter Mithridates, fort- gesetzt von JouANX Sevurin Vater, 4 Bände, 1806 — 17, mit grammatischen Abrissen und Vaterunseni, ein Buch, trotz aller Mängel einzig in seiner Art das als Mittel zur raschen Orientirung erst in neuerer Zeit durch Friedrich MtLLER's noch weit umfänglicheren ,,ürimdriss der Sprachwissenschaft" (Wien 1876 flg.) verdunkelt und mehr als ersetzt worden ist Auch der Entzifferungen müssen wir hier gedenken. Denn die schweigenden Zeugen einer fernen Vergangenheit, die Urkunden der ältesten Culturstaaten, reizten mit Zaubermacht die Neugier, wohl auch den Ehrgeiz, und übten den Scharfsinn. Im Jahre 1814 that G. Fr. Grotefend die ersten erfolgreichen Schritte zur Enträthselung der persepolitanischen Keilschriften. Nach imd nach wurden auch mit Hülfe zwei- imd mehrsprachiger Inschriften die anderen Keilschrift- gattungen und die in ihnen vertretenen Sprachen in den Bereich der Unter- suchung gezogen (Lassen, Bürnouf, Hincks, Rawlinson, J. Oppert u. A.). J. Fr. Champollion-Fiünac (1824 flg.) aber gebührt der unsterbliche Ruhm, die Hieroglyphen der Aegypter zum Reden gebracht zu haben. So wurden der Philo- logie neue Bahnen eröffnet, der Sprachforschung neue Quellen zugeführt Das philosophische Zeitalter hat seine Neigung zu apriorischen Constructionen auch auf die menschliche Sprache ausgedehnt, aber die hierher gehörigen Ver- suche, so geistvoll manche von ihnen sind, dürfen wir übergehen. Wilhelm VON HujinoLDT war der Ei-ste, der umfassende Kennerschaft mit philosophischem Tiefsinne in sich vereinigte, zudem ein sehr fruchtbarer Schriftsteller. Die Frage nach der Wechselbeziehung zwischen Sprechen und Denken, nach dem Werthe der Sprachen als Werkzeugen der Cultur imd Zeugen der Culturbegabung ist von ihm zuerst aufgeworfen und in umfassender Weise erörtert worden. Seine Werke sind so zu sagen der classische Text der allgemeinen Sprachwissen- schaft bis auf den heutigen Tag; sie sind meist weniger klar als tief, beurtheilen mehr, als sie lehren, und setzen Kenntnisse voraus, die schon aus äusseren Gründen den Wenigsten erreichbar sind. Es ist erstaunlich, wüe allseitig dieser Riesengeist seinen Stoff durchdacht hat allerwärts hin anregend und Wege weisend. Selten sind reiches Wissen und tiefes Denken, Scharfblick für das scheinbar Kleinste imd die Fähigkeit selbst das scheinbar Entlegenste sicher zu combiniren, glücklicher gepaart gewesen. Wer es liebt in den Grundanschau- ungen unserer Wissenschaft den Prioritätsansprüchen nachzufoi^schen, der ver- säume nicht auch bei diesem gedankenreichsten unter den Sprachforschem an- W. V. Humboldt; die Gegenwart. 29 ziifragen. Es ist wohl nicht allemal leicht zu sagen, dass er gerade den gesuchten (ledanken gehabt habe; es ist noch viel schwerer zu sagen, dass er einen rii-htigen Gedanken nicht gehabt habe. Sehr oft aber wird man finden, dass was vor seinen Prophetenaugen in voller Klarheit stand, erst lange hernach mühsam wieder entdeckt worden ist Wenige Schriftsteller verlangen so an- irestrengtes, beharrliches Sudium, wie dieser; wenige aber lohnen es auch in gleichem Masse; und es ist unter Stedcthal's Verdiensten nicht das kleinste, dass er immer und immer wieder das Andenken des Halbvergessenen aufgefrischt hat Humboldt verehren, bewundem wird Jeder, der seine Schriften liest^ Mancher bewundert ihn auch ohnedem; — ihm nachstreben werden immer nur Wenige, eine Schule aber nach Art der Bopp'schen imd Grimmischen wird sich wohl nie um ihn schaaren. Von ihm wie von Pott gilt es, dass sich Universalität und Genialität nicht schulmässig züchten lassen. Fast von Anfang an bildeten die Indogermanisten mit ihren Unterabthei- luügen: Germanisten, Romanisten, Slavisten u. s. w., eine gesonderte Gemeinde für sich, die rasch zu der zahlreichsten anwuclis. Es war dies kein Wunder. Cnsem Vorfahren und Seitenverwandten gebührt unser nächstes Interesse; die Frage: wie hat unsre Sprache vor Jahrhunderten, vor Jalirtausenden geklungen, die archäologische Frage, übt auf jeden Denkenden ihren Zauber, sie liegt dem ich Schulen bilden, da liegt auch die Gefahr zünftlerischen Schlendrians und unduldsamer Yereinseitigung nahe. Da ist es denn nur heilsam, wenn fremde» von Traditionen freie Elemente sich als Mitarbeiter unter die Fachleute mischen, Männer, die weiter nichts mitbringen, als positive Sachkenntniss, — ich meine Sprachkenntniss — , einen in scharfer Logik geschulten Verstand und die Gewohnheit um- und vorsichtiger inductiver Methode. — Demnächstgelegenen Fache, der Philologie und Orientalistik, gehörten z. B. die beiden Scm^GEi^ Adfxüno, Vater, Bopp, Klapkoth an; der berühmte Finne Alexander Castr6n sowie, wenn ich nicht irre, Wiijielm Schott waren von Hause aus Theologen; Wilhelm von Humboldt, Jacob Grlmm, Sylvestre de Sacy, Eugen Burnouf und mein verewigter Vater hatten die Rechte studirt, ebenso von neueren z. B. der vielseitige und scharfsinnige Lucien Adam und sein College Raoul de la (i RASSERIE, Abel Re3iusat, der grosse Indianist Wii^on und der verdiente Americanist Otto Stoll Medizin. Auch Offiziere in den Colonialdiensten der 32 I, V. Schulung des Sprachforschers. verschiedenen Staaten haben sich um unsere Wissenschaft hohe Verdienste er- worben, nicht nur als Sammler, sondern auch als tüchtige Forscher. Ich will nur einen nennen, den General Faidhkbbe. Der Zuzug von Auswärts hat fort- gedauert bis auf den heutigen Tag, der jungen Wissenschaft war und ist er willkommen, sie ist bisher eine freie Wissenschaft geblieben, — so frei, dass ihr kaum ein allgemeiner Studienplan vorgezeichnet werden kann: Jeder hat es selbst zu erproben, welche Richtung des Forschens seiner Anlage und Neigung am besten entspricht. Er kann sein Genügen darin finden, eine oder einige Sprachen möglichst allseitig gründlich zu beherrschen: das ist zimiaJ das Ziel der Philologen. Oder er kann eine ganze Sprachfamilie in Rücksicht auf den einen oder anderen Theil ihrer Erscheinungen durch alle Phasen ihrer Entwickelung durch ver- folgen, wie es die Indogermanisten, Altaisten u. s. w. thuen. Oder endlich mag er sich als Problem das menschliche Sprachvermögen selbst, die Ursachen seiner vielgestaltigen Entfaltung gesetzt- haben und zu dem Ende polyglottes Wissen erstreben. Man sieht, die Aufgaben sind verschieden genug. Allein gewisse Kräfte und Fertigkeiten sind doch gemeinsame Voraussetzung einer jeden Art sprachwissenschaftlicher Arbeit, und von diesen soll hier die Rede sein. Man redet vom geistigen Auge; man sagt, mit anderen Augen dui-chwandere der Botaniker, mit anderen der Mineralog die Fluren, mit anderen etwa der Jäger oder der Landgensdarm. Sie alle haben dieselben Dinge vor Augen und doch andere Dinge im Auge. Sie Alle suchen, und das Suchen bedingt und befördert zugleich eine gewisse Vereinseitigung, es schärft und richtet den Blick nach einer einzelnen Art von Gegenständen. Jetzt dürfen wir auch von dem Auge des Sprachforschers reden, vom sprachwissenschaftlichen Blicke; und auch dieser kann bis zu einem gewissen Grade anerzogen werden. Eine recht missliche Seite hat es nun freilich, eine solche Hodegetik zu veröffentlichen. Es kann ja nicht anders sein: der Verfasser empfiehlt vor Allem das, dessen Nutzen er selbst erprobt zu haben meint, oder dessen Mangel ihm bei Anderen besonders störend aufgefallen ist So scheint er sich still- schweigend in aller Naivität selbst als Muster eines Sprachforschers hinzustellen. Die Sache ist aber einfach die, dass Jeder das erstrebt was er für das Richtigste hält, und folglich auch als das Richtigste das bezeichnet, was er selbst erstrebt und nach Kräften verwirklichen möchte. a. Phonetische Schulung. Dass der Sprachforscher nielit auch Sprachkünstler zu sein braucht, dass ein Sprachkünstler darum noch lange kein Sprachforscher sein muss, versteht sich von selbst Und unter den Kunststücken des Spraehkimstlei-s ist wieder §2. a. Phonetische Schulung. 33 das Nachmachen fremder Laute vom linguistischen Standpunkte aus das werth- loseste. Es scheint, als wäre von Hause aus jedes normale menschliche Sprach- organ zur Hervorbringung aller möglichen Sprachlaute geschickt: erst fortgesetzte einseitige Übung erschwert uns die Bildung fremder Laute. Insofern verhält es sich mit der Phonetik genau, wie mit dem Geiste einer beliebigen Sprache, der am leichtesten da aufgenommen wird, wo er Tabula rasa vorfindet. Die Erfahrung hat nun bewiesen, dass man Sprachen von Grund aus gram- matisch verstehen und sehr richtig beurtheilen kann, ohne von ihren Lauten mehr zu wissen, als dass sie deren ungefähr so und soviele besitze, die sich ungefähr so und so zu einander verhalten. Für die alten Cultursprachen hat rnsn in den verschiedenen Ländern conventioneile Ausspracheweisen eingeführt, wohl wissend, dass man sich damit weit vom ursprünglichen Klange entfernte, — und doch ohne Nachtheil für die Praxis, wie für die Theorie. Und gesetzt, es gelänge uns, etwa Griechisch genau in den Lauten und dem Tonfalle der Athener perikleischer Zeit auszusprechen: was wäre gross damit gewonnen? Ein Jahrhundert früher oder später hat man in Athen schon etwas anders ge- sprochen, und ein paar Meilen von Athen wieder anders. Dem Historiker, auch dem Biographen, muthet man nicht zu, dass er uns einen grossen Mann vor- führe, „wie er sich räuspert und wie er sich spuckt"; und Ähnliches gilt in der Regel von dem Sprachforscher und den kleinen Absonderlichkeiten der Laut- erzeugung. Winteler's vielgerühmtes Werk über die Kerenzer Mundart gilt als Muster sorgsamer Lautbeobachtung; sein wissenschaftlicher Werth beruht aber nicht sowohl in der untersuchten Mundart, als in der Art der Untersuchung und den gewonnenen Ergebnissen; jene Mundart war eben das Kaninchen des Physiologen. Man irrt, wenn man die Lautphysiologie oder Phonetik, wie man sie heut- zutage nennt, als einen Theil der Sprachwissenschaft bezeichnet. Letztere hat es mit den Schallerzeugnissen der menschlichen Sprachorgane nur insoweit zu thun, als sie in den Sprachen thatsächlich Verwendung finden; die Phonetik da- gegen hat alle überhaupt möglichen Schalläusserungen jener Organe zu unter- suchen, folgerichtig auch die krankhaften und die auf individuellen Fehlem be- ruhenden, z. B. die Wirkimgen eines Stockschnupfens oder eines fehlenden Zahnes auf die Hervorbringung der Laute. Und dies ist nicht der einzige Unter- schied. Die Lautphysiologie hat es mit dem Laute zu thun, wie er jeweilig von und in den Sprachwerkzeugen gebildet und vom Ohr vernommen wird; in ihrem Sinne bringt also die geringste Änderung in der Stellung und Bewe- gung der Sprachorgane einen anderen Laut hervor. Das ist von ihrem Stand- punkte aus berechtigt und nothwendig. Die Sprache aber, und wäre es die kleinste Mundart, unterscheidet nur eine bestimmte Anzahl von Lauten, die sich ZM den lautlichen Einzelerscheinungen verhalten wie Arten zu Individuen, wie T. d. Gabelentz, Die SprachwIsseDBcbaft. 2. Aufl. 3 34 I, Y. Schulung des Sprachforschers. Kreise zu Punkten; sie zieht die Grenzen weiter oder enger, immer aber duldet sie einen gewissen Spielraum. Nicht Alle, die die Mundart richtig sprechen, sprechen den nämlichen Laut genau auf dieselbe Weise aus, ja man darf zweifeln, ob es der Einzelne immer thue. Es handle sich um das Wort „Thee". Der Leser frage sich, ob er, so oft er es ausspricht, allemaJ das Vorderende der Zunge gleich spitz oder breit macht, ob er es allemal genau an der nämlichen Stelle der Zähne oder des Gaumens anlegt, ob er allemal genau einen gleichstarken Luftstrom verwendet u. s. w. Hat er gelernt, in solchen Dingen scharf zu be- obachten, so wird er wahrscheinlich kleine Schwankungen wahrnehmen. Nun aber weiss er, und bestätigt ihm der Sprachforscher, dass er immer dasselbe Wort, und dass er es immer richtig ausgesprochen hat; der Phonetiker hingegen wird ihm nachweisen, dass es im physiologischen Sinne verschiedene Einzel- laute waren. Natürlich gilt dies erst recht, wenn dasselbe Wort von verschie- denen Leuten ausgesprochen wird, seien es auch Angehörige derselben Land- schaft oder Gemeinde. Das Sprachgefühl, das für uns massgebend ist, macht da keinen Unterschied, es erkennt jede Art der heimischen Lautbildung für gleich richtig an, weiss aber recht wohl die in seinem Sinne fi-emdartige Aussprache zu erkennen. Bekanntlich verhalten sich die Sprachen in Rücksicht auf die Lautiuiter- scheidung und die Schärfe der Articulation sehr mannichfaltig. Die Polynesier besitzen ausser den fünf Vocalen a, c, i, o, u nur acht bis zehn unterschiedene Conso- nanten; die alten Inder erkannten im Sanskrit deren 35 oder (mit jihvamüllt/a und tipad^maniyä) 37 ; die Abchasen im Kaukasus kennen deren 49. Und doch sind diese Zahlen, so vielsagend sie scheinen mögen, noch immer das Äusserlichste. Welche Laute besitzt die Mundart? Ich erinnere an die Gutturale, Aspiraten und Fricativen der Semiten, der Kaukasier und vieler amerikanischer Indianerstämme, an die Zischlaute und Jodirungen der Slaven, an die Schnalzer der Hottentotten, Busch- männer und ihrer kaffrischen Nachbarn. Wie häufig oder selten kommen die einzelnen Laute vor? Man denke an die e und n, die im Deutschen, an die i und s, die im Lateinischen vorherrschen, an die statistischen Nachweise in WmTNEY^s Sanskrit-Grammatik. Ferner: welche Gesetze und Neigungen ergeben sich in Rücksicht auf die Lautvertheihmg im Worte? Man denke an die Hiaten in den polynesischen Sprachen, an die Sandhigesetze im Sanskrit, an die Con- sonantenhäuf ungen im Alttibetischen, im Georgischen, im Selish (Kallispel) u. s. w., an die gefällige Yertlieilung der Yocale und Consonanten im Italienischen, im Hausa und in vielen malaischen und kongo-kaffrischen Sprachen, an Sprachen, die nur vocalischen Auslaut dulden, wie das Altslavische und Altjapanische, oder die daneben noch Nasale gestatten, wie die kongo-kaffrischen Sprachen und das Mandschu, — dann wieder an die seltsame Vorliebe der melanesischen Annatom-(Aneiteum-)Insulancr, ja auch der Basken und der Berbervölker, für §.2. a. Phonetische Schulung?. 35 voealisohen Anlaut. Und wie vielerlei bedingt sonst noch den Elangcharakter einer Sprache oder Mundart! Die ruhige Lippenhaltung des Engländers, die gutturale Lautbildung des Holländers und Schweizers, die Betonung der vorletzten Silbe im Polnischen, Malaischen u. s. w., die der ersten im Czechischen und den finnischen Sprachen, die der letzten im Türkischen und Mongolischen, der hüpfende Tonfall der baltischen Deutschen, das „Singen" der Thüringer, kurz so und so- viele Dinge, die wir unter dem französischen Namen accent zusammenzufassen pflegen. Eine gewisse Ausbildung des Sprach- und Gehörorganes ist wohl für jeden erreichbar und auf alle Fälle jedem Sprachforscher zu empfehlen. Erstens nämlich hat er es mit fremden Lauten zu thun, die er sich am l>esten merkt, wenn er sie sich vorstellen und selbst hervorbringen kann. Je mehr Sinne zusammenwirken, desto leichter verrichtet das Gedächtniss seinen Dienst. Die Buchstaben eines fremden Alphabetes, die Häkchen, Pünktchen und Strichelchen unsrer phonetischen Schriftsysteme verwechselt man nur zu leicht, wenn man nicht scharf unterscliiedene Gehörvorstelhmgen mit ihnen verbindet. Zweitens kann man die mechanischen Vorgänge beim Lautwandel nicht bovsser verstehen, als wenn man sie selbst darstellen und somit an sich selber erleben kann. Was die Münder unzähliger Generationen zu Wege gebracht haben, das kann sich, wenn wir verständnissvoll experimentiren, rasch in unseren eigenen Sprachorganen vollziehen; und wo uns die Urkunden gewisse Haupt- stationen, oder auch nur die Anfangs- und Endpunkte lautlicher Entwickelungen bezeugen, da tritt uns nun der Hergang in seiner ununterbrochenen Allmählich- keit vor die Sinne. Endlich drittens wird das systematische Studiuni lautphysiologischer Werke dem am leichtesten, der mit einem Vorrathe eigener Erfahrungen an dasselbe herantritt Man bildet sich nur zu leicht ein, zu einer Sprache gehöre nicht viel mehr, als was man schwarz auf weiss auf dem Papiere findet. Nein, Alles ge- hört zu ihr, was bei der Eede in und mit den Sprach Werkzeugen geschieht: Rhythmus und Tonfall {Singen, Eintönigkeit Breite oder Schärfe) des Vorti-ages, aber auch die Haltung des Mundes, breit oder spitz gezogene Lippen, vor- geschobener Unterkiefer, schlaffes, verschnupftes Gaumensegel u. s. w. Das mag individuell und beim Individuum nur vorübergehend sein, es kann aber auch zur Eigenthümlichkeit der Gaumundart, der Sprache eines ganzen Volkes ge- hören, und dann gehört es zur Sprachkunst, zur Sprachkunde, zur Sprachlehre. Es soll an dieser Stelle nicht eine Theorie der Phonetik vorgetragen, sondern nur angedeutet werden, wie jene praktische Aus- und Vorbildung zu erreichen sei. Es handelt sich um eine Gymnastik der Sprachorgane, die mit einer Schärfung des Gefühls- und Gehörsinnes Hand in Hand gehen wird: wir er- 3* 36 I, V. Schulung des Sprachforschers. zeugen Laute und beobachten dabei, wie wir die einzelnen Sprachorgane be- wegen, was wir dabei in ihnen empfinden, und was die Wirkung auf das Gehör ist. Dabei lernen wir allmählich unterscheiden, was uns anfangs ganz gleich vorkam. Die Gabe der Nachahmung ist für solche Zwecke recht schätzenswerth, und man sollte sie pflegen, soweit es die gute Sitte erlaubt Alles was in unsrer Muttersprache als fehlerhaft erscheint, kann in einer anderen nothwendig sein: lispelndes Anstossen mit der Zunge, Näseln, Nuscheln, wie es Leute thuen, die mit der dicken Zunge an die Backenzähne anstossen, Muffeln, wie Einer, der redet, während er den Bissen im Munde hat, verschnupfte LautbUdung u. s. w. Leute, die einen andern Dialekt reden, Ausländer, die sich vergebens anstrengen die deutschen Laute hervorzubringen, sind gleichfalls gute Modelle. Man lernt bald genug diesen Modellen auf den Mund zu sehen und ahmt dann unwillkürlich ihre Haltimg der Lippen und des Unterkiefers nach. Damit ist schon oft viel gewonnen, z. B. für die Aussprache des Englischen und mancher deutschen Dialekte. Auch die Stellung der Zähne und die Bewegungen der Zunge muss man zu beobachten imd nachzumachen suchen, z. B. bei den beiden th der Engländer imd den verschiedenen r und Zischlauten. Jedenfalls werden durch die Spielerei die Sprachwerkzeuge geschmeidig, und die Beobachtungsgabe ge- steigert. Es kommt ganz von selbst, dass man auch bezeichnende Redewend- ungen und Gedankenverknüpfungen seines Vorbildes mit nachbildet, und alles das kommt der sprachwissenschaftlichen Befähigung zugute. In keiner Wissen- schaft spielt die Reproduction eine wichtigere Rolle, als in der unseren. Näher schon der eigentlich lautwissenschaftiichen Arbeit liegen freie Ver- suche, deren einige ich hier beschreiben will. 1. Man versuche denselben Laut mit verschiedener Stellung der Sprach- werkzeuge hervorzubringen: o und u mit mehr oder minder gerundeten Lippen, die Gutturale Ä, g^ ch (in „machen"), n (= ng in „Ding") soweit hinten in der Kehle als möglich, und allmählich möglichst weit vorwärts weiterschreitend; ebenso die Dentale t, d, n und die Zischlaute 5, e (= weich s), s (= seh), i (= französich j\ ts^ di, sowie Z, in zwei Reihen, erstens die Zungenspitze nach dem weichen Gaumen zurückbiegend und dann schrittweise vorwärts bis zwischen die Vorderzähne rücken lassend, — zweitens die Zungenspitze möglichst weit hinten an die Backenzähne anlegend und dann allmählich auf dem seit- lichen Wege vorwärtsschiebend; dasselbe wiederhole man mit mehr oder minder zugespitzter oder breiter Zunge; f und w erst mit beiden Lippen (bilabial), dann durch Berührung der Unterlippe und der Oberzähne (labiodental). Lässt man beim l die Zungenspitze den Gaumen etwas weiter liinten berühren und die Luft zu beiden Seiten der Zunge durchströmen, so gewinnt man einen Laut, der dem chl in „weichlich", dem Ich in, ,welcher^^ einigermassen ähnelt, — das welsche IL §. 2. a. Phonetische Schulung. 37 2. Man spreche die Yocalreihen a, ä, e, i, - a, a, o, m, — a, ö, w, i nhne Absatz wie eine Art langer Diphthongen und beobachte, wie sich dabei die Mundstellung allmählich verändert und wie das Ohr dabei eine Reihe un- zähliger, winzig verschiedener Klänge vernimmt. Was man Lautverschieb- ungen nennt, sind ursprünglich nichts weiter, als solche Verschiebungen in der Stellung der Sprachorgane, die natürlich die akustischen Wirkungen beeinflussen. In der Sprachgeschichte mögen sie Jahrhunderte gebrauchen, ehe sie walimehm- bar werden; mittels des Experimentes kann man sie sich in wenigen Minuten vollziehen sehn. 3. Man bringe die Sprachwerkzeuge in die Lage, die für einen bestimmten I^ut passt, und nun bemühe man sich einen beliebigen anderen Laut hervor- zubringen, thue z. B., als ob man u sprechen wollte, und versuche dann ein i auszusprechen oder umgekehrt, forme die Lippen zum w oder f und strenge sich dann an, etwas wie ein s, § oder 7* herauszubringen u. s. w. Die verschiedenen r sind vielleicht auf diese Weise am leichtesten zu erlernen. Benachbarte Laute, d. h. solche mit ven^'andter Mundstellung, gehen vermöge der Lautverschiebung leicht ineinander über. Auf neue, seltsame Laute muss man inuner gefasst sein. Ein Labiodental, eine Art tj) oder pt^ wobei die Zunge zwischen den Zähnen hindurch die Oberlippe berührt, findet sich in der Tangoa-Sprache von Espiritu Santo, einer Insel der Neuen Hebriden. Bei homerischem jiroXig, jcroXefiog statt xoXig, jtoXsfiog möchte man an etwas Ähnliches denken. (S. H. Kay in Bydr. tot de Taal-, L- en Yolkenk. van Xederl. Indie, V. Volgr. YII. D. pg. 708.) 4. Man spreche oft und schnell hintereinander einen Consonanten zwischen zwei i oder zwei u und beobachte, wie der Consonant dabei etv^as von der Eigenart jener Yocale annimmt und wohl schliesslich auch für das ungeübte Ohr ein ganz anderer wird. XM zu ii§^^ U% zu ttsi oder T/sT, ükii zu ükfü oder Ähnlichem. Eine andere, doch verwandte Beobachtung kann man machen, wenn man a und i mit einem dazwischen gefügten Doppelconsonanten rasch hintereinander ausspricht: aZK, anni werden dann wohl zu aZ/yi, annyi und schliesslich zu cdliyiy ainnyi^ aiyi^ ai^ — ammu etwa zu ommu. Ähnlich mit a oder i zwischen zwei Labialen: wap^ ham^ ivip^ bim werden sich bald in etwas wie taop^ 6om, tvüp^ büm verwandeln. Alles dies erreicht man natürlich nur, wenn man sich gehen lässt, das heisst der Bequemlichkeit nachgiebt Diese übt aber in den Sprachen eine grosse Macht. 5. Man halte beide Ohren zu, spreche verschiedene Laute und beobachte, bei welchen Lauten die Ohren dröhnen und bei welchen nicht. 6. Lehrreich in ihrer Art sind auch zimgenbrechende Sätze wie: „Fischer 's Fritz frisst frische Fische", — „sechs imd seehszig Schock sächsische Schuh- zwecken", — „wenn der Kottbuser Postkutscher mit der Kottbuser Postkutsche nach Putbus fährt, fährt der Putbuser Postkutscher mit der Putbuser Post- 38 I, V. Schulung des Sprachforschers. kutsche nach Kottbus", — „in Ulm, um Ulm und um Ulm herum", — „keine kleinen Kinder können keine kleinen Kirsclikerae knacken" u. s .w. Die Feliler, die man dabei im raschen Nachsprechen macht, sind vorbildlich für manche Erscheinungen des geschichtlichen Lautwandels. In der Übereilung vertauscht die Zunge die Laute, und der Feliler, wenn er bequem ist, kann zur Regel werdet. So spanisch olvidar, vergessen, = oblitare, milagro = miraculum, peligro = periculum. 7. Ähnliche Beobachtungen mechanischer Lautverschiebungen kann man machen, wenn man Wörter mit harten Consonantenverbindungen oder mit Hiaten rasch und wiederholt ausspricht: Aussclmitt wird Anschnitt, entfernt: empfemt*), — etwas: eppas, eppes, — haben wir: hammir u. s. w. Femer: zuerst: zuwerst, zwerst, — beiordnen: beijomn u. s. w. Unsere Volksmundarten bieten dessen Beispiele die Hülle imd Fülle. Es sind das Fälle der sogenannten Eupüonik, thatsächlich Äussenmgen der Trägheit und Flüchtigkeit; dem Munde wird Arbeit erspart, aber die Lautbilder werden ven^ischt. 8. So, durch eine Art Zimmergymnastik vorbereitet, mag man an das Studium eines lautphysiologischen Werkes gehen; man wird es um so leichter ver- stehen, je mehr Selbsterlebtem man darin begegnet,**) Mit der Ausbildung der Lautphysiologie ging die Aufstellung verschiedener phonetischer Schriftsysteme Hand m Hand. Unter diesen hat Lepsius' s. g. Standard -Alphabet die weiteste Verbreitung gefunden und darum für den Sprachforscher besonderen praktischen Werth. Die Menge seiner diakritischen Zeichen über und unter der Linie ist beim Lesen und Schreiben einigermassen störend, und in systematischer Hinsicht ist es durch neuere Versuche weit über- holt. Seine Lücken lassen sich aber nach Bedarf durch Hinzufügung neuer Unterscheidungszeichen oder Zeichencombinationen ausfüllen, imd so wird maji einstweilen gut thun, es für sprachwissenschaftliche Zwecke, wozu eben die lautphysiologischen nicht gehören — , beizubehalten. F. Tkchmer, Phonetik, 2 Bde., Leipzig 1880, hat ein nachmals noch verbessertes Zeichensystem aufge- stellt^ dessen Avissonschaftliche Vorzüge in Fachkreisen wohl anerkannt werden. Die von ihm redigirte Internationale Zeitschrift für allgemeine Sprachwissen- schaft bedient sich dieser Schrift, die somit vielleicht bestimmt ist, mit der Zeit die Lepsius'sche zu verdrängen. Wenig bequem zu schreiben ist fi^eilich auch sie, aber reichhaltig, nicht allzuschwer erlenibar und wohl in jeder Druckerei ohne Beschaffung neuer Typen darzustellen. Zusatz. Es wäre Pedanterie, jede alphabetlose Sprache ein- für allemal mit irgend einem phonetischen Alphabete schreiben zu wollen. Ein solches dient *) Vgl. empfinden, empfehlen, empfangen. Woher aber die Inconsequenz ? **) Als erstes Lehrmittel dieser Art dürfte Sievkrs' Phonetik zu empfehlen sein wegen der schonenden, allmählichen Art, wie es den Anfänger in die neuen Vorstellungen einführt. §. 3. b. Psychologische Schulung. 39 einestlieils als eine Art Generahaenner, mit Hülfe dessen sich die Lautwesen verschiedener Sprachen oder Mundarten bequem vergleichen, andemtheils als Mittel, um die Laute einer noch unbekannten Sprache aus dem Munde der Eingeborenen aufzuzeichnen. Handelt es sich um einzelne Sprachen, so vertheilt man die Buchstaben des Alphabetes so, dass sie den Lautwerth möglichst an- nähernd anzeigen, und vermehrt sie nach Bedüi-fniss durch Hinzufügung dia- kritischer Zeichen. Bei Sprachen mit eigener Lautschrift substituirt man in gleicher Weise den einheimischen Buchstaben lateinische, mit oder ohne dia- kritische Zuthaten, sodass die Rückumschreibung ohne weiteres möglich ist. Han- delt es sich aber um eine Mundart, die von der einheimischen Eechtschreibung abweicht, so liegt natürlich die Sache so, als wenn keine einheimische Lautschrift vf^rhanden wäre. Wo endlich schon von Anderen leidlich brauchbare Schreib- weisen eingeführt sind, da halte man sich möglichst an diese. Das gilt nament- lich oft von den Arbeiten der Missionare. §. 3. b. Psychologische Schulung. Viel wichtiger, mächtiger als das physische Moment ist das psychische. Ja, thatsächlich hatten wir es schon vorhin, als wir von jenen Nachlässigkeiten in der Lautbildung sprachen, mit Dingen zu timn, die zur Hälfte seelischen Ur- sprungs waren. Warum etwas bequem ist, erklärte die Mechanik; warum man aber dieser Bequemlichkeit jetzt nachgiebt, jetzt entsagt, darüber kann nur die Psychologie Aufschluss geben. Ich weiss nicht, ob ich es den angehenden Sprachfoi-schem empfehlen soll, sich lange beim systematischen Studium dieser Wissenschaft aufzuhalten. Ich für meinen Theil bedauere, dass ich für diesen Theil der Philosophie nie viel Ausdauer gehabt imd meinen Bedarf an Seelen- tunde mehr aus der Praxis des Lebens und aus feinsinnigen Charakterschil- derungen bezogen habe, als aus den Theorien fachgelehrter Psychologen. Doch (las mag individuell sein; Andere haben meines Wissens solchen Studien mehr Genuss und Gewinn zu verdanken gehabt. Die Sprache ist unmittelbarster Ausfluss der Seele, ihre wichtigsten Er- scheinungen können nur aus seelischen Vorgängen erklärt werden. Und wie wunderlich sind oft diese Vorgänge! Unsere anerzogene Schullogik steht ihnen rathlos gegenüber; erklären kann sie die Sprünge des naiven Geistes nicht, höchstens sie beobachten, tadeln und bändigen. Dieser naive Geist nun hat an der Sprachbildung weit mehr Antheil, als der logisch geschulte. Ganz unge- schult, ganz zuchtlos bleibt aber auch er nicht; im fortw^ährenden Verkehre mit Seinesgleichen hat er gewisse Gewohnheiten angenommen, gewisse Absonderlich- keiten abgestreift: der Geist des Einzelnen musste sich dem Volksgeiste fügen, 40 I, ▼. Schulung des Sprachforschers. um sich mit ihm zu Terständigen. Noch am Freiesten mögen sich Gedanke und Rede bei begabten Kindern gestalten, und der Genialität mag es gelingen, etwas von jener Freilieit zu behaupten oder zurückzuerobern; die grosse Masse aber schlendert auf dem Wege der Gewohnheit fort. Man kann diesen Weg glatt und fest treten, — das thuen wir Alle. Man kann ihn vorengen oder verbreitem, — verlassen aber kann man ihn nicht Es ist mit ihm wie mit jenen Richtsteigen, jenen wilden Wegen, die quer durch die Wiesen und Wälder führen: seit Jahrhunderten sind sie begangen worden, jeder Fussgänger glaubte in die Stapfen seines Vorgängers zu treten, und doch wich Jeder ein wenig ab, frühere Pussspuren verrasen, neue werden breitgetreten, der Pfad ist nie ver- lassen worden, allein er ist heute ganz anders, als er vor Jahrhunderten war. Wir haben da einen Blick gethan hinüber nach der Sprachgeschichte. Und doch sind wir unsrer Sache näher als es scheint: denn die Gewohnheit beherrscht die Seele, wie sie von der Seele erzeugt ist. Das Interessante liegt eben darin, dass sie in den verschiedenen Sprachen so verschiedene Wege ein- geschlagen hat, scheinbar launenhaft, zufällig, denn die Gründe, warum sie ge- rade hier so, dort anders verfahren ist, werden meist unenthüllt bleiben. Genug vorerst, wenn wir ihren Launen vorständnissvoll entgegenkommen. Man sagt, jede Sprache, die wir uns aneignen, eröf&ie uns eine neue Welt In der That ist es immer die alte Welt, die wir sehen: aber wir erblicken sie mit anderen Augen, in anderer Beleuchtung. Darum fallen uns jetzt Dinge auf, die wir vorher nicht sahen, entschwinden andere, die wir zu sehen gewohnt waren, unsern Blicken, und die Dinge scheinen sich nach anderen Gesetzen, mit anderen Banden zu verknüpfen, als vordem. Darum scheint uns nun die Welt neu. Ein Geograph hat gesagt: Terram mente peragro; der Sprachforscher aber darf von sich sagen: Mentes mente peragro. Wem es gegeben ist, sich in Anderer Seelen hinein zu versenken, der mag ähnlich wechselreicher Schau- spiele geniessen wne die Erdumsegler; denn jede Seele baut sich ihre eigene Welt auf, eine Welt weit oder eng, geordnet oder wüst, bunt und belebt oder fahl und starr. Schon das ist interessant, wie der sprachschaffende Geist sich beholfen hat, um den Dingen Namen zu geben. Jede neue Vorstellung setzt ihm eine neue Aufgabe: wie wird er sie lösen? Nur beispielsweise sollen hier einige der sich bietenden Mittel aufgeführt werden. 1. Das Naivste ist es gewiss, wenn das Ding schlechtweg nach einem anderen, ihm ähnlichen benannt wird, — die Ähnlichkeit mag dem gebildeten Geiste schwer genug einleuchten. Der Fleischer nennt den blätterfönnigen Magen der Wiederkäuer den Kalender. Der Vergleich mit einem Buche ist recht treffend, aber es muss nun gerade das Buch sein, worin der gemeine Mann am meisten liest Schwerer wird es einleuchten, warum die Bergleute g. 3. b. Psychologische Schulung:. 41 eine Art Karren den Hund, die Fuhrleute eine gewisse Vorrichtung an den Lastwagen den Hasen, Maurer und Zimmerer die vierbeinigen Gestelle Böcke genannt haben. Kaum besser ist es, wenn die Zeichner ihren Pantographen mit dem Storchschnabel vergleichen; die Franzosen nennen ihn, den beweg- lichen, nachbildenden, mit doppelsmnigem Witze den Affen, le singe. Schul- meistern, Censuren ertheilen soll man aber hier sowenig wie anderwärts, wo es >ich um freie Erzeugnisse des Mutterwitzes handelt. Das jedoch mag hervor- gehoben werden, wie gern wir imsre Vergleiche der Thierwelt entlehnen. Von den Schimpf- und Kosenamen will ich schweigen; Erwähnung verdienen aber noch aiis der Schaar der Geräthe der Fuchsschwanz des Tischlers, der Rattenschwanz des Schlossers, der Schwanenhals des Fuchsfängers, das Kuhbein des Soldaten, der Fliegenkopf imd die Gänsefüsschen des Setzers, der Hahn am Gewehre, die Eselsohren in den Büchern, die Ochsenaugen, ytmx de boeuf^ an der Laterne, und der Esel, auf dem der Schreiber vor seinem Pulte reitet Den Leichdom nemien wir auch Hühnerauge, ebenso die Magvaren: tyükszeni, der Holländer Elsterauge, eksteroog^ der Mandschu Fisch- auge, nimaha yasa, ebenso der Japaner: iwo-no-me, dagegen der Lette: Frosch- auge, toardazs. Theile des menschlichen oder thierischen Körpers werden gern auf Theile anderer Gegenstände übertragen: der Berg hat Fuss und Kücken, in Spanien, wo Glimmerschieferfelsen die Höhen krönen, auch Backenzähne, mudas; der Hobel hat Nase und Mund, der Topf Bauch und Schnauze, der Hebel Arme, die "Waage eine Zunge. Augen zählt man im Kartenspiele; «ler Japaner zählt sie in seinem Brettspiele Go: da sind es die erobejlen freien Punkte. Der Türke nennt den feinsten Tabak, der in die Mitte der Kiste ver- packt zu sein pflegt, gyöbek^ den Nabel, daher angeblich Duhec. — Hier über- all zeigt sich eine vorwiegend phantastische Richtung des (ieistes, der sicli bei der Benennung der Dinge lieber an noch so entfernte Ähnlichkeiten, lieber an den Schein hält, als an das "Wesen, und der dann wohl wieder, Mythen schaffend, dem Scheine ein Wesen, dem Namen eine Geschichte andichtet. 2. In den bisherigen Beispielen wurde olme Weiteres eine Vorstellung auf die andere übertragen. Bedächtiger ist man da verfahren, wo man sich eines unterscheidenden Zusatzes bedient hat. Als die Römer den Elephanten kennen lernten, nannten sie ihn den libyschen Ochsen, hos libycus. Die Algonkin- völker haben das Pferd den grossen Hund, mistatim^ getauft, die Chinesen der Hafenplätze in ihrem Pitchen-Englisch das Klavier: den Singsangkasten, singsong- box. Deutsche Wörter wie Meerschwein, Heupferd, Seehund, Hirschkäfer, Blumen- kelch, Bierhobel, Kielschwein, Kehreule, Wetterhahn, Windhose u. s. w. gehören hierher, so verschieden sich sonst die Glieder der Zusammensetzung zu einander verhalten. Die Namen für nahe Verwaiidtschaftsgi-adc und für dienstliche Verhältnisse 42 I, V. Schulung des Sprachforschers. werden von manchen Völkern gern auch auf Unbelebtes übertragen. Wir selbst haben Wörter gebildet wie Vater- und Mutterschraube, Schwesterstadt, Stiefel- knecht; den Tisch neben dem Bette nennen wir wohl den Kammerdiener, wie der Tischler das Stützgestell neben der Hobelbank den Gehülfen nennt Änaq panah^ Kind des Bogens, hcisst bei den Malaien der Pfeil, anaq lldah. Band der Zunge, das Zäpfchen. Auch die Siamesen bezeichnen den Pfeil als Kind des Bogens, luk sör; ihren Hauptstrom nennen sie: Mutter des Wassers, nie ml (Menam). In neuchinesischen Zusammensetzungen bedeutet tsi^ Sohn, Kind: das Kleine; es ist eine Art Diminutivsuffix, das oft die einfachen, einsylbigen Sub- stantive verdrängt hat und so selbst nachgerade als blosses Substantivzeichen dient: statt tsuäng, Säule, sagt man tsuang-tst, Säulenkind, Säulchen = Säule. Sinnig nennen die Chinesen den grämlichen, kopfschüttelnden Bären san-lak den Bergalten, imd die neckische, geschwätzige Schwalbe, das Himmelsmädchen, fien-niü. So eng verwandt sind Witz und Poesie der Wortschöpfung, — ein fi'uchtbares Eltempaar! Auch hier spielen natürlich die Köi-pertheile eine wichtige Rolle. Der Berp hat Rücken, Fuss, wohl auch Hörner und Nasen. Was wir Mündung, — münde eines Flusses nennen, heisst bei den Romanen kurzweg der Mund. Weit ver- breitet ist es, die Quelle als Auge des Wasses zu beschreiben. So thuen es die Semiten, so die Siamesen: ta nam^ so die Tibeter: cu-mig, so die Malaien: m mala äyer, die Fidschiinsulaner: mata ni wai, — und dann wieder in Afrika die Saho: lai-t inti, die Nubier: essi-nmissi. die Japaner: ra-forram^antr u. s. w. Der Vergleich muss doch dem naiven Geist recht nahe liegen. Schön ist der malaische Name der Sonne: mata hari^ Auge des Tages. 3. Daran reihen sich nun vergleichende Redensarten und redensartliche Vor- gleiche: stumm wie ein Fisch, arm wie eine Kirchenmaus, reissen wie Schaf- leder, ein Gesicht wie acht Tage Regenwetter, oder als hätten Einem die Hühner die Butter vom Brode weggefressen. Bekanntiich sind viele dieser Vergleiche zu festen Zusammensetzungen gCAvorden: blitzblau, kohlraben-pechschwarz, brett- nageldumm, Affenliebe, und ein Wetter, „bei dem man keinen Hund auf die Strasse jagen mag", hat man ein Hundewetter genannt: doch mag hier der Zu- satz Hund blos schimpfende Bedeutung haben, wie ein anderer Thiername in einer noch derberen Bezeichnung schlechten Wetters. Gebilde' wie die eben aufgeführten liegen so zu sagen auf der Oberfläche. Sie sind völlig frei, werden täglich gemacht und nicht allemal ist es leicht einzusehen, wie sich „Verdienst imd Glück verkettet*^ haben, um einzelne dieser Schöpfungen in allgemeine Aufnahme zu bringen. Was uns aber hier vor Allem interessirt, ist dies: weil sie frei sind, darum fallen die in ihnen enthaltenen Vergleiche ohne Weiteres auf, — sie liegen eben zu Tage. 4. Jetzt steigen wir eine Schicht tiefer. Die grosse Mehrzahl imsrer Wörter §. 3. b. Psychologische Schulung. 43 für mehr geistige Vorstellungen und Begriffe ist durch Übertragung von Körper- lichem gebildet Im Geiste stelle ich etvas vor mich hin, dass ich es betrachten kann, — ich stelle es mir vor. Es steht mir, dem Betrachtenden gegenüber, — es ist mein Gegenstand. Im Geiste erfasse, beherrsche iph diesen Gegen- stand, — ich begreife ihn. Gar nichts Ungewöhnliches sind Sätze wie die folgenden: ,,A. fuhr auf, machte dem B. die bittersten Vorwürfe, wider- legte seine Einwendungen mit den gewichtigsten Gründen" u. s. w^ Wenn man, z. B. in einem Zeitungsartikel, alle bildlichen Ausdrücke dieser Ali: unterstreicht, so wird man über das Ergebniss erstaunen; denn in der Regel fällt uns hier das Bildliche gar nicht mehr auf: es liegt unter der Oberfläche. Und nun beachte man, woher Alles die Bilder entlehnt sind. Es handle sich um Gemüthszustände: da leiht die Musik die Stimmung, — das Wetter AVärme, Kälte, Wetterwendigkeit, Schwüle, Trockenheit, — das Licht Klarheit, Rosenfarbe, Betrübniss, — der Stoff Festigkeit, Härte, Schwere und ihr Gegen- theil, das Kochen, Gähren, Aufbrausen u. s. w., — der Geschmack Bitterkeit, Säure, Herbheit. Seltsam auch, wie die verschiedenartigsten, im Grunde wider- sprechendsten Prädicate zusammen an eine Deichsel gespannt werden können. Erzählte Jemand, ein Vortrag sei trocken, recht wässerig, dabei durchaus nicht fliessend gewesen: so würde sich Mancher besinnen, ob hier Witz oder Dumm- heit die Worte zusammengereiht habe, und Mancher würde wohl gar nichts Auffälliges dabei bemerken. Vom Sprachforscher ist es nun aber zu verlangen, dass er auf alle solche Erscheinungen seine Sinne schärfe, und dazu bietet ihm die Muttersprache und der tägliche Verkehr Gelegenheit die Hülle und Fülle. Auch geht ihn keines- wegs nur das Richtige, Erlaubte an, sondern auch das Fehlerhafte ist für ihn wichtig, die lapsus linguac, calami, mentis, besser: die Denkfehler, auf denen die Rede- und Schreibfehler berulien. Im Verhältniss zur Rede geht das Denken so schnell von statten, dass der Ge- danke den Worten nicht Schritt auf Scliritt folgen mag, sondern im besten Falle imi sie herum schweift, wie ein flinker Hund um seinen Herrn: jetzt eine Strecke voraus, jetzt ein Stück zurück, jetzt links oder rechts querfeldein. Nur eben ist die Rede nicht Herrin sondern Dienerin, und es kann ihr geschehen, dass sie durch die Kreuz- imd Quersprünge des Gedankens vom Wege abgelenkt wird. So ge- schieht es denn, dass man aus der Construction fällt, sich verfitzt, vom Gegen- stande abkommt, sich wiederholt oder vorgreift. Von Anfang an war der Rede Ziel und Marschroute vorgezeichnet: der Geist aber, der sie umschwärmt, lässt sich nur zu gern in seinem Laufe von Ursachen leiten, statt von Zwecken. Jene Ursachen 6ind Ideenassociationen : eine Vorstellimg führt zur anderen, und man geräth „vom Hundertsten aufs Tausendste'', (ierade hierin äussert sich die geistige Eigenart imd die jeweilige Stinmiung der Menschen. Unsre Seele gleicht 44 I, T. Schulung des Sprachforschers. nicht ganz dem mnsikalischen Instrumente, bei dem jede Saite gleichstark mit- hallt, wenn ein verwandter Ton angeschlagen wird: das Eine findet bei ihr leb- hafteren, das Andere matteren Anklang, Manches lässt sie ganz gleichgültig; — dort genügt die leiseste Hindeutung, eine zufällige Berührung, xmi sie zu erregen, hier verhält sie sich wie ein Tauber, dem man umsonst in die Ohren schreien mag. Es giebt Anziehungskräfte, denen der sich selbst überlassene Geist, sobald er in ihren Bereich kommt, folgen muss, wie der schwimmende Magnet dem Eisen. Auch in der Verkettung der Vorstellungen und Gedanken waltet Sym- pathie, Apathie, vielleicht auch Antipathie. Was nun von den einzelnen Menschen, das gilt auch von den Völkern, was von den einzelnen Reden, das gilt auch von den Sprachen: hier sind diese, dort jene Associationen bevorzugt; andere Ideen verknüpft der mythenbildende Arier mit den Erscheinungen der Natur, andere der nüchtern verständige Chinese. Und weiter: was von den Dingen, den Vorstellungen und Begriffen gilt, das gilt auch von ihren sprachlichen Ausdrücken, den Wörtern und Formen. Auch dem Vergleichbares finden wir in nächster Nähe. Geschlecht, Alter, Beruf des Menschen, die Umgebung, in die er gestellt ist, beeinflussen seine Denkgewohnheiten. Wo der Volkshumor die Berufsarten zur Zielscheibe wählt, da hält er sich mit Vorliebe an ihre geistigen Einseitigkeiten imd deren lächer- liche Wirkungen. Auf niederer Culturstufe aber vertheilen sich die Berufsarten völkerweise: wir haben Jäger-, Fischer-, Hirtenvölker u. s. w. — genug bei ihnen, wenn Priester und Zauberer und allenfalls noch Schmiede oder Töpfer besondere Classen bilden. Bei uns mildern sich doch die Einseitigkeiten durch den Verkehr der verschiedenen Stände nnd durch die Schulbildung; das fehlt aber dort, und so begreifen wir es, wenn ihre Sprachen den bevorzugten Denk- richtungen, gefolgt, das heisst mehr oder weniger einseitig ausgebildet sind. Ich erwähnte vorhin die Sprachfehler, die wir selbst oft genug in der Über- eilung machen, und die wir in den Reden der Kinder imd Ungebildeten hören: falsche Constructionen, falsche Formbildungen u. s. w. Der Norddeutsche ver- wechselt Dativ und Accusativ, in Österreich hört man: gefurchten, gewunschen, statt gefürchtet, gewünscht, — in Schwaben: gedenkt, statt gedacht, — in Hannover gelegentlich: verstochen, statt versteckt; bei Kindern geschieht der- gleichen allerwärts, und überall reden wir von grammatischen Fehlem. Allein jene grammatischen Veränderungen, die keiner Sprache erspart bleiben, was waren sie ursprünglich anderes, als grammatische Fehler? Unsere Altvordern unterschieden noch scharf zwischen transitiven und intransitiven Verben; wie „gesetzt' nnd „gesessen", so standen bei ihnen einander gegenüber: „gebrannt*' imd „gebronnen", „verderbt" und „verdorben". Heute sagt und schreibt man unbedenklich: „er frug", statt: er fragte. Der aber zuerst so gesagt hat, der hat falsch gesprochen, gerade so falsch, wie ein Kind, das etwa sagt: Ich habe §. 3. b. Psychologische Schulung. 45 die Tasse ausgetrinkt Man versteht, wie das Kind dazu kommt, die leicht bUdbare Fonn der schwachen Verba über Gebühr auszudehnen; und wiederum versteht man es, warum etwa ein ungebildeter Norddeutscher sagt „gewunken" statt „gewinkt^'. In beiden Fällen hat die Analogie gewirkt. Schwerer begreift man, warum ein Theil der Fehler nachträglich durch den allgemeinen Gebrauch geheiligt wird, der andere nicht Und doch bietet auch hierfür eine Jedem zu- gängliche Erfahrung Anhalt Ich erinnere an den Ausdruck „bei Muttern", der sich während der Kriegsjahre 1870 — 1871 durch unser Heer und dann weiter durch Deutschland verbreitete. Bismarck's „Wurschtigkeit" ist auf dem besten Wege, in den Wortschatz der Sprache aufgenommen zu werden; man liest es immer wieder in den Zeitungen, — wer weiss, wie bald es hier die ent- schuldigenden Anführungsstriche ablegen wird? Dort war es eine grosse Zeit, hier war es ein grosser Mann, der das Gassenmässige salonfähig machte. Die Geschichte der geflügelten Worte ist für unsre Wissenschaft gar bedeutsam; ihr Motto könnte das Sprichwort sein: Kleine Ursachen, grosse Wirkungen. Es sind von grossen Männern grosse Worte gesprochen worden, die nur bei Wenigen Wiederklang gefunden haben; und Plattheiten, Alltäglichkeiten konnten zur Ver- ewigung gelangen. Je enger, geschlossener ein Kreis ist, desto leichter wird in ihm der Einfall eines Einzelnen zum sprachlichen Gemeingute • werden. Familien und Clubs haben ihre stehenden Eedensarten und Witze, die Studenten und die verschiedenen Classen der fahrenden Leute, von den Schauspielern, Handlungsreisenden und Hand Werksburschen bis hinab zu den Gaunern haben ihre Standessprachen, ihren slang oder argot. Grosse Städte sind fruchtbare Brutstätten neuer Aus- drücke; denn je dichter die Menschen beisammenwohnen, desto mächtiger und schneller wirkt die Ansteckung, auch die geistige. Das Schaffen führt naturgemäss zum Abschaffen: der neue Ausdruck, wenn er nicht auch einem neuen Begriffe dient, kann den früher üblichen verdrängen. Daneben giebt es aber noch ein wirklich conventionelles Abschaffen ganz anderer Art: ein harmloses Wort wird euphemistisch oder scherzw^eise statt eines an- stössigen gebraucht; alle Welt kennt diesen Gebrauch, und nun gilt auch jenes Wort in der gesitteten Sprache für verpönt Die englische Zimpferlichkeit hat einen wahren index verborum prohibitorum aufgestellt Nicht viel anders ist es, wenn bei den Polynesien! der Machtspruch eines Häuptlings oder Priesters ein beliebiges Wort ausser Umlauf setzen, und statt dessen ein anderes ein- führen kann. Besondere Beachtung verdient die ungekünstelte Sprache des gemeinen Mannes, die, gerade weil sie so unbewusst natürlich aus der Seele hervorbricht, dem Beobachter eine Menge Geheimnisse verräth. Warum drückt sich der Mann jetzt so aus, jetzt anders? Warum sagt er jetzt: ein Haus bewohnen, ein Zimmer 46 I, V. Schulung des Sprachforschers. betreten, einen Baiun erklettern, — und jetzt wieder: in einem Hause wohnen, in ein Zimmer treten, auf einen Baum klettern? Was sollen jene eingeschaltenen Hülfswörter imd Redensarten, die seiner Sprache den Eindruck breiter Gemüthlicli- keit, wohl auch träger Unschlüssigkeit verleihen? Wo die Wortstellung Frei- heiten gestattet, was bestimmt ilmin seiner Wahl? Das Natürliche ist immer feiner als das Gemachte, die gewachsene Blume auf der Wiese ist feiner als die wächserne im Ladenfenster; und wer seine Muttersprache verständnissvoll hand- haben will, der nehme auch einen Lehrkursus beim Kleinbürger, beim Bauern und Tagelöhner. Luther und Lessing sind des Zeugen. Der Sprachforscher aber muss sich darin üben, jene Feinheiten zu erklären, das beisst ihre Unterschiede in Worten ausdrücken und wo möglich den Zusammenhang zwischen den Aus- drücken und ihren Bedeutungen nachzuweisen. Offenbar fängt er hier mit am Besten bei den Erscheinungen seiner Muttersprache an, die er ja am Genauesten kennen und am Richtigsten beurtheilen wird. Bei uns Culturmenschen wirken jeder sprachlichen Neuerung so und soviele erhaltene Kräfte entgegen: die Literatui*, die uns an das Altberechtigte erinnert, Schule, Kirche, Behörden, die gewissen classischen Sprachmustern folgen, endlich ein grosser Theil unsrer Landsleute selbst, der nicht so gutwillig das Altgewohnte für ein Neues hergiebt. Nun denke man sich aber einen kleinen, vereinzelten Stamm Wilder, — man sollte meinen, da müsste die Sprache sich unglaublich schnell verändern. Das mag stellenweise der Fall sein, ist es aber gewiss nicht überall, denn hier widerstrebt wohl den Neuerungen ein sehr starkes Beharrungs- vermögen, eine vis inertiae. Auch in unserer Wissenschaft gilt das bewährte Wort: Yerstehe dich selbst, so verstehst du Andere, Die Erfahrung lehrt aber, dass nichts lebhafter ziu- Selbstprüfung anregt, als der Umgang mit vielerlei Menschen. Wir beobachten, wie verschieden sie sich unter den gleichen Umständen, verhalten, und nun versenken wir uns in ihi-e Charaktere, versetzen uns in ihre Lagen, lernen do- ductiv zu beurtheilan, wie ein Jeder behandelt sein will, und inductiv aus seinen Äusserungen auf sein Wesen zu sehli essen; indem wir ihn an uns messen, messen wir ims an ihm. Zu Anfang • dieses Capitels habe ich an Beispielen ge- zeigt, aus wie verschiedenen Kreisen wissenschaftlichen Berufes unsere nam- haftesten Meister hervorgegangen sind. Wie billig, lieferten dabei die Philologen einige der besten Namen. Einen anderen Theil aber stellen Jene, die von Be- rufswegen praktische Menschenkenner sind, und es möchte schon der Mühe lohnen, diese Berufe mit den Richtungen der Sprachwissenschaft zu vergleichen, in denen sie sich besonders hervorgethan. Wissenschaftlicher Psycholog von Fach ist, dass ich wüsste, nur Einer, Hajim Steixthal. Anmerkung. Empfehlung verdient das feinsinnige Buch von Ph. Wegen er: Unter- suchungen über die Grundfragen des Sprachlebens. Halle 1885. §. ^. c. Logische Schulung. 47 §.4. c. Logische Schulung. Dass unsere Wissenschaft wie jede andere einen logisch geübten Geist voraussetzt, braucht kaum erst erwähnt zu werden. Es ist aber doch ein Unter- schied zwischen der theoretischen Beschäftigung mit der Logik und ihrer prak- tischen Verwerthung. Bekanntlich gehören an vielen Hochschulen die Vorlesungen über diese Wissenschaft zu denen, welche mehr belegt als besucht werden; und ein Gelehrter, wenn er nicht gerade seines Zeichens Philosoph ist, mag in seinem Fache sehr Hervorragendes leisten, ohne je ein logisches Colleg gehört oder ein logisches Lehrbuch in der Hand gehabt zu haben. Logisch denkt er darum flnch: das beweisen eben seine Leistungen. Die Sache ist die, dass uns jede Wissenschaft, ja eigeijüich das ganze Leben logisch schult, nur freilich meist mehr oder minder einseitig. Der Arzt fragt nach den Ursachen der Störungen und dann nach den Mitteln zub Heilung; ^li^r Politiker und Yerwaltungsmann operirt so ziemlich nach den gleichen Denk- gesetzen. Der Jurist legt das Gesetz nach sprachlichen und logischen Grund- sätzen aus und subsumirt ihm die Thatsachen. Anders wieder der Mathematiker, Chemiker, Mechaniker oder Physiolog. Wie verhält es sich mit dem Sprach- forscher? Seine Wissenschaft ist überaus vielseitig, auch in Rücksicht auf die lo- gischen Operationen, die in ihr vorherrschen, und eine gewisse Arbeitstheilung ist daher gerade in ihr wohl berechtigt. Der scharfsinnige Etymolog, der Meister im Vergleichen von Lauten und Formen mag ein sehr schlechter Syntaktiker j^ein; und jener, der es versteht, dem Sprachgebrauche seine letzten Feinheiten abzulauschen, ist darum noch nicht ohne Weiteres befähigt, das Ganze zu einem wissenschaftlichen grammatischen Systeme aufzubauen. Wir können und dürfen nicht ein Jeder Alles treiben, aber wir müssen streben einander zu verstehen. Darum müssen wir uns gegenseitig in unseren Werkstätten besuchen, die Arbeit des Nachbars beobachten, uns den Mitgenuss an ihren Erzeugnissen sichern. Offenbar setzt dies eine möglichst allseitige lo- (rische Bildung voraus, und offenbar ist eine solche am sichersten durch syste- matisches Studium zu gewinnen. Man bedenke auch dies: Jedes Wort und jede Form einer Sprache deckt einen bestimmten Vorstellungskreis, der wissenschaftlich beschrieben, dessen Mittelpunkt festgestellt werden will. Wird statt dessen weiter nichts geboten, als eine Reihe möglicher Übersetzungen, so mag dies zwar für den Schriftsteller und für den Leser recht bequem sein, ist aber doch nur ein unwissenschaftlicher Nothbehelf. Der Aufgabe einer zugleich zutreffenden imd verständlichen De- finition vermag nur ein logisch geschulter Geist gerecht zu werden. 48 I, V. Scliulung des Sprachforschers. Wäre das Alles, so wäre es schon Gewinnes genug. Allein es ist nur das Wenigste. In der That stellt die Logik Anforderungen nicht nur an den Spracli- forscher, sondern auch an die Sprache selbst. So verschieden die Sprachen sind, so giebt es doch allgemeine Denkkategorien, die sie alle ausdrücken müssen, wenn sich auch der Ausdruck zu ihnen verhalten mag, wie etwa die Formen der organischen Natur in ihrer unendlichen Mannichfaltigkeit zu jenen geometrischen Figuren, mit denen wir sie vergleichend beschreiben. Hier ist fachlich logische Schulung nöthig, wäre es auch nur imi die Vorurtheile zu überwinden, die wir von der lateinischen Grammatik her an andere geartete Sprachen zu bringen pflegen. Die logische Arbeit des Sprachforschers ist vorwiegend inductiv. Es gilt den Erscheinungen ihre Gesetze abzulauschen; darum gilt es, die Erscheinungen als Beispiele zu sammeln, die gesammelten zu sichten, das ihnen Gemeinsame zu erkennen, die erlangte Erkenn tniss in scharf und klar ausgesprochenen Lehr- sätzen zu» formuliren, endlich die Lehrsätze zu einem wohlgefügten Lehrgebäuilc» organisch zu vereinigen. Alles dies verlangt einen logisch gebildeten, das Letzt- erwähnte sogar einen philosophisch beanlagten Kopf. Das Sichten und Wählen der Beispiele aber setzt besonderen Takt^ und dieser wieder einige Übung vor- aus. Denn das Erfahrüngsmaterial ist nicht gleich werthig an Beweiski'aft Ein Gesetz kann die Wirkimg des anderen einschränken, verdunkeln, aufheben. Darum sind diejenigen Beispiele vorzuziehen, wo das zu erweisende Gesetz sich am Unzweifelhaftesten äussert, d. h. wo es sich am Ungestörtesten äussern konnto, am Klarsten äussern musste. Hier zeigt sich der Werth der Antithese. In zwei Fällen, Ä und B, stimmt Alles überein bis auf die zwei Punkte a imd b. Worin besteht also der Unterschied? Worin zeigt sich die Übereinstimmung von A mit C, D, J5, die alle auch a aufweisen, und von B mit F^ ff, J3, /, die alle b enthalten? Die Theorie ist so einfach wie nur möglich, aber die praktische Geschicklichkeit will erworben sein. § 5. d. Allgemein sprachwissenschaftliche Schulung. Sprachtalent und Sprachwissenschaft sind sehr verechiedene Dinge. Das Talent, das heisst die Fähigkeit zu rascher und sicherer Erlernung, kann mit dem Triebe und der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Begreifen gepaart sein, aber es ist es nicht immer. Wir wissen von Männern, die in Dutzenden von Sprachen mit Leichtigkeit lasen, gew^andt componirten, wohl auch. Dank einem feinen Ohre und beweglichen Sprachorganen, meisterlich plauderten, und die doch über alles das, was sie übten, weder sich noch Anderen Rechenschaft zu geben wussten. Der berühmte Cardinal Mezzofanti war ein solcher Yirtuos. Er soll §.6. d. Allgemein sprachwissenschaftliche Schulung. 49 schliesslich nahe an sechszig Sprachen geläufig gesprochen haben, war aber doch bescheiden genug, Zumpt um seine lateinische Grammatik zu beneiden: zu der- gleichen reichte sein Verstand nicht aus, das fühlte er. Und umgekehrt hören wir von verdienten Sprachforschem, deren Wissen sieh auf ein sehr enges Ge- biet beschränkte. Es waren Specialisten, vielleicht Meister in ihrer Specialität; wo sie sich aber aus ihrer Sphäre heraus auf das weite Gebiet der allgemeinen Sprachwissenschaft gewagt haben, da wurden sie im günstigsten Falle Dogmatiker und Schematiker nach Art jener älteren Sprachphilosophen, wohl auch Essayisten, die allerhand Lesefrüchte aus zweiter und dritter Hand mehr oder minder ge- schickt zur Schau ausstellten. Von ihren Büchern gilt, was mir mein verewigter Vater einmal sagte: „Während Du ein solches liesest, kannst Du eine neue Sprache hinzulernen, und davon hast Du mehr!" Er konnte sich in solchen Dingen wohl ein ürtheil zutrauen. Er hatte in die achtzig Sprachen getrieben, und das hiess bei ihm, wo immer es möglich war, soviel wie erlebt. Daneben war er in jener Literatur wohl belesen und wusste, wohin es führt, w^enn man ver- allgemeinernd von der Sprache redet, ehe man sich in der weiten Sprachen- welt umgeschaut hat In der That müsste es seltsam um unsre Wissenschaft stehen, weim sie nicht gleich den übrigen in erster Reihe Sachkenntniss voraussetzte. Das wird auch wolil allgemein anerkannt; nur über den Umfang des erforderlichen positiven Wissens bestehen Zweifel. Man verlangt wohl die genauesten Kenntnisse im Bereiche des eigenen engeren Faches, meint aber im Übrigen mit einem flüchtig orientirenden Überblicke genug zu thun, und nun hält man sich gutgläubig an Führer, die wohl mehr flüchtig als orientirend sind. Was man da lernen kann, davon habe ich früher einige Beispiele mitgetheilt (S. 29), die meines Vaters UrtheU bestätigen dürften. Ich habe mich gleichwohl seitdem etwas weiter in diesem Zweige unserer Literatur umgesehen und viel Geistreiches, An- ri'o^ndes darin gefunden, — neben Vielem, was geringeres Lob verdient*). Weit- tragende, fruchtbare Gedanken erwachsen oft auf einem sehr engen Beobachtungs- ^ebiete. Sich als gemeingültig erweisen können sie aber nur auf einem sehr weiten. Was vor zwei bis drei Menschenaltem die Sprachphilosophen gefehlt haben, sollte uns noch heute als warnendes Beispiel dienen. JS'aclf allgemeinen Grundsätzen haben wir zu streben nach wie vor, und auch dies Buch will für seinen Theil dahin wirken. Aber mehr als je haben wir uns vor verfrühten Ver- allgemeinerungen zu hüten. Respect vor den Thatsachen, Skepsis den Theorien gegenüber: das scheint mir der beste Wahlspruch einer jungen Wissenschaft *) Beiderlei allgemeinen Betrachtungen, zuweilen solchen, die man für Errungenschaften JLji3, L^ij, Jjl3 i um *Ain von Alif und Haniza zu unterscheiden. So wirken Ohr und Auge zusammen, um die lästige Gedächt- nissarbeit zu fördern. §. 3. C. Au8 Texten. Es handle sich lun eine Sprache, für deren Erlernung uns keine gramma- tischen noch lexikalischen Hülfsmittel zur Verfügimg stehen, in der mis aber Texte vorliegen. Diese Arbeit stellt, wie kaum eine andere, den linguistischen Takt, den combinirenden Scharfsinn, oft auch die Ausdauer des Forschei's auf (he Probe und ist ebenso lohnend wie anregend. Wir müssen die Umstände, «iie ihre Möglichkeit bedingen, einzeln in's Auge fassen. Vor Allem bedarf es (ausser der Schrift) mindestens noch einer bekannten (»ri'jsse: entweder wissen wir, was der Text enthält, oder wir erkennen die Ver- wandtschaft der fremden Sprache mit einer uns zugänglichen; oft trifft Beides zusammen, z. B. bei Bibelübei'setzungen in Sprachen malaio-polynesischen oder kongo-kaffrischen (Bantu-)Stammes. Die Texte, um die es sich hier handelt rühren meist von Missionaren her: es sind Übersetziuigen von Bibelstücken oder von bekannten Katechismen und gcittesdienstlichen Büchern, dann, zumal bei den Katholiken, oft mit gegenüber- stehendem Texte in einer europäischen Sprache. Zuweilen sind es auch Volkssagen und Gespräche, denen eine Übersetzung beigefügt ist. Das sind die günstigsten, zun) Glücke auch die gewöhnlichsten Fälle. Ist dcinn das Textmaterial nicht 74 II, IV. Spracherlernung. ZU dürftig, die Sprache nicht gar zu schwierig: kSO wüsste ich nicht, Aver vor der Aufgabe zurückschrecken sollte. Ich könnte einen Mann nennen, der ohne jede Anleitung, ja ohne jede höhere Schulbildung, aus blosser Liebhaberei eine ansehnliche Zahl asiatisclier und afrikanischer Sprachen auf diese Art aus Bibel- übersetzungen erlernt hat. Vielen Scharfsinnes und einer gewissen Routine bedarf es dagegen, wenn mau nur den allgemeinen Inhalt des Textes ahnt. Katechismen sind zuweilen von iliren Verfassern frei entAvorfen: die zehn Gebote, das apostolische Olauben^- bekenntniss, das Vaterujiser, in katholischen Büchern dieser Art auch nocli einiges Andere, was zu dem Unerlässlichen gehört, erkennt man wohl leicht; das hilft aber nicht weit. Nun entdeckt man mit Hülfe der bisher ermittelten Wörter und ebvaiger Eigennamen den Inhalt anderer Stücke, in denen der Stil des Ver- fassers freieren Spielraum hat, z. B. Schöpfungsgeschichte, Sündenfall u. dgl., lernt dabei Neues hinzu, und so reist man „auf der Vetterstrasse^' weiter. Mein ver- ewigter Vater hat in seinen „Melanesischen Sprachen'' durch die That bewiesen, wieviel Gewinn ein geübter Scharfsinn auch aus solchen, oft sehr mageren Quellen zu ziehen vennag. Die Enträthselung von Texten mit alleiniger Hülfe bekannter Sprachen oder Dialekte ist zumal unsern paläogi-aphischen Foi'scheni geläufig. Ihnen verdanken wir die Bekanntschaft mit manchen altgiiechischen Dialekten, mit den Schwestor- sprachen des Lateinischen, dem Altgallischen u. s. w. Immerhin ist der Weg von Sprache zu Sprache kein ganz sicherer, weil oft die gleichen Wörter hüben luid drüben sehr verechiedene Bedeutungen haben; man denke an englisch hnight, Ritter, deutsch: Knecht, englisch A:w«t;(?, Schurke, deutsch: Knabe. Dann aber sind auch ziemlich nahe Verwandtschaften nicht inmier augenfällig. Ein Spanier oder Portugiese wird sich ziemlich leicht in einem italienischen Texte ziu'echtfinden, — ein Italiener wahrscheinlich schon etwas schwerer in einem spanischen oder portugiesischen. Legt man ihm vollends ein rumänisches Zeitimgsblatt vor, sn wird er lange an den sonderbaren Conjmictionen, Präpositii^nen und Casusfonnen Anstoss nehmen, ehe er wirkliche Verwandtschaft mit dem Italienischen, — mehr als blosse Wortentlehnungen — anerkennt. Und doch steht das Rumänisciie in manchen Punkten seines Lautwesens dem Toskanischen näher, als das Portu- giesische. Es könnte scheinen, fi*emdsprachigen Texten gegenüber wären wir von allem Anfange an lediglich auf gelehrtes Forschen angewiesen. Dem ist nicht so; auch hier bewährt sich für's Erete oft ein rein naives Verhalten. Man lese ein paar Seiten, am besten laut oder halblaut, um dem Gedächtnisse auch dui'ch's Gehör zu Hülfe zu koimnen. Um eine richtige Aussprache braucht man si(*h dabei nicht simderlich zu bemühen, nur untei-scheide man, was vewchieden ge- schrieben ist. Bald wird man gewahr, dass sich Wörter, wohl auch Wortstämnio §. 3. C. Aus Texten. 75 und Wortformen wiederholen, und entdeckt gelegentlich deren Bedeutung. So findet sich denn ganz allmählich der Instinkt der Analyse ein, der Text plaudert uns vor, und von Seite zu Seite lernen wir ihn besser vei'stehen. Wer scluiell auswendig lernt und eben nur der Sprache praktisch mächtig werden will, der dürfte auf diese Weise rascher zum Ziele kommen, als wenn er nach Forscherart gewissenhaft Collectaneen führte. Das war die Metliode des gi'ossen Autodidakten Heinrich ScmjEMANX. Er bediente sich des F6n61on'sclien T616maque, bekanntlich eines der Bücher, die die meisten Übersetzungen erlebt haben. Den Urtext kannte er: und von der Übersetzung lernte er soviel auswendig, als er brauchte, um der Sprache leidlich Meister zu sein. Das Weitere tliat dann der Verkehr mit Eingeborenen und die Leetüre von Originalschriften. Aus hodegetischen Oründen kann ich nur jedem Sprachforscher empfehlen, dass er sich gelegentlich in dieser Art der Spracherleniung versuche. Wählt man eine fremdgeartete, nicht gar zu schwierige Sprache, ebva eine Bantufamilie, eine malaische, polynesische oder melanesische, eine uralaltische, so kann man, auch wenn man sich noch nie zuvor in dem beti^effenden Sprachenkreise umge- sehen hat, des Erfolges gewiss sein. Dabei empfängt man eine Fülle ganz neuer wissenschaftlicher Anregungen, der Scharfsinn übt sich, und man hat nach kurzer, allerdings trockener Arbeit den Genuss einer stündlich wachsenden, selbsterzeugten Erkenntniss. Zudem sieht man die Fertigkeit in dieser Forschimgsmethode durch Übung sich ausserordentlich steigern. Wir wissen, nicht immer ist Sprachtalent mit sprachwissenschaftlicher Befähigung gleichbedeutend. Wird es aber in dieser Schule erzogen, so ist zu erwarten, dass mit ihm zugleich auch die Sicherheit des wissenschaftlichen UrtheUs gewinne, denn ganz vcm selbst gesellt sich zu solcher Praxis auch das theoretische Nachdenken. V. Capitel. Erforschung der Einzelsprache. §. 1. Bisher handelte es sich um das Erlernen, das heisst um die blosse An- eignung einer bei Anderen schon vorhandenen Keiuitniss oder Fertigkeit. Foi-tan haben wir es mit der Thätigkeit des Forschers zu thun, der neues Wissen ge- winnen will. Sein Ziel ist nicht blos Kenntniss, sondern Erkenntniss, d. h. Ein- sicht in den Zusammenhang der Dinge. An dieser Stelle möchte ich die Sprache nicht nur mit einem Organismus, sondern geradezu mit einer Persönlichkeit vergleichen. Denn es handelt sich 76 II, V. Erforschung der Einzelsprache. weniger um eine physiologische, als um eine seelisch-intellectuelle Einheit, um eine Individualität, einen Charakter, der sich in allen, selbst den geringfügsten Lebensäusserungen bewähi^en wird^ selbst da, wo störende Mächte seine freie Entfaltung verkümmert haben. Hier zeigt sich nun der ganze Ernst der Aufgabe. Die Einzelsprache be- steht aus zahllosen Künsten, äussert sich in imendlich mannicbfaltigen Redege- bilden, die Regeln werden von Ausnahmen durchbrochen, und diese sind für den wissenschaftlichen Beobachter nicht minder wichtig als jene. Mehr noch: innerhalb der nationalen Individualität der Sprache ist der persönlichen Indivi- dualität der iSprechenden ein mehr oder weniger weiter Spielraum gelassen, luid auch dies, das Mass der Freiheit, gehört zum Charakter der Sprache. Jede Sprache verkörpert eine Weltanschauung, die Weltanschauung einer Nation. Sie stellt eine Welt dar, da« heisst zunächst die Gesammtheit der Vor- stellungen, in denen und über die sich das Denken eines Volkes bewegt; und sie ist der unmittelbarste und bündigste Ausdruck für die Art, wie diese Welt angeschaut, für die Fonnen, die Ordnung und die Beziehungen, in denen die (jesammtheit ihrer Objekte gedacht wird. Wer sie so versteht, — und nur der versteht sie wissenschaftlich, — zu dem redet durch sie das Volk: Dies ist mein Standpunkt dies also mein geistiger Gesichtskreis und die Perspective, in der sich für mich die Dinge gruppiren, — und dies ist die Eigenart meines geistigen Auges, womit ich die Welt betrachte, und das sich an und in dieser Welt geschult hat. Es ist nicht hier der Ort, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, der für die allgemeine Sprachwissenschaft- einer der fi-uchtbarsten ist Genug, jede Spraclie liefert uns ein ganz individuelles und ganz einheitliches Bild. Was dem grü- belnden Scharfsinn so schwer gelingt, ein folgerichtig durchgeführtes System, das hat hier, unbewusst und ungewollt ein naiver Geist in voller Gesetzmässig- keit geschaffen, einen Riesenbau, dessen kleinster Keim, richtig gedeutet vom Plane des Ganzen zeugen würde, und dessen Plan nun umgekehrt im letzten Keime nachgewiesen werden sollte. Alle wahrhaft wissenschaftliche Dai^stellung ist ein Nachschaffen. Der Gegenstand der einzelsprachlichen Forschung ist die Sprache als Rede: die soll aus dem nationalen Sprachvermögen erklärt werden, nachdem dieses, inductiv, aus ilu' ermittelt worden ist. Sie hat nicht den Ursprung dieses Vermögens zu erklären, — das ist Sache der allgemeinen Sprachwissenschaft — auch nicht dessen zeitliche Wandelungen zu verfolgen, — das gehört der Sprachgeschichte an, — sondern sie soll dies Vermögen, wie es jeweilig ist, entdecken, beschreiben und bis in die letzten seiner Windungen hinein verfolgen. Sie soU nachschaffen, (las heisst die Form ihrer Darstellung der Sache selbst ablauschen. So ver- standen, ist ihre Arbeit ebenso schwierig wie reizvoll; zum Scharf- und Tief- sinne des J'orschei's sollte die Gestaltungskraft des Künstlers kommen. §. 2. A. Anlegung und Führung der Collectaneen. 77 Es galt hier, wie immer, die Aufgabe zunächst in's (irosse uiid rein ideal zu fassen, um erst dann auf die Einzelziele der Forschung und ihre Erreichbar- keit einzugehen. Denn in der That können die Fälle sehr verschieden liegen, je nach der Aufgabe, die ich mir stelle, und nach den Vorkenntnissen, die ich mitbringe. Einen deutschen Schriftsteller des siebzehnten Jahrhunderts liest noch heute jeder Deutsche ohne Schwierigkeit, und bei einiger Übung und Formgewandtheit wird er seine Schreibweise täuschend nachahmen köimen. Kommt es nui* darauf an, das Deutsche des siebzehnten Jahrhunderts auf ge- wisse Eigenthümlichkeiten hin zu untersuchen, so ist von Hause aus des Un- bekannten im Verhältnisse zum Bekannten sehr wenig. Ebenso, wenn wir etwa einen uns geläufigen Dialekt unsrer Muttersprache zum Gegenstande der Cntei'suchung wählen. Solche Arbeiten bleiben auch besser der historisch-genealogischen For- schung vorbehalten, weil die Vergleichung mit anderen Entwickelungsphasen oder anderen Dialekten der Sprache inuner dabei die Hauptrolle spielen wird. Nun setzen wir das andere Extrem: es gelte die Erkenntniss einer uns völlig unbe- kannten Sprache: da kann die wissenschaftliche Arbeit zugleich mit der prak- tischen Aneignung beginnen. Diese Arbeit fängt an mit dem zweckbewussten Sammeln, also mit der Anlage und Führung von Collectaneen. s 9 A. Anlegung und Ftthrung der Collectaneen. Es handle sich um eine ganz fremde Sprache, so ist Alles an ihr gleich wichtig, darum gleich sammelnswerth: jedes Wort, jede grammatische Erschei- nung, beide in jeder ihrer Bedeutimgen imd Anwendungen; — Alles will mit gleicher Sorgfalt aufgezeichnet sein, weil Alles noch neu ist. Dies ändert sich mit der Zeit; des Erkannten und Bekannten wird stündlich mehr, und die Ge- fahr ist dann nur, dass man zu früh im Sammeln nachlässt, weil man für be- kannt oder gleichartig hält, was es nicht ist, oder weil man voreilig verallge- meinert hat. Zumal vor letzterem Fehler ist hier wie überall zu warnen, ist es doch recht eigentlich der Fehler der guten Köpfe. Auf Ausnahmen muss man immer gefasst sein, und wo sie auftreten, da gewinnen alle Beispiele der zuvor entdeckten Regel an WeiHi. Im Deutschen haben die Verben singen, springen, klingen, zwingen, ringen u. s. w. gleiche Conjugation; gäbe es nicht die Ausnahmen bringen, umringen, so dürfte sich der Grammatiker mit der Regel begnügen: Verba auf — ingen sind stark und haben die Ablautsreihe i,a,u. Jene Ausnahmen aber verlangen so zu sagen als Gegengewicht ein vollständiges Verzeichniss der dieser Regel folgenden Verba. Das fortwährende Blättern in den Collectaneen und Einschreiben ist aber nicht nur lästig, sondern geradezu hemmend, nachtheilig für den Fortschritt im 78 II, V. Erforschung der Einzelsprache. Lernen. Denn es lässt uns niclit dazu kommen, unbefangen in und mit der fremden Sprache zu verkehren, uns in ihr einzubürgern. Doppelter Grund also, das Sammeln zeitweise zu unterbrechen und die durchgearbeiteten Textstücke nochmals cursorisch zu lesen. Meiner Erfahrung nach gelangt man gerade hier- bei oft zu neuen, grösseren Gesichtspunkten: die Theile werden vom Ganzen belebt, erleuchtet imd erwärmt, — das ahnt man von Anfang an, bald wird man es mit einer Art unbestimmten Behagens empfinden, endlich lernt man es wissenschaftlich verstehen. Wie soll man Collectaneen anlegen und führen? Practica est multiplex. Jeder hat seine eigenen Gewohnheiten, oft so eigene, dass kein Anderer seine Sammlungen fortführen, sie verarbeiten mag. Das sollte und könnte anders sein, wenn die Collectaneen anders wären, wenn die Methodenlehre unsrer Wissenschaft es nicht unter ihrer Würde hielte, sich mit der äusserlichsten Technik zu befassen. Es ist aber sicherlich nicht gleichgültig, ob mir die Ver- arbeitung meiner Collectaneen einfache, doppelte oder dreifache Zeit kostet, — nicht gleichgültig, ob die Früchte meines Sammelfleisses, wenn ich nicht dazu komme sie zu verwerthen, für Andere brauchbar sind oder auf ewig der Wissenschaft verloren gehen. Dadurch mögen sich die folgenden Andeutungen rechtfertigen. I. Die Collectaneen zerfallen naturgemäss in lexikalische und grammatika- lische, und letztere sind bei einer noch unbekannten Sprache zunächst die wich- tigeren. Es gilt aus den Beispielen den Sprachbau zu ermitteln, und zum Ver- ständnisse der Beispiele gehört die Kenntniss von der Bedeutung der Wörter. n. In der Form der Sanmilungen herrscht grosse Mannigfaltigkeit Im Allgemeinen empfiehlt es sich, das Papier nicht zu sparen, deutlich aber klein zu schreiben, damit möglichst viel Gleichartiges auf dem zugemessenen Baume untergebracht werde. a) Bücher mit weissem Papier durchschiessen zu lassen ist anfangs bequem, aber nur in wenigen Fällen räthlich. Ein anerkannt tüchtiges, nicht allzu kurzes Buch, etwa die Grammatik oder das Wörterbuch einer vielbearbeiteten Sprache, mag Nachträge, stellenweise Berichtigungen, aber voraussichtlich keine weit- gehende Umgestaltung verlangen: so stelle ich mir in einem durchschossenen Exemplare eine Art „neuer, vermehrter und verbesserter Auflage" her. Gilt es, für ein Wörterbuch zu sammeln, worin die fremde Sprache die zweite Stelle einnimmt, so ist es sehr zweckmässig, ein anderes gleichartiges Buch so zu sagen als Massstab zwischenheften zu lassen. Es handle sich z. B. darum, ein aus- führliches deutsch -japanisches Wörterbuch herzustellen: so lasse ich ein ähn- lich ausführliches, etwas weitläufig gedrucktes Wörterbuch, etwa ein deutsch- engliches oder deutsch-russisches, durchschiessen, weiss nun, an welcher Stelle ich jeden Eintrag zu machen habe, brauche nicht zu fürchten, dass der Raum nicht zulange, imd werde immer an die gebliebenen Lücken gemahnt. §. 2. A. Anlegung und Führung der Collectaneen. 79 b) Collectaneen in gebundenen, nicht durchschossenen Büchern sind höchstens Reisenden zu empfehlen. c) Buchähnliche Collectaneen auf losen, gefalteten Bogen sind für granima- ti>che Zwecke brauchbarer als für lexikalische. Ist der Umfang des gramma- tischen Materials nicht abzusehen, so muss man jedem Rubrum ein besonderes zweiseitiges) Blatt widmen, um immer neue Blätter einschieben zu können. Steht zu erwarten, dass die Grammatik kurz ausfalle, ist etw^a die Sprache be- sonders einfach oder der Textstoff wenig umfangreich, so kann man zum Vor- rlieile der Handlichkeit •mehrerlei auf einer Seite eintragen. d) Zettelcollectaneen empfehlen sich zumal für lexikalische Zwecke. Nichts ist bequemer sowohl in der Anlage, wie in der Benutzimg. Für syntaktische Beispielsammlungen empfehle ich Folgendes: Man ti'ägt die Beispiele, wie sie klimmen, untereinander ein auf lange Papiei*streifen, die natürlich nur auf einer Seite zu beschreiben sind; dann zerschneidet man die Streifen und vertheilt die Zettel in Brief couverts mit entsprechenden Aufschriften. Dies Zettel wesen hat (las Angenehme, dass man des ewigen Hin- und Herblättems und Löschens über- höben ist: nur leider verzetteln sich die Zettelchen auch gern! UI. Alle Einträge sind mit genauer Stellenangabe zu versehen. Satzbeispielo sind, am Besten mit Übersetzung voll auszuschreiben. Dadurch erspart man sich (las nochmalige Aufschlagen, überschaut das Inductionsmaterial mit einem Blicke lind kann nach Befinden Theile der Collectaneen in das druckfertige ilanuscript (^infügen. IV. Zunächst ist Reichhaltigkeit und Übersichtlichkeit zu ei'streben. DieAn- «trdnmig der Sammlung ist anfangs ganz unvorgreiflich, das Wörterbuch alpha- betisch, die grammatischen Collectaneen etwa in die Capitel imsrer Gramma- tiken getheilt: Lautlehre, Substantivum, Adjectivum u. s. w. Kennt man Ver- wandte der betreffenden Sprache, so mag man vorläufig deren Grammatik zum iluster nehmen; — doch darauf kommt wenig an, das System soll ja erst ge- funden werden. Im Specialisiren kann man nicht leicht zu weit gehen. Vieles, was man anfänglich getrennt hat, schliesst sich mit der Zeit von selbst zu einer Einheit zusammen, und w^eim man dann den allgemeinen Lehrsatz ausspricht, s»j weiss man, dass man ihn bis in seine letzten Folgen beweisen kann. 4. 3. B. Prüfung und Ordnung der Collectaneen. Schon während des Sammeins mögen die Collectaneen nicht niu- an Gehalt,, sondern auch an Gestalt und Ordnung gewinnen. Vor unseren Augen ver- knüpfen sich die früheren Beobachtungen mit den neu hinzutretenden, Schranken, «lie man um einer vorläufigen Ordnung willen aufgerichtet hatte, fallen, neue Kategorien werden entdeckt, die ursprünglichen Capitelüberschriften durch passen^ 80 II, V. Erforschung der Einzelsprache. dere ersetzt, neue Capitel angelegt. Das Wörterbuch, zunächst roh alphabetiscli geordnet, lässt Wortstämme, Wurzeln, Bildungselemente erkennen, die in die grammatischen Collectaneen Aufnahme verlangen; diese ihrerseits gerathea je länger je mehr mit sich selbst in Widerspruch, ihre ganze Einrichtung wirr! entweder Stück für Stück umgestürzt oder im bösen Glauben beibehalten wie eine Fable convenue. Macht man nun Schicht mit der Arbeit des Samraelns, will man zur Ausarbeitung gehen, so muss der ganze Stoff noch einmal gesichtet und geordnet werden, und hier zeigt sich der Vortheil jener losen Zettel, Blattei* und Bogen, die man verschieben und legen kami wie die Blätter eines Karten- spieles. Dabei ergeben sich wohl auch Mängel, zu deren Abhülfe noch Zeit ist: Beispiele sind — zumal bei Beginn der Forschung — falsch erklärt, am un- rechten Orte eingetragen worden; gewisse Erscheinungen hat man über Bedarf begünstigt, andere zur Ungebühr vernachlässigt. Neue Anschauungen werden gewonnen: ein einzelnes Beispiel, das bisher in der Masse der übrigen verechwaiid, verbreitet plötzlich über eine ganze Gnippe von Ei-scheinungen ein neues Lieht. So kann es kommen, dass man die Arbeit des Lesens und Sammeins nochmals aufnimmt und schliesslich ein ganz anderes Buch schreibt^ als man sich erst vorgestellt hatte. Beim lexikalischen Sannnein wird man von selbst auf das Neue aufmerksam, weil es eben ein Unbekanntes ist, das man beim Nachschlagen vergeblich sucht. Über neue grammatische Erscheinungen aber schlüpft man nur zu leicht hinweg, wenn sie nicht besondere Schwierigkeiten bieten. Und auch jene Vorliebe für gewisse Theile der Grammatik auf Kosten anderer ist nur zu natürlich. Man gewinnt bald der inductiven Arbeit eine Entdeckeifreude ab, die ge- radezu verführerisch werden kann. Man möchte eben immer Neues entdecken, hat seine Wonne an der Mannigfaltigkeit des Gefundenen und betäubt dabei den Sinn für die Einheit imd Einfachheit. Man glaubt, Ausnahmen, Freiheiten, Willkürlichkeiten nachweisen zu können, ehe man ernstlich versucht hat, das seltsam Scheinende den bekannten Gesetzen unterzuordnen. Die meisten Sprachen sind einfacher, folgerichtiger, als sie scheinen, und andererseits doch auch viel feiner imd beweglicher, als man nach flüchtiger Betrachtung glauben sollte. Beiden Seiten sollte der Sprachforscher in gleichem Masse gerecht werden; mit dem Zartsinn des Philologen sollte er dem Ausdrucke seine leisesten Abschattungen ablauschen, — und dann sollte er wieder, imerbittlich wie ein Natin*forscher auf Gesetzlichkeit dringen, bis ihn sein Stoff ebenso unerbittlich daran gemahnt, dass jenes Geistesleben, das sich in der Sprache äussert, doch ganz anderen Wechsel- fällen und Launen unterliegt^ als die Körperwolt. §.1. A. Die Grammatik. 81 VI. Capitel. Darstellung der Einzelsprache. A. Die Grammatik. Sprachkenntniss ist Eenntiiiss des Sprachbaues und des Sprachschatzes; die Darstellung des Sprachbaues ist Aufgabe der Grammatik, seine Kenntniss noth- wendiges Erfordemiss des Grammatikers, aber nicht sein einziges Erfordemiss. Sprache ist gegliederter Ausdruck des Gedankens, und Gedanke ist Ver- bindung Ton Begriffen. Die menschliche Sprache will aber nicht nur die zu verbindenden Begriffe und die Art ihrer logischen Beziehungen ausdrücken, son- dern auch das Verhältniss des Redenden zur Bede; ich will nicht nur etwas aussprechen, sondern auch mich aussprechen, und so tritt zum logischen Factor, diesen vielfältig dui^chdringend, ein psychologischer. Ein dritter Factor kann hinzukommen: die räumlichen und zeitlichen Anschauungsformen. Die innere Sprachform ist in ihrem grammatischen Theile nichts weiter, als die Auf- fassung dieser drei Beziehungsarten: der logischen, der psychologischen und der räumlichzeitlichen. Die Art und Weise, wie diese drei zimi Ausdrucke gebracht werden, nennen wir den Sprachbau. Grammatik nun ist die Lehre vom Sprach- baue, mithin von der Sprachform, der äusseren, das heisst der Ausdrucksform för jene Beziehungen, und also mittelbar insoweit zugleich der inneren Form, das heisst der dem Sprachbaue zu Grunde liegenden Weltanschauung. Jene äussere Sprachform, und mithin auch die innere, ist eine analytische, das heisst der Gedanke wird in seine Bestandtheile zerlegt und in diesem zerlegten Zu- stande zum Ausdrucke gebracht Der Analyse entspricht als (synthetisches) Er- gebniss ein organisch gegliederter Köiper, das heisst ein Satz oder ein Satz- wort*), worinnen das Ganze und die Theile zu einander in Wechselwirkung stehen. Sprachbau ist zunächst Satzbau, und dann natürlich wieder zuhöchst 'Satzbau. Wir denken uns eine ideale Grammatik und fragen: wie muss sie beschaffen sein? Yor Allem vollständig, — das versteht sich von selbst. Dann aber auch richtig, imd dies begreift etwas mehr in sich, als man wohl gemeiniglich denkt, ^ur zu leicht bildet man sich ein, diesem Ansprüche genügt zu haben, wenn öian die einzelnen Kegeln und Erscheinungen der Sprache treu und deutlich wiedergegeben imd gebührend mit Beispielen belegt hat. Yon der Anordnung des Stoffes verlangt man methodische Zweckmässigkeit und weiter nichts. Wir haben gute Lehrbücher, die ihre Aufgabe so und nur so auffassen. Solche *) Z. B. lateinisch: dormit, laudantur. ▼. d. Gabelentf, Die Spncb Wissenschaft. 2. Aufl. 6 82 II, VI. Darstellung der Einzelsprache. mögen in allen ihren Theilen wissenschaftlich sein, — im Ganzen, ich meine als Ganze sind sie es nicht. Denn eine DarsteUung ist nur dann wissenschaftlich, wenn sie sachgemäss ist, und wo die Sache ihre Ordnung in sich selbst trägt, da muss die Darstellung dieser Ordnung folgen, sonst thut sie der Sache un- wissenschaftlichen Zwang an. Man sollte meinen, es wäre selbstverständlich, dass wenigstens das Nächstverwandte, dessen Zusammenhang auch dem blöden Auge einleuchtet, nicht auseinandergerissen werden darf; aber auch das Selbstver- ständliche verlangt Verstand. Im Lateinischen regieren bekanntlich nuho, parco^ benedico u. s. w. den Dativ, während die entsprechenden deutschen Verba accu- sativisches Object haben. Ich entsinne mich aber in einer weitverbreiteten la- teinischen Schulgrammatik jene Verben im Capitel vom Accusative aufgezählt gefunden zu haben, und dergleichen ist möglich, nachdem, ich weiss nicht wieviele lateinische Grammatiken in, ich weiss nicht wie vielen Auflagen bei uns zu Lande das Licht der Welt erblickt, und vermuthlich die Nachfolger immer von ihren Vorgängern gelernt haben. Derartige Fehler vermeidet man nun leicht, wenn man einmal darauf hingewiesen worden; und die Abfassung einer Schulgrammatik einer wohldurchforschten Sprache in mehr oder weniger hergebrachter Form ist überhaupt keine sprachwissenschafüiche Leistung. Uns rnteressirt der Fall, wo der Geist des Grammatikers ein neues Gebäude aufzu- führen, nicht bloss ein altes neu auszutapezieren hat, — der Fall, wo Plan imd Form der Grammatik erst gefunden werden soll. Ich wiederhole es, dieser Aufgabe ist nur der gewachsen, der die Sprache praktisch beherrscht: das wissenschaftliche Kennen, das Erkennen und Beur- theilen setzt ein Können voraus; die wissenschaftliche Darstellung wird nichts Anderes sein, als eine sachgemässe Erklärung dieses Könnens. Es ist dies ein Zustand, dessen sich der Grammatiker bewusst sein muss, und in welchem er sich Eins weiss mit dem Volke, dessen Sprache er lehren will. Somit wird die Grammatik zur Selbstschildenmg, zur Selbstbespiegelung und Selbstanalyse. Diese Aufgabe, richtig erfasst, ist eine der schwierigsten, die dem Sprachforscher ge- stellt werden kami: er hat es nicht mit einem todten Körper zu thun, den er beliebig zerlegen und dann wieder liegen lassen kann, sondern mit der immer beweglichen Seele, mit seiner eigenen Seele; er muss zugleich ganz subjectiv imd ganz objectiv sein, denn eben seine Subjectivität wird ihm zum Objecto. Damm nun fragt es sich zunächst: Wann ist sie ein geeignetes Object, d. h. wann weiss er sich im Besitze des Sprachgeistes? Demnächst aber wird zu untersuchen sein, worin das grammatische Wissen bestehe, wie es also seinem Wesen gemäss dargestellt sein wolle. §. 2. a. Zeitpunkt zur Selbstprüfung. 83 a. Zeitpunkt lur SelbstprQfung. Wer eine fremdartige Sprache erlernt, wird regelmässig Folgendes erleben: Erst findet er sich in der neuen Gedankenwelt nicht zurecht, fühlt sich höclist unheimlich darin. So vieles geschieht da, dessen Zweck und Sinn ilmi nicht einleuchtet, und wieder Anderes unterbleibt, was ihm selbstverständlich, uner- lässlich dünkt Ihm ist zu Muthe, wie in einem geborgten Rocke, der ihn hier drückt und zwängt und dort wieder schlottert; oder, dass ich ein anderes Bild gebrauche, denn in Bildern lässt sich hier am besten reden: die eine Sprache däucht ihm wie die ärmliche Hütte eines Wilden, die andere \yie ein Museum voll seltsamer Dinge, keine wie ein wohnliches Haus. Er mag hinweggleiten über das, was ihm überflüssig dünkt, mag mit seiner Phantasie ergänzen, was ihm zu fehlen scheint: immer muss er sich sagen: hier geht es nicht nach meinem Sinne her, ich wäre nicht darauf verfallen, es so zu machen! Das nenne ich das Stadium der ersten Verblüfftheit, die der Sprache gilt. Sie dauert solange, als man die Gewohnheiten und Vorurtheile der Muttersprache oder irgend welcher anderen Sprachen mit sich schleppt imd immer und immer wieder das Neue an dem Altbekannten misst Es ist der Zustand des Heimwehes, während dessen man auf die neue Heimath schilt, und das eben beweist, dass man noch nicht heimisch geworden ist Ich weiss nicht, wieviel Antheil daran der Verstand, wieviel der WiUe hat: sicher ist, dass manche über diesen Zustand gar nicht hinauskommen. Zu überwinden ist er aber allemal, und auch dabei kommt es auf die richtige Diät an. Man lasse nur die Kritik zu Hause, dränge alle Ver- gleiche mit dem Heimischen ziurück, gebe sich mit ganzer Seele dem Neuen hin, suche es nicht nur zu veretehen, sondern naiv zu gemessen, und misstraue sich selbst, solange man ein Gefülil des Missbehagens in sich verspürt Denn vielleicht in neun Fällen von zelmen beruht das Missbehagen auf Missverständ- niss; das fremde Geistesleben, wie es sich in einer Sprache darstellt, mag uns an das Treiben in einer Kinderstube gemahnen, nimmermehr aber an ein Narrenhaus. Es sind zuweilen die schärfsten Geister, die sich am schwersten zu jenem naiven Verhalten herbeilassen; es sind wohl auch ungeduldige Geister, die den mühsam langen Weg durch die Praxis scheuen imd meinen, sie könnten aus einer guten Grammatik ein lebensvolles Bild schöpfen, dürften sich betrachtend verhalten statt erlebend. Beiderlei Geister sind für die grammatische Arbeit noch nicht reif, denn sie sind noch keine geeigneten Objecto zur Selbstanalyse. Und als Subjecte betrachtet, nun so urtheilen die Einen gar nicht, sondern sie nehmen hin, was man ihnen sagt, und die Anderen urtheilen vorschnell. Beiden kann man nur empfehlen: Lasst die Theorie daheim! Wer sich un- 84 II. IT. Darstellung der Einzelsprache. befangen mitten liineiiistüi'zt in das Leben und Treiben der fremden Sprache, der wird früher oder später gewahr werden, dass er sich heimisch in ihr fülilt, — oft wie mit einom Schlage, es ist, als wäre die letzte Fessel, die ihn noch hemmte, gesprengt. Jetzt scheint Alles zu kommen, wie er es ahnte, und er meint Alles geahnt zu haben, wie es kam, auch das Neue befremdet ihn nicht mehr. Jetzt weiss er sich der Sprache congenial, ilu* Geist ist ein Stuck seines Geistes. Nun fühlt er sich ein zweites Mal überrascht, verblüfft, aber nicht mehr über die Sprache, — die ist nach wie vor dieselbe geblieben, — sondern über sich selbst; denn in ihm muss etwas anders geworden sein. Er hat Bürgerrecht erlangt in der neuen Heimath, und nun darf er sich fragen; wodurch? §. 3. b. Bestandtheile des grammatischen Wissens; die beiden Systeme. Man kann noch immer den Ausspruch hören: es gebe Sprachen ohne Gram- matik. Die chinesische soll dahin gehören, und Manche, die sie dahin rechnen, gehören zu iliren hervoiragendsten Kennern. Diese Ansicht ist allenfalls ver- zeihlich in einer Zeit, wo ein guter Theil der Granmiatiken sich mit der Laut- und Formenlehre begnügt, — was allerdings weniger verzeihlich ist So gewiss jede Sprache Gesetze hat, nach denen sie sich zur Rede aufbaut, so gewiss hat jede ilire Grammatik. Demi die Grammatik ist eben die Lehre vom Sprachbaue, — nicht bloss von den Bausteinen und dem Mörtel, sondern auch vom Bauplane, nicht bloss von den Redetheilen nnd ihren etwaigen Formen, sondern auch vom Satze. Eine Grammatik ohne Wortbildimgs- und Fonnenlehre, nur aus Laut- lehre und Syntax bestehend, ist möglich, ist sogar nothwendig bei den isolirenden Sprachen, die eine Wort- und Formenbildung nicht oder nicht mehr kennen. Eine Grammatik ohne Syntax ist, streng genommen, ein Unding, jedenfalls nur etwas Halbes; denn sie sagt der Sprache gerade auf dem Punkte Ade, wo die Sprache als Rede in's Leben treten will. An dieser Stelle, bei der lebendigen Rede, müssen wir einsetzen. Ich kann eine Sprache, das heisst erstens: ich verstehe sie, wenn ich sie höre oder lese, — und zweitens: ich wende sie richtig an, wenn ich in ihr rede oder sehreibe. Insofern ich sie verstehe, stellt sie sich mir dai- als Erscheinung, oder richtiger, als eine Gesammtheit von Erscheinungen, die ich deute. Sofeni ich sie anwende, bietet sie sich mir als Mittel, oder richtiger als eine Gesammt- heit von Mitteln zum Ausdrucke meiner Gedanken. Dort war die Fonn gegeben und der Inhalt, der Gedanke zu suchen; hier umgekehrt: gegeben ist der Ge- dankeninhalt, und gesucht wird die Fonn, der Ausdruck. Dies leuchtet un- mittelbar ein und hat längst in der bekannten Zweitheilung der Wörterbücher seinen Ausdruck gefunden: icli lese Latein, stosse auf ein mir unbekanntes Wort, §. 3. b. Bestandtheile des grammatischen Wissens; die beiden Systeme. 85 und schlage im lateinisch -deutsehen Wörterbuche nach. Ich will lateinisch schreiben, es fehlt mir der richtige Ausdruck für diesen oder jenen Begriff: so suche ich nach ihm im deutsch-lateinischen Wöi'terbuche unter dem entsprechen- den deutschen Worte. ]Sur nebenher will ich hervorheben, dass in beiden Fällen der Weg durch das Mittel der Übersetzung geführt hat und dass hier die deutsche Sprache eb^'as Fremdstoffliches, Zufälliges ist, — ein blosser Nothbehelf. Be- handle ich die lateinische Sprache richtig, so behandle ich sie mit derselben rnnüttelbarkeit wie ein alter Römer; mit der Vorstellung einer Frauensperson z. B. bieten sich mir von selbst die Wörter femina, mulier u, s. w., ohne dass mii- die deutschen Wörter Weib, Frau, Frauenzimmer und wie sie heissen, in den Sinn kommen. Genug, in der Lexikogi'aphie ist jene Zweitheilimg alther- gebracht, aber eine Frucht mehr des praktischen Bedüifnisses als einer Einsicht in das Wesen der Sache. Kein Wunder daher, dass die Grammatiker so lange nicht darauf verfallen sind, in ihren Werken etwas Ähnliches einzuführen; kein Wunder dai'um, dass fast alle vorhandenen Grammatiken zwischen den beiden (fcsichtspunkten eine seltsame Zwitterstellung einnehmen; Folgewidrigkeiten aller Art erklären sich daraus. • In der Grammatik ist die Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Darstellung. Als Darstellungsmittel ist sie fortlaufende Rede, und der Lauf der Rede ist bekanntlich geradlinig, also ein Vor und Nach, kein Links und Rechts, kein Oben und Unten. Als Darstellungsgegenstand ist die Sprache Vermögen, und für dieses Vermögen wäre der ideale graphische Ausdruck zweidimensional, tabellarisch, sodass man von jedem Punkte aus zwei Reihen überschauen könnte; denn Alles in der Sprache ist zugleich zu deutende Erecheinung und anzu- wendendes Mittel. Es handle sich um die Conjimction quod, die einen Objects- satz einführt: so muss ich, wenn anders ich das Lateinische grammatisch kenne, mit einem Blicke die übrigen Anwendungen von quod, und mit einem zweiten Blicke die übrigen Formen des Objectssatzes überschauen, — ganz wie ich von einem gegebenen Pimkte einer Tabelle die Augen jetzt in senkrechter, jetzt in waagerechter Linie dahingleiten lasse. Diese tabellarische Form einer ganzen Grammatik ist ideal, wird wohl auch aus sehr äusserlichen Gründen ewig ideal bleiben. In unserm Geiste aber ist sie vorhanden, und der Grammatiker sollte auf ein Mittel sinnen, imi sie thun liehst zu ersetzen, das heisst, sie in die Form der fortlaufenden Rede umzusetzen. (Jffenbar kann dies nur in einer Weise geschehen: er liest^ so zu sagen, die Tabelle zweimal ab, das eine Mal der Länge, das andere Mal der Quere nach. So ergeben sich zwei einander nothw endig ergänzende grammatische Systeme: das eine nenne ich das analytische, weil in ihm die Spracherscheinungen durch Zerlegung erklärt werden; .das andere nenne ich das synthetische, weil es lehrt die grammatischen Mittei zum Aufbaue der Rede zu verwerthen. 86 II, IV. Darstellung der Einzelsprache. Ich werde hier, das sei wiederholt, die Aufgabe zunächst ideal fassen, also von einer wissenschaftlichen Grammatik reden, die ihren Gegenstand vollständig!: erschöpft, ihn in der allein durch ihn selbst bedingten Form und Ordnimg dar- stellt und, wie es jede wissenschaftliche Darstellung verlangt, ihre Lehren be- weist. Was sich von vorne herein und abgesehen von der Eigenart der ein- zelnen Sprache bietet, ist zunächst ein weiter dreitheiliger Eahmen, dreitheilig, denn die beiden grammatischen Systeme setzen einen einleitenden allgemeinen Theil, eine Propädeutik, voraus. Anmerkung. Auf die innere Nothwendigkeit dieser zwei Systeme habe ich, meine» Wissens zuerst, in der Ztschr. f. Völkerpsych. und Sprachwissensch. Bd. VIII, S. 130, und dann in der Ztschr. d. deutschen Morgenl. Ges. Bd XXXII, S. 634 flg. hingewiesen. In meiner grösseren chinesichen Grammatik (Leipzig 1881) habe ich versucht, den Gedanken zu verwirk- lichen. Auf einer im Grunde vielleicht verwandten und doch abweichenden Anschauung beruht Stbinthal's Eintheilung seines geistvollen Buches „Die Mande -Negersprachen": I. Die Ele- mente: 1) Lautlehre. 2^ Wortlehre. II. Form und Charakter: 1) Die Begriffe, ü) Der Satz. Stbinthal selbst sagt bei Besprechnng meiner chin. Gramm. (^Lotus V, pg. 143 — 144): Je crois aussi quMl ätait indispensable d*etudier la grammaire chinoise k ce double point de vue; mais j*aurais üxe d*une autre mani^re le principe d'oü dörivent leS deux syst^mes. Dann bezieht er sich auf sein Mande-Werk. Dieses ist aber meiner und w^ohl auch seiner Meinung nach nicht sowohl eine Grammatik, als vielmehr eine ausführliche Sprachschilderung. § i- c. Die Prolegomena. Alles in der Sprache ist zugleich Erscheinung und Mittel, Erscheinung, die richtig gedeutet, Mittel das richtig angewandt werden will. Es könnte also scheinen, dass das analytische und das synthetische System in ihrem Zusam- menwirken die Aufgabe der (jrammatik völlig erschöpften und einem ersten, einleitenden Theile nichts weiter übrig liessen, als was sonst w^ohl in den Vor- reden und Einleitmigen zu Granunatiken besprochen wird: die verwandtschaft- liche Zugehörigkeit der Sprache, ihre Gescliichte und Literatur, Hülfsmittel zu ihrer Erlernung u. s. w. Die Laut- und etwaige Schriftlehre müsste dann in einem der zwei Systeme, wo niclit in beiden besprochen werden. Dies scheint mir bedenklich. Es ist natürlich, dass das analytische System dem synthetischen vorangehe; deim man muss die Sprachei'scheinimgen deuten können, ehe man die Sprach- mittel anwenden kann. Wo wäre nun im analytischen Systeme die Stätte füi* die Lautlehre? Zergliedert wird die Sprache als Erscheinung, das ist als Rede. Rede aber ist Satz, und so hat die Analyse vom Satze auszugehen. Folgerichtig schreitet sie vom Ganzen zu den Theilen, also vom Satze zu de|i AVörteni imd Wortformen fort mid erst zuletzt gelangt sie zu den letzten Elementen, den einzelnen Lauten. Dass dies ein Unding wäre, leuchtet ein. §. 4. c. Die Prolegomena. 87 Diesmal indessen brauclien wir uns mit dem Argumentum ad absurdum nicht zu begnügen, wenn anders Folgendes richtig ist: Es giebt in der Sprache Dinge, bei denen der analytische und der synthetische Gesichtspunkt völlig zu- sammenfallen: die letzten stofflichen Elemente, die Laute, sind wohl durch Analyse zu entdecken, aber sie sind nicht weiter zu analysiren, — wenigstens nicht vom Grammatiker. Und andrerseits finden sie sich zwar in der Synthese, d. h. im Zustande der Zusammensetzung vor, dieser Zustand aber ist, wie er sich bietet, lediglich hinzunehmen, die Lautcomplexe sind nachzusprechen, aber sie sind nicht frei zu schaffen. Das synthetische System lehre, wie man aus Wurzeln, Stämmen und Formen Wörter, wie man aus Wörtern Sätze aufbaut; wie man aber aus Lauten Wurzeln zusammenbaut, kann es nicht lehren. Mindestens also hat die Lehre vom Lautbefunde den beiden Systemen vorauszugehen. unter dieser Lehre verstehe ich die systematische Aufzählung und Beschreibung der Laute und die Angabe, an welchen 'Stellen und in welchen Verbindungen sie erscheinen dürfen, die Beschreibung der Accente wird sich dem anschliessen. Laut- und Tonei^scheinungen aber, die durch die granunatische Synthese hervorgerufen werden, sind vielleicht folge- richtiger Weise einer späteren Stelle vorzubehalten. Dahin gehören die Gesetze des Lautwandels (sandhi) bei der Anbildung von Formelementen oder beim Zusammentreffen von Aus- und Anlaut benachbarter Wörter, die Lehren vom Satzaccent, vom Accentwandel u. s. w. Mit Redit wenden die neueren Grammatiken der Lautlehre vorwiegende Aufmerksamkeit zu. Unzählige scheinbare Unregelmässigkeiten schwinden, wenn man die zu Grunde liegenden Lautgesetze beherrscht. Wo aber diese Gesetze in der gegenwärtigen Sprache scheinbare Willkürlichkeiten zulassen, da ist an- zunehmen, dass die Abweichungen auf einem älteren Zustande des Lautwesens beruhen, und dann mögen diakritische Merkzeichen für's Auge unterscheiden was dem Klange oder der jetzt landesüblichen Rechtschreibung nach gleich ist. Die Declinationen und Conjugationen des Koreanischen z. B. würden sich durch solche Hülfsmittel sehr vereinfachen lassen. Ebenso die Passiva der poly- nesischen Sprachen auf — ia^ wenn man den Wortstämmen ein für alle Male die ver- schwundenen, hier wieder zu Tage tretenden Auslautsconsonanten anfügen wollte. Was nun von den letzten stofflichen Elementen gilt, das gilt wohl auch von den ersten, elementaren Kräften, die den Sprachbau beherrschen. Sie sind nicht mehr zu analysiren, und sie sind auch nicht erst synthetisch herzustellen, sondern sie sind durch Analyse gefunden worden und sollen, wie sie sich bieten, in der Synthese zur Anwendung gelangen. Im allgemeinen Theile meiner chinesischen Grammatik folgt auf die Laut- und Schriftlehre ein letztes Haupt- stück mit der Überschrift: die Grundgesetze des Sprachbaues. Das schien und scheint mir nicht mn* zulässig und dem Lehrzwecke entsprechend, sondern 88 II, IV. Darstellung der Einzelsprache. geradezu durch innere Gründe wissenschaftlich erfordert Was aber in ein solches Hauptstück aufzunehmen sei, hat sich aus der Natur der behandelten Sprache selbst zu ergeben, immerhin jedoch wird es eine kurze grammattsche Charakteristik der Sprache darstellen. Endlich gilt, streng genommen, das, was ich von den Lauten und Be- tonungen gesagt, auch von den etwa vorhandenen Formativen, den Mitteln der Wort- und Formenbildung. Sie sind im Sinne des Sprachbewusstseins elementar, nicht weiter zu zerlegen, nicht synthetisch zu schaffen. Nur ihre Bedeutung und Anwendung bleiben in den beiden besonderen Theilen der Gram- matik zu erörtern. Immerhin würde ich im allgemeinen Theile die Formenlehre auf das Elementare beschränken, und wieweit dies reicht, ist nach der Natur der einzelnen Sprache zu beurtheilen. Offenbar ist hierbei der naturgemässe Weg eingehalten: der vom Ganzen zu den Theilen. Er ist der naturgemässe; denn die erste eigenlebige Einheit der Sprache ist nicht das Wort, sondern der Satz; in ihm und durch ihn erhält erst das Wort seinen Werth. Wollte man Jemandem, der noch nie einen Fisch gesehen, erst ein paar Gräten, dann Schuppen, Flossen, Kiemen, Schwimm- blase u. s. w. zeigen, so würde er die Theile sowenig begreifen lernen, wie das Ganze. Wenn es die Grammatik einer indogermanischen Sprache ähnlich macht die todten Bruchstücke vorlegt imd zerlegt ehe sie uns eine Anschauung des lebendigen Ganzen gegeben hat: so lassen wir uns das freilich gefallen, weil wir schon vorgreiflich, von der Muttersprache her, ein annäherndes Bild des Ganzen mitbringen. Allein, es kann nicht oft genug wiederholt werden, die Sprache des Grammatikers und seiner Leser ist der darzustellenden Sprache gegenüber immer eine Zufälligkeit; ihr einen Einfluss auf die Einrichtung der Grammatik zuzugestehen, mag wohl dem Sprachlehrer erlaubt sein, nimmer- mehr «aber dem Sprachforscher. Den Unsinn wird noch Niemand ausgesprochen haben, dass etwa ein mathematisches oder ein medicinisches oder entomologisches Werk anders angelegt werden müsse, je nachdem es in deutscher, französischer, chinesischer oder arabischer Sprache verfasst würde. Wäre dann der Sprach- forscher allein in die Zwangsjacke seiner Muttersprache gebannt? S. 5. d. Das analytische System. Der Grammatiker hat sich zuvörderst auf den Standpunkt eines Eingeborenen zu versetzen. Der kann seine Sprache, das heisst: er versteht sie richtig imd wendet sie in der Rede richtig an, ohne sich von den Regeln, die ihn dabei leiten, Rechenschaft zu geben. In dieser Hinsicht strebt der Sprachforscher über den Standpunkt des bloss praktischen Sprachkenners hinaus. §. 5 d. Das analytische System. 89 Er kann die Sprache, das heisst: er versteht den Sinn jeder Rede und jedes Wortes und findet in ihr für seine Gedanken den entsprechenden Ausdruck; was den Sprachgesetzen zuwider ist, widert ihn an, das Fehlerhafte weiss er zu ver- bessern. Damit ist schon viel gewonnen, nämlich eine Menge bekannter Grössen. En handelt sich nicht mehr um die Arbeit, vermittels deren wir uns eine un- bekannte Sprache aneignen, — das gehörte in's Capitel von der Spracherleniung, — sondern um' jene Ai'beit, durch die wir einer uns bekannten Sprache ihre < resetze abgewinnen, also die praktische Kenntniss imd Fertigkeit in theoretische Erkenntniss umsetzen. Folgendes wird hierbei der regelmässige Vorgang sein : die Entdeckung be- ginnt mit dem Nächstliegenden, Augenfälligsten; gleiche Erscheinungen mit gleicher Bedeutimg schliessen sich so zu sagen in zwei Bündelreihen zusammen. Das Wort lapidis z. B. gesellt sich einerseits zu allen übrigen Casus -Formen Vf.n lapis und andrerseits zu allen Genitiven Singulaiis der dritten Declination, die ja gleichfalls die Endung — is haben und in gleichen syntaktischen Ver- bindungen wie lapidis erscheinen. Die gleiche Erfahrung wird mit den Formen des Genitivus Siügularis in den übrigen Declinationen gemacht: und nun lehren Congruenzfälle, wie huias magni lapidis, alle diese Formen als gleichwerthig erkennen. Andere syntak- tische Analogien nöthigen ferner, den Genitiven des Plurals denen des Singu- lars gleiche Functionen zuzusprechen. So werden die Garben zu Feimen ge- häuft die Erkenntnisse immer weiter und allgemeiner, — die Anschauungen verdichten sich. Ich kann mir ein Buch denken, das diesen Weg vom Engeren zum Wei- teren einschlüge, so eine Art Odyssee, die gar lehneich imd anziehend sein niüsste, wenn sie etwa den Leser der Kreuz und Quer durch die scheinbaren Wirmisse einer besonders schwierigen Sprache liindurchführte. Nur würde ich ein solches Buch eher ein Probestück gi-ammatischer Induction nennen, daran man lernen mag, wie die grammatischen Entdeckimgen und Ermittelungen ge- macht werden, — als eine eigentliche Grammatik, die bestimmt ist, den Sprach- bau so darzustellen, wie er organisch beschaffen ist, nicht so, wie er Stück für Stück dem Foi-scher aufdämmert, imd wie er sich allerdings auch Stück für Stück in der Seele jedes eingeborenen Kindes eingesiedelt hat. Der analytische Weg ist der Weg vom Weiteren zum Engeren und zwai^ wenn er nicht bloss methodisch, sondern systematisch sein soll, in zweifachem Sinne. Erstens in Rücksicht auf den Stoff. Gegeben ist das Ganze als Erschei- nung: daraus werden die Theile geschält. Das Ganze aber, die lebendige Ein- heit ist der Satz. Zweitens in Rücksicht auf die Gesetze und Regeln. Die allgemeineren 90 II, IV. Darstellung der Einzel8])rache. haben voraiizusteben, und aus ihnen und ihrem Zusammenspiele smd dann, so- weit möglich, die besonderen zu erklären. Jetzt dürfte es einleuchten, dass und warum sich weitere gemeingültige Vorschriften über die Einrichtung eines analytischen Systemes nicht geben lassen. Jede Fonu des menschlichen Sprachbaues verlangt eine besondere Form und Ordnung der analytischen Grammatik, und so ist es höchstens zu hoffen, dass man dereinst für jeden Sprachtypus einen besonderen Rahmen erfinden werde. Jedenfalls, — wenn andei's ich nach meinen eigenen Erfahrungen schliessen darf — ist diese Erfindung überaus schwierig. Die besten GoUectaneen helfen dabei doch nur mittelbar, zur Auffiischung des Gedächtnisses. Denn in der That sollte am Liebsten dem (Jeiste die ganze Menge des Einzel Wissens immer gegenwärtig sein, während er die allgemeinen Gesichtspunkte zu gewinnen sti-ebt. Kann doch manchmal eine scheinbar geringfügige Ausnahme plötzlich über weite Strecken der Theorie em ganz neues Licht verbreiten. Aus dem Begriffe des analytischen Systemes folgt, dass gleichartige Er- scheinmigen zusammengeordnet werden müssen. Was aber als gleichartig zu gelten habe, darüber entscheidet nicht die Vorgeschichte, die Etymologie, sondern der jeweilig wirkende Sprachgeist. Dieser wird allerdings wohl in den meisten Fällen mit der Etymologie übereinstimmen, aber er thut dies nicht immer. Uns Deutscheu z. B. ist das Gefühl für die (ileichheit der Conjunction dass mit dem Demonstrativpronomen das, der Conjunction weil mit dem Substantivum Weile, der Präposition nach mit dem Adverb nahe abhanden gekommen, weil theils die syntaktischen Functionen theils die Bedeutungen dieser Wörter die Erinne- rung an ihren ursprünglichen Zusammenhang verdunkelt haben. Der einzel- sprachliche Grammatiker würde also aus der Rolle fallen und sich auf den spi-ach- geschichtlichen Standpimkt verirren, wenn er diese Wortpaare in seinem Systeme vereinigen wollte. Meine gi'össere chinesiche (»rammatik ist meines Wissens der ei'ste Vereucb, die beiden grammatischen Systeme, wie ich sie verstehe, geti-ennt zu behandeln, und es ist wohl bisher der einzige geblieben.*) Um also überhaupt ein Beispiel anführen zu kömien, muss ich mich auf sie beziehen. Es zerfällt aber mein analytisches System in folgende vier Haupttheile: 1. Stellungsgesetze. 2. Hülfs- wörter. 3. Bestimmung der Redetheile. 4. Abgrenzung der Satztheile und Sätze. Die Gründe dieser Anordnung sind nun in Küi-ze folgende. Die gi-ammatischen Ei-scheinungen der Sprache wollen aus Gesetzen, diese aus obersten Grundsätzen, -- Grundgesetzen — hergeleitet werden. Diese Grundgesetze aber sind Gesetze der Wortstellung, und für die Wortstellung massgebend sind Anfang und Ende *) über Steiüthal's Eintheilung seines Buches ,.Die Mande - Negersprache", s. o. die Anm. S. 86. §. 5. d. Das analytische System. 91 des Satzes. Darum ist vom begrenzten Satze auszugehen, also anzunehmen, dass die Sätze durch Interpimctionen abgetheilt seien. In den Texten sind sie das oft nicht, die lebendige Rede macht oft Pausen, und so ist diese Annahme ganz naturgem|ss. Unter den grammatischen Erscheinungen und Mittehi nehmen die Hülfs- wörter die zweite Stelle ein, — die z\^^eite, weil ihre Bedeutung und Anwendung unter der Herrschaft der Stellungsgesetze steht und nur aus diesen zu er- klären ist. Nun sind die meisten Stammwörter der chinesischen Sprache dem Functions- wechsel auch insofern unterworfen, als sie bald diesen bald jenen grammatischen Redetheil vertreten können: ein Wort „gut*, kann jetzt als Adjectivum, jetzt als Adverb, jetzt als Substantivum, „Güte", jetzt wieder als verbum factivum oder denominativum, ,,verbessem, für gut halten", jetzt endlich als verbum neuti'um transitivum, „gut sein gegen Jemand" dienen. Diese jeweiligen Functionen be- stimmen sich nach den Stellungserscheinungen imd Htilfswörteni, darum gebührt der Lehre von ihrer Ermittelung der dritte Platz. Dass die rein philologische Kunst der Satzabgrenzung, bei der ausser den grammatischen und logischen noch stilistische Erwägungen mitspielen, an letzter Stelle kommt, bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Dies als Probe; denn es würde zu weit führen, wenn ich in ähnlicher Weise die innere Eintheilung der einzelnen Hauptstücke begründen wollte. Mag ich nun das Rechte getroffen haben oder nicht: inmierhin wird man sehen, wie ich bemüht war, mich einzig und allein von der Natur der Sache leiten zu lassen und der Sprache ihr Gewand auf den Leib zu passen. Dass man fremdartige Sprachen nicht in das Prokrustesbett der lateinischen Grammatik hineinzwängen düi'fe, ist längst und unzählige Male ausgesprochen worden, und die Mahnung hat gute Früchte getragen. Fast überall zeigt sich ein löbliches, oft ein erfolgreiches Streben, die Grammatiken nicht-indogermani- scher Sprachen individualisirend dem Wesen dieser Sprachen nachzugestalten, — und Wesen und Erscheinung gilt in diesem Falle gleich. So hält man gesondert, was die sprachliche Form trennt, und vereinigt das Formgleiche. Gelingt dies, so entspricht die Eintheilung des Stoffes den Anforderungen eines analytischen Systemes. Dieses System verlangt aber, wie wir sahen, überdies noch eine be- sondere Ordnung der Theile, die ich nirgends eingehalten finde; und darum nenne ich die Systeme jener Bücher, soweit ich sie kenne, gemischte. Das analytische System will und soll eine wissenschaftliche Darstellung des Sprachbaues in Rücksicht auf seine Erscheinungen sein. Wissenschaftlich soll es aber auch in dem Sinne sein, dass es seine Lehren beweist. Nun trete man mit diesem Ansprüche an die erste beste ausführliche Granmiatik etwa einer indogermanischen oder semitischen Sprache und frage sieh: inwieweit ist ihm 92 II, IV. Darstellung der Einzelsprache. genügt? Wo findet sich der Nachweis dafür, dass z. B. das Lateinische soviele und gerade diese Casus, Tempora, Modi hat, keinen mehr und keinen weniger? Dass sie und die Formen verschiedenen Klanges, z. B. dicam und amet^ gleich- werthig, jene, obschon von gleichem Klange, wie dicat^ amat^ dolet^ amet^ ver- sejiiedenwerthig sind? In der Kegel wird ihn der Verfasser so nebenher, un- versehens führen, unausgesprochen und unbeabsichtigt, in den syntaktischen Beispielen. Zuzurechnen ist ihm aber doch nur das, was er mit Wissen und Willen thut, und so bleibt auf alle Fälle sein Verhalten diesen Grundfragen gegenüber ein unwissenschaftliches, dogmatisches. Man hat mir nun Folgendes entgegengehalten: Der einzelsprachliche Grammatiker steht auf dem Standpunkte des Eingeborenen; was diesem in seinem Sprachbewusstsein gegeben ist, das darf auch er als gegeben betrachten. Ich verlange aber eben den Nachweis dafür, dass es gegeben sei. Dem römischen Kinde waren jene Dinge nicht an- geboren, sondern es erwarb sie allmählich durch Erfahrungen. Welcher Art Erfahrungen dies waren, das zu zeigen ist Aufgabe des inductiven Beweises, der hier wie überall geführt sein will. Der Einwand, dass Tadeln leichter sei als Bessermachen, ist ebenso nalie- liegend wie oberflächlich. Allerdings wäre ich nicht weniger in Verlegenheit als irgend ein Anderer, wenn ich auf der Stelle ein Schema für das analytische System einer indogermanischen Sprache entwerfen sollte. Sind jedoch meine Anforderungen wissenschaftlich gerechtfertigt, so muss ihnen Genüge geschafft werden, mag es. noch so viel Kopfzerbrechens kosten. Gilt es der Durchforschung der beiden classischen Sprachen bis in ihre feinsten grammatischen Eigenthüm- lichkeiten, so sollte man meinen, der Stoff müsse mit der Zeit ausgehen, selbst wenn der Gebrauch jedes Casus, jedes Tempus und Modus und jeder Partikel bei jedem griechischen oder römischen Schriftsteller zum Gegenstande einer Monographie gemacht werden sollte. Denn in der That scheint die philologische Grammatik schon auf's Krümelsuchen angewiesen. Xun wird sie nicht murren, wenn ihr eine neue Aufgabe gestellt wird, eine philosophische im grossen Stile. Zusatz. Was sich im Geiste der Menschen mit einem Schlage vollzieht, das hat die Analyse des Grammatikei^s in seine Theile zu zerlegen. Es handele sich um ein semitisches Wort, etwa um das arabische s^üo Jcitahun^ ein Buch, so em- pfängt das Gefühl gleichzeitig folgende Eindrücke: 1) den der dreiconsonantigen Wurzel kth = schreiben, 2) den der Vocalfolge i — a — w, 3) den des Rhythmus (Quantität und Accent) o_iw, und 4) den des Afformatives — em. Xun sind die Zusatz. §. 6. e. Das synthetische System. 9B "Wurzeln und die Äfformativa AvesenÜich unveränderlich: bleiben also der Voca- lismus « — a und der Rhythmus w_. Um die Wirkungen beider auseinanderzu- halten, müsste man natürlich den gleichen Vocalismus durch verschiedene Rhyth- men und den gleichen Rhythmus durch verschiedene Vocalismen hindurch ver- folgen, etwa nach dem Schema folgender Tafel: Rhvthmen: ww I Ca-/ v^_ -w u. s. w. Vocalismen aa aa aa v-/- —vy aa cui at ia ai VA-/ ia Kj - äi ai vy— — v^ at -v^ ?a la \ta 11. s. w.; denn auch die dm*ch Doppelung des folgenden Consonanten scharfbe- tonten Sylben erheischen besondere Berücksichtigung. Eine saubere Inductiou verlangt schlechterdings einen solchen Schematismus. Ich weiss aber nicht, ob sich schon Jemand einer so zeitraubenden Arbeit unterzogen hat Lohnend wäre sie gewiss; denn vorhanden ist das Gesuchte sicher, vielleicht nur schwer zu finden, und wenn es gefunden, erst recht schwer in Worten zu beschreiben. — Übrigens dürfte diese Lehre wohl besser im ersten, allgemeinen Theile, als im analytischen Systeme Platz finden, und sie würde eingehende sprachgeschicht- liche Untersuchungen voraussetzen. Die Vorarbeiten hätte jedenfalls die ver- gleichende Semitistik zu leisten. §. 6. e. Das synthetische System. Das analytische System behandelt die Frage: Wie ist die Sprache gram- matisch zu verstehen? das heisst: Welches sind ihre grammatischen Erschei- nungen? wie sind dieselben organisch zu ordnen? wie sind ihre mannigfaltigen Bedeutungen einheitlich zu erklären? Gegeben ist also die Erscheinung, und gesucht wird ihre Deutung. Das ist der Standpunkt dessen, der die Rede vernimmt. Jetzt stellen wir uns auf den Standpunkt des Redenden. Gegeben ist ihm der Gedanke, den er ausdrücken will, und er sucht nach dem richtigen Aus- drucke, — nach dem grammatischen wollen Avir sagen; denn nur auf die gram- matische Formung, nicht auf die Wahl der Stoffwörter kommt es jetzt an. So ist, um mm den Gegensatz vollends zuzuspitzen, das grammatische Ausdnicks- mittel, das der Redende zu suchen hatte, für den Hörenden gegebene gram- matische Erscheinung, und der der Rede zu Grunde liegende Gedanke ist für den Hörer als Deutung zu suchen. So verschieden sind die beiderseitigen Stand- 94 II, IV. Darstellung der Einzel spräche. punkte; sie sind geradezu entgegengesetzt Und ebenso entgegengesetzt sind die Gesichtspunkte, unter denen das analytische und das synthetische System der Grammatik eine Sprache betrachtet. Dieser Gegensatz, richtig verstanden, niuss sich in allen seinen Folgen theoretisch nachweisen und praktisch verwirk- lichen lassen. Vor Allem ti-eten die Dinge selbst in umgekehrter Ordnung vor die Blicke. Ftlhrte früher der Weg vom Ganzen in immer grösserer Specialisirung durch die Theile, so gilt es jetzt, aus den Stoff- und Formenelementen die Theile, aus den Theilen in stätig fortschreitender Erweiterung das Ganze aufzubauen. Zweitens werden auch die Einzeldinge verschiedene Bilder darbieten, jenach- dem man sie von der einen oder der anderen Seite, in diesem oder jenem Zu- sammenhange, aus grösserer oder geringerer Entfernung betrachtet. Denn gleich dem Maler muss auch der Grammatiker zeitweilig von dem Originale und dem Bilde ziu-iicktreten, um zu beobachten, wie Beide „fernen". Man begreift leicht w ie bei dieser doppelten Betrachtungsweise die Gegenstände in ganz verschiedene Werthscalen einrücken. Es kann etwas als grammatische Erscheinung höchst bedeutsam und schwierig sein, während es als grammatisches Ausdrucksmittel kaum mehr als beiläufige Erwähnimg verdient Und umgekehrt: Dinge, die zu den wirksamsten, feinsten, in der Anwendung schwierigsten grammatischen Mitteln gehören, mögen sich als Erecheinungen zu einer leicht übersehbaren Gruppe zusammenordnen. Mit anderen Worten: es ist manchmal sehr leicht den richtigen Ausdruck zu finden, und doch sehr schwierig, zu erklären, wie dieser Ausdruck gerade zu dieser Bedeutung kommt Und manchmal wieder mag es sehr schwierig sein, die richtigste Ausdrucksweise unter der Menge der sich bietenden zu wählen, und ist sie gefunden, so ist ohne Weiteres dem Hörer der Sinn einleuchtend, und der gewünschte Eindruck auf ihn geübt Dies darf sogar als die Regel gelten, wenn anders Verständlichkeit und Eindringlichkeit der Zweck der Rede ist Man weiss, wie lange oft Lessing an seinen Sätzen herumgefeilt hat, bis sie zu ihrer classischen Klarheit und Anmuth gereift waren. Ich nenne das synthetische System eine grammatische Synonymik. Der Redende will einen Gedanken, vielleicht auch eine Stimmung ausdrücken, er will im Hörer jedenfalls Verständniss, vielleicht auch eine gewisse Siimmung oder Willensneigimg erregen. Vieles dabei hängt von dem stofflichen Theile der Rede ab, von verdeutlichenden Zugaben, stimmungsvollen oder besonders treffend gewählten Substantiven, Adjectiven, Verben, Adverbien. Lenaus Gedicht „die drei Indianei-*' ist ein Beispiel hierfür. Doch da sind eben die Mittel nicht grammatisch, sondern lexikalisch. Wir aber haben es mit den grammatischen Mitteln zu thiui, das heisst mit den Formenmitteln. Dafür, statt längerer ab- stracter Erörterungen, ein paar Beispiele aus unserer Muttersprache. §. 6. e. Das synthetische System. 95 Es handle sich lun das Object einer Handlung, so habe ich die Wahl zwischen der activen und der passiven Redeweise. Es handle sich um die Kategorie der Allheit oder Allgemeinheit, so kann ich den Ausdruck für sie auf die Seite des Subjectes oder des Prädicates verlegen, wohl auch ihn ganz unterdrücken: haben * eigenes Licht w s. w. Ein Fixstern hat Jeder Fixstern hat (Die) Fixsterne Alle Fixsterne Fixsterne haben insgesammt Es gelte der Kategorie der Möglichkeit, so stehen mir Hülfsverben und Adverbien zur Verftigimg, wohl auch fragende AVendungen: Sollte etwa . . .? und dergl. Zwei Sätze sollen zueinander im Verhältnisse des Grundes und der Folge oder des Bedingenden und Bedingten stehen, so kann ich diese Verhält- nisse durch verechiedene Mittel auf Seiten des Vorder- oder Nachsatzes anzeigen: weil — , wenn — , darum — , dann u. s. w\ Und zudem habe ich die WahU ob ich den begründenden oder bedingenden Satz voran- oder nachstellen will. In allen diesen Fällen und natürlich noch in vielen anderen hat die Logik der Grammatik Aufgaben gestellt. Aber auch die Psychologie, die Ethik und Aesthetik haben an der Fonnung der Sprache Antheil. Aesthetisch, das heisst der sinnlichen Anschaulichkeit dienend, sind z. B. unsere Diminutive und die vergrössernden, kosenden oder schmähenden Wort- bildungen romanischer Sprachen, die mannigfachen Ausdrücke für örtliche Ver- hältnisse und viele von jenen Theilen der Stilistik, denen in der Grammatik eine Stätte gebührt Li das ethische Gebiet gehören alle jene Fälle, wo die gesellschaftliche stellimg des Redenden und des Angeredeten über die Wahl des grammatischen Formmittels entscheidet. Beispiele sind im Deutschen die Pronomina der zweiten Person: Du, Sie und die veralteten Er, Ihr. Unglaublich tief greift im Japanischen und Koreanischen die Eticjuette in die Grammatik ein. Als psychologisch im engeren Sinne möchte ich diejenigen grammatischen Formenmittel bezeichnen, in denen sich das seelische Verhältniss des Redenden zur Rede oder seine Absicht, auf den Angeredeten einzuwirken, kundgiebt. Ent- schiedenheit oder Unsicherheit des Ausspruches, Erstaunen, Freude, Sclunerz oder Furcht und allerhand Neben- und Hintergedanken, die wir auf Augenblicke hinter den Cottlissen hervorlugen lassen: sie alle, wenn sie an der grammatischen For- mung der Rede Theil haben, sind psychologische Modalitäten der ersteren Art. liier sprechen wir recht eigentlich uns selbst aus, hauchen dem objectiven In- 96 II, IV. Darstellung der Einzelsprache. halte der Rede etwas von unserer Seele mit ein. Frage, Bitte, Befehl, Drohung dagegen gehören zur zweiten Art. Hier versetzen wir uns in die Seele des Änderen und bemessen den Ausdruck nach dem beabsichtigten Eindnicke. Rhe- torisch ist Beides. Jene Ausströmungen der eigenen Seele sind es vielleicht ungewollt, aber dafür sind sie lun so eindrucksvoller, und manche Sprachen, wie die altgriechische und die deutsche, gestatten ihnen einen weiten Spielraum. Wie zart ihre Mittel sein können, dafür ein Beispiel. Der Leser höre den A. zum J5 sagen: „Hast Du es auch gelesen?" Und dann höre er den C zum D sagen: ,,Hast Du es um' gelesen?*' Beide Fragen geschahen genau in der gleichen Betonung, der Ton fiel auf gelesen. A und C wollen also wissen. ob J5 beziehungsweise D ein Buch oder sonstiges Schriftstück wirklich gelesen haben. Wäre es ihnen um das völlige Durchlesen zu thun gewesen, so hätten sie den Ton auf hast gelegt. Hätte A das Wort auch betont, so wäre der Sinn ähnlich gewesen, wie wenn er gefragt hätte: „Hast auch Du es gelesen?" Das heisst, er hätte an andere Leser gedacht. Hätte G das Wort nur betont, so hätte er daran gedacht, dass D wohl auch eine Abschrift entnommen oder Dritten Mittheilung gemacht haben könnte. Wie gesagt, nichts von Alledem. Und doch besagen die beiden Wörtchen jedem Verständigen, dass A bei seiner Frage einen ganz anderen Nebengedanken gehegt habe, als C A hatte nämlich erwartet, dass B das Buch lesen sollte; vielleicht hatte er es ihm geliehen oder empfohlen. Und hätte B das Buch nicht gelesen, so hatte A den Vorwurf in Bereitschaft: Was hat mir nun das Ausleihen oder Empfehlen genützt? C da- gegen hatte nicht erwartet, dass D das Buch gelesen habe. Nun gewinnt er den Eindruck, als müsse das doch der Fall sein, und ist natürlich überrascht. Ant^vortet• nun D venieineud, so darf auch G mit einem Von^'urfe erwidern. Der lautet aber: Warum stellst Du Dich denn so und versetzest mich in hrthum? Ich habe die Erklärung dieses Beispieles sehr breit ausgesponnen. Solche Dinge sind aber auch oft fein wie Spinneweben mid so durchsichtig, dass man sie selbst kaum sieht. Gewiss kann der Sprachforscher seine Sinne gar nicht genug auf solche Beobachtungen schärfen, und insofern entwächst er sein Leb- tag nicht der »Schule der classischen Philologen, die hierin die wahrhaft clas- sische ist. Nun wird auch der Werth des synthetischen Systemes einleuchten. Zunächst der praktische. Nicht nur handelt es sich um die richtige Handhabung der Sprache bis in ihre Feinheiten hinein, sondern auch um ihr vertieftes Verstand- niss. Denn nie kann das Verständniss einer Rede tiefer sein, als wenn man die übrigen Mittel überblickt, deren sich etwa der Redner noch hätte zum Aus- drucke seines Gedankens bedienen können, und sich nun Rechenschaft giebt, wie die sich nach Sinn und Wirkung untei-scheiden, und warum unter allen gebotenen Möglichkeiten gerade diese eine zur Thatsache geworden ist. §.6. e Das synthetische System. 97 Aber auch der theoretische Werth für die Beurtheilung der Sprache ist leicht ersichtlich. Denn nun erst, nachdem wir die grammatischen Mittel unter dem synthetischen Gesichtspunkte geordnet haben, lässt sich einsehen, wie reich oder arm, wie fein oder grob der Formenapparat der Sprache, und welchen Richtungen und Zwecken er vorzugsweise zugewendet ist Zweitens aber, und das habe ich am Chinesischen erprobt, kann das synthetische System zuweilen ein ebenso unerwartetes wie entscheidendes Licht auf räthselhafte TheUe des analytischen werfen, zumal auf den genetischen Zusammenhang der gramma- tischen Erscheinungen. Die Ausdrucksform sei an sich zweideutig, es kann z. B. ebensogut eine Apposition wie ein Genitiv vorliegen. Es giebt aber für den Genitiv ein lautliches Zeichen (Affix oder Hülfswort), das ausschliesslich ihm, nie der Apposition dient Nun lehrt mich die grammatische Synonymik, dass in der fraglichen Verbindung auch der Gebrauch des Genitivzeichens zulässig ist und jetzt weiss ich mit einem Male, wie der Sprachgeist entscheidet ADein Manches kann für die Theorie nützlich sein, was darum noch nicht in der Theorie begründet ist Theoretisch begründen heisst in unserem Falle nichts Anderes, als nachweisen, dass das synthetische System im Sprachgefühle des Volkes selbst wurzele. Ist dies der Fall, so muss ein solches Gefühl sich in Thatsachen äussern. Nun liegt der Einwand nahe: Diese Thatsachen sind ja eben die grammatischen Erscheinungen der Sprache, deren Ordnung und Er- klärung im analytischen Systeme abgethan ist Was bleibt da also für das ^synthetische übrig? Ist es nicht unwissenschaftlich, zu trennen, was die Sprache selbst buchstäblich imd wörtlich für gleich erklärt, und zusammenzu- ordnen, was sie vornehmlich auseinanderhält? Der Einwand hat viel Bestechen- des und hält doch nicht Stich; die alltäglichste Erfahrung widerspricht ihm. A sagt dem B etwas. Der sagt es weiter dem C. Er weiss, dass er sich an- derer Ausdrücke bedient, als -4., weiss jedenfalls nicht sicher, ob er des A Rede auch wörtlich wiederholt Und doch ist er sich vollbe^vusst, dass er den Sinn jener Rede getreulich wiedergiebt. Wie oft hört man Leute miteinander streiten: Da hast so und so gesagt — Nein, ich habe nicht so gesagt, sondern so. Das konmit aber doch auf Eins heraus. — Nein, das ist ganz etwas Anderes! Und das kann auch bei Kindern und Ungebildeten zu ganz feinsinnigen Er- örterungen über Gegenstände der Synonymik führen. So tief wurzelt das Be- ^^sstsein, dass man denselben Gedanken auf verschiedenerlei Weise aussprechen könne; und dies. Bewusstsein ist doch auch ein Theil des Sprachgeistes. Jetzt könnte man einwenden: Also Streit ist doch möglich, also gar so sicher ist jenes synonymische Gefühl doch nicht! Dagegen gilt zweierlei. Erstens ist auch in den Lautformen der Sprachen nicht Alles so sicher, dass man sagen ▼. d. Gabelentz, Die Sprachwissenschaft. 2. Aufl. 7 98 II, IV. Darstellung der Einzelsprache. könnte: Das Eine ist richtig, und das Andere ist unrichtig. Ä sagt: „Ich gehe in den Bären zu Tische," und B lässt die Casusendungen weg und spricht: „Ich gehe in den Bär zu Tisch." Sie streiten sich freilich nicht darüber, haben auch gar keinen Grund dazu; denn Einer hat so recht, wie der Andere, und vielleicht spricht morgen Jeder selbst so, wie er es heute vom Anderen gehört hat Die meisten Menschen halten es mit der Sprache wie mit dem Gelde, achten mehr auf den Werth, als auf das Gepräge, führen in der Regel gültige Münze und streiten nur um die verdächtige. Wortstreite haben freilich noch einen beson- deren Reiz als geistige Spiele, und ein Wort ist leichter gefälscht, als ein Geld- stück, genügt doch schon ein unsicheres Gedächtniss, um es gegen ein un- gleichwerthiges auszutauschen. Zweitens sind die Werthgrenzen der Synonymen oft etwas verwaschen: Jeder hat seine besonderen Sprachgewohnheiten, die durchaus nicht fehlerhaft zu sein brauchen, und diese Verschiedenheiten betreffen viel öfter den Gebrauch der Wörter und Formen, als ihre äussere, lautliche Gestalt. Es handle sich lun den Bedingungssatz. Im Vordersatze bedient sich der Eine lieber und öfter der fragenden Inversion, der Andere der Conjunction wenn, ein Dritter wohl gar, wo es halbwegs der Sinn zulässt, des nachdrücklichen sobald. Den Nach- satz bildet der Eine ohne einführende Conjunction, ein Zweiter meist mit so^ ein Dritter mit dann. Die kleinen, feinen Bedeutungsunterschiede sollen hier nicht erörtert werden, sie ergeben sich ja aus den Ausdrücken von selbst Ge- rade darum aber entsprechen den Sprachgewohnheiten ebensoviele Denkgewohn- heiten, und wo jene falsch scheinen, da sind es im Grunde diese, und die Sprache hat nur ihre Schuldigkeit gethan, indem sie auch den etwaigen Denk- fehler zum Ausdrucke brachte. So wahr ist das Wort: Le style c'est Fhomme; denn gerade im Bevorzugen gewisser Formen und Wendungen äussert sich so- wohl der Stil als auch die Denkgewohnheit des Schriftstellers. Darin liegt nun aber eine Hauptschwierigkeit des synthetischen Systemes^ dass man neben und hinter den Denkgewohnheiten den feinen Bedeutungsunter- schieden nachspüren muss. Solchen Gewohnheiten huldigt wahrscheinlich Jeder,, auch der Vielseitigste, und zwar Jeder nach gewissen Richtungen imd auf ge- wissen Gebieten, und das um so mehr, je reicher die Sprache ist Man denke z. B. an unsere Concessivsätze mit obschon, wennschon, obgleich, wenn gleich^ wenn auch, obwohl, wiewohl, obzwar, dazu an die Inversionen mit auch, gleich^ schon, — und dann an die Wörter im Nachsatze: aber, doch, dennoch, trotz- dem u. s. w., so hat man für wesentlich dieselbe Gedankenverbindung über ein Dutzend Formen und kann dicke Bücher schreiben, ohne mehr als die Hälfte jener Formen anzuwenden, und ohne dass der peinlichste Sprachkritiker daran etwas zu tadeln fände. Auch zeitweilige Gewöhnungen mögen dabei in s Spiel kommen. Mir war vielleicht bisher der Ausdruck wiewohl ungeläufig. Jetzt §. 6. e. Das synthetische System. 99 lese ich einen Schriftsteller, der ihn besonders oft gebraucht, und nun bürgert er sich wohl auch in meine Red- und Schreibweise ein, bis ihn etwa bei einer ahnlichen Gelegenheit ein anderer verdrängt Eine reiche Sprache wie die unsrige gleicht einem riesigen Arsenale, an- gefiUlt mit unzähligen Werkzeugen, deren immer mehrere annähernd den gleichen Zwecken dienen. Jeder Einzelne aber verfügt nur über eine beschränkte Werk- statt, ausgestattet mit einer kleineren Anzahl von Geräthen. Xach diesen greift er meist blindlings und ohne viel Besinnen, immer sicher das taugliche zu er- greifen. Eher müsste er sich besinnen, wenn er uns erklären sollte, warum er mm dieses Stück in die Hand genommen und nicht jenes. Er hat aber das (lefühl, dass die verschiedenen Geräthe verschieden wirken, und vielleicht können wir ihm sagen, worin dieses Gefühl beruht Entweder tragen die verschiedenen S\Tiouymen offen den Stempel ihrer etymologischen Herkimft und zeigen somit selbst an, worin sie sich unterscheiden. Das wird der Fall sein bei jenen con- eessiven Conjunctionen : obschon, obwohl u. s. w. Oder die einzelnen sind uns iii gewissen verschiedenen Verbindungen geläufig. Den begründenden Vordersatz z. B. sind wir bei gewissen Gelegenheiten mit da, bei anderen mit weil einzu- leiten gewöhnt, und nun wirken unbewusste Analogien. Manchmal mag wohl auch bei gleichgültigen Fällen das Bedürfniss nach Abwechselung im Ausdrucke mitspielen, oder es mag im Gegentheil träge Gewohnheit dahin führen, dass man immer wieder zu demselben Mittel greift und am Ende den Gebrauch der übrigen verlernt Wer es dahin kommen lässt, ist natürlich überhaupt nicht mehr als Zeuge zu gebrauchen. Man sieht aber nun, wie sehr die Philologen Recht haben, wenn sie den Sprachgebrauch einzelner Schriftsteller in gründlichen, weitläufigen Abhandlungen erörtern. Die Gesammtgrammatik einer Sprache kann sich aus mehr äusserlichen Giiuiden nicht soweit versteigen. Sie braucht es aber auch aus inneren Gründen nicht, denn sie will ja aus der Sprache aller Einzelnen das gemeingültige Mittel ziehen. Und dass ihr dies möglich, dass sie nicht so ganz dem Zufalle preis- gegeben, sondern wie immer an feste Grundsätze gebunden sei: das dürfte nun- mehr einleuchten. — Wir wollen versuchen, diese Grundsätze zu entwickehi. 1. Offenbar kommt es hier wie immer auf möglichste Vielseitigkeit des Inductionsmateriales an. Eine grössere Anzahl verschiedener, möglichst von einander unabhängiger Zeugen will vernommen werden. Ist nun der Grammatiker auf eine Literatur angewiesen, so muss er die Bücher im Zusammenhange lesen, sich in ihre Stimmung versetzen und aus dieser Stimmung heraus die vom J^ch^ift8teller gewählten Ausdrucksweisen beurtheilen. Warum z. B. erzählt Sallustius hier im Imperfectimi, da im historischen Perfectum, dort im Infinitiv und dort wieder im Präsens? Und wenn wir erst dem Sallustius auf die Spur gekommen sind, so werden wir voraussichtlich bei den anderen Historikern einem 7* 307874 100 II, IV. Darstellung der Einzelsprache. ähnlichen Formgebrauche begegnen und mögen getrost ihre etwaigen spraclilicben Vorlieben imd Abneigungen auf Rechnung ihrer geistigen Eigenart schreiben: die Sprache ist dieselbe, aber die Sprechenden sind sehr vei'schieden. Allerdings betrifft dies Beispiel ganz augenfällig den künstlerischen Stil, die Erzälüungsweise der Erzähler, die ja nothwendigerweise ihrer Auffassungs- und Empfindungsalt entsprechen muss. Und Ähnliches gilt z. B. von den Schlussfolgerungen und Begründungen der Juristen mid Philosophen. Überall mag sich in geschlossenen Kreisen ein Handwerks- oder Schulbrauch eiimisten, der die freie Entfaltung der Individualität in Schranken bannt. Alles dies muss der Grammatiker einfach hinnehmen, beobachten und verzeichnen. Wo er aber Freiheit sieht, halte er sie nicht für Willkür und Zufall, sondern lausche ihr ihre Gesetze ab. 2. Vor Allem nehme er an, dass eine Sprache, es sei die eines Volkes oder eines Einzelnen, auf die Dauer keinen Übeifluss dulde. Zweierlei Ausdrücke für genau denselben Begriff sind aber unnützer Ballast: entweder wird die Sprache das Überflüssige einfach über Bord werfen, oder sie wird das Sinngleiche be- grifflich gegeneinander abschatten und so den werthlosen Tand in nützlichen Reichthum verwandeln. Von Beidem weiss die Geschichte zu erzälilen. Das Wort so wird jetzt kaum mehr in der Bedeutung eines Eelativpronomens an- gewendet, und statt „wenn" dient es höchstens noch in drohender Rede. Wer die beiden Imperfectformen von weixlen, ward und wurde, abwechselnd ge- braucht^ wird wohl die eretere mehr momentan, die zweite mehr dui-ativ oder inchoativ verstehen: „Er spi-ach: Es werde Licht! und es ward Licht.'' Aber: „Es wurde viel gezecht, und er wurde gesprächig." 3. Wie angedeutet, achte man auf die Etymologie, nehme an, dass diese, wo immer sie augenfällig ist, auch in der Seele des Redenden wirke. So müssen sich aus den Bedeutungsunterschieden zwischen ob und wenn, schon und gleich jene zwischen obschon, wennschon, obgleich, wenngleich ergeben, 4. Auch auf allgebräuchliche Redensarten habe man Acht; denn sie wirken gern vorbildlich nach dem Gesetze der Analogie. Gelten zwei Wörter in ge- wissen Fällen als Gegensätze, so kann es geschehen, dass sie sich mm in alle Verzweigungen ihrer Grundbedeutung hinein, sozusagen als Gegner verfolgen. Diese Beobachtung habe ich zumal im Chinesischen gemacht, und sie ist mir oft zu Statten gekommen. Ich möchte iiir aber Allgemeingültigkeit zusprechen, denn sie entspricht einem psychologischen Triebe, Alles, was sich öfter beinilirt hat, mit zarten Fäden verbunden zu halten. Für die Eintheilung des synthetischen Systemes ein im Wesentlichen ge- meingültiges Schema zu finden, müsste wohl möglich sein. Ein solches müsste thunlichst Fächer für Alles und Jedes enthalten, was eine Sprache durch gi-am- matische Mittel ausdrücken mag, einerlei wieviele dieser Fächer von der jeweilig zu behandelnden Sprache ausgefüllt werden. Mit* diesem Vorbehalte und nur §. 6. e. Das synthetischeSystem. 101 als das einzige mir zugängliche Beispiel glaube ich mittheilen zu sollen, wie ich das synthetische System meiner chinesischen Grammatik eingerichtet habe. Man bedenke aber zudem: es war ein erster Versuch, der gewiss noch manche Xacbbessening zulässt In der Einleitung gebe ich nach einer vorläufigen Verständigimg über Zweck imd Einrichtimg des Systemes allgemeine Anweisungen über die Wahl des Aus- druckes, z. B. über die Vorliebe des Chinesen für Küi-ze und Abstractheit der Redeweise. Das Weitere zerfällt in vier Hauptstücke: I. Die Satztheile. II. Der ein- fache Satz. III. Der zusammengesetzte Satz. IV. Stilistik. Zu I. In Rücksicht auf die Satztheile war zu fragen: 1. Wie werden sie, z. B. die Substantiva, Adjectiva, Verba u. s. w., gebildet? 2. Wie können sie erweitert werden? Die Antwort lautete: .\. Durch nähere Bestimmungen, imd zwar entweder a) adnominale: Apposition, Gaiitiv, Adjectiv, adjectivisches Parti- cipium — oder b) adverbiale: Adverbien und adverbiale Redensarten für Zeit, Ort, Art und Weise; adverbiale Beziehungen der Substantiva, insbesondere durch Präpositionen und Postpositionen. Das Objectsverhältniss den adverbialen Attributen zuzuordnen, schien nach dem Geiste des Chinesischen un- zulässig. Zudem ist aus logischen Gründen die Lehre von Subject und Object nicht wohl von jener über das (lenus verbi zu trennen. — Die Eigenart der Sprache bestimmte mich nun, c) der Zahl, Einheit, Vielheit, Allheit u. s. w. ein besonderes Capitel zu widmen. d) Coordination, cumulative und alternative. 3. Die dritte Frage lautete: Durch welche Mittel werden Satztheile ersetzt? Hier waren die Pronomina zu behandeln. Es ist aber denkbar, dass andere Sprachen noch Ersatzwörter anderer Art haben, demonstrative, interrogative, relative Proadverbien, z. B. da, so, wie, wo u. s. w., — auch wohl Pi'overba von der Bedeutung: dies I l sein . ., f thiin — wie das fragende ainambi des Mandschu. 4. Endlich ist zu fragen: Wann dürfen und wann sollen Satztheile weg- gelassen werden? Darauf antwortet die Lehre von den Ellipsen und Kürzungen. Zu IL Das Hauptstück vom einfachen Satze habe ich in drei Capitel getheilt: 1. Subject, Prädicat, Object. 2. Psychologisches Subject, Inversionen. 3. Copula, Modalität. 102 II, IV. Darstellung der Einzelsprache. 1. Das Capitel über Subject, Prädicat, Object lunfasst die Lehre von den zwei wesentlichen Bestandtheilen des einfachen Satzes: dem Subjecte uiid dem Prädicate, und den Erweiteningen dieses letzteren durch directe und in- directe Objecte, mithin nach der Ausdnicksweise unserer Grammatiken folgende Formen des Verbum finitum: Xeuti-um, Activum, Passivum, Reflexivum, Reoi- procum, Causativum, Factivum und Denominativum, sowie folgende Casus: den Nominativ, Äccusativ, Dativ und den sogenamiten Instrumentalis für den Ur- heber eines passiven Verbums. Die Grenze zwischen diesem Capitel und jenem von den adverbialen Attri- buten ist meiner Meinung nach je nach der Eigenart der Sprache verschieden zu ziehen und mag manchmal schwer zu finden sein. Nach dem Geiste wohl der meisten Sprachen ist das Object nichts weiter als eine Unterart des adverbi- alen Attributes und als solche dem Instrumentalis und den örtlichen Casus nebengeordnet. Aus logischen Gründen aber lässt sich das Object nicht wolil vom Subjecte und von dem Genus verbi getrennt behandebi. Es giebt ja aucli Sprachen, die das, was wir am Terbum ausdrücken, dem Substantivum zu- schieben und geradezu einen Casus Activus und einen Neutro- Passivus haben. Das Tibetische ist ein Beispiel hierfüi'. Da heisst: de skad hdag-gis fos-pa aus- gcig-na wörtlich: „Diese Sage {skad ohne Suffix, daher neutro-passiv) ich {bdag) act. instr. (-gis) hören (fos-pa) Zeit (dm) einer {g^ B^- "*• C*»^J- = *(Satz) Der König beschützt das Volk. BC = P(Prädicat). IL nun pah C»°^J- B^ p*"- = *(Satz) Das Volk wird beschützt 111. mm pah iü wäng C*"*^^- B'' ?"•• m ^Urheber _ ^ (gatz) ~ ABC Das Volk wird beschützt vom König. BiüA = P(Prädicat). 118 II, VI. Darstellung der Einzelsprache. IV. palb rnXn (% wäng beschützen das Volk pr. rel. König pah iü toäng df min beschützt vom König pr. rel. Volk V. pab min ce beschützt das Volk derjenige der = Einer, der das V. beschützt pab iü wäng 6e = wer od. was vom K. beschützt wird VI. Vi wäng ein solcher König Ici min ein solches Volk /ßsubst. F^^ ci A (od. C) ~»«*- = - - (substantivischer Satztheil). Pce ^ P6l A (oder C) •«*>•* = ^ subst. n Vi A (od. C)cs^ P6%A (od. C) /^ subst. n oder kürzer, senkrecht zu lesen: ÄfsubJ. 1 fpattr. X ' I ) Die entsprechenden grammatischen Lehrsätze lauten: 1. Das Subject steht vor dem Prädicate (I, II, HI). 2. Das active Verbum steht vor seinem Objecto (I). 3. Steht ein sonst actives Verbum am Ende des Satzes, so ist es passiv (II). 4. Der active Satz kann in einen passiven verwandelt werden, indem das logische Object vor das Verbum \md hinter dieses das logische Subject (der Urheber) mit der Präposition iü tritt (Iü). 5. Jedes Prädicat kann in ein adnominales Attribut verwandelt werden, wenn es vor das logische Subject und zwischen beide die Relativpartikel cl tritt (IV). 6. Der solchergestalt geschaffene Relativsatz wird durch einen substantivi- schen ersetzt, indem an Stelle von Ä und dem darauffolgenden Substantive das substantivische Relativpronomen ce tritt (V). 7. Andrerseits kann der Relativsatz einschliesslich öt durch das Demon- strativpronomen k'i vertreten werden (VI). Es wäre leiclit, hierin fortzufahren, auch andere Lehren der Grammatik in ähnlicher Welse darzustellen; man brauchte nur ein zweckmässiges Zeichen- system zu erfinden z. B. neben dem Gleichheitszeichen noch für Ähnlichkeit der Bedeutung das Ähnlichkeitszeichen und für Analogie des grammatischen Verhaltens das Parallelitätszeichen einzuführen u. s. w. Inwieweit nun solche Mittel zweckmässig seien, ist eine rein pädagogische §« 14. Übungsstücke. 119 Frage. Manchen mögen die abstracten Formeln verwirren imd ärgern; Andere werden es vorziehen, sieh die Paradigmen selbst zu verfertigen, statt sie sich fix und fertig vorlegen zu lassen. Mathematisch beanlagte Köpfe mögen nur der Anregung bedürfen, um selber ein zutreffendes Formelsystem zu erfinden, und der Nutzen wird dann nicht ausbleiben; denn was wir uns selbst erzeugt haben, bleibt unverlierbar unser. Zudem hat die graphische Formel für den Kundigen den Vorzug der un- mittelbaren, von der Sprache des Darstellers unabhängigen Anschaulichkeit; sie beseitigt also das, was in jedem sprachlich ausgedrückten Lehrsatze zufällig ist. So ist sie, wo sie überhaupt Anwendung leiden kann, das vollkommenste Mittel wissenschaftlicher Darstellung. Der Versuch, sie im weitestmöglichen Umfange anzuwenden, sollte unternommen und dann bis zum Gelingen weiter verfolgt werden. Vor der Hand haben wir noch die Mathematiker und die Chemiker um ihre Zeichensysteme zu beneiden. Die Anubandhas der Inder verfolgen das gleiche Ziel. Es sind dies künstlich erfundene Affixe, die den Sylben, Wurzeln, Suffixen oder Stämmen angefügt, die einschlägigen grammatischen Regeln andeuten. Irre ich nicht, so liegt der Vortheil hierbei nicht nur in der Kürze des Ausdruckes, sondern auch in einer Erleichterung der Gedächtnissarbeit Dem Gedächtnisse wird sich ein Lautcomplex sammt anubandha mindestens nicht viel schwerer, zuweilen sogar leichter einprägen, als ohne diese Zugabe; denn was zu wenig Körper hat, merkt sich am Schwersten. Der Fehler dürfte eher in den zu Grunde liegenden mechanischen Anschauungen, als in dem Zeichensysteme zu suchen sein. Dass dies durchweg aussprechbar ist, also das Ohr mit an der Gedächtnissarbeit theil- nehmen lässt, kann man vom Standpmikte der Lehrmethode aus nur loben. Gräulich geschmacklos ist es aber doch, die herrlichen Gebilde der Sanskrit- sprache durch solche aufgeklebte Etiquetten zu verunstalten. §. 14. Uebungsstttcke. Es ist nothwendig, die grammatischen Lehrsätze nicht nur Stück für Stück zu kennen, wie sie im Buche stehen, sondern sie auch in ihrem gemischten Zusammenwirken erkennen und anwenden zu lernen. Diesem Zwecke und dem einer gründlichen Generakepetition dienen sorgfältig ausgewählte und erklärte Textstücke. Jede Elementargrammatik, die den Bedürfnissen des Selbstunter- richtes Kechnung tragen will, sollte mit solchen Zugaben versehen sein; die meisten sind es ja auch thatsächlich, wenn schon die Übungsbücher unter be- sonderem Titel erscheinen? mögen, und ein Lehrer die Erklärungen beifügt, die sonst das Lehrbuch geben müsste. 120 II, VI. Darstellung der Einzelsprache. Allein auch in grösseren Grammatiken kann es sich empfehlen, gelegentlich zusammenhängende längere Übungsstücke einzuschalten. Dann nämlich, wenn die Lehren durch das Ineinandergreifen verschiedener Lehrsätze verwickelt werden. So wird die Lehre von der Oratio obliqua im Lateinischen sehr ver- anschaulicht werden, wenn man denselben Text in Oratio obliqua und recta gegenüberstellt. §. 15. [Die Sprache des Grammatikers und die darzustellende Sprache. Schon früher habe ich angedeutet, dass es für die wissenschaftliche Auf- fassung und Einrichtung einer Grammatik ganz gleichgültig sein muss, in welcher Sprache und für wes Landes Kinder sie geschrieben wird. Lernen wir eine indogermanische Sprache, so bringen wir, ohne es zu wissen und zu bemerken, eine Menge Vorstellungen mit an 's Werk, die uns Niemand erst beizubringen braucht, die uns eben als selbstverständlich gelten. Dem Grammatiker lassen wir es dann hingehen, wenn er sich imd uns mit derlei Dingen nicht weiter aufliäJt. Er selbst muss sich aber sagen, dass sein Buch insoweit sowohl imvoll- ständig, als auch unwissenschaftlich ist. Beides, denn er hat aus Gründen, die mit der Natur des Gegenstandes nichts zu schaffen haben, eine Auswahl ge- troffen und sehr wesentliche Dinge übergangen. Jene philosophischen und aUgemeinen Grammatiken aus unserer Urgrossväter Zeiten treiben von der Kumpelkammer her noch immer ihren Spuk. Immer noch thut man, als wäre das uns Gewohnte gemeingültig und selbstverständlich; mag man sich zehnmal durch Erfahrungen in anderen Gebieten der Sprachenwelt vom Gegentheile über- zeugt haben, man bleibt beim hergebrachten Brauche. Weim und soweit die Grammatik nur ein Lehrmittel sein will, ist nun auch hiergegen gar nichts einzuwenden. Der Lehrer soll ja den Schüler in der fremden Sprache heimisch machen, und wir mögen zweifeln, ob sich der Fremde, der uns besucht, schneller eingewöhnt, wenn wir ihm etwa auf Schritt und Tritt zurufen wollten: „Siehst Du, das ist ganz wie bei Dir zu Hause; das ist ein Stuhl, da setzt man sich darauf, u. s. f." Er würde fragen: „Bin ich deim vom Monde gefallen?" und sich erst recht fremd fühlen. In der Wissenschaft aber giebt es nichts Selbstverständliches. Was nicht gesagt ist, gilt als nicht gedacht, was nicht bewiesen wird, gilt als nicht er- wiesen. Gerade wir Sprachforscher können in solchen Dingen gar nicht radical genug sein. Muttersprachliche Gewohnheiten und Schulerinnerungen wollen uns einengen imd einschläfern und beherrschen ims schliesslich, wie alte treue Diener herrschen, durch die Macht der Bequemlichkeit. Auf das Ubersetzungselend im Sprachunterrichte brauche ich hier nicht zurückzukommen; ich habe darüber seines Orts genug geklagt Dafür sei denn §. 16. B. Das Wörterbuch. 121 jetzt darauf hingewiesen, dass uns die Feinheiten einer fremden Sprache oft aus einer treffenden Übersetzung viel greller und schneller entgegenleuchten, als aus der sorgfältigsten Definition. Meisterschaft im Übersetzen ist für den Sprach- forscher eine sehr wichtige Gabe, denn sie gewährt ihm eines der wirksamsten Darstellungsmittel. §. 16. B. Das Wörterbuch. Das Wörterbuch im gewöhnlichen Sinne dient dem Zwecke des Nach- schlagens und nur diesem; seine wissenschaftlichen Vorzüge sind Vorzüge seiner einzelnen Theile, vielleicht aller Theile, das heisst aller Artikel, nicht aber des (ianzen als einer Einheit Es sei so geordnet, dass es die Arbeit des Aufsuchens möglichst erleichtert: daher ist die alphabetische Ordnung die bevorzugte. Die Artikel sind haimonisch zu gestalten, im Innern übersichtlich zu ordnen nicht aber untereinander organisch zu verknüpfen, — eine Häusercolonie, nicht ein Palast. Ist das Wörterbuch nur Nachschlagebuch, so dient es allein dem Bequem- lichkeitszwecke. Dann hat es in der Wissenschaft überhaupt keine Stätte, es sei denn diejenige, die man im Studierzimmer dem Sopha gönnt. Nun aber gehört zu einer Sprache der Sprachschatz nicht minder, als der Sprachbau, folglich zur Darstellung einer Sprache das Wörterbuch nicht minder, als die Grammatik. Wainim soll also die eine wissenschaftlich sein, und das andere nicht? Wäre etwa nur das Formenwesen einer Sprache ein organisches Oanze, und der Wortschatz ein zufällig angesammelter Haufen? Dann wäre auch jener Vorrath von Vorstellungen nichts besseres, über die ein Volk verfügt, und der im Wortvorrathe seinen Ausdruck findet Es ist leicht nachzuweisen, dass die Sprachen nicht nur dadurch bestimmt werden, wie ein Volk denkt, sondern auch durch das, worüber es denkt Es ist auch von vom herein nothwendig, dass Beides, Stoff und Form der Rede, einander beeinflussen, dass Verlauf und Darstellung des Denkens abhängig sind vom Gegenstande, dass also die bevor- zugten Gegenstände der Bede, die Geistes- und Lebensbedürfnisse eines Volkes, einen Einfluss üben müssen auf die Gestaltung der Grammatik. Dies weiter zu verfolgen, mag einer späteren Erörterung vorbehalten bleiben. Genug für jetzt: dieselbe Volksindividualität schafft Beides, die Grammatik und den Wortschatz. Jetzt stellen wir uns auf den einzel sprachlichen Standpunkt, das heisst auf den des nationalen Sprachgefühles. Da dürfte es nun einleuchten, dass hier ^ine grundsätzliche Scheidung zwischen dem Wortvoiratho und dem gram- Daatischen Formenwesen kaimi besteht Die Hülfswörter gehören zu Beiden; die Mittel der Wortbildung sind, was ihr Xame besagt, Formenmittel, die zur 122 II, VI. Darstellung der Einzelsprache. Stoff erzeugung dienen; und wo der etymologische Zusanimenhaug noch zu Tage liegt, da verbindet sich in diesem Gefühle das abgeleitete Substantivum, Adjec- tivum oder Adverb mit dem Verbum ebenso innig, wie sich die verschiedenen Formen desselben Yerbums zusammen gesellen: „Bau, Gebäude, baulich" stehen dem Verbum „bauen" nicht femer, als dem Infinitive das Imperfectum „ich baute", oder das Participium „gebaut". Erst recht auffällig ist dies in den semitischen Sprachen, deren Vocalisationswesen zwischen Wort- und Formen- bildung so zu sagen auf der Kippe steht; und halten wir weiter Umschau in der Sprachenwelt, so wird die Grenze zwischen den beiden Begriffen wohl nocli unsicherer. Jene zwei Gesichtspunkte, die im analytischen und synthetischen Systeme der Grammatik zur Geltung kommen sollen, walten, wenn auch meist roh genug, in der bekannten Zweitheilung der Wörterbücher. Unbestreitbar gehört die Wortbildung zum Sprachbaue, folglich die Lehre von ihr in die Grammatik. Diese Lehre ist aber nur dann vollständig, wenn sie besagt, in welchen Fällen ein jedes Wortbildungsmittel zulässig ist Und so lässt sich denn vom rein \yissenschaftlichen Standpunkte aus nichts dagegen einwenden, dass eine Grammatik den gesammten Wortschatz einer Sprache in sich aufnelime. In der That ist dies wenigstens eimnal versucht worden: in Jacob Grimm's deutscher Grammatik, die allerdings eine historisch-vergleichende ist Wo aber die Sprachen und ihr Wortbildungswesen noch lebendig sind, da verbietet sich ein solches Unterfangen von selbst. Die Composita eines ein- zelnen deutschen, griechischen oder altindischen Schriftstellers können wir auf- zählen, nicht aber die zulässigen Composita ihrer drei Sprachen. Und ebenso ist es mit anderen, noch frei verwerthbaren Bildungsmitteln, den deutschen auf — ung, — lich^ — bar u. a, m. Stehe nun das Sprachgefühl des Volkes der Frage, ob Grammatik oder Wörterbuch, noch so gleichgültig gegenüber: der Sprachforscher muss hier einen Unterschied machen, und zwar aus wissenschaftlichen Gründen nicht minder, als aus praktischen. Erstens: So innig in einer Sprache Stoff und Form einander durchdringen mögen, so wesentlich verschieden sind doch Beider Functionen. Dies' gilt von unseren Sprachen, denen man zugleich jene Verquickung und die feine Scheidung Beider nachrühmt. Erst recht aber wird es von jener grossen Menge der so genannten agglutinirenden Sprachen gelten, die an unveränderliche Wortstämme nach unverbrüchlichen Gesetzen saubere Formativelemento anfügen, — für jede Function immer dasselbe. Zweitens: Die einzelsprachliche Grammatik lehrt das Zulässige, mithin das, was in jedem Augenblicke thatsächlich werden kann. Das Wörterbuch hin- gegen, — hierin immer auf dem positiven historischen Standpunkte fussend, — darf und kann nur besagen, was wirklich zur Thatsache geworden ist Dies §. 16. B. Das Wörterbuch. 123 gilt in doppelter Hinsicht Einmal bezüglich der Gebilde. Die Grammatik er- klärt: die und die dürfen geschaffen werden. Das Wörterbuch besagt: die und die sind wirklich bereits geschaffen worden. Dann aber auch von den Bedeu- tungen. Die Grammatik lehrt: das und das ist ein für allemale die Bedeutung des einzelnen Bildungsmittels. Das Wörterbuch dagegen giebt Aufechluss darüber, in welchen besonderen Bedeutungen dies Bildungsmittel in den einzelnen Fällen angewandt wird. Ich wähle ein Beispiel aus dem Sanskrit In der Grammatik lernen wir, dass das Suffix — in possessive Bedeutung hat: agvin = Pferde besitzend, hastin = behandet, gagin = Hasen habend. Dass agvin einen Reiter, nicht etwa einen Hauderer, der Dual agvinau die indischen Dioskuren, hasim den Elephanten und nicht etwa einen Wegweiser, gagin den Mond, nicht einen Wildprethändler bedeutet-: dies erfahren wir aus dem Wörterbuche; in der Grammatik, auch der vollständigsten, ist dafür keine Stätte, es wäre denn in zufälligen Beispielen. So sehr verlangen die Beiden einander als nothwendige Ergänzungen. Die wissenschaftliche Berechtigung, ja Nothwendigkeit des Wörterbuches ist, denke ich, hiermit bewiesen. Damit ist aber auch die Aufgabe gestellt, für das Wörterbuch eine wissenschaftliche, dass heisst organisch einheitliche Form zu finden. Auch hierbei wird jene zweifache Betrachtung der Sprache als einer Ge- sammtheit zu deutender Erscheinungen und als einer Gesanmitheit anzuwendender Mittel in erster Reihe entscheidend sein, und es ergiebt sich darnach vorläufig folgende Eintheilimg: I. Der Wortschatz in seiner Erscheinung. In dieser Hinsicht wiederum ist eine zweifache Eintheilimgsweise denkbar und folglich, wo sie möglich ist, geboten: a. Zu Grunde gelegt wird die Wurzel- und Stammverwandtschaft; die An- ordnung ist etymologisch; alle wurzel- imd stammverwandten Wörter werden in ein Rubrum geordnet b. Zu Grunde gelegt wird die Wortbildungsweise; die Anordnung ist mor- phologisch; alle durch die gleichen Mittel gebildeten Wörter werden zu- sammengestellt IL Der Wortschatz als Mittel zum Ausdrucke der Vorstellungen. Die An- ordnung ist im systematischen Sinne encyklopädisch, das Werk ist eine Sy- nonymik. — Damit sind nun meiner Meinung nach die durch die Natur der Sache gebotenen Möglichkeiten erschöpft; denn Reimlexika können doch hier ^cht in Frage kommen. Ich habe aber wieder zunächst die Sache ideal aufgefasst, ohne Rücksicht auf das Erreichbare und Zweckmässige. Auch daran müssen wir nunmehr denken. Zu la und Ib. Die einzelsprachliche Forschung hat es nur mit dem zuthun, 124 11) yi. Darstellung der Einzelsprache. was im Spracligefühle des Volkes vorhanden ist Offenbar aber verhält sich, je nach der Beschaffenheit der Sprachen, dieses Gefühl der Etymologie und Mor- phologie gegenüber sehr verschieden. Je einfacher die Analyse, je durchsich- tiger die Structur der Wörter ist, desto lebhafter wird es sein, und desto ge- wisser darf man annehmen, dass in diesem Punkte das Sprachgefühl aller Volks- genossen übereinstimme. Je veränderlicher dagegen die Wurzeln und Stämme, je imregelmässiger und schwankender anscheinend die Bildungsmittel sind, desto weniger darf man in solchen Dingen dem Sprachgefühle zutrauen. In einer wahrhaft isolirenden Sprache endlich kann höchstens vergleichende geschicht- liche Forschung zu etymologischen und morphologischen Einsichten führen. Allerdings glaube ich und denke an einer späteren Stelle nachzuweisen, dass überall eine Art lautsymbolisches Gefühl diejenigen Wörter, die sowohl lautlich als auch in ihrer Bedeutung einander ähneln, wie recken und strecken, glülien, glimmen, glänzen und glitzern, miteinander verbinde, und dass es zwischen diesem eingebildeten Zusammenhang und dem geschichtlich begründeten etymo- logischen keinen Unterschied mache. Hier wäre allerdings ein Gesichtspunkt gewonnen, der zugleich wissenschaftlich und anscheinend praktisch ist Ob aber mehr als anscheinend praktisch? Gerade jenes Gefühl wird je nach der In- dividualität von sehr verschiedener Stärke sein, nur in den grellsten Fällen bei Allen das gleiche. So dürften am Ende die etymologischen und morphologisclien Wörterbücher für Einzelsprachen nur da am Platze sein, wo die Dinge beson- ders klar liegen, vor Allem also da, wo eine lebensfrische Agglutination in freier Bildsamkeit waltet. In anderen Fällen bleiben sie besser der sprachgeschicht- lichen Forschung überlassen. Zu II. Die lexikalische Synonymik dagegen ist überall ein unabweisbares Erfordemiss; wo sie mangelt, da ist auch die Sprache nur sehr mangelhaft er- kannt. Jene alphabetischen Wörterbücher, in denen die bekannte Sprache au erster Stelle steht, genügen aber, was auch sonst ihre Vorzüge sein mögen, dem Zwecke der Synonymik nur unvollkommen. Die Welt von Vorstellungen, über die ein Volk verfügt, die Art, wie es ordnet, unterscheidet, feinsinnig oder grobsinn- lich darsteUt: von Alledem erfährt man höchstens auf Umwegen. Ich schlage nach: Schiff, Boot, Kahn, Fähre imd finde dafür überall nur dasselbe eine Wort: so weiss ich wohl, was ich auch aus der Völkerkimde erfahren könnte, dass das betreffende Volk in der Nautik noch sehr' weit zurück ist Das mag nun noch angehen. Wie aber, wenn es sich um übersimiliche Vorstelhmgen handelt? Hierin sind die Begriffe der Völker so verschieden, dass sich die Sprachen gar nicht Wort für Wort gegenüberstellen lassen, ohne dass die heillosesten Miss- verständnisse erweckt würden. In der That, ein ideales Synonymen -Wörterbuch müsste nicht nur in der Anordnung, sondern auch in der inneren Ausgestaltung eine Art nationaler Encyklopädie sein. Man müsste daraus erfahren, was und §. 17. C. Berücksichtigung zeitlicher und örtlicher Besonderheiten etc. 125 wie der Eingeborene bei jedem Worte denkt, und diesem Zwecke wird am besten, weil am objectivsten, eine reiche Phraseologie dienen. Diese, die Lehre von der Verwendung eines jeden Wortes im Zusammen- hange der Rede, ist aber ein unerlässlicher Bestandtheil eines jeden Wörter- baches, das YoUständigkeit beansprucht. Bedeutung und Gebrauch eines Wortes bedingen einander wechselseitig: weil das Wort im Unterschiede von seinen sinnverwandten diese besondere Geltung hat, darum ist es in den und den Ver- bindungen berechtigt; und weil es in diesen Verbindungen erscheint, darum wird ihm seine besondere Bedeutimg beigelegt. Zum Schlüsse noch dies. Umsturzpläne habe ich mit den vorstehenden Betrachtungen nicht verfolgt. Die herrschende Verfassung der Wörterbücher ist praktisch berechtigt und nothwendig. Bei ims Culturvölkern kennt kein Einzelner den ganzen Wortschatz seiner eigenen Sprache, geschweige denn den einer fremden. Ohne Nachschlagebücher kommt man nicht aus, und wenn ich allen den äusseren Rücksichten Rechnung trage, die dabei mit entscheiden, so glaube ich, die systematische Synonymik habe immer noch die meiste Aussicht auf Verwirklichung. Eine solche, gut durchgeführt, müsste sogar eine anziehende lA^ctüre abgeben. Denn wie ein Volk lebt und denkt und empfindet, das spräche Oj; hier in bündigster Fomi selber aus. §. 17. C. Berflcksichtigung zeitlicher und örtlicher Besonderheiten in Grammatik und Wörterbuch. Die einzelsprachliche Forschimg findet ihre Grenzen in denen der Einzel- sprache, das heisst der Sprachgemeinschaft. Innerhalb dieser hat sich die Sprache mit der Zeit verändert, m der Regel gau- oder stammweise in Mund- arten gespalten, zeitliche und örtliche Verschiedenheiten treten hervor. Es ist eine reine Thatfrage, inwieweit das Sprachgefühl diese Verschiedenheiten als zu- lässig anerkennt, ob es den Archaismus für todt erklärt, oder ihm ein Greisen- leben gönnt, ob es einen Provinzialismus in den Kehricht der Patois und Jargons wirft, oder ihm Berechtigung einräumt. Die Entscheidungen, die dieses Sprach- gefühl fällt, mögen noch so laimenhaft sein: die einzelsprachliche Forschung hat sich ihnen ohne Widerrede zu fügen. Jene Grenzen aber bezeichnen nicht nur den Umkreis, der nicht über- schritten werden darf, sondern auch den Raum, der nach allen Richtungen hin und in allen seinen Theilen ausgebeutet werden muss. Der einzelsprachliche Forscher soll die Sprache nicht schulmeistern, — das überlasse er der rechts- verbindlichen Entscheidung imfehlbarer Akademien. — sondern er soll sie hin- nehmen, wie er sie findet. Eine Grammatik der jetzigen hochdeutschen Sclirift- 126 II, VI. Darstellung der Einzelsprache. und Umgangssprache z. B. sollte die gleichberechtigten mundartlichen Aus- sprachen des au, ei, r, s, g, /*, w u. s. w., das alterthümliche ,,sintemal" und den gleichwerthigen Gebrauch von „nachdem'' in Österreich berücksichtigen, ja sogar jene norddeutschen Unarten, an die man sich nachgerade gewöhnt hat, wie die Plurale „Jungens, Kerls". Wenn wir uns über die Sprachsudeleien unserer Zeitungen ärgern, so wollen wir nicht vergessen, dass ein grosser Theil unserer gebildeten Landsleute längst dagegegen abgestumpft "Ist und Anklänge an's Platt- deutsche oder an das Neuhebräische achtloser hingehen lässt, als einen Bavaris- mus oder Austriacismus von althochdeutschem Adel. Hier finden nun doch jene Sprachakademien, wie sie andere Länder be- sitzen, ihre volle Rechtfertigung. Ihre Einrichtung verhält sich zu unseren Zu- ständen, wie ein sachverständiges CoUegium zu einem Parlamente, „wo rohe Kräfte sinnlos walten", wo nach Majoritäten entschieden wird, und, um nochmals mit Schiller zu reden: „Verstand ist stets bei Wenigen nur gewesen". Was wir gute, correcte Sprache nennen, ist ebenso der Mode unterworfen, viie die Kleidertrachten und die gesellschaftlichen Gewohnheiten, übt auch auf die Mehrzahl der Gebildeten einen ähnlich knechtenden Zwang. Aus lauter Angst, etwas Verpöntes zu sagen, verzichtet man lieber auf einen grossen Theil des Erlaubten. So sind es weniger die unwillkommenen Einschmuggelungen und Neuerungen, als die Einbusseii an altem, echtem Sprachgute, die wir zu fürchten haben, und eine Akademie sollte vor Allem dafür sorgen, dass lebendig bleibe, was lebensberechtigt ist Jene Neuerungen kann sie ohnehin nicht ver- hüten; die gelesensten unter den französischen Eomanschriftstellem schreiben die Sprache ihrer Zeit, nicht die eines Voltaire oder Bousseau, machen Schule so gut wie diese, mag die Pariser Akademie dazu sagen, was sie will. Bureau- kratische Drillung lassen sich nur junge Cultursprachen gefallen. Nun hat sich wohl der Akademiker auf den Standpunkt des Sprachforschers, nicht aber der Sprachforscher auf den Standpunkt des obrigkeitlich verfügenden Akademikers zu stellen. Hat die Akademie entschieden, so muss er sich ihrem Urtheile imterwerfen; hält er die gefallene Entscheidung für falsch, so mag er ihre Unrichtigkeit nachweisen; umstossen kann er sie nicht, gültig bleibt sie, bis eine andere kommt, und wenn sie noch so albern wäre. Verzeichnen soll er aber auch das Abweichende, wenn es aus leidlich guten Quellen stammt, z. B. provinzielle oder persönliche Spracheigenthümlichkeiten eines angesehenen Schriftstellers, an die sich voraussichtlich schon ein weiter Leserkreis gewöhnt haben wird. Der Akademiker mag dann prüfen, ob die Neuerung wirklich schon in das Sprachgut übergegangen sei, und wenn sie das ist, so muss er sie an- erkennen. So ist die Sprech- und Schreibweise „unpass, unpässlich'' der Ety- mologie zuwider und sinnlos, und doch so verbreitet, dass man ihr nicht mehr §. 18. D. Sprache und Schrift 127 «lie Anerkennung versagen darf und höchstens fragen muss, ob das etymologisch berechtigte ,,unbass, unbässlich" noch in einem Theile unseres Vaterlandes vom Sprachbewusstsein festgehalten werde. Ähnlich ist es mit dem „Alpdrücken" und „Albdrücken" mit „allmälig^^ und „allmählich", mit dem oberdeutschen „gieng, fieng, hieng*', neben dem verbreiteteren „ging, fing, hing*', mit „frug" und „fragte", Jünfzig^' und „funfaig", „eilf und „elf" und vielen anderen Fällen, wo sich das Sprachgefühl der Gebildeten entweder gleichgültig verhält oder landschaften- weise theilt Nicht ohne Grund redet man von bühnenmässiger Sprache und gesteht dieser eine Art massgebender Bedeutung zu. In der That ist das Theater die einzige Stätte, wo eine dialektfreie, von Allen gleichmässig gutgeheissene Aus- sprache gepflegt wird, und eine Akademie wird sich eher nach dem Bühnen- brauche richten, als die Bühne nach der Akademie. Im Thöatre fran9ais wird eine Aussprache des Französischen gepflegt, die im ganzen Lande für classisch gilt, und derengleichen wohl noch heute in Predigten imd gerichtlichen Reden gehört wird. §. 18. D. Spracha und Schrift Die wissenschaftliche Schriftenkunde schlägt niu' zum Theil in die Sprach- wissenschaft ein. Handelt es sich um die' Frage: Wie kamen die Menschen zur Erfindung der Schrift? welches sind die Vorläufer, welches die ältesten Formen der Schrift? so dürfte die Antwort in Kürze dahin lauten: 1. Dem Menschen, auch dem rohes ten, wohnt ein Trieb zu bildnerischem Schaffen inne. Der äussert sich in jenen vielbewunderten Zeichnungen der Buschmänner, in den fratzenhaften Ahnen- und Götzenbildern der Papuas, wie in den rohen Bildern, mit denen bei uns zu Lande die Kinder die Wände bemalen. 2. Gefördert wird dieser Trieb durch' das eitele Gefallen, sich irgendwo verewigt zu wissen. Daher die Vorliebe für dauerhafte Stoffe. Ob Steppen- nomaden einen Steinhaufen errichten, oder ob ich meinen Namen in die Rinde einer Buche eingrabe: iBMner ruht im Hintergrunde derselbe Gedanke: Non omnis raoriar, es ist dafür gesorgt, dass ich nicht vergessen werde. , 3. Die eigene Vergesslichkeit haben wir aber nicht weniger zu befürchten, als die anderer Leute. Was wir uns merken wollen, dafür suchen wir ein Merkmal oder schaffen es uns selbst, und dem Beauftragten, der sich für uns etwas merken soll, geben wir sicherheitshalber ein Merkzeichen mit. So üben es Kaffemvölker mit den Boten, die sie an Nachbarstämme senden. Sie schneiden eine Anzahl Ruthen, soviele als Mittheilungen zu machen sind, und angesichts einer jeden lernt der Bote einen Theil seines Auftrages auswendig. Am Orte 128 II, VI. Darstellung der Einzelsprache. seiner Bestimmimg wird dann das Ruthenbündel seinem Gedächtnisse zu Hülfe kommen. Hier, wie bei den Knoten, die wir in das Taschentuch oder in die Uhrkette schlingen, ist die Bedeutung des Merkzeichens von Fall zu Fall verschieden. 4.^ Ein Fortschritt ist es, wenn den Zeichen ständige Bedeutungen beigelegt werden. So war es mit den Knotenschnüren, Quipus, der altperuanischen Staatshistoriker; und ähnlicher Knotenzeichen wollen sich auch die Chinesen vor der Erfindung der Schrift bedient haben. So war es und ist es wohl stellen- weise noch jetzt in Europa mit den Kerbhölzern, die imter den Bauern voll- beweisende, unverfälschbare Schuldurknnden ersetzen, und mit jenen stab- oder bandförmigen Aufzeichnungen, womit in Nordamerika die indianischen Sänger und Erzähler ihrem Gedächtnisse zu Hülfe kommen. 5. Sind solche Zeichnungen erkemibar, bildlich oder symboKsch, stellen also die Zeichen Nachahmungen des zu Bezeichnenden dar, so haben wir die Vorläufer der ältesten bekannten Schriften. Derart sind z. B. j^ie vielbewunder- ten Pictographien nordamerikanischer Indianer, und auch die ältesten chinesi- schen Schriftdenkmäler weisen Ähnliches auf. Da werden die zwei Wörter, die bedeuten sollen: „Der Sohn schnitzt . . . ." zu einem Zeichen verbunden, das ein Kind mit einem Messer in der Hand darstellt. Alles dies liegt noch vor der Schrift und ausserhalb derselben, im günstigsten Falle an ihrer Schwelle. Giebt es denn aber eine solche Schwelle? Wo fängt die Schrift an? wo hören Bild und Symbol auf? Die Antwort lautet: Bei der Lesbarkeit Bild und Symbol kann man deuten, aber nicht lesen. Es zeichne Jemand ein Haus und daneben einen Baum und fordere uns nun auf, das zu losen. Der Eine sagt: „Ein Haus und ein Baum"; der Andere: „Ein Haus neben einem Baume", ein Dritter vielleicht wieder anders, — und wenn die Leute verschiedensprachig sind, so redet jeder in seiner Sprache. Jeder hat Kecht, nur nicht daiin, dass er gelesen habe: er hat eben nur gedeutet W"o stehen die Artikel „ein", wo die Conjunction „und" oder die Präposition „neben"? Was sagt uns, dass das Haus eher zu nennen sei, als der Baum und nicht um- gekehrt? Das Wesentliche ist dies, dass sich die Zeichnung durch den Gesichts- sinn ohne Weiteres an unsem Geist gewendet, und dieser ihren Inhalt in Sprache übertragen hat, mit anderen Worten, dass ihre Darstellung nicht sprachlich, sondern sachlich war. Die Schrift dagegen stellt Sprache dar, ist nur durch Vermittelung der Sprache zu verstehen. Überraschend grell zeigt sich dies bei den Ziffern, zumal in Fällen wie 18, lateinisch duodeviginti, 93, französisch quatre-vingt-treize. Mag man da auch von einem Lesen reden, in der That ist es doch nur ein Deuten. Und doch ist der Unterschied zwischen Zeichen, die zur Sinnlichkeit, mid solchen, die zum reinen Vei-stande reden, so gross, wie man nur irgend verlangen kann. Noch eines besonderen Unterschiedes zwisclien Schrift und Bild müssen §. 18. D. Sprache und Schrift. 129 wir gedenken. Die Schrift, auch die Bilderschrift, stilisirt, die Zeichnungen müssen sich dem einmal angenommenen Ductus fügen und in die Zeilen ein- reihen. So erscheint in den ägyptischen Hieroglyphen der Löwe nicht grösser, als die Eule oder die Schwalbe, und bei aller Schönheit der Zeichnungen giebt sich doch der Text durch sein zeilenmässiges Aussehen und durch die Grup- pirung der einzelnen Zeichen ohne Weiteres als solcher, also als Schriftstück zu erkennen. Das Gleiche gilt von den ältesten chinesischen und zumal von den keilfönnigen assyrisch-babylonischen Schriften. Xur soviel zur Frage: Wann und wie kommt die Sprache zur Schrift? Zur Beantwortung musste jetzt die Psychologie, jetzt die Culturanthropologie herbei- gezogen werden; die Sprachwissenschaft hatte erst im letzten Augenblicke mit schu und — wenn die indischen Schriften semitischen Ursprungs sein sollten — die Inder haben es dagegen verstanden, die fremdartige Schrift nach den Anforderungen ihrer Sprachen umzugestalten. Die Chinesen mit ihrer ein- sylbig isolirenden Sprache thaten weise daran, bei der Wortschrift stehen zu bleiben. Die hat sich thatsächlich als eine Art Pasigraphie bewährt, zunächst für das dialektisch gespaltene Riesenreich, dann auch für die culturverwandten Xaehbam in Japan, Korea und Annam. Ein Jeder liest und schreibt dieselben Zeichen und spricht sie seiner Zunge gemäss aus. Einsylbig und isolirend ist auch die annamitische Sprache, und doch in Grammatik und Wortschatz sehr weit von der chinesischen verschieden. Als nun die Annamiten der chinesischen Anregung folgten, sich gleichfalls eine Schrift schufen, so lag es nahe, dass sie dass Svstem der Wortschrift wählten und nur neue Zeichen nach chinesischem Muster erfanden. Das Japanische ist formenreich aber lautami. Jede Sylbe besteht ursprünglich entweder aus einem einfachen Yocale oder aus einem Con- sonanten saramt Vocale; man darf zweifeln, ob die Sprache zur Zeit der Sclirift- schöpfung mehr als siebzig verschiedene Sylben gekannt habe. So wies die Eigenart der Sprache geradezu darauf hin, eine Sylbenschrift herzustellen, einen Theil der chinesischen Wortzeichen als Svlbenzeichen zu verwerthen. Seltsam « V. d. Gabelen tz, Die SprachiHsseDschaft. 2. Aufl. 9 130 II, VI. Darstellung der Einzelsprache. und eigentlich schön entwickelte sich die Schrift bei den Koreanern. Die hatten durch buddhistische Sendlinge das indische Buchstabensystem kennen gelernt, während sonst ihre Bildung auf chinesischer Gi-undlage ruht Die Sprache erfordert ihrer Natur nach eine Lautschrift: dies sprach für das indische Muster. Für das chinesische aber sprach die Gewohnheit, senkrechte Zeilen, Pinselduetus und in Rechtecke eingefügte zusammengesetzte Zeichen zu sehen, — eine chinesisch geschulte Aesthetik. Beides wusste man sinnig zu vereinigen und dabei noch das indische Vorbild durch Vereinfachung zu übertreffen. Es dürfte nicht möglich sein, Buchstaben- und Silbenschrift glücklicher miteinander zu verquicken. Ganz abseits von unserem Wege liegen jene für praktische Zwecke er- fundenen Kunstschriften, die Kurz-, Geheim-, Blindenschriften u. s. w. Mit Spannung müssen wir aber den zu erhoffenden Vervollkommnungen des Phono- graphen folgen. Erreicht je diese geniale Erfindimg ihr Ideal, stellt sie Laute und Töne in vollkommenster Reinheit dar, so gewinnen wir damit ein unschätz- bares Hülfsmittel. Schockweise können wir dann in unseren Studierzimmern eingeborene Sprachmeister beherbergen, die uns vorplaudern, so oft w^ir wollen. Doch das sind zur Zeit noch Träumereien. Ob und inwieweit die Sprache diu'ch die Schrift beeinflusst werden könne, ist nicht hier zu erörtern, sondern Sache der Sprachgeschichte. Für jetzt aber interessiert uns die Frage: Wie werden die Sprachen von den ihnen zugehörigen Schriften aufgefasst? Zunächst: bei welchen Einheiten? Satzschriften giebt es nicht, und zwar aus leicht erklärlichen Gründen, denn selbst in der einfachsten Sprache sind unzählig viele verschiedene Sätze möglich. Wortschriften kennen wir nur zwei: die chinesische und die von ihr abgeleitete annamitische. Sollten die alten Inschriften und Bücher der Mexikaner und Yucateken in einer Art Schriften dieser Gattung verfasst sein, so darf man von vornherein sagen: Der Versuch war unvollkommen und musste es nach der Natur jener formenreichen Sprachen bleiben. Ein Mittelding zwischen Wort- und Lautschrift ist jenes System, das man nach seinem Hauptvertreter das Hieroglyphische nennen mag. Hier können die Wörter bald durch blosse Bilder oder Symbole, bald durch Lautzeichen, bald durch eine Verbindung beider ausgedrückt w^erden; zur Bezeichnung der Affixe dienen theils Symbole, theils Buchstaben oder Sylbenzeichen. Nächst den hieroglyphischen und hieratischen Schriften der alten Aegypter gehören die ältesten Keilschriften hierher. Das System ist inconsequent, daher unvollkommen, und man thut der chinesischen Schrift unrecht, wenn man sie eine hierogly- phische nennt. Allerdings bestehen etwa neun Zehntel ihrer Zeichen aus Ver- bindungen ideographischer Bestandtheile mit phonetischen. Aber der T^-pus der §. 18. D. Sprache und Schrift 1dl Wortschrift ist doch in vollster Reinheit gewahrt und in erstaunlicher Voll- kommenheit ausgebildet. Über die sogenannten Hieroglyphen der mittelamerika- nischen Culturvölker, der Mayaß und Azteken, herrscht noch Zweifel. An Ent- zifferungsversuchen fehlt es nicht; aber nichts Geringeres als das Schriftsystem selbst ist unter den Forschem streitig. Bekanntlich hat der blödsinnige Fanatis- mus der ersten Missionare den grössten Theil dieser Literaturen vernichtet und es nicht für der Mühe werth erachtet, der Welt sichere Kunde von dem Schrift- wesen der Teufelsbücher zu hinterlassen. Es ist erklärlich, wenn sich die Lautschrift zunächst an das Greifbare hält, also an die Sylbe. Selbst die altsemitischen Buchstaben waren doch implicite Sylbenzeichen, wenn auch als solche mehrdeutig. Die Lautanalyse war gelimgen; der Fehler lag aber darin, dass man einen Theil der gewonnenen Elemente imbeachtet liegen liess. Man wird an jene Geistesart erinnert, die zum Zer- legen geschickter ist, als zum Aufbauen. Das noch mangelhaftere Tifinagh der Berbern verschmäht nun gar auch die dürftigsten Andeutungen der Vocale; es ist als wenn wir etwa die Wörter Lob, lebe, labe, Liebe, Leib, Elbe durch blosses Ib schreiben wollten. Jene bekannten zwei Schrifterfinder, der Tscheroki- Indianer Seqüoyah und der Vei-Neger Momobo Dualu Bukebe, erfanden für ihre Sprachen Syllabare. Das Gleiche thaten die Tungusenvölker der Kitan und Aisin, als sie zeitweilig China beherrschten. Von einer eigentlichen Buchstabenschrift kann erst dann die Rede sein, wenn möglichst jeder von der Sprache imterschiedene Laut sein Zeichen erhält So stellen die Vocalzeichen der syrischen, hebräischen, arabischen und äthiopi- schen Schrift einen wesentlichen Fortschritt dar, und man muss bekennen, dass für semitische Sprachen diese Art der Vocalschreibung besonders sachgemäss war. Nun wird aber natürlich bei der Analyse die Sylbe leichter gewonnen, als der einzelne Laut*), und mehr oder minder wird wohl auch der Consonant vom benachbarten Vocale beeinflusst. So mag es sich erklären, wenn die Türken, Mongolen und Mandschu in gewissen Fällen verschiedene Zeichen anwenden, je nachdem auf den Consonanten ein harter oder weicher Vocal folgt, und wenn it'li in zwei parallelen Inventarien, und die optische Sprache ist ebenso that- sächlich, ist ebensogut eine lebende Sprache, wie die akustische. Drittes Buch. Die genealogisch-historische Sprachforschung. Einleitung. Es handelt sich bei der geschichtlichen Sprachforschung zuvörderst nicJit um „Prinzipien der Sprachgeschichte", wie sie Paul in seinem so betitelten Buche und früher WmTXEY (Life and Growth of Language) aufgestellt haben. Dia Entdeckung solcher allgemeiner Grundsätze gehört weder der einzelsprach- lichen noch der historisch -genealogischen Forschimg. Jede Sprache und jeder Sprachstamm ist autonom, nur beschränkt durch die Grenzen des Menschen- möglichen: die Weite dieser Schranken, was schlechthin nothwendig, oder schlecht- hin unmöglich ist, das zu erörtern gebührt der allgemeinen Sprachwissenschaft Mit Eecht aber haben die Indogermanisten je länger je mehr diesen Prinzipien- fragen ihre ganze Aufmerksamkeit zugewandt Inwieweit aber diese Grundsätze, so wie sie von ihnen für ihren Bereich aufgestellt worden sind, auch in anderen Sprachfamilien sich halten, kann nur die Erfahrung lehren. Der Zweig der Sprachfoi-schung, der uns hier beschäftigt, hat es als solcher mit den trockensten Einzelthatsachen zu thun: Sind die Sprachen Ä und B miteinander verwandt und in welchem Grade? Giebt es dieses Wort oder jene Form in der und der Sprache oder in der und der Zeit der Sprachgeschichte? wie lautet es da? Welche Gesetzmässigkeit herrscht in den lautlichen Abweichungen? Besteht im einzelnen Falle Urgemeinschaft oder Entlehnung? Was ist alles Gemeingut, was neu hinzuerworben? u. s. w. Alles das klingt und ist auch wirklich sehr trocken. Was die menschliche Rede im Innersten bewegt, was sonst die Wissenschaft von den Sprachen der Völker zu einer der lebensvollsten macht, das tritt hier zunächst zurück; nur einige ihrer Ausläufer ranken in das Seelen- und Sitten- leben der Völker hinüber. Der einzelsprachliche Forscher kann gar nicht schnell genug die fremde Sprache in's eigene Ich aufnehmen; der Sprachhistoriker steht draussen vor seinem Gegenstande: hier der Anatom, da der Cadaver. Ich über- treibe wohl nicht, wenn ich behaupte, Bopp und Schleicher hätten ihre ver- Einleitung. 137 «rleichenden Grammatiken ganz ebensogut schreiben können, wenn sie auch nicht einer einzigen der darin bedachten Sprachen mächtig gewesen wäi-en. Was treibt sie und ihre Fachgenossen zu philologischer Thätigkeit? Entweder Lieb- haberei für das verwandte frischere Nebenstudium, oder das Bedürfniss der eigenen Wissenschaft, der sie bessere Quellen zuführen wollen. Die Geschichte der Linguistik, diesmal der vergleichenden Indogermanistik, ist hier wie immer lehrreich. Erst zügellos kühnes Zusammenstellen ähnlich klingender Vocabeln; dann Ringen nach sicherer Methode. Methode hiess aber in diesem Falle genügsame Selbstbeschränkung auf das Greifbarste. Die Gefahr lag nahe, dass daraus beschränkte Selbstgenügsamkeit nach der Art eines platten Materialismus wurde: nur das Greifbare, Stoffliche schien Werth zu haben, nur die Scheidekunst an Lauten geübt schien wahre, beweisende Wissenschaft. Dass ^ie dies ist, hat sie glänzend bewährt, auch da, wo ihre Ergebnisse umstritten smd: sie tastet eben die Grenzen des Beweisbaren aas. Nim aber drängt es sie über die selbstgezogenen Schranken hinaus, — Pott's souveräner, allseitiger (Jeist hatte sich ohnehin diesen Schranken nie unterworfen. Kurz die Sprach- geschichte ist nur zum Theile aus lautmechanischen Vorgängen zu erkläi'en; das lernte man um so tiefer empfinden, je schärfer man die entdeckten Lautgesetze zuzuspitzen strebte. Gesetze wollen ausnahmslos gelten. Werden sie von Aus- nahmefällen durchbrochen, so sind sie entweder zu weit gefasst, oder sie werden von anderen Mächten überwunden. Glaubte man also die Erscheinungen des gesetzmässigen Lautwandels erschöpfend auf allgemeine Formeln zurückgeführt zu haben, so musste man für den unerklärbai'en Rest eine fremde, nicht laut- mechanische Macht verantwortlich machen, und diese konnte nur seelischer Art sein. Es schien, als wäre das Prinzip der Analogie auf einem weiten Umwege ein zweites Mal entdeckt, das grosse Gesetz der lebendigen Sprache. Nicht die Entdeckung, sondern die Anwendung dieses Gesetzes auf dem Gebiete der ge- schichtlichen Forschimg ist das Verdienst der neueren Indogermanistik, ürtlieile ich recht, so hat in dieser Schule die sprachgeschichtliche Wissenschaft eine wahre Verjüngung, eine Rückkehr zum frischen Leben gefeiert. Jetzt schwelgt ein Theil ihrer Anhänger im Entdecken „falscher Analogien", manchmal wohl zur Schadenfi*eude ihrer Gegner, und docli selbst in ihren Übereilungen anregend. Ein zweiter Fortschritt in gleicher Richtung ist zu verzeichnen. Die syn- taktische Vergleichung hatte sich lange nur auf einzelne Zweige des Spracli- stammes erstreckt, zudem, mehr für die Zwecke des Schuluntemchtes, auf La- teinisch und Griechisch untereinander und mit der Sprache des Lernenden. Erat in neuerer Zeit ist man darauf verfallen, einzelne Theile der Satzlehre weiterhin vei-gleichend zu verfolgen; die Grammatiken aber von vorwiegend linguistischer Tendenz, die jetzt samndungsweise erscheinen, hören nach wie vor da auf, wo die Syntax anfangen sollte. Allenfalls wird da der Formenlehre etwas syntak- 138 III. Die genealogisch-historische Sprachforschung. tische Zuthat wie Schmuggelgiit beigepackt; sonst aber ist es, als sollte durcli solche Programme bewiesen werden, dass Verständniss und Handhabung einer Sprache nicht zu den Dingen gehören, die eine Grammatik zu lehren hat Zum Glücke liegt der Fehler nur in dem missbräuchlich angemassten Titel: statt Gram- matik sollte es heissen: Laut- und Formenlehre. Auch die geschichtliche Gram- matik muss alle Theile ihres Gegenstandes erfassen, und ilure Vertreter sind gewiss die Letzten, die dies Terneinen möchten. Aber der besondere Gesichtspunkt ergiebt besondere Aufgaben. AVelclies sind die Aufgaben der historisch-genealogischen Sprachforschung? Alle Sprachen erleiden Wandelungen in Stoff und Form, viele erleiden zudem Spaltungen, wohl auch Mischungen. Unter Spaltungen der Sprachen aber verstehen wir dies, dass die Veränderungen auf verschiedenen geographischen Gebieten verschieden geschehen. Solche Spaltungen geringfügigster Art haben wir schon in den leisesten mimdartlichen Abschattungen, in rein localen Woit- gebräuchen und Redensarten, ja in den individuellen Eigenheiten der Laut- bildung und des Sprachgebrauchs zu erkennen, üntermundarten desselben Dialektes, Dialekte derselben Sprache, Sprachen dereelben Familie, Familien desselben Sprachstammes sind weiter nichts als Spaltungs- und vielleicht Mischungsergebnisse. So hat die genealogisch-historische Forschung, mag sie ihr Gebiet so eng oder so weit ziehen wie sie will, doch eigentlich immer die Geschichte einer einzigen Sprache zum Gegenstande, vielleicht sogar nur die Geschichte einer einzelnen Mundart. Der Indogermanist fragt: Was ist aus der Spraelben Kräften beherrscht, nach denselben Gesetzen bearbeitet, wie in der Sprache ii?^end eines unserer Zeitgenossen. Und das Gleiche gilt von den Mundarten verschiedener Gaue: im Wesentlichen gleicht das Sprach vermögen des Erzge- l^irges dem des Schwarzwäldlers oder Oberbaiern, mag sich auch unter den äusseren Hüllen die Wesensgleichheit verbergen. Dieses Vermögen also soll der Einzelsprachforscher erkennen, beschreiben und aus ihm heraus soll er die Äusserungen der Einzelsprache erklären. That- jiäcldich ist nun aber jenes Vermögen ein gewordenes und inuner weiter wer- dendes, sich veränderndes und verschiebendes, und auch das will erklärt werden: durch welche Veränderungen ist die Sprache zu ihrem jeweiligen Zustande ge- langt? womöglich auch, — wenn die Frage nicht in alle Zukunft unbeantwortet bleibt: warum ist die Sprache gerade so geworden und nicht anders? Auf alles dies kann die Einzelsprachforschung von ilirem Standpunkte aus und mit ihren Mitteln keine Antwort geben; hier stehen wir auf dem Gebiete der Spraeh- peschichte. 140 III. Die genealogisch -historische Sprachforschung. In der Wissenschaft gelten als Eintheiliingsgrund nicht die Werkzeuge, mit denen gearbeitet, auch nicht die Quellen aus denen geschöpft, sondern die Er- kenntnissziele, denen zugestrebt wird. In unserem Falle, bei der einzelsprach- lichen und der sprachgeschichtlichen Forschung, sind aber die ersteren kaum weniger verschieden, als die Letzteren. Beide Forschimgszweige verhalten sich zu einander gegensätzlich und sich ergänzend; von ihi-em Standpimkte aus und mit ihren Mitteln erstrebt und vermag die Eine gerade das, was der Anderen unzugänglich ist. Die einzel sprachliche Forschung erklärt die Sprachäusserungen aus dem jeweiligen Sprach vermögen und thut sich genug, wenn sie dieses Ver- mögen, wie es derzeit in der Seele des Volkes ist oder war, in seinem innenMi Zusammenhange systematisch begreift. Sie wird dabei hin und wieder geni Anleihen bei der Sprachgeschichte machen: sie kann aber auch ohnedem leben: denn was dem jeweiligen Sprachgefühle gegenüber zufällig ist, darf es auch ihr bleiben. Wie und wanmi jenes Vermögen und dieses Gefühl so geworden, be- gi'eift sie nicht. Dagegen wiU die Sprachgeschichte als solche eben weiter nichts als dies erklären. Das heisst: die Lebensäusserungen der Sprache, die Bede, begreift sie gar nicht. Will sie sie begreifen, so muss sie eben auf den einzelsprachlichen Standpunkt übertreten. Somit ist sie in viel weiterem Masse auf Borg angewiesen, als die einzelsprachliche Forschung; jene Gebietsüber- schreitungen, — deim das sind sie nun einmal, — sind ihr so imentbehrlich imd gewohnt geworden, dass sie im besten Glauben auch drüben, jenseits ihrer Grenze ihre Flagge hissen möchte und Dinge, mit denen sie nichts anzufangen weiss, vielfach wegzuräumen versucht. Denn das masst sie sich an, wenn sie z. B. den Satz aufstellt: eine Sprache, von der wir weder frühere Phasen n(»ch seitenverwandte oder dialektische Verzweigimgen kemien, sei überhaupt kein Object für die Sprachwissenschaft Als ob die Sprachwissenschaft nichts weiter zu erforschen hätte, als wenn und wo diese oder jene Verändenmgen im Laut- und Formenwesen, in den AVörtern imd Bedeutimgen eingetreten sind; als wäieu die gi'ossen Wirkungen dessen, was sich Jahrhunderte hindurch im Wesentlichen gleich geblieben ist, weniger interessant, als jene kleinen Wandelungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte vollzogen haben; als müsste der, der die Gesetze einer vereinzelten Sprache in einer systematischen Grammatik darzustellen weiss, nicht mindestens ebensoviel Verständniss vom Wesen der menschlichen Sprache haben, als Jener, der das Lautinventar der indogermanischen Ursprache um ein paar neue Nummern bereichert. Keiner von beiden hat das Recht, auf den An- deren herabzublicken, denn Beider Leistimgen können sich an aufgewendetem Fleisse und Scharfsinne die Waage halten. Gilt es aber nicht dieser oder jener Sprache, sondern dem menschlichen Sprachvermögen überhaupt, so denke ich, ein neuer Sprachtypus hat doch etwas mehr Erkeimtnisswerth, als ein paar neue alte Laute. Einleitung. 141 Die Sprache oder Mundart, deinen Geschichte untei*sucht werden soll, wollen wir relativ eine Ursprache oder einen Urdialekt nennen, — relativ, das heisst wohl wissend, dass diese sogenannten Urformen ihrerseits doch nur Phasen einer vielleicht langdauemden früheren Entwickelung sind. In diesem Sinne reden wir von Ur-Indogermanisch, Urgermanisch, Urekandinavisch, Ur- scliwäbisch u. s. w., immer in Hinsicht auf spätere Phasen und Spaltungen. Sind nun diese Spaltungen alt und weitklaffend genug, so hört die sprach- liche oder mundartliche Einheit auf, Entfremdung tritt ein, Dialekte werden zu Sijndersprachen, Einzelsprachen werden zu Oberhäuptern ganzer Sprachstämme. Dann mag es wohl geschehen, wie manchmal in der Pflanzenwelt, bei Stock- ausschlägen und Wurzelausläufern. Der alte Stamm ist längst verfault, und man muss unter dem Boden nachgraben, um die gemeinsame Wurzel blosszulegeu. Und wenn es nur immer so stünde, dass jede Sprache bloss eine Wurzel hätte! Wt allerdings ist die Ähnlichkeit einer Sprache mit anderen so augenfällig, dass t*> kaum eines besonderen Verwandtschaftsnachweises bedarf. Oft aber auch sind nie Ähnlichkeiten so verwischt, die Verwandtschaften so entfernt, dass jener Nachweis viel Mühe und Scharfsinn erfordert. Es ist leicht erklärlich, dass uns diejenige Sprache der Ursprache am Nächsten zu stehen scheint, die uns über die übrigen den reichsten Aufschlüsse pebt Oft wird dies die sein, die wir am Frühesten oder am Genaueston kenneu gelernt haben, und von deren Standpunkte aus wir nun, ganz menschlicher Weise, die anderen betrachten. So können sich in die Forschung Zufälligkeiten und Einseitigkeiten einschleichen, die erst in der Folge berichtigt werden. Vom >^anskrit ausgehend hatte man die indogermanische Sprachverwandtschaft entdeckt, nun mass man die übrigen Glieder der Familie am Sanskrit, bis man einsehen l'Tnte, dass die europäischen Sprachen in manchen Dingen den Urtypus reiner bewahrt haben. R. H. Codrinoton (The Melanesian Languages, Oxford 1885) ii^t der Meinung, wir würden über das Verhältniss der melanesischen Sprachen zu den malaischen ganz andere Ansichten haben, Avenn wir jene früher als diese kennen gelernt und die malaischen Sprachen an den melanesischen gemessen hätten, wie er es thut. Die Bemerkung ivSt an sich sehr fein und zutreffend; nur das möchte ich bezweifeln, dass der ausgezeichnete Forscher von seinem ii^uen Standpunkte aus zu befriedigenderen Ergebnissen gelangt wäre. (Vergl. meine Besprechung im Journal of the R. A. S. of Gr. Br. & Ireland, XVIU., pt. 4). ^olanire man der indochinesischen Sprachvergleichung das Neuchinesische zu Eirunde legte, kam man nicht recht von der Stelle. Das Tibetische hilft weiter; und welche Aufschlüsse vom Siamesischen und von den agglutinirenden Gliedern «lor Familie zu erwarten sind, lässt sich noch gar nicht übersehen. Wir werden, um Missverständnisse zu vermeiden, gut thun, zwischen äusserer und innerer Sprachgeschichte zu untei^scheidcn. Die äussere Geschichte 142 III. I. Die äussere Sprachgeschichte. Der Verwandtschaftsnachweis. einer Sprache ist die Geschichte ihrer räumlichen und zeitlichen Verbreitung, ihrer Verzweigungen und etwaigen Mischungen (Genealogie). Die innere Sprachgeschichte erzählt und sucht zu erklären, wie sich die Sprache in Rücksicht auf Stoff und Form allmählich verändert hat Es leuchtet ein, dass man, solange man nur sprachgeschichtliche Zwecke verfolgt, nur genetisch verwandte Sprachen miteinander vergleichen darf. Und umgekehrt ist es einleuchtend, dass der Beweis der Verwandtschaft, wo er nöthig ist, nur im Wege der Vergleichung geführt werden kann. So scheint es, als drehten wir uns im Kreise. In der That ist aber die vergleichende Arbeit, die nur die Familienzugehörigkeit erweisen will, summarisch im Gegensatze zu jenen minutiösen Untersuchungen, die die innere Sprachgeschichte erheischt. Zudem ist jene Arbeit die vorbereitende, und schon darum muss sie zuerst betrachtet werden. Erster Theil. Die äussere Sprachgeschichte. Der Verwandtschaftsnachweis. Aufgaben der Sprachengenealogie. So jung unsere Wissenschaft ist, so viel hat sie bereits in sprachgenea- logischer Hinsicht geleistet. Weitaus die meisten Sprachen der alten Welt sind wenigen grossen Familien und engeren Sippen zugeordnet Vom Ganges bi.s nach Island erstreckt sich der indogermanische Stamm, von der Mündung des Amur bis nach Lappmarken und der Türkei der nral-altaische, von der Oster- insel bis nach Madagaskar der malaio-polynesische Sprachstamm. Den Semiten vom alten Babylon bis zum heutigen Marokko reihen sich die hamitischen Ägypter, die Gallas imd Berbern vetterschaftlich an; den grössten Theü Afrikas südwärts vom Erdgleicher wissen wir von der stumme- und sprachenreicheu Bantu-Familie bewohnt. Wir haben gelernt, die nichtarischen Ureinwohner Vorderindiens in Drävidas und Kolarier zu scheiden, theilen die Sprachen der kriegerischen Kaukasusvölker in einen nördlichen und einen südlichen Stamm und sind eben dabei, etv^^a ein Drittheil der Menschen zu einer grossen indo- chinesischen Sprachenfamilie zu vereinigen. Dass die Sprachen der Ureinwohner Australiens sammt und sonders untereinander venvandt sind, stellt sich immer deutlicher heraus; von jenen der amerikanischen Indianervölker sind nun wohl die meisten einer Anzahl grösserer oder kleinerer Familien eingereiht Schon bieten die Sprachenkarten ein erfreuliches Bild; man ist versucht, über der §. 1. Aufgaben der Sprachengenealogie. 143 Menge der gewonnenen Einsichten die noch viel grössere Menge der zu lösen- den Käthsel zu übersehen. Und dabei besagt das Zahlenverhältniss noch am Wenigsten. Ein guter Theil des bisher Erworbenen bot sich von selbst, man brauchte nur hinzuschauen imd zuzugreifen. Dass der Wolf zum Hundegeschlechte gehört, lehrt uns ein einziger Blick. Dass aber die Blindschleiche nicht eine Schlange, sondern eine Eidechsenart ist, erfahren wir erst, wenn wir dem Thiere die Haut abstreifen imd es anatomisch imtersuchen. Beiderlei kommt auch in der Sprachenwelt vor, nur dass hier noch viel öfter die Verwandtschaftsmerkmale unter der Haut zu suchen sind. Wober noch immer die Menge der Sprachstämme? und woher die grosse Menge der Sprachen, die noch keinem bekannten Stamme zugeordnet sind? War es wirklich so, wie Manche glauben, dass an mehreren Orten der Erde, anabhängig von einander sich sprachlose Anthropoiden zu sprachbegabten Men- sehen entwickelt haben? Gab es vielleicht gar, — denn gerade das ist behauptet worden, — Anfangs auf der bewohnten Erde eine Menge grundverechiedener Sprachen, deren grosser Theil nachmals im Kampfe um's Dasein spurlos er- loschen ist? Dann freilich wäre imseren sprachvergleichenden Bestrebungen eine jener Schranken gesetzt, vor denen der Verständige Halt ma\3ht, und die der Xarr mit dem Kopfe durchrennt. Wie aber, wenn jene Anderen Recht hätten, die da annehmen, die sprechende Menschheit, also auch die menschliche Sprache habe sich aus einer ursprüng- lichen Einheit differenzirt? Dann müssten wir eben unverdrossen fortfahren in der Arbeit des Vergleichens und Zerlegens, immer gewärtig, dass uns am Ende doch der zerkleinerte Stoff wie Streusand durch die Finger rinne, unfassbar und ungestaltbar. So stehen wir mitten drinnen in einer der heikelsten Fragen der mensch- lichen Urgeschichte, berufen, wo möglich dereinst selber das entscheidende Wort zu sprechen, darum doppelt verpflichtet zu unbefangenem Verhalten. War nun Melusprachigkeit der ursprüngliche Zustand des Menschengeschlechtes, so sind zwei Fälle möglich: entweder leben noch mehrere jener Ursprachen in ihren Nachkommen fort, oder diese sind alle bis auf eine im Daseinskampfe erlegen, und dann wären alle bekannten Sprachen Nachkomminnen einer einzigen Stamm- niutter. Mir scheint ein Kampf von so verheerend sichtender Wirkimg in jener Urzeit nicht wahrscheinlich. In geschichtlicher Zeit siechen wohl Rassen und !?pmchen unter dem tödtlichen Einflüsse einer einbrechenden überlegenen Ge- sittung dahin, werden wohl auch einzelne Tvilde Stämme von anderen ihros- deichen mit Stumpf nnd Stiel ausgerottet. Doch Letzteres gehört zu den Aus- nahmen. Viel öfter weiss die Völkerkunde von sogenannten Autochthonen- ^tämmen zu reden, die in irgend welchen verlassenen Winkeln Art imd Sprache 144 III, I. Der Verwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. der Vorfahren fortsetzen. Und wie leicht war das Fliehen und Wandern und Neubesiedeln auf der dünnbevölkerten Erde. Sind aber die uns bekannten Sprachen in grundverschiedene Stäninie ver- theilt, so bleibt doch die Möglichkeit, dass mehrere der jetzt noch für geschieden geltenden Sprachstämme sich bei fortgesetzter Yergleichung als urverwandt er- weisen, und schon das wäre ein gewaltiger Gewinn. Gesetzt aber, alle uns zu- gänglichen Sprachen wären weiter nichts als Fortsetzungen der einen Urform menschlicher Rede, so folgte daraus noch nicht mit Nothwendigkeit, dass sich diese Urspnmgseinheit jemals müsse wissenschaftlich erweisen lassen. Wie vor- hin angedeutet, wäre es ja möglich, dass sich die Wissenschaft am Ende nach den besonnensten Vorarbeiten einem so gestalt- und haltlosen Stoffe gegenüber sähe, dass auch dem Kühnsten der Muth zu weiterer Analyse und Yergleichung verginge. Dann würde also unser Endurtheil lauten: Die Urverwandtschaft aller Sprachen ist unerweisbar, aber auch unwiderlegbar, — und die Anthro- pologie müsste sich dabei beruhigen ; denn den Xeanderthalschädel kann sie doch nicht zum Reden bringen. Nicht davor muss gewarnt werden, dass man mit solchen Vergleichungon zu früh aufhöre, sondern davor, dass man zu früh damit anfange. Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo der Beweis einer Verwandtschaft etwa zwischen den irjL)kesischen Sprachen und denen der Maya-Huastecafamilie miumstösslich ge- führt vorliegt. Wollte ich heute diese Verwandtschaft behaupten, so ^vürde ich für alle Zukunft nicht den Ruhm eines ahnenden Genies, sondern den Vorwurf urtheilsloser Voreiligkeit verdienen. Denn alle Voreiligkeit in wissenschaftlichen Dingen ist unmethodisch, und alle Unmethode läuft auf diunme Urtheilslosigkeit hinaus. Und doch liegt die Versuchung auch besseren Geistern so nahe. Von dem ,,Sprachstamme der Titanen'', den „turanischen Sprachen" und ähnlichen Versuchen darf ich hier schweigen. Was aber dem grossen Fbaxz Bopp auf seinen sprachvergleichenden In-fahrten im malaischen und kaukasischen Gebiete widerfahren musste, giebt zu denken. Es war, als hätte er die Richtigkeit seiner Grundsätze nun auch von der Kehrseite beweisen, an sich selbst das Argumen- tum ad absurdum liefern sollen: Compass und Karte, die ihn bisher geleitet, hatte er über Bord geworfen, und nun sass sein Fahrzeug auf dem Sande fest. Die Versuchung zu dergleichen Wagnissen muss doch mächtig sein, dass ihr ein solcher Mami unterliegen konnte. Es gilt uns durch eine strenge Methode gegen ähnliche Verimmgen zu wappnen, und eben das ist das Schwierige, eine Methode der Entdeckungen zu finden. Auch in den günstigsten Fällen, vielleicht gerade in diesen, hat der Zufall und der glückliehe Einfall, der doch selbst ein Zufall ist, sein reichliches Autheil. Wir lernen eine Sprache, die bisher für isolirt galt. Zufällig kemien wir eine andere, die jener entfernt verwandt ist; zufällig lenkt sich unsere Auf- §. 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachstämme. 145 merksamkeit auf diese oder jene versteckten Übereinstimmungen z\vischen Beiden; wir stutzen, fragen: Sollte das auch Zufall sein? und nun folgen wir der Fährte, entdecken des Gemeinsamen immer mehr, und endlich ist der Beweis geführt. Hier gingen also der methodischen Arbeit, diese veranlassend, zwei Dinge vor- aus, die sich scheinbar nicht lehren und lernen, sondern nur als Geschenke hinnehmen lassen. Und gleichwohl ist auch dabei eine gewisse Methode möglich, so eine Art Wünschelruthe, die anzeigt, wo Bohrer, Grabscheit und Haue mit Aussicht auf Erfolg ihre Arbeit beginnen können. Wahrscheinlichkeiten und UnWahrscheinlichkeiten giebt es auch hier. Und ist nun erst der forschende Geist auf verheissende Anzeichen gestossen, so muss er bedächtig, Schritt für Schritt vorgehen, um nicht schliesslich doch sein Ziel zu verfehlen. Dafür ist also erst recht eine Methodik nötig. Die Sprachengenealogie will indessen mehr, als den Globus unter eine Zahl Sprachfamilien vertheilen; sie wiU auch innerhalb dieser Familien die Verwandt- schaftsgrade feststellen. Vergleichen wir die sich verzweigende Ursprache mit einer Pflanze, so gilt es zu wissen, an welchen Stellen die Äste am Stamme, die Zweige an den Ästen, die Blätter an den Zweigen ansitzen, welche Spal- tungen die älteren, welche die jüngeren sind, — es gilt, um den beliebten Vergleich mit menschlichen Verwandtschaftsgraden anzuwenden, die auf- und al^teigenden Linien von den Seitenlinien, innerhalb dieser gradweise die Ge- schwister- und Vetterschaften, vielleicht auch voll- imd halbbürtige Versippungen zu unterscheiden. In dieser Richtung ist noch unendlich viel zu thim, und wie sauer und heikel die Arbeit sein kann, davon weiss Niemand besser zu reden, als die Indogermanisten. Nach dem Bisherigen richtet sich unsere Untersuchung auf zwei Hauptfragen: A. Wie entdeckt und beweist man das Bestehen von Sprachstämmen und die Zugehörigkeit einzelner Sprachen zu solchen und die etwaige Urverwandt- schaft mehrerer Stämme? B. Wie stellt man innerhalb der Sprachstämme die Verwandtschaftsgrade fest? §• 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachstämme. A. Das Aufsuchen von Anzeichen. Es handelt sich hier um das, was man ipi Detectivwesen entfernte Indicien nennt. Der Eichtimgen, in denen nachgeforscht werden könnte, sind unzählig nele; aber es fragt sich: welche Richtungen versprechen am Ersten zum Ziele zu führen, welche sind also in erster Reihe zu verfolgen? Denn wir wollen nicht mit blindem Umhertappen und Ausprobiren Zeit imd Kräfte vergeuden. T. d. Gabelcntz, Die Sprachwiuenschaft. 2. Aufl. 10 146 III, I. Der Yerwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. Es muss eine Kunst des Suchens geben, die sich lehren und lernen lässt; es muss für diese Kunst apriorisch geltende Grundsätze geben, die sich aus der Natur der Sache entwickehi lassen. Wir setzen den einfachsten Fall: Ein Volk hat sich verbreitet und ge- spalten, mit ihm auch seine Sprache. Die nationale und sprachliche Einheit hat aufgehört, es sind verschiedene Völker und verschiedene Sprachen geworden, deren ursprüngliche Einheit erst wieder entdeckt werden soll. Welche Spuren wird sie hinterlassen haben? a. Geographische Momente. Die Völker- und Sprachenkarten in unseni Atlanten erzählen ein gut Stück Weltgeschiclite und Völkerkunde. Hier kraftvolle Nationen, die sich ausbreiten, andere zurückdrängend, dort jene armen und schwachen, deren Überbleibsel eingeengt oder zerstückelt sind. Zwischen den weithingestreckten Gebieten der Germanen und Romanen auf enge Küstengelände am westlichen Meere beschränkt die Nachkommen jener Kelten, die einst ganz Britannien und ein grosses Stück Galliens beherrschten; ähnlich am biskaischen Meerbusen die Basken, vormals die Besitzer weiter Strecken des südlichen Frankreich und der pyrenäischen Halbinsel. Die Etrusker, Ligurer, Veneter, Messapier sind spurlos verschwunden; vielleicht haben die Pelasger in den Amanten, diese oder jene der alten Völker Kleinasiens in den schönen Bewohnern des Kaukasus Nachkommen hinterlassen. Jene slavische Sprachinsel im Lüneburgischen, jene keltische in Comwall sind unlängst erst vom andringenden Germanonthume überfluthet worden. Gotisch wurde noch vor zweihundert Jaliren in einigen Gemeinden der Krim gesprochen. Ein Jahrhundert früher war die Sprache der Preussen und jene der türkischen Kumanen in Ungarn verklungen, und jene der Litauer und Letten siechen vor unseren Augen dahin. Nicht besser steht es um das ober- und niederlausitzer Wendisch und andrerseits um so manche deutsche Einsprengunge in slavischen imd italienischen Sprachgebieten, um die Gottscheer Mundart und jene der Sette und der Tredeci communi. Es ist ein geschichtliches Gesetz, dass die Kleinen ^ sich in der Vereinsamimg nicht halten können; sie müssen in den grösseren Nachbarn aufgehen, das heisst untergehen. Heute besitzen die Pinnen und Estheu ihre wissenschaftlichen Akademien, sammeln emsig, was sie an heimischen Sagen und Gesängen vorfinden, bearbeiten Grammatik und Wortschatz ihrer Sprachen in mustergültiger Weise, mehren mit immer wachsendem Eifer ihre Literaturen. Zwei Völker, zusammen kaum mehr als drei Millionen Köpfe zälilend, arm an irdischen Gütern, — man müsste ihrem idealen Streben zujubeln, wenn ein wenig mehr Pietät gegen ihre deutschen und schwedischen Lehrmeister dabei wäre. Allein was wird all ilir Mühen fruchten? Die Sprachen werden weiter leben, so lange ihnen der mächtige Nachbar das Leben gönnt^ und ihnen ihre lutherische Kirche ein gewisses nationales Sonderdasein sichert. Die Nach- §. 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachst&mme. 147 kommen der Ägypter haben seit Jahrhunderten ihre Sprache mit der arabischen vertauscht und nur Dank ihrer Religion einen Schatten eigenen Yolksthums ge- rettet Es giebt aber Zufluchtsstätten bedrängter Völker, die einen an den Rändern der Meere, wo die Bedrückten nicht weiter können, die anderen in unwirth- lichen Gebirgen oder Einöden, wohin die Bedrücker nicht folgen mögen. Das sind jene Völker- und Spracheninseln, bei deren Betrachtung der Sprach- und (xeschichtsforscher bald prickelnden Reiz, bald innige Wehmuth empfindet, wie beim Anblick gesunkener Grösse. Die Einen treibt Xoth und Schwäche vom heimischen Herde, die Anderen überströmende Kraft oder unbefriedigte Gier. Und so verschieden wie die (»runde der Wanderungen, der Ausbreitung oder Einengung, sind auch ihre Er- gebnisse. Jetzt finden wir grosse zusammenhängende Gebiete von einem ein- zigen Sprachstamme beherrscht, so zu sagen Continente auf dem linguistischen Globus, jetzt wieder inselartig zerstreute Glieder einer grossen Familie oder kleine sprachlich vereinzelte Völker. So stellt das nordöstliche Asien mit seinen Tschuktschen, Korjaken, Giljäken, Itelmenen, Ainos, Japanern und Bewohnern der Aleuten eine Art sprachlichen Archipel, und umgekehrt jenes Inselgebiet, das sich von der malaischen Halbinsel und Sumatra aus südostwärts in langer Kette bis Neuguinea, nordostwärts über Bomeo und die Philippinen bis Formosa und weiterhin gen Osten durch die mikronesischen, melanesischen und polyne- nesischen Inseln bis Rapa-nui verbreitet, — ein continentmässig zusammen- hängendes riesiges Sprachgebiet dar. Auch darauf müssen wir gefasst sein, dass eine solche Continuität freiwillig durch Auswanderung oder unfreiwillig durch den überschwemmenden Einbruch Fremder durchrissen worden sei. Die see- fahrenden Malaien haben nach den Malediven und Madagaskar Absenker ge- schickt; die Azteken (Nahuatl) scheinen den Algonkinstämmen, die Australier den vorderindischen Kolariem sprachverwandt Aus der Benachbarung allein Schlüsse auf die sprachliche Zusammengehörigkeit zu ziehen, ist immer misslich, b. Anthropologische Momente. Hat ein Volk sich verzweigt, so ist zu erwarten, dass seine versprengten Nachkommen im Wesentlichen die ursprüngliche Leibes- und Geistesart bewahrt haben. Die Juden sind ein classisches Beispiel hiefür. Je ähnlicher der Typus, desto enger die Rassenverwandtschaft, desto näher die genealogische Zusammen- gehörigkeit So mag die Anthropologie schlussfolgern, nicht aber die Linguistik. Dem ^candinavier steht der Finne geistig und leiblich näher, als der arische Hindu. Und umgekehrt: Finnen, Esthen, Magyaren und osmanische Türken tragen kau- kasischen Rassetypus im Gegensatze zu ihren mongolischen Sprachverwandten in Asien. Nigritische Melanesier reden Sprachen, die den malaisch-polynesichen vorwandt sind, und die Neger der Republik Hayti sprechen französisch. Der 10* 148 III, I. Der Verwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. Sprachforscher miiss immer mit der Möglichkeit rechnen, dass sich Völker ge- mischt, oder dass sie fremde Sprachen angenommen haben, und so besitzen in seinen Augen Übereinstimmungen im geistleiblichen Typus immer nur den Werth entfernter Indicien. Das Gleiche gilt c. von den ethnographischen und culturgeschichtlichen Mo- menten. Trachten und Geräthe, Sitten, Religionen und sonstige Überlieferungen aller Art pflanzen sich nur zu gern von Nachbarn zu Nachbarn fort. Vielleicht mehr noch als das Christenthum hat der Buddhismus, und viel mehr noch der Mu- hamedanismus culturausgleichend gewirkt. Indische Spiele und Märchen sind durch Vermittelimg der Perser, Araber und Türken nach Europa und Afrika, durch buddhistische Pilger bis Ostsibirien, Japan und in die malaische Insel- welt gedrungen, imd man braucht nur E. Andrek's Ethnographische Parallelen und Vergleiche zu lesen, um zu sehen, wie die wunderlichsten Bräuche und Anschauungen in den entlegensten Winkeln der Erde wiederkehren. Ähnlich- keiten in Cultur und üncultur beweisen nichts für die genetische Zusammen- gehörigkeit der Völker, und vollends nicht für die Verwandtschaft ihrer Sprachen. d. Sprachliche Momente. Das einzig untrügliche Mittel, eine Verwandtschaft zu erkennen, liegt in den Sprachen selbst. Die Sprachen aber bieten verschiedene Seiten, und diese scheinen von verschiedenem Werthe zu sein. Sprachen sind untereinander ver- wandt, das besagt ein Doppeltes: Erstens, dass sie einander in gewissen Be- ziehungen ähnlich sind; denn sonst trügen sie nicht mehr die Merkzeichen der gemeinsamen Herkunft; — und zweitens, dass sie in anderen Beziehungen von- einander verschieden sind; denn sonst wären sie nicht mehrere Sprachen, son- dern eine einzige. Es fragt sich: welche Merkmale sind die dauerhaftesten, da- her zuverlässigsten? a. Ähnlichkeiten im Lautwesen wollen wenig besagen. Das Vorwiegen der Zischlaute in den slavischen Sprachen, der Vocale in den polynesischen, die Abwesenheit der Mediae in letzteren, der gutturale Klang vieler amerikanischer Sprachen, imd anderwärts mancherlei An- deres gehört allerdings zum Familientypus. Dafür ist aber auch an entgegen- stehenden Beispielen kein Mangel. Unter den romanischen Sprachen steht das Französische mit seinen nasalirten Vocalen vereinzelt da und nähert sich inso- weit den schwäbisch-deutiichen Mundarten. Das Annamitische hat Wortaccent der dem verwandten Khmcr (Carabodjanischen) und den weiterhin verwandten kolarischen Sprachen fehlt. Die gleiche Erscheinung trennt sogar innerhalb des Tibetischen einen Dialekt von allen übrigen. Unter den finnisch-ugrischen §. 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachstämme. 149 Sprachen ist eine einzige, die das Gesetz der Vocalharmonie nicht kemit: die sjTJänische. Sie ist hierin wahrhaft aus der Art geschlagen; denn jenes Gesetz, wonach sich die Yocale der Suffixe nach jenen des Stanunes richten, gehört recht eigentlich zum ural-altaischen Typus. Die Verzweigung der Sprachen beruht ja mit zum grossen Theile in der verschiedenen Entwickehmg ihres Lautwesens, also in der allmählichen Erzeu- gung neuer Laute. In der indogermanischen Ursprache hat man bisher noch keine Spur von 0, w, §, i, x^ f ^^i^d manchen anderen Lauten entdecken können, die heute in verechiedenen Familien ihrer Nachkommen verbreitet sind. ß. Ähnlichkeiten im Sprachbaue. Li den meisten der bisher erforschten Sprachfamilien herrscht eine gewisse Gleichmässigkeit des grammatischen Baues. In den einen ist die Wortformung ausschliesslich suffigirend, — so in den ural-altaischen und drävidischen Sprachen; in anderen ist sie prä- und suffigirend, so in den malaischen und in den kongo- kaffrischen (Ban tu-) Sprachen. Der semitische Sprach typus mit seinem Tricon- sonantismus und seiner wunderbar mannigfaltigen und doch gesetzlichen Vo- calisation ist vielleicht der am schärfsten ausgeprägte. Ähnlich pflegt es mit der Morphologie des Satzes zu sein, mit dem Aufbaue und der Eeihenfolge seiner Glieder, der Art seiner Verknüpfungen. Steht das Attribut voran, wie in den uralaltaischen und drävidischen Sprachen? oder folgt es nach, wie in den malaio-poljnesischen, semitischen imd kongo-kaffrischen? Steht das Verbum hinter dem Subjecte, oder darf es auch diesem vorangehen? Geschieht die Satz- verbindung durch Conjunctionen oder durch participiale und gerundiale Suffixe? Übereinstimmimgen in solchen Dingen sind immer bedeutsam, aber sie sind nicht entscheidend. Erstens sind wohl bisher in den meisten Fällen die Grenzen der Sprachstämme zu eng umschrieben, indem nur die einander ähnlichsten Sprachen als verwandt erkannt wurden. Zweitens bestehen doch auch in einigen der schon bekannten Sprachstämme sehr bedeutende bauliche Verschiedenheiten. Von den urindogermanischen Vocalabstufungen trägt das Lateinische nur noch dürftige Spuren. Vorgefügte Formwörter, zuweilen wahre Präfixe, verdrängen stellenweise die Suffixe. Und wo die von Hause aus bewegliche Wortstellung in enge grammatische Eegeln gebannt ist, da können auch nahe verwandte Sprachen, wie das Deutsche und Englische, sehr verschiedene Bilder bieten. Das ist aber noch nichts im Vergleiche zu jenen Verschiedenheiten, die andere Sprachstämme aufweisen. Der indochinesische begreift unter anderen in sieh das Chijiesische und die Thai-Sprachen (Siamesisch, Shan, Lao, Khamti, Ahom, Aitom), die zu den reinsten Vertretern des isolirenden Baues gehören, — dann das Bannanische, Arakanische (Rukheng), die Kuki- und "Nagasprachen, die mehr oder minder agglutinirend sind, — ferner am Himälaya die Kiränti- 150 in, I. Der Yerwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. sprachen, deren Agglutination an Polysynthetismus zu streifen scheint, — end- lich das Tibetische, das mit einer ziemlich losen Agglutination wunderbare, wahr- haft flexivische innere Veränderungen der Yerbalstämme vereint. Dass das Annamitische, gleichfalls eine streng isolirende Sprache, sich den reich aggluti- nirenden kolarischen Sprachen verwandtschaftlich anschliesst, hat Ernst Kuhn nachgewiesen. Im westiichen Sudan, an den Küsten von Senegambien und Guinea und weiter landeinwärts, wohnt eine Menge Völker, die man früher als echte Neger von den Bantus unterschied: die Woloffen, die Mande, Suso, Tel, Bambara, Mende, Ibo, Nupe, Temne, Ewhe, Akra, Aschanti, Grebo, Kru u. s. w. Ihre Sprachen sind zum Theil untereinander und sämmtlich von der Bantufaniilie baulich so verschieden, dass man versucht war, sie für vereinzelt zu halten, höchstens sie iü kleine, einander fremde Sippen zusammenzuordnen. Neuerdings aber gewinnt die Anschauung an Boden, dass wir es hier mit einem losen Schwärme entfernterer Verwandter des grossen Bantustanunes zu thun haben, die sich zu diesem ähnlich verhalten mögen, wie die melanesischen Spracheji zu dem malaio-polynesischen. y. Übereinstimmung in der inneren Sprachform. Jede Sprache stellt gewisse Denkgewohnheiten dar, auf denen sie beruht und die sich von Geschlechte zu Geschlechte fortpflanzen. Der äusseren Form entspricht die sogenannte innere, das heisst, um Steinthal's glücklich gewählten Ausdruck zu gebrauchen, die Anschauung von Anschauungen. Diese begreift ein Doppeltes in sich: erstens die Art, wie die einzelnen Vorstellungen mit den vorhandenen Hülfemitteln dargestellt werden, z. B. Mond, //ijr, als messender, luna als leuchtende, — und zweitens die Art, wie die Vorstellungen geordnet, geschieden und zu gegliederten Gedanken verknüpft werden. Man sollte meinen, wenigstens Letzteres, die den Sprachbau beherrschende innere Form, müsse be- sonders dauerhaft in der Vererbung, daher entscheidend für die Verwandtschaft sein. Und in der That gehören zu den charakteristischen Merkmalen vieler Sprachfamilien gewisse Eigenthümlichkeiten der inneren Form. Die substantivi- schen Classen der Bantusprachen, die zwei Geschlechter der hamito-semitischen, die drei der indogermanischen, die vorwiegend nominale Auffassung des Prädi- cates, die Vorliebe für die passivische Redeweise in den Sprachen der malaischen Familie u. s. w., sind Beispiele solcher typischen Eigenschaften. In Amerika aber herrscht eine geistige Verwandtschaft unter vielen Sprachfamihen, deren leibliche Verwandtschaft im glücklichsten Falle sehr entfernt ist Auch geschieht es wohl, dass Sprachen sehr wichtige Eigenthümlichkeiten der inneren Form im Laufe der Zeit abstieifen oder annehmen. Den hotten- tottischen Dialekten mit ihren drei grammatischen Geschlechtem sind Busch- mannsprachen verwandt, die keinerlei Genuszeichen kennen. Zu der indn- §. 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachstämme. 151 chinesischen Familie gehören das Thai (Siamesische) und seine Verwandten, in (Jenen die prädicative, — das Tibetische und Barmanische, in denen die attribu- tive Anschauungsweise vorherrscht, und das Chinesische, das beide Kategorien scharf auseinanderhält Unter den melanesischen Sprachen und, soviel ich weiss, unter allen Sprachen des Erdballes, steht die von Annatom (Aneiteum), einer Insel der Neuen Hebriden, in Rücksicht auf die innere Form der Rede ganz vereinzelt da. In ihr wird nicht das Verbum, sondern das Pronomen personale conjugirt. Dies enjffnet den Satz, zeigt an, ob von der ersten, der zweiten oder einer dritten Person Singularis, Dualis, TriaUs oder Pluralis die Rede ist, ob es sich um ein (legenwärtiges, Vergangenes, Zukünftiges, GesoUtes u. s. w. handelt; dann folgt das Verbum mit seinen näheren Bestimmimgen, zuletzt das Subject, dem sich allerdings noch weitere adverbiale Betimmungen ansclüiessen können. Das Ver- bum selbst ist ganz lungeformt, und das conjugirte Fürwort keineswegs als eine Art Verbum substantivum aufzufassen. Beispiele: namu dzim tain aiek , . . , ^ . , = weme nicht au opt. nicht weinen du is atahaidzm ra aien ... • y 7 7 • N = er hörte sie. er praeter, hören sie (pl. ohj,) er eris atiui iran atimi ^ ^ , , . ,, , = Menschen traten damuf. sieproef. treten darauf Mensch <5 um las n'atimi esetie is eöi . j .jur 1.11. ^•= und es sprach ein Lehrer. ^Tpraet, und sprechen der Mensch lehren erpraet. em ^ (Vgl. H. C. v. D. Gabelentz, Die melanesischen Sprachen (I) S. 65 — 124). — Eine uns gleichfalls befremdende Vertheilimg der Functionen, wonach sozusagen nicht das Verbum, sondern das Subject Träger des Genus verbi ist, findet sich auf zwei sehr entfernten Punkten, im Tibetischen und in australischen Sprachen. Da kann man von einem Casus activo- Instrumentalis und von einem neutro- passivus reden. So erhellt, dass die Übereinstimmung in der inneren Sprachform, gleich der in der äusseren, wohl ein beachüiches, aber keineswegs ein untrügliches An- zeichen der leiblichen Verwandtschaft ist. Weder herrscht überall, wo jene be- ?>teht,auch diese, noch auch ist Letztere allemal mit der Ersteren verbunden; ver- ^vandte Sprachen können in Bau und Geist recht verschieden sein, und baulich lind geistig einander ähnelnde Sprachen können einander in genealogischer Hin- sicht bis zur völligen Fremdheit fern stehen. Zudem gehört die innere Sprach- fonn zu den Dingen, über die man nur nach tieferer Einsicht urtiieilen soll. ö. Übereinstimmungen in Wörtern und Formativen. Wer den Verwandtschaften neuentdeckter Sprachen nachforscht, sieht sich in den meisten Fällen auf sehr mageres Material angewiesen, auf kleine Wörter- 152 III, I. Der Yerwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. Sammlungen, wie sie von Reisenden in der Eile aufgerafft werden. Ein Glück noch, wenn sie wenigstens zuverlässig sind, — wie es damit gehen kann^ haben wir früher gesehen. Ein Glück aber auch, dass gerade die lexikalischen Über- einstimmungen für die Verwandtschaft der Sprachen die entscheidendsten sind. Solche Übereinstimmungen zw^ischen entfernteren Verwandten zu erkennen, ist allerdings oft sehr schwer, und dann müssen sich wolil „Verdienst und Glück verketten", damit die Entdeckung zu Wege komme: Bekanntschaft mit den an- deren Verwandten, ein sicherer Tact^ ein reclitzeitiger Einfall, dass dies zu Jenem stimme, dann ein mühsam methodisches Weiterforschen auf der gefun- denen Spur. Wie wechselvoll können die Schicksale eines Wortschatzes sein! Ausdrücke kommen ausser Gebrauch oder ändern ihre Bedeutungen, Fremdwörter wei-den eingeführt, und Alles war im Laufe der Zeiten der zerstörenden Macht des Laut- wandels ausgesetzt Es wäre gut, wenn sich von vornherein sagen Hesse, welcher- lei Wörter am meisten Aussicht haben, in den verschiedenen stammverwandten Sprachen ihren Platz zu behaupten; leider aber dürfte dies nur in sehr be- schränktem Masse möglich sein. Die Zahl- und Fürwörter halten noch am häufigsten Probe. Allein die ersteren stehen und fallep mit dem Bedürfnisse, und dies Bedürfniss kann sehr tief sinken. Bei den Chiquito-Indianern muss es ganz geschwunden sein; denn die können nicht einmal bis zwei zählen. Wird es dann einmal geweckt, so liegt es nahe, fremde Zahlwörter zu entlehnen, die dann den Forscher auf falsche Fährte lenken. Besser steht es nach den bisherigen Erfahrungen um die Für- wörter. Allein ganz vor Verfall und Verlust gesichert sind auch sie nicht. Meist sind es kleine Lautkörper, ein Consonant und ein Vocal, die leicht durch lautliche Veränderungen unkenntlich werden können. Auch mag w^ohl die höf- liche Sitte Fürwörter der ersten und zweiten Person abschaffen und durch neue Mittel ersetzen. So ist es im Holländischen mit dem Du geschehen, und so wird es wolil mit der Zeit dem englischen thou ergehen, das jetzt noch von der Kirche imd den Dichtem eine Art Altersversorgimg bezieht Im Nieder- raalaischen pflegt ich durch säya (sanskrit sakaya^ Gefälui;e), du durch tutvan (arabisch tuhan, Hen*) ersetzt zu werden. Doch das sind Ausnahmen; ander- wärts gehören die Pronomina und Zahhvörter zu den bereitwilligsten und lautest- redenden Zeugen. Die Erkenntniss der hamito-semitischen Verwandtschaft gründet sich fast ausschliesslich auf sie. Ihnen und gewissen Fomiativen zuliebe, glaube ich die australischen Sprachen mit den kolarischen, das Mexikanische (Nahuatl) mit der Algonkinfamilie verbinden zu dürfen. Verbalstämme und Adjectiva erhalten sich vielleicht im Stofflichen besser, als in der Bedeutung; denn die mit Thätigkeiten und Eigenschaften verbundenen Vorstellungen haben meist flüssige Grenzen. Unser ,,sehen'' entspricht nach Laut §. 2. Entdeckung und Erweiterung der Sprachstämme. 153 und ursprünglicher Bedeutung dem lateinischen sequi, grieclüschem ijreoß^ai; im Italienischen und Französischen ersetzt kauen, manducare, mangiare, manger, das alte edere. Lateinisch dicere hiess ursprünglich zeigen, öeixvvvaL 7j\x ^blair' stimmt lautlich lateinisch ftavus. Besser scheint es mit den handgreiflichsten, nächstliegenden Substantiven zu stehen, mit den Namen für Menschen und Thiere, für Verwandtschaftsgrade, Kürpertheile, Gestirne, Elemente und was dessen mehr ist. Hier werden sich wenigstens die Bedeutungen nicht so leicht verschieben, und zur Annahme neuer Ausdrücke liegt scheinbar wenig Anlass vor. Die Erfahrung bestätigt dies im Allgemeinen, spielt ims doch aber auch manchen verblüffenden Streich. Das Wort für „Hand'' lautet sanskrit hasta, slavisch -litauisch räka, griechisch x^^Q* lateinisch tnanus. Vollends bunt sind die Wörter für „Mädchen" in den ro- manischen imd germanischen Sprachen: lateinisch puella, ital. ragaega, span. ckka^ muchacha, franz. ßle, dann, auf germanischer Seite, deutsch Mädchen, Dirne, englisch girl, dänisch pige, norweg. jetUa, schwed. flicka. Unserm „sehr" entspricht engl, sore, wund, schmerzhaft. Mond, hma, csX^vf], gagin bezeichnen davsselbe Ding nach verschiedenen Merkmalen. Sehr willkommen sind Übereinstimmungen in den Fomiativlauten. Allein auch sie können trügen. Entweder bleiben sie aus, wo man sie erwarten soUte, ^eii die Affixe abgeschliffen oder durch neue ersetzt sind. Beispiele dafür bietet unser eigener Sprachstamm die Hülle und Fülle. Oder aber sie treten da auf, wo sonst keinerlei Verwandtschaft nachweisbar ist. So z. B. sind Ge- nitivpartikeln mit n, Dativ- oder Locativ- und Illativzeichen mit d oder t nicht uur im uralaltaischen Sprachstamme heimisch, sondern auch sonst weit verbreitet. So zeigt die magyarische Conjugation und selbst die der Yunga-Sprache in Süd- Amerika in den Pronominalelementen auffallende Ähnlichkeiten mit der indo- germanischen. Affixe bestehen ja meist aus wenigen, leichtwiegenden Lauten. Da hat der Zufall leichtes Spiel; und doch möchte man fürwitzig fragen, ob ims in solchen Fällen nicht letzte Spuren einer Ursprungseinheit aller mensch- lichen Sprachen entgegendämmem, oder ob sich die Dinge unabhängig vonein- ander, nur durch Gleichheit der Anlage, an den verschiedensten Punkten so ähnlich entwickelt haben. Es ist das bekanntlich die Frage, die in der ver- gleichenden Völkerkunde immer wiederkehrt, manchmal bei noch überraschen- deren Anlässen. So ist es nun auch mit manchen der gebräuchlichsten Wörter. Papa^ baba, ^lania, ama, tata, tete, nana, nunu und ähnliche kehren weit und breit wieder «'»Is Ausdrücke für die frühesten Bedürfnisse des Kindes: Vater, Mutter, Zitze, ••saugen; und diese Bedürfnisse sind auf die Laute hier so, dort anders vertheilt. ta Japanischen heisst fafa (papa) Mutter, iüi Vater; papilla, mamilla, xirdifi, *^panisch teda, Montagnais (Athapaskisch) tthuthi sind Namen für Mutterbrust 154 III, I. Der Verwandtschaf tenachweis. Die äussere Sprachgeschichte. und Zitze. Den ersten Lauten des Kindermundes wurden von den Eltern Be- deutungen beigelegt, die natürlich der engen Vorstellungswelt des kleinen Wesens entsprechen. Das wird wohl ein allgemein menschlicher Hergang sein. * Wo die Wörter durch Schallnachahmung gebildet sind, — und das waren sie eigentlich schon in dem eben besprochenen Falle, — da ist ihre Ähnliclikeit natürlich gleichfalls von der Verwandtschaft der Sprachen unabhängig. Seltsam ist es nun aber doch, wie der Zufall da spielen kann, wo man es am Mindesten vermuthen sollte. Ganz stilles Verhalten ist doch eigentlich geräusclüos, also so wenig wie möglich zur onomatopoetischen Darstellung geeignet Der Mandschu liebt aber diese Darstellungsweise: Alles soll reden. Die Glocken sagen kilang kalang, aufflatternde Vögel sagen: btir bar, Pferde, die über ein Steinpflaster traben, sagen pis pas, und wer sich ganz ruhig verhält, der sagt db (sprich tsib). Wenn der Schwede will, dass sein Kind hübsch schweigsam und gerade bei Tische sitze, so ermahnt er es: „Du musst sipp sagen!" Du bor säga sij)})! Im Deutschen bedeutet „nicht Zipp sagen'' soviel wie: nicht das leiseste Wörtchen äussern, und im Siamesischen ist sip (alte Aussprache wohl fip) Onomatopöie für ein leises Geräusch. Lehnwörter fallen selbstverständlich ausser Betracht, und darum sind solche Wörter, bei denen Entlehnung wahrscheinlich ist, von vornherein bedenklich. Der Verdacht kann sich auf Zweierlei gründen: entweder auf den ausgedrückten Begriff, den man nicht für landesheimisch halten mag, wie bei exotischen Na- turerzeugnissen oder Ideen, die vermuthlich einer fremden, höheren Gesittung entstammen; — oder zweitens auf die äussere Erscheinung der Wörter. Auch hier sind mehrere Fälle denkbar: die Wörter können einander gar zu ähnlich klingen, während sonst die Übereinstimmungen verborgener liegen. Oder sie können Laute enthalten, die sonst der Sprache fremd sind, wie anlautendes p im Deutschen. Oder endlich, es mag ihre Bildungsweise schon bei oberfläch- licher Betrachtung fremdartig scheinen. Für alles das eignet man sich wohl einen gewissen Tact an; das Wichtigste ist aber doch eine wohlbedachte Methode. B. Zur Methodik der Sprachenvergleichung. Der Verwandtschaftsbeweis. Es ist schrecklich verführerisch, in der Sprachenwelt umherzuschwäimen, drauf los Vocabeln zu vergleichen und dann die Wissenschaft mit einer Reihe neu entdeckter Verwandtschaften zu beglücken. Es kommen auch schrecklich viel Dimimheiten dabei heraus; denn aUerwärts sind immethodische Köpfe die vordringlichsten Entdecker. Wer mit einem guten Wortgedächtnisse begabt ein paar Dutzend Sprachen verschiedener Erdtheile durcligenommen hat, — studirt §. 2. B. Zur Methodik der Sprachenvergleichung. 15& braucht er sie gar nicht zu haben, — der findet überall Anklänge. Und wenn • r sie aufzeichnet, ihnen nachgeht, verständig ausprobirt, ob sich die Anzeichen bewähren: so thut er nur was recht ist Allein dazu gehört folgerichtiges^ Denken, und wo das nicht von Hause aus fehlt, da kommt es gern im Taumel der Entdeckungslust abhanden. So ging es, wie wir sahen, dem grossen Bopp, 'la er es versuchte, kaukasische und malaische Sprachen dem indogermanisclien Verwandtschaftskreise zuzuweisen. Das Schicksal liatte es merkwürdig gefügt. Es war, als hätte er die Richtigkeit seiner Grundsätze doppelt beweisen sollen, erst positiv durch sein grossartiges Hauptwerk, das auf ihnen beruht, — dann ne^tiv, indem er zu Schaden kam, sobald er ihnen untreu wurde. Bopp's Verirrimg ist die lehrreichste ihrer Art; leider ist sie nicht auch •iie verhängnissvollste. Sie wurde schnell erkannt, und wenn sie einem geringeren Mamie widerfahren wäre, hätte man sie längst vergessen. Von Anderen, die Sclilimmeres verbrochen haben, liest man höchstens noch in antiquarischen Ka- talogen. Nur ein Fehlgriff dieser Art hat dauernde Verwirrung geschaffen. Noch immer liest man, zumal in englischen Werken, von turanischen Spra- fhen. Der Name ist bekanntlich von MaxMüllee in einer geistreichen Jugend- arbeit ,,0n the Classification of the Turanian Languages" eingeführt worden und sollte alle die Sprachen der alten Welt in sich begreifen, die weder semitisch, noch hamitisch noch indogermanisch sind: die uralaltaischen, kaukasischen, indo- chinesischen, malaio-polynesischen, drävidischen u. s. w., also eine ganze Reihe verschiedener Sprachfamilien.*) Von den Speculationen, die der Verfasser daran knüpft, darf ich schweigen. Genug, ein brauchbarer linguistischer Begriff war mit dem neuen Namen nicht gewonnen, eher, für bescheidene Ansprüche, eine Art Compromiss mit den biblischen Überlieferungen, und das mochte der Sache Liebhaber werben. Nun wurde es bei vielen Glaubenssatz: wer nicht von Sem^ Hain oder Japhet stammt, der gehört zu Tur's Geschlechte. Anders ausgedrückt: Wenn man von einer Sprache nichts weiter weiss, als dass sie weder hamito- semitisch noch indogermanisch ist, so rechnet man sie zur turanischen Familie. Denn eben, wo Begriffe fehlen. Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. In diesem Siime mag man sich den Ausdruck gefallen lassen, mag ihn auch auf alle anderen Sprachen ausdehnen, über die Einer schreibt, ohne etwas von ihnen zu verstehen. Scliümmer ist es, wenn manche den Namen auf den ural- altaischen oder finno-tatarischen Sprachstamm einschränken, und somit ziun Aus- drucke eines verständigen wissenschaftlichen Begriffes missbrauchen. Max Müller's Verdienste liegen bekanntlich auf anderen Gebieten, als denen der ural-altaischen *) Später liat Max Müller selbst seine Überkühnheit eingesehen und anerkannt. Aber Beispiel von Acht und Hundert mag hierher gehören; andere aber sind noch bedeutsamer. In den indochinesischen Sprachen lauten in der Regel die Wörter für ,,ich, fünf, Fisch'*: nga, ngya, oder ähnlich, und jene für „Du, zwei, Ohr*: 7My wohl auch nang, no, ni; endlich treffen „Feuer*' xmd „Auge" in Lauten wie mig, mit, mi zusammen. Finden sich diese Übereinstimmungen oder ein grösserer Theil derselben in einer Sprache, so mag man diese ohne Weiteres für indo- <;hinesisch ausgeben. 3. Auf diese Art entdeckt man nun mehr oder minder regelmässige Laut- vertretungen und kann schliesslicli sagen: Kehrt das und das Wort in jener Sprache wieder, so muss es so und so lauten. Das Mafoor von Neuguinea zeigt den malaischen Sprachen gegenüber einen jg'gen Verfall. Das ursprüngliclie k ist vei-sch wunden, das t in Z;, vor i in s, — p in f, l in r verwandelt, die Aus- lautsvocale sind abgefallen. Dies ergiebt sich aus einer Vergleichung der Zahl- wörter: 3 töru:kior; 5 lfnia:rim; 7 pUu:flk\ 10 pülu:für; dann aus anderen Wörtern: essen, lzan:an; Laus, kiUtnuk; weinen, tangis:kianes u. s. f. — W<» solche Regelmässigkeit herrscht, da steht die Verwandtschaft ausser Zweifel. Die Sprachen sind verschieden, denn die Lautentwickelung hat verschiedene Wege eingescldagen. Hüben und drüben aber ist sie ihre Wege folgeriehtiir gegangen; dämm herrscht in den Verschiedenheiten Ordnung, nicht Willkür. Sprachvergleichmig ohne Lautvergleichung ist gedankenlose Spielerei. 8. 3. Arten und Grade der Verwandtschaft. Alle dermalen näher bekannten Sprachfamilien stellen sich als Verzweigungen je eines Stanunes dar, ihre Angehörigen sind vollbürtige Geschwister oder Nach- kommen solcher. Vereinzelte fremde Bestandtheile gelten als Lehngut und für zu imbedeutend, als dass sie am Wesen der Familieneinlieit und Echtheit ebvas ändeni könnten. Man hat sich lange daran gehalten, dabei beruhigt; man hat flottweg verneint, dass es eigentliche Mischsprachen gebe. Es war das eine jener vielen Voreiligkeiten, die zu den Entwickelmigskranklieiten unserer jungen Wissen- schaft gehören. Man hatte leichtes Spiel, zu beweisen, dass das Englische, ti^otz der romanischen Beimischungen, eine germanische, das Neupereische, trotz der arabischen Zuthaten, eine arische Sprache sei. jenen missgestalteten Creolen- sprachon wandte man vonielim den Rücken, von anderen Mischlingen konnte §. 3. Arten und Grade der Verwandtschaft. 159 man damals wohl kaum etwas ahnen. Dazu kam jene Anthropologie der ameri- kanischen Schule, die möglichst viele Menschenrassen mit möglichst schroffen arüichen Unterschieden aufstellte. Und ebenso artverschieden sollten die Sprachen sein. Konnte man die Mulatten und die Creolensprachen nicht aus der Welt leugnen, so verneinte man frisch drauf los, dass die Ersteren untereinander fort- pflanzungsfähig, und die Letzteren vollberechtigte Menschensprachen seien. „Die Xatur will keine Bastarde", lautete das Stichwort Ich behalte es mir für eine spätere Stelle vor, eingehender über Sprachen- raischung und Mischsprachen zu reden. Genug einstweilen: könnten wir die (Teschichten aller Sprachen verfolgen, so würden wir wahrscheinlich alle erdenk- lichen Stufen und Arten der Sprachenmischung beobachten; — das ist a priori zu vermuthen. Und rechnen wir mit unseren bescheidenen Erfahrungen, so finden wir solcher Stufen und Arten schon eine erkleckliche Zahl vertreten. Die genealogische Sprachforschung muss auf halbbürtige Verwandtschaften ebenso gefasst sein, wie auf vollbürtige, sie muss mit der Möglichkeit rechnen, dass •Sprachen, vielleicht ganze Sprachfamilien, durch Yermischungen anderer, unter sich verschiedener erzeugt worden sind. Man ahnt, in welche dunkelen Tiefen sie dabei geführt werden kann. • Über den Grad, das heisst die Nähe oder Ferne der Verwandtschaft ent- scheidet in der Regel die grössere oder geringere Ähnlichkeit der Sprachen. Und das mit Eecht Denn je später eine Sprache sich gespalten hat, desto mehr Gemeinsames werden ihre Zweige haben. Am meisten beweisen hierbei wohl weitgehende lexikalische Übereinstimmungen und demnächst gemeinsame Neu- bildungen, wie das neuromanische Futurum, die neuindischen Casussuffixe, die >la\ischen Praeterita durch das Participium auf — tö, — la, — lo. Weniger Werth haben Ähnlichkeiten in der Entwickelung des Lautwesens, wie etwa die der <^mtturalen im Indisch-Iranischen und im Idtauisch-Slavischen; denn zwei Sprachen kömien gerade hierin sehr wohl ganz unabhängig voneinander auf parallelen Wegen gewandelt sein. Ein wunderliches Beispiel anderer Art liefert das Holländische. Die Vorfahren der heutigen nichtfriesischen Niederländer, die alten Bataver, galten für einen fränkischen Stamm, müssen also, wenn diese tberlieferung Glauben verdient, vor Alters Dialektgenossen unserer oberdeutschen Franken gewesen sein. Das war aber vor Eintritt der hochdeutschen Laut\^er- schiebung. An dieser nahm das Oberfränkische Theil. Jene batavischen Nieder- länder aber bewahrten, gleich den Niedersachsen, den alten Lautzustand; und ^0 steht jetzt das Holländische dem Plattdeutschen äusserlich näher, als seiner vorgeschrittenen hochdeutschen Schwester. Es müssten sehr hervorstechende lexikalische und grammatische Übereinstimmungen zwischen dem Holländischen und unsem fränkischen Mundarten bestehen, wenn die Sprachforschung allein mit ihren Mitteln zu einer Einsicht in einen so verwickelten Thatbestand hätte 160 III, I. Der Verwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. gelangen sollen. Ob nun jene Überlieferung auf Wahrheit beruht oder nicht, darauf kommt es nicht an. Uns genügt es, dass die Sache möglich ist, dass es Fälle geben kann, wo die ähnlichere Sprache die genealogisch femerstehende ist. Zusatz I. Zur Anwendung der obigen Lehren. I. Die hamito-semitische Sprachfamilie. Die Verwandtschaft der semitischen Sprachen untereinander ist so eng, wie in wenigen indogermanischen Sprachfamilien. Völlige Gleichheit des Sprach- baues, — vielleicht des absonderlichsten, den es giebt, — mit seinen dreicon- sonantigen Wurzeln und seinem organischen Vocalwandel, mit der Zweiheit des grammatischen Geschlechtes, der suffigirenden perfectisclien und der präfigirendcn imperfectischen Conjugation, der Gleichmässigkeit seiner Stellungsgesetze und so manchem Anderen, — weitgehende Gleichheit des Lautwesens und des Wort- schatzes: das sind Dinge, die selbst dem blöden Auge einleuchten müssen. Um so seltsamer, dass zu einer vergleichenden Granmiatik dieser Sprachfamilie eben erst die Anfänge gemacht worden sind. Bücher wie Paul de Lagarde, Über- sicht über die im Aramäischen, Arabischen und Hebräischen übliche Bildung: der Nomina (Göttingen 1889) und J. Barth, Die Nominalbildung in den semi- tischen Sprachen. I. (Leipzig 1889) gehören hierher. Minder nahe stehen einander die drei Gruppen der hamitischen Sprachen: die aegyptische (Altaegyptisch und Koptisch),*) die aethiopische (Galla, Somali, Dankali, Bischari, Bilin, Saho, Agau, Kunama, Barea u. s. w.) und die berberische (Altlibysch, Kabylisch, Tuareg oder Tamaschek, Ghat u. s. w.). Für ihre Zu- sammengehörigkeit untereinander und mit den semitischen Sprachen zeugen aber zwei sehr augenfällige Übereinstimmungen: 1. Ähnlichkeiten im grammatischen Baue, sogar in gewissen Fomiativlauten, zumal dem t des Femininums. *) Ad. Erman, Das Verhältniss des Ägyptischen zu den semitischen Sprachen (Z. D. D. M. G. XLVI, S. 128), gelangt zu folgendem Ergebnisse: „So wäre denn das Ägyptische gegen- über den semitischen Sprachen als ein Idiom starker lautlicher Zersetzung und Entartung an- zusehen; es spielte neben ihnen etwa die Rolle, die das Englische neben dem Deutschen, das Französische neben dem Italienischen spielt" Ich füge hinzu: Dann lägen hier die Dinge, wie in der indochinesischen Famjlie, wo die älteste Cultursprache, die chinesische, schon weit abgenutzter erscheint, als viele ihrer jüngeren Schwestern. §. 4. Zusatz I. Zar Anwendung der obigen Lehren. 161 2. Die wesentliche Übereinstimmung in den Pei'sonalpronominibus und Zahlwörtern: 0 1 Hamitisch Semitisch Agypt. Galla u. s. w. ani Berberisch Arabisch ana Äthiop. Hebräisch ich ' annuk o o nek ana anökhi Du m. entui o o Du f. . entui 1 A n \ati kai kern anta anti anta antl attah Ott ,o O er entuf • o o ini enta huioa Uta hu: sie ' enius iSin entat hiya %t% h%' wir anon unu (anno) nekkenid nahnu ■ nehna • anahnü • ihr eniuten iein (m.) kauenid antum antemu o oMem \ (t) kametid antunna anten o (Uten 3 i;c«m«^ 4 fetu tua 6 sas 7 sexef 8 ' sesennu 9 peset 10 fnet iien, iiet sin kerad okkojs semmus sedis essaa ettam tezgaa merau ehadh §enayim Salös arbd ham^ ua toko san lama sadi afuri ifadig) o (Bilin:) ankua dja, tSa torba o sad^i o sagaia o kundani merau aSru e§r eser o (Bilin:) Sika (Somali :} toban ahadu m ^ahada • idnäni keVeta &aladi^ salastu arbdu arbd Xamsu xames o siUu. saHu sedes o o seVe o d-amani samani tisu tese ^aSru o sebhd Semoneh o te§d Es ist interessant, dass sich ein Theil dieser Übereinstimmungen bis tief hinein in die Sprachen von Negervölkem erstreckt. Friedrich Müller, Grund- riss der Sprachwissensch. I, 2, S. 236, sagt mit Recht: „Diese tiefgreifenden Übereinstimmungen des Hausa und anderer afrikanischer Idiome können nach unserer Überzeugimg ohne die Annahme eines tiefgreifenden vorhistorischen Einflusses der Hamito-Semiten auf die Neger nicht erklärt werden." R. Lepsius hat bald darauf den gleichen Gedanken in der Einleitung zu seiner Nubischen Grammatik weiter ausgeführt. T. d. Gabel entz, Die SpxachwlBsenBchAft. 2. Aufl. * 11 162 III, I. Der Verwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. Eine Vergleichung der possessiven und verbalen Pronominalaffixe würde weitere, nicht weniger augenfällige Übereinstimmungen ergeben, und zur Her- stellung einer recht eingehenden vergleichenden Grammatik der hamito- semi- tischen Sprachen liegt wohlgesicherter Einzelstoff in Menge vor. Noch wichtiger aber ist meiner Meinung nach eine gründliche lexicalische Vergleichung, wie sie eben von Leo Reinisch in seinen Arbeiten zur Kunde der nordostafrika- nischen Sprachen angebahnt wird. Der starre Schematismus im semitischen Wurzel- und Stammbildungswesen findet in den hamitischen Sprachen nicht Seinesgleichen. Es fragt sich: gehört er zum ursprünglichen Gemeingute der Familie, ist er drüben von der Urzeit her erhalten, hüben verloren gegangen? oder hat er sich nicht vielmehr erst nach der Trennung der Hamiten von den Semiten bei diesen entwickelt? Und wenn das: wie war die ursprüngliche Ge- staltung, wie sind die Wandelungen geschehen? Wir haben hier vorgegriffen, in die innere Sprachgeschichte hinein; die wird aber hier wie oft der äusseren Sprachgeschichte die Leuchte halten müssen. Statt aber den langweilig verständigen Weg vom Näheren zum Entfernteren einzuschlagen, konnte man es nicht erwarten, Japhet's Nachkommen mit denen Sem's auch sprachlich vervettert zu sehen und ging, zuweilen mit wahrem Scharfsinn, mit fein ersonnener Methode, an ein verfrühtes Werk. Gegenüber der Culturgemeinschaft der beiden Rassen hatte man die tiefgehende Geistes- verschiedenheit der Sprachen unterschätzt. Von mehr linguistischem Treffer, aber freilich recht mangelhafter Methode zeugt ein kleines Buch dps englischen Missionars D. Macdonald, Oceania, Linguistic aud Anthropological (Melbourne und London 1889). Der Verfasser behandelt die Malaien als Absenker der Semiten. Eine unleugbare, wenn auch rohe Geistesverwandtschaft zwischen den Sprachen leuchtet ihm ein, und nun versucht er, — freilich ganz ohne feste lautgesetzliche Methode, — auch die leibliche Verwandtschaft der beiden Sprachstämme nachzuweisen. II. Verwandtschaft des Nahuatl mit den Algonkin-Sprachen. Im Baue und in der inneren Form zeigen die amerikanischen Sprachen oft auch da auffällige Gleichheit, wo mit den bisherigen Mitteln eine lei Wiche Verwandtschaft kaum erweisbar scheint. Um so schätzbarer, wenigstens als Fingerzeige zu weiteren Untersuchungen, sind lautliche Übereinstimmungen, wie sie mir zwischen dem Nahuatl (Mexicanischen) und den Algonkinsprachen auf- gestossen sind. Davon einige Beispiele : §. 5. Zusatz II. Stammbaum- und Wellentheorie. 163 Nahuatl 1 ne, newa Algonkinsprachen. ich Lenape: ni Kri nüa, niya du te, tewa ., „ : ki „ hita^ hiya er, sie, es e, yewa „ „ : neha „ wita^ wiya wir ! tewan Algonkin, Odschibwe: kinawin sie (pl.) yewan „ „ „ „ : winawa vier nahui Kri: newo, Mikmak neu zehn matlaMli Kri: müatat, Mikmak metelen. Das ist nun für amerikanische Sprachenverhältnisse schon recht beachtlich; man muss nur wissen, wie weit die Algonkinsprachen unter sich schon in einem Theile der Zahlwörter auseinandergehen. Dass aber eine methodische Vergleichung dieser Sprachen auf ihren Wortschatz hin, zunächst untereinander und dann mit dem Nahuatl, guten Erfolg verspräche, wage ich schon jetzt zu behaupten. 8. 5. Zusatz IL Stammbaum- und Wellentheorie. Der Streit, den die beiden obigen Stichwörter bezeichnen, galt ursprünglich nur den verwandtschaftlichen Verhältnissen der indogermanischen Sprachen, hat aber zu grundsätzlichen Erörterungen geführt, die ein weiteres Interesse be- anspruchen. August Scm.EiCHER (Compendium der vergl. Gramm, der indogerman. Sprachen. 3. Aufl. S. 5 flg.) theilt unsem Sprachstamm in drei Hauptäste: 1. den asi- atischen oder arischen, indo-eranischen, dessen eranischem Hauptzweige er auch das Armenische zuzählt: 2. den südwesteuropäischen, gräcoitalokel tischen; endlich 3. den slavodeutschen. Den Sitz des Urvolkes imd der Ursprache sucht er in Asien: als dem Urtypus am ähnlichsten gelten ihm die arischen Sprachen. Und nun ninmit er (S. 7. flg.) an, je stärker die Abweichungen von jenem Urtypus, desto älter seien dieAbzweigimgen: „Die indogermanische Ursprache theilte sieh zuerst durch ungleiche Entwickelung in verschiedenen Theilen ihres Ge- bietes in zwei Theile; es schied nämlich von ihr aus das Slavodeutsche (die Sprache, welche später in Deutsch und Slavo-Litauisch auseinanderging); sodann teilte sich der zurückbleibende Stoff der Ursprache, das Ariograecoitalo- keltische, in Graecoitalokeltisch und Arisch, von denen das Erstere in ^iriechisch (-Albanesich) und Italokeltisch sich schied, das Letztere, das Arische, aber noch lange vereint blieb ... Je östlicher ein indogermanisches 11* 164 III, I. Der Verwandtschaftsnachweis. Die äussere Sprachgeschichte. Volk wohnt, desto mehr Altes hat seine Sprache erhalten, je westlicher, desto weniger Altes und desto mehr Neubildungen enthält sie. Hieraus, wie aus anderen Andeutungen folgt, dass die Slavodeutschen zuerst ihre Wanderung nach Westen antraten, dann folgten die Graecoitalokelten; von den zurückbleibenden Ariern zogen sich die Inder südostwärts, die Eranier breiteten sich in der Rich- tung von Südwest aus. Die Heimath des indogermanischen Urvolks ist somit in Centralasien zu suchen." — Dies im Wesentlichen seine Theorie. Er hat sie bequem und geschickt in Form eines Stammbaumes versinnlicht, dem sie nm* ihren Namen verdankt Wieweit sie sonst in ihren Einzelheiten bestritten worden, dürfen wir hier übergehen ; nur den einen verhängnissvollen Punkt müssen wir erwähnen. In der Behandlung der Gutturalen stimmen die lituslavischen Sprachen mit den arischen auffällig, wenngleich nicht ganz ausnahmslos überein. Schon Bopp war dadurch zur Annahme einer engeren Verwandtschaft zwischen den beiden Familien gedrängt worden. Schleicher betrachtete das Zusammentreffen als ein zufälliges, auf beiderseits selbständiger paralleler Entwickelung beruhendes. Dem konnte Johannes ScHMmT (Die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen. 1872) nicht beipflichten. So entschieden sich die lituslavischen Sprachen durch gewisse Merkmale den germanischen nähern, ebenso sicher sind sie durch jenes mit den arischen verbunden. Diese nun wieder andrerseits dem Griechischen, weiterhin das Griechische den italischen, diese den keltischen, endlich diese den germanischen, — sodass jede Familie in einer Art ßingel- reigen nicht einen, sondern zwei nächste Verwandte habe. Der Urzustand wäi'e der imunterbrochener Übergänge gewesen. Woher nun nachmals die Grenzen? Wo die Dialekte unmerklich ineinander übergehen, da herrscht Sprachgemein- schaft. So sind wir auf die Analogie der Einzelsprache hingewiesen, deren Beispiel allerdings jener Übergangstheorie zu statten kommt. Aber auch das lehrt die Sprachgeschichte, dass mächtigere Mmidarten, das heisst die Mundarten mächtigerer Gemeinden, mit der Zeit ihre Nachbarinnen verschlingen können. Sie fressen um sich; imd in dem Masse, wie sie dies thuen, werden femer- stehende, also minder ähnliche, ihre Nachbarinnen. Dann mag ihnen wohl aucb von einem anderen Mittelpunkte aus entgegengearbeitet werden, und nun stösst aneinander, was sich frülier sehr fern stand, und was sich heute noch scharf unterscheidet; schroffe Grenzen sind an die Stelle der leisen Übergänge getreten. Auch fremdsprachige Völker mochten sich keilartig eindrängen, die alten Nach- barn seitab treibend, vielleicht sie zum Theile vernichtend, zum Theile in sich aufnehmend, das heisst Zwischenstufen wegräumend. Doch nicht hierin, nicht in dem unbestreitbar möglichen Eingreifen fremder Mächte, beruht das Schwergewicht der ScH>imT'schen Theorie (der sog. Wellen- theorie), sondern darin, dass sie erklärt, wie es möglich ist, dass ein ununter- §. 6. Zusatz III. Die Sprachen von Eabakada und von Neu-Lauenburg etc. 165 brochener Zusammenhang der Mundarten, zunächst ohne politische Scheidung der Toltsgemeinschaft, von innen heraus zerrissen werden kann. Insoweit ist sie meiner Meinung nach unanfechtbar, und darin liegt ihr prinzipieller Wert, deichviel wie es um die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen stehe. §. 6. Zusatz III. Die Sprachen von Kabakada und von Nea-Laaenbarg» — ein Ausnahmefall. Wo sonst in der Welt Sprachen oder Mundarten einander besonders nalie stehen, da pflegt ihr Hauptunterschied im Laut\^'esen zu beruhen, Granunatik und Wortschatz dagegen bis auf Kleinigkeiten übereinzustimmen; man spricht hüben und drüben mehr oder weniger dasselbe, man spricht es nur anders aus. Man mache den Versuch mit Deutsch und Holländisch, mit Italienisch und Spanisch oder Portugiesisch, mit Finnisch und Esthnisch, mit zwei beliebigen Sprachen der slavischen, semitischen, polynesischen Familie, so wird man das bestätigt finden. Ein einziges Mal ist mir fast das gerade Gegentheil vorgekommen. Die Sprache von Kabakada auf der Gazelle -Halbinsel von Neu-Pommem (Neu-Bri- tannien) gleicht jener von Neu-Lauenburg (Duke of York Island) im Lautlichen bis auf einen vielleicht mehr orthographischen Unterschied vollständig; was ver- wandt ist, stimmt in der Regel auch buchstäblich überein, und wo es das nicht thut, da beruht der Unterschied in der Art der Wortbildung. Lautvertretungs- iresetze giebt es zwischen den Beiden nicht Auch das Grammatische, Wort- fonnungsmittel, Formwörter und Satzbau, ist in der Hauptsache auf beiden Seiten gleich. Um so grösser sind die Verschiedenheiten in den Stoffwörtem. Was Mch da nicht entweder völlig oder bis auf die Bildungssilben gleicht, ist in der Regel grundverschieden; und dessen ist erstaunlich viel. Man muss sich schon besinnen, um einen italienischen Satz zu finden, dessen spanische Übersetzung nicht zum guten Theile aus denselben Wörtern besteht. Man wird aber erst recht, vielleicht vergebens suchen müssen, einen Kabakada-Satz von nur einem Dutzend Wörtern aufzustellen, der sich mit Anwendung derselben Stoftwörter in die Duke of York-Sprache übersetzen liesse. Allem Vermuthen nach kann es verhältnissmässig nicht lange her sein, (lass beide Völker noch völlig gleichsprachig waren: sonst wäre das gemein- same Sprachgut im Lautwesen weiter auseinandergegangen. Nun müssen aber hüben oder drüben, wo nicht auf beiden Seiten, sehr heftige Stönmgen ein- getreten, fremde Elemente eingemischt worden sein. Und das ist allerdings in (len melanesischen Sprachen besonders leicht möglich. 166 III, I. Der VerwandtschaftsnachweiB. Die äussere Sprachgeschichte. Erstens mag wohl auch hier das Tabiiwesen den Wortgebrauch ändern. Scheinbar willkürlich, aus abergläubischen Gründen, werden gewisse Ausdrücke verpönt und conventionell durch andere ersetzt Ob sie dann, nach Erlöschen des Verbotes, wieder auftauchen, hängt von den Umständen ab. Zweitens sind die Melanesier das Gegentheil von Puristen. Unsere Ge- währsmänner klagen darüber, wie schnell Fremdes, Fehlerhaftes, bloss weil es von radebrechenden Fremden gesagt worden, angenommen und nachgeahmt wird. Dies Laster mag alt sein. Die Wörter, in denen die melanesischen Sprachen am Meisten mit den Malaischen übereinstimmen, sind gerade solche, die man überall sonst am Spätesten aufgiebt: Pronomina, Zahlwörter, die ge- bräuchlichsten Substantiva und gewisse Partikeln. Es sind das aber auch die Wörter, die man den Fremden am Ersten ablauscht, die man also, wenn man sonst will, sich am Schnellsten aneignen kann. Nun kam es nur darauf an, bei wem jeder Theil, und was er borgte, und in kurzer Zeit konnten sich die ärgsten Verschiedenheiten einstellen. §. 7. Zur Technik. Collectaneen zum Verwandtschaftsnachweise. Gilt es, zu ermitteln, welchem Verwandtschaftskreise eine Sprache zugehöns so ist dem Gesagten nach die lexicalische Vergleichung die nächst notwendig:e. Um diese su erleichtem, legt man am Besten eine Sammlung an, die ich noch nicht ein vergleichendes Wörterbuch, sondern nur ein Wörterbuch zur Ver- gleichung nennen möchte. ZettelcoUectaneen sind hier besonders zu empfehlen. Es fragt sich, wie sie am Zweckmässigsten zu ordnen seien? Hat man, wie ich es empfehle, schon das einzelsprachige Wörterbuch auf Zetteln angelegt, so ist viel Arbeit gespart: man braucht die Zettel nur umzu- ordnen, hat nicht die Mühe der doppelten Schreiberei. Die neue Ordnung aber muss für ihren Zweck möglichst übersichtlich sein. Nun haben die verwandten Wörter in vei'schiedenen Sprachen nicht alle- mal die gleiche, sondern oft nur eine ähnliche Bedeutung. Also müssen die Wörter thunlichst nach ihren Bedeutungen, mit anderen Worten encyklopädisch geordnet sein. Es leuchtet ja ein, dass es umständlich wäre, wenn man et^va „wollen, wünschen, begehren, verlangen, streben" an fünf verschiedenen Orten aufsuchen müsste, dass es ärgerlich wäre, wenn man an vier Flecken auf einen fünften verwiesen würde. Ein Schema für ein solches Wörterbuch, dessen Bequemlichkeit ich erprobt habe, will ich nun mittheilen. I. Pronomina. A. Personalia. B. Demonstrativa, reflexiva, determinativa, §. 7. Zur Technik. 167 iudefinita. C. Possessiva. D. Fragwörter (einschliesslich der Fragadverbien, die ja in der Regel pronominal sein werden). n. Zahlwörter, bestimmte und unbestimmte. III. Substantiva. j\. Gott Himmel, Gestirne. B. Himmelsgegenden. C. Zeit D. Wetter. E. Erde (Land, Feld, Ebene, Weg, Ort, Berg u. s. w.). F. Stein, Metall. G. Feuer (Funke, Flamme, Rauch, Asche, Kohle). H. Wasser. 1. Pflanzen und ihre Theile. K. Thiere. a. Säugethiere, b. Vögel u. s. w. L. Mensch. M. Körpertheile. a. Kopf. b. Hals, Rumpf, c. Extremitäten, d. S^instige Körpertheile, Ausscheidungen u. s. w. (Haut, Knochen, Ader, Blut). — Anhang: Geist, Schatten, Name, Stimme, Wort N. Wohnung. 0. Schiff. P. Waffen und Geräthe. Q. Gefässe. R. Kleidung, Schmuck. S. Nahrung. T. All- gemeines (Ding, Stück, Theil, Masse u. dgl.). IV. Adjectiva. A. Gross u. s. w. (lang, stark, dick, hoch, alt, schwer . . .), B. Klein (kurz ....). C. Gestalt, Consistenz. D. Farben. E. Eigenschaften des Gefühls, Geschmackes, Geruches, Gehöres. F. Körperliches Befinden. G. (iemüths- und Verstandeseigenschaften. H. Allgemeine (wahr, gleich, ähnlich, ganz, fertig u. s. w.). V. Adverbien. A. Der Zeit B. Des Ortes. C. Der Art imd Weise. VL Conjunctionen. Yü. Präpositionen oder Postpositionen, Casusaffixe. VIII. Verba. A. Sagen, sprechen u. s. w. B. Denken u. s. w. (wollen, lieben, hassen, vergessen . . .). C. Leben, Körperfunctionen. D. Gehen, kommen u. s. w. (laufen, treten, folgen, steigen, fliessen, schwimmen, fallen, tröpfeln . . .). E. Da sein, verweilen (stehen, sitzen, liegen . .). F. Andere Verba. (Schwer zu classificirende, für die die alphabetische Ordnung als Nothbehelf dienen muss.) Dies Schema ist gewiss noch sehr verbesserungsfähig und erspart natürlich das Hin- und Herblättem nicht ganz, verringert es aber doch. Andere Gruppi- ningen sind ja wohl denkbar und können sich imter Umständen bewähren, z. B. Auge, sehen, blind; Sonne, Tag, hell, leuchten. Allein erstens können die Ideenverbindungen von einem Punkte aus nach sehr verschiedenen Seiten verlaufen; und zweitens wären solche aus allen Rede- theilen zusammengestellte Gruppen kaum zu einem übersichtlichen Ganzen zu vereinigen. Hat man nun ein solches Wörterbuch angelegt, so hält man sich zimächst an die Sprachen, die nach dem früher Gesagten in erster Linie der Verwandt- schaft verdächtig sind, trägt ähnlich Klingendes ein und sieht zu, wie weit man damit kommt. Geht es gut, so ergeben sich bald gewisse Regelmässigkeiten in der Lautvertretung, für die man nun weitere Collectaneen anlegen muss. Nun fragt man sich: Können die Übereinstimmungen nicht auch auf Ent- 168 III, II. Die innere Sprachgeschichte. lehnung beruhen? Denn dass sie nicht zufällig sind, das haben eben jene Laut- vergleichungen ergeben. Die Frage betrifft sowohl die Menge, als die Art des Verwandten ; es kann sehr Vieles entlehnt sein, wie im Englischen aus dem Altfranzösischen, — und doch gerade das Wesentlichste nicht Hier muss die Yergleichung des Sprachbaues, der Wortformen und Formwörter entscheiden : und somit reiht sich an die lexikalische und phonetische Yergleichung die grammatische an. Das ganze hier geschilderte Verfahren ist scheinbar rein mechanisch und ist es oft auch wirklich. AUein in vielen Fällen wird neben einem guten Ge- dächtnisse, das die Arbeit verkürzt, auch ein gewisser Tact erfordert, der den Forscher vor thörichten Combinationen behütet, also ein Verständniss für das, was in der Sprachgeschichte möglich und wahrscheinlich ist. Zweiter Theil. Die innere Sprachgeschichte. Erstes Hauptstück. Allgemeines. Aufgaben der inneren Sprachgeschichte. Alle Sprachen sind dem Wandel ausgesetzt, alle unterliegen ihm in höherem oder geringerem Grade, schneller oder langsamer. Und zwar in allen ihren Theilen. Hatten wir früher gelernt, zmschen Sprachschatz und Sprachbau und bei beiden wieder zwischen den zu deutenden Erscheinungen und den anzu- wendenden Mitteln zu imterscheiden, und für die Granmiatik letzte Elemente und oberste Gesetze anzuerkennen, die weder mehr zu analysiren noch durch Synthese zu gewinnen waren: so tritt nunmehr ein neues Moment hinzu, näm- lich der Wandel aller dieser Dinge im Laufe der Zeit Es ist ein Leichtes, für aUes dies Beispiele aufzufinden, wemi man etwa dem Lateinischen das Fran- zösische gegenüberstellt Damit wäre jedoch nicht mehr geleistet, als wenn man etwa die deutschen Zustände des Jahres 1800 mit jenen des Jahres 800 vergleichen woUte. Ge- wisse allgemeine Gesichtspunkte Hessen sich wohl hüben und drüben aufeteUen; denn das Gleichzeitige muss ja organisch zusammenhängen. Aber in welcher Reihenfolge das Eine nach und aus dem Anderen geworden, welches dabei die I. Allgemeines. §.1. Ihre Aufgaben. 169 treibenden und hemmenden Kräfte gewesen, das bliebe verschwiegen; man hätte zwei parallele Schilderungen statt einer fortlaufenden Geschichte. Diese aber soll gewonnen werden, und zwar eine möglichst wissenschaft- liche, die die Thatsachen nicht nur aufzählt, sondern aucli in ihrem "Werden erklärt. Und will sie dies erschöpfend thun, so muss sie alle Theile und Seiten der Sprache mit gleichem Interesse erfassen, weil alle ein organisches Ganzes bilden. Der Wortschatz wie die Grammatik, die Laut- und Formenlehre wie die Syntax, die äussere Gestalt der Wörter und grammatischen Mittel wie ihre Be^prochenermassen, Einer am Anderen etwas von jenem Gefühle für das Wahr- scheinliche zu vermissen, dem der Eifer des Systematisirens und des Schema- tisirens Gewalt angethan hat. Uns Forschern auf minder gepflegten Gebieten steht es am Wenigsten an, sie um dieses Eifers willen zu tadeln; ihm verdankt ihre Methode, trotz aller Zweifel in Einzelheiten, eine Exactheit, um die wir sie beneiden, die wir uns nach Kräften aneignen müssen. Anmerkung 1. Übrigens böte die Literatur der finnisch-ugrischen Sprachvergleichung, wenn man ihr folgen wollte, für die Methodik fast ebensoviel Belehrung, wie die indogerma- nische, von der sie sich keineswegs in*s Schlepptau nehmen lässt. Ein dem Vbrnes* sehen vergleichbares Gesetz hat der Finne Alex. Cabtrbn (^Om Accentens inflytande i Lappiskan) MÜion im Jahre 1814 nachgewiesen. Anmerkung 2. Wann und wie haben sich in den jüngeren indogermanischen Sprachen die Wortstellungsgesetze verengt und gefestigt? In wie weit hat dieser Prozess mit dem Ver- bkM«en der Wortformen Schritt gehalten? Soviel mir bekannt, hat sich bisher die geschieht^ Hohe Forschung nur sehr ausnahmsweise auf diese Fragen eingelassen. Es wäre aber ein prosser Gewinn, wenn die Sache auch nur an einer einzelnen Sprache, etwa der englischen oder französischen, in ihrer historischen Entwickelung dargestellt würde. Zusatz. * Delbrück, Einleitung in das Sprachstudium, 1. Aufl. S. 44 — 45, zieht in wahrhaft classischer Schärfe eine Parallele zwischen Bopp und Schleicher. Er sa«rt: „Schleichers Compendium steht als der Abschluss einer Periode in der 172 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Oeschichte der Sprachwissenschaft den einleitenden Arbeiten Bopp's gegenüber. Darum ist denn auch der Totaleindruck, den die vergleichende Grammatik einer- seits und das Compendium andrerseits hervorbringen, so ausserordentlich ver- schieden. Bopp musste die wesentliche Gleichheit der indogermanischen Sprachen beweisen, Schleicher setzte sie als bewiesen voraus, Bopp erobert, Schleicher organisirt. Bopp wendete seine Aufmerksamkeit vorzüglich auf dasjenige, was allen indogermanischen Sprachen gemeinsam ist; für Schleicher ergab sich die Aufgabe, die einzelnen indogermanischen Sprachen auf dem gemeinsamen Hinter- grunde hervortreten zu lassen. Deshalb ist die vergleichende Grammatik eine zusammenhängende Schilderung, während das Compendium ohne grosse Mühe in eine Anzahl von Einzelgranmiatiken auseinandergenommen werden könnte. Der Verfasser der Grammatik giebt der Darstellung des Einzelnen überwiegend die Form der Untersuchung, die er mit grosser natürlicher Anmuth handhabt: das Compendium dagegen bewegt sich fast nur in dem knappen und gleich- förmigen Stil der Behauptung. Das ältere Werk lässt sich mit der Darstellung eines interessanten Processes vergleichen, das jüngere mit den Paragraphen einer Gesetzsammlung." — Soweit Delbrück. Schleich*:» besass, wie Wenige, die Tugend der Selbstdisciplin, und ich glaube, dieser verdankte er zum grossen Theile den gewaltigen Einfluss, den er auf die Weiterentwickelung der indogermanischen Wissenschaft geübt. Er er- mass seine Kräfte und Mittel, bemass darnach sorgsam das Gebiet dessen, was ihm erreichbar schien. Jede seiner Schriften macht den Eindnick sauberer Durch- und Ausarbeitung, — ganz anders als bei Pott, der das Licht seines gewaltigen Geistes unter dön Scheffel eines wüsten Stiles steUte. Bei dem Jenenser baut sich Alles klar und deutlich vor den Augen des Lesers auf, man hat den Plan und die Methode des Verfassers fast ebenso beständig und klar vor Augen, wie den Gegenstand selbst, den Mörtel fast ebenso wie die Steine. Was für den Gelehrten zur Schwäche imd Gefahr werden konnte, was ihn bei aller Tor- und Umsicht gelegentlich zu vorschnellen Constructionen verleiten mochte: die Nei- gimg des Hegelianers zu mechanischem Schematismus, gab den Worten des Lehrers die Macht einzuleuchten, zu überzeugen und zu haften. Und die kritische Methode, zu der er seine Jünger erzog, gab diesen die Kraft indem sie sein Werk fortführten, seine Aufstellmigen Stück für Stück umzureissen luid durch neue zu ersetzen. Es ist, als übte der Todte noch fort und fort seine unerbittliche Selbstkritik. Alte und neuere Sprachen. Es ist sehr erklärlich, dass sich der Forscher da am Wohligsten fühlt, wo es am Meisten zu entdecken giebt. Dass das Deutsche mit dem Holländischen, I. -Vllgemeines. §. 2. Alte und neuere Sprachen. 173- Englischen, Dänischen, Schwedischen, das Italienische mit dem Spanischen, Por- tugiesischen, Französischen, das Hebräische mit dem Arabischen, Syrischen^ Äthiopischen verwandt ist, brauchte eigentlich gar nicht entdeckt zu werden,, weil es nie verdeckt war; das zeigte sich von selbst, sobald man nur hinsah. Dass aber im fernen Indien eine altehnvürdige Verwandte des Griechischen, Lateinischen, Gothischen, Litauischen weilte, das war eine entzückende Neuig- keit. Welche Erwartungen knüpften sich daran für die jugendlich hoffnimgs- fri>he Wissenschaft, welche Ausblicke in ein Alterthum, das noch weit hinter dem homerischen liegen musste, — aber auch welche Fülle neuer Räthsel! Die beiden Grimm durchwühlten heimischen, germanischen Boden. Was sie zu Tage fr»rderten, mochte es auch nur Bronze oder Eisen sein, — der Dankbarkeit eines patriotisch fühlenden Volkes dünkte es doch eitel Gold. Die Indianisten aber zeigten der Welt im ' fernen Osten echte Gänge des edelsten Metalles, dessen Adern sich bis in unseni Erdtheil verästeln. So wirkten hüben und drüben deich mächtige und doch sehr verschiedenartige Reizs. Mittlerweile nahm die Zweigforschung ihren Fortgang. Diez bearbeitete die romanischen, Zeuss die keltischen, Miklosich die slavischen Sprachen, und je länger je mehr vertiefte man sich in die Dialekte, d. h. in die lebende Rede «les gemeinen Mannes. Pott hatte noch das Motto gewählt: Literis suus bonos esto, litera animi nuncia. Jetzt hatte man es nicht mehr mit steifen Buchstaben zu thun, sondern niit flüssigen Lauten, nicht mehr mit wohlgeschulten Texten, sondern mit natur- wüchsigem Geplauder; nicht mehr drunten in dunklen Tiefen hatte man zu ar- beiten, sondern bei hellem Tageslichte. Und bald sollte man erfahren, wie auch hier die Blumen auf der Oberfläche von den verborgenen Erzgängen zu erzählen wissen. Dass die todten Sprachen von denselben Mächten beherrscht waren, cheint im Germanischen zuweilen / neben th^ z. B. fliehen, got. fhliuhan; flehen, got ^a-^Ä/aiÄaw, Feimen neben Dimmenf Diemen. Unerklärt ist wohl auch sollen, neben Schuld, gotisch skulan. Althochdeutsch j3/rtwma, neben hrimma = Ginster; flach neben Blachfeld; pflücken, neben schweizerischem blueken, deuten auf einen Wechsel von p und 6. In heikel neben ekel und heischen neben ahd. eiskon scheint unorganisches anlautendes h vorzuliegen. Italienisch nespola ist wohl nicht von lat. mespüumy pl. mespila zu trennen. Warum aber ist dort das m durch n ersetzt? Keck und queck (erquicken, engl, quick)^ tummen, kam, bequem, engl, tocome, catne, holländisch kamen, kwam, ahd. chuman, queman^ got. qimany kirr neben altnord. kvirr, got. qairrus, umgekehrt: Quelle, neben altnord. kelda dürften gleichfalls vereinzelt dastehen und kaum aiif ein Gesetz zurückzuführen sein. Sonst bleibt qu entweder unverändert, oder wechselt mit tw, ew. In anderen Fällen ist es freilich um so bewunderungs- würdiger, wie folgerichtig bei uns der Lautwandel vor sich gegangen ist; und ^) darf man vielleicht auch hier nicht daran verz^veifeln, dass sich dereinst das unerklärlich Scheinende doch noch aufhellen werde. Unregelmässiger Wandel zwischen Tennis und Media findet sich auch im Lateinischen. Anscheinende Lehnwörter wie buxus: jtv^og, gübernare: xvßeQvav wollen vielleicht weniger besagen: Die griechischen Tenues mögen weniger hart gewesen sein, als die lateinischen. Kaum erklärbar aber dürften Erscheinungen ^♦'in, wie mginti neben vicesimus, septingenti neben diwenti und gloria, das Uian vom sanskrit gravasyam nicht wohl trennen kann. 13* 196 III, n. Die innere Sprachgeschichte. Femer zählt man im Lateinischen etwa ein Dutzend Fälle, wo l der allge- meinen Regel entgegen d vertritt: lacrima — ddxgv, olere neben odor u. s. w. — Auch die aspirirten Tenues in manchen Sanskritwörtern, z. B. in der Wurzel ^ha = stehen, seheinen der lautgesetzlichen Erklärung noch zu spotten. Und woher das h aspire im französisch haut =r altus, huU=socto? Dem Sanskrit giebt man in ein paar Fällen schwer erklärlicheil Abfall anlautender Dentale Schuld: agru, Thräne, ist von griechisch ädxQv, gotisch tagr u. s. w. nicht wohl zu trennen. Aber auch dhan, ahas, ahar, Tag, soll mit gotisch dags verwandt sein. Mechanische Mächte, die nur an ganz vereinzelten Punkten zum Durch- bruch kommen, sind vielleicht nie voll zu erweisen, aber auch nicht wegzu- streiten. Lehrreich ist es jedenfalls zu sehen, mit welch ausdauerndem Fleisse und geschultem Schar&inne die Indogermanisten diesem dornenvollsten Theile ihrer Aufgabe zu Leibe gehen, und wie glänzend oft ihre Mühe gelohnt wird. Ihr Glaube, dass in unserer Sprachfamilie und, füge ich hinzu, noch in mancher anderen, der Lautwandel durchweg in völlig gesetzmässiger Weise vor sich ge- gangen sei, scheint sich von Jahr zu Jahr mehr bewahrheiten zu wollen. Anmerkung. Der Güte H. Oldenbero^s verdanke ich folgende Literatumachwdse: Sollen — skulan, v. Fieunobb, Kuhn's Ztschr. XXVII, 190 flg. C und g im Lateinischen, Thubretsbn, ebenda XXVI, 309 flg. Agru — Sdxgv, Bruomanv, Grundriss der vergl. Gramm. der indogerm. Sprachen II. 303. An Erklärungsversuchen fehlt es nicht, aber auch nicht an Streit über sie; und auch dieser ist lehrreich für die Draussenstehenden. Adhuc sub iiidice lis est; solange es noch auf indogermanischem Gebiete Streit über die Gegeninstanzen giebt ist auch dort der Prozess nicht entschieden, viel weniger ein Pri^udiz für die ganze übrige Sprachenwelt gewonnen. § 3. a. Die Euphonik (Sandhi). Die lautgeschichtliche Forschung muss nach möglichster Exactheit streben: das Ziel, unverbrüchliche Lautgesetze zu gewinnen, hat sie solange zu rerfolgen, bis sie sich überzeugt, dass in der gegebenen Sprache solche Gesetze allein die Schicksale des Lautwesens nicht bestimmt haben können. Sie wird also zunächst annehmen, dass jeder Laut der Ursprache in jeder Tochtersprache immer die gleiche Wandelung erlitten habe, dass also, wo die Tochtersprachen unterscheiden, auch die Ursprache unterschieden haben müsse. In diesem Sinne mag sie vor- erst ganz unvorgreiflich schematische Zeichen einführen: a^ a? €? u. s. w. Der Zukunft bleibt es dann überlassen, den Sinn dieser Ziffern zu bestimmen. Vielleicht war die Articnlation der Ursprache unsicher, — dann muss sich eben die Forschung insolvent erklären. Oder es lag doch von Hause aus ein wirk- licher Unterschied vor; und da sind nun zwei Fälle möglich. Der Unterschied mochte in den Lauten an sich beruhen, es waren wirklich von Hause aus ver- 11. §. 3 a. Die Euphonik (SandbiV 197 scliiedene Laute. So haben die Indogermanisten neben dem ä der Schleicher'- sehen Ursprache ein ^und ein ö", statt deren einfacher Gutturalreihe eine doppelte nachgewiesen. Oder der Unterschied war nicht durch die Beschaffenheit des Lautes selbst, sondern durch den Einfluss seiner Nachbarn bedingt, er war euphonischer Xatur. — Ton anderen störenden Mächten haben wir jetzt noch nicht zu reden. Mit dem sogenannten Wohllaute ist früher von den Philologen viel Unfug getrieben woi*den. Man empfand es, wie angenehm die Dichtungen und Reden der Alten, ihre Lautfolge und Rhythmik, in's Ohr fielen, man hatte auch ganz recht, den Alten eine gleiche Empfindung zuzuschreiben, und nun missbrauchte man die Euphonik als ein bequemes Auskunftsmittel, um eine Menge schein- barer Unregelmässigkeiten zu erklären: die Alten sollten ihrer Sprache ich weiss nicht welchen Zwang angethan haben, bloss damit sie hübsch klänge. So ver- legte man den Sitz der Euphonik in das Ohr, statt in den Mund. Das Wohllautsgefühl der Völker ist verschieden, sowohl nach dem Grade der Empfindlichkeit, wie nach der Richtung, nach seinen Vorlieben und Ab- nei^ngen. Wo es aber vorhanden ist, da wird man ihm lieber schmeicheln, als es verletzen, und der Zwang, den es der Sprache auferlegt, kann für diese .j^ogar heilsam werden. Im Chinesischen erscheint die Rhythmik als ein sehr wirk- i^araer granmiatischer Factor, Anmuth und Kraft, Kürze und Deutlichkeit in sich vereinigend. Kein Wunder also, dass man sie erstrebt; kein Wunder auch, dass sie sich als ^ine Sache der Gewohnheit oft ungewollt einstellt. Die Möglichkeit also, dass Wohllautszwecke auch die gewöhnliche, ungekünstelte Rede nachhaltig beeinflussen mögen, ist nicht zu leugnen. Nur das ist zu vermuthen, dass in weitaus den meisten Fällen nicht Zwecke, sondern Ursachen, nicht vorgestellte akustische Wirkimgen, sondern mechanische Vorgänge in den Sprachorganen das erzeugen, was man Wohllaut nennt Und Wohllaut mag man es immerhin nennen. Jeder hebt es, seine Sprache fliessend und ohne merkliche Anstrengung geredet zu hören. Stockender Vor- trag ermüdet, ungewohnte, heftige Bewegungen des Mundes lassen fratzenhaft. Was nun ungewohnt, was schwierig ist, das hängt eben von der lautlichen Be- schaffenheit der Einzelsprache ab. Es giebt Sprachen, die die Organe in einer selir vielseitigen Gymnastik üben; — die slavischen und die kaukasischen ge- hören dahin. Es giebt Sprachen, die gewisse Übungen, z. B. in den Gutturalen, stark bevorzugen, andere, z. B. in stärkeren Consonantenhäufungen, nicht veran- lassen; das Gesagte gilt vom Arabischen, vom Ketschua und vielleicht, mutatis mutandis, von der Mehrzahl der Sprachen. Endlich giebt es Sprachen, die durch die Weichlichkeit und Armuth ihres Lautwesens der Trägheit der Sprachwerk- zeuge unglaublichen Vorschub leisten, — so die polynesischen. Allen aber, den reichsten wie den ärmsten, werden gewisse Lautverbindimgen geläufiger sein als andere, manche werden ilmen gänzlich fehlen; und was in der 198 Uly II. Die innere Sprachgeschichte. Sprache selten Torkommt, das kommt gern vollends abhanden, eben weil es uii- betjuem ist. Offenbar nun hat in diesem Falle die Bequemlichkeit ihren Sitz in den Sprachorganen. Gewisse Laut- und Tonfolgen imd Rhythmen sind diesen geläufig, andere nicht, und das eben ist nach der Eigenart der Sprachen verschieden. Dass die Laute voneinander, dass sie durch den Wort- oder Satzaccent be- einflusst werden, ist wohl in den allermeisten Sprachen zu beobachten, vielleicht von vornherein in allen zu vermuthen. Nach Mass und Art dieser Beeinflussungen aber verhalten sich die verschiedenen Sprachen, selbst die einer einzelnen Fa- milie sehr ungleich. Lautgesetze sind in der Regel örtlich imd zeitlich be- schränkt. Jene Gesetze aber, die der bequemeren Aussprache dienen, werden wohl ebenso oft, wo nicht öfter, erlaubende sein, wie befehlende. Wie weit reichen die Freiheiten? wo fangen die bindenden Vorschriften an? Und wenn wir auf diese Fragen die Antwort suchen: wie weit reichen imsre Quellen? Ich glaube, oben weit genug, um uns wieder einmal vor verfrühten Verallge- meinerungen zu warnen. Wir fassen den Begriff der Euphonik sehr weit, sodass jeder Art gegen- seitige Beeinflussimg von Lauten oder Betonungen unter ihn fällt An eigent- lichen Wohllaut ist dabei am wenigsten zu denken, und man hat sehr ver- ständiger Weise den anspruchsvollen griechischen Namen durch den nüchternen indischen ersetzt; das Wort sandhi ist nachgerade Gemeingut der Sprachwissen- schaft geworden. Meist wirkt der Sandhi störend, verwischt das ursprüngliche Lautbild mehr oder weniger. Er kann aber auch, wie im Französischen, erhaltend wirken und Laute, die sonst geschwunden sind, ausnahmsweise wieder zur Geltimg bringen {^ß-s-on-i-eu, ils ont eu'' u. dergl.). Und dann kann es weiter geschehen, dass solche Laute allmählich im Sprachgefühle die Rolle rein euphonischer Ein- schiebsel annehmen und auch da angewandt werden, wo sie eigentlich nicht hingehörten. Das rv iq)ekxvoTix6v des Griechischen hat dies Schicksal gehabt, und das Sanskrit weist Ähnliches auf. In französischen Patois erscheint -f- (-jp-) geradezu als Polsterlaut zwischen Aus- mid Anlautsvocalen, natürlich nach Ana- logie des pluralischen — s. — Ich will es versuchen, die hierher gehörigen Er- scheinungen imter den verschieden möglichen Gesichtspunkten zu classificireu. 1. Richtung der Beeinflussung. a) Das Frühere wirkt auf das Spätere. In den malaischen Sprachen, zumal im Batta und Madegassischen, ist dieser Hergang der gewöhnliche; aber auch anderwärts ist er zu beobachten. So wird in oberdeutschen Dialekten s nach r im Auslaute zu seh: Gieb mir'sch, erseht; ähnlich im Schwedischen: först = erst. Im Sanskrit wird inlautendes s hinter i, u, e, o, r imd k zu §: masc. tesäm, fem. tasam = deren, nadlsü^ in den Flüssen, dveksi^ du hassest. Solche Nach- II. §. 3 a. Die Euphonik (Sandhi). 199^ Wirkungen können sich weithin erstrecken. Im Sanskrit wird oft n nach voraus- gehendem r oder § lingual (n), wenn nicht Dentale, Linguale oder Palatale da- zwischen treten und die Nachwirkung aufheben: hrahmanya^ den Brahmanen zugethan. Besonders wichtig ist das Gesetz der Vocalharmonie in den uralalta- ü^chen Sprachen, vermöge dessen der Stammvocal die Vocale der Suffixe be- stimmt: mandschu alaha = habe erzählt, aber genehe = bin gegangen, toJUoho = habe geordnet Verwandt, doch meines Wissens vereinzelt, ist im Arabischen die Kegel, wonach die Objects- und Possessivsuffixe -hu = ihn, sein, -huma = sie zwei, ihrer beider, -hum = sie, ihr (plur. masc.) und -hunna = sie, ihr (plur. fem.) nach auslautenden i, f und ai ihr u in i verwandeln: Nom. nafsu-hu, Acc. nafsc^hu = seine Seele, aber Genit nafsi-hi = seiner Seele u. s. w. b) Das Spätere wirkt auf das Frühere, der Process ist vorgreifend. Dies bildet in den indogermanischen Sprachen die Regel: XsUtm: i2.slq}d-7]v. Wir sprechen: an-sehen, An-denken, aber am-binden, Ang-kunft Die Sandhigesetze des Sanskrit beruhen zumeist auf der Anähnlichung des Vorhergehenden an das Folgende; die Epenthese des Zend, der Umlaut im Deutschen gehören gleich- falls hierher. c) Früheres und Folgendes beeinflussen einander gegenseitig. Im Sanskrit wird läbh + ta zu labdha = genommen, mahat gakatam, grosser Wagen, wird mahae chakaiam. Anlaut und Auslaut dürfen nicht gleichzeitig aspirirt sein: duh, melkend, statt dhuh^ lautet im nom. sing, dhuk, im gen. sing, duhas^ aber im loc. plur. dhukSu, Natürlich gehören auch die Vocalverschmelzungen hierher. Im Sanskrit wird a + i zu ^, a + u zu d^, im Griechischen e-fo zu ov: yivsog: yivovg. Im Japanischen und Kaffrischen wird umgekehrt i + a zu e. 2. Was übt den Einfluss, und was wird beeinflusst: Vocale, Consonanten oder Betonungen, der Anlaut auf den Auslaut oder umgekehrt? In gewissen chinesisclien Dialekten, z. B. dem von Canton, wird bei labialem Anlaute der Auslauts -Labial in den entsprechenden Dental verwandelt: fap in fat, fam in ian^ pim in pin u. s. w. Ich will die sich hier ergebenden Möglichkeiten nicht weiter durch Beispiele verfolgen und nur an die Fortschritte erinnern, die die Indogermanistik gemacht hat, seit sie den Accenterscheinungen schärfere Auf- merksamkeit zuwendet Das Gesetz, dass anlautende Media den Tiefton bewirkt oder nach ihrer Umwandlung in die Tennis zurücklässt, herrscht im Chinesischen, im östlichen Dialekte des Tibetischen und im Thai (Siamesischen). 3. Geschieht die Beeinflussung innerhalb des einzelnen Wortes (innerer Sandhi), oder zwischen benachbarten Wörtern (äusserer Sandhi)? Es kann ge- schehen, dass der eine Allerhand zulässt, was der andere verbietet, oder dass der eine andere Lautwechsel fordert, als der andere. Im Sanskiit ist sogar der äussere Sandhi unduldsamer als der innere. Dieser duldet ein s zwischen zwei Vocalen: asi, du bist, asam, ich war, oder er verwandelt es nach i, e, u, o in 200 III, u. Die innere Sprachgeschichte. §: viduSl^ viduSaSf statt vidusf, vidusas. Im äusseren Sandhi dagegen wird agvcts asti (== equus est) zu agvo *sti ravis iva (wie die Sonne) zu ravir iva. Die Verbindung Tenuis + Nasal ist im Inneren des Wortstammes zulässig: ratna Edelstein, aiman, Seele, apnömi^ ich erlange. Im äusseren Sandhi dagegen müssten dieTenues durch die entsprechenden Mediae oder Nasale ersetzt werden: t durch d oder n, — p durch b oder m. 4. Was ist das Ergebniss: Anähnlichimg, Entähnlichung, Verschmelzung, Platzwechsel (Metathesis) oder theilweise Tilgung, diese mit oder ohne Hinter- lassung von Nachwirkungen (Ersatzdehnung, geschliffener Accent, Ab- oder Um- laut u. dgl). Die Anähnlichung kann sowohl den Ort wie die Art der Liauter- zeugung betreffen. Den Ort z. B. bei der Behandlung der auslautenden Nasale im Griechischen: Ifi-nlxtBiv, övy-xojiijy statt kv-, avv-. Die Art, das heisst An- gleichung zwischen Tennis, Media, Nasal u. s. w. Lateinisch scriptum st scrib-y griech. iXelgh&Tjv, st Jltwr-, sanskrit väg-hhih st vok-y asln Madreiu st asU-, Beides combinirt, z. B. sanskrit ahhavnj jamtuh statt abhavat. Zur Entähnlichung mag man wohl auch die Mittel zur Vermeidung des Hiatus, ephelkystische Con- sonanten rechnen und jene Mediä, die z. B. das Griechische zwischen den Nasal und r oder l schiebt: aQÖgog, afißgorog. 5. Wie verhalten sich die Laute gegeneinander in Rücksicht auf ihre Wir- kungskraft? Wenn das Sanskrit gvagura statt svagura^ Schwäher, und gaga statt gasa, Hase aufweist, so hat dort der spätere Laut den früheren, hier der frühere den späteren, in beiden Fällen das g das s nach sich umgestaltet Also war nicht die Stellung, sondern die Qualität der Laute entscheidend, der palatale Zischlaut war kräftiger als der dentale. Um nun wieder einmal den Unterschied zwischen einzelsprachlicher und sprachgeschichüicher Auffassung zu zeigen, wähle ich ein Beispiel aus der Sans- krit-Grammatik. Diese lehit, dass, wenn eine aspirirt auslautende Wurzel durch Sandhi die Aspiration im Auslaute verliert, letztere auf den Auslautskonsonanten, wenn dieser dessen fähig ist, zurückspringt: budh: bodhdmi ich bemerke, aber bhotsye, ich werde mir merken. Diese Regel ist so im Sinne der Einzelsprache ganz richtig; denn dem Sprachgefühle des Inders wird die gewöhnliche Lautform budh^ bodh als die normale, der aspirirte Anlaut als etwas Secundäres, Ausnahms- weises erscheinen, und zwar als ein Ersatz für die verlorene Aspiration im Aus- laute. Spricht der Grammatiker dies aus, so erklärt er den Vorgang im Sinne des redenden Inders, das heisst im Sinne der Eiiizelsprache, und thut somit bloss seine Schuldigkeit Nim kann aber die griechische Wurzel jcvO- nur aus g>v&, nicht aus ßvß- entstanden sein. Die gemeinsame Wurzel ist mithin als bhudh anzusetzen; und in sprachgeschichtlicher Forschung wird die Regel lauten: Aspi- ration im An- und Auslaute zugleich duldet das Sanskrit nicht Der Anlaut behält seine Aspiration niu* dann, wenn der Auslaut dieselbe durch Sandhi ver- II. §. 3 a. Die Euphonik (Sandhi). 201 liert; sonst wird er in den entsprechenden nicht aspirirten Laut verwandelt Dann mnss aber der Historiker auch erklären, wie sich in dieser Hinsicht das Sprachgefühl geändert hat Eigentlich ist jederlei Sandhi ein Opfer, das die Deutlichkeit der Bequem- lichkeit bringt Nur freilich können die Bequeinlichkeitsbedürfnisse sehr ver- schiedener Art sein. Der Eine will schnell zu Ende kommen, spart Sylben und Athem durch zungenbrecherische Consonantenhäufungen; der Andere lässt lieber die Lungen arbeiten, als die Lippen und die Zunge, und fühlt sich, in einer vocalreichen Sprache behaglich. Das ist nun vorwiegend mechanisch, abhängig von physiologischer Gewöhnung, wenngleich Gemüthsanlagen dabei einigen An- theil haben mochten. Dem Seelenleben allein aber ist es zuzuschreiben, ob vor- greifend der frühere Laut dem späteren, — oder, einer Nachwirkung folgend, der spätere Laut dem früheren angeglichen wird. Nur in manchen Fällen dürften die Zu- und Abneigungen, oder richtiger die Bedingungen der leichten oder schwierigen Lautfolge, allgemeinherrschend sein. Tennis und Media oder Media imd Tennis unmittelbar hintereinander befinden sich meitwürdigerweise zuweilen im Anlaute; so tibetisch dpe-cha, Buch, dpyid, Frühling, hkur-haj ehren, hhren- pa^ arm, dkyilj Mitte, dkrigs-pa, dunkel, gtos^ Grösse, dpral-ba, Stirne; Karen: Pgo, Name eines Volksstammes. Da in dieser Sprache neben 2>g auch bg vor- kommt, z. B. ein anderer Stammesname Bgai geschrieben wird, so ist anzu- nehmen, dass zwischen pg und bg ein genauer Unterschied besteht Tennis und Aledia oder Media und Tennis derselben Organe hintereinander auszusprechen, z. B. dt, td, kg u. s. w., widerstrebt wohl den Sprachorganen aller Völker. Wo die Schriftsprache dergleichen aufweist, wie in den Wörtern Bettdecke, Strick- garn, Lobpreisung, da wird die flüchtige Aussprache die Sache vereinfachen: «Beddecke, Striggam, Löpreisung" oder umgekehrt: Bettecke, Strickam, Lobrei- sung. Höchstens wird der eine der beiden unverträglichen Laute nur halb an- gedeutet, etwa wie in dem englischen Satze: „He ha(d)to do ou(t)doors.'' — Dass der Nasal sich dem folgenden Consonanten organisch anähnelt, ist wohl weit verbreitet, aber keineswegs allgemeingültig. So gut wir sagen „nimmt, Amt", so gut sagt ein Castilianer blanco mit deutlichem dentalen n. Es lohnte sich wohl, die Sandhigesetze der verschiedenen Sprachen syste- matisch zusammenzustellen, wie es Schleichee in seiner Abhandlung über den Zetacismus in Betreff der Palatalisimngserscheinungen unternommen hat Auf- fallende Übereinstimmimgen in den entlegensten Gegenden würden sich dabei ergeben. Unorganischer Dental im Anlaute findet sich in deutschen Dialekten: derschlagen, derzählen; aber auch im Malaischen bei den persönlichen Für- wörtern: daku, statt aÄM, ich, dXya, statt lya, er. Im Mafoor von Neuguinea ist dieses d so zu sagen Vertreter des Spiritus lenis im Falle und zur Vermei- dung eines Hiatus: ya-d-an, ich esse, statt ya-an. Anderwärts, z. B. im Fran- 202 III, II. Die innere Sprachgeschichte. zösischen, hat die Abneigung gegen den Hiatus manchen, sonst verstummten Laut gerettet: ils ont eu, aime-Uil u. s. w. Euphonische Einschiebsel sind, wo uns die Sprachgeschichte im Stiche lässt immer besonders schwer zu beurtheilen: Sind es wirklich unorganische Zuthaten. oder hat sich in ihnen nicht etwa die ältere Lautform erhalten? Und wenn dies: wo und wie ist etymologisch abzutheilen. Die baskische Sprache ist hierin, wie überhaupt in den Fragen der Lautgesetzlichkeit, besonders interessant Yielea ist hier, zumal durch van Eys' Scharfsinn, aufgehellt Aber selbst dieser For- scher muthet manchmal der Euphonik Bedenkliches zu. Die Form datikanerik = das was er besitzt, enthält zunächst dauka = er besitzt, dann folgjBnde er- kennbare Elemente: das Relativsuffix, -« und das indefinitive -ik. Dies würde die Form daukanik ergeben, an der das baskische Lautgesetz schwerlich An- stand nehmen düi-fte. Der Verfasser der trefflichen Grammaire compar^ des dialectes basques nimmt nun an, es sei das -er- aus euphonischen Gründen ein- geschaltet (S. 40 das.). Ein euphonischer Grund lag aber kaum vor. Andere Male (z. B. S. 36) erklär* er die An- oder Abwesenheit solcher Einschiebsel aus dem Bedürfnisse vei*schiedener Formen lautlich zu 'differenziren: das Pronomen demonstrativum ar bildet mit dem Activsuffixe -k: ark, dagegen mit dem Plural- suffixe -k: arek; das e sei zum Zwecke der Unterscheidung eingefügt Hier würde ich den Nachweis verlangen, dass nicht etwa -ek die ursprüngliche Fonu des ilehrheitssuffixes gewesen wäre. Ein entschiedener Fortschritt der jüngeren Indogermanistik besteht darin, dass sie mit Sandhi-Erscheinungen der Ursprache rechnet Allerdings sind die Rechnungen dadurch verwickelter geworden, imd manche unbekannte Grösse findet darin Platz. Dafür dürfte aber auch jetzt manche anscheinende Unregel- mässigkeit . in der Läutentwickelung die einzig mögliche Erklärung gefunden haben. Französisch hors neben mid statt fors soll aus dohors neben und statt defors ausgeschält sein; aber auch so steht es vereinzelt da. (IIeyer-Lübke, Gramm, der roman. Sprachen, I, 511 — 512). Jene schwierige Doppelfomi vg, ovc rechnet man gleichfalls dahin. Der Spiritus asper entspricht bekanntlich dem allgemeinen Lautgesetze. Woher nun das Sigma? An eine Entlehnimg ist hier kaum zu denken, eher an die Nachwirkung eines Sandhi, womach in vorge- schichtlicher Zeit das anlautende s unter gewissen Umständen rein ausgesprochen, nicht zu A verflüchtigt wurde. Schwerer wird man sagen können, warum ge- rade dies eine Wort dem sauberen Lautgesetze entgegen die Doppelform bewahrt hat, warum nicht aixch die vielen anderen, die wir nur mit dem Anlaute h kennen. Ein solches Asyl für bedrängte Lautgesetze ist fast zu bequem uiid geräumig. Ein anderes, besseres Beispiel liefert das Pronomen der ersten Pei-son Pluralis in vielen deutschen Mundarten: mir, mr, statt wir. Das w wurde dmvh Anähnlichung an das w, älter m, der Conjugationsform in Verbindungen wie „wollen n. §. 3 a. Die Euphonik (Sandhi). 203 wir, woll' mY' zu m^ und schliesslich gewöhnte man sich so an diese Form, dass man sie zur allein herrschenden machte, die ursprüngliche darüber vergass; nach der Analogie von „wollen mir'* sagte und sagt man nun auch : „mir wollen''. So können Sandhigesetze, jetzt erhaltend, jetzt entstellend, auch über ihr ur- sprüngliches Geltungsbereich hinaus- und nachwirken, — eine unheimlich stö- rende Macht, mit der die Lautgeschichte wohl rechnen, die sie in ihren Nöthen wohl anrufen, deren "Walten sie aber nur in vereinzelten Fällen mit Sicherheit Cnntrolliren kann. Wie sehr Sandhi -Erscheinungen die Lautbilder der Wörter verändern, ja verfälschen können, das ist leicht zu erproben, wenn man eine fremde Sprache durch blossen mündlichen Verkehr erlernt Im Französischen hört man den Plural von oeü: yeux fast nie ohne vorausgehendes weiches s: les yeux^ ses yeux, heatix yeux u. s. w. An der Singularfonn hat ymx so gut wie keinen Rückhalt, imd so mag man sich lange Zeit mit dem Wahne begnügen, der Plural von oeil laute sieux Ich müsste sehr irren, wenn ich dieser Form nicht auch in Schreiben untjebildeter Franzosen und in dialektischen Aufzeichnungen begegnet bin. Dass Ortsnamen in ihren Anlauten durch Rester von Präpositionen Zuwachs erfahren haben, ist zumal im Neugriechischen oft nachzuweisen. Der germanische Aus- laut der zweiten Person Singularis st (dem Gotischen noch fremd) verdankt seinen Ursprung dem oft nachfolgenden persönlichen Fürworte: mittelhochdeutsch: histu, altschwedisch: ästu. Zum Glück ist dafür gesorgt, dass der Sandlii nur ausnahmsweise zu sol- clien dauernden Entstellungen der Wörter führt. Es wird immer zu den Aus- nahmen gehören, dass ein Wort vorzugsweise oft im gleichen Sandhi erscheint, ohne dass fort und fort die Etymologie an seine richtige Form erinnerte. Denn gerade von diesem Punkte aus übt das Deutiichkeitsbedürfniss über das allzu schlaffe Gebahren des Bequemlichkeitstriebes eine Art zügelnder Oberaufsicht. 'Spreche ich „ambinden, eingkehren^\ so sage ich wieder andere Male: „ich binde an. kelire ein", und werde so an die ursprüngliche Lautform erinnert. Und dann treibt mich wohl andere Male mein etymologisches Gewissen, auch in der Zusammensetzung den reinen Dentalnasal zu sprechen. Wo das etymologische Bewusstsein mangelt, da hat das Sandhiwesen freien Lauf, und dann kann es umgekehrt die Etymologie auf Abwege leiten, z. B. Erreichniss, von erreichen, statt Ereignis, von ereignen, das seinerseits das ältere eräugnen ersetzt hat. Da- get::en kann man auch bei Ungebildeten beobachten, dass sie z. B. die letzten vier Buchstaben des Wortes „Abart" anders aussprechen, als „Bart", indem sie hinter dem 6 eine deutliche Sylbentrennung eintreten lassen. Noch ein Anderes mag den Yei^wüstimgen der Euphonik entgegenwirken: da8 gelegentliche Stocken in der Rede, das den „äusseren Sandhi" und manch- mal auch den inneren unterbricht. Ich möchte wissen, wie sich ein sanskrit 204 III, II. Die innere Sprachgeschichte. redender Inder benommen hat, wenn er sich z. B. besann, ob sein nächstes Wort nach einem auslautenden nicht nasalen Consonanten balah, Knabe, oder ptärah^ Sohn, sein sollte; denn in beiden Fällen verlangte der Sandhi ganz ver- schiedene Vorkehrungen. In solchen Augenblicken und bei gelegentlichen ein- wertigen Antworten und Ausrufen wird man doch daran erinnert, dass das ein- zelne Wort eine gewisse Selbständigkeit hat. Offenbar ist die lautgeschichtliche Forschung den Sandhi-Erscheinungen und ihren Nachwirkungen gegenüber besonders übel dran. Die Gesetze, oder richtiger Tendenzen, mit denen sie es hier zu thun hat, können gebietend, schlecht- hin bindend, — sie werden aber auch oft nur erlaubend sein, das heisst, er- klären, dass neben der sorgfältigeren Aussprache die nachlässigere als gleich richtig gilt Wo sie sich aber dazu verstehen muss, da erkennt sie schon eine imsichere Articulation an, und da wird sie von unverbrüchlichen Lautgesetzen nur noch in sehr uneigentlichem Sinne reden können. Denn ein Gesetz, das gestattet, es so oder auch anders zu machen, pflegt wenigstens von den Juristen nicht ein unverbrüchliches genannt zu werden. Man sieht leicht ein, dass daß Sprachgefühl über den unverfälschten Laut- bestand der einzelnen Satz- und Worttheile um so eifersüchtiger wacht, je leb- hafter ihm deren Sonderbedeutung gegenwärtig ist Isolirende Sprachen und solche, deren lose Agglutination der Isolirung noch nahe steht, werden also dem Sandhi wenig Spielraum gestatten. Allein der Bequemlichkeitstrieb, mag er auch sonst meist verhalten bleiben, ist immer vorhanden und wird bei besonders flüchtiger Bede, z. B. in allgeläufigen Formeln, zum Durchbruch kommen. Hier äussert sich das, was wir später, im IV. Buche, als innere Articulation verstehen werden. Wo sich Gehör und Verständniss mit einem verflüchtigten Lautbilde, mit der Skizze, statt des Gemäldes begnügen, da thut auch der Redner genug, wenn er nur annähernd den lautlichen Gesammteindruck hervorruft, und da hat der Sandhi freies Spiel. Denn das ist allerdings anzunehmen, dass er ursprünglich, wo er überhaupt gestattet war, auch eben nur facultativen, nicht präceptiven Werth hatte, dass also der Sprechende beliebig die reine oder die getrübte Lautform anwenden durfte: adferre neben afferre, ein-geben neben eing-geben. Und hatten die Hörer anfangs, halb widerstrebend, zu Gunsten der flüchtigeren Form eine Art Kabatt bewilligt, so mochte ihnen später bei dem unverkümmerten Laute zu Muthe sein, als empfingen sie ausnahmsweise ein Aufmass: es trat im Sprach- gefühle eine Verschiebung ein, Regel und Ausnahme vertauschten die Rollen. Aber zimächst war die Regel doch immer nur das Gewöhnlichere, die Aus- nahmen waren daneben noch möglich. Auch das konnte sich ändern. Ein durch Übung versteinertes ästhetisches Gefühl konnte die flüssigere, flüchtigere Form geradezu verlangen, die reinere, härtere, wie einen Missklang verabscheuen. II. §. 3 b. Bevorzugung und Verwahrlosung in der Articulation. 206 Beim inneren Sandhi geschah das öfter, als beim äusseren; denn die mecha- nische Einheit des Wortes ist dichter, als die des Satzes, dessen Glieder mit Synonymen vertauscht, wohl auch, wo die Wortstellung Freiheiten gestattet, be- liebig umgeordnet werden können. So ist es, um nur das nächstliegende Bei- spiel anzuftihren, im Griechischen; und doch findet man auch hier dialektische Schreibungen wie t6,£/ xqwxov, rcoy xQVf^^xrmv. Der Inder dagegen behandelte seinen ganzen Satz wie ein untrennbares Ganze, wie ein Conglutinat, wenn man den Ausdruck einmal gelten lassen will: er verlangte geradezu den äusseren Sandhi so gut wie den inneren und, seltsam genug, er war in jenem noch an- spruchsvoller, als in diesem. Dass freilich der Tolksmund nicht allemal leistete, was die Grammatik verlangte, lag in der Natur der Sache. Anders sind natürlich die Fälle zu beurtheilen, wo der Sandhi ausnahms- weise eine geschwundene Lautform wieder an den Tag hebt, wie das t der 3. Person Singularis und Pluralis und das pluralische s im Französischen, das d von ed, und im Italienischen, das s im Acc. Flur, der Masculinstämme auf a, (las t der dritten Person Plur. im Imperf. und Aorist Act. des Sanskrit: agvams tu = equos autem: asant atra = erant ibi. Hier hat der Sandhi nicht als Terderber, sondern als Retter gewaltet Wir haben somit das rein lautmechanische Gebiet früher verlassen, das psvchologische früher betreten müssen, als zu erwarten stand. Alle nun weiter- hin zu betrachtenden Mächte der Sprachgeschichte gehören dem Seelenleben an. Ihr Dasein, das heisst, die Möglichkeit ihres Eingreifens, können wir erweisen. Dass aber in einem gegebenen Falle die eine oder die andere von ihnen wirk- lich eingegriffen habe, ist nur hie und da, — dass sie habe eingreifen müssen, ist wahrscheinlich nie bis zur Unumstösslichkeit darzuthim. Nur das blinde Wirken physischer Kräfte gestattet sichere apriorische Berechnimgen. Wo der Mensehengeist mit seinen Launen, wo die Gewalt der Individualität eingreift, da ist eben die Sprachgeschichte, so sie nicht auf jeden Erklärungsversuch ver- zichten will, aufs Umhertasten angewiesen, ob sie unter den vielen Möglich- keiten eine Wahrscheinlichkeit entdecke; da muss sich zum Scharfsinn jener Tact gesellen, der nur im Yerkehre mit dem Leben, — mit den lebenden Sprachen, — zu erwerben ist. § 3 b. Bevorzugung und Verwahrlosung in der Articulation. Wir wollen uns an den Heischesatz halten, dass in einer Mundart Gleiches unter gleichen Umständen immer gleich ausgesprochen werde. Natürlich gehört zu jenen gleichen oder ungleichen Umständen auch das Mass des Nachdruckes, den die Seele imd demzufolge das Sprachorgan des Redenden auf den Ausspruch oder auf einen Theil desselben legt: die Arbeit des Redenden und der Eindruck, 206 III, II. Die innere Sprachgeschichte. den der Hörende empfängt, sind verschieden, jenachdem etwas sorgsam und deutlich oder flüchtig ausgesprochen, jenachdem es schärfer oder gelinder be- tont wird. Wir haben auch gesehen, dass schwache, flüchtige Betonung den Lautverschliff befördert. Inwieweit hierbei der Satzaccent eine Rolle spielt, pflegt aus schriftlichen Quellen nicht erkennbar zu sein. In dieser Hinsicht wie in so vielen anderen, kann also die sprachgeschichtliche Forachung bei den lebenden Sprachen, die uns aus dem Munde des Eingeborenen ins Ohr klingen, mehr lernen, als bei den todten. Der flüchtige Vocal wird zu einer Art e verdumpft Es ist aber auch o möglich, dass dies e gewissen Wörtern von Rechtswegen zukommt, und dass o es dann, wenn einmal das Wort stärker betont werden soll, willkürlich und miss- verständlich durch den einen oder den anderen reineren VocaJ ersetzt wird. Bei der Vergleichung der malaischeu Sprachen spielt dieser Laut, das sogenannte Pepet, eine wichtige Rolle, erklärt offenbare Unregelmässigkeiten, soweit sie eben zu erklären sind. Offenbar kann an und für sich jedes Wort und jeder Satz so scharf oder so flüchtig betont und articulirt werden, wie es die jeweilige Stimnmng des Sprechenden mit sich bringt: man kann das sonst Gleichgültigste einmal sehr nachdrücklich, und das Wichtigste ganz leichthin sagen. Und eben, weil dies möglich ist, wird man in der Regel das scharfe, reine Lautbild auch dann nicht ganz vergessen, wenn man stattdessen im alltäglichen Gebrauche nur ein ver- wischtes erzeugt: der Berliner, der mit einem „Moajn'\ der Thüringer, der mit „Schamster" grüsst, weiss wohl, dass eigentlich „Guten Morgen" und „Gehor- samster Diener'' gemeint ist. Es scheint, aber auch möglich, wennschon schwor erklärbar, dass Wörter, die meist scharf betont werden^ durch häufigen Gebrauch imgewöhnüche Verunstaltungen erfahren. Weit verbreitet ist die dialektische Form nischt für „nichts"; der Lautwandel aber, der sich hier vollzogen hat, dürfte sonst beispiellos, also auf kein mechanisches Gesetz zurückzufülu^en sein. Es kann aber auch anders konmien. Der Verkehr, zumal der eigentlich geschäftiiche, kann in vereinzelten Fällen die verflüchtigte Lautform schlechthin zur richtigen stempeln, oder er kann, differenzierend, der flüchtigen andere Dienste zuweisen, als der deuüichen. So sind z. B. in hoch- und nieder- deutschen und in romanischen Dialekten flüchtige, pro- und enklitische Neben- formen der Personalpronomina weit verbreitet. Im Englischen und in deutschen Mimdarten hat sich das Zahlwort „ein," one lautlich vom unbestimmten Artikel „'w, ä, ä*'y englisch: a geschieden. Gewaltiges hat in solchen Vermischungen der kirchliche Sprachgebrauch geleistet. So wurde im Englischen aus presbyier: priest, aus iXar/fioövrrj: alnis, sprich öms, aus ijtloxojtog imFranzösichen: eveque, im Dänischen und Schwedischen: bisp. Der Handelsverkehr hat den Joachims- thaler Siiberling zum „Thaler", zwei Krüge bairisch Bier zu „zwei Bairisch'\ II. §. 3 b. Bevorzugung und Verwahrlosung in der Articulation. 207 im Englischen genever zu gin, Hochheimer zu hodc, cabriolet zu cah verkürzt u. s. w. Das mochten anfangs launische, scherzhafte Verstümmelungen sein, aber warum wurden sie in den Sprachschatz aufgenommen? Mit jenen anderen, ernsteren Trümmergestalten ist es aber doch ähnlich geschehen, wie mit den Kieseln im Strombette; je mehr sie dahingerollt wurden, desto mehr wurden sie abgeschliffen. Das Ergebniss ist überall ein unregelmässiger Lautwandel, meist Laut- schwiind; und darauf kommt es hier an. Gewiss haben wir es auch hier mit Gesetzen zu thun; soweit diese aber lautmechaniseh sind, müssen wir sie uns nicht als vorschreibend, sondern wieder als erlaubend denken. Und erlaubend im weiteren Sinne sind auch die einschlägigen psychologischen Gesetze: was Thatsache geworden ist, war nothwendig; aber die Nothwendigkeit beruhte auf uncontroUirbarcn, nach Zeit und Umständen wechsehiden seelischen Zuständen. Wenn die Männer semisqui zu sesqui und dann weiter sesquitcrtius zu sestertius verkürzten, so war ihnen dies durch die Lautgesetze ihrer Sprache nicht ge- boten, sondern nur gestattet, und wir begreifen, warum der eilige Sprachgebrauch des Marktes imter dem Erlaubten das Bequemste wählte. Wir begreifen über- haupt, wie gerade Verbindungen von und mit Zahlwörtern abnormen Verkürz- ungen ausgesetzt sein können, — aber eben, wir begreifen es nur insoweit, wie wir seelische Vorgänge begreifen können: als bedingte Noth wendigkeiten, mid zwar als solche, deren Bedingungen sich imserer Beobachtung entziehen. Ahnlich wird es mit Rufnamen sein, die sich im Hausgebrauche abnutzen. Manchmal mag das Gelall der Kinder sein Theil mitthun: die Eltern ahmen es, erst scherzend, bald gewohnheitsmässig im Ernste nach: Bob statt Robert; Pepe, Peppo statt Giuseppe. Aber sie selbst können sich auch aus eigenem Antriebe auf diese Weise schliesslich die Formenelemente von dem Redetheile, dem sie ursprünglich zukommen, — in imseren Beispielen dem Yerbum, — gänzlich auf einen anderen überspringen, dass etwa, wie im Annatom, das Verbum aller Temporal- und Modalformen entkleidet, und das Pronomen damit belastet würde. Man könnte dann von einer Umladung der Formativa reden. Die Tragweite einer solchen würde einleuchten: die Redetheile, damit der ganze Satzbau, da- mit der ganze Sprachbau, die äussere wie die innere Form, wären verschoben, verrenkt, entstellt, vielleicht auch metamorphisch verjüngt Anmerkung 1. Sollte sich etwa auf diese Weise der sonderbare Activ - Instrumental - casus des Tibetischen erklären? Der ihn kennzeichnende Laut — s erinnert an das sinnver- wandte Verbalaffix. Femer: Wären etwa die Formendoubletten, die wir im lateinisch-griechischen ego und im indischen ahatn erhalten sehen, ^und vielleicht noch eine dritte Form auf — mt und weitere mit den entsprechenden Medialformen), ursprünglich nebeneinander, je nach der entsprechenden Verbalendung angewandt worden? Anmerkung 2. Wäre das Congruenzgesetz unserer Sprache ähnlich zu erklären, so möchte man fragen, ob es wirklich regen Formensinn, oder nicht trägen Schlendrian bekundet V Nur der Charakter unserer Rasse spricht für die günstigere Auffassung. Wie aber mit den Bantu? Anmerkung 3. Eine verwandte Erscheinung mag es sein, wenn die Berbersprachen das feminine t pleonastisch zugleich prä- und suffigiren, z. B. kabylisch : . o^mar, Pferd: ^ag- mard', Stute. II. §. 7. Das etymologische Bedürfniss. 215 §• 7. Das etymologische Bedarfniss. Alles Sprechen ist ein Aufbauen. Die Bausteine liegen in unserm Innern vorräthig, und es besteht zwischen ihnen ein gewisses Gleichmass. In den ein- sylbigen Sprachen sind sie allzumal von gleichem Gewichte; in anderen Sprachen mögen sich die formaÜTen Laute von den stofflichen Bestandtheilen mehr oder minder scharf unterscheiden, — überall legt die Seele jedem Theile, den sie der Rede einfügt, seinen besonderen Werth bei. Das ist ihr gewohnt, darum bequem; und dem Triebe nach Deutlichkeit entspricht es überdies. Aber jene Bausteine werden im Laufe der Zeit abgenutzt, wohl gar zerstört. Die Laute verwandeln sich; vielleicht erfährt derselbe Laut je nach seinen Nach- barn oder nach den verschiedenen Betonungsverhältnissen sehr ungleiche Schick- sale, imd was sich früher gleich, scheint jetzt weit auseinanderzuliegen: fran- zösisch serment = sacramentum erinnert nicht mehr an sacrS, in je benis ist vom zweiten Theile des lateinischen benedico nur noch ein Vocal erhalten. Oder es fristen einst selbständige Wörter nur noch in Zusammensetzungen ein dun- keles, unverstandenes Dasein: deutsch all- = anderer in aii-land, Elend, eigent- hch Ausland, Verbannung. Oder das gleiche Element hat in verschiedenen Verbindungen so verschiedene Bedeutungen angenommen, dass die ursprüngliche Gleichheit nicht mehr empfunden wird: bei „Leichdom" mag man nicht mehr an „Leiche" denken, seit man darunter nur den todten Körper versteht; und im Worte ,,gleich" (gothisch ga-leika = avaamfiog^ leibesgemein) ahnt man schon gar nicht mehr die Zusammensetzung und den Zusammenhang: noch weniger in der Bildungssylbe -lieh: ähnlich, begreiflich u. s. w. Was nun das Sprach- gefühl nicht mehr zerlegt, das gilt ihr als Element Der Bestand dieser Ele- mente, ihre Zahl, ihr Wertli, ihre äussere Gestalt ist stetem Wechsel unter- ^vorfen: wir können schon jetzt die Möglichkeit ahnen, dass die Sprache der- einst dem veränderten Stoffvorrathe zuliebe auch den Bauplan der Rede um- gestaltete. Wie sie aber aufbaut, so zerlegt sie auch wiederum. Und so kann es ge- schehen, dass sie herausschält, was eigentlich nur in der Verbindung lebens- berechtigt ist In buchhändlerischen Katalogen finden wir die Überschriften: Schilleriana, Lessingiana, Shakespeareana u. s. w. Damach wird nun wohl die ganze Literatur über einzelne Schriftsteller mit dem Gesammtnamen „Ana" be- zeichnet So abstrahirt man gar nicht übel von Latinismen, Gallicismen, Ang- licismen, Germanismen u. s. w. eine Kategorie „Ismen"; — auch dieses Wort glaube ich gehört oder gelesen zu haben. Es ist denkbar, — zu belegen wüsste ich es im Augenblicke nicht, — dass hierbei ganz tolle Verirrungen geschehen, und dem Affixe zuliebe das ihm zu Grunde liegende selbständige Wort nun in 216 in, II. Die innere Sprachgeschichte. neuer, umgearbeiteter Auflage wieder erscheint Unser Suffix — keit ist be- kanntlich durch Sandhi aus ursprünglichem — heit entstanden, von dem es sich sonst nicht unterscheidet. Lüde diese Sylbe zur Loslösung ein, so wäre es reiner Zufall, ob man sich für Heit oder Keit entschiede. Was ich hier als vereinzelte Fälle angeführt habe, ist bekanntlich seiner Zeit von Westphax zu einer förmlichen Ausschälungstheorie, der s. g. Evolutions- theorie, ausgebeutet und der hergebrachten Agglutinationstheorie entgegengesetzt worden: der Satz sei das Ganze, seine Theile seien secundäre Abstractionen.*) Das war mehr geistreich als zutreffend. Allerdings lebt die spezifiach menscliliche Rede erst im Satze; dieser ist ihre erste organisch eigenlebige Einheit, und seine Theile empfangen ihren besonderen Werth aus jenem Ganzen. Sie würden aber auch diesen Werth nicht empfangen, ja daß Ganze würde gar nicht zu Stande kommen können, wenn dem aufbauenden Geiste nicht die allgemeine Bedeutung der Theile, wenn auch nur dunkel und unbewusst, vorgeschwebt hätte. Dieses Gefühl vom Werthe der Einzeltheüe wird nun so oft befriedigt, dass es nachgerade fordernd auftreten kann, sich nicht beruhigt, wo die Etj^mologie verhüllt ist, und dann wohl umgestaltend den Thatbestand ändert, um Klarheit zu schaffen. Das ist der Fall der sogenannten Volksetymologie. Wir Deut- schen haben meist leichtwiegende Formative mit stummem e: ge— , be — , ver— , zer — , — en, — er, — es, — end, oder ganz vocallose: —st, — t, — n u. s. w. Wuchtiger sind nur gewisse Suffixe für Abstracta: —heit, —keit, — niss, — thum u. a. Sonst sind wir gewöhnt, schweren Sylben stofflichen Inhalt beizumessen, Spondaeen und Antibacchien in zwei Stämme zu zerlegen. Wo das nicht an- geht, befremdet es uns; Wörter wie Ahorn, HoUunder, Wachholder, Eidechse, Ameise, Hornisse sind in ihrer Art Unregelmässigkeiten; indem sie etymologisch im verständlich bleiben, verletzen sie die Analogie. Dagegen wehrt sich die Sprache des Volkes so gut sie kann. Entweder zwängt sie die befremdlichen Wörter in eine Lautform, die den Gedanken an Zusammensetzung nicht mehr aufkommen lässt, nennt die Eidechse Echsel, die Ameise ( Seich- )amsel, die Hornisse Hömse, — oder sie schafft durch Umgestaltung der Laute neue Et}'- mologien, nennt z. B. das Ahorn Anhom, die Ameise Armeise, — kehrt wolil auch dabei unvermerkt zum Richtigen zurück, z. B. wenn sie Hohl-lunder sagt. Wunderliche Verwechselungen kommen aber auch dabei vor. Die Bachstelze stelzt wohl manchmal an den Bächen; ursprünglich aber hatte sie nicht davon ihren Namen, sondern von ihrem wackelnden Sterze: Wachsterze, vergl. platt- deutsch Wippsteert. Die Grasmücke baut wohl ihr Nest im Grase imd frisst Mücken, hat aber sonst mit der Mücke nicht mehr gemein, als mit jedem an- deren fliegenden Tliiere. Besser passt ihr dänischer Name: Graa-smyge, die ♦) Vergl. übrigens schon W. v. Humboldt, Über die Verschied, n s. w. S. 74 — 75. II. §. 7. Das etymologische Bedürfniss. 217 graue Schlüpferin, der wohl auch der ursprünglichere sein wird. So mit ein- heimischen Wörtern. Wie es Fremdwörtern im Volksmimde ergehen kann, dafür habe ich schon früher ein paar auffällige Beispiele gegeben. Es bedarf aber gar nicht immer der umgestaltenden Nachhülfe, — manchmal hat schon der Zu- fall das Nöthige gethan. Den Engländer, — ich meine den ungebildeten, der in solchen Dingen der allein massgebende ist, — muss naiion geradezu an das Verbum io know erinneni, desgleichen den Holländer das Wort Scandal an schände; er hat auch schandaal daraus gemacht. Der Name der Nachtigall, luscinia, lusciniola, lusdnius, muss schon in der Lingua rustica sein anlautendes l mit r vertauscht, stellenweise wohl ganz eingebüsst haben: französisch rossignol^ portugiesisch rouxinol, italienisch rusignuolo, rosignuolo, usignuolo: der Anklang an ruscum, Mäusedom, schien besser zu gefallen, als jener an liLSctis, schielend. Die Spanier aber haben ruiseüor daraus gemacht, den Titel seüor mit dem Ruf- namen Suyy allerdings in verkehrter Ordnung, verbindend. Da war das ety- mologische Bedürfniss mit sehr Wenigem zufriedengestellt; aber das Sinn- und Sprachwidrige muss ihm doch besser behagt haben, als das ganz Unerklärliche. Statt Allotria habe ich ganz ernsthaft „Hallohdria" sagen hören; das sollte offen- bar auf lärmende Lustigkeit deuten. Wo nun Sprachen eines Stammes Wörter aufweisen, die Gleiches bedeuten imd ähnlich lauten, deren Lautverschiedenheiten aber sich auf kein Gesetz zu- rückführen lassen: da sollte man auch an die Möglichkeit solcher etymologischer Verschiebungen denken. Das wären dann Adoptionen, — nur mussten die zu Adoptirenden dem Sprachbewusstsein als Waisen gelten, deren Verwandtschaft unbekannt ist. So könnte ich mir denken, dass sanskrit: jihva, Zunge, hrd, Herz, deutsch: Leber, griechisch B-sog, ähnlich wie lateinisch lingua, doch nur entfremdete Geschwister der ihnen entfremdeten Wörter der anderen Sprachen wären. Ob und wie, darüber mögen die Indogermanisten entscheiden. Schon in der Urzeit scheint es für „Wurm" zwei lautähnliche Wörter gegeben zu haben, deren eins durch lateinisch vermis, gothisch vaurms, griechisch, freilich mit /: iX/iit'g, %X(ng, deren anderes durch sanskrit Tcrmis^ litauisch kirminis ver- o treten ist Die Erfahrung lehrt, dass das etymologische Bedürfniss je nach den Sprachen und Sprachstämmen von sehr verschiedener Stärke sein kann. Am Mächtigsten ist es offenbar da, wo die Rede sich am leichtesten in ihre letzten BestandtheUe zu zerlegen scheint: bei den isolirenden Sprachen und bei jenen, die man vor- zugsweise agglutinirende zu nennen pflegt. Man begreift, wie es hier erneuernd wken musste, sobald und so oft die alten Elemente sich verwischten, wie es aber wohl auch erhaltend wirken und darüber wachen mochte, dass jene Ver- wischung nicht zu schnell einträte. Immerhin reden jene Sprachen, deren durchsichtiger Bau uns entzückt, von ihrer Vorgeschichte vielleicht weniger 218 ni, n. Die innere Sprachgeschichte. deutlich, als es scheint. Wie jungen Ursprunges mögen die Anklänge sein? wie mögen sich die Etymologien verschoben haben? Das etymologische Gefühl haftet viel mehr an der Bedeutung, als am Laute. Der leiseste Anklang befriedigt es und kann es wach erhalten. Deutsch „gehen, gegangen, ging", spanisch tengo, ich habe, und iuvieron, sie hatten, gehören auch für das naive Bewusstsein noch zusanmien; die gemeinsamen Anlaute sind dünne Fäden, aber die verschiedenen Tempora derselben Verben sind starke Ketten. Erst wenn sich die Bedeutungen entähnlichen, schwindet das Gefühl für die Verwandtschaft der Wörter. Bei „Ankunft" denkt Jedermann an ,,an- kommen*', bei „Vernunft'' werden die Wenigsten an „vernehmen" denken. An gleichlautenden Wörtern verschiedenen Ursprungs und Sinnes sind viele Sprachen sehr reich; aber meist bleiben die Zweideutigkeiten dem Redner wie dem Hörer unbemerkt. Das Wortspiel, das sie ausnutzt, ist ein Kunststück und wird als solches empfunden. Die Synonymik dagegen ist Jedem in Fleisch und Blut übergegangen, wird überall da geübt, wo man wissentlich das Gleiche mit ver- schiedenen Worten sagt, bietet der Streitsucht ein beliebtes Spielzeug, der über- vollen Seele ein willkommenes Mittel, sich in immer neue Formen zu ergiessen. Jener Ordnungssinn aber, zu dem uns die Sprache erzieht, sähe am liebsten jeden Einzellaut bedeutsam und erklärlich, wie ein Dienstabzeichen. Das eine Mal schafft er, was geschichtlich keine Existenzberechtigung hat; das andere Mal meint er Zusammenhänge da zu sehen, wo geschichtlich keine vorhanden sind, — und beide Male kann er als der Lebende Recht behalten.. §. 8. Das latttsymbolische Gefühl. Jeder Mensch verhält sich zunächst zu seiner Muttersprache naiv: sie ist ihm natürlich, imd solange er es nicht erlebt hat, dass anderen Leuten eine andere Sprache ebenso natürlich ist, dünkt es ihm, als könnten die Dinge gar nicht anders heissen, als sie bei ihm daheim benannt werden. Man hat glaub- hafte Anekdoten, die darauf hinauslaufen. So die von einem Bauern, der sagte: „Aber die Franzosen sind närrische Leute, — die nennen ein Pferd Schewall!" Oder die von dem Manne, der sich wunderte, dass drüben in Frankreich schon die kleinen Kinder französisch sprechen. Für solche naive Gemüter besteht in der That der Zusammenhang zwischen Ding und Wort q)V0Bi, nicht &-iöei; die- selben Laute erwecken inmier dieselbe Vorstellung, und nun en^'eckt auch um- gekehrt derselbe Gegenstand immer die nämliche Lautvorstellung. Das Ding und sein Name machen auf uns denselben Eindruck, und wo es halbwegs an- geht, knüpft unser Gefühl ein Band zwischen dem Klange des Wortes und dem Inhalte der Vorstellung, die das Wort erweckt Der Laut gilt für symbolisch: n. §. 8. Das lautsymbolische Gefühl. 219 das Wort „geliad" scheint einen gelinden Klang zu haben, ,,harf' einen harten, ,,süss" einen süssen, „sauer" und „herb" einen saueren und herben. Ob in ,Jbiüpfen, springen, schleichen, hinken, humpeln, schreien, wehen, graupeln, tönen, lauten, schnappen, zerren" u. s. w. geschichtlich Schallnachahmungen zu Grunde liegen oder nicht, ist diesem Gefühle ganz gleichgiltig, — ihm dünken die Laute symbolisch. Und ähnlich wird wohl den meisten Deutschen zu Muthe sein bei einer Menge Substantiva, z. B. Busch, Strauch, Nuss, Splitter, Faser, Tropfen, Schnecke, Eidechse, Eabe, Eule, Fuchs, Luchs, Säge, Feile, Lappen, Runzel, Sense, Sichel, Zange. Mag unser etj^mologisches Wissen dazu sagen was es wUl, für unser Empfinden sind Wörter wie „Blitz" und „Donner", „rund'' und y,spitz" so innig und natumothwendig mit ihren Bedeutungen verwachsen, dass wir uns den Fall kaum denken können, es hätten diese beiden Wortpaare ihre Bedeutung ausgetauscht Statt Hund: Katze, statt Katze: Spatz zu sagen, würde uns nicht so arg zuwider sein, weil hier die Laute dem symbolisirenden Gefühle weniger Anhalt bieten. Ähnlich geht es uns nun auch mit fremden Sprachen, in die wir uns gründ- lich eingelebt haben: piquer und pique*), bäiller, arr acher, dechirer, pincer^ f rapper, bcUtre, crier, tremblery terreur, cohue, gouUe, gouffre, gueule und viele andere französische Wörter muthen mich wider besseres Wissen lautsymbolisch an. Erinnert mich „Blitz" an das plötzliche Aufleuchten, so denke ich bei foudre an den zerstörenden Schlag, ob ich gleich weiss, dass fulgur auch nur das Aufleuchten bedeutet. Und doch dürfte mir das Sprachgefühl der Franzosen hierin recht geben; denn foudroyer bedeutet längst schon niederschmUtem, Dem Neulinge in einer fremden Sprache mischt sich wohl auch beim Erwachen dieses Gefühles Muttersprachliches mit ein: tütjtoq gemahnt ihn an hüpfen, gladius an die glatte Klinge, und dass italienisch caido warm heisst und nicht kalt, will ihm gar nicht in den Sinn. Alles dies verliert sich mit der Zeit, bei näherer Vertrautheit mit der fremden Sprache; allein jedenfalls zeigt es, wie gern der Instinct da Verbindungen knüpft, wo ähnliche Klänge ähnliche Vorstellungen wecken; das Vereinzelte ist ihm unheimlich, jedem Junggesellen möchte er eine Braut zuführen. Die Sache wird aber ernsthaft, wenn sie wirksam wird, und das ist sie meiner Meinung nach allerdings. *) Eine ähnliche Vorstellung weckt im Ketschua der Name des Flohes: p'iki. Diese Sprache mag noch durch einige weitere Beispiele beweisen, wie ähnlich bei ganz verschiedenen Völkern das lautsymbolische Gefühl angeregt wird und wohl auch wieder schöpferisch angeregt luit. Curur bedeutet Knäuel (KruU); cuku, zittern (zucken); mamullay ohne Zähne kauen (mampfen); llui'ca, schlüpfrig (rutschen): Uuncuy lecken; maci, spülen, begiessen (matschen); ptruiu, Flöte; puyllu, Quaste (span. borla)\ siuki, sickern. Viele andere Wörter dieser Sprache, wie süui, kitzlich, muthen uns wenigstens ohne Weiteres lautsymbolisch an. 220 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Je mehr wir in einer Sprache eingelebt sind, desto inniger verknüpfen sich Laut und Sinn ihrer Wörter in unserer Seele, desto mehr sind wir ge- neigt zwischen lautähnlichen Wörtern Begriffsverwandtschaften zu ahnen. Der Hergang ist ein rein natürlicher, psychologischer: wir finden, empfinden ohne zu suchen, unser Gefühl etymologisirt so zu sagen ohne sprachgeschichtliches Gewissen, wohl auch geradezu gegen unsere bessere Einsicht, imd pfropft auf- einander, was aus verschiedenen Wurzeln erwachsen ist. Zu den Belativwörteni ,,wie, wo, wann, welcher" u. s. w. gesellt sich in dieser naiven Etymologie die Conjunction „weil", die doch substantivischen Urspnmges ist, — vielleicht sogar „während" und „wegen". An „stehen" reiht sich „steif, starr, Stock, Stamm, steil, stopfen, stauen, Stab, stützen, stemmen", einerlei ob und wieviel sie mit der Wurzel stha zu thun haben. Ähnlich ist es mit anderen Gnippen wie — zucken, zupfen, zausen, zerren, Zaum; — glatt, gleissen, glänzen, glimmen, glühen; — klappen, klatschen, — und klaffen, Klammer; — Schuft, Schelm, Schurke. Schubiak; — straff, streng, stramm, strotzen; — stossen, stampfen, stupfen; — schweben, schwanken, schwinden (schwindeln); — knüpfen, knoten, Knollen, knorrig, Knospe. So bei gleichem Anlaute, alliterirend. Aber auch Assonanz und Beim, In- und Auslaut können in 's Spiel kommen. Da mag sich dann wohl zucken m rucken, ducken, mucken gesellen, weinen zu greinen, — flimmern zu schimmern, glimmen, — stupsen zu schuppen (schupsen), — schütteln zu rütteln, — Ranke zu schlank, schwanken, wanken, — lügen zu trügen, das wohl jenem zuUebe seinen Vocal verändert hat: früher hiess es triegen. Hier wird buchstäblich Lug und Trug im Spiele gewesen sein. Stemmen verknüpft sich durch Alli- teration mit stehen, steif u. s. w., durch den Reim aber mit hemmen, klemmen; sinnverwandt ist es nach beiden Richtungen. Unser Gefühl wird nicht ent- scheiden, ob stemmen = stehend hemmen oder = hemmend stehen, oder etwa = durch Hemmen im Stehen erhalten ist, -^ genug, es empfindet bei „stemmen" den lautlichen und inhaltlichen Anklang an stehen und hemmen. In Schuft, Schurke, Hund, Lump und einigen anderen Schimpfwörtern, in dumm, stumm, stumpf, dumpf, Dunst, Wust hat der tiefe Vocal etwas Stimmungsvolles; dagegen lässt man sich in der Bezeichnung für den geriebenen, gewiegten, pfiffigen Spitz- buben, für den filou und fripou, das spitzige i recht gern gefallen. Es ist nun sehr leicht, aber auch sehr müssig, für jedes der obigen Beispiele (leren ein Dutzend andere beizubringen, wo klangähnliche Wörter auch nicht die Spur von Bedeutungsähnlichkeit haben. Sehr müssig ist es, denn solche Wortpaare bieten eben dem Sprachgefühle nicht den Anhalt, den es verlangt, f II. §. 8. Das lautsymbolische Gefühl. 221 und den es eben nur da findet, wo Beides, Laut- und Sinnälinlichkeit, zusammen- trifft Wichtiger könnte es scheinen, dass dieses Gefühl nicht bei Allen gleich reizbar ist, und dass es nicht bei Jedem in gleicher Weise berührt wird. Wilh. vox HujiBOLDT sagt (Abh. über die Versch. d. m. Sprachbaues S. 79): „Sie (die symbolische Bezeichnung) wählt für die zu bezeichnenden Gegenstände Laute aus, welche theils an sich, theils in Vergleichung mit anderen für das Ohr einen dem des Gegenstandes ähnlichen Eindruck hervorbringen, wie stehen, stätig, starr den Eindruck des festen, das Sanskritische ZJ, schmelzen, auseinandergehen, den des Zerfliessenden, nicht, nagen, Neid den des fein und scharf Abschnei- denden. Auf diese Weise erhalten ähnliche Eindrücke hervorbringende Gegen- stände Wörter mit vorherrschend gleichen Lauten, wie wehen, Wind, Wolke, wirren, Wunsch, in welchen allen die schwankende, unruhige, vor den Sinnen undeutlich durcheinandergehende Bewegung durch das, aus dem an sich schon dumpfen und hohlen u verhärtete w ausgedrückt wird." — Ich muss bekennen, auf die letzteren beiden Gruppen wäre ich nicht verfallen. Wehen und Wind ^hören an sich zusammen, nach der echten Etymologie, von der Humboldt überhaupt nur sprechen will; wünschen hätte ich aber eher mit w^ollen ver- knüpft, und wirren, wirr etwa mit wild und wüst und dann wieder mit irren, irr. Die Sinnverwandtschaft liegt hier besser zu Tage und dürfte da- rum auch der Menge eher einleuchten. Auf das Sprachgefühl der Menge aber kommt es hier wie überall zuerst an. Und wo die Anklänge so mächtig sind, dass sich die Wenigsten ihrem Eindrucke verschliessen werden, da erlangt die falsche Etymologie Rechtskraft, es geschieht eine Art Annahme an Kindesstatt, die natürlich, gerade wie im bürgerlichen Rechte, von den Vorfahren und Seiten- verwandten nicht anerkannt zu werden braucht. Dass gerade der naive Mensch zu solchen Verknüpfungen sinn- und laut- ähnlicher Wörter neige, ist von vom herein einleuchtend. Man denke nur an den Hergang bei der Spracherlemung der Kinder. Diesen sind ja auch die ver- schiedenen Formen derselben Wörter ihrer Muttersprache zunächst nur als sinn- und lautähnliche Wörter erscliienen, und so musste zugleich mit der Aneignung der Muttersprache ein lebhaftes etymologisches Gefühl erwachen. Dieses Gefühl ist nothwendiger Bestandtheil des subjectiven Sprachgeistes, der die Rede be- herrscht, ihre Richtigkeit bedingt und ihr gelegentlich neue Wege weist Über- setzen wir dies Gefühl in ein Urtheil, so besagt es: Wörter von ähnlichem Klange und ähnlicher Bedeutung sind in der Regel verwandt, also werden sie es wohl immer sein. Die heutige Linguistik folgt mit Vorliebe der Sprache auf ihren leicht- sinnigen Pfaden, dorthin wo der Sprachgeist den Damm des geschichtlich Über- lieferten durchbricht, wo die Alten die Köpfe schütteln, und die Jungen sich tununeln. Die falschen Analogien werden aber fast nur üi ihren Wirkungen 222 III, u. Die innere Sprachgeschichte. auf grammatische Formen und auf lautliche Unregelmässigkeiten erkannt Es dürfte an der Zeit sein, diesen fruchtbaren Begriff weiter auszudehnen, nämlich auf die falschen Etymologien, deren Einflüsse man vielleicht noch nicht genug in Rechnung gebracht hat. Es handelt sich um eine Neigung des Sprachgefühles, die nicht ganz ohne Wirkung bleiben kann. Eine dieser Wirkungen suche ich im Bedeutungswandel der Wörter. Dem Sprachgefühle ist es angenehm, weil durch Gewohnheit geläufig, mit ähn- lichen Klängen auch ähnliche Vorstellungen zu verbinden, ihm ist der Laut bedeutsam, die Etymologie scheint mit der Lautsymbolik vermählt So beein- flusst in manchen Sprachen das Zusammentreffen von Ähnlichkeit des Lautes und der Bedeutung die Bildung von Zusammensetzungen und stehenden Redens- arten: blitzblau, fuchsfeuerroth, fix und fertig, weit und breit Im Lateinischen: bene heateque^ fdix faustum fortunatumqtie, opera et oleum u. s. w. Manchmal gefällt sich auch das Sprachgefühl am Gleichklange Entgegengesetzter. Da werden dann Redensarten gebildet wie: Lust und Leid, Leid und Freud, Wälder und Felder, durch dick und dünn. Aber, und das ist wichtig, sie werden nur gebraucht, um die Gleichgütigkeit des Gegensatzes anzudeuten. Wäre da nicht auch der Gleichklang symbolisch? Dass solche Gegensätze auch das Lautwesen der Wörter beeinflussen können, dafür bietet italienisch greve (neben grave) = schwer, gegenüber leve, lieve = leicht, ein Beispiel. Von hier aus komme ich auf den Bedeutungswandel. Was sich in der Vorstellung gern zusammengesellt, verknüpft sich auch gern in der Rede; es entstehen Wahlverwandtschaften, die auch den Sinn der Wörter beeinflussen können. Dafür ein Beispiel: Was ich bedarf, das begehre ich. Nun hat im Englischen to warU, bedürfen, die Bedeutung von to wish und to will ange- nommen, und ebenso im Chinesischen allmählich yao, bedürfen, die Bedeutung von yuen, wünschen imd yuh, wollen. Es ist wohl erlaubt anzunehmen, dass hierbei die Gleichheit der Anlaute eine Art Anziehungskraft geübt habe. Da- gegen mag der Reim gewirkt haben, bei schwanken und wanken, die sich be- grifflich viel näher stehen, als ihre beiderseitigen Verwandten: schwingen, schwenken und winken. — Wo Stoffwörter den Dienöt von Formwörtem über- nommen haben, da dürfte zu fragen sein, ob nicht der Laut bei der Wahl mit entscheidend gewesen sei? So etwa bei den oben angeführten „weil, wegen, während^', so auch bei den chinesichen Conjunctionen des bedingten Nachsatzes: tseTc, tsik, tsieü. Vielleicht eröffnet sich uns an dieser Stelle noch ein weiterer Ausblick. Die Laute sollen möglichst symbolisch sein; so will es das Sprachgefühl. Ono- matopöie ist Nachahmung natürlicher Töne und Geräusche durch Sprachlaute. Wo nun eine Onomatopöie von Hause aus nicht vorliegt, da kann jenes Gefülü n. §. 8. Das lautsymbolische Gefühl. 223 sie entweder suchen und finden, oder im Wege des Bedeutungswandels schaffen. Nun geschieht es oft, dass zwei sinngleiche Wörter verschiedener Sprachen einander auffallend gleichen, während doch entweder die beiden Sprachen über- haupt nicht nachweislich verwandt sind, oder doch die Klangähnlichkeit vor den Lautgesetzen nicht Stich hält Wäre da nicht doch zuweilen mehr als ein blosser Zufall im Spiele? Wir hätten da ein erstes Mal eine Probe von dem, was wir später, § 14, von einer anderen Seite als Spirallauf der Sprachgeschichte kennen lernen werden: eine rückläufige Tendenz der Sprachen in der Richtung nach den symbolischen Lautwurzeln der ältesten menschlichen Rede, — freilich wieder einen uncontroUirbaren Factor. Nur ganz versuchsweise will ich einige Beispiele anführen. Wir lernten früher, § 9, in deutsch „Zitze", englisch tecU eine Rückkehr zu griechisch titOtj u. s. w. kennen. Wie, wenn es sich ähnlich verhielte mit: Kopf — capnt, tupfen — tvjctbiv, Pfote — Jtovg, Jiodog, holländisch trecken — trahere, englisch to call — xaXstv? Wäre davon auch nur ein Theil richtig, so stünden wir mitten drin in der Zauberwelt der Wahlverwandtschaften. Auch Neubildungen von Wortstämmen mit symbolischer Abänderung ein- zelner Laute mögen vorkommen. So klatschen, klitschen; pfeifen, piepen, fiepen; knacken, knicken; kappen, kippen; abkuppen; bimmeln, bammeln, baumeln, bummehi; zwicken, zwacken; quieken, quäken, quaken; knirschen, knarren, knurren; scharren, schurren; schnaufen, schniefen, schnüffeln und eine Menge volksthümlicher Onomatopöien. Im Malaischen heisst bonkoq: Buckel; benkoq: krumm; beMcaq^ bunkuq: Geschwulst; benkah: verbogen; bonkun: lahm; benkil: geschwollen; bonkol: Buckel, Höcker; bunkul: knorriger Auswuchs am Baume; femer bonjol: schwellen; ben^ol: Beule; bantal: Kissen; bentol, Beule; bintul: Pustel; bintü: Warze. Im Batta giebt es drei, sichtlich verwandte Wörter für ^kriechen": dzarar im Allgemeinen, dzirir von kleinen Wesen, dzurur von grossen oder gefürchteten Thieren gebraucht. Auch hier scheint Höhe und Tiefe des Vocales bedeutsam für die Grösse des vorgestellten Gegenstandes, während sonst das Malaische einen organischen Vocalwechsel nicht kennt Im Arabischen werden vollständige Doppelungen gebildet, indem man das Wort mit verändertem Anlaute wiederholt: Saitanun laitänun, ein Erzteufel; insünun Xdhfd^un nabt&un, ein ganz ruchloser Mensch. (Yebnier, Gramm. Arabe 11, pg. 510). Im Annamitischen werden Composita gebildet, deren zweite Hälfte tlen Anlaut des ersten, eigentlich bedeutsamen Wortes wiederholt, aber ein- für allemal den Auslaut iek, iet hat (TKt)öNQ-ViNH-KY, Abr6g6 de gramm. Annamite p. 18. Ders., Grammaire de la langue annamite p. 91 — 92). Schaffen wir laut- spielerische Gebilde wie „Bim-baum, Piff-paff-puff", so thuen bei den Schau in Berma, Sprachverwandten der Siamesen, die alten Weiber und Kinder nach Gut- dünken und doch nach gewissen phonetischen Gesetzen ganz Ähnliches: ka oder l:a-U = Schleim, kcik oder kak-kik, stottern, tun, tun-tan, Ring; »wuw, mun-many 224 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Überdecken; lit, lit4at, träge sein; lum, lum-lam Luft; lai, lai-li^ bekommeu u. s. w. (J. N. CusHiNo, A Shan and English Dictionary, Rangoon 1881, p. 12 flg.). Auch ini Thai selbst findet sich Ähnliches, doch mannichfacher; caa^ und öaa^'Cat, anfügen; caay* und caay^-öit^ winzig; cen und cen-cen^ gewohnt: kltya^ und Miya^-klaam^ locken; 1din\ rollen; Min^-Jclaat entrollen: klin^-klaak, sich rollen; krtyeb und krfyeh'krtyem, trocken; Man und Man-hlaa vergessen: trk und trk-traan, nachdenken u. s. w.*) (Vgl. Pallegoix, Gramm., p. 67,). o o Auf das Recht, an den Lauten seiner Sprache augenblicklichen Stimmungen symbolisirend zu ändern, hat der Mensch nicht überall, hat er vielleicht nirgends gänzlich verzichtet. Viele jener klang- und sinnähnlicher Wurzeldoubletten, die man so gern für dialektische Varietäten erklärt, können ebensogut neben- oder nacheinander in einer und derselben Mimdart entstanden sein; und wo ihr Unterschied in einem Laute mehr oder weniger besteht, da ist neben der be- liebten Agglutinations- und Compositionstheorie auch die andere Möglichkeit ge- geben, dass die Wurzel nach irgendeinem lautsymbolischen Vorbilde abgeändert erweitert oder verkürzt worden sei. Ja, man muss auch auf den Fall gefasst sein, dass unorganische Doppelungsformen, wie jene des Annaraitischen, des Schan und Thai, schliesslich selbständig, ohne Prototypen imd statt derer auftreten. So scheint es mir auch sehr denkbar, dass zwei verschiedene, sinnver- wandte Gruppen sich zur Schöpfung einer bastardischen Neubildung vermählen. Nehmen wir die Gruppen ziehen, zerren, zausen, zucken und reissen, raufen, rupfen, raffen, rucken: so wäre es psychologisch erklärlich, wenn das Wort rupfen der zweiten Gruppe in die erste einen Sprössling „zupfen" verpflanzt hätte. Das Wort Zaser er- scheint erst im Neuhochdeutschen und scheint in den übrigen germanischen und indogermanischen Sprachen keine Verwandten zu haben. Es wird wohl nach dem gleichbedeutenden Faser gebildet sein, das sich, wenn nicht etymo- logisch so doch lautsymbolisch an Faden anschliesst. Wäre etwa der Anlaut z der Gruppe ziehen u. s. w. entnommen: herausgezupfte Faser? Wie steht es mit: Kopf, Kuppe — Knopf, Knuppe? Wie kommt griechisch xdjtgog zu der Bedeutung Eber, gegenüber lateinischem ca/>er, altnordischem Äa/^r = Ziegenbock? Dem Eber, aper würde ojtgog entsprechen, und die Klangähnlichkeit und viel- leicht der weitere Anklang an xojtgog, Koth, mag den xcbtgog zum Eintritte in das Schweinegeschlecht veranlasst haben. Allerdings findet sich noch bei Homer vg xdjtQog, was darauf hindeuten könnte, dass xdjtgog = Bock eine Zeit lang *) Ich habe die Consonanten des Siamesischen nicht nach ihrer jetzigen Aussprache, sondern nach dem Lautwerthe, der sich aus den indischen Lehnwörtern ergiebt, umschrieben. II. §. 9. Gebundene Rede. 225 das männliche Thier im Allgemeinen bezeichnet habe. Selbst daim aber war es schwerlich ein Zufall, dass es schliesslich Tom Eber allein gebraucht wurde. Unorganischer Laut\vandel mag wohl auch dieser Quelle entfliessen. Fran- zösisch gras = lateinisch crassus dürfte den smnverwandten gros, grand, grare seinen Anlaut verdanken. Ferner wäre zu untersuchen, ob nicht die falsche Etymologie gelegentlich auch die grammatische Behandlung der "Wörter beeinflusst habe, ihre Form- bildung oder syntaktische Construction. Endlich wird ein Fremdwort um so leichter volksthümlich werden, je mehr es das lautsymbolische Gefühl zu befriedigen scheint. Das slavische „pomäle" bekanntlich weiterhin zu „pomadig^' veninstaltet, hat emen trag sanften Klang. Ähnlieh ist es mit „dusemang'' (doucemetU)^ das nebenbei an duselig erinnert. Auch die Namen mancher Musikinstrumente muthen uns onomatopoetisch an: Posaune, Flöte, Hoboe {haut-bois^ Cymbel, Cither, Tioline, Castagnette. In an- deren FäUen mag der Klang des Fremdwortes seine Bedeutung beeinflusst haben. So bei Pöbel, renitentes Frauenzimmer, fidel = lustig (?). Was die Etymologie als Wurzeln bezeichnet, waren eben solche bedeut- same Laute und Lautverbindungen. Man darf annehmen, dass im Urzustände dor Sprachen für das Gefühl der Redenden alle Wurzeln, aber auch nur die AVurzeln und ihre Lautbestandtheile lautsymbolischen Werth hatten. Im Laufe der Zeiten hat sich jenes Gefühl nicht verloren, sondern es hat nur andere Richtungen genommen. Das seelische Bedürfniss ist geblieben, und es sucht Be- friedigung, wo inmier sie von den Thatsachen geboten wird. §. 9. Gebundene Rede. Bei längerem Sprechen müssen wir von Zeit zu Zeit Atliem holen, und dies kann auf die Bede zweierlei Wirkung üben. Entweder unterbrechen wir sie und benutzen die Pause zum Einathmen, oder wir sprechen zeitweilig nicht mit aus-, sondern mit einströmendem Athem, wie in einem Seufzer oder schluch- zend. Ersteres bildet wohl überall die Regel; aber auch die einathmende Sprech- weise ist gar nicht so selten, wie man meinen sollte. Beschäftigte Leute be- dienen sich ihrer oft nachlässigerweise in ihren einsylbigen Antworten. Und wo die Rede selbst keine geistige Pause zulässt, wie bei fortlaufendem Zählen, da pflegt die Erscheinmig periodisch wiederzukehren. Das kann man z. B. bei Strickerinnen, die die Maschen abzählen, beobachten. Jenes Andere aber, das Innehalten in der Rede, die Pause, ist das Wich- tigere. Denn hier wirken Köi-per und Seele recht sichtlich zusanmien. Auch ▼. d. Gl bei entz, Die Sprachwissenschaft. 2 Aufl. 15 226 III, II. Die innere Sprachgeschichte. das Denken verlangt Pausen, der Gedankengang vollzieht sich in Abschnitten, die des Ausdruckes bedürfen, und da ist die negative Ausdrucksweise, die Pause, die einzig sachgemässe. Die frisch gefüllte Lunge ist natürlich zu kräftiger Tonerzeugung geeigneter und geneigter, als die sich allmählich erschöpfende. Das ist einfach mechanisch. Die Seele aber beherrscht den Mechanismus und spart die Kräfte auf für die Kraftstellen. So ist denn der Anfang der Rede durchaus nicht immer am Stärksten betont. "Wo hhigegen das Seden selbst vorwiegend mechanisch geschieht beherrscht von Gedächtniss und Gewohnheit, da wird der Hergang roh mechanisch, und eben in der mechanichen Gleichmässigkeit findet die Seele ihr bescheidenes Genüge. Da stellt sich ganz von selbst etwas wie gebundene Rede ein : an- nähernd gleiche Länge der Abschnitte, annähernd gleiche Vertheilung der Be- tonungen. Man beobachte nur, wie Schüler ihre Paradigmen hersagen: mensa mensae mensae — mensam mensa mensa ; ämo amas amat — amämus amaiis ainant. Dabei fällt denn wohl noch ein zweiter (Neben-)ton auf die letzten Glieder; den der Rest der Luft wird mit Kraft hinausgestossen , um der ftisch einzunehmenden Platz zu machen. Rhythmisches Thun lieben wohl die Menschen aller Länder und Völker. Gesang, Tanz, Taktschlagen mit den Händen, mit Trommeln oder Klappern sind meines Wissens allverbreitet. Und kaum weniger verbreitet ist die Gewohnheit stehender, solenner Sprüche, es seien Sätze der Erfahrung, der Moral oder des Rechtes, Begrüssungsformeln, Gebete oder Beschwörungen. Beachtet man, wie Kinder und Ungebildete dergleichen sprechen, go wird jenes geistleibliche ße- dürfniss des Menschen nach Rhythmus recht sinnfällig. Da wird die Rede singend oder plärrend, begleitet von taktmässigen Körperbewegungen, und eine geistlose Betonung schafft etwas wie ein Versmass auch da, wo von Hause aus gar keine Verse waren. Willkommen ist es, wenn in annähernd gleichen Ab- ständen Laut- oder Sinnähnliches wiederkehrt, und so zu sagen der Text selb>5t die Weise zum Tanze aufspielt. Und wo er das nicht von selbst thut, da ist es menschlich, dass man ihm nachhilft. Gleichklang oder Gleichmass schafft, sei es auch auf Kosten des Sinnes oder der Sprache. So naturwüchsig scheint mir, ihren ersten Anfängen nach, die gebundene Rede mit ihren Licenzen. Nun ist es zwar nicht Vieles, was solchergestalt zur gebundenen Fomi drängt, aber das Wenige kehrt häufig wieder, übt also doch in der Spraoh- gewohnheit eine gewisse Macht. Das Veraltete scheint noch nicht ganz todt zu sein, das Ungewöhnliche nicht schlechthin verpönt. Und wo Wörter in ge- wisser Reihenfolge hinter einander hergesagt zu werden pflegen, wie die Zahl- wörter von den Kindern, die sie lernen müssen, da kann wohl jene urwüchsig' gebundene Rede geradezu das Laut- und Formenwesen zerstören. Gewisse un- regelmässige Erscheinungen in dem Zahlwesen der indochinesischen Sprachen II. §. 10. Bedeutungswandel, Verluste und Neuschöpfungen. 2'27 inüchte ich gerade hieraus erklären. Die Sache ist meines Wissens anderwärts noch nicht verfolgt worden, auch in der That schwer verfolgbar; aber als eine Mr)glichkeit, mit der man rechnen muss, wollte sie erwähnt sein. Eine gewisse Verwandtschaft des hier Besprochenen mit dem lautsymbo- lischen Gefühle leuchtet ein, und sie wird doppelt einleuchtend, wenn wir an jene Kunstformen denken, in denen die gebundene Bede in Rhythmus und Ton die Stimmung symbolisirt, wie in den Metren der griechischen Dramen oder in den freien Klangmalereien japanischer Dichtungen. Aber auch schon die Reime, Alliterationen imd Assonanzen in ständigen Redensarten sind im weiteren Sinne Formen gebundener Rede. Doch noch weiter dürfen wir gehen. Unser Denken bewegt sich gern in Antithesen, und nach dem Baue unserer Sprachen sind Wörter von entgegen- .tresetzter Bedeutung oft zum einen Theile einander gleich, zum anderen von einander verschieden. Nun hebt die Betonung den Gegensatz hervor, also in der Antithese die sich unterscheidenden Worttheile, gleichviel ob der regel- mässige Accent auf sie fällt oder nicht. So sagen wir der allgemeinen Regel iremäss: „Eingehen und ausgehen", aber: „ausgehen und ausfähren". Wo uns der Gegensatz besonders geläufig ist, da mag w^ohl die Accentverschiebung .ständig werden, und so geschieht es z. B., dass Leute, die sich viel mit (Grammatik beschäftigen, Imperfectum, P6rfectum, Plüsquamperfectum und die Xamen der Casus ein für allemale auf der ersten Sylbe betonen. So kann jenes Gleichklangsgefühl auch da noch einseitig nachwirken, wo der Gegen- klang fehlt, aus der zeitweiligen Störung kann eine dauernde werden, und unter den Mächten, die an den Veränderungen der Sprachen mitwirken, gebührt auch der gebundenen Rede ein bescheidener Platz. §. 10. Bedeutungswandel, Verluste und Neuechflpfungen. Einleitung. Die Wechsel in den Bedeutungen und Anwendungen der Wörter und gnunmatischen Formen werden wohl in den Wörterbüchern nach Möglichkeit verzeichnet, beziehungsweise in geschichtlichen Grammatiken verfolgt; ihre Ur- sachen und Gesetze aber sind meines Wissens noch nie mit Erfolg systematisch festgestellt worden. Dieser Theil der allgemeinen Sprachwissenschaft gehörf noch zu den wenigst gepflegten. Und das mit gutem Grunde. Denn nirgends dürften zuverlässige thatsächliche Unterlagen schwerer zu gewinnen sein, als hier, und kaum irgendwo sonst mögen Zufall und Laune freier walten. Wir schlagen auf jrut frlück ein deutsches Buch aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 15* 228 III, II. Die innere Sprachgeschichte. auf, lesen ein paar Zeilen und stossen gleich auf so und so viele Dinge, dio unsenn Sprachgebrauche zuwider sind. Es ist niclit nur der Stil, der uns be- fremdet, nein, es ist auch der Gebrauch vieler Wörter, ihre phraseologische und syntaktische Verknüpfung anders als in unsern Tagen. Wenn es gut geht, mögen wir aus dem Grimmischen Wörterbuche ersehen, wann ungefähr die Änderung eingetreten ist; über das Warum und Woher aber kann selbst ein solcher Thesaurus das zehnte Mal keine Auskunft geben. Es gilt gerade vun diesen Neuenmgen ganz besonders, dass sie nicht mit einem Male durchbrechen, sondern sich allmählich von einem Punkte aus verbreiten: diese Epidemien sind nicht miasmatisch, sondern contagiös. Jede Sprachgeschichte muss zugleich Bedeutungsgeschichte sein; es gelt«^ den Wörtern oder grammatischen Formen, so muss sie verfolgen, inwieweit sich deren Werth behauptet oder nach Zeiten und Orten verändert habe, sie nuis> auf den fiüheren, womöglich mit Hülfe der Etymologie, auf den ursprünglichen Werth zurückgehen. Man weiss, wie wichtig hierbei die Composita werden können. Unser „Marschall, Marschalk*' ist jetzt ein hoher Titel, bedeutete aber vormals einen Pferdeknecht. Und seltsam, gerade umgekehrt in der Werthsoala haben sich die beiden Bestandtheile des Compositums bewegt: „Mähre" schimpft man ein altes hässliches Pferd, und „Schalk", das wir aus Luthers Bibelüber- setzung im Übeln Sinne kennen, ist heute eins unsrer kosenden Schimpfwörter: man weiss, dass man damit etwas wie „Gauner, Schurke", zugleich aber aucli begütigend seine Mitfreude an der kleinen Schurkerei und sein Wohlgefallen an dem „schalkhaften" Menschen ausspricht. Doch wer sich auf dies Forschungsgebiet wagt, der darf sich Glück wün- schen, wenn ihm so handgreifliche Dinge begegnen. Sieht er genauer zu, s«> ist um ihn her Alles schwankend. Er hat es mit Bedeutungen zu thun, will Begriffe feststellen, das heisst umgrenzen. Aber die Grenzen selbst scheinen zitternd zu flimmern, wie vor einem geblendeten Auge: handelt es sich nicht um das AUerconcreteste, so wenden kaum zwei Individuen denselben Ausdruck- genau im gleichen Umfange an. Nun sucht er nach dem Kern, nach dem Mittelpunkte, von dem alle jene Bedeutimgen und Anwendungen auszustrahlen scheinen. Aber ist dieser bei allen Individuen, ist er auch nur bei der Mehr- zahl der Nation der gleiche? Das Körperliche der Sprache ist freilich nicht minder unstät und der Eigenart des Einzelnen unterworfen; aber es ist doch von gi'öberer Art und leichter zu packen. Die Bedeutungsgeschichte ist recht eigentlich eine Arbeit philologischen Feinsinns und Taktes; aber eine Aufgabe der Sprachwissenschaft ist sie so gewiss, wie die Bedeutung der Lautkörper zur Sprache gehört. Wie dermalen die Dinge liegen, kann die Wissenschaft nichts BeSv«ieivs thun, als die bisher gesammelten Erfahnmgen sichten mid dann vei'suchen, wie- II. §.11. Classification der einschlägigen Thateachen. 229 weit sich auf apriorischem Wege das Gebiet der Möglichkeiten austasten lässt. Vielleicht gelingt es ihr hierbei, eine gewisse Vollständigkeit zu erzielen; viel- leicht glückt. es ihr sogar, gewisse Möglichkeiten zu Wahrscheinlichkeiten zu er- heben. Zunächst aber liegt es ihr ob, die Thatsachen zu überschauen und zu ordnen, mit denen sie es zu thun haben wird. Anmerkung. Anregendes bieten Kurt Brvchmann, Psychologische Studien zur Sprach - jreschichte. Leipzig 188Ö. Carl Abbl, Sprachwissenschaftliche Abhandlungen. Leipzig 1885. §. 11. Classification der einschlägigen Thatsachen. Jedes Wort, jede Wortverbindung (Redensart) und jede grammatische Form, - diese sei Wortform, Form wort oder syntaktische Constniction, — mit einem Worte jeder sprachliche Ausdruck ist Vertreter eines Begriffes, das heisst eines hibegriffes von Vorstellungen, deren Umgrenzung wir die Definition nennen. Die Bedeutung verändert sich, das heisst die Grenzen verschieben sich, werden onger, weiter, rücken wohl auch einseitig von der Stelle. Stellen wir uns diese Umgrenzungen kreisförmig vor, so können wir ihre Veränderungen durch ia*össere oder kleinere Kreise mit gleichen oder verschiedenen Mittelpunkten dar- stellen. Und allerdings ist das Symbol des Kreises passend; denn alle Bedeu- tungen des Ausdruckes bilden eine geschlossene Einheit und entfliessen strahlen- förmig einem gemeinsamen Mittelpunkte. Diesen zu entdecken fällt manchmal schwer. Es giebt Fälle, wo er verwischt, die Grundbedeutung vergessen ist, imd jene Strahlen nur noch an vereinzelten Punkten leuchten. Dann aber ist auch im Sprachbewnsstsein die Einheit gelöst Unser Wort „gerben" hatte vor- mals die Bedeutung: zubereiten, fertig machen; vor Alters wurde es ganz im allgemeinen Sinne gebraucht, jetzt bekanntlich nur noch vom Leder. Bei dem Worte „gar* = fertig gekocht, und nun vollends bei jenem „gar" in den Eedens- arten „gar zu viel, gar oft, lieber gar!" aber denkt Niemand mehr an gerben. Hier ist im Sprachbewusstsein das etymologische Band zwischen zwei ver- wandten Wörtern gerissen. Es ist aber auch möglich, dass ein und dasselbe Wort in der gleichen Lautform an zwei ganz verschiedenen Punkten der Vor- j^telhingswelt auftritt und dann im Sprachbewusstsein ganz jenen Homophonen verschiedenen Urspnings wie „sein" = esse und „sein" = ejus gleichgesetzt wird. Man denke an „Bein" = Knochen und „Bein" = Gehwerkzeug. Auch (las Umgekehrte ist möglich: zwei grundverschiedene Homophone können im Sprachbewusstsein zu einer Art verwandtschafÜicher Gemeinschaft zusammen- rücken. Uns Mittel- und Oberdeutschen geht es wohl so mit „ringen" (nieder- deutsch: wringen) und ,^sich ringeln". Dort war der Hergang wie bei gewissen 230 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Infusorien, die sich durch Spaltung vermehren; hier erinnert er an das Zii- sammenfliessen zweier benachbarter Tropfen. Wenn nun Ausdrücke ihre Bedeutungen und Anwendungen verändern können, so können. sie sie natürlich auch verlieren, und dann verschwinden si^ aus der lebenden Sprache, werden vergessen oder günstigstenfalls noch als Ar- chaismen gekannt. Begriff und Namen mögen gleichzeitig verloren gehen. da> heisst veralten; — man denke an die Lichtputze, den Falkner. Oder es tritt ein anderer Name, ein schon vorhandener oder neu geschaffener, an Stelle des alten: der Schulze wird Bürgermeister oder Ortsvorsteher, der Drost Landrath. der Prohn oder Büttel Gerichtsdiener genannt, das Retourbillet als Rückfahr- karte verdeutscht u. s. w. Zwischen dem Bedeutungswandel und der Abschaffung mitteninne, oft letztere vorbereitend, steht als eine besondere Art der Verengung die Erhöhunir oder Erniedrigung im Wertlie. Der Ausdruck wird nur noch im ehrenden oder im herabwürdigenden Sinne gebraucht, z. B. englisch queen, eigentlich = Weib, nur noch von der Königin, deutsch Kerl, eigentlich = Mann, nur noch von gemeinen Leuten. Als deutscher Königsname Karl aber hat es bei den SlavcMi in den Formen Kral, Krol, Korolj imd bei den Magyaren als Kiräly die all- gemeine Bedeutung ,,König'' angenommen, — ganz wie der Eigenname Caesai* mit de*- Zeit dem Imperator gleichbedeutend geworden ist In China ma.sste sich der gewaltthätige Kaiser Schi-hoang-ti im dritten Jahrhunderte v. u. Z. ein bis dahin Jedem erlaubtes Pronomen der ei'sten Person ziun ausschlios>- lichen Gebrauche an. So wurde bekanntlich das Appellativum öiaßojiog, der Verleumder, zu einem neuen Eigennamen des Satans. Jeder Begriff verlangt einen Ausdruck. Woher nun die Ausdrücke für die neuen Begriffe? Stammte der neue Begriff aus dem eigenen Lande, so ist es wohl natürlich, dass er mit heimischen Sprachmitteln benannt wurde. So ge- schah es in der griechischen Philosophie, in der indischen Grammatik und anderwärts. Wo aber, wie im heutigen Europa, die Culturgüter internationales (lemeingut sind, da ist es gerechtfertigt, wenn auch ihre Namen auf das niutter- sprachliche Gepräge verzichten. In miseren Wissenschaften sind lateinische und griechische Fremdwörter oft bequemer, als ihre puristischen Nachbildungen, und ,wo solche gesetzlich eingeführt werden, wie in imsenn Yerkelirswesen, da können Jahre vergehen, ehe sie wahrhaft eingebürgert sind. Man gebraucht >ie vielleicht mit Freuden, aber nicht luihefangen, schreibt: Drahtbericht und denkt im Stillen: Telegramm. Im Erfindungswesen wie in den Wissenschaften bildet die europäisch- americanische Welt eine Einheit, in der die staatlichen Schranken so wenig wi»' möglich gelten. Das (iriechische, dessen Fähigkeit zur Bildung neuer Zusammen- setzungen man dabei nach Gefallen ausnutzt, ist mit einem Theil seines Wort- II. §. 11. Classification der eiscblägigen Tliatnachen. 231 Schatzes fast in deu Kreis der gemeinverständlichen Werthzeichen, der mathe- matischen und chemischen gerückt; und die neuen Begriffe, die die neuen Composita ausdrücken, sind uns anfangs ebenso fremd und werden uns bald ebenso geläufig, gleichviel ob sie aus Leipzig, Paris oder New- York stammen. Anders ist es mit denjenigen Begriffen, die tief im nationalen Gemüths- imd Sittenleben wurzebi, zumal mit den religiösen. Mag die neue Lelire noch so begeisterte Aufnahme finden, die Sprache scheint sich ihr niu* widerwillig zu fügen. Wir Europäer haben seiner Zeit die griechischen luid einige he- bräische Ausdrücke des Christentimms ungekaut wie Pillen hinuntergeschluckt und dann nach der Weise unserer Sprachen, oft bis zur Unkenntlichkeit, ver- daut. Was ist nicht alles aus Ijtlöxojiog, aus IjLatjfioövPTj geworden! Glimpf- licher sind in der Regel die Bekemier des Islam, die Türken, Perser, Lider, Malaien, Berber, mit den arabischen Fremdwörtern umgegangen. Auch in den Sprachen der indisch gebildeten Völker malaischen Stammes, der eigentlichen Malaien, der Javanen. Sundanesen u. s. w. ist das fremde Gut noch leicht zu erkennen. Weit freier schalteten die monosyllabisch redenden Hinterinder, die Siamesen, Barmanen, Kambodjaner, als sie sich die Sanskrit- und Paliwörter mundgerecht machten. Die Tibeter nahmen wohl mit dem Buddhismus Sanskrit- wörter imd -Phrasen auf, gefielen sich aber bald in entsetzlichen Umbildungen dieser Fremdlinge, in einer Art zwischenzeiliger Übersetzungen, und das budd- histische Chinesisch ist vollends ein Gräuel. Man muss nun bedenken, dass hierbei die Wülkür, das Geschick oder Ungeschick der Sendlinge ebensoviel An- theil hatte, wie das Fassungsvermögen und die Zimgenfertigkeit der Neubekehrten. Mehr als andere Arten des Culturerwerbes pflegen Neuerungen in Glauben und Recht das Alte zu verdrängen; sie sind um so unduldsamer, je tiefer sie in's Leben und Denken des Volkes eingreifen. Nun wird entweder das Alte ganz vergessen oder es erscheint in neuem Lichte. Die zoroastrischen. Iränier machten die alten Götter zu argen Dämonen, daeva; die germanische Göttin Hulda wurde zur unheimlichen Frau Holle. Oder es bemächtigt sich die Reli- gion gewisser Ausdrücke, ausschliesslich für ihre Zwecke, so im Deutschen: taufen, eigentlich = tauchen, beichten = gestehen. Es wäre ein interessantes Schauspiel, wenn man der Bedeutungsgeschichte auch nur einer Sprache, imd dann auch nur innerhalb eines Jahrhunderts folgen könnte. Ein Schauspiel fortwährenden Ringens und Drängens, nur, loider, viel zu bewegt für den beobachtenden Blick, einem wimmelnden Ameisen- haufen ähnlich. 232 lU, II. Die innere Sprachgeschichte. §. 12. Die bewegenden Mächte. 1. Ähnlichkeit der Vorstellungen. Wir fragen: Wie kommt ein Ausdruck zu einer neuen Bedeutimg? Diese Frage wird sich in vielen Fällen mit jener anderen decken: Wie kommt eine neue Vorstellung zu einem Ausdrucke? Denn einer der gewöhnlichsten Wege ist der der Übertragung. Wir haben es hier zunächst nur mit Bedeutungserweiterungen zu thun. Das liegt auf der Hand; denn die Verengung erfasst nicht einen neuen Vor- stellungskreis, sondern zieht sich auf einen Theil des alten zurück; und die Verschiebung wird in der Regel nach Raupenart durch abwecliselnde Streckung und Zusammenziehimg vor sich gehen. Also auf welche neuen Vorstellungskreise wird sich ein Ausdruck zunächst erstrecken? Die Antwort liegt fast schon in der Frage: Auf die nächstliegenden. Welches aber sind diese? Die meisten durch sprachliche Ausdrücke vertretenen Vorstellungen enthalten eme Anzahl Theilvorstellungen, Merkmale, deren Inbe- griff sie eben sind. Was an einem dieser Merkmale theilnimmt, steht ihnen nahe, ist ihnen verwandt. Und es ist ihm um so näher verwandt, je zahlreicher und hervorragender die gemeinsamen Merkmale sind. Nun kann die Begriffs- erweiterung je nach den verschiedenen Merkmalen verschiedene Richtungen ein- schlagen. Dafür ein paar Beispiele. Der Flügel ist ein seitlicher Theil: das ist auch der Flügel eines Hause> oder eines Heeres. Er ist ein bewegender Mechanismus mid bewegt sich in der Luft: das gilt auch vom Flügel der Windmühle. Er hat eine dreieckartige Gestalt: darin ähnelt ihm eine Art der Claviere. Grün und rosenfarben gelten für angenehm; darum sagt man: Einem gi'ün (= hold) sein, und redet von rosenfarbener Laune. Grün ist aber auch die charakteristische Farbe des Frülilings, daher der unreifen Jugend; darum redet man geringschätzend von grünen Jungen. So möge man nun auch die Vieldeutigkeit von anstehen, Anstand er- klären: anstehende Früchte, Jagd auf dem Anstände; es steht mir nicht an = es behagt mir nicht; icli nehme keinen Anstand = ich trage kein Bedenken: Anstandsregehi = Regeln der guten Sitte. Im Alfchinesischen giebt es eine Anzahl lautähnlicher Pronomina der zweiten Person: m (rt), iii (rl), nü {zu), nü (iü), fiok (zok) und näi^ die auch in anderen Bedeutungen einander nahe kommen: m und näi etw^a = und: nü und üok^ wenn, wie; üi, nt, nü, üok eine Art Adverbialsuffixe: „-lieh." Anscheinend sind sie alle einem Adverb ni (rf) verwandt, das ,,nahe*' bedeutet, und ihr Ursprung- II. §. 12. 1. Älmlichkeit der Vorstellungen. 233 lieber Werth war demonstrativ: „da.^^ Diesen Sinn: ,,da, daber' hat noch ni; näi dagegen bezeichnet das in der Zeitfolge Nahe: ,,darauf, dann.'' Der Art nach nahe ist das Ahnliche: „wie'\ nü, mö/c; den Umständen nach nahe ist die Bedingung: ,,weim", fwk^ üü: und dem Kedenden nahe ist der Angeredete: ^jDu."- Ähnlich ist es, wenn im Lateinischen iste = „der da" das Possessivpronomen tuHS vertritt: ista manus = tua manus. ,^ier*' ist allemal wo ich bin, und was hier ist, nenne ich dieses, im (Gegensätze zu dem und jenem, was da oder dort ist. So erklärt sich der la- tJ.Mnische Gebrauch von hie, iste, illc = meus, tuus^ eins. Wo die übertragene Anwendung die Überhand gewinnt, liegt es nahe, dass MC vollends zur Alleinherrschaft gelangt. Für die ursprüngliche Bedeutung stellt >ich dann ein neuer, natürlich auch übertragener Ausdruck ein, die Ämter wer- «leii neu besetzt, die Diener mit oder ohne Beförderung versetzt. Das lateinische Caput und unser „Haupt" haben früher schon bildlich zur Bezeicimung des Höchsten, Wesentlichsten gedient. Je mehr diese Vorstellung in den Vorder- CTund trat, desto mehr verdunkelte sich jene des Körpertheiles. So geschah es, dass italienisch capo, französisch chef und deutsch Haupt nun ausschliesslich oder (loch vorzugsweise im übertragenen Sinne gebraucht wurden, und nun dort testa, Ute, hier das sinnverwandte Fremdwort Kopf (= Himschaale, Pfanne, schwedisch panna) als Namen des Körpertheiles üblich wurden. Ähnlich mag es sich mit Boin und Knochen verhalten. Eine besondere Art der Ähnlichkeit ist die des Lautes, und die Über- tragimgen, die auf ihr beruhen, kömien wahre Verschmelzungen bewirken. Unser Wort ja vereinigt jetzt in sich die Bedeutungen der französischen out und si, si fait. In den obersächsich- thüringischen Mundarten antwortet man auf die affirmativ gefasste Frage mit „ja" = oui^ auf die negative mit ,,jo" == si fait (mittelhochdeutsch joh = doch). „Schwierig" hiess ureprünglich: mit Schwären behaftet; eine missverständliche Etymologie hat es aber zu „schwer' hinüber- gezogen und ihm die Bedeutung „beschwerlich" gegeben. Auch die Laune mag sich dessen bemächtigen. Civilisten erinnert in der Aussprache Zifilisten an den Namen der Philister, den die Studenten den Bürgern geben, und mit dem wir nun weiter platte Alltagsmenschen bezeichnen. Diese Erklärung, meines Wissens von meinem Vater herstammend, dürfte noch immer die einleuchtendste sein. Eine merkwürdige Wirkung der Klang- und Gestaltähnlichkeiten kann man in der Geschichte der Spielkarten beobachten. Die ältesten Farben waren die spanisch -italienischen: Schwerter, espadas, spadi, Keulen oder Stöcke, bastos, hastoni, Kelche, copas, coppi, und Goldstücke, oros, denari. Die espadas, spadi wurden mm auf germanischem Boden zu Spaten, englisch spades^ oder Schuppen und nahmen deren Form an, die dann der Lanzenspitze, pique, oder dem Linden- 234 III, II. Die innere Sprachgeschichte. blatte (Grün, Laub der deutschen Karte) ähnlich wurde. Die hastos haben noch in der Baste, Bastille, dem Trefle-As des Lhombrespieles, ihren Namen bewahi-t. Dieser wurde in's Englische übersetzt: clubs. Im Niederdeutschen erscheint da- für das lautähnliche Klever = Klee, und dessen kreuzartige Gestalt verwandelte sich in der deutschen Karte in die Eichel oder Ecker. Das spanische dos oder französische deux wurde zum deutschen Daus, englisch deuce, und dies dann wieder zu einem klangähnlichen Euphemismus für devil: Ihe deuce! Wie seltsam manchmal Zufälligkeiten zusammenwirken können, dafür will ich in Ermangelung eines besseren Platzes hier ein Beispiel erzählen. In Alten- burg war früher das Lehrerseminar im Erdgeschosse des Gymnasialgebäudo untergebracht. Ob die Jünglinge, die dort ein- und ausgingen, Gynmasiasten oder Seminaristen, ob Beide verschieden waren, darum kümmerte sich der ge- meine Mann natürlich nicht weiter, ihm galten Beide gleich, und er nannte sie Seminasiasten. • 2. Composition und Construction. Es scheint mir einleuchtend, dass da, wo die Sprache am Beweglichsten, die Herrschaft des Einzelnen über sie am Preiesten ist, auch der Hauptgrund der Bedeutungsveränderungen zu suchen sei. Nun mag eine Sprache nocli s«> beschränkt und ann in ihren Formenmitteln, noch so eingeengt in Regeln sein: dem freien Schaffen lässt sie immer noch einen beträchtlichen Spielraum. a. Grosse Freiheit herrscht natürlich im Stile der Rede, ob er ruhig oder erregt, breit oder zugespitzt, vielleicht durch treffende Vergleiche besonders an- schaulich ist. Gerade Letzteres scheint wichtig; denn es spricht an und steckt an. Ein treffendes Gleichniss findet leicht Verbreitung, und wir wissen, wieviel der Mensch in Gleichnissen redet. Findet nun das Gleichniss Anklang, so ge- winnt der Ausdruck eine übertragene Bedeutung, die am Ende seine GriuiH- bedeutung ganz verdrängen kami. Die deutschen Wörter „begreifen, diu-cli- schauen, ermitteln, verstehen" sind Beispiele hierfür. In anderen Fällen besteht die Grundbedeutung neben der übertragenen, z. B. „abtreten, vertreten, verstelltMi, voi-stellen, erfassen. Anstand.'' b. Auch die syntaktische und phraseologische Verknüpfung der Wörtor lässt der Freiheit Raum. Ich habe die Wahl, ob ich dieses oder jenes Wort mit einem anderen durch „und'' oder „oder' verbinden, dass heisst als sinn- verwandt oder entgegengesetzt behandeln will. Werden solche Verbindimgeii einmal üblich, so wirken die beiden verbundenen Wörter in ihren Bedeutuugou anziehend oder abstossend aufeinander, das Sinnverwandte wird noch sinnähn- licher, das Entgegengesetzte noch entgegengesetzter. Das Wort „schlecht** be- deutet ursprünglich schlicht, einfach. Ehe es zu seinem jetzigen übelen Sinno kommen konnte, musste es in Verbindungen üblich gewesen sein, in denen da^- II. §. 12. 2. Conipoüition, Coiistruction. 2^55 Einfache als das Mindergilt erschien, etwa: ein schlechtes Haus oder Gewand, im ^regensatze zu einem vornehmen. Heute hat das Wort seinen ursprünglichen Silin wohl nur noch in den Compositis schlechtweg, scldechthin, schlechterdings, imd dann in der Redensart „schlecht imd recht". Aber schon in dieser letzteren wii-d es kaum mehr als das verstanden, was es von Hause aus vorteilen sollte, den Meisten dünkt es wohl eher als ein matter Gegensatz: in der Fonn uner- freulich, aber in der Sache richtig, — oder gar wie ein Ausdruck der Gleich- gültigkeit: wie es eben kommt; kommt es gut, so ist es gut, und kommt es anders, so ist es auch gut. Der Mann, der schlecht und recht lebt, ist eben genügsam; luid jener, der sein Gewerbe schlecht nnd recht übt, mit dem muss man es nicht zu genau nehmen. Soviel über die coordinirenden Verbindungen, die cumulativen, wie die alternativen. Die prädicativen, adjecti vischen, genitivischen, adverbialen und objektiven haben vielleicht nicht ganz soviel Tragweite. Und doch können auch sie den Bedeutungswandel beeinflussen. Zumal mit dem Anstandswerthe der Ausdrücke stehen sie in Wechselwirkung. Weil dies Prädicat oder Attribut in der und der Verbindung gebräuchlich ist, gilt es für ehrend oder herabwürdigend, — und weil es für das gilt, wird es nun weiter nur in verwandten Verbin- dungen gebraucht. Gewiss wirkt dabei auch die Grundbedeutung. „Schreiten'' lässt an wohlgemessene, feste Schritte denken, wie sie der Vornehmheit geziemen: ..gehen'' und nun vollends „schlendern, laufen, trippeln'' haben nichts von diesem Beigeschmäcke. Darum heisst es wohl: „Der König oder Minister schritt durch die Ausstellungssäle"; von untergeordneten Menschen aber sagt man, sie seien darin umhergegangen. Auch des grossen Napoleon wenig voniehmer Laufschritt, auch das zierliche Trippeln einer Fürstin wird in den Zeitungsberichten als Schreiten bezeichnet. Geschöpfe sind wir Alle, Menschen, Thiere und Pflanzen, die Weltkörper sogut, wie die Sandkörner. Es ist nun auch natürlich, dass man in erster Reihe bei den beseelten Wesen an ihren Schöpfer und an ihre Ab- hängigkeit von diesem, an ihre Hülflosigkeit und ihr Elend dachte. Und auch das ist natürlich, dass ein Name, der Menschen mid Thieren gleichmässig zu- kommt, nicht für achtungsvoll gilt. Ein hochmüthig vornehmer Sprachgebrauch des vorigen Jahrhunderts hat ihn aber den untersten Volksclassen und zwai-, vermuthlich dem französischen creaiure zuliebe, vorzugsweise ihren weiblichen Angehörigen zugetheilt. Ähnlich ist es bekanntlich mit dem Worte ,,Person'' ge- schehen. Das Wort „Mensch" ist im Schriftdeutschen Masculinum, im Schwe- dischen Femininum und im Dänischen Neutrum. Wegen seiner Allgemeinheit eipiet es sich mehr zur geringschätzigen, als zur ehrenden Anwendung; gegen Alter, Geschlecht und Stand verhält es sich ja gleichgültig. So erklärt es sich, dass man wohl von einem liederlichen, verkommenen, dummen Menschen, aber lieber von einem grossen, vortrefflichen Manne redet. Das gi'ammatische Ge- 236 III, II. Die innere Sprachgeschichte. schlecht bringt es nun weiter mit sich, dass wir Deutschen nie eine Frauen.s- person als einen Menschen und nicht so leicht einen Mann als eine Person bezeichnen. Das Neutrum aber, das Mensch, Pural: die Menscher, wird in manchen Theilen des oberdeutschen Sprachgebietes ganz unbefangen imd im- verfänglich für Dienstmägde und Bauemdimen gebraucht, während es anderwärts bekanntlich geradezu als schmutzig verpönt ist. Wie willkürlich es nun trotz aller Etj^mologie in solchen Dingen zugehen kann, dafür ein Beispiel. Das Wort „hold" vereinigt bekanntlich (wie „schnöde*' und „verächtlich") zwei Be- deutungen in sich, eine active: liebevoll, in der Wendung: Einem hold sein, — imd eine passive: lieblich. In letzterem Sinne hat es den Nebengeschmack des Einfachen und Jugendlichen; und so spricht man von einem holden Mädchen, wohl auch von einem holden Knaben oder von einem holden Frühlingstage, holdem Erröthen u. s. w. „HuldvoU" aber sind und handeln nur sehr hohe Herrschaften, — das Wort gilt in der feierlichen Redeweise fast als ein Super lativ von gnädig. c. Die Fähigkeit, eigentliche Composita zu bilden, besitzen bekanntlich manche Sprachen; wie Sanskrit, in fast unumschränktem Masse, andere, wie die romanischen, die ural-altaischen und semitischen Sprachen, so gut wie gar nicht. Offenbar ist die Zusammensetzung, wo sie sich bietet, das fnichtbarste Mittel der Wortschöpfung. Für den Bedeutungswandel hingegen wird sie ungefähr denselben Werth haben, wie die entsprechende syntaktische Verknüpfung:. Gleich dieser ist sie löslich, solange sie noch als Zusanmiensetzung empfunden wird. Nun aber drängt das Bequemlichkeitsbedürfniss zu Kürzungen, andeutunp^ weise nennt man nur den Theil des Ganzen, auf den es ankommt. Ist die Rede von Schiessgewehren, so sagt man nicht: der Gewehrlauf oder der Lauf des Gewehres, sondern kurzweg: der Lauf. d. Solche Kürzungen sind überall möglich, wo sie mit der Deutlichkeit vereinbar sind, und sie können offenbar die ärgsten Sinnverschiebungen herbei- führen. Es braucht nur das Stichwort in übertragener Bedeutung gemeint zu sein und dann weiter nach anderen Ähnlichkeitsgründen auf Fremdes übertragen zu werden. Das lateinische Wort axilla isf ursprünglich ein Diminutivum von axis, bedeutet also eine kleine Achse. Nun wurde es auf die Achse des Armes, das ist auf die Achsel angewandt, und diese Bedeutung wurde die ausschliess- liche. Der Arm dreht sich in der Achsel, — insofern trifft der Vergleich zu. Xun die weitere Übertragung. Der Zweig sitzt am Stamme der Pflanze, wie der Ann am Rumpfe des Menschen. Darauf hin wird die Stelle, wo der Zweig ansitzt, gleich- falls die Achsel genannt, also gar nicht mehr an Achse und Drehung gedacht — Man nimmt an, „sengen" sei von Hause aus ein Causativum von „singen" nach Art von setzen: sitzen, sprengen: springen u. s. w. (vgl. Kluge, Etymol. Wb. h. v.l. Ist das richtig, hat man wirklich das Knistern und Prasseln brennender Körp«'»' II. §. 12. 2. Composition, Construction. 237 mit unter den Begriff des Gesanges gefasst: so hat mau nun weiter anzudeuten imterlassen, dass dieser Gesang durch Brennen verursacht wird. Dann könnte man sich allerdings fragen, was seltsamer sei, die Bedeutungsübertragung oder tue Ellipse? Läge etwa ein grausamer Euphemismus für den Feuertod und das Geschrei der Gepeinigten zu Grunde? Im französischen Argot heisst faire chanter: Schweigegeld erpressen. Das ist wohl auch schadenfroh gemeint: Einen mit Angst peinigen, dass er schreien möchte. Die Sprachen geschlossener gesellschaftlicher Ki'eise pflegen in derartigen abgeküßten Übertragungen ganz Erstaunliches zu leisten und liefern gute Typen für das, was mehr oder minder in jeder Volks- sprache geschehen konnte. (Tergl. § 25: Standessprachen.) Es geht manchen Wörtern, wie es manchen Menschen geht: aus einem Xebenamte, wozu sie sich gebrauchen lassen, wird am Ende ihr ausschliesslicher Beruf. Dies zeigt sich am häufigsten in der Etymologie der Substantiva. Jedes Substantivum ist ja ursprünglich beschreibend und greift aus den vielen Merk- malen des Dinges ein besonders hervorspringendes heraus. Dieses wird aber iji der Regel auch noch anderen Dingen zukommen, und nur die Gewohnheit ent- scheidet, ob es etwa schliesslich einem einzigen, und welchem es zugetheilt wird, Ist es erst soweit damit gekommen, dann wird bald das Attribut die Substanz vei-treten, das Eigenschaftswort oder Participium wird zum Substantivum. Dieser Vorgang, bekanntlich einer der ältesten und allgemeinsten, ist, rein logisch betrachtet, immer elliptisch, und in unsem Geschlechtssprachen lässt oft das Genus des Substantivums ahnen, welches weitere Substantivum ergänzt werden muss: aurunij argentum u. s. w. erinnern an das gemeinsame aes. Femer: die Ellipse ist auch psychologisch vorhanden, solange noch in den Seelen der Redenden das Bewusstsein von der prädicativen Grundbedeutung des Substanti- vums lebt: dann ergänzt man im Stillen das Gesamratbild des Dinges, fügt zum Gelehrten den Mann, zum Renner das Pferd. Und ähnlich ist es auch mit jenen Verben und Adjectiven von übertragener, vergeistigter Bedeutung, solange wir noch das Gleichniss als solches empfinden. Die Seele des Hörenden er- gänzt dann, was zur Übertragung nöthig ist. Die des Gebildeten thut dies wortlos; dem Kinde aber muss man wohl durch erklärende Wörter zu Hülfe kommen, bis es die ,,Wie, Gleichsam" u. s. w. selbst in das Gehörte einzu- schalten lernt und schliesslich dieser Mittel nicht mehr bedarf. — Aber gerade bei den ältesten Wörtern wird die Ellipse und ihre Ergänzung auch nur in der »Seele vorhanden sein. Denn für die Dinge gab es überhaupt keine anderen Namen, als diese oder jene ihrer Merkmale; die Definition, die sich bemüht alle Merkmale der Gegenstände aufzuzählen, gehört nicht zu den Aufgaben und Bedürfnissen des naiven Geistes. Und seelische Vorgänge können ein für alle- male nur im Wege des Gleichnisses, vei-sinnlicht, zur sprachlichen Verkörperung gelangen. 238 III, II. Die innere Sprachgeschichte. 8. EntähDlichiing der Bedeutungen bei Doubletten. Dem Bequemlichkeitstriebe nniss es zuwider sein, das Gedächtnis« auf die Dauer mit Überflüssigem zu belasten. Überflüssig aber ist Alles, dessen Zweck schon durch andere vorhandene Mittel genügend erfüllt wird. Giebt es also in einer Sprache zwei sich völlig deckende Synonymen, so ist das eine von ihnen unnütz und, solange es dies ist, gefährdet. Es entsteht so eine Art Kampf um 's Dasein, zumal wenn sich fremde Eindringlinge breit machen. Und dies ist natürlich auch der häufigste Fall, — man könnte meinen, der einzig mög- liche; denn die Muttersprache duldet eben keine müssigen Doppelgänger. Fremd ist aber auch das, was niu: einem anderen Dialekte entstammt, mid das wir in manchen Sprachfamilien, z. B. in der semitischen, die Frag- und Temeinungs- wörter lautven^^andt scheinen. So auch im Koreanischen: fnu-, mu*es = was? mos = nicht. II. §. 12. 6. Sitte und Satzung. 245 6. Sitte und Satzung. Sitte und die Eitelkeit, für etwas Anderes gelten zu wollen, als man ist, mögen wohl auch die Lautbildung beeinflussen. Es wird dann eine gezierte Allssprache angenommen, die bald zur zweiten Natur und dann dem folgenden (feschlechte völlig heimisch wird. Der allmähliche Verderb der Volksmundarten ist zum Theile mit hierauf zurückzuführen. Wir werden hernach sehen, wie im Verkehi'e ganz imwillkürlich die Sprache oder Mundart des Einen von jener des Anderen beeinflusst wird; hier galt es nur darauf hinzuweisen, dass das Gleiche auch mit Wissen und Willen geschehen und dadurch natürlich be- schleunigt und verstärkt werden kann. Die Hauptwirkung von Sitte und Satzung glaube ich wo anders zu finden. Sie äussert sich meiner Meinung nach im Gebrauche, in der Bedeutung, der Abschaffung alter, oder der Einführung neuer Ausdrücke. Am Handgreiflichsten liegen die Dinge da, wo ausdrückliche Ge- oder Ver- bote den Sprachgebrauch regeln: in Recht, Religion und Cultus mit ihren vor- geschriebenen feierlichen Foripeln und technischen Bezeichnungen. Da hat man Acht, dass man das richtige Wort zur rechten Zeit gebrauche, und dass man den verhängnissvollen Ausspruch nicht leichthin ihue. Bei den Römern knüpften sich an die Frage imd Antwort: „Spondesne . . . ? Spondeo" die strengen Rechts- wkungen der Stipulation. Andere sinnverwandte Erklärungen: Promittisne? Promitto; Dabisne? Dabo u. dgl. erlangten erst mit der Zeit annähernd gleiche Kraft Das Wort „taufen"^' wird wohl noch halb scherzhaft in seinem ursprüng- lichen profanen oder einem verwandten Sinne gebraucht: den Wein taufen = ihn verwässern. Weil aber mit der kirchlichen Taufe die Namengebung ver- bunden ist, so wird das Wort auch ganz ohne Arg in der Bedeutung „Namen geben** angewandt, und man sagt: Der Erfinder hat sein Werk so und so ge- tauft. — Mit mehr Scheu behandeln wir das Wort „Abendmahl", das jetzt aus- schliesslich das christliche Sacrament bezeichnet Mittagsmahl, Früh- und Nacht- mahl sind profane Wörter. Aber es ist mit dem Worte Mahl wie mit der griechischen Wurzel J^,^ (löelv, olöa): sie gehen nicht in gleicher Bedeutimg durch alle Tempora, — man muss Abendmahlzeit oder Abendessen sagen, wie man icigaxa sagen muss. Eine religiöse Scheu verbietet es auch den Polynesien!, gewisse Wörter auszusprechen, Namen hervorragender lebender oder verstorbener Personen. Es gehört dies in das vielbesprochene Tabuwesen, das unter anderen Namen auch sonst in der ostindischen Inselwelt verbreitet ist: als Pali bei den Dajaks von Bomeo, als Posan in der Minahasa von Celebes, als Fady (lautgesetzlich = Pali) bei den Madegassen, als Saali bei den Galela und anderen Völkern Halma- heras u. s. w. (Vgl. H. Kern in Bijdr. v. de Taal-, Land- en Volkenk. van N. J. 246 III, n. Die innere Sprachgeschichte. V, vin, S. 120—128). Dass man verstorbene Angehörige nicht bei ihren Xanien nennt, jedes Wort vermeidet, das an diese Namen erinnert, kommt wolü auch sonst vor. Natürlich muss dann aber für den verpönten Ausdruck ein Ersatz gesucht oder geschaffen werden. Weit verbreitet ist die Sitte, den Ausdruck je nach dem Bange des Re- denden und Angeredeten zu wälilen. So in unsenn amtlichen Geschäfts:stile. Da wird nach Oben angezeigt, berichtet, gemeldet, und dies geschieht pflicht- schuldigst, gehorsamst, ganz gehorsamst, ehrerbietigst, unterthänigst, allerunter- thänigst Gleichstehenden wird stattdessen ergebenst mitgetheilt, und Untergebene werden benachrichtigt, verständigt, oder es wird ihnen eröffnet, zu wissen ge- than, kundgegeben u. s. w. Die Javanen unterscheiden zwischen einer vomehni- respectvoUen Sprache, Jcrämd, einer mittleren, mädyö, und einer gemeinen, ngoko. Ähnlich die Malaien, die Tibetaner und viele Völker Hinterindiens und des ost- indischen Archipels. Oft mögen es Fremdwörter sein, die für ehrerbietiger gelten, als die einheimischen Ausdrücke, zuweilen sind es wohl auch zierliche Umschreibungen; meist aber ist das für gemein geltende Wort das ursprüng- lichere. So im Lepcha löm^ Strasse, gegenüber ta-mo^ a-mik, Auge, gegenüber ^an. Die japanisclie Höflichkeit verbietet von vornehmen Leuten das einfache Activum zu gebrauchen, als müssten sie sich selber bemühen. Entweder als«» wählt man das Causativum, als wären sie mittelbare, befehlende Urheber, — oder das Passivum, als geschähe die Sache von selbst. Wahrscheinlich uner- reicht stehen in dieser Hinsicht die Koreaner da, die durch die Verbalform aus- drücken, ob der Höhere zum Niederen, der Niedere zum Höheren, oder einer zu Seinesgleichen, ob der Höhere vom Niederen, der Niedere vom Höheren, oder Einer von Seinesgleichen rede, und ob dies verhältnissmässig ehrerbietig, gering- schätzig oder gleichgültig geschehe. Es wären dies eigentlich 3x3x3 = siebenundzwanzig Modi. Diese Rechnung wird indessen kaum zutreffen; denn einerseits scheint es nicht an feineren Abschattimgen zu fehlen, und andrerseits dürften manche Posten zusanmienfallen, z. B. wenn im ehrenden Sinne der Höhere den Niederen, oder in geringschätziger Absicht der Niedere den Höheren wie Seinesgleichen behandelt. Auch in der baskischen Conjugation wuchern die Höflichkeitsformen. Die Sitte, der angeredeten Person den Voitritt zu lassen, hat in den Algon- kinsprachen den Bau des incorporirenden Verbums ganz seltsam beeinflusst. Als Beispiel diene das Ki'i. Da bezeichnet ni die 1. Pers. Sing, und, in Ver- bindung mit dem Suffixe -an (-wön), die 1. Pers. Plur. exclusiv (also 1. + 3. Person): ki bedeutet die 2. Pers. Sing., ferner in Vorbindung mit dem Suffix«* -nota {-nanow) die 1. Pers. Plur. inclusive (also die l.-|-2. Person), in Ver- bindung mit 'Waw endlicli die 2. Pers. Plur. Das entsprechende Pron. 3. Peis. 0 (ot^ wi) erscheint nur in bestimmten Fällen. Jene ni und ki können nun sc- II. §. 12. 6. Sitte und Satzung. '247 wohl subjecÖTe als auch objective Bedeutung haben, und hierbei findet eine Rangfolge statt: die zweite Person hat den Vorzug vor der ersten, beide haben ihn vor der dritten. Man sagt also: ni iapwehtowaw, ich glaube ihm; m taptoehfak, mir glaubt er; ki taptceJUowaWf du glaubst ihm; ki taptvehtäk, dir glaubt er; ni tapwehtowanan, wir glauben ihm; ni taptveJUahunan, uns glaubt er; ki tapwehtowananow, wir (1 + 2) glauben ihm; ki tapweJUakunanoWt uns glaubt er; ki iapwehtowaw, ihr glaubt ihm; ki tapwehtakuwaw^ euch glaubt er; ni tapwehtowawok, ich glaube ihnen; ni tapwehiakwok, mir glauben sie; ni tapwehtowanänäk, wir (1 + 3) glauben ihnen; ni tapweJUakunanäk^ uns glauben sie u. s. w. Ferner: ki tapweMowin, du glaubst mir; ki tapwektowitin, dir glaube ich; ki tapwehtowinan, du glaubst uns: ki tapwehtowitinan^ dir glauben wir u. s. w. Endlich: tapwehtew, er glaubt ihm oder ihnen; taptvehtäk, er oder sie glauben ihm; tapwehtewok, sie glauben ihm oder ihnen; tapwehtakwok, er oder sie glauben ihnen. Natürlich haben zumal die Pronomina der ersten und zweiten Person unter ^ler Standessitte zu leiden. Das Du wird durch andere Fürwörter ersetzt: Ihr, Er, Sie, italienisch ella, lei; ehrende Titel: Monsieur, Madame, Euer Gnaden u.dgl. ti'eten an seine Stelle. Statt des Ich gebraucht man bescheidene Ausdrücke: Ihr Diener, meine Wenigkeit Ehrende oder herabwürdigende Adjectiva ver- treten die Possessivpronomina. So im Neuchinesischen : tsien ming, der geringe Xame = mein Name, kuei ti, das geschätzte Land = Ihre Heimath. Oder es kann auch das gewählte Stoffwort ohne Weiteres anzeigen, welche Person ge- ineint ist. Man denke, um ein paar drastische Beispiele zu haben, statt: ich esse, du issest, er isst würde gesagt: ,,fressen, speisen, essen", — statt: mein, dein, sein Haus: „Hütte, Palast, Haus". Nicht viel anders geht es in solchen Sprachen zu, die der persönlichen Ausdnicksweise abhold sind. Und nun mag es wohl geschehen, dass die höflichen Wendungen gedankenlos überall ange- 248 III, II. Die innere Sprachgeschichte. wendet werden, und darüber die ursprünglichen Pronomina ganz verschwinden, dass dann jene höflichen Ersatzmittel, ihrerseits auf die Stufe gemeiner Für- wörter herabgesunken, neuen Surrogaten weichen müssen. Es zeigt sich schon hier etwas von dem, was wir bald unter dem Namen des Spirallaufes als all- gemeines Princip der Sprachgeschichte betrachten werden. Wo es das Keuschheitsgefühl verbietet, mit Personen des anderen Geschlechts leichthin über gewisse Dinge zu reden, da- kann es wohl zu einer Dreiheit der gleichbedeutenden Ausdrücke kommen: Männer und Weiber haben je unter sich besondere Wörter im Gebrauche, die sie dem anderen Geschlechte verheim- lichen imd im Nothfalle durch gewähltere Ausdrücke ersetzen. Das Beispiel der Insel-Caraiben zeigt aber auch, dass eine Doppelwirthschaft der Männer- und Weibersprache auf ganz anderer Grundlage entstehen kann. Vor Jahrhunderten haben Galibi- Krieger die von arawakischen Völkern bewohnten Inseln erobert die männlichen Einwohner niedergemacht die Weiber zu Gattinnen genommen. Was nun ursprünglich Nothstand war, das erhielt sich in der Folge als Sitte: was der Weibersprache eigenthümlich ist, das ist fast durchweg arawakisch; was der Männersprache angehört, dagegen galibi-caraibisch ; nur in vereinzelten Fällen scheinen die Rollen vertauscht zu sein. (Vergl. Luciex Adam, Du parier des hommes et du parier des femmes dans la langue carai'be. Paris 1879.) Beispiele von Weibersprachen finden sich auch sonst, und überall wird etwas von geschlechtlicher Scheu bei ihrer Entstehung oder Erhaltung im Spiele sein. So verändern die Grönländerinnen auslautende Je und t in die entsprechen- den Nasale ng und n (P. Egede, Gramm, p. 4. 0. Fabricius, Gramm, p. 10. S. KLEiNSCHMmT, Gramm. S. 5). Bei den Chiquitos in der Provinz Santa Cruz besteht gleichfalls ein scharfer Unterschied zwischen der Sprache der Männer und der Weiber. Letztere haben sich für gewisse Begriffe besonderer Wörter zu bedienen; in anderen Fällen kürzen sie die Wörter um den Anlaut die Suffixe um die letzte Sylbe oder gebrauchen auch grundverschiedene Formen (L. Adam et V. Henby Arte y Vocab. p. 4 — 8). Wo die Keuschheit die Sprache von der Stelle befördert, da leistet ihr Gegentheil Relaisdienst Die gute Sitte will, dass gewisse Dinge nicht bei den ihnen eigenen, sondern umschreibend, andeutend, bei entlehnten Namen genannt werden. Diese Euphemismen klingen harmlos und wollen es sein. Jetzt be- mächtigt sich ihrer die Zote, treibt Muthwillen mit dem Doppelsinn, deflorirt sie am Ende und macht sie ebenso anrüchig, wie jene Wörter, die sie mit Ehren ersetzen sollten. Nun ist wieder die Prüderie an der Reihe, Neues muss er- fimden, wieder ein jungfräuliches Wort auf den bedenklichen Posten geschoben werden, — ein neues Opfer den losen Mäulem. Die Sache ist einleuchtend, und Beispiele sind Jedem zur Hand. Je zimpferlicher ein Volk in solchen Dingen ist, desto mehr Wörter setzt es auf den Index prohibitorum. In manchen i 11. §. 12. 6. Sitte und Satzung. 249 Ländern, zumal in England, dem classischen Lande der Anständigkeit, kann sich liebt es gerade der Ungebildete, jeder ihm naheliegenden Vorstellung eiuiMi besonderen, eigenen Namen zu geben, statt sie umschreibend und beschreibend einer Classe einzureihen. Es mögen Augenblicksgeschöpfe sein, im Xu erfimden, ausgesprochen, vom Hörer verstanden und wieder vergessen. Aber woher r das Deutsche mit dem durativen „wurde" neben dem momentanen „ward", mit den CoUectivpluralen „Orte, Worte, Mannen, Lande, Bande" neben den indi- vidualisirenden Pluralen „örter, Wörter, Männer, Länder, Bänder". Augenblick- lich liegen hier vertrocknete Keime zu einer weitergehenden Bereicherung der Grammatik vor. Ob sie weiter wuchern oder verkümmern sollten, hing vr>n zwei Dingen ab: von ihrer eigenen Tüchtigkeit oder üntüchtigkeit als Typen zu weiteren Analogien, und von der Macht des Analogietriebes in uns, — von der Güte der Keime und der Empfänglichkeit des Bodens. In anderen Sprachen mögen solche zufällige Doubletten sehr fruchtbar geworden sein. Das grammatische Geschlecht ist, wo es nicht auf dem natürlichen beruht, ein Luxus. Kein Wunder also, wenn es einschrumpft und wohl gar schwindet. Die romanischen Völker haben das Neutrum fast gänzlich mit dem fomiähn- lichen Masculinum zusammengeworfen, die Engländer nur noch in den Für- wörtern Erinnerungen an das Geschlecht, aber nicht an das grammatische, sondern an das logische, gewahrt Die zweigeschlechtigen hamito-semitischen Sprachen haben hiermit mehr Beharrungsvermögen bewiesen. Um so interessanter ist es, dass wir in der Geschichte der slavischen Sprachen das Erwachen einer viei-ten Geschlechtskategorie beobachten können: Leskiex (Handbuch der altbulgarischen [altkirchenslavischen] Sprache, 2. Aufl. g 36) sagt: „Nach einer syntaktischen Eigenthümlichkeit des Slavischen, die im Altbulgarischen nicht völlig ausgebildet ist, kann beim Masculinum, wenn es ein belebtes Wesen bezeichnet, der Accusativus Singularis durch den Geniüvus Singularis vertreten werden." Also nur in der Einzahl, da wo das Individuum am stärksten zur Geltung kommt. Nun ist in den slavischen Sprachen der Genitiv als partitivus auch Objectscasus; im Accusativus gut das ganze Ohjeot als erfasst, im Genitivus nur der Theil. Vielleicht liegt hierin die psychologische Erklärung: das belebte Individuimi soll niemals gänzlich und schlechtliin passiv erscheinen. Vielleicht erklärt sich hieraus auch jene syntaktische Eigenthüm- ir. §. 14. Rückblick. Der Spirallauf der Sprachgeschichte etc. 255 lichkeit des Spanischen, dass in gewissen Fällen das directe Object, wenn es ein belebtes ist, im Dativ zu stehen hat, gleichsam als verhalte es sich nicht iranz leidend, sondern irgendwie zurückwirkend. Anmerkung. Brtjgmann, Das grammatische Geschlecht in den indogermanischen Sprachen (Techmers Ztschr. IV, S. 100 flg.>, nimmt an, dass die indogermanischen Feminin- fonnen erst durch eine Analogiewirkung gewisser so auslautender Substantiva für weibliche Wessen zur eigentlichen Geschlechtsbedeutung gelangt, und dass dann durch Analogie der Be- •ieutung weitere Classen von Substantiven als Feminina behandelt worden seien, — nach den Abstractis auf — ä auch die übrigen Abstracta u. s. w. §. 14. Rflckblick. Der Spirallauf der Sprachgeschichte, die Agglutinationstheorie. Die Sprache ist nicht fix und fertig, nicht mit Schild und Speer, wie eine Athene, nicht ausgerüstet mit einem Yorrathe von Wortformen und Fonnen- wcirtem dem Haupte des Menschen entsprungen, sondern allmählich geworden und weiter werdend. Was heute Affixe sind, das waren einst selbständige Wörter, die nachmals durch mechanische und seelische Vorgänge in dienende Stellung hinabgedrückt wurden. Dies anzunehmen nöthigt uns die Analogie alles Geschehens, nöthigt uns zumal auch die Analogie alles dessen, was wir in der Sprachgeschichte mit einiger Sicherheit verfolgen können. Von der Beschaffenheit der ältesten Lautkörper (Wörter) der menschlichen Sprache können wir ims nur eine unvollkommene Vorstellung machen. Früher nalim man wohl an, sie müssten allesammt einsylbig und unveränderlich ge- wesen sein, man führte die monosyllabisch isolirenden Sprachen des östlichen Asiens, die chinesische, siamesische, annamitische an, behauptete wohl gar, die wären auf jener Urstufe sitzen geblieben. Das Letztere darf heute als wider- legt gelten; eher mag man annehmen, es seien jene Sprachen besonders weit tortgeschrittene. Aber auch den Glauben an die durchgängige Einsylbigkeit und Tnabänderlichkeit jener ürwörter kann ich nicht theilen. Der Urmensch wird wohl der Wachtel ihr dreisylbiges Pikderik, dem Hahne sein viersylbiges Kike- riki nachgemacht haben, und reduplicirt hat er ganz gewiss: das hat ihm gleich- falls die Aussenwelt beigebracht. Sie hat ihn auch gelehrt, dass entferntere ^ieräusche dumpfer klingen, als nahe, Geräusche von grösseren Körpern dumpfer, als solche von kleinen; xmd so sind piff — paff — puff, bim — bäum, ritsch — ratsch, tik — tak, tippen — tappen, scharren — schurren u. s. w. Gmppen^ die ihresgleichen schon in der Ursprache haben mussten. Endlich mussten auch die Erregungen des eigenen Gemüths den Urmenschen veranlassen, Dasselbe bald in diesem, bald in jenem Tone, jetzt lauter, jetzt leiser, jetzt schärfer, jetzt weicher auszusprechen, und der Hörer musste alle diese Abschattungen mit em- pfinden. Alles dies leuchtet ehi, — man kann es an jedem Kinde und an jedem 356 III, II. Die innere Sprachgeschichte. in geistiger Kindheit verbliebenen Erwachsenen beobachten. Und nun ^rird man auch nicht mehr glauben, dass die indogermanischen Wurzeln auch nur als Typen jenen Urwörtem vergleichbar wären. Doch das ist auch nebensäch- lich: im Wesentlichen dürfte die sogenamite Agglutinationstheorie, wie sie heute wohl von allen Indogermanisten angenommen ist, unumstösslich und ge- meingültig sein; alle Afformativen waren ursprünglich selbständige Wörter. Nun bewegt sich die Geschichte der Sprachen in der Diagonale zweier Kräfte: des Bequemlichkeitstriebes, der zur Abnutzung der Laute führt, und de> Deutlichkeitstriebes, der jene Abnutzung nicht zur Zerstörung der Sprache aus- arten lässt Die Affixe verschleif en sich, verschwinden am Ende spurlos: ihre Functionen aber oder älmliche bleiben und drängen wieder nach Aus- druck. Diesen Ausdruck erhalten sie, nach der Metliode der isolirenden Sprachen, durch Wortstellung oder verdeutlichende Wörter. Letztere unterliegen wiederum mit der Zeit dem Agglutinationsprozesse, dem Verschliffe und Schwunde, und derweile bereitet sich für das Verderbende neuer Ersatz vor: periphrastisehe Ausdrücke werden bevorzugt; mögen sie syntaktische Gefüge oder wahre Composita sein (englisch: I shall see, — lateinisch videbo = vide-fuo): immer gilt das Gleiche: die Entwickelungslinie krümmt sich zurück nach der Seite der Isolation, nicht in die alte Bahn, sondern in eine annähernd parallele. Darum vergleiche ich sie der Spirale. Zu dieser Theorie sind gewiss schon viele Andere vor mir gelangt, — ich weiss nicht, wer zuerst. Einen hohen Grad innerer Wahrscheinlichkeit düi-fte sie für sich haben, und auch die unserer Beobachtung zugänglichen Thatsacheu scheinen sie zu stützen, zumal, — immer so weit wir sie verfolgen können, — die Geschichte des indogermanischen und des indochinesischen Sprachstammes. Alle Hauptvertreter der indogermanischen Sprachenfamilie, etwa das Kel- tische, Armenische und Albanesische ausgenommen, erscheinen bei ihrem erstea geschichtlichen Auftreten in einem Zustande der Agglutination, den man als Flexion bezeichnet hat, zum Unterschiede von jenen reineren Typen des an- fügenden (agglutinirenden) Baues, die noch einer zugleich freieren und regel- mässigeren Formenbildung gemessen. Erblicken wir in dieser den Höhepunkt der Agglutination, so gewinnt freilich die sogenannte Flexion unseres Sprach- stammes eine andere, noch wörtlichere Bedeutung: die Agglutination selbst beugt imd neigt sich abwärts, strebt der Isolation zu, periphrastisehe Formen nehmen überhand und erleiden ihrerseits langsamer oder schneller, mitunter wohl über- aus sclmell, das Schicksal der Agglutination. Es ist, als ob manche Sprachen, wie die neuindischen, rasch an der kritischen Periode der Isolation vorbei- schlüpften, um in die Bahn einer regelrechten Agglutination einzulenken, während andere sich in dem neuen Zustande immer heimischer machen, — ich denke an die neuromanischen Sprachen und das Englisclie, das in der That dem rein \^>- II. §. 14. Rückblick. Der Spirallauf der Sprachgeschichte etc. 257 liereiKlen Systeme zuzueilen scheint Und wagen wir es einen Augenblick, uns in ihre vermeintliche Wurzelperiode hineinzuträumen: wer steht uns dafür, dass dies die erste, dass es nicht etwa die vierte, oder siebente oder zwanzigste ihres Vorlebens war? Dass sie, um zum Bilde von der Spirale zurückzukehren, nicht liamals schon so und soviele Umläufe hinter sich hatte. Was wissen wir von iJeiii Alter des Menschengeschlechtes, was von der Langsamkeit oder Geschwin- di*?keit jener vorgeschichtlichen Wandelungen im Leben der Sprache? Könnten wir die indochinesischen Sprachen an der Hand schriftlicher Denk- mäler so weit zurückverfolgen, wie die arischen, griechischen, italischen und germanischen, so wäre das Bild, das wir gewönnen, wohl noch bunter und lehr- reicher. Bimt genug ist es zwar schon jetzt, denn es zeigt uns Sprachen auf dem Höhepunkte der Agglutination, — so die der Kiränti, der Kuki (Luschai), Xaga, Katschari, Manipuri u. A., — dann das Tibetische mit seinen wunderlich wandelbaren Verbalstämmen, ihm nahe verwandt, doch schon der isolirenden Art näher stehend, das Barmanische und Arakanische, — dann fast ganz rein isolirend das Altcliinesische und die Sprachen der Thai-Gruppe: Siamesisch, Lao, Sehan, Kliamti, Ahom, Aitom und Miaotse, — dazwischen unzälilige Mittelformen, - endlich das Neuchinesische, das eben von der Isolation zur Agglutination hin- iiberschreitet Allerdings kann das Chinesische sich der ältesten Urkunden rühmen, »uid diese bezeugen meiner Meinung nach unbestreitbar, dass die Sprache vor viertausend Jahren einsylbig und isolirend, wennschon mit Spuren eines älteren agglutinativen, vielleicht flexivischen Zustandes behaftet war.*) Darum nannte ich die damalige Stufe der Isolation eine tertiäre. Wiederum giebt es unter jenen agglutinirenden Typen noch solche, die kaum erst der Isolirung und Composition entwachsen scheinen, während andere bei reinerer Agglutination den Eindruck höherer Alterthümlichkeit machen, als das Tibetische und Altchinesische. Es ist als hätte man hier reichliche drei Viertel der Spirale vor Augen. Bei den malaisch-polynesischen Sprachen ist es mir noch zweifelhaft, welche ^tufe die alterthümlichere sei, ob jene fast isolirende der eigentlich polynesischen «»der die einer hoch entwickelten Agglutination, auf der das Tagalische mit seinen Schwestern steht Wie sich scheinbar die Extreme, Isolation und einverleibender Polysynthe- tisTiius, berühren können, zeigen die Sprachen der Ureinwohner Amerikas. Da haben wir Sprachen von fast isolirendem Baue, wie das Othomi, und dann wieder die verschiedensten Stufen der Agglutination. Wo aber, wie in Stoll's und Seler's Untersuchungen über die Mayasprachen, die Wissenschaft ihi- Secir- messer mit Erfolg eingesetzt hat, da erscheinen die polysynthetischen Gebilde *) Den Monosyllabismus des ältesten Chinesisch haben allerdings in neuerer Zeit einige Forseber angezweifelt Ihre Gründe jedoch, auf die ich hier nicht näher eingehen darf, können mich nicht überzeugen. ▼. d. Oftbelents, Die SprachwisseoBchaft. 2. Aiifl. 17 258 III, II. Die innere Sprachgeschichte. als Sätze oder zusammengesetzte Satztheile einer isolirenden Sprache, die durch Worteinheit für das Gehör verbunden, allenfalls auch dui'ch Lautverschliff und Sandhi getrübt sind. Auf amerikanischem Boden wird die sprachgeschichtliche Forschung einige ihrer ergiebigsten Minen finden, und die meisten sind eben erst angebohrt. §. 15. Hemmende und beschleunigende Kräfte. Wir sahen, die Sprachen machen es auf ihrem Entwickelungswege uiigofähr wie die Reisenden, die jetzt weite Strecken im Eilzuge durchfliegen, jetzt ein kleines Ländchen gemächlich zu Fusse durchschlendem. Nur fehlen bekanntlich auf dieser Wanderimg die Rasttage, denn auch das langsamste Werden ist ein ununterbrochenes Fortschreiten. Jetzt fragt es sich: Was verlangsamt die Bewegung, was beschleunigt sie? Wir müssen uns daran erinnern, dass jede Neuerung ursprünglich ein Fehler ist. Das Gefülil, vermöge dessen wir das Fehlerhafte empfinden und verwerfen, wollen wir das sprachliche Gewissen nennen. Wodurch winl dies geweckt oder wachsam erhalten, wodurch wird es abgestumpft? In der Regel leben in einem Volke drei bis vier Generationen gleichzeitiir. Die ganz alten haben nicht mehr viel zu sagen, weil sie nicht mehr arbeiten, mag auch eine schöne Pietät sie wie Halbgötter verehren. Die ganz Jungen haben nioch nicht viel zu sagen, weil sie noch nicht mit arbeiten, mag auch Elternliebe ihrem Gelalle mit Entzücken lauschen. Die Gegenwart gehört denen, auf denen die nationale Arbeit ruht, — die führen recht eigentlich das Wort. Jeder verdankt seine Sprache dem vorigen Geschlechte, von dem er sie gelenit hat Und Jeder übt sie redend und hörend im Umgange mit allen Altersstufen, zumeist wahrscheinlich mit seinen Alters- und Berufsgenossen. Er übt sie redend, das heisst: er theilt Anderen von seiner Individualsprache mit Er übt sie hörend, das heisst: er empfängt von den Individualsprachen Anderer. Denken wir uns nun die Sprache im StiUleben der Vereinzelung, so stellt schon jede Altersstufe eine wenn auch noch so kleine Stufe der Sprachentwickelung dar. und der sprachliche Austausch zwischen Älteren und Jüngeren ist ein Austausch zwischen verschiedenen Sprachstufen. Austausch aber heisst Ausgleicluins:. Der Jüngere empfängt vom Älteren: damit gehen in conservativer Richtuni: Theile der älteren Sprache in die seinige über. Der Ältere empfängt vom Jimgeren: damit nimmt er vorwärtsschreitend Theile der jüngeren Sprache in die seinige auf. So ist Beides, Fortschritt und Hemmung, Sache des Yerkelirt*>. i II. §. 16. EinfhiSB des Verkehres, Sprachmischung. 259 §. 16. Einfluss des Verkehres, Sprachmischung. Einleitung. Die Sprache dient in erster Reihe dem Zwecke des Verkehres in Rede und (rpgenrede: man will verstanden werden, wenn man spricht, und was man hört, will man verstehen. Dies gegenseitige Yerständniss ist von einer Menge indi- Tidueller Umstände abhängig, und diese Umstände werden die Art der Rede beeinflussen. Der Anzuredende ist weit von mir entfernt oder leidet an Schwer- hörigkeit: darum spreche ich mit erhobener Stimme und mögliclist deutlicher Laiitbildung. Er sei ein Dimimkopf oder ein Ungebildeter, so werde ich mich zu iiim herabstimmen imd meine Rede seinem Verständnisse anpassen. Er gehöre zu meinen nächsten Vertrauten: ein kurz andeutendes Wort, halb flüsternd gesprochen .c;enügt: er weiss was ich sagen will. Er sei ein Ausländer, meiner Mutter- sprache unkundig, und ich versuche in der seinen mit ihm zu reden; nun merkt er, wie ich es mir sauer werden lasse, und kommt mir mit seiner Sprache j^efällig entgegen, redet langsam und deutlich in gewählt einfachen Sätzen, mischt wohl auch soviel Deutsch in seine Rede, als er irgend zusammenbringen kann. Das Alles sind alltägliche Vorgänge, man möchte um Entschuldigung bitten, (lass man sie erwähnt; aber unter allen Mächten, die das Leben der Sprache beherrschen, sind die kleinen Alltäglichkeiten die wii'ksamsten. Verkehren heisst einander mittheilen: das und das habe ich; das und das empfange ich hinzu, nehme es auf in mein Vermögen. Ein solches Vermögen ist auch die Einzel- sprache, die ich besitze. Nicht immer mindert es sich, nein, meist bleibt es unverringert durch das, was ich Anderen mittheile. Allein wir sahen schon, dass ich auch genöthigt sein kann, dem Verständigungszwecke wahre Opfer zu bringen, die vielleicht doch mit der Zeit auf Kosten meines Vermögens gehen können. Freilich die Kräfte und die erzielten Wirkungen sind von sehr verschie- dener Stärke, und was derart alltäglich und überall geschieht, ist im Einzelnen so winzig, dass man es nicht wahrnimmt; der ganze Vorgang wird leicht über- sehen oder doch unterschätzt. Grund genug, beim Gröbsten, Handgreiflichsten anzufangen, beim Ringkampfe verschiedener Sprachen miteinander. Man darf ohne Übertreibung sagen: Ein solcher Ringkampf findet überall stiitt, wo verschiedensprachige Menschen miteinander verkehren. Mag der eine oder der andere Theil so friedwillig xmd schmiegsam sein, wie er wolle: immer wird ihn die heimische Sprache im Gebrauche der fremden beeinflussen. Mag - nalime, stimmen aber auch nicht zu den indogermanischen, sondern sind einheimische Xeu- Schöpfungen. II. §. 18. Entlehnungen. 267 so wie SO nicht anders ausfallen. Andere Male können alte Entlehnungen für die Sprach- und Culturgeschichte recht wichtig werden. Die Wörter Kirsche, Kiste, Kerker, Kicher(-erbse), Pfirsich, Pflaume und noch manche andere beweisen durch ihr Lautwesen, dass sie schon vor Eintritt der althochdeutschen Liuh^erschiebung aus dem Lateinischen in die germanischen Spraclien herüber iTenommen worden sind, — jene, die das c vor e und % durch k wiedergeben, bezeugen zudem die damalige Aussprache des lateinischen Lautes. Doppelformen, Wortpaare mit verwandten Lauten und gleicher oder ähn- licher Bedeutimg, sind zumal da häufig, wo Entlehnung von benachbarten Dia- lekten oder nahe verwandten Sprachen stattgefunden hat Von solchen Doub- letten hat die für echt zu gelten, deren Lautform den Gesetzen der betreffenden Sprache gemäss ist So bekunden sich Born, Schacht, ducken neben den hochdeutschen Brunnen, Schaft, tauchen als niederdeutsche Eindringlinge. Bekanntlich ist das französische besonders reich an solchen Beispielen: cause^ cavalier^ escalade^ potian^ coptt/" neben chose, Chevalier ^ echelle, poisofiy chetif. In China haben seit Jalirtaasenden die Dialekte in Austauschverkehr gestanden, und dort ist denn auch jenes Doublettenwesen wuchernd gediehen, — der Sprache zur Bereicherung, den Sprachvergleichem zur Plage. Interessant sind die Namen unserer wichtigsten Culturpflanzen. Viele der- .sclben stimmen in den europäischen Sprachen lautgesetzlich so überein, dass sie, nach ihrer Form zu schUessen, sehr wohl ursprüngliches Gemeingut der europäisch - indogermanischen Völker sein könnten. Dagegen aber erheben Ge- schichte, Archäologie und Pflanzengeographie so gewichtigen Einspruch, dass man diesmal annehmen muss, die Nordvölker haben jene Pflanzen und ihre Namen von ihren reicheren südlichen Stammesvettem empfangen, ehe die Spal- tung des Lautwesens erfolgt war. In solchen Fällen hat der Sprachforscher mit geborgten Werkzeugen zu arbeiten. Hanf passt lautlich zu xdvvaßig, allein das Wort scheint keine indogermanische Etymologie zu haben, ebensowenig wie das gleichbedeutende arabische qinnabun, qunnabun eine semitische. Wir müssen annehmen, dass unsere Vorfahren das Wort sehr frühe, jedenfalls vor dem Ein- tritte der germanischen Lautverschiebung, von einem stammfremden Volke ent- lehnt haben, — ob von den Semiten, oder aus der gleichen Quelle wie diese, wird schwer zu ermitteln sein. Mit der lautlichen Anpassung ist es nicht immer gethan. Witz oder Un- wissenheit haben manchmal die Lehnwörter durch ähnlich klingende, leidlich bezeichnende heimische Wortgebilde ersetzt: arcoballista durch AvmhTUst^ rondel diu-ch Run dtheil, |}/ancÄc^/e durch Blankscheit, radical durch rattenkahl. Aus hiscuü wurde, mit Verwendung des einheimischen Präfixes be-, im Hol- ländischen beschuit, im westphälischen Dialekte Beschütchen; asparagus oder asper ges hat der englische Volksmund in sparrow- gross, Sperlingsgras, um- 268 III, ii. Die innere Sprachgeschichte. gewandelt. Der Wessier, fers^ des persischen Schachspiels wurde im mittelalterlichen Französisch fierce, ficrge, später la vierge und dann la dam genannt. Zum Schlüsse wollen wir versuchen, die Fälle, in denen eine Entlehnung zu vermuthen ist, übersichtlich zu ordnen. Wir sahen, die Gründe können sprachlicher, aber auch sachlicher, culturgeschichüicher oder geographischer Natur sein. I. Die sprachlichen sind entweder phonetische oder etymologische. 1. Die phonetischen können entweder a. das Lautwesen an sich betreffen, z. B. englisches w in Whist — oder b. in den Gesetzen der Lautverschiebung beruhen, indem ein Wort dem entsprechenden einer anderen Sprache ähnlicher klingt, als es die regelmässige Lautvertretung zulassen würde. 2. Die Etymologie ist entweder a. in der heimischen Sprachfamilie überhaupt nicht zu entdecken oder b. wohl klar, aber dem Sinne nach nicht befriedigend. So meist bei den Volksetymologien, die freilich auch Altheimisches ver- unstalten können. IL Die sachlichen Erwägungen laufen alle auf die eine Frage hinaiu«;: Ist es anzunehmen, dass dem Volke die betreffende Vorstellung von Hause aus geläufig war? Und wenn dies zu verneinen ist: bleibt nicht die andere Mög- lichkeit, dass doch ein altheimisches Wort die Vertretung des neuen, fremden Begriffes übernommen hat? Man denke an das Wort Taufe, beichten imd an jene Menge internationaler Culturbedürfnisse und Begriffe, für die wir, und mehr noch manche andere Völker, einheimische Namen gebildet haben, wo alst) die Entleihung nicht dem Wortkörper sondern dem Sinne gilt, und höchstens Nachbildungen vorliegen. Übrigens giebt es kaum ein bequemeres Findelhaus für die unbequemen Kinder einer Phonetik, die auf ihren tadellosen Kuf hält. Und das eben macht die Sache bedenklich: man wittert Entlehnungen, wo man gar keinen Grund zur Entlehnung einsehen kann. Im Deutschen scheint das dialektische Wepse älter zu sein, als das schriftüblicho Wespe. Letzteres, — also wohl auch die Engländer ihr wasp^ — sollen wir als eine Nachbildung des lateinischen vespa anerkennen, — und nun hätten es wieder die Franzosen mit ihren guepe uns nachgemacht? Warum und wozu? Ist da nicht die erklärende Hypothese ebenso überraschend, wie die zu erklärende Thatsache? II. §. 19. Beeinflussung des Lautwesons durch Nachbarsprachen und -Dialekte. 269 §. 19- Beeinflussung des Lantwesens durch Nachbarsprachen und -Dialekte. Jede Sprache und jede Mundart orfordert und erzeugt gewisse Gewohn- • lieiten der Sprach- und Stimmorgane, die ihren richtigen Klang bedingen, und Übergewicht der Daheimgebliebenen war zu stark. Dagegen wimmelt das Wen- dische der Ober- und Niederlausitz von deutschen Redewendungen, die die aus- gewanderten slavischen Dienstboten imd Arbeiter mit nach Hause bringen. E^ ir. §. 20. Entlehnte Redeweisen. 271 lohnte sich der Mühe zu untersuchen, welche Neuerungen das Schwedische den Soldaten Gustav Adolfs verdanke. Doch wirksamer noch schemt mir eine andere Art der syntaktisch-stilistischen Aneignung. Diejenige meine ich, die sich bewusst oder unbewusst zu vollziehen pflegt, wo immer das Geistesleben eines Volkes durch fremde Literaturen be- fnichtct wird. Es waren wenige und zunächst nur enge Kreise, von denen die (Jesittiuigen der alten Welt ihren Ausgang genommen haben. Die chinesische Ciiltur, zu Anfang der Geschichte auf ein Gebiet von der ungefähren Grösse des heutigen Deutschland beschränkt, hat sich über ein Drittheil der Menschheit ver- breitet; die Mandschu, Japaner, Koreaner und Annamiten schöpfen ihre Bildung iius der Litteratur des Mittelreiches, durchwirken ihre Rede mit chinesischen Fremdwörtern, ahmen wohl auch chinesische Stil- und Satzformen in ihren Muttersprachen nach. Die Japaner wenigstens haben dem seltsam eintönigen kettenförmigen Periodenbaue, der ihre alte Sprache auszeichnete, je länger je mehr entsagt In den uralaltaischen Sprachen steht regehnässig das Verbum am Ende des Satzes, und das Object geht ihm voraus. Vereinzelte Ausnahmen kommen allerdings selbst im Jakutischen vor, das doch wohl nur von stamm- uml geistesverwandten Nachbarsprachen Beimischungen empfangen haben wird Weim aber im Suomi das Object seinen Platz hinter dem Verbum hat, wenn ebenda, allem uralaltaischen Brauche entgegen, das attributive Adjectivum mit seinem Substantivum in Numerus und Casus congruirt: so ist dies offenbar in- flogermanischem Einflüsse zuzuschreiben. Dank dem Buddhismus stehen im Norden die Tibetaner und Mongolen, im Süden viele Völker Hinterindiens und 'ler malaischen Inselwelt unter indischem Einflüsse. Davon zeugen bei ihnen allen so und soviele Wörter der Sanskrit- und Palisprache, die in ihren Sprachen A^ufnahme gefunden, bei den Tibetem zudem wunderliche, nach indischem Muster gemodelte Composita und Constructionen. Wo der Islam herrscht, da haben arabische Wörter in Masse Einzug gehalten, zuweilen ihre Formenlehre und Syntax für sich behauptend; Osmanli-Türkisch, Persisch, Hindustanisch, wie sie lieute gesprochen und geschrieben werden, kann man nicht verstehen ohne eine ^ orschule im Arabischen. An der griechisch-römischen Prosa hat sich, glück- Jieli nachbildend, die Syntax der neueuropäischen Sprachen erzogen, bis ihr Frankreich ein neues, gefälligeres Muster lieferte. Dort hatte sich in einer ver- feinerten leichtlebigen Geselligkeit eine Umgangssprache von prickelnder Anmuth 'lerangebildet, ganz frei und doch ganz geschult, so recht von vornehmer Art. ^Ver dieser Sprache mächtig war, der brauchte nur zu schreiben, wie er zu reden pflegt«, so war er des Beifalles sicher. Schon früher mocliten Deutsche ^nd Andere frischweg geschrieben haben, wie es ihnen von der Leber ging. Obenan ist Luther zu nennen, der mit Recht als Schöpfer der neuhochdeutschen '"^eliriftsprache gilt. Vorbild ist er aber doch nur durch diejenigen Schriften ge- 272 III, II. Die innere Sprachgeschichte. worden, in denen er der überströmenden Kraft seiner derb leidenschaftlicheu Natur Zwang anthun musste; seine sprudelnde Frische war nicht nachahmban seine hainbüchene Grobheit nicht einmal nachahmenswerth. Der Stil der Be- amten und Gelehrten ist noch lange, vielfach bis auf den heutigen Tag dein griechisch-römischen Muster mit seinen in breitem Strome dahinfliessenden, sorjr- sam aneinander gereihten Perioden gefolgt, und dieser Anregung zum Perioden- bau verdanken wir doch eigentlich die grössten' Vorzüge unserer Syntax und den . Geschmack für eine edele Form der prosaischen Rede. Allein Beides zu vereinigen, die edele Haltung mit der leichten Beweglichkeit, das haben wir und Avohl auch andere Völker erst bei den Franzosen gelernt. Denen danken wir es zumal, dass uns jene zwiebeiförmig ineinandergeschachtelten Satzformeu nicht mehr behagen, die unserer Sprache doch so natürlich sind. Wahre Galli- cismen haben sich aber dabei auch mit eingeschlichen, Redewendungen, die oft den wissenschaftlichen Keimer mehr befremden als andere Leute. Den neu- romanischen Sprachen sind gewisse participialen und gerundiale Constructionen gemeinsam, die das Lateinische nicht kennt, die aber im Holländischen, Eii^^- lischen und den neuscandinavischen Sprachen in überraschender Einhelligkeit wiederkehren. Ich weiss nicht, welcher Theil hier der entlehnende war; jeden- falls sind unserm jetzigen Deutsch diese Satzformen fi-emd. Dem berufsmässigen Übersetzer aber können sie doch geläufig werden, und nun fliessen sie unver- sehens aus der Feder, und Tausende von Lesern lernen sich mit ihnen aussöhnen. Es lässt mehr apart als garstig: ,,Den Boten abgefertigt kehrte er in die Gesell- schaft zurück." Ein anderer ganz eingebürgerter Gallicismus ist es, wenn wir mit um zu verknüpfen, was nur zeitlich, nicht absichtlich aufeinanderfolgt. „Ein Brief wurde ihm gebracht, welchen er las, um sodann zum Spiele zurückzukehren." Das ist gut französisch imd immer noch erträglicher als das schlechte Deutsch: „welchen er las und sodann zum Spiele zurückkehrte." Wir haben unsem n^ manischen Fremdwörtern Mischgebilde wie „stolzieren, schnabelieren, hofieren, Grobian, Läuteration" (im älteren sächsischen Prozessrechte) nachgeschaffen. Das sind Ausnahmen, die immer absonderlich lassen. Die Engländer aber nehmen Wörter wie ^^whimsical, truism, catables^'' arglos hin, imd ich habe gelesen, wie arme Geschöpfe, die sich Fusstritte gefallen lassen müssen, frischweg als ^Jkickahle' bezeichnet wurden. In dieser immergrünen, zeugungskräftigen Agglutination scheint das Fremde längst Vollbürgerrecht erlangt zu haben. Bei uns wie bei den Römern wurde doch das griechische Reis auf einen verwandten Stamm gepfropft. Die Ägypter (Kopten) aber und die Äthiopier hatten ganz andere Schwierigkeiten zu überwinden, als sie begannen griechisch- christliche Werke in ihre so völlig artverschiedenen Sprachen zu übersetzen. Die Syntax der Gejez-Literatur verleugnet gänzlich die semitische Art, und dio Kopten haben es nicht für Raub geachtet, ihre Bücher mit griechischen Hülfs- IX. §.21. Sprachmischung innerhalb der Muttersprache. 273 Wörtern zu spicken. Ähnlieh haben es die Syrjänen, ein Volk finnischen Stammes, mit russischen Partikeln gemacht Wenn sich die Magyaren einen Artikel, a, ae, geschaffen haben, so wird dies indogermanischem Einflüsse zugeschrieben. Un- erklärt, und doch schwerlich ein Zufall ist es, dass im südöstlichen Europa drei benachbarte und doch sonst so verschiedene Sprachen suffigirte Artikel haben: Das Rumänische, das Albanesische und das Bulgarische, die einzige slavische Sprache, die überhaupt einen Artikel besitzt Das Annamitische, das Cochin- chinesische (Khmer) und das Peguanische (Talaing, Mon) sind, wie man jetzt weiss, den reich agglutinirenden kolarischen Sprachen verwandt, aber, gleich ihren indochinesischen Nachbarn der siamesischen und barmanischen Familie, eiasylbig und isolirend. So ergiebt sich die wunderbare Thatsache, dass eine so seltene Form des Sprachbaues auf einem verhältnissmässig engen geographi- schem Gebiete bei Sprachen zweier ganz verschiedener Stämme wiederkehrt. §. 21. Sprachmischung innerhalb der Muttereprache. So widersinnig es klingen mag, so wahr ist es doch, dass alle Sprach- geschichte von beständiger Sprachmischung begleitet ist Jeder Mensch hat seine eigene Sprache, die von der eines jeden anderen in gewissen Punkten verschieden ist Ich rede nun nicht von den Associationen des im einzelnen Menschen schon vorhandenen Sprachgutes, nicht von dem Analogiegefühle, das seine Rede beherrscht, sondern von dem Einflüsse, den Alles, was er hört oder liest auf sein Sprachvermögen ausübt Wo immer es sich um echte Entwickelung, also um allmähliches Werden handelt, da haben wir mit kleinsten Kräften und kleinsten Wirkungen zurechnen; — wer weiss, ob nicht die vielen kleinen Posten eine grosse Summe ergeben werden? Was den Menschen erzieht, sind die Eindrücke, die er empfängt; und man weiss, dass oft sehr geringfügige Ereignisse einen sehr nachhaltigen Eindruck verui-sachen. Man weiss auch, dass kein Eindruck, er sei noch so leicht, ganz ohne Nachwirkung bleibt, — etwas hat er allemal an uns verändert. So lassen denn auch alle sprachlichen Eindrücke, die wir empfangen, ilire Nachwirkungen in imsrer Seele zurück und werden seiner Zeit, früher oder später, in unsem Sprachäusserungen durchschimmern. Wir hören oder lesen einen uns neuen Ausdruck oder eine Redewendung, vernehmen eine Mundart, die ims noch nicht geläufig ist, so sind mehrere Möglichkeiten gegeben. Das Neue fällt uns auf, wir merken es uns, das heisst, wir vermehren damit unsern sprachlichen Besitz. Oder wir gleiten scheinbar darüber hinweg, verwerfen es wohl gar; später kehrt es wieder: nun ist es schon nicht mehr ganz neu, findet den Boden schon besser vorbereitet, um Wurzel zu fassen, und bei öfterer ▼. d. Gabelents, Die SprachwisBenscluifl. 2. Aufl. 18 274 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Wiederholung nistet es sich denn doch ein. Schon das ist aber eine Verände- rung der potenziell in uns lebenden Sprache (des Sprachvermögens), dass wir für etwas Neues um ein Weniges empfänglicher gemacht werden. So schleichen sich oft fremde Provinzialismen oder dialektische Lautbildungsweisen in unsere Rede ein, und wenn wir uns des Fremden erwehren wollen, so begeben wir uns unter die Macht des Gegensatzes, lassen von diesem unsere Rede mit- bestimmen und carikiren sie schliesslich wohl selbst, indem wir ihre Eigenart übertreiben. Solche Fälle gehören zu den selteneren, dafür sind sie aber auch um 80 wahrnehmbarer. Man beobachte nur einen unserer Angehörigen, der von einer längeren Reise zurückgekehrt ist: ganz so, wie er sie auf den Weg mitgenommen hat, bringt er seine Muttersprache nicht zurück. Dies von den neuen, fremden Eindrücken. Aber auch die gewohnten wirken durch ihre Wiederholung. Sie festigen sich je mehr imd mehr und können am Ende andere, minder gewohnte verdrängen. Jede Sprache hat Synonymausdrücke, die sich in ihren Bedeutungen nur schwach gegeneinander abschattiren, und die wenigsten Menschen beherrschen diese Synonymik in dem Umfange, dass sie nicht gewisse Ausdrücke gewohnheitsmässig bevorzugten. Die Conjunctionen „aber, allein, jedoch, indessen" wenden die Meisten fast unterschiedslos an, wech- seln höchstens unter ihnen ab eben um der Abwechselung willen. Eine Art unbewusster Vorliebe aber für die eine oder die andere hat wohl Jeder, \md kaum Einer wird allen Vieren gleiche Gerechtigkeit widerfahren lassen. Nun verkehre ich mit einem Menschen oder lese einen Schriftsteller, der fort^vährend das mir wenig geläufige ,jedoch" anwendet. Das mag mich anfangs stören, nachher aber wird es mir gewohnt, und schliesslich wende ich es selbst an. natürlich auf Kosten der Aber, Allein und Indessen, mit denen ich mich früher beholfen hatte. So können beliebte Schriftsteller innerhalb ihrer Leserwelt wahre sprachliche Epidemien verbreiten, man hat es nur nicht Acht. Wenn wir von dialektischen Spaltungen oder von aufeinanderfolgenden Phasen der Sprachgeschichte reden, so müssen wir immer daran denken, dass es sich doch regelmässig nur um allmähliche Abschattungen handelt Jeder hat seine Individualsprache, Jeder seinen sprachlichen Verkehrskreis, dem er mittheilt, von dem er empfängt. Die Kreise seiner Genossen schneiden sich mit dem seinigen und mit den Kreisen Anderer, die ihm fremd sind. Und so geht es weiter, von A durch B, C u. s. w. bis Z, bis zu einer Entfernung, in der die Gemeinschaft der Mundart oder gar der Sprache mit A aufgehört hat An einer früheren Stelle (S. 56 flg.) sahen wir, dass die Sprachgememschaft ?i> weit reicht, wie die Möglichkeit des sprachlichen Verkehres. Jetzt sehen wir. dass dieser Verkehr die Sprachgemeinschaft bedingt und erhält, und dass Letz- tere da aufhört, wo der Mittelglieder zu viele, oder wo sie ausgefallen sind. Es leuchtet ein, dass unsere eigenen Sprachäusserungen nicht mindere 11. §. 21. Sprachmischung innerhalb der Muttersprache. 275 Wirkimgen auf uns ausüben, als die anderer Leute; denn wir hören und lesen ja auch, was wir selbst reden und schreiben. Mehr noch, wer nur einigermassen gesprächig ist, der hört nicht leicht einen Anderen öfter reden als sich selbst, — und wie oft reden wir in uns, wenn wir uns die eigenen Gedanken in Worten vergegenständlichen! So nun entstehen wohl am Häufigsten die Manieren im s:\xten und üblen Sinne: wozu wir neigen, das wird uns gewohnt, verdrängt An- deres und artet am Ende in Einseitigkeit und Sonderlingsthum aus. Dann aber sind es auch wieder die ausgeprägtesten Individualitäten, die am Mächtigsten ilire Umgebung beeinflussen; und grosse Männer, die nach Zeit und Baum weit- hin wirken, sind meist solche Individualitäten. Man mag die Sprache eines Hegel schmähen soviel man wiU, leugnen kann man nicht, dass auch sie in ihren Wirkungen fortlebt bis auf den heutigen Tag. Man möge Richard Wagner 's J>prachspielereien noch so sehr geissein, — ihren Nachhall wird man so bald nicht zum Schweigen bringen. Man lache über Victor Hugo 's pointirtes Ge- thue, man verbrenne das letzte Exemplar seiner Schriften: die Kinder seines Geistes kann man vertilgen; aber die Enkel, die Scharren Jener, die sich an ihm gebildet haben, werden weiter von ihm zeugen. Das Gesetz von der Er- haltung der Kraft gilt hier wie allerwärts. Will man die Nachwirkungen solcher leisester Anstösse recht ermessen, so wird man wohl auch das Geistesleben der Schlafenden mit in Rechnung ziehen müssen. Der Geist ruht ja nicht; er arbeitet fort, auch wenn ihm die Sinne keine Empfindungen zutragen. Er verarbeitet empfangene Eindrücke, und von diesen beschäftigen ihn natürlich die lebhaftesten am meisten. Den lebhaftesten Eindruck macht aber auf uns das, was uns neu oder ungewohnt ist, auch das sprachlich Ungewohnte. Ich habe es oft erlebt: wenn ich am Tage fleissig in einer fremden Sprache gelesen oder gesprochen hatte; so träumte ich des Nachts in ihr, las weiter in dem interessanten Buche, plauderte, — wer weiss wie fehler- haft, jedenfalls aber mit erstaunlicher Geläufigkeit, in der fremden Sprache. So in den Fällen, wo ich nach dem Erwachen von dem Treiben meines Geistes während des Schlafes noch eine Erinnerung hatte, wo ich also sagen konnte: Das und das habe ich geträumt Offenbar thuen wir aber das Gleiche auch ohne dass wir am Morgen noch darum wissen. Und doch muss die Nachwir- kung auf unseren Geist bleiben, wir haben in der That in der fremden Sprache weiter gearbeitet, also weiter gelernt, wir haben den Fremden in seiner eigen- thümlichen Weise reden hören, soviel mehr als vorher im wachen Zustande. Und wenn hernach die Erinnerung nicht vor die Seele treten will, so ist doch, uns unbewusst, eine Neuerung in uns eingetreten, die nicht ohne Folgen bleiben kann. Wer daran zweifelt, der denke an das oft gehörte Wort: „Ich will es be- schlafen, frage morgen wieder!" Mit dem Räthsel sind wir zu Bette gegangen, mit der Lösimg wachen wir auf. 18* 276 III, 11. Die innere Sprachgeschichte. Unter deu Wirkungen jener Mischungen innerhalb der Muttersprache scheint mir aber die die wichtigste zu sein, die ich als Abstumpfung des sprach- lichen Gewissens bezeichnen möchte. Es ist bezeichnend und zugleich na- türlich, dass in sprachlichen Dingen Niemand empfindlicher imd unduldsamer ist, als wer immer nur die eine, heimische Mundart gehört hat Wo aber in einer rasch durcheinanderwogenden Bevölkerung die Vertreter verschiedener Mundarten als Gleichberechtigte miteinander zu verkehren pflegen, da führt natürlich die heimische Mundart nicht mehr das ungestörte StüUeben, in dem allein sie gedeiht Die Sprachweisen der Zu- und Durchwandernden werden uns fast ebenso heimisch, wie die unserer Nachbarn. Verschiedenes gilt uns für gleich richtig; die Kreise der Laute erweitem sich, imd die Articulation wird unsicher; Synonymformen wie „ward" und „wurde", „frag" und „fragte" werden gleichgültig hingenommen, bald unterschiedslos gebraucht; am Ende wissen wir garnicht mehr, was bodenwüchsig ist, und was eingeschleppt, und wenden Frem- des und Einheimisches unterschiedslos durcheinander an. So entsteht der Unfug gleichwerthiger Doubletten, eine sprachliche Anarchie, die den Forscher zur Ver- zweiflung bringen kann; — das ägyptische Vulgärarabisch soll nach Spitta Bey's Zeugnisse ein geradezu tolles Beispiel hierfür abgeben. Es muss eine Zeit der Ruhe kommen, oder es muss bereits eine classische Sprache vorhanden sein, wenn solche Zuchtiosigkeit nicht gar verderblich werden soll. Die Neigung, überflüssige Doppelformen zu beseitigen, wird immer bestehen; aber während noch die Gäste im Saale ein- und ausgehen, fegt man nicht die Dielen. Und dann ist es doch immer ein Zufall, welche von den gleichwerthigen Formen schliesslich zur Alleinherrschaft gelangt; hier wird dieser und dort jener Dialekt obsiegen, und so wird die Verwimmg im Lautwesen verewigt; es bleiben Nach- wirkungen von Ursachen, denen man nicht mehr auf die Spur kommen kann. Die vergleichende Indogermanistik hat bekaimtlich mit solchen mundartlichen Doubletten harte Auseinandersetzungen zu bestehen. Es übt aber jene Abstumpfung des sprachlichen Gewissens nach einer an- deren Richtung hin eine sehr heilsame Wirkimg. Jenen, die anders reden, als wir, gestehen wir stillschweigend zu, dass sie auch richtig reden. Wir erkennen die fremden Eigenthümlichkeiten, die individuellen und die mundartlichen, als berechtigt an, das heisst, wir erkennen an, dass sie in unserer Sprachgemeinde und Gemeinsprache statthaft sind. Damit erweitern sich die sprachgemeindücheu Grenzen, über die Mundarten hinweg, als über ihnen stehend, gilt die gemein- same Volkssprache, und innerhalb dieser kann ein besonderer Dialekt zur Schriftsprache erhoben werden. So duldet das Hochdeutsch der Gebildeten eine Menge berechtigte mundartliche Eigenthümlichkeiten; das Schriftdeutsch aber, das ihm als Muster dient, ist aus dem niederösterreichischen Dialekte er- wachsen und dann wieder, zumal in Obersachsen, im alten Meissner Lande, und II. §. 22. Einfluss der Kindersprache. 277 nach dem dortigen Brauche entwickelt worden. Die Mischungen sind indess damit noch nicht abgeschlossen; denn so ganz lassen sich unsere Schriftsteller den Born der heimischen Mundart nicht verstopfen. Jede Schriftsprache einer grossen Nation ist dialektischer Mischungen verdächtig, — ihr zum Gewinne, den Sprachhistorikem zum Verdrusse. §. 22. Einfluss der Kindersprache. Dass die Kinder anders sprechen, als die Erwachsenen, beruht bekanntlich auf verschiedenen Ursachen. Vor Allem auf dem ungeübten Sprachorgan. Die Gutturale und Zischlaute verursachen fast allen Kindern von Anfang an Schwierigkeiten, und das japanische Kind verwandelt das k in ein ^, ganz wie es das europäische thut. Zweitens bemeistert das kindliche Denkvermögen nicht mit einem Male alle Schwierigkeiten der Muttersprache; die unregelmässigen Formen werden durch regelmässigere, dem Kinde geläufigere ersetzt; gebringt und gesingt wird ge- ^a^ statt gebracht und gesungen. Drittens übt wohl auch die tändelnd kosende Sprache der Erwachsenen ihren Einfluss auf die Redegewohnheiten des Kleinen. Man redet zu ihm von meinen Händchen, Füsschen, Öhrchen, und nun gebraucht es die Diminutive auch am unrechten Orte, nennt jede Hand ein Händchen u. s. w. Wer recht kinderlieb ist, der findet eine Wonne darin, sich den kleinen, ?ichwachen Wesen zu fügen. Man unterwirft sich wohl auch einmal den Sprach- gewohnheiten des Kindes, lallt mit, wenn man mit ihm redet, wohl gar wenn man zu seinen Angehörigen von ihm redet. Offenbar kann dies schliesslich die Sprache der Erwachsenen dauernd beeinflussen. So erkläre ich mir das Über- handnehmen der Diminutiva in den Sprachen der kiaderfreundlichen Slaven und in einigen deutschen Dialekten, z. B. dem ostpreussischen. Andere Male haben die kindlichen Lautverdrehungen Aufnahme gefunden, zumal bei Eigennamen wie italienisch Peppo = Giuseppe^ Dick = Richard, Bob = Robert, Paggie = Margaret. Auch Thiemamen, Namen von Spielzeugen (Puppe, joujou) und Be- zeichnungen von Dingen, über die man nur in der Kinderstube unbefangen redet, mögen der Kindersprache entlehnt sein. Diese ist nun wohl sehr individuell; kaum zwei GeschAvister, wenn sie nicht fast gleichalterige Gespielen sind, reden im gleichen Gelalle. Aber gewisse Eigenthümlichkeiten sind doch fast allverbreitet, weil sie eben sehr natürlich sind. So die Vermeidung schwieriger Consonantenverbindungen, die Angleichung von An- und Auslaut, die Neigung zu Doppelungen und wiederum zu Kür- zungen. Und auf Seite der Eltern ist es natürlich, dass man die Kleinen mit 278 HI, II. Die innere Sprachgeschichte. den Nanien nennt, die sie sich selber geben. Und darein kann wirklich Me- thode kommen. So sind unsere deutschen Kosenamen auf a imd o (Arno, Bodo, Bertha, Frida u. s. w.), so die reduplicirten französischen {JDodore^ Lolotte, Fi- fine^ Nenette u. s. w.) nach einheitlich festen Prinzipien gebaut. Eine Gewohnheit festigt sich um so leichter, je öfter sie geübt wird. Wo die Kinder im Hauswesen eine grosse Bolle spielen, da wird auch ihre Sprache nicht ganz ohne Einfluss bleiben. Und manchmal ist es, als griffen die Grossen den Kleinen vor, als könnten sie es nicht erwarten, bis sie die Kinderspraclie aus Kindermunde hörten. Das leise Gezwitscher mancher Vögel beim Nestbaue hat wohl in der Menschenwelt Seinesgleichen. Irre ich nicht so ist es weit verbreitet, dass Liebende bei ihrem Gekose in die Kindersprache verfallen. Ich weiss nicht, soll es eine Erinnerung an die eigene Kinderzeit, soll es ein heim- liches Versprechen sein, dass man sich gegenseitig hegen wolle wie ein geliebtes Kind, oder ist es eine unbewusste Ahnung dessen, was man dereinst gemeinsam lieben und hegen will? Es ist Sache der Sitte, ob sich dies Treiben auf trau- liche Stunden unter vier Augen beschränkt oder sich weiter hinaus wagt. Auf alle Fälle haben wir hier wieder einen jener irrationalen Factoren, die die Geschichte der Sprache beeinflussen, die Gleichmässigkeit ihrer Entwickelung durchbrechen können. Es sind ja eigentlich auch Naturlaute, die nachgeahmt werden; aber diese Laute gehören schon einer menschlichen Sprache an, und so hatten wir es hier mit einer Art der Sprachmischung zu thun. §. 23. Eigentliche Mischsprachen. Zwischen jenen vereinzelten Einwirkungen einer fremden Sprache auf die eigene: der Aufnahme von Fremdwörtern, der Nachbildung von Zusammen- setzungen, Redensarten und syntaktischen Formen, der Einführung ausländischer Hülfswörter und Formativa einerseits und andererseits dem gänzlichen Aufgeben der Muttersprache zu Gunsten der fremden, liegt mitteninne eine Reihe lui- zäliliger Möglichkeiten, die wohl alle in der Sprachgeschichte zu Thatsachen ge- worden sind. Die Mischung braucht ja keine gleichtheilige zu sein, ist es gewiss nur in den allei-seltensteh Fällen, war es vielleicht überall nur während einer kurzen Übergangszeit: schliesslich wird sich doch das Zünglein der Waage nach links oder rechts geneigt, das Heimische oder der Eindringling das Übergewicht gewonnen haben. Je verwandtschaftlich näher nun die sich mischenden Sprachen stehen, desto dornenvoller wird die sprachgeschichtliche Arbeit. Da erscheinen Wörter, die sich schlechterdings nicht in's Lautsystem fügen wollen, und die gleichwohl un- bestreitbar von der Sprache als Vollbürger behandelt werden. Mit unsem nieder- II. §. 23. Eigentliche Mischsprachen. 279 deutschen Eindringlingen haben wir noch leichtes Spiel: über ihre Herktinft können wir in ihrer Heimath Auskunft erholen. Beim Lateinischen aber haben wir mit halb verschollenen Italersprachen zu rechnen; wir wissen das zehnte Mal nicht, wohin wir die Fremdlinge heimschicken sollen, und sind froh, wenn wir sie über die Grenze geschoben haben. Dagegen ist nichts einzuwenden, vorausgesetzt, dass es wirklich Fremdlinge waren. Allein unsere Unduldsamkeit in phonetischen Dingen kann uns wohl auch zu weit führen, wenn wir einem Heischesatze zuliebe die entgegenstehenden Thatsachen hinwogdecretiren, oder Torschnell fremde Mächte da annehmen, wo möglicherweise unerkannte heimische Lautgesetze gewaltet haben. Jetzt findet sich die Indogermanistik immer mehr darein, dialektische Nebenformen anzunehmen. Das böse Zahlwort Sechs: sans- krit sa§^ altbaktrisch z^u^a^, griechisch ?§, fe§, lateinisch seXy albanesisch gjaSte u. s. w,. scheint überall verwandt und doch nicht auf eine einheitliche Urform zurückführbar. Brugmaä-n, Grundriiss der vergl. Gramm. 11, ii, §. 170, nimmt deren drei an: ueks (tveqs), sueks (sweqs) und seks (seqs, — g = volarem Ä, ic = haJbyocalischem m). Auch die schwierigen Doubletten mit Wechsel von Tenuis und Media, I, § 469, 7, 8, und gewiss noch manches Andere, was der Einreihung unter die Lautgesetze widersteht, dürfte, wo nicht aus unsicherer Articulation, doch aus mundartlichen Verschiedenheiten und Mischungen inner- halb der Ursprache herzuleiten sein. Dass sich eine Sprache während des ganzen Verlaufes ihrer Geschichte von fremden Einflüssen völlig frei gehalten hätte, ist von vornherein nicht zu vennuthen; in diesem weitesten Sinne mag ja jede Sprache für gemischt gelten. Die Genealogie hält sich nun an den Satz: Denominatio fit a potiori, ordnet eine jede Sprache derjenigen Familie zu, der sie der Hauptsache nach zugehört, und ist damit bis in die neueste Zeit gut gefahren. Mit den Erkenntnissen mehren sich aber auch die Probleme; und eben jetzt arbeitet unsere Forschung auf Ge- bieten, wo mit den Begriffen der voUbürtigen Verwandtschaften, der Entlehnung und Nachbildung nicht mehr Haus zu halten ist. Immer mehr wird sie auch daran denken müssen, dass durch annähernd gleich theilige Mischungen stamm- vei-schiedener Sprachen neue, bastardische Gebilde entstehen konnten, halbbürtige Geschwister zweier Familien. Es war ein hohes Verdienst Lücien Adam's und Hugo Schuchabdt's, dass sie jene verachteten Creolensprachen zergliedernd auf ilire Herkunft untersuchten. Es war auch sehr verständig, dass sie unter allen Blendlingssprachen gerade diese zuerst unteres Messer nahmen, — die offen- kundigsten, die einfachsten und ärmlichsten, die jüngsten, darum die, deren Be- standtheile noch am Deutlichsten das Gepräge ihres Ursprunges tragen. Schon jedoch waren der Wissenschaft schwierigere Räthsel gestellt In der . südöstlichen Inselwelt leben zwischen braunen, mehr oder weniger mongoloiden Malaie- Polynesiern negerartige Menschen mit schwärzlicher Haut und krausem 280 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Haare. Die haben theils ganze Eilande und Archipele inne, wie Neu -Guinea und die melanesischen Gruppen, theils wohnen sie, scheinbar als zurückgedrängte Autochthonen, im Innern Malaischer Gebiete, — so auf Sumatra und den Philip- pinen. In körperlicher Hinsicht ähneln sie am Meisten den wilden Andamanen- völkem im Nordwesten, den AustraJnegem im Südosten. Sie zerfallen in imzählige, sprachlich yerschiedene Tölkerschaften, und ihre Sprachen, soweit sie damals zugänglich waren, hat zuerst mein seliger Vater vergleichend untersucht Dabei ergab sich, wie er ausgesprochen hat, die interessante Thatsache, dass sie zu einem Stamme gehören, und dass sie mit den (malaio)-polynesischen Sprachen „mehr gemein haben, als aus einer blossen Entlehnung der einen von den anderen hervorgehen kann". Mit anderen Worten: es ergab sich eine wahre Verwandtschaft (H. C. v. d. Gabelentz, die melanesischen Sprachen. I. u. II. Abh. der K. S. Ges. der "Wissensch. IH, S. 1—266, VQ, 1—186. Vergl. dazu meine und A. B. Meyer's Beiträge zur Kenntniss der melanesischen, mikronesischen und papuanischen Sprachen, das. XIX, S. 375—542 und R H. Codhington, The Melanesian Languages, Oxford 1885). Jezt fragte es sich: Welcher Art ist die Verwandtschaft, ist sie vollbürtig oder halbbürtig? Im ersteren Falle war anzu- nehmen, dass der eine Theil die Sprache des anderen imter Aufgebung der eigenen angenommen habe. Ob aber der Braune vom Schwarzen, wie Codmxgtox vermuthet, oder nicht umgekehrt der minder gesittete Schwarze vom rührigen, handeltreibenden Braunen, wie es mir glaubhafter scheinen würde? Ist dagegen die Verwandtschaft halbbürtig, so liegt Mischung vor, und zwar, wie die That- sachen ergeben, in den verschiedenen Sprachen nach sehr verschiedenen Ver- hältnissen. Das Fidschi ist fast ganz polynesisch; die Sprachen der philippi- nischen Negritos (Zambales, Mariveles) scheinen sich eng an jene der benach- barten braunen Völker anzuschliessen; im Mar6 (Nengone) und Ldfu scheinen die malaisch-polynesischen Elemente stark zurückzutreten; im Mafoor von Neu- Guinea überwiegen sie; in den Sprachen der Maclayküste sind sie nur in dürftiger Zahl zu erkennen. Hier war der fremde Einfluss schwächer, dort stärker. Doch dies ist das Wenigste. Liegt Mischung vor, welches ist das andere Mischungselement, das nicht malaio-polynesische? Da drängte sich nun ein neues Problem dazwischen. Wie steht es mit den Australnegern? Sind sie wirklich sprachlich und anthropologisch so verein- samt, ein „Saatwurf des Schöpfers" für sich, wie man wohl gemeint hatte? Und wenn nicht: wer sind ihre nächsten Verwandten? Erwiesen sich als solche die Tasmanier, denen die Engländer unlängst die letzten Ehren erwiesen hatten, so war wenig gewonnen. Wo hätten diese eoxazoc dpögmp sonst hin- gehören sollen? Älmlich war es mit den Papuas von Neu-Guinea, von denen und deren Sprachen man ohnehin noch sehr wenig wusste. Eine Anfrage bei den Melanesien! schien wenig zu versprechen. Deren Sprachen, soweit man sie n. §. 23. Eigentliche Mischsprachen. 281 kannte, waren doch in der inneren wie der äusseren Form zu verschieden Ton den australischen. Und dann wären doch auf alle FäUe eher die Insulaner wie Ausläufer der Festlandsbewohner erschienen, als umgekehrt Mit Recht schaute Bleek hinüber nach dem grossen asiatischen Continente; aber sein Versuch, die aostralisehen Sprachen mit den dravidischen zu verbinden, hat gerechten Wider- spruch erweckt Die Methode hätte wohl erfordert, dass man zuerst die Sprachen der Australneger unter sich grammatisch und lexikalisch verglich, um das ihnen ursprünglich Gemeinsame festzustellen und damit dann weiter zu hantiren. Allein die Hauptsache, die weithin innerhalb der Familie bestehende Gleichheit in Stoff und Form, lag ohnehin zu Tage, man brauchte nur hinzusehen; und Entdeckungen sind oft Geschenke des Zufalls, der sich an die zünftige Geschäfts- urdnung nicht bindet Mich hatte ein Zufall erst zu den australischen und bald darauf zu den kolarischen Sprachen Torderindiens geführt, und da stiessen mir iTbereinstinMnungen auf, die jedem Anderen in meiner Lage auch ein- geleuchtet hätten, Gleichheiten in den Fürwörtern, den ersten Zahlwörtern, in Xiuneros- und Casusformen imd in einem TheUe der Substantiva. (Allgem. Encyklop. der Künste und Wissenschaften: „Kolarische Sprachen", II. Sect, Bd. XXXVin, S 108.) Hatte ich in der nancowry-nicobarischen Sprache reich- liche malaische Elemente nachgewiesen, so gelang es Ehnst Kuhn, in dieser und in den Sprachen der hinterindischen Mon-Annam-FamiUe kolarische Ver- Avandtschaftsmerkmale aufzuzeigen; und nun hatte ich meinerseits ziemlich leichtes Spiel, den Wortschatz der neuguineischen Maclayküste mit in die Ver- gleiehung zu ziehen. Das war doch derweile eine Etappe auf der Strasse von Indien nach Australien. Fortan darf man also wohl von einer kolaro-austra- lischen Sprachenfamilie reden und von vornherein annehmen, dass zwischen den beiden geographischen Endpunkten Mischlinge sitzen. Was zunächst noch fehlt: der inductive Nachweis kolaro - australischer Bestandtheile in den mela- nesischen Sprachen, scheint eben geliefert werden zu soUen. Ob uns aber nicht neue Überraschungen bevorstehen? Jetzt arbeiten neben den HoUändem Deutsche und Engländer um die Wette an der Erforschung Neu- Guineas. Ein Heftchen: „British New Guinea Vocabularies'', London (1888), liegt vor mir. Ich erwartete, es sollte zu dem, was ich an den Sprachen der Maclay- Küste beobachtet hatte, neue Bestätigung bringen, und finde mich ent- täuscht Sollte dort noch eine dritte Völkerschicht zu Tage treten? Oder wären nur die Zeichen der Urgemeinschaft das eine Mal ärger verwischt, als das an- dere Mal? Wir dürfen unseren Enkeln nicht vorgreifen, wir stehen ja noch in den ärmlichsten Anfängen; ein oder zwei Dutzend Sprachen und Mundarten, vielleicht von Hunderten; denn jenes grosse EUand scheint ein wimmelndes Nest viel- zungiger Völkerschaften zu sein. Und von jenen Sprachen besitzen wir vorläufig fast nichts als magere Vocabularien, die keinen Bück in die Tiefe gestatten. 282 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Gross und külin gedacht ist jene Hypothese, die Lepsiüs in der Einleitung zu seiner Kubischen Grammatik über die genealogischen Verhältnisse der Sprachen Afrikas aufgestellt hat Er theilt den grossen Continent in vier Zonen: die nördlichste ist die semitische, jetzt hamito-semitische, folgende Gruppen in sich begreifend: I. die ägyptische (Altägyptisch und Koptisch); 11. die lybische. der er ausser den Berbersprachen auch noch das Hausa zuzählt; IQ* die kuschi tische: Bedscha, Schoho, Falascha, Agau, Galla, Dankali und Somali. Spätere Ein- dringlinge sind semitisch; IV, abessinisch: Gejez, Tigre, Amharisch, Harari und V. Arabisch. Die zweite Zone theilt er nach geographischen Gründen in drei Gruppen: I. die westliche: Efik, Ibo, Yoruba, Ewe, Akra, Tschi (Odschi), Kru (Grebo, Ge- dobo), Mande (Mandingo, Soso, Bambara, Vei), Temne, BuUom, Wolof; II. die mittlere: Pul, Sonrhai, Kanuri, Teda, Logone, Wandala, Bagrima, Maba, Kon- dschara, Umale ; III. die östliche: Dinka, Schilluck, Bogo, Bari, Oigob, Nuba, Barea. Die dritte, breiteste Zone füllen die Bantusprachen. Die vierte, südlichste endlich nehmen die Hottentotten Und Buschmänner ein. Lepsius nimmt nun an, es sei in den afrikanischen Sprachen der Wort- schatz ausserordentlich wandelbar, daher mit der lexikalischen Vergleichunp nicht weit zu kommen. Entscheidend müsse der Sprachbau sein, der sich spuren- weise selbst in etwaigen Mischlingen erhalten werde. In Rücksicht hierauf charakterisirt er zunächst die Bantusprachen im Gegensatze zu den hamitischen, indem er eine Reihe kennzeichnender Merkmale aufstellt Auf diese Merkmale hin untersucht er die Sprachen der zweiten Zone und glaubt in diesen ebenso- viele nach Art und Grad verschiedene bantu-hamitische Mischlinge zu entdecken. Der Bantu-Sprachtypus sei der urafrikanische, wie er denn noch heute von der zahlreichsten Völker- imd Sprachfamilie vertreten wird. In vorgeschichtlicher Zeit seien von Osten her Hamiten eingewandert, die hätten, südwärts vordringend, zwischen sich und die reinen Bantu jene Mischlingszone gesetzt Woher nun die vierte Zone? Lepsius, wie schon mancher Andere vor ihm, versucht, sie sprachlich mit der ersten zu verknüpfen. In der Vorzeit hätten die Hamiten, die ürafrikaner zeitweilig abdrängend, sich weiter südwärts erstreckt; dann sei eine Rückströmung der Ureinwohner erfolgt, die die südlichsten Ha- miten von ihren Stammverwandten losgerissen, vielleicht noch weiter südwärts getrieben habe. Das grammatische Geschlecht des Hottentottischen sei noch ein Überbleibsel jenes Hamitismus. Dies das Wesentlichste. Auf die anthropo- physiologischen Schwierigkeiten und die Art, wie der Verfasser sie zu überwinden sucht, will ich nicht ein- gehen. Die Schnalzlaute der Hottentotten- und Buschmannsprachen erklart er (S. LXVII) für einen „charakteristischen Ausdruck sprachlicher Indolenz und Verkommenheit'^ Das grammatische Geschlecht aber stellt er (S. XXVI) hocb IL §. 24. Dialektforschung. 283 als ein Zeichen höherer Sittlichkeit und eines reineren Familienlebens, Ihm und der Geschichte von Sem, Ham und Japhet zuliebe sollen wir Japhetiten S«^m s und Ham's Enkel als unsere Tettem anerkennen (S. XXTTT flg.). Es wäre dies nebensächlich, wenn es nicht zeigte, wie starkes Gewicht dieser For- scher auf gewisse Merkmale der inneren Sprachform legte. Dass die uralaltaischen Sprachen in anderen Punkten, zumal in den Grundsätzen des Wort- und Satz- baues, den indogermanischen weit näher stehen, als die hamito-semi tischen, scheint er zu übersehen oder zu unterschätzen. Die lexicalische Tergleichung aber ist Niemandem zu erlassen, der SprachTerwandtschaften behaupten will. Die Sprachen der gelben Südafrikaner jedoch zeigen nicht einmal in den Für- imd Zahlwörtern hamito-semitische Anklänge, — bantuische freilich auch nicht. Dagegen hat A. DE Grecobio (Cenni di glottologia bantu, Torino 1882) mit leichter Mühe in den Sprachen der nordwestlich und westlich vom Golfe von Guinea wohnenden Völker unverkennbare Spuren einer bantuischen Verwandtschaft nachgewiesen. Wo sich ein kleines, thatkräftiges Volk durch Einverleibung anderer zu Macht und Grösse erhebt, da scheint die Sprache besonders schnell abgenutzt zii werden. Die markigen Züge des Angelsächsischen sind in wenigen Jahr- hunderten zum Englischen verblichen. Jene Tungusenstämme, die im Mandschu- völke vereinigt China erobert haben, sprechen eine weit verschliffenere Sprache als ilire in Horden lebenden, halbwilden Stammesvettem. Und zwei der ältesten Cultursprachen, die chinesische und die ägyptische, tragen schon in ihren frühesten Denkmälern ein weit verwischteres, moderneres Gepräge, als ihre jüngeren Verwandten. So muss es der Geschichtsforscher an zwei verschiedenen Stellen erleben, dass das Alter der ältesten Urkunden zu der Alterthümlichkeit der Sprachen fast im umgekehrten Verhältnisse steht. §. 24. Dialektforechung. Die Arbeit der historischen Sprachforschung ist recht eigentlich mikro- skopisch, sollte es wenigstens sein. Ob es gelte, den Wandelungen eines Einzel- iautes oder des ganzen Lautsystems, den Veränderungen in den Bedeutungen der Wörter oder im Gebrauche gi-ammatischer Formen nachzuspüren: immer Sollten ihr die Vergleichsobjecte um so willkommener sein, je näher sie einander selbst und den beobachtenden Augen des Forschers liegen, — vorausgesetzt nur, dass sie noch unterscheidbar sind. Nur die Schranke, die die menschliche Schwäche setzt, darf hier gelten; denn wo es sich um die Beobachtung eines ^^erdens handelt, da steht der Werth der Beobachtung im umgekehrten Ver- hältnisse zur Grösse der beobachteten Abstände. Geflissentlich treibe ich auch diesmal wieder die Sache auf die Spitze. Ich setze den Fall, in einem ein- 284 III, II. Die innere Sprachgeschichte. saraen Gebirgsdorfe leben Grossvater, Vater und Sohn; alle Drei haben nie die Heimath verlassen. Und nun untemähne es Jemand, die Individualsprachen der Drei auf ihre feinsten Unterschiede hin zu untersuchen, mit photographischer Schärfe schriftlich zu fixiren. Und dann nach ein paar Jahren wiederholte er dieselbe Arbeit, wiese nun in einer jeden der drei Individualsprachen die kleinen Veränderungen nach, wie er vorher ihre kleinen Verschiedenheiten untereinander aufgezeigt hatte: — wäre die Arbeit menschenmöglich, so glaube ich, ihre Ergebnisse wären nicht hoch genug zu veranschlagen; der schein- bare Sonderling, der sie durchzuführen wüsste, hätte ohne Weiteres Sitz und Stimme da, wo es sich um die grundsätzlichsten Streitfragen der Sprach- geschichte handelt Und so gar überspannt, wie sie scheint, ist die Sache doch nicht Auch wo Schulzwang und alle die von fremdher kommenden sprachlichen Ansteck- ungen keinen Einfluss üben, kann man in einzelnen Fällen wahrnehmen, wie sich die Sprache von Geschlechte zu Geschlechte ändert Die Bauern der Altenburger Gegend haben eine Art Modalpartikel „meech" (ursprünglich wohl: meene ich, meine ich), etwa soviel besagend wie: „relata refero": „Er kann (oder könnte) meech heute nicht kommen" ( — er oder die Seinen haben es gesagt). Zu Anfang dieses Jahrhunderts lebte noch ein Mann, der stattdessen ,,minch" sagte, und deshalb den Spitznamen Minch trug. In der gleichen Bedeutung wurde damals wohl noch ab und zu „halch" (= halte ich) gesa^, das nun schon längst ausser Gebrauch gesetzt ist Dort waren noch vor Kurzem und sind vielleicht noch jetzt die alterthümlichen Wörter nunmehro und Jiin- füro in Allerwelts Munde: es müsste sich nachweisen lassen, wie sie allgemach verdrängt werden und verschwinden. Das Wort itzunder hört man in Ober- sachsen noch ab und zu von alten Leuten, die es in der Anwendung gar wohl von itzt zu unterscheiden wissen. Die jüngeren Geschlechter aber, wenigstens in manchen Gegenden, haben das breite, alterthümliche Wort ans ihrer Rede verbannt. In diesem alten, verkehrsreichen Culturlande, in Land- schaften von kaum einer Quadratmeile Umfang, wo wir Femerstehende schwer- lich eine leise mundartliche Yerschiedenheit entdecken würden, kommt es vor, dass ein Bauer die Heimath des anderen, der kaum eine Meile weit von ihm zu Hause ist, mit annähernder Sicherheit aus der oder jener sprachlichen Eigen- thümlichkeit erkennt Deucht es uns, als sprächen die jungen Leute noch ganz wie ihre "Väter, so können uns diese eines Besseren belehren: die heutige Sprache braucht insoweit nicht der Schriftsprache ähnlicher geworden zu sein. aber sie ist anders als jene, die die Alten von ihren Eltern gehört haben, und die ihnen noch in den Ohren klingt Hier ist die Enge des Gesichtskreises ein wahrer Vorzug, denn auf ihr beruht die Schärfe des Unterscheidungsvermögens. Wie klein mag nun das Gebiet, und wie gering die Seelenzahl unserer ind»> 11. §. 24. Dialektforschung. 285 germanischen Altvordern gewesen sein, ehe sie mundartliche "Verschiedenheiten untereinander wahrnahmen? Und war es erst einmal so weit gekommen, so war schon der erste Anstoss zu particularistischer Sonderung gegeben, wenn nicht gemeinsame Bedürfnisse, etwa feindliche Nachbarn, dafür sorgten, dass das Gefühl der Stammesgemeinschaft noch eine Weile lebendig blieb. War aber das der Fall, so werden Zwischenheirathen von Stamm zu Stamm dialektische Mischungen mit all ihren unberechenbaren Launen herbeige- führt haben; die Articulation wurde unsicher, zweierlei Aussprachen desselben Wortes liess man als gleich richtig gelten, bis sie sich etwa in ihren Bedeu- tungen differenzirten und nun zu zwei anerkannt verschiedenen Wörtern wurden. Pas mittelhochdeutsche joh = doch hat sich, wie früher erwähnt, in mittel- deutschen Dialekten erhalten: da antwortet man auf eine verneinende Frage oder Behauptung nicht mit ja. sondern mit jö. Diesem entspricht in der Mund- art des weimarischen Togtlandes lautgesetzlich gu; aber dies wird nur als Modalpartikel gleich dem schriftdeutschen ja, doch gebraucht, — in der Ant- wort heisst es, ganz wie in den Nachbardialekten, xö, und auf affirmative Fragen x<^ =i«. A sagt: „Du warst gu nicht dabei." B erwidert: ,,^0, ich war dabei!" Einen Mann namens Jakob konnte man von seinen Nachbarn bald Xaküp bald Gäkop rufen hören. Letzteres war das lautgesetzlich Erforderte, Ersteres mochte in dem xa ^^r Antwort und etwa noch in der schulüblichen Aussprache des biblischen Namens seine Stütze finden, jedenfalls aber galt Beides für gleich richtig, wenn auch jeder Dorfbewohner für seine Person die eine oder andere Form bevorzugen mochte.*) Was uns heute als Thatsache entgegentritt, dessengleichen war offenbar auch in urgeschichtlicher Zeit möglich; und so haben sich denn neuerdings auch die Indogermanisten darein gefunden, diesen unbequemsten aller Factoren mit in Rechnung zu ziehen. Es erinnert an jene geordneten Rückzugs- bewegungen, die nach militärischen Ehrbegriffen an Ruhme dem Siege nahe kommen. Überall ausser im Altindischen hatten sie es nicht mit Beobachtungen eines wohlgeübten Gehöres, sondern mit mehr oder weniger mangelhaften Laut- aufzeichnungen zu thun; die nutzen sie aus mit aller Pedanterie einer unbeug- samen Methode. Und nun war es schliesslich eine That der Selbstüberwindung, wenn sie sich durch jene Methode selbst zur Anerkennung ursprünglicher dia- lektischer Doppelformen bewegen Hessen. In der Wissenschaft bestimmt sich oft der Werth eines Erwerbes nach der Art, wie er erlangt worden. Man ist sehr weit geschweift, luid das Gute lag sehr nahe. Alle die sprachbildenden Kräfte, die unsre heutige Indogermanistik entdeckt zu haben *) Mein Vater hat dies auf seinem Gute Lemnitz bei Triptis beobachtet und mich seiner Zeit darauf aufmerksam gemacht. 286 III, II. Die innere Sprachgeschichte. glaubt und nun so geist- und kunstvoll zusammenwirken lässt: die Feinheiten der Articulation und die Folgerichtigkeit der Lautentwickelung, die Analogie- und Neubildungen, die Satzphonetik und die Einflüsse der Betonung, die Ent- lehnungen und Mischungen, — sie alle müssten, nur noch viel lebensfrischer, in jedem beliebigen Dialekte zu beobachten sein. Um diese Kräfte aber, um die Grundsätze der geschichtlichen Sprachvergleichung, handelt es sich doch in erster Beihe. Denn ob zehn einander gleich nahestehende indogermanische Dialekte heute gesprochen werden, oder vor etlichen tausend Jahren gesprochen worden sind, ist für den sprachwissenschaftlichen Werth dieser Dialekte un- erheblich, weil- der indogermanische Sprachbau doch im Wesentlichen überall der gleiche geblieben ist Nur das archäologische Interesse macht hier einen Werthunterschied : man möchte gar zu gerne wissen, wie und wovon unsere halbwilden Altvordern geredet haben. Den archäologischen Werth der Dialektforschung hat man längst schätzen gelernt Vieles Alte, was sich in der Sprache der Literatur und der Gebildeten verwaschen imd verschliffen hat, lebt, mehr oder minder rein erhalten, auf den Dörfern weiter. Ich erinnere an eines der bekanntesten Beispiele, an die ei und au unserer Schriftsprache. Die meisten Mundarten unterscheiden noch scharf, ob das ei aus i oder ai, das au aus ü oder ou entstanden ist und sagen z. B. „eens, zwee, drei, ein Haus imd ein Boom", plattdeutsch: „een, twee, drie, n Hus un 'n Boom". Uns erklärt sich das leicht aus den älteren Phasen und den Schwestersprachen, die wir kennen. Wo aber beide unerreichbar sind, in den isolirten Sprachen, kann jede dialektische Abschattung imschätzbaren £r- kenntnisswerth erlangen. Hier bietet sich nun ein Arbeitsfeld, das der Freund unserer Wissen- schaft mit den spärlichsten Werkzeugen bebauen kann. Es kommt aber auch darauf an, dass sich recht Viele an der Arbeit betheiligen, und dazu sollten nicht nur wir Sprachforscher, sondern die Regierungen selbst auffordern und anregen. In der That sind hier Sprach- und Volksgeschichte innig miteinander ver- quickt, und die letztere steht ja überall unter besonderem staatlichen Schutze. Neben den Trachten und Sitten, vielleicht mehr noch als Beide, müssen die Mundarten von der Herkunft der Gaubewohner zeugen. Seit dem zwölften Jahr- hundert sitzen deutsche Colonisten vom Niederrhein imd Flandern in Sieben- bürgen, und heute noch redet man in der Bistritzer Gegend fast genau so, wie in Luxemburg. Die Sprache hat sich in den siebenhundert Jahren verändert — das ist zAveifellos; aber hüben und drüben sind die Veränderungen in gleicher Richtung und fast in gleichem Schritte geschehen. Jene Siebenbürper haben sich in einer Art stolzer Vereinsamung gehalten; welche Stürme auch über das Land ge*hen mochten: die Sprache genoss eines fast ungestörten Still- II. §. 24. Dialektforschung. 287 lebens. Wie steht es nun mit der Mundart jener Salzburger Ansiedler in Litauen, deren Vorfahren erst vor anderthalbhundert Jahren ihr Bergland ver- lassen haben? Sie sind von Anfang an hineingezogen worden in das Leben des norddeutschen Staates; weder Stolz noch Furcht oder Hass konnte sie bindern, sich ihren neuen Landsleuten auch gesellig anzuschliessen: hier müsste also ein rascheres Hinschwinden des Dialektes zu beobachten sein. Femer: um (len alten Limes sorabicus herum sind weithin deutsche und slavische Orts- namen gemischt Manche der ersteren zeugen noch von der Herkunft ihrer ereten Bewohner: Sachsen, Bayern, Franken, Schwaben, Vlämingen. Die Ger- manisirung der dazwischen wohnenden Sorben und Wenden muss fast überall ziemlich rasch von statten gegangen sein; nur stellenweise noch hat der Bauer Erinnerungen an die alte Stammverschiedenheit gewählt und betrachtet wohl, wie man es im Königreiche Sachsen hören kann, das Beiwort „wendisch'' oder ..Übereibisch" als eine Art Schimpf. Anderwärts sind die Gegensätze völlig geschwunden, die Yolksstämme gemischt, und der stolze Dorf- und Erchspiel- particularismus fragt nicht mehr nach den ehemaligen Grenzen des Volksthumes. ijanz spurlos kann aber doch die slavische Sprache nicht verklimgen sein. Es waren doch so und soviele slavische Köpfe und Münder, die sich das Deutsche aneigneten, das heisst zunächst, es sich köpf- und mundgerecht machten. Da- mit war ein neuer Dialekt geschaffen, natürlich ein fehlerhafter. Der mochte sich im Laufe der Zeit imter dem Einflüsse der deutschen Nachbarn bessern. Doch das setzte einen fortgesetzten Verkehr voraus, das heisst einen Austausch, das heisst also auch umgekehrt eine gewisse Einwirkimg der slavischen Bade- brecherei auf die reindeutsche Sprache der Colonisten. Diese waren ja selbst in vielen Gegenden dialektisch gemischt, stammten aus verschiedenen Gauen Hoch- und Niederdeutschlands. Aber sollte nicht doch am Ende eine ver- gleichende Untersuchimg jener Ostgrenzmundarten gewisse gemeinsame Merk- male aufzeigen, die nur slavischen Einflüssen zuzuschreiben wären? Die Tntersuchung wäre lohnend, auch wenn ihr Ergebniss verneinend ausfiele; denn auch dann wäre sie für die „Principien der Sprachgeschichte" ver- werthbar. Die beschreibenden und erzählenden Wissenschaften verdanken den ge- bildeten Bewohnern des platten Landes sehr viel. Heimathssinn und Liebe zur Heimathskunde brauchen hier nicht erst geweckt zu werden. Gelänge es aber, für die Dialektkunde Freiwillige zu werben, so zu sagen ein Netz von Be- obachtungsstätten über das Land zu ziehen: so wäre viel gewonnen. Die Be- obachtung zu organisiren, die Beobachter zu schulen und zu ermuntern, sollte nicht schwer fallen; vor den Opfern und Kosten braucht Keinem zu bangen, — eher vielleicht vor der Weisheit derer, die die Kosten bewilligen und die Opfer bringen sollen. 288 III, II. Die innere Sprachgeschichte. § 25. Stande88pracheii. Die Ciütursprachen beweisen, dass die Sprachen sich nicht nur nach Raum und Zeit, sondern auch nach den Volksclassen spalten. Gesellschaftliche Stellung und Berufsart bringen es mit sich, dass sich die Bevölkerung in verschiedene engere und weitere Kreise zusammenschliesst, deren Angehörige vorzugsweise untereinander verkehren, mithin nach dem Gesetze von der Sprachnüschung mehr Anregung voneinander, als von auswärts empfangen. Dabei können doch diese Anregungen in anderem Sinne völlig fremde sein. Ein grösserer Bau, Bestellung und Ernte auf landwirthschaftlichen Grundstücken ruft massenhaften Zuzug an fremden Arbeitern herbei. Meist kommen diese schaarenweise aus demselben Lande: Italiener zu Strassen- und Eisenbahnbauten, Schweden und Polen auf die norddeutschen Güter, Westfalen, s. g. Hollandsgänger, nach Hol- land; Österreich, zumal wohl Böhmen, liefert Kellner und Musicanten, die Schweiz Bäcker in die Städte und Milchwirthe auf's Land u. s. w. So em- pfangen verschiedene einheimische Berufsclassen von verschiedenen Gegenden des Auslandes her sprachliche Einflüsse. Die deutsche Gaunersprache hat von dem Hebräisch der polnischen und rheinischen Juden, die spanische (Germania) von dem Deutsch der Landsknechte einen Theil ihres Wortschatzes entlehnt Aber auch ohnedem mussten sie sich sprachlich sondern. Vom Unter- schiede zwischen Bauern und Städtern sehe ich ab; er ist ja doch auch örtlich, und es ist natürlich, dass der Eeinbürger einer grösseren Stadt mehr von der Sprache der Gebildeten annimmt, als jener eines Landstädtchens oder ein Bauer. Auf das kommt es hier an, was sich im Schoosse des eigenen Berufs- und Gesellschaftskreises herausbilden muss. Offenbar hängt die Entwickelung un- serer Sprache mit davon ab, worüber und in welchen Gedankenreihen wir am Meisten nachdenken. Das zeigt sich selbst an den gebildeten Classen, z. B. in den häufigen „eventuell'' und den Gonjunctiven Imperfecti der Juristen, deren Wissenschaft ja ein grosser Conditionalis ist. Schärfer aber tritt es bei denen hervor, deren Gesichtskreis beschränkter ist Hier bewegt sich Gedanke und Eede in sehr engen Kreisen, der Wortschatz ist einseitig entwickelt, 'der Geist wie der Körper zu gewissen Übungen ebenso geschickt, wie zu anderen un- gefüge und schwach. Und wie tief beeinflusst der Beruf das Temperament Unser verbesserter Schulunterricht und eine billige Presse wirken ja auch hier bis zu einem gewissen Grade ausgleichend. Und doch nicht ganz. Denn auch von der zweiten Natur, der angewöhnten, gilt das „usque recurret". Mit Eecht hat sich die Forschung auch mit diesen Standesspnfchen befass-t wenn auch die Schriftsteller nur selten Sprachforscher vom Fache sein mochteu. Anregungen zu sprachgeschichüichen Untersuchungen. Irrlichter. 289 Begreiflich auch, dass sie sich den grellsten Formen mit Vorliebe zuwendete, den Ausdrücken der Jäger, Bergleute, Schiffer, Studenten und zumal dem poli- zeilich wichtigen Gaunerjargon. Zwei Fragen scheinen mir nun auch für die Sprachgeschichte im weiteren Sinne erheblich: erstens die Herkunft jener Aus- drücke und zweitens ihre etwaige Aufnahme in den Wortschatz der allgemeinen Sprache. Letzteres liegt offenbar um so näher, je gebildeter die betreffenden Stände sind, und je mehr sie sich an der Literatur betheiligen, oder je mehr Interesse auch die übrige Bevölkerung an dem Treiben der betreffenden Classe nimmt* So sind Studentenausdrücke wie Philister, Kneipe, Paukerei, einpauken, anpumpen, in's sprachliche Gemeingut übergegangen; und kohlen, schmusen, pleite gehen. Einem einen Zinken stechen, vertuschen, Moos, Penne, Kassiber, zum Theil Wörter hebräischer Herkxmft, verdanken wir der Gaunersprache. Was der soldatischen Bedeweise angehört, empfindet man im Yaterlande der allge- meinen Wehrpflicht längst nicht mehr als fremd, und in den Hafenstädten hat man sich seit Jahrhunderten an die Sprache der Seeleute gewöhnt. Auch der Süden unseres Vaterlandes wird sich diesen Einflüssen auf die Dauer nicht ganz erwehren können. Dafür schleppen die Norddeutschen aus den österreichischen Gasthäusern, den bairischen Brauereien, den Senn- und Jagdhütten der Alpen manches Wort mit nach Hause, das ihre Vorfahren nicht verstanden hätten. Die Sprache des Kaufmanns verräth bekanntlich noch heute die italienische Schule, und das Niederdeutsch der Harzer Bergleute hat nicht nur im übrigen Deutschland, sondern auch in Schweden Nachhall gefunden. §. 26. Zusatz L Anregungen zu eprachgeechlchtlichen Untersuchungen. Irrlichter. Wo in vergleichenden Forschungen die Ähnlichkeiten nicht haufenweise zu Tage liegen, ist man immer zunächst auf Einfälle angewiesen. Die können glück- hch oder unglücklich sein, sich im weiteren Verfolg bewähren oder als nichtig erweisen, imd auch im letzteren Falle verdienen sie noch lange nicht allemal Tadel. Dem Forscher, der in neue Gebiete vordringen möchte, geht es wohl wie der Spinne, die es dem Winde überlassen muss, wohin er ihren Faden wehen wird, — und darin gleichen jene Einfälle den Winden, dass man nicht weiss, von wannen sie kommen und wohin sie gehen. Ist aber einmal die Fadenbrücke gebaut, dann mag man auch versuchen, ob sich nicht ein dauer- haftes Netz daran spinnen lässt. Ich glaube dem Leser zu dienen, wenn ich ihm ein paar solcher Einfälle mittheile, von denen ich selbst noch nicht weiss, ob sie sich bewähren mögen. 1. Die bauliche Ähnlichkeit des Japanischen mit dem Mandschu, — natür- T. d. Gabelenti, Die SpruhwisteoMhaft. 2. Aufl. 19 290 III, IX. Die innere Sprachgeschichte. lieh auch mit dessen Verwandten, — fällt Jedem ohne Weiteres auf. Die geistige Verwandtschaft ist unleugbar; es fragt sich nur, ob auch eine leibliche Ver- wandtschaft bestehe? Nun heisst mandschu ji (spr. dsi), japanisch Ä», kommen; davon der Imperativ mandschu ju (spr. dschu\ japanisch Äo, — Beides unregel- mässig und auffallend parallel laufend. Ich folge der Spur und finde: mandschu japanisch ju% plur. ju'Se Jco = Kind je^ imperat jefu Teuf (— t, — u) = essen. Weiter denke ich daran, dass die mandschuischen Zahlwörter denen der übrigen ural-altaischen Sprachen verwandt sind, und dass das Wort für Zwei mandschu juwe^ in anderen tungusischen Sprachen jür^ mongolisch aber koyar lautet. Es fragt sich, wie weit man damit kommt, weim man mandschuisches j gleich ja- panischem und mongolischem Tc ansetzt, — denn bewiesen ist noch gar nichts. 2. Dass das Chinesische vor Alters, gleich anderen Sprachen seiner Familie, die Auslaute l imd r gehabt habe, ist anzunehmen. Auch das ist zu vermuthen, dass aus der Sprache des alten Culturvolkes schon sehr frühe Lehnwörter in die Sprachen seiner Nachbarn übergegangen seien. Nun heisst chinesisc h koreanisch mä mal, Pferd sst sily Seide tsieü üul, Wein; femer mandschu: morin, Pferd, sirge, Seide, aber nure, Wein. Mandschu ning- gun = sechs aber entspricht dem mongolischen dsirgugan; also wäre es denk- bar, dass das anlautende n von nure gleichfalls einem älteren ds oder ähnüchen Laute entstammte. Wäre dem so, dann liesse sich auch weiter mandschu: niyalma (spr. nalma) = Mensch, mit koreanisch saläm vergleichen. 3. Vielleicht ist überhaupt ursprüngliches anlautendes n im Mandschu ver- loren gegangen. Das Genitivsuffix hat neben der älteren, wahrscheinlich durch Inlautsgesetze erhaltenen Form ni die jüngere — t. Dann entspräche: mandschu japanisch omi nomi = trinken cJco (a-kö) nabu = nicht seiend ai nani = was? 4. An japanisch mi = Leib, selbst, Person, erinnert mandschu beye, das ganz das Gleiche bedeutet, vielleicht auch bi ich, mi-ni mein. Dann pa.ssten zusammen n. §. 26. Zusatz I. Anregungen zu sprachgesch. Unters. Irrlichter. 291 mandschu japanisch bedere modar- = zurückkehren ha = Ort ma = Baum. Dagegen haben statt der mandschuischen AccusatiTpartikel be andere tungusische Sprachen i€ä, wozu sich das japanische wo besser schickt. Dies Alles nimmt sich nun recht einladend aus, man möchte den Spuren weiter nachgehen, glaubt schon des Erfolges halbwegs gewiss zu sein. Aber wie luftig ist das Gespinst, wenn man es näher betrachtet! Das Koreanische mit den uralaltaischen Sprachen zu vergleichen, ist an sich schon gewagt. Ge- wisse syntaktische Ähnlichkeiten bestehen wohl; die theilen aber auch andere Sprachfamilien von suffigirendem Baue. Weder die Pronomina noch die Zahl- wörter stimmen zusammen; ebenso wenig die Casussuffixe.*) Das Koreanische besitzt, im Gegensatze zu den uralaltaischen Sprachen, ein Xominativzeichen. Die Verschiedenheiten der Decllnationen und Conjugationen beruhen in den uralaltaischen Sprachen wesentlich auf dem Vocalismus (dem Harmoniegesetze), im Koreanischen auf dem Stammauslaute, der sehr oft consonantisch ist Wo die Verwandtschaften nicht nahe sind, da ist mit Einzelsprachen hüben und drüben gar nichts anzufangen, da muss man statt des Mandschu den ganzen uralaltaischen Sprachstamm, statt des Chinesischen die grosse indochinesische Familie oder doch ihre wichtigsten, alterthümlichsten Vertreterinnen in's Ge- fecht führen; imd lautlich so verschliffene Sprachen wie die chinesische imd japanische in ihren uns bekannten Zuständen müssen erst aiif ihre älteren Laut- formen zurückgebracht werden. Mandschu ai = was, mit japanisch nani zu vergleichen wird man Bedenken tragen, wenn man das entsprechende x^^ ^^ den nächstverwandten tungusischen Dialekten kennt, das offenbar alterthümlicher ist (Vergl. auch orin, xoren = zwanzig). Soviele Vorarbeiten sind nöthig, ehe man mit gesunden Sinnen und gutem Gewissen derartigen Einfällen nachgehen dart Hätte ich übrigens, statt mich auf Ostasien zu beschränken, meine Fäden nach Afrika oder Amerika hinüberspinnen wollen, so würde ich wahrscheinlich nicht weniger Stoff zu Combinationen gefunden haben, nur wäre dann das Wag- niss augenfälliger gewesen, und man hätte entweder an meiner Gutgläubigkeit oder an meinem gesimden Verstände zweifeln dürfen. 5. Wie es Einem mit solchen Combinationen ergehen kann, wenn man sich einmal da in's Spiel mischen will, wo man nur Dilettant ist, habe ich selbst erfahren. Ich verglich englisch to speak mit deutsch sprechen, englisch to spit mit deutsch spritzen (neben spützen), dann deutsch schlitzen mit lateinisch sein- *) Eher liessen sich die koreanischen Wörter für 1, 2, 3, 4 mit den entsprechenden des Aino yergleichen: 1 Tiäna: sine^ 2 tul\ tu, 3 »eis: re^ 4 neis; ine. Doch auch das beweist nichts. 19* 292 Ulf II. Die innere Sprachgeschichte. dere, schlürfen (neben schürfen) mit serpere^ schlucken (neben saugen) mit sugere. schlafen (neben schwedisch sofva) mit sopar (sanskrit ^'svap)^ Schlamm mit englisch swamp, Meder (-wisch, neben Feder) mit sanskrit patra = Flügel, fliehen mit fugere^ fliessen mit fundere. Darauf hin glaubte ich einem germanischen Infixe — l — , — r — auf der Spur zu sein. Wie mich aber Indogermanisten be- lehrt haben, hält von diesen Vergleichen ein Theil vor der Lautgeschichte nicht Stich, und die übrigen scheinen nichts zu beweisen, Prä-Infixe, das heisst solche, die auf den Anlaut folgen, statt vor dem Auslaute eingeschoben zu wer- den, sind ohnehin in suffigirenden Sprachen nicht zu vermuthen, und unorga- nische Einschiebsel würden eine lautgesetzliche oder psychologische Erklärung erfordern, die erst noch zu suchen wäre. Allerdings werden dergleichen wohl auch von Germanisten angenommen. Beiher, altsächsisch hreiera^ wird mit Heiger, Thräne, mittelhochdeutsch auch ^roÄer, mit Zähre, Käsen, im älteren Niederdeutsch wrase, mit Wasen, Wechsel mit angelsächsischem wrixl ver- bunden; für Pumpe sagt man in Obersachsen Plumpe. Ähnlich mag es sieh mit Guffe und Glufe = Stecknadel verhalten. Unorganische Einschiebsel sind wohl in Fremdwörtern am Erklärlichsten. So z. B. ist der Name Pf ister (latei- nisch pistor) in Obersachsen zu Pfnister, Pflister geworden. Woher aber der ganz ungebräuchliche Anlaut pfn? Eine ähnliche Enttäuschung wurde mir ein andermal, als ich in den Wörtern Carmen, germen, terminus die Wurzeln can = singen, gen = zeugen und ten = dehnen oder halten, zu entdecken meinte. Der Sinn passte, dieselbe Lauter- scheinung kehrte dreimal wieder. Alles schien in bester Ordnung, — nur die sprachgeschichtlichen Thatsachen, von denen ich nichts wusste, sprachen ein entschiedenes Nein. Ob nun nicht doch unsere heutigen Sprachenvergleicher im Verneinen und Bezweifeln manchmal zu weit gehen? Was nicht nach erkannten Lautgesetzen zusammenstimmt, soll nicht zusammengehören. So wimmeln denn die etymo- logischen Wörterbücher von Wörtern und Wurzeln, die nur einer engeren Fa- milie angehören sollen, die also entweder überall sonst verloren gegangen oder an einer Stelle neu geschaffen sein müssen. Im ersteren FaUe wäre die Ur- sprache erstaunlich reich gewesen. Entlehnungen aus Nachbarsprachen anderen Stammes sind wohl möglich; ebenso heimische Neubildungen aus überkommenen Wurzeln. Woher aber die neuen Wurzeln, die doch wohl nur zum kleinsten Theile spontane, onomatopoetische Erzeugnisse sein können? Mir scheint, wo sich die Wurzeln verwandter Sprachen einigermassen in Erlang und Sinn ähneln, sollte man immer lieber einen unerklärlichen Lautwandel, das Walten eines noch unerkannten Lautgesetzes oder unsichere Articulation, als eine noch unerklär- lichere Neuschöpfung vermuthen. Ähnliches dürfte da gelten, wo man um des Lautwesens willen eine Entlehnung annimmt, ohne zu sagen, auf welchem Wege II. §. 27. Zusastz II. Sprachvergleichung und Urgeschichte. 293 eine solche möglich war, wenn man z. B., wie ich es irgendwo gelesen, einem schweizerischen Worte niederländische Herkunft ansinnt, ohne dass anch nur versuchsweise angedeutet wäre, warum die Schweizer gerade in diesem Falle, und warum sie gerade bei den Niederländern geborgt hätten. §. 27. Zusatz n. Sprachvergleichung und Urgeschichte. Eigentlich thut die historisch -genealogische Sprachvergleichung mit jedem ihrer Schritte einen Blick in die Vorgeschichte der Völker. Freilich einen Blick durch den Schleier und manchmal einen Blick in den Nebel. Wissen wir, dass Völker sprachverwandt sind, so glauben wir zunächst, flass sie stammverwandt seien, das heisst, dass es eine Zeit gab, wo sie zusanunen ein Volk bildeten. Aber wie haben sich in geschichtlicher Zeit die Völker- und Sprachgrenzen durcheinander geschoben, wie mögen sie sich schon in vorge- schichtlicher Zeit gekreuzt haben. Die Bürger des Negerstaates Haiti sprechen französisch, und auf der iberischen Halbinsel reden die Nachkommen von Basken, Germanen und Mauren eine romanische Sprache. Es giebt keinen indo- germanischen Völkertypus, so wenig wie es einen ural-altaischen giebt, und die Anthropologen streiten, woher das Blond der Germanen und Kelten und jenes der Finnen? Aus charakteristischen Gleichheiten des Sprachbaues schliessen wir auf eine ausgeprägte Eigenart der Denkgewohnheiten bei dem Urvolke. Manchmal, wie bei den amerikanischen Jägervölkem, den Uralaltaiem, Malaien, Semiten, Bantunegem und Australiern, scheint es, als könnten wir hierin gar nicht irren, weil die Geistesart der Rasse scharf ausgeprägt, und ihre Lebensweise sich ver- muthlich seit Jahrtausenden gleichgeblieben ist Andere Male, vorab bei uns Indogermanen selbst, haben sich die Volksarten so gespalten, dass das Altge- meinsame nur fleckenweise durch eine dicke Schicht des Neuen und Ver- schiedenen hindurchblickt Und wieder andere Male, bei den Indochinesen, zeigt sogar der Sprachbau eine Mannigfaltigkeit, die im günstigsten Falle nur mühsam, vielleicht auch niemals die ursprüngliche Form wird erkennen lassen. Besonders wichtig scheinen die lexikalischen Übereinstimmungen. Man sollte meinen, was Alle gleich benennen, müssen auch Alle gleichmässig gekannt haben, der gemeinsame Wortschatz stelle den gemeinsamen Vorrath an Vor- stellungen, mithin den Urzustand der Gesittung dar. So müsste sich aus Pott's oder Fick's indogermanischen Wörterbüchern das geistige Inventar unserer Ur- elteru herauslesen lassen, und aus diesem sich dann der Schluss ergeben auf ihre Heimath, ihre Lebensweise und Gemüthsart, ihre sittlichen und religiösen 294 III, II. Die innere Sprachgeschichte. Yorstellungen, kurz auf ihre ganze Gesittung. Nichts anziehender, als solchen Gedanken zu folgen und auf dem Gefährt der Sprachwissenschaft die Keise in\s Nebelheim der Urgeschichte zu wagen. Man glaubt so sicher zu fahren- und so klar zu sehen. Das erste umfassende Werk dieser Art waren wohl A. Pictet's Origmes indoeurop^ennes (Paris 1859). Daneben ist zu nennen: An albert Kuhx's Auf- satz: Zur ältesten Geschichte der indogermanischen Völker (in Weber's Indischen Studien, Bd. V), dann A. Fick's Buch Die ehemalige Spracheinheit der Indo- germanen Europas (Göttingen 1873), endlich 0. Schbader's Sprachvergleichung und Urgeschichte (Jena 1883, 2. Aufl. 1889), ein besonders anregendes Bueli. Auch Max Mülleb's vielgelesene Arbeiten zur vergleichenden Religionsgeschichte und gewiss noch viele andere, mir unbekannt gebliebene Versuche, Theile un- serer Vorgeschichte durch Sprachenvergleichung zu erschliessen, gehören hierher. Eine jüngst erschienene Abhandlung von B. Delbbück: Die indogermanischen Verwandtschaftsnamen, ein Beitrag zur vergleichenden Alterthumskunde (Leipzi^r, Abh. der K. Sachs. Ges. d. Wiss. 1889) wendet sich gegen zwei Seiten: einmal gegen gewisse rosenfarbene Malereien, deren zufolge das Familienleben unserer Urahnen von fast idealer Gemüthstiefe gewesen wäre; und dann gegen jene Anderen, die dem Kindheitsalter unsres Geschlechtes ein nahezu viehmässiges Herdenleben zuschreiben, Matriarchat, Kindergemeinschaft und wohl noch Ärgeres. Jon. Schiodt: Die Urheimath der Indogermanen und das europäische Zahlsystem (Abh. d. K. Pr. Akad. d. Wiss. 1890) zeigt, wie die Sexagesimal- rechnung unserer Vorfahren auf uralte Culturbeziehungen zu den Sumero- Akadem deute. Die Literatur auf diesem Gebiete wächst rasch an, und ich will nicht versuchen, sie zu verzeichnen, da ich sie zu würdigen nicht compe- tent bin. Auf Eins aber möchte ich hier nochmals hinweisen: nicht die Wanderungen an sich, sondern der Verkehr, die Mischungen wirken am Meisten # dahin, dass die Sprachen entstellt werden. Auf Island, in der Abgeschiedenheit, hat sich das Skandinavische alterthümlicher erhalten, als in seiner Urheimath. — Einen Versuch, den Gesittungszustand des finnisch-ugrischen Un'olkes nach sprachlichen Zeugnissen zu schildern, hat 0. Donner gemacht. Immer gelten doch solche Untersuchungen in erster Eeihe der äusseren Lage der Urahnen: wo wohnten sie? was trieben sie? wovon lebten sie? wie war ihr Gemeinwesen geordnet? Tiefer in's innere Leben dringen schon die religionsgeschichüichen Fragen, — vielleicht noch tiefer, weil noch mehr ins Elementare, jene, die die Etymologie zu beantworten sucht, und jene weiteren, die die Sprachen familienweise auf ihren geistigen Gehalt und Werth prüfen. Diese letzteren gehören aber der allgemeinen Sprachwissenschaft an. n §. 28. Zusatz III. Die Wurzeln. 295 §. 28. Zusatz m. Die Wurzeln. Was versteht man unter Wurzeln? Soviel ich sehe, wird die Frage ver- schieden beantwortet, jede dieser Antworten hat ihre gewisse Berechtigung, der Ausdruck ist also mehrdeutig und solange er dies ist, unbrauchbar. I. Die vorsichtigste und wie mir scheint noch immer zutreffendste allge- meine Definition dürfte diese sein: Wurzeln sind die letzten erkennbaren be- deutsamen Lautbestandtheüe der Wörter. Damit ist freilich nicht die Sache beschrieben, sondern nur ein Becept zu ihrer Darstellimg gegeben: Zerlege die Wörter etymologisch, sieh zu, wie weit Du damit kommst, wenn Du glaubst an 's Ende des Zerlegens gelangt zu sein, so magst Du die gewonnenen Elemente Wurzeln nennen! n. Dies klingt zunächst wie schnöder Hohn. A ist zaghaft in der Analyse, möchte um keinen Preis etwas unlösbar Verbundenes zerreissen und zählt seine Wurzeln nach Tausenden auf. B geht kühner zu Werke, scheidet und zer- schneidet den Stoff in immer kleinere Stückchen, gelangt am Ende zu einigen Dutzenden einfachster Sylben, denen entsprechend vage Bedeutungen beigelegt werden, und nennt das sein Wurzelverzeichniss. Unter den Indogermanisten smd wohl die Göttinger Th. Benfey imd Fick hierin am weitesten gegangen. Man sieht, Wurzel ist ein sehr subjectiver Begriff. IIL Und doch scheint gerade diese Subjectivität im Grunde berechtigt. Stellten wir uns zunächst auf den einzelsprachlichen Standpunkt, so erkannten wir, dass dem sprachschaffenden Geiste ein etymologisches Bedürfniss inne- wohnt, welches, je nach der Sprach- und Volksart, hier lebhafter dort mit mehr Zurückhaltung verlangt, dass in der Rede auch die Theile der Theile bedeutsam seien. Wir erkannten weiter, dass sich hierzu ein lautsymbolisches Gefühl ge- sellt, dem es behagt, mit ähnlichen Lauten ähnliche Vorstellungen verbunden zu sehen. Setzen wir nun an Stelle des Erkennbaren imd Erkannten das vom Sprachgefühle Empfundene, so müssen wir zugeben, dass in diesem Sinne jede Sprache in jeder ihrer geschichüichen Phasen Wurzeln hat IV. Freilich: was für Wurzeln? Welches sind die Wurzeln von fliessen, floss, flössen, Kuss, flüssig, — von binden, Band, Bänder, Bund, bündig, — ^on fallen, fiel, Fälle, — von sterben, stirb, starb, gestorben, stürbe? Hier sind es doch, — immer im Sinne der Einzelsprache, — nur die gemeinsamen Consonanten. Und in diesem Verstände redet man mit Recht von dreiconso- nantigen semitischen Wurzeln. Wo aber der Vocalismus im Sprachgefühle eine s^ gewaltige Rolle spielt, wie bei den Semiten, da könnten und sollten wir 296 III, II. Die innere Sprachgeschichte. folgerichtig noch von einer zweiten Axt Wurzehi, etwa den thematisclien, reden und z. B. qaiü, tödtend, bezeichnen als eine Durchdringung der Wurzeln qtl = tödten und /«/ehaft ihrerseits, wenigstens in einem Bezirke ihres weiten Gebietes, geradezu lie Spielraumtheorie zu verlangen schiene. Als ich das Baskische mit den Berber- sprachen verglich, hatte ich zunächst das lautliche Verhalten der baskischen Dialekte untereinander festzusteUen. Hier wechselten mm mehr oder weniger oft 1. Die Tenues i, tj p je mit ihren Mediis g^ d, b] 2. Die Mediae g, d, b untereinander; 3. ebenso, doch selten, die Tenues i, t, p; 4. sehr oft die Gutturale k und g mit den Zischlauten ch(=tS)^0(=^g\ts,t0; 5. sehr oft die Zischlaute untereinander; 6. g und h, p und /; 7. die Liquidae r, l, n, ä; 8. viermal g und r, h und 7, d und I, einmal p und l, und zweimal b imd /. Dabei verhielten sich nur in den wenigsten Fällen die Dialekte gegeneinander consequent Ich gebe hier zur Probe die Statistik von sieben Lautvertretungen innerhalb der vier Dialekte: Guipuzcoanisch (g.\ biscaisch (&.), labourdinisch (l) und niedemavarresisch (bn,). I 1 • ; u. IlL r IV V. VI. 1 vn. u ! f k 9 1 1 P b g z z 8 g b 1 d r i- 6 11 6 8 ! 5 1 4 2 1 5 1 1 1 5 1 1; 3 2 b. 8 4 7 7; 1 4 2 3 2 3 4 2 F 1 2 3 "* 1 1] 1 l 6 1 7 10 9 < 3 5 4 3 7 w, 5 3 1 3 bn. 5 8 5 5 2 3 3 i 1 13 6 3 2 1 2 1 1 i 1 1 1 1 1 j Merkwürdig nun, das Kabylische weist ganz entsprechende Lautschwan- kungen auf, sogar den Wechsel zwischen Labial und Zitterlaut: dreimal b und r, viermal 6 und l. Natürlich finden sich analoge Lautvertretungen zwischen dem Kabylischen und dem Baskischen; die Übereinstimmungen mussten sehr zahl- reich und sehr einleuchtend sein, imi überhaupt Beweiskraft zu haben. Aber zu diesen Übereinstimmungen gehört eben auch die auf beiden Seiten herr- Viertes Buch. Die allgemeine Sprachwissenschaft. I. Capitel. Ihre Aufgaben. Thatsächlich befinden wir uns längst mitten drin in der allgemeinen Sprach- wissenschaft Was ich von der einzelsprachlichen Forschung gesagt habe, gut wenn anders es richtig ist, nicht nur von dieser oder jener, sondern von allen Einzelsprachen. Und die Grundsätze der historisch - genealogischen Forschung: wollen nicht nur für eine einzelne Sprachfamilie, sondern für alle gelten. Aucii waren die Erkenntnisse, zu denen wir gelangten, nicht diesem oder jenem be- schränkten Sprachgebiete abgewonnen, sondern sie beruhten entweder auf der Natur der Sache oder auf einem möglichst weiten Kreise von Erfahrungen. Für jene begrenzteren Forschungen beanspruchen sie eigentlich nur hodege- tischen Werth: sie zeigen, was der Forscher bei seinen Arbeiten wahrzunehmen, und worauf er unter Umständen gefasst zu sein habe. Offenbar ist hiermit die Aufgabe der allgemeinen Sprachwissenschaft noch nicht erschöpft Diese Wissenschaft hat das menschliche Sprachvermögen selbst zum Gegenstande. Sie will dies Vermögen begreifen, nicht nur in Rücksicht auf die geistleiblichen Kräfte und Anlagen, aus denen es sich zusammensetzt sondern auch, soweit dies erreichbar ist, dem ganzen Umfange seiner Ent- faltungen. I Es handelt sich zunächst um ein Begreifen, das h'eisst um ein Zurück- führen auf Gründe. Wir wollen wissen: Wie kommt die Menschheit zur Sprache? warum hat sie ihre Sprachen so mannigfaltig entwickelt? Bald aber wird es sich zeigen, dass diese Sprachen nicht nur Gebilde, sondern auch Bild- nerinnen der Völker sind; und dann werden wir weiter fragen müssen: Welchen Antheil haben sie an der geistigen Entwicklung der Völker? worauf beruht ihr verschiedener Werth? Jetzt gilt es nicht mehr der Herkunft, sondern es gilt den Wirkungen, also dem Werthe der Sprachen, nicht mehr den Mächten §. 1. Allgemeines. 303 und Schicksalen, durch die sie so geworden, wie sie sind, sondern den Kräften, sser Theil des Tages zum Einnehmen der Nahrung verbraucht wird, wie bei weiden- den Grasfressern. Offenbar ist der Mensch in dieser Hinsicht besonders glücklich beanlagt. Fleisch- und Pflanzenkost ist ihm genehm; neben den warmblütif^en Thieren yerschmäht er auch Fische und Muscheln nicht Dafür wählt er aber unter den Pflanzen die nahrhafteren, Nüsse, Obst, mehlige Wurzeln und K()mer: nur schlechtnährendes Gras und Laub lehnt sein Magen ab. Der Vortheil ist nicht zu unterschätzen. Einmal ist es doch wieder ein Stück jener Vielseitiir- keit, die der Vemunfteutwickelung zugute kommt Dann aber ist es ein Gewinn, wenn das Nahrungsbedürfniss leic'ht Befriedigung findet und Körper und Geist nicht ganz von thierischen Bedürfnissen und Thätigkeiten in Anspruch genommen werden. Endlich mag ja auch etwas Wahres sein an jenem vielgeschmähten Satz«* des rohen Materialismus: Was der Mensch isst, das ist er: die Ernährung des Körpers hat bestimmenden An theil an der Ernährung des Geistes und Geraüths. Günstig ist es nun auch, dass der Mensch nicht an periodisch wie Lehrers aufzubürdeh; und ehe der Erstgeborene herangereift ist, hat sich läng>r jüngerer Nachwuchs eingestellt und sorgt dafür, dass die Eltern der Gewohnlieit des Familienlebens treu bleiben. Nun verkörpert dieses Leben, um nochmals grammatisch zu reden, die sämmtlichen Personalpronomina Singularis, Duali> und Pluralis; die FamUio oder Sippe fühlt sich als dauernde Einheit anderen Familien gegenüber, „Wir'-' treten in Gegensatz zu „Euch" und „Ihnen*', leb glaube, das ist nicht blosse Wortspielerei. Wo konnte das persönliche Fün^'.'rf besser wurzeln, als in der Gewohnlieit eines fortgesetzten Familienlebens? Manch- mal ist es sogar, als enthielten die Sprachen Erinnerungen an den Zusammen- hang zwischen den Vorstellungen des Weibes und des Du. Das Chinesische bezeichnet Beide mit dem Worte nü (witi, nü, zii). Ähnlich ist es, wenn in Sprachen der Thai-Familie die Sjlbe me die Bedeutungen „Du" imd „Mutter* in sich vereinigt In der Conjugation des Tuareg dienen dieselben Präfixe der zweiten Person beider Geschlechter und der dritten Feminini. Das Gleiche gilt §. 3. Psychische Grundlagen. 307 mehr oder minder in allen semitischen Sprachen. Auch im Dankali, Somali, Saho, Galla und Bilin, in beiden letzteren mit gewissen Ausnahmen, sind die Conjugationsformen der 2. pers. sing, und der 3. pers. fem. sing, einander gleich. §. 3. Psychische Grundlagen. Man schiebe dem menschlichen Familienleben die rohesten Beweggründe unter, der Eheschliessimg das sinnliche Bediirfniss, dem Zusammenhalte zwischen •Jen Gatten, den Eltern und Kindern die Macht der Gewohnheit: immer bleibt die veredelnde Wirkung. Das Ich erweitert sich zum Wir, das heisst es ver- zichtet auf einen Theil seines Egoismus zu Gimsten Jener, mit denen es sich verbunden fühlt Und dies Gefühl, wenn man es in Worte überträgt, besagt, was in so vielen Ldedem gesungen wird: Ohne Dich mag ich nicht leben, oder: Von Dir will ich nicht lassen! Es sind das Liebeserklärungen, jenes Gefühl heisst Liebe, zunächst nicht im Sinne des Begehrens, sondern in jenem der Anhänglichkeit. Der Einzelne fühlt sich innerhalb seiner Gattung als Glied eines engeren Verbandes. Innerhalb dessen individualisirt er sich und seine Genossen, und nach Aussen hin unter- scheidet er seinen Verband von allen übrigen. Dergleichen findet sich auch in der Seele des Thieres. Will man es aber in Sprachkategorien übersetzen, so mag man sagen: drinnen für die Angehörigen die Rufnamen, draussen die Fa- ■ niiliennamen und Appellativa. Wenn der Geist lernt, classificirend Gattimgen, Arten und Individuen zu unterscheiden, ein- und unterzuordnen: so muss ich das Hauptverdienst daran dem Gemüthe zuschreiben und seiner Perspective, die das Nächste am Schärfsten unterscheidet, das Entfernte mit sicherem Überblicke pnppenweise zusammenfasst Nun erweitert aber der Mensch, wo immer es seine Lebensbedingungen er- lauben, den Kreis, dem er zugehören will, über die Grenzen der engeren Fa- milie hinaus. Die Familien schliessen sich zu Clans, Stämmen, Horden zu- sammen, vereinigen sich in Dörfern oder wandernden Lagern, und auch diese Vereinigungen sind dauernd. Sehen wir von jenen vereinzelten Fällen ab, wo eine öde Natur das Beisammenwohnen grösserer Menschenschaaren verbietet, so finden wir allerwärts das Wort vom ^(3ov jtoXinxov bestätigt. In der That muss die menschliche Gesellschaft in jenen enveiterten Gestaltungen immer ein staatliches Gepräge annehmen. In der Familie herrscht Unterordnung; unter den verschiedenen Familien, ihren Häuptern und Gliedern muss Nebenordnung bestehen, vielleicht gleichmässige Unterordnung unter das gemeinsame Stammes- 20* 308 IV, II. Die Grundlagen des meuKchlichen Sprachvermögens. Oberhaupt. Die nächsten Zwecke des Gemeinwesens sind gesetzt: Schutz nach Aussen, gegenseitige Hülfe nach Innen. Nun wird sich mit der bürgerlichen Tugend des Gemeinsinnes auch dessen garstige Kehrseite geltend gemacht haben, die neidische Eifersucht, die dem Nachbar nachrechnet und nachmisst, und dann der Zank um das Mein und Dein. Alledem begegnen wir ja auch im Thier- leben. Uns aber kommt es hier nur darauf an, zu sehen, in wie mannig- faltigen Richtungen das Mittheilungsbedürfniss auch durch die roheste Gesellig- keit geweckt wird. Jene andere Spur, die geraden Weges in das rechtsphilo- sophische Gebiet führt, lassen wir unverfolgt Gewiss hat der Wille früher und mächtiger gewirkt, als die Reflexion. Mit den Gefühlen der Lust und der Unlust waren eigentlich die Kategorien des Satzes und des contradictorischen Gegensatzes schon gegeben; — der conträn« Gegensatz, die Gleichgültigkeit, blieb natürlich latent Doch auch im Seelen- leben klärt sich Manches durch fremde Zusätze. In meiner Lust, meiner Unlust fallen noch sozusagen Subject und Prädicat in Eins zusammen: A ist J., und B ist B. Nun sehe ich, dass ein Anderer Lust oder Unlust empfindet, und be- obachte mein gemüthliches Verhalten dabei, ob es sympathisch, antipathisch oder gleichgültig ist, und wenn es mir nicht gleichgültig ist: in welchem Grade e> auf mich einwirkt, wie ich mehr oder weniger lebhaft an Freud und Leid meines Freundes theilnehme, wie mich der Jubel des Feindes mehr oder minder heftig verdriesst, in welchem Masse mich die Schadenfreude ob seiner Qaalen kitzelt Jetzt tritt mir auch die Gleichgültigkeit in 's Bewusstsein: der Andere empfindet heftig, und ich bleibe kalt Soll ich dies Alles in Gleichungen fassen, so setze ich Ä = ich, B^ C^ D = Andere, l = Lust oder Unlust, jf^, j^,, g^ = Grad der Lust oder Unlust, und nun erklärt die Sympathie: Blxg^ = Älxg^ die Antipathie: Clxg^ = — Alxg^ die Gleichgültigkeit: Dlxg^ = J.ZxO = 0. Es wäre Spielerei, dies weiter auszuspinnen. Bedeutsamer noch ist uns ein anderer Trieb, den der Mensch gleichfalls mit den höheren Thieren geraein hat, nämlich den Spieltrieb, die Langeweile, die nach Zeitvertreib sucht und ihn in beliebigen Kraftbethätigungen findet Gewiss haben unsere Urahnen auch ihre beweglichen Stimmwerkzeuge spielend geübt, ganz so, wie es noch heute sprachlose Kinder thuen. Den Nachahmungstrieb hat der Mensch mit den Affen und mit manchen Vogelarten gemein, er ist ja wohl nur eine Unterart des Spieltriebes. Aucb ihm wird der Mensch seine Stimme dienstbar gemacht haben. Töne und Geräusche, die er vernahm, wiederholte er, froh, wenn die Nachahmung täu- schend gelang. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir unsem Altvordern ein sanguinisoh §. 3. Psychische Grundlagen. 309 erregbares Temperament zuschreiben. Wer imponiren will, spielt den Stoiker; sein gleichgültiges Benehmen soll beweisen, wie erhaben er über die kleinen Leidenschaften der Menge ist. Und wer sich in leutseligem Gethue Niederen gegenüber gefällt, der schwatzt, lacht, gesticulirt und schneidet Fratzen, macht sich zum Affen und nennt es affabel. Eine Art richtigen Gefühles liegt aber doch auch dem zu Grunde, wie so manchen Fehlem schlechter Schauspieler. Auch der Urmensch wird seine Gemüthserregungen mit lebhaften Gesten und Rufen begleitet haben. Er that es zunächst aus innerem Drange, es waren Ke- tlexbewegungen. Seinen Genossen aber waren sie verständlich; der Aufschrei der Furcht wurde ihnen zum Wamungsrufe, Töne der Silage oder der Freude lockten sie herbei zur Hülfeleistung oder zum Mitgenusse. Nun aber bemächtigte sich das Spiel auch dieser Mittel, man liess diese Rufe zum Spass erhallen und lachte dann wohl über die Genossen, die man grundlos aufgeregt hatte. Die Lüge wird nicht viel jünger sein, als jene Vor- läufer der menschlichen Sprache. Sicher war auch das verbreitetste unter den menschlichen Lastern, die Eitelkeit, unsem Vorfahren nicht fremd. Man suchte einander zu übertreffen, wetteiferte in der Arbeit, im Spiele, wohl auch in dem spärlichen Reichthume des primitiven Haushaltes. Ein mächtiger Antrieb zur Vervollkomnmung. Neugier und Geschwätzigkeit sind Zwillingsschwestem, gleich dem Spiele Kinder der Langenweile, zudem natürliche Zugaben einer sanguinischen Ge- müthsart Man kann sich denken, wie gerade durch sie die Ausbildung der >>prache mächtig gefördert wurde. Man erinnere sich: die Emährungsbedürfnisse waren leicht und schnell befriedigt Viel Zeit blieb übrig, viel Gelegenheit zur Langenweile, also viel Anlass, nach Kurzweil zu suchen. Die fand man im ^^piele und in dem, was damals für einen gemüthlichen Schwatz gelten mochte. Tnd wenn das auch anfangs nicht viel besser war, als etwa jenes Gackern, wo- mit die Bewohner des Affenhauses sich unterhalten: mit der Zeit wurde es doch mannigfaltiger und feiner, und immer diente es dem Zwecke, die Anderen etwas wissen zu lassen. Wir greifen wieder, immer noch allegorisch, zum gram- matischen Ausdrucke und sagen: Jetzt trat zum Optativ, Imperativ \md ihren Gegentheilen auch der Indicativ, zum Vocativ auch der Nominativ. Mit Recht ist auch an die Rufe imd Gesangweisen erinnert worden, mit denen die Menschen gemeinsame rhythmische Arbeit zu begleiten pflegen, z, B. das ruckweise Heben imd Ziehen eines schweren Körpers. Der Ruf wurde leicht conventioneU und dann zum Ausdrucke für die Thätigkeit selbst. Um nun den Sprung vom Verbum in's Nomen nicht blindlings zu thun, stellen wir uns folgenden Fall vor: Ein Hund bellt. Ein Mensch ahmt es ihm spielend nach: Hau-hau! In den Seelen seiner Mitmenschen erweckt er 310 IT, II. Die Grundlagen des menschlichen Sprachvermögens. dadurch eine Gesammtvorstellung, deren Inhalt wir auf dreierlei Weise in Worte fassen können: Ein Hund bellt, Ein bellender Hund, Das Bellen eines Hundes. Der Ausdruck ist gleichgültig, das Bild, das den Menschen vorschwebt i.^t immer dasselbe. Nun ist das Bellen eine hervorragende Eigenschaft des Hunden in zweifachem Sinne: einmal zeichnet es den Hund vor aUen anderen Thieren aus, und dann ist es die Bethätigung, durch die der Hund am Häufigsten und Mächtigsten auf unsere Sinne einwirkt; wir können nicht Hau-hau hören, oIil«* an einen Hund zu denken. So werden diese Laute naturgemäss zum ständigen Symbole des Thieres, auch wenn es zeitweilig nicht bellt. Jetzt kehren wir zur menschlichen Neugier zurück. Die Neugier fragt, wenn nicht in Worten, jedenfalls in Gedanken. Zerlegen wir uns den seelischen Thatbestand der Frage. 1. Der Pragende hat eine unvollkommene, lückenhafte Vorstellung. Zum Subjecte fehlt das Prädicat: Wie steht es mit NN.? Zum Prädicate fehlt da> Subject: Wer ruft? Was ist gefallen? Oder es fehlt ein Theil des Subjectes oder des Prädicates: Welcher Hund hat gebellt? Woher kommt NN.? Was hat er in der Hand? Warum ruft er? Oder endlich, es fehlt die Copula, man weiss nicht, ist sie positiv oder negativ: Kommt er? Bringt er etwas mit? Schreit er, weil er Schmerz empfindet? 2. Der Fragende ist sich dieser Lückenhaftigkeit semer Vorstellung bewu>>t und wünscht ihr Abhülfe zu schaffen. Also empfindet er, dass die Vorstelluni: zusammengesetzt und zerlegbar ist, er trennt das Subject vom Prädicate, die Thätigkeit vom Objecto u. s. w. Die vollständige Vorstellung ist ungetheilt umi kann ungetheilt bleiben. Die unvollständige Vorstellung des Fragera dagegen ist ohne Weiteres getheilt in bekannte und unbekannte Grössen. So wird jener Trieb zum Fragen und Forschen, den ich Neugier nannte, zur Zerlegung der Vorstellungen im Denken und Sprechen anleiten. Mache ich einen knurrenden Himd nach: Rmr! so ist es wahrscheinlich, dass ich den Hörern die ent- sprechende Gesammtvorstellung erwecke. Menschliche Sprache ist es aber noch nicht; denn der Ausdruck ist noch ungegliedert. Denke ich aber daran, da>> ausser den Himden auch andere Geschöpfe knurren, dass die Hunde auch An- deres thuen können, als knurren: so werde ich et^va sagen: „Hau-hau rrrrr!" Damit ist die Rede gegliedert, und ich stehe mit beiden Füssen auf dem Boden menschlicher Sprache. Auch an Zank mid Lüge müssen wir denken, um uns zu vergegenwärtigen, wieviel Anlass der Mensch hatte, die zerlegende und kritische Ejaft seines Geistes zu üben. Begabte Kinder gefallen sich oft sehr früh in närrischen kleinen §. 3. Psychische Grundlagen. Sil Sylbenstechereien, .Geistesspielen, die oft in heftigen Streit ausarten, und in (it'iien doch das Aufflackern eines wissenschaftlichen Erkenntnisstriebes mit der vermeidlichen Schlacke der Rechthaberei sehr deutlich wahrzunehmen ist Und um weiter an kindliches Treiben zu erinnern: wie gern spielen die Kleinen auch an der Sprache herum, verdrehen imd verändern ihre Laute, er- finden neue und haben ihre Freude daran. Ich wüsste nicht, warum es die rnnenschen nicht ähnlich getrieben haben sollten; und wie unversiegUch frische Knifte wurden dadurch der Sprachentwickelung zugeführt Der Mensch hat so vielerlei und so frühzeitig erfunden, und gerade bei der Sprache sollte sein er- finderischer Sinn gar keinen Antheil gehabt haben? Erfand er doch auch Me- li ««lien und Rhythmen, wenn er sang, und gesungen wird er ebenso früh haben, wif» gesprochen. Vielleicht gab es eine Zeit, wo Gesang und Rede noch gar nicht unterschieden wurden. Doch das ist nebensächlich. Jetzt greifen wir einen Augenblick in's physiologische Gebiet zurück. Des Menschen Stimme ist nach Alter und Geschlecht verschieden, nie sind ihr alle Höhenlagen gleichmässig erreichbar. Solange sie spielend die Töne und Ge- niiL^che nachahmt, thut sie sich allen Zwang an, um möglichst täuschend zu wirken. Das Gehör gewöhnt sich aber doch daran, dieselben Rufe aus ver- vhiedenen Mündern etwas verschieden klingen zu hören, und das Vorständniss nimmt keinen Anstoss daran. So wird nun auch, wo es nur dem Zwecke der Vt^rständigung gilt, der Bequemlichkeit ihr Recht; man bemüht sich nicht länger um natui^etreue Nachbildung, wenn die Anderen auch ohnedem merken, was tr^-meint ist Nun wird der Naturlaut zu einem conventioneilen, aus der Nach- bildung eines Concreten, Individuellen, wird ein gemeingültiges, abstractes Sym- b »1. Erst hatte man, so gut man konnte, jedes Gebell jedes Hundes in Stimm- laiTH und Rhythmus genau nachgemacht Nun gilt hau-hau ein- für allemale dU Bezeichnung des Hundes und seines Gebelles; höhere Stimmlage und leb- hafterer Rhythmus mögen dann etwa das Verbum vor dem Substantive aus- z^-it'hnen: P t t hauhau hauhauhau = der Hund bellt Ähnliches beobachten wir wohl bei den Sprechversuchen fi^T Kinder. Der Sprachlaut aber, selbst der onomatopoetische, muss sich den Fe^^ehi der SchaUmimik entrungen haben, um wahrer Sprachlaut zu werden; er muss abstrahiren, generalisiren, denn alle Sprache, selbst die roheste, bewegt ^i« h in Abstractionen und nennt das Einzelne mit dem Namen der Gattung. Wir dürfen annehmen, dass unsere Altvordern ihre Rede mit lebhaftem ^»'•sten- und Mienenspiel begleitet, oft auch durch solche optische Mittel ersetzt 312 lY. n. Die Grundlagen des menschlichen Sprachvermögens. oder ergänzt haben. Was führte sie nun dazu, die Stimm- und Gehörsorgane vorzugsweise und am Ende fast ausschliesslich mit dem Geschäfte der Terstän- digung zu betrauen? Vor Allem wohl die Natur der Objecto selbst Solche sind in ei'ster Reihe die Empfindungen des Menschen, deren Ausbruch zugleich, wenn auch ungewollt^ eine Aufforderung an die Mitmenschen enthält Freude, Angst, körperlicher oder seelischer Schmerz, Schreck, Erstaunen: sie alle drängen unmittelbar zu Stimm- äusserungen. Zweitens erregt Nichts in der Aussenwelt so sehr die Aufmerksamkeit des Menschen, wie der unerwartet in's Gehör fallende Ton und die heftige Be- wegung, die auch hörbar zu sein pflegt Nun ist der Zustand des wachen Menschen der, dass er fortwährend etwas sieht, oft aber gar nichts hört, sei es, dass innerhalb seines Gehörkreises kein Schall ertönt, sei es, dass er der leisen und gewohnten Geräusche, wie etwa des Summens kleiner Insecten, nicht Acht hat Darum ist der Gehörssinn viel mehr den heftigen Überraschungen ausf^e- setzt, als der Gesichtssinn, darum führt er viel öfter dem Gemüthe heftige Er- regungen zu. So ist der Zuruf das beste Mittel, um die Aufmerksamkeit der Mitmenschen auf uns zu ziehen, und er ist auch da wirksam, wo uns die Blicke Anderer nicht erreichen können. Dazu kommt, dass Gesichtseindrücke gleich- zeitig vielerlei, Gehörseindrücke dagegen fast immer nur Eins auf einmal zu enthalten pflegen; man sieht viele Dinge zugleich, nimmt aber in der Regel auf einmal nur einen Schall deutlich wahr. Und jeder einzelne Gegenstand zeigt eine Mehrzahl optischer Eigenschaften: Grösse, Gestalt, Farbe, Ruhe oder Be- wegung irgend welcher Art, — während unter seinen möglichen akustischen "Wirkungen immer nur eine besonders sinnfällig und bezeichnend sein wird. Drittens kann der Mensch mit seinen körperlichen Mitteln die Geräusche und Töne der Aussenwelt leichter und verständlicher nachahmen, als ihre Ge- stalten oder gar ihre Farben. Wo freilich die akustischen Vorstellungen fehlen. da musste mit optischen Mitteln nachgeholfen werden, und dieser Zwitterzustand der Sprache wird sehr lange angedauert haben. Wir werden bald weiter rer- folgen, wie er doch am Ende durch allerlei Übertragungen überwunden werden konnte. Wir dürfen aber schon jetzt von symbolisirender Onomatopöie reden. Das Thier wird mit dem Tone, den es hervorzubringen pflegt, benannt auch werm es schweigt Das Brechen, Fallen, Rollen, Schneiden, Reissen u. s. w. kann mehr oder minder geräuschlos geschehen; jenes Geräusch aber, von dem es andere Male begleitet war, bleibt nun sein conventionelles Zeichen. Aber noch mehr: Das Geinüth wird von verschiedenen Gehörsempfindungen sehr verschieden erregt, — • recht eigentlich gestimmt; der Körper hat, je nach der Art wie er berührt wird, sehr verschiedene Empfindungen, die wieder in ganz bestimmter Weise auf das Gemütli wirken, und auch diese Berührungen, das Scldagen. §. 4. Laute und Töne in der Ursprache. 31S Schütteln, Stossen, Stechen, Streichebi u. s. w., können hörbar oder unhörbar geschehen. Nun arbeitet die Sprache in Analogien: das Stumme macht sie tönend, und das Körperliche überträgt sie aufs Gemüthliche. Sie ist eine ge- schickte Bildnerin und schafft in geschmeidigem Stoffe. Vielleicht hat auch B. Boubdon (d'expression des 6motions et des tendences dans le langage, Paris 1892 p. 38 flg.) Recht, wenn er auf das feine Taktgefühl der Zunge hinweist und vennuthet, die Zunge bewege sich so, dass sie selbst etwas Ähnliches empfinde, wie sie mit ihren Lauten ausdrücken wolle, sie schaffe sich selbst das Gefühl des Druckes, des Gleitens, Streichehis, Kitzeins u. s, w. und erzeuge dabei entsprechende Schallwirkungen. Der Hörer brauchte dann das Gehörte nur nachzuahmen, um an der eigenen Zunge Gleiches zu empfinden. Hier wäre also die Spracherzeugung auch imitativ, aber die Nachbildung gelte dem Tastsinne, die Schallwirkung wäre nur ein begleitender Nebenumstand. Die Hypothese ist gewiss feinsinnig; schon Btren hatte eine ähnliche aufgestellt; mir scheint sie mehr glänzend als einleuchtend. Genug, schon jetzt haben wir vom Standpunkte des strenggläubigen Dar- winismus aus ein recht buntes, wenn auch nicht gerade ein liebliches Bild vom Seelen- und Sprachleben unserer Altvordern gewonnen. Und seltsam, das Beste dabei musste sehr trüben Quellen entfliessen: Neid, Langeweile, Spieltrieb, Lüge, Eitelkeit, Neugier, Geschwätzigkeit, Alles musste mitwirken, um den sprechenden Menschen zu bilden. Wohl jede seiner Eigenschaften finden wir auch bei Thierea wieder, nirgends sonst aber, die guten inbegriffen, sie alle so beisammen. Vielseitigkeit der körperlichen und seelischen Beanlagung, ihr entsprechend wechselvolle Mannigfaltigkeit der Schicksale und Beschäftigungen, stets zu- nehmende Menge der leiblichen und geistigen Bedürfnisse: das war es, was den Menschen zum Denker \md Sprecher machte. Denn Beides, Denk- und Sprach- vermögen, musste hinfort, sich wechselseitig fördernd, aneinander emporranken. §. 4. Laute and Töne in der Ursprache. Der Gedanke liegt nahe, es müsse die Phonetik der ältesten menschlichen Sprache besonders einfach gewesen sein: wenige Vocale, — man hat wohl an die drei angeblichen TJrvocale a, f, u gedacht, — und sehr wenige Consonanten, etwa dieselben, die wir zuerst von kleinen Kindern hören. Ich kann dies nicht glauben; dies eine Mal scheint mir der Rückschluss von der Kindersprache auf die Ursprache verfrüht. Der Urmensch, wenn anders das Bild, das wir vorhin von ihm zu gewinnen suchten, zutrifft, schuf nicht nur eigene Laute, sondern lauschte auch der Aussen- welt ihre SehaUwirkungen ab und übte sich diese nachzuahmen. So ward die 314 IV. u. Die Grundlagen des menschlichen Sprachvermögens. ganze Natur seine Sprachlehrerin, und sein Sprach- und Stimmorgan sehr mannig* faltig gebildet. Die Zwischenstufen der Vocale, die ä, c, o, ö, ü u. s. w., wurden ihm geläufig, — insofern sind sie jedenfalls ebenso ursprünglich, wie die drei „Urvocale" a, i, m; das Rauschen, Zischen, Spritzen und Summen, das um Um her ertönte, lehrte ihn die ^, 5, i, g anwenden; in krachenden, rollenden und riesehiden Geräuschen sprach ihm die Natur verschiedenerlei r und { vor; und galt es, den Knall einer berstenden Nuss, das Schnalzen und Zirpen verschie- dener Thiere nachzubilden, so musste er sich mit jenen Schnalzlauten behelfen, die noch heute in südafrikanischen Sprachen erklingen. Auch seine Singstimme hatte, jetzt brüllend, brummend oder heulend, jetzt kreischend oder näselnd, jetzt wohl auch in reineren Tönen mitzuwirken. Ausdrucksvoll war die Intensität der Hervorbringung, bald für die innere Stimmung, bald für die Stärke des äusseren Geschehens, die freilich wieder stimmend wirkte. Noch mochten die Tenues und Mediae, vielleicht sammt ihren Aspiraten, nur Gradverschiedenheiten ausdrücken, sonst frei untereinander ver- tauscht werden, wie noch heute in manchen Sprachen. Dass die Ursprache durchgängig und ausschliesslich aus Einsylbem be- standen habe, ist nicht glaublich. Schon das Kind gefällt sich in Doppelungen, imd die Aussen weit, zumal die Thierwelt, giebt uns deren in Menge zu hören. Aber auch zu Verbindimgen verschiedenlautiger Sjlben bot die Natur dem Menschen Vorbilder, so im Knattern und Dröhnen eines nahen Donners oder eines stürzenden Baumes und in den Rufen mancher Vögel. Andrerseits konnten auch manchmal vocallose Explosivlaute der Darstellung besser dienen, als volle Sylben. Brennendes Holz z. B. lässt oft ein douüiches 6' vernehmen; f und pf, ph* sind Laute des Spuckens und heftigen, blasenden Ausathmens. Wenn man an die verwandten Demonstrativlaute der meisten Sprachen denkt, so gewinnt man von den Manieren unserer Altvordern kein sonderlich anmuthiges BUd. Der Fortschritt aber, den das Lautwesen im Laufe der Zeit zu machen hatte, wird weniger in der Einführung und Unterscheidung neuer akustischer Mittel, als in der Ausscheidung mancher der vorhandenen bestanden haben, in einer Art natürlicher Zuchtwahl. Die gebräuchlichsten, darum bequemsten vertraten die selteneren, verdrängten sie allmählich. Mir ist leider hiefür kein besseres Beispiel zur Hand, als jenes ^a^a der kleinen Kinder, das bedeutsam krächzend mit zwei entschiedenen ^Ain gesprochen wird. Diesen Laut haben manche Sprachen in überraschender Einhelligkeit durch das ihnen geläufigere h ersetzt so z. B. viele indogermanische, das Mandschu, • das Syrjänische, das Tibetische, das Quechua, das Odschibwe. Das stilisirte Lautzeichen trat an Stelle des ge- treuen Abbildes, ganz wie das optische Zeichen in der. hieratischen Schrift gegen- über der hieroglyphischen Malerei; die Sprache entrang sich der Sklaverei ihrer Vorbilder, und eben hierin lag eine That wahrhaft menschlichen Fortschrittes. §. 5. Die Personificirung, Beseelung und Belebung. 315 Absichtlich habe ich mich auch diesmal wieder mit der flüchtigea An- deutung von Wahrscheinlichkeiten begnügt. Dichten, phantasiren kann man ja in 's Endlose. Eine leidlich erschöpfende, inductive Erforschung der Naturlaute in der Ursprache, wenn sie überhaupt je möglich werden sollte, würde genea- lojrisch-historische Arbeiten voraussetzen, von deren Ergebnissen wir Jetztlebenden uns keine Vorstellung machen können. §. 5. Die Personificirung, Beseelung and Belebung. Der Mensch erkennt im Mitmenschen Seinesgleichen, beurtheilt ihn nach sich und urtheilt damit in der Regel richtig. Im Thiere erkennt er ein ihm ähnliches Wesen, sucht und findet in ihm dieselben Bedürfnisse und Leiden- scliaften, auch annähernd dieselben Kräfte, die ihn selbst bewegen. Auch die- selben geistigen Kräfte; dprum mag Kinder \md kindliche Völker die Thierfabel ganz anders anmuthen, als uns. Aber auch mit dem Pflanzenreiche und mit der ganzen Welt des Unorganischen weiss sich der Mensch bald in freundlichem bald in feindlichem Verkehre. Ob ilm ein Dom ritzt, eine Katze krallt, oder ob ihn ein Mitmensch seine Jsägel fühlen lässt: seine Empfindung ist die gleiche, — wanun soUten Jene, die ihm den Schmerz verursacht, nicht auch das Gleiche beabsichtigt haben? warum sollte er dem Einen mehr zürnen, als dem Anderen? Das Kind, das sich gegen die Tischkante stösst, prügelt den Tisch: „Warf, du böser Tisch!" Der Tisch wird ihm ein Du, eine zweite Person, die also auch ihr Ich haben wird, ein böses, feindliches Ich. Ein liebes Spielzeug aber küsst es, und wenn es recht blank geputzt ist, freut sich das Kind gleich mit in die Seele der Sache hinein, denn es hat eben die Sache beseelt. Auch uns Er- wachsenen imd Gebildeten kann es, wenn wir nicht froschkühl sind, in unbe- wachten Momenten ähnlich ergehen. Dann lassen wir an Sachen, die uns ärgern, unsern Arger aus, zerknicken die Feder, die nicht schreiben will, oder rufen ihr eine Verbalinjurie nach, während wir sie wegwerfen. Der Zorn thut dabei die Hauptsache; denn dem Widerspenstigen legen wir eher einen eigenen Willen unter, als dem gefügigen. Bei rohen Völkern thut aber auch die Furcht ihr Theil. Was mir schaden kann, das kann ich vielleicht durch Bitten und Wohl- tJiaten versöhnen, sodass es nicht mehr mir, sondern meinen Feinden schadet, niir ein Bundesgenosse, ein Schutzgott (Fetisch) wird. Und was mir nun dient und nützt, das ist mein Freund, mit dem stelle ich mich auf Du und Du. Dieser naiven Anschauung dünkt Alles erklärlich: Alles hat sein Ich, seinen Willen, — warum sollte dieser Wille weniger launenhaft sein, als der meinige? Sagen ^'ir doch selbst von einer Uhr oder einer Flinte, die ohne erkennbaren Grund ihren Dienst versagen: sie haben ihre Mucken. Jene unpersönlichen Verba, die 316 IV, II. Die Grundlagen des menschlichen SprachTermögens. bei uns die Wittenrngsereignisse erzählen: „es regnet, es donnert" iL s. w. sind nichts weniger als naiv. Das Kind will wissen, wer donnert? Und ob man ihm dann antwortet: ,J)er liebe Gott" oder: „Der böse Mummum", — so ist es für's Erste befriedigt; ihm ist jedes Qeschehniss eine That Nun weiss es auch den Thäter, — was will es mehr? Verbinden sich nun That und Thäter un- lösbar, wird jedem Naturereignisse sein besonderer Urheber zugetheilt, das Nomen actoris zum Nomen proprium erhaben: so ist das Personal für einen wohlbesetzten Olymp leicht zusammengebracht Kein Zweifel, diese naive Beseelung der Welt hat an der Schöpfung und Ausgestaltung der menschlichen Sprache mächtig mitgewirkt Für menschliches Thun und Empfinden waren die Benennungen da. Indem man die Dinge ver- menschlichte, ergaben sich leicht die Ausdrücke für ihre Äusserungen und dar- nach die Namen für sie selbst Hier fanden die Launen einer jugendlichen Phantasie ihren breitesten Spielplan. Jeder durfte thun, was heute nur den Dichtem vergönnt ist Wo immer wir der Herkunft der Ausdrücke, der lexikalischen oder der grammatischen, folgen können, es handle sich um klare Zusanmiensetzungen oder um syntaktische, periphrastische Gebilde, überall ist der Hergang der gleiche: es sind Übertragungen, das Seelenlose wird wie ein Beseeltes, das Leblose wie ein Belebtes behandelt, und des Protagoras Wort gilt auch hier: Der Mensch ist das Mass aller Dinge. Manchmal ist es, als feierte die durchgeisterte Welt der Urmenschen in den jüngsten Sprachen ihre Auferstehimg. Der Franzose lässt den Stein „müden Sinnes", doucement, dahinroUen; und wenn es nicht ge- lingt, einen Nagel in die Wand zu treiben, so sagt der Engländer: „It will not hold", und der Obersachse sagt wohl: „Es lernt nicht halten" als fehlte es dem Nagel am guten Willen oder gar an der nöthigen Intelligenz! Dazu kommt nun das ganze Heer der sonstigen Übertragungen: von Sinne zu Sinne, zumal zwischen Gesicht und Gehör, z. B. helle, dunkele, tiefe Töne in der Musik und in der Malerei, von einem Naturreiche oder Körper zum anderen, z. B. malaisch mäta häri Auge des Tages = Sonne, mata ayer, Auge des Wassers = Brunnen, anaq pShon. Kind des Baumes == Strauch, anaq mata^ Kind des Auges = Augapfel, von Körperlichem auf Geistiges: eiserne Stirn = Frechheit, feine Nase = Spürsinn. — Ähnliches und vielleicht noch Stärkeres darf man auch der Phantasie des Urmenschen zutrauen. Der Spielraum ist unendlich weit, der Wege sind unzählbar viele. Tnd doch sollte man meinen, auch was wie Laune und Willkür scheint, müsse seine Gesetze haben. Man kann ja AUes vergleichen, was irgend Ähnlichkeiten bietet Aber nicht alle Vergleiche sind gleich gut, imd unter den guten finden die gleichwerthigen riicht allemal gleichmässig Anklang. Die Ähnlichkeit muss sof«»rt §. 5. Die Personificirung, Beseelung und Belebung. 317 einleuchten: darin besteht die Güte des Vergleiches. Und das Vergleichsbild muss dem Kreise unseres gewöhnlichen Denkens entlehnt sein: darauf beruht sein Anspruch auf Volksthümlichkeit, das heisst auf dauernden Platz im Sprach- gute. So müsste die Etymologie der Wörter und Wortformen von der Sinnes- und Lebensweise der alten Völker zeugen, — wenn sie nur etwas deutlicher reden wollte. In der That würde sie dann noch von ganz anderen Dingen erzählen. Denn nicht nur das Mass, sondern auch der Mittelpunkt der Welt ist der Mensch, dünkt sich es zu sein. Alles dreht sich um ihn, bewegt sich nach ihm hin oder von ihm weg; was über ihm ist, ist oben, was hinter ihm liegt, ist hinten, und um ihn herum zieht sich der Eieis dessen, was er sein nennt und scharfen Blickes unterscheidet, — jenseits in inuner weiteren, immer nebelhafteren Kreisen, das Andere, Fremde, das er, je femer es ihm steht, um so unbestimmter erschaut und benennt Die Anfänge der Menschheitsgeschichte müssten sich in der Ety- mologie spiegehl, wenn es je gelänge, diesen Spiegel von den ihn überlagernden vieltausendjährigen Staubschichten zu säubern. Doch darauf konunt es für jetzt nicht an, nicht auf das Bild, das die Alten gemalt haben, sondern auf den Malkasten, dem sie ihre Farben entnahmen. Wie sie nun weiter die empfangenen Eindrücke von Sinne zu Sinne übertragen mochten, dafür liefern uns die heu- tigen Sprachen Beispiele die Hülle und Fülle. III. Capitel. Inhalt und Form der Rede. I. Die Rede. Sprache ist Rede, ist Ausdruck des Gedankens, ist Satz. Wir fragen zu- nächst nach dem Inhalte der Rede: Welcher Art Gedanke wird ausgedrückt, welcher Art ist also die Rede, der Satz? Wir müssen hier wieder etwas weiter ausholen. Denken heisst Vorstellungen verknüpfen. Die Eintheilung der Vorstellungen in Anschauungen und Begriffe überlassen wir vorläufig der Philosophie. Die Rede ist Ausdruck jener Ver- knüpfung von Vorstellungen, also Ausdruck sowohl der zu verknüpfenden Vor- stellungen, als auch ihrer Verknüpfung, mag diese Verknüpfung noch so lose, ihr Ausdruck noch so schwächlich sein. Wollten wir hierbei stehen bleiben, von diesem Standpunkte aus die Arten der Rede zu classificiren versuchen, so wüsste ich keinen anderen Eintheilungs- 218 IV. III. Inhalt und Form der Rede. grund, als jene yerschiedenen Verknüpfungsweisen : ob thatsächlich, möglich, nothwendig, gewiss, gewollt u. s. w. Dann würden also die Sätze: Du kommst, Du sollst kommen. Du kannst kommen, Du musst kommen. Du kommst hoffentlich. Du kommst wahrscheinlich, ebensoviele verschiedene Fonnen der Rede darstellen. Offenbar thun sie dies nicht; der Standpunkt, von dem aus wir die Ein- theilung versuchten, war verfrüht Worin lag nun der Fehler? Darin, dass wir nur an das redende Ich dachten, nicht auch an das angeredete Du. Ein solches ist entweder vorhanden oder nicht vorhanden. Xicht vorhanden ist es nur im Falle des eigentlichen Ausrufes. Sonst ist es überall, mindestens im Geiste des Redenden, gegenwärtig, die Rede ist im weiteren Sinne Gedanken- mittheilung, mag ich nun den Angeredeten in ein Wir mit einschliessen, mag ich mir im Selbstgespräche mich selbst wie im Spiegelbilde gegenüberstellen. Wir wollen zunächst die mittheilende Rede in diesem weiteren Verstände in's Auge fassen. Denn die folgenden Untersuchungen werden uns in ein win'cs Gebiet führen, und es ist gut, da anzufangen, wo noch die Dinge am Klarsten zu liegen scheinen. Nim enthält jede Rede unmittelbar eine Aufforderung an das Du: „Höre mich!" Bekanntlich giebt man in manchen Gegenden und Sprachen dieser Auf- forderung noch besonderen Aus- und Nachdruck: „Höre, — ecoutes}'- Yerlange ich nichts weiter als Aufmerksamkeit, so ist meine Rede Decla- mation im weiteren Sinne des Wortes. Dann stelle ich mir aber unter dem Du jemand anderes vor, als meine Zuhörerschaft, und an dies Du stelle ich noch andere Anforderungen. Wende ich mich aber an die Zuhörerschaft, wird die Declamation zur Ansprache, so stehen wir wieder auf dem alten Punkte: ich verlange von den Angeredeten noch etwas mehr als blosse Aufmerksamkeit. Um dieses Mehrere wird es sich hier handeln. 1. Ich spreche meinen Gedanken aus und verlange, dass der Angeredete nun ebenso denke: „Glaube mir!" Die entsprechende Form der Rede ist die mittheilende im engeren Sinne: ich theile Dir meinen Gedanken mit, damit er hinfort auch Dein Gedanke werde. 2. Ich kann Dir nichts mittheilen, was ich nicht habe oder zu haben vor- gebe. Du kannst mir nichts glauben, was ich nicht — mindestens vorgeblich — glaube oder weiss. Bin ich aber selbst im Ungewissen, so kannst Du viel- leicht mir mittheilen, was mir fehlt. Nim begehre ich dies von Dir: „Sage I. Die Rede. S19 mir . . .\^ Die dem entsprechende Redeform ist die fragende. Die antwortende dagegen ist ihrer Natur nach nur eine Unterart der mittheilenden. 3. Ich will weder, dass Du etwas durch mich erfahrest, noch dass ich etwas durch Dich erfahre, sondern dass Du etwas, gleichviel was, thuest oder unter- lassest. Die Form dieser Rede nennen wir die gebietende (verbietende, bittende, verbittende). 4. Die menschliche Sprache ist ihrem Wesen nach Verkehrsmittel; dass dem Redenden ein Du mindestens im Geiste gegenwärtig sei, bildet die Regel. Allein ebenso ist es die Regel, dass ich nicht nur Dir etwas sagen, sondern auch mich aussprechen will; ich will selbst hören, was ich denke, und wie ich empfinde. In solchen Stimmungen befindet sich der Mensch unter dem Ein- flüsse mächtiger Erregungen, die nach Entladung drängen. Was er zu dem Ende thut, ist im weiteren Sinne pathologisch, es sei Weinen, Lachen, Hände- klatschen, Aufstampfen mit dem Fusse, ein Aufschrei, ein Schnalzen mit der Zunge oder ein Stück menschlicher Rede. Denn auch die Sprache ist uns durch ll)ung so zur Natur geworden, dass sie unbewusst und absichtslos aus unserm Iimem hervorbrechen kann. Solche Reden nun nennen wir ausrufende. Wir mussten ihrer besonders gedenken, zunächst weil sie in der That auf anderer seelischer Grundlage beruhen, als jene, welche dem Verkehre dienen; dann aber auch, weil es nahe liegt, dass sich die Sprache, wo sie die Fesseln des Verkehres abgestreift, neue Formen geschaffen habe. Jetzt gilt es, die gewonnene Eintheilung auf ihre Durchschlägigkeit und Vollständigkeit zu prüfen, und da erstehen auf den ersten Blick ernstliche Be- denken, die beseitigt werden müssen. A. Wir haben uns an die herkömmlichen Benennungen gehalten, der mit- theilenden Rede die fragende und die befehlende entgegengesetzt, die doch in Wahrheit auch einen Gedanken des Redenden mittheilen sollen. B. Wir haben die fragende Rede der befehlenden nebengeordnet. Der Be- felil verlangt vom Angeredeten eine positive oder negative Thatäusserung: Thuo das, unterlasse jenes! Eine solche Thatäusserung ist aber doch auch die Aut- wort, zu der der Gefragte aufgefordert wird. Also könnte es scheinen, als wäre die Frage nur eine Unterart des Befehles. C. Endlich kleidet die Sprache oft ilu'e Gedanken in geborgte Gewänder. Die mittheilende Redeform mag jetzt eine Frage enthalten: „Ich wüsste gern ob . . .", — jetzt mag sie einen Befehl, eine Bitte, ein Verbot in sich schliessen: «Du musst . . ., Du darfst nicht . . ., Du würdest mir einen Gefallen thun, ^venn Du . . ." u. s. w. Die fragende Form mag ein fertiges Urtheil verhüllen. Es ist dies der Fall der rhetorischen Frage, die besagen will : „Giob die Antwort nicht mir, sondern Dir, stelle Dir die Frage, so wirst Du urtheilen wie ich!'" Oder es mag eine Aufforderung in fragender Form ausgesprochen werden : „Wirst 320 IV, III. Inhalt und Form der Rede. Du gleich kommen?! Wärest Du wohl so freundlich . . .?" Es scheint natur- gemäss, dass auch der Ausruf gern die fragende Fonn annehme: „Wie schön ist das!'' Denn der Zustand der Gemütliserregung ist jenem des unfertigen Urtheils verwandt Die befehlende und bittende Form eignet sich ohne Weiteres da^ wo Auskunft erfordert wird: „Nenne mir Deine Gehilfen! Sagen Sie mir doch die genaue Zeit!" Endlich kann der Ausruf jetzt eine tliatsäch- liche Mittheilung bezwecken: „Ein schönes Bild!", — jetzt eine Frage: „Wüsste ich doch ....!" — jetzt wohl auch eine Aufforderung: „Wenn Du mir doch hülfast!" Wir halten uns an die Formen und stellen nun der ausrufenden die drei übrigen als mittheilende im weiteren Sinne gegenüber. Der mitzutheilende Gedanke kann sein ein TJrtheil, ein Wunsch, oder Beides zugleich. Er sei ein Urtheil, so kann dieses Tollständig oder unvollständig sein. Ist -es vollständig, so ist die Rede mittheilend im engeren Sinne des Wortes. Ist das Urtheil unvollständig, so theüe ich es dir als unvollständiges mit, um es von dir ergänzen zu lassen. Beides, jene Mittlieilung eines Urtheils und jener ausgesprochene Wunsch nach dessen Vervollständigung, vereinigt sich in der Frage. Endlich: der Gedanke sei vollständig, aber er sei nicht ein Urtheil, sondern ein Wunsch, dessen Erfüllung ich von dir begehre: so sind die Voraussetzmigen gegeben zur befehlenden Rede und ihren Verwandten: der bittenden, ver- bietenden, rathenden u. s. w. Zur Übersicht stellen wir für die drei mittheilenden Redeformen folgendes Schema auf: Der mitzutheilende Gedanke ist ^ A. ein Urtheil. Dies ist B. ein Wunsch a) vollständig b) unvollständig i^N. 1. MittheUung 2. Frage 3. Befehl u. s. w. Ich glaube, diese Tabelle trägt die Gewähr der Vollständigkeit in sich, und sie wird noch ein zweites Mal analog anwendbar sein, wenn es gilt, die aus- rufende Rede in Unterarten zu theilen. Unterscheiden wir auch hier wieder zwischen Inhalt und Form. Der Form nach kann der Ausruf sein: A. ein vollständiger Satz bezw. ein Satzwort, z. B. ein optativer: „Käme er doch!" oder ein fragender: „Wie schön ist das!" Ein Imperativ: „Halt!" An die besonderen modalen Verbalformen oder Hilfswörter, die in manchen Sprachen der ausrufenden Rede dienen; mag hier nur im Vorübergehen erinnert werden. I. Die Rede. 321 B. Elliptisch, einen Satz ersetzend, z. B. „Brav gemacht!" „Abgeblitzt!" „Schon wieder Einer!" Manchmal werden wohl solche Ellipsen durch einen nachträglichen Zusatz ergänzt zu vollständigen Sätzen, nnd dann mag sich der seelische Hergang in einer eigenartigen Anordnung der Satzglieder ausprägen: ,,Schon wieder Einer — kommt da an!" „Ein wunderlicher Mensch, — ist NN." So finden wir im Chinesischen: §en tsai! Gut, traun! Aber auch, mit nach- träglicher Nennung des Subjectes: §m tsai tcSn^ gut, traun, (war deine) Frage! Wir reden dann von Inversionen, müssen aber bedenken, dass diese nicht, wie rechtschaffene Sätze, in der Seele fertig vorher geformt waren, sondern erst hinterdrein, so zu sagen durch einen späteren Anbau, zu einem Ganzen geworden sind. — Die beiden bisherigen Formen sind wolü ausrufend und werden auch von den Zuhörern so aufgefasst In der That pflegen aber solche Ausrufe nur dann über unsere Lippen zu kommen, wenn wir wissen, dass man ims hört, und wollen, dass man uns höre. So könnte es scheinen, als wären sie doch im weiteren Sinne mittheilend. Ich denke indessen daran, wie oft uns derlei Aus- rufe auf den Lippen schweben und ungeäussert bleiben, unterdrückt werden. Warum das? Weil es doch zu nichts frommen würde, sie verlauten zu lassen. Sprechen wir sie Dritten gegenüber aus, so ist der Thatbestand dieser: Wir be- zwecken eine Mittheilung, machen diese aber in solcher Form, als sprächen wir lediglich mit der Absicht, unserer übervollen Seele ein Ventil zu öffnen. Man sagt wohl: „Es musste heraus, ich musste mich aussprechen", und dann empfindet man es als eine doppelte Erleichterung, wenn nun Andere in Mitieidenschaft gezogen werden. — Imperative wie: „Hut ab!" „Still gestanden!" sind Zurufe, also Mittheilungen im weiteren Sinne des Wortes, nicht Ausrufe. C. Vocative im weiteren Verstände des Wortes, ich möchte sagen in zweiter und dritter Person, sind absolute, der Satzverknüpfung entbehrende substantivische Bedetheile, die sich aber nicht an eine vorhandene oder vorgestellte zweite Person richten. Dahin gehören in vielen Fällen die Anrufungen übersinnlicher Mächte oder fürchterlicher Ereignisse, z. B. ,,Herr Gott!" „Den Teufel!" „Donnerwetter!" ..Schwere Noth". Es sind das Stimmungsäusserungen, mit denen keinerlei Gebet oder Beschwörung beabsichtigt wird: man denkt an gar keine zweite Pereon. Auch pflegt man bei solchen Ausrufen nicht an etwaige Zuhörer zu denken. Das unterscheidet sie von jenen Vocativen und sonstigen Zurufen, die an ein Du gerichtet sind: Polizei! Hülfe! Feuer! Diese sind im weiteren Sinne mit- theilend. — Ob der interjectionelle Accusativ im Lateinischen, z. B. miserum! hierher oder unter die Ellipsen gehört, wage ich nicht zu unterscheiden. D. Reine Interjectionen, das heisst Wörter, die keinem anderen Redetheile angehören. Sie dürften einzutheilen sein a) in mehr objective, nachahmende, z. B. Pardauz! hopsa! puff! b) in mehr subjective, d. h. solche, die nur ein individuelles Empfinden, ▼. d. OabeleDtE, Die Sprachwissenschaft, i. Aufl. 21 322 IV, III. Inhalt und Form der Rede. Schmerz, Freude, Erstaunen u. dgl. ausdrücken: Au! Ei! Ach! Hm! Es sind dies ungeformte Wörter, die der geformten Sprache gegenüber auch in lautlicher Hinsicht eine Ausnahmestellung einnehmen können. In ihnen hat das H(»ch- deutsche noch anlautende j>, haben Dialekte, die sonst ö und w in 6 und i ver- wandeln, diese Laute rein bewahrt. In beiden Hinsichten stehen ihnen gewisse Auf- und Zurufwörter gleich, z. B. das Hö und Hülst der Fuhrleute und Acker- knechte in Sachsen, das Ruhe gebietende St! Auch das fragende Hm? ist hier- her zu rechnen, und gewiss ursprünglich auch die Deutelaute, die den Demon- strativpronomioibus zu Grunde liegen mögen. Solche „Naturlaute", wie man sie wohl genannt hat, mögen zuweilen verstümmelte oder unverstandene ältere or- ganische Gebilde in sich enthalten. Unser Jemine! ist wohl ein Ersatz für den Namen Jesus, vielleicht mit Anklang an domine. In Spanien ruft man arglos: Carambal statt des unfläthigen carajo, wie man in manchen Gegenden Deutsch- lands Gottstrambach oder 'strambach statt Gott straf mich sagt Umgekehrt können jene Laute als Wurzeln oder Stämme grammatische Formung erfahren. Man sagt: die Eatze miaut (maunzt), le chat miaule. Von ach! und pfui! bilden wir ächsen und (mundartlich) pfuzen, ganz wie duzen und siezen von Du und Sie. Dass Thiere nach ihren Kufen benannt werden, ist wohl allgemem verbreitet. Der Kukuk hat selbst dafür gesorgt, dass die germanische Lautverschiebimg seinem Namen nichts anhaben konnte. Von jenen Onomatopöien aber, die in die Urgeschichte der Sprache fallen, brauchen wir hier nicht wieder zu reden. Mit Obigem sind meines Wissens die möglichen Formen der ausrufenden Rede erschöpft In der That die möglichen Formen der menschlichen Rede über- haupt. Diese ist entweder grammatisch geformt oder ungeformt Die geformte ist entweder ein vollständiger Satz oder kein vollständiger Satz. Letzteren Falles ist sie entweder ein zur Ergänzung aufforderndes Bruchstück eines Satzes — elliptisch, — oder sie lehnt die syntaktische Verknüpfung formell ab, ist absolut. Die vierte Kategorie, jene der ungeformten Sprachäusserungen, theilten wir so, dass die EintheUung zugleich den Ursprung imd den Inhalt betraf. Soll sie mm auch auf die mittheilenden Sprachäusserungen bezogen werden, so gerathen wir in Schwierigkeiten, die wir besser noch vermeiden. Wir fassen aber das bisher Gewonnene in ein Schema zusammen. Der sprachliche Ausdruck ist .^s. A. grammatisch geformt B. ungeformt I »A^ a) voller Satz, b) Ellipse, c) absolut, a) nachahmend, b) Empfindungen äussernd c) deutend, d) fragend . . . I. Die Rede. 323 Xiui aber, da wir die im weiteren Sinne mittheilende Rede mit in Betracht ziehen, müssen wir auch den Begriff der Ellipse ausdehnen auf jederlei eigent- liches Satzfragment, auch auf den Fall, wo im Zwiegespräche die Ergänzung zum Satze aus der Bede des Anderen zu erholen ist, z. B, Wer war dort? — Ich (war dort). — Wann (warst Du dort)? — Gestern. — Nim? Und . . . ? (was geschah da?) Jetzt kehren wir zur ausrufenden Rede zurück, um iliren möglichen Inhalt zu untersuchen. Im Ausrufe äussert sich eine lebhafte Erregung, entweder nur die Art (lieser Erregung, oder auch ihr Grund. Der Grund kann sein ein Wunsch oder eine vollendete Thatsache. Ist er eine solche, so kann die Erregung entweder in dem bekannten Theile der Thatsache, oder darin beruhen, dass wir einen Theil der Thatsache nicht kennen. Das Schema, das wieder den Eindruck der Vollständigkeit machen würde, gestaltet sich demnach folgendermassen: Äusserung der Erregung, und zwar A. nur ihrer Art nach, B. auch ihrem Grunde nach 'V»i a) Wunsch, b) Thatsache, a) Bekanntes, ß) Unbekanntes. Setzen wir hier Thatsache und Urtheil auf eine Stufe, so ist die Analogie mit dem ersten Schema einleuchtend: Es laufen parallel: I. Wunsch — Befehl u. s. w. II. Thatsache — Urtheil. a) Bekanntes — Mittheilung. b) Unbekanntes — Frage. Mag ich nun meine Erfahrungen mustern, mag ich versuchen, der Sache auf apriorischem Wege beizukommen, so finde ich weder die Möglichkeit zu einem neuen Schema noch zu einer Ergänzung in einem der vorhandenen Schemata, ich finde weder einen weiteren Eintheihmgsgi'und, noch eine Lücke in den gemachten Eintheilungen. Täusche ich mich hierin nicht, so wäre also fiie logische Aufgabe gelöst, und nun könnte es scheinen, als wäre ein Mittel gefunden, um jederlei Rede mit Leichtigkeit zu classificiren. So einfach liegen indessen die Dinge nicht. Wir befinden uns nicht auf dem glattgefegten Boden der Logik, sondern mitten drinnen in dem üppigen Gewirre psychologischer Möglichkeiten. Da sind wie in einem Urvvalde die Wurzeln und Gezweige der verschiedensten Pflanzen ineinander verfitzt, und Schlinggewächse ranken von Stamme zu Stamme. Jene dendrologischen Gärten aber, wo die Pflanzen säuberlich nach Arten und Unterarten in Beete und Reihen geordnet sind, sind recht eigentlich die Stätten, wo man den Wald vor lauter 21* 324 IV, III. Inhalt und Form der Rede. Bäumen nicht sieht Und die Menschenseele schaltet schrankenloser als die schaffende Natur; vor keiner Zwitterform scheut sie zurück. Wir in uDSemi Falle müssen darauf gefasst sein, jetzt die eine oder andere mittheilende Rede- weise in ausrufendem Sinne, jetzt diese oder jene Art des Ausrufes statt dei Mittheilung, der Frage oder des Befehles angewandt zu sehen« Es ist denkbar, dass im Leben einer Sprache die ausrufenden Kedeformen die mittheilenden ^e- radezu verdrängen, ersetzen. Und so mag in vielen Fällen die Kunst der Classi- fication überhaupt versagen, weil der seelische Thatbestand nicht festzustellen ist, vielleicht weil er an sich ein unsicherer, gemischter war. Stufen, Stationen konnten wir zeichnen, die möglichen Combinationen können wir zur Noth aus- rechnen, aber alle Punkte einer Linie zu zählen, wäre vergebliches Bemühen. Fruchtlos aber war die 'Untersuchung, wenn anders sie gelungen, dariun doch nicht Sie hat zur Entwickelung einer Reihe von Begriffen geführt mit denen die Sprachwissenschaft fort und fort hantiren muss. IL Eintheiiung der Rede in Stoff und Form. A. Der Stoff. Wir halten uns nun an die specifisch menschlichje Sprache, das heisst an diejenige, in welcher der Gedanke gegliederten Ausdruck findet, und fragen: "Worin besteht deren Stoff? Die Antwort giebt sich von selbst: in Allem was de> Menschen Denken erregt. Was Alles dies sein kann, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Und ist es für jetzt gleichgültig, ob der auszudrückende Gedanke eine fertige, eingebildete,' erwartete oder gewollte Thatsache, eine innere oder äussere, eine Schlussfolgerung oder was immer enthält. Darauf kommt es uns an, wie er seinen Stoff gliedert. Um ihn zu gliedern, muss er ihn zunächst zerlegen, dann wieder verbinden. Stoff lässt sich nur in Stoff zerlegen, nur in der Verbindung formen; die For- mung ist ausschliessliches Erzeugniss der Verbindung, imd die Verbindung dient ausschliesslich dem Zwecke der Formung. Unter Verbindung aber haben ^ir sowohl die blosse Aneinanderfügung als auch die gegenseitige Durchdringung zu verstehen, denn Beide sind Mittel der Formung. Allein, dies sei schon jetzt bemerkt, — nicht immer dient die Formung dem Zwecke der Zei^liederung und Verknüpfung, sie kann auch den Einzelstoff für sich bearbeiten, — man denke an unsere Diminutiven imd, als Beispiele der Durchdringung von Stoff und Forni, an die dialektischen Ausdrücke Kietze = Kätzchen, Zicke = kleine Ziege. Mit Formungen dieser Art haben wil* es jetzt noch nicht zu thun. II. §. 1. A. Der Stoff. 325 Nun müssen wir daran denken, dass allerdings in der Regel der Gedanke mit Einem Schlage wi« ein fertiges Bild vor uns steht Ich sage: in der Regel; denn es giebt Ausnahmen, wo uns die Bestand theile des Gedankens Stück für Stück kommen. Jedenfalls steht der Gedanke fertig und ganz vor unserer Seele, ehe er in der Rede zum Ausdrucke kommt; und wenn ich etwa, zögernd inne- haltend, sage: „Sechs mal siebzehn ist ... . hundertundzwei", so h^t mir doch von Anfang an die Idee eines üoch zu bestimmenden Productes vorgeschwebt, und der Gedanke war mithin formell vollständig. In dieser ursprünglichen Ganz- heit wollen wir ihn eine Vorstellung (Gesammtvorstellung) nennen. Ihn in seine Bestandtheile zu zerlegen und diese Theile zum Wiederaufbaue zu verbinden ist Sache des redebildenden Denkens. Nur mit diesen Bestandtheilen haben wir es hier zu thun: wir wollen sie Einzelvorstellungen nennen im Gegensatze zu jener Ciesammtvorstellung, die das Denken zerlegend zu bearbeiten hatte. Wir be- greifen den Unterschied Beider nur in diesem Sinne. Ihrem Inhalte nach kann eine Gesanmitvorstellung ganz einfach sein, z. B. die eines Blitzes, — und eine Einzelvorstellung kann sehr vieltheilig sein, z. B. die eines Krieges. So begründet auch die grössere oder geringere Bestimmtheit des Inhaltes keinen Unterschied: Caesar's Tod und der Satz, dass das Ganze gleich ist der Gesammtlieit seiner Theile: Beide können Gesammtvorstellungen sein; Caesar aber sowohl als Tod, (iesammtheit. Ganzes und Theil sind Einzelvorstellungen. Nun ist es die Gesammtheit seiner Einzelvorstellungen, die ein Volk in seiner Sprache darstellend zu verarbeiten hat, es ist seine Welt, die es in der Sprache zerlegt und wieder aufbaut. Es zerlegt sie in Stoffe, baut sie auf in Formen. Beides ist bestimmt durch die Eigenart des Volkes, die ihrerseits bestimmt wird durch seine innere Beanlagung und seine äusseren Schicksale, ilan redet mit Recht von geistigem Standpunkte, geistiger Perspective und geistigem Horizonte. Wie in der Optik bedingt der erste die beiden anderen: so viel oder so wenig fällt innerhalb meines Gesichtskreises, bildet meine Welt; dies steht mir am Nächsten, jenes ist mir in nebelhafte Feme gerückt. Aber auch mein Auge, das geistige wie das leibliche, ist mit entscheidend: ich kann kurzsichtig sein, oder femsichtig, vielleicht farbenblind; mein Blick mag sich besser zum Überschauen grosser Bildflächen als zur Prüfung enger Einzelheiten eignen, er mag durch Übung für das Eine geschärft, durch Vemachlässigimg für Anderes abgestumpft sein. Nun sieht aber das geistige Auge mehr als das leibliche. Mit mehr oder minderer Schärfe erkennt und unterscheidet es auch die Beziehungen der materiellen Einzelvorstellungen untereinander, z. B. zwischen dem Baume und dem Hause das „und" oder „neben", zwischen dem Pferde und seiner Mähne die Zugehörigkeit Und je nach dem Masse und der Richtung, in der dies geschieht, drängen auch solche Kategorien zur sprachlichen Darstellung. Insoweit sind auch sie in der 326 lY, III. Inhalt und Form der Rede. Eegel für den sprachschaffenden Geist zunächst nicht Formen, sondern zu formender Stoff. Von ursprünglichen Formen möchte ich nur da reden, wo das Wort (der Stamm) selbst in seinem lautlichen Bestände verändert wird, durch Doppelung oder durch inneren Wandel, wie etwa in den semitischen Sprachen, im Yerbum des Tibetischen und des Grebo, vorausgesetzt noch immer, dass Solches nicht mechanische Nachwirkung verschwundener äusserer Formativelemente ist Soweit die Sprachen dergleichen geschaffen, haben sie mindestens für den Augenblick die entsprechenden Kategorien als Stoff behandelt Stoffe sind ja auch die Binde- mittel, auch Leim und Kitt; sie aber werden, wenn sie richtig angewandt sind, nicht mehr als Stoff, sondern nur als bindende, formende Kräfte empfmiden. Gewiss sind sie dies im logischen Sinne. Nur muthe man dem naiven Geiste, der die Sprachen schafft, nicht zu, dass er zwischen reinen Begriffen und den empirischen einen mehr als quantitativen Unterschied verspüre. Für ihn laufen Allgemeinheit und Unbestimmtheit auf Eins hinaus; und wenn er stellemveise dazu gelangt ist, jenen Kategorien besonders flüchtigen Ausdruck zu verleihen, so wird man fragen dürfen: war der Grund nicht guten Theils mechanisch, Laut- liche Abnutzung des Unbetonten, und, — soweit er seelisch, — war er nicht etwa derselbe, der es auch veranlasst, dass man Geist und Seele so gern ak Dunst^ Odem, Schatten bezeichnet? So sind es denn auch nicht in allen Sprachen dieselben Yorstellungen, die zur Formenbildung drängen, und auch sehr sinnliche können darunter sein, wie die der Grösse, der Intensität, der Zahl, der Zeit, der Nähe, Feme oder Richtimg, während reine Begriffe im logischen Sinne, wie die des Seins, Werdens, im sprachlichen Ausdrucke den sinnlichsten völlig gleich behandelt sein mögen: sein als stehen, — spanisch estar, oder wohnen, — deutsch war, gewesen, sanskrit y'vas-^ — werden als drehen, — sanskrit y'vft 0 lateinisch vertere, englisch to turn pale, — die vollendete Handlung als Besit;^: „er hat geschlafen". Ebenso unbesti-eitbar wie wichtig deucht mir aber dies: Ist einmal das Stoff- wort durch Yerallgemeinerung seiner Bedeutung als Beziehungsausdruck in Dienst genommen worden, so hat sich auch in der Seele ein Umschlag vollzogen: die allgemeinere Bedeutung ist hinfort die vorwiegende. Dieser Wechsel mag ziemlich schnell und doch natürlich imvermerkt geschehen. Und wenn z. B. die Eltern noch bildlich vom Antlitze des Hauses sprachen, wie vom Antlitze des Menschen, so mögen die Kinder sich unter denselben Worten das Vordere des Menschen und das Vordere des Hauses denken, und von da an ist der Weg zur wahrhaft formalen Prä- oder Postposition nicht mehr weit Solche Verallgemeinerung erfuhren z. B. im Französischen: face, Antlitz: Vorderseite, cote (costatum): Seite: pres eigentlich = gedrängt, ist Präposition geworden ; daal = Thal, im Nieder- deutschen Adverb: hinunter. Indem im Siamesischen Icöni = Sache, im Mafoor ro = roi, Sache, zu Zeichen des Genitivs wurden, verband der Sprachgeist niit k II. §. 2. B. Die Form. §. 3. 1. Die innere Sprachform. 327 ihnen den logischen Begriff der Zugehörigkeit Wüssten wir nicht, welche etymologische Bewandtniss es mit dem niederdeutschen und holländischen „achter^ = hinter hat, so könnte uns das Hochdeutsche recht garstig missleiten. Unsere Präposition „mit" würden wir im guten Glauben zu „Mittel, vermittelst" ziehen, wenn uns nicht die Sprachgeschichte belehrte, dass diesmal das t nicht aus dh, sondern nur aus t herzuleiten ist §'. 2. B. Die Form. Nach dem Gesagten kann ich keine Sprache für gänzlich formlos halten. Tielraehr muss ich einer jeden Beides zusprechen, die äussere Form und die innere. Es fragt sich nur: was wird in einer Sprache geformt, und durch welche Mittel gescliieht die Formung? Jenes ist die Frage nach der inneren, dieses die Frage nach der äusseren Form. §. 3. 1. Die innere Sprachform. Ein Ausspruch meines Vaters (Über das Passivimi. Abhandl. d. K. Sachs. Ges. d. Wiss. VIII, S. 452 — 453) möge zur Einleitung in das Folgende dienen; Die Sprache ist „nicht Ausdruck des Darzustellenden, sondern des Darstellenden, sie ist in der Gestalt, in welcher sie sich ims zeigt, nicht objektiv, sondern subjectiv zu fassen. Wollen wir sie objektiv, ihrem blossen Inhalt nach, betrachten, wie dies in manchen sogenannten allgemeinen Grammatiken geschehen ist, so verlieren wir uns auf das Gebiet der Logik; aber nicht die Gegenstände oder Begriffe an sich, sondern die Eindrücke, welche sie auf den menschlichen Geist machen, die Vorstellungen, welche sich derselbe von ihnen macht, die Art und Weise, wie, und die Gesichtspunkte, unter denen er sie betrachtet, kommen in der Sprache zum Ausdruck". Soweit mein Vater, der, wohl mit gutem Grunde, die Sache lieber beschreibt als benennt In der That ist der Begriff der inneren Sprachformen in imserer Wissenschaft zugleich einer der schwierigsten und der fruchtbarsten. Nächst Wn^HELM VON Humboldt, dem wir seine Einführung verdanken, haben sich um seine Entwickelung und Ausbeutung zumal zwei Männer verdient gemacht: August Friedbich Pott imd H. , Steinthal. Humboldt's Sprachbetrachtung richtete sich in erster Keihe und fast aus- schliesslich auf den Bau der Sprachen, somit auf ihre grammatische Seite, und hier fragte er wieder zunächst: Wie verhält sich der lautliche Ausdruck zum gedanklichen Inhalte, .wie verhalten sich die Ausdnicksmittel untereinander in 328 IV, III. Inhalt und Form der Rede. Hücksicht auf ihren Werth? Seine Abhandlung „Ueber die Entstehung der grammatischen Formen und ihren Einfluss auf die Ideenentwickelung*' (1822) ist diesen Fragen gewidmet Hier finden wir Aussprüche wie diese: (S. 404): ,J)arum, dass sich mit den Bezeichnungen fast jeder Sprache alle grammatischen Yerhältnisse andeuten lassen, besitzt noch nicht auch jede grammatische Formen in demjenigen Sinne, in dem sie die hochgebildeten Sprachen kennen." Ähnlich S. 421. (S. 407): ,J)er Punkt, auf dem diese (die Ideenentwickelung) besser zu ge- lingen beginnt, ist der, wo dem Menschen, ausser dem materiellen Endzwecke der Rede, ihre formale Beschaffenheit nicht länger gleichgültig bleibt, und dieser Punkt kann nicht ohne die Ein- und Rückwirkung der Sprache erreicht werden. (S. 408): „In der Darstellung der Verstandeshandlung durch den Laut liegt das ganze grammatische Streben der Sprache. Die grammatischen Zeichen können aber nicht auch Sachen bezeichnende Wörter sein; denn sonst stehen wieder diese isolirt da und fordern neue Verknüpfungen. Werden nun von der echten Bezeichnung grammatischer Verhältnisse die beiden Mittel: Wortstellung mit hinzugedachtem Verhältniss, und Sachbezeichnung ausgeschlossen, so bleibt zu derselben nichts als Modification der Sachen bezeichnenden Wörter, und dies allein ist der wahre Begriff einer grammatischen Form." — Zuvor, S. 405 flg., hatte er Beispiele aus amerikanischen Sprachen angeführt, wie Caraibisch: a-veiri-daco = am Tage Deines Seins = wenn Du wärest; Lule: a-le-ti pan = Erde-aus sie machen = aus Erde gemacht; Tupi: caru = essen und Speise; che caru ai-pota = mein Essen ich-will, oder ai-caru-pota = ich essen will = ich will essen; Nahuati: ni-nequia = ich wollte, tla^otlajs = ich werde lieben- ni-tlagotlasi nequia = ich, ich werde lieben, wollte, oder ni-c- nequia tlaqotl(M = ich das wollte (nämlich:) ich werde lieben. — Er definirt (S. 411): „Was in einer Sprache ein grammatisches Verhältniss charak- teristisch (so, dass es im gleichen Falle immer wiederkehrt) bezeichnet, ist für sie grammatische Form." — Und so stellt er, S. 417 bis 418, Kennzeichen der Sprachen auf, deren grammatische Form nicht so formaler Natur sind, wie die flectirenden: a) Die Forraenelemente sind trennbar oder verschiebbar, lautlich unver- änderlich; b) Sie sind auch selbständig vorhanden oder dienen zweierlei gramma- tischen Zwecken; c) Die noch unflectirten Wörter tragen nicht Zeichen des Redetheils; d) Dieselben grammatischen Verhältnisse werden bald durch lautliche Formen, bald durch blosses Nebeneinanderstellen, mit Hinzudenken der Verknüpfung, angedeutet An einer anderen Stelle derselben Abhandlung, S. 418 — 419, sagt er: „Solange k IL B. §.3. 1. Die innere Sprachform. 329 die Bezeichnungen der grammatischen Verhältnisse, als aus einzelnen mehr oder weniger trennbaren Elementen bestehend angesehen werden, kann man sagen, dass der Redende mehr die Formen in jedem Augenblick selbst bildet, als sich der vorhandenen bedient Daraus pflegt eine bei Weitem grössere Vielfachheit dieser Formen zu entstehen. Wo dagegen die Form in einem engeren Sinne genommen und durch den Gebrauch gebildet wird, nun aber fernerhin das ge- wiihnüche Reden nicht in nenem Bilden besteht, da giebt es Formen nur. für das häufig zu Bezeichnende, und das seltener Vorkommende wird umschrieben, und durch selbständige Wörter bezeichnet. Zu diesem Verfahren gesellen sich noch die beiden andern Umstände, dass der noch uncultivirte Mensch gern jedes Besondere in allen seinen Besonderheiten, nicht bloss in den, zu dem jedesmaligen Zweck nothwendigen darstellt und dass gewisse Nationen die Sitte haben, ganze Sätze in angebliche Formen zusammenzuziehen, z. B. den vom Verbum regierten Gegen- stand, vorzüglich wenn er ein Pronomen, mitten in den Schooss des Verbums aufzu- nehmen. Hieraus entsteht, dass gerade die Sprachen, denen es an dem wahren Begriff der Form wesentlich gebricht, doch eine bewunderungswürdige Menge in strenger Analogie, zusammen Vollständigkeit bildender, angebücher Formen besitzt. (S. 422): „Dasjenige, worauf Alles bei der Untersuchung des Entstehens und des Einflusses grammatischer Formalität hinausläuft, ist richtiges Unter- scheiden zwischen der Bezeichnung der Gegenstände und Verhältnisse, der Sachen und Fonnen. Das Sprechen, als materiell, und Folge realen Bedürfnisses, geht unmittelbar nur auf Bezeichnen Ton Sachen; das Denken, als ideell, immer auf Form. Überwiegendes Denkvermögen verleiht daher einer Sprache Forma- lität, und überwiegende Formalität in ihr erhöhet das Denkvermögen". — Nun stellt er vier Entwickelungsstufen auf. Es geschieht nämlich die grammatische Bezeichung: a) durch Redensarten, Phrasen, Sätze; b) durch feste Wortstellungen und zwischen Sach- und Fonnbedeutung schwankende Wörter; c) agglutinirend, durch Analoga von Formen, Affixe; d) (S. 423): „Die Formalität dringt endlich durch, das Wort ist Eins, nur durch umgeänderten Beugungslaut in seinen grammatischen Beziehungen modificirt; jedes gehört zu einem bestimmten Redetheil, und hat nicht bloss lexikalische, sondern auch grammatische Individualität; die form- bezeichnenden Wörter haben keine störende Nebenbedeutung mehr, sondern sind reine Ausdrücke von Verhältnissen. So geschieht auf der höchsten Stufe die grammatische Bezeichnung durch wahre Formen, durch Beugung, und rein grammatische Wörter. (Ähnlich S.425.) „Das Wesen der Form besteht in der Einheit und der vorwaltenden Herrschaft des Worts, dem sie angehört, über die ihm beigegeben Nebenlaute, 380 IV, ni. Inhalt und Form der Rede. Dies wird wohl erleichtert durch verloren gehende Bedeutung der Elemente, und Abschleifung der Laute in langem Gebrauch. Allein das Entstehen der Spracht- ist nie ganz durch so mechanische Wirkung todter Kräfte erklärbar, und iiiaii muss niemals darin die Einwirkung der Stärke und Individualität der Denkkraft aus den Augen setzen." (S. 424): . . . „und so bleibt es unumstösslich gewiss, dass, welche Schick- sale auch eine Sprache haben möge, sie nie zu einem vorzüglichen grammatischen Bau gelangt, wenn sie nicht das Glück erfährt, wenigstens einmal von einer geistreichen, oder tiefdenkenden Nation gesprochen zu werden. Nichts kann sie sonst aus der Halbheit träge zusammengefügter, die Denkkraft ni^gend^ mit Schärfe ansprechender Formen retten.'^ (S. 426 — 427): ,Jn der Eückwirkung der Sprache auf den Geist macht die echt grammatische Form, auch wo die Aufmerksamkeit nicht absichtlich auf sie gerichtet ist, den Eindruck einer Form, und bringt formale Bilduni: hervor. Denn da sie den Ausdruck des Verhältnisses rein, imd sonst nicht> Stoff artiges enthält, worauf der Verstand abschweifen könnte, dieser aber den ursprünglichen Wortbegriff darin verändert erblickt, so muss er die Form seihst ergreifen. Bei der unechten Form kann er dies nicht, da er den Verhältni^N- begriff nicht bestimmt genug in ihr erblickt, imd noch durch Nebenbegriffe zei*streut wird. Dies geschieht in beiden Fällen bei dem gewöhnlichen Sprechen durch alle Classen der Nation, und wo die Einwirkung der Sprache günstig i>t, geht allgemeine Deutlichkeit imd Bestimmtheit der Begriffe, und allgemeine Anlage, auch das rein Formale leichter zu begreifen, hervor. Es liegt auch in der Natur des Geistes, dass diese Anlage, einmal vorhanden, sich immer au>- bildet, da, wenn eine Sprache dem Verstände die grammatischen Formen unrein und mangelhaft darbietet, je länger diese Einwirkung dauert, je schwerer au> dieser Verdunkelung der rein formalen Ansicht herauszukommen isf Hierzu aus einer Handschrift (bei Steinthal S. 616): „Die grammatische Form muss ganz für und durch die Sprache bestehen, das Verständniss mu>> bloss durch sie und an ihrer Hand geleitet, die Einsicht in die Bedefü£:unf: nicht erst aus dem Zusammenhang der Gedanken geschöpft werden, es muss sich überhaupt nichts Fremdes aus der Wirklichkeit Entnommenes, nicht ausschlicNN- lich auf den grammatischen Zweck Berechnetes in sie eindrängen." Ferner (ebenda S. 348): „Wie die Sprache als Versinnlichung des Gedanken>, ausserhalb des menschlichen Geistes, eine Welt einzelner Wörter, durch Laute gestempelter Begriffe, den Gegenständen gegenüberstellt, ebenso schafft sie eine nui- aus ihr entspringende und nur ihr angehörende Andeutung der Gedanken- verknüpfungen, und diese Andeutung, in der Einheit der unendlichen Mannig- faltigkeit aufgefasst, ist die Form der Grammatik." Man sieht, wie hier überall die äussere Foim, die Morphologie im Vorder- II. B. §.3. 1. Die innere Sprachfonn. gnmde steht, daliinter aber doch das innere Bedürfniss der Fonnung gesucht wild. Noch aber redet er mehr von den Äusserungen dieses Bedürfnisses, als Von dem gedanklichen Inhalte der Äusserungen. Bald jedoch spricht er in einer uii^edruckten Abhandlung die Erkenntniss aus, dass „man die Vorstellung des ^Gegenstandes selbst von derjenigen imterscheiden muss, welche das Wort seiner Bildung und Entstehung nach von ihm giebt" (vergl. Steixthal, Die sprachphilos. Werke W. v. H. S. 341). Seiner Abhandlung: Über den Dualis (1827) entnehme ich zwei Stellen: (S. 20): „Die Sprache ist aber durchaus kein blosses Yerständigungsmittel, sondern der Abdruck des Geistes und der Weltansicht des Redenden; die Gesellig- keit ist das unentbehrliche Hülfsmittel zu ihrer Entfaltung, aber bei Weitem nicht der einzige Zweck, auf den sie hin arbeitet, der vielmehr seinen Endpunkt doch in dem Einzelnen findet, insofern der Einzelne von der Menschheit getrennt werden kann. Was also aus der Aussenwelt und dem Innern des Geistes in «len grammatischen Bau der Sprachen übergehen mag, kann darin aufgenommen, angewendet und ausgebildet werden, und wird es wirklich, nach Massgabe der Lebendigkeit und Feinheit des Sprachsinnes und der Eigenthümlichkeit seiner Ansicht." ..Hier aber zeigt sich sogleich eine auffallende Verschiedenheit. Die Sprache trätet Spuren an sich, dass bei ihrer Bildung vorzugsweise aus der sinnlichen Weltanschauung geschöpft worden ist, oder aus dem Innern der Gedanken, wo jene Weltanschauung schon durch die Arbeit des Geistes gegangen war.'' (S. 26): „Alle Sprachen, die nur die natürlichen Geschlechter bezeichnen, und kein metaphorisch bezeichnetes Genus anerkennen, beweisen, dass sie ent- weder ursprünglich, oder in der Epoche, wo sie diesen Unterschied der Wörter nicht mehr beachteten,* oder über ihn in Verwirrung geratliend, Masculinum und Neutrum zusammenwarfen, nicht von der reinen Sprachform energisch durch- drungen waren, nicht die feine und zarte Deutung verstanden, welche die Sprache den Gegenständen der Wirklichkeit leiht." Aber (Kawi-Sprache II, 221): „Es ist ein vergebliches Bemühen, auch in oiner für noch so ursprünglich gehaltenen Sprache noch wirklich Ungeformtes antreffen zu wollen. Der Begriff der Sprache steht und verfliegt mit dem der Form, denn sie ist ganz Form und nichts als Form. Die Grammatik hebt nicht von, sondern mit dem Wurzellaut an, und jedem Wurzellaut ist, weil er Spracli- laut ist, schon Subjeotives, mithin der Veränderung Unterworfenes beigemischt. Dies ist selbst bei dem wahren Wurzellaute der Fall. Was soll man aber gar von demjenigen sagen, was wir, die wir bloss Wörter der Sprachen keimen, welche schon Jahrtausende hindurch auf der Zunge der verschiedensten Völker gerollt haben, Wurzellaute nennen? Sie sind im eigentlichen Verstände nur 332 lY, III. Inhalt und Fonn der Rede. künstliche Gebilde, die auf dem Wege der Abstraction und Bezeichnung viel- leicht gerade das wesentlich Bezeichnende ihrer Individualität verlieren.'* (Das. S. 286, von den malaischen Sprachen): In diesen Zusammenfügungen [Prä-, Sub- und Infigirungen] zeigt sich nun bestimmt ein gelungenes Streben, das Wort und seine Anfügungen zu einem Ganzen zu verbinden. Es entstehen von dieser Seite in dem Sprachstamm wahre grammatische Formen. Denn die Anfügungen sind mit Lautveränderungen und Accent-Ümstellungen, also mit sichtbaren Zeichen des Strebens nach Worteinheit verbunden." — Dann aber (S. 286 — 287, über die malaischen Sprachen): „Um das der Kede beständig Bewegliche, die immer wechselnden Beziehungen der Wörter aufeinander in Rücksicht auf Subject und Object, und das Zusammenfassen Beider in der Ein- heit des Satzes zu bezeichnen, wird die Formung gar nicht gebraucht ... Da sie der Redefügung so geringe Sorgfalt widmen, so konnten sie nicht dahin gelangen, das Verb um in seiner wahren Natur, als die Seele des Satzes zii denken. Sie nehmen dasselbe nur materiell nach seiner Bedeutung, umgehen es, soviel sie können, im Ausdruck und lassen ... es sehr oft zweideutig, in welcher Kategorie, ob als Nomen oder als Yerbum? es genommen werden soll. Dies ist bei einer höheren Sprachansicht das hauptsächlichste Gebrechen dieses Stammes. Gerade die Hauptsache in der Redefügung wird am Wenigsten be- stimmt, gerade in dem Punkte, wo sich die Gedankeneinheit durch die innigste Lautverschmelzung symbolisch in der Sprache ausprägen sollte, entbehrt sie der Form, in welcher allein symbolische Bezeichnung liegen kann." Vgl. hierzu S. 325. (Über die Verschied, des menschl. Sprachbaues S. 43): „Die charakte- ristische Form der Sprachen hängt an jedem einzelnen ihrer kleinsten Elemente; jedes wird durch sie, wie unmerklich es im Einzelnen sei, auf ii^^ud eine Weise bestimmt." (Das. S. 45): „Absolut betrachtet, kann es innerhalb der Sprache keinen ungeformten Stoff geben, da Alles in ihr auf einen bestimmten Zweck, den Gedankenausdruck, gerichtet ist, und diese Arbeit schon bei ihrem ersten Element, dem articulirten Laute, beginnt, der ja eben durch Formung zum articidirten wird. Der wirkliche Stoff der Sprache ist auf der einen Seite der Laut über- haupt, auf der andern die Gesammtheit der sinnlichen Eindrücke und selbst- thätigen Geistesbewegungen, welche der Bildung des Begriffes mit Hülfe der Sprache vorangehen." (S. 121): „Es giebt Sprachen, welche den Benennungen der lebendipec Geschöpfe regelmässig den Gattungsbegriff hinzufügen, und unter diesen solche, wo die Bezeichnung dieses Gattungsbegriffes zum wirklichen, nur durch Zer- gliederung erkennbaren Suffixe geworden ist Diese Falle insofern auch in ihnen ein doppeltes Prinzip, ein objectives der Bezeichung, und ein Bubjectives logischer Eintheilung, sichtbar wird ... auf der anderen Seite dadurch . . . dass hier II. B. §. 3. Die innere ßprachform. 333 nicht mehr Formen des Denkens und der Bede, sondern nur verschiedene Classen wirklicher Gegenstände in die Bezeichnung eingehen. So gebildete Wdrter werden nun denjenigen ganz ähnlich, in welchen zwei Elemente einen zusammengesetzten Begriff bilden. Was dagegen in der innerlichen Gestaltung dem Begriffe der Flexion entspricht, unterscheidet sich gerade dadurch, dass gar nicht zwei Elemente, sondern nur Eines, in eine bestimmte Kategorie versetztes, das Doppelte ausmacht, von dem wir bei der Bestimmung dieses Begriffes ans- angen. Dass dies Doppelte, wenn man es auseinanderlegt, nicht gleicher, sondern verschiedener Natur ist und verschiedenen Sphären angehört, bildet gerade hier das charakteristische Merkmal. Nur dadurch können rein organisirte Sprachen die tiefe und feste Verbindung der Selbständigkeit und Empfänglichkeit erreichen, aus welcher hernach in ihnen eine Unendlichkeit von Gedankenverbindungen liervoi^eht, welche alle das Gepräge echter, die Forderungen der Sprache über- haupt rein und vollbefriedigender Form an sich tragen.*' iS. 130): „Zwischen dem Mangel aller Andeutung der Kategorien der AVörter, wie er sich im Chinesischen zeigt, und der wahren Flexion kann es kein mit reiner Organisation der Sprachen verträgliches Drittes geben. Das einzige dazwischen Denkbare ist als Beugung gebrauchte Zusammensetzung, also beabsichtigte, aber nicht zur Vollkommenheit gediehene Flexion, mehr oder minder mechanische Anfügung, nicht rein organische Anbildung." (S. 180): „Die grammatische Formung entspringt aus den Gesetzen des Denkens durch Sprache, und beruht auf der Congruenz der Lautformen mit denselben. Eine solche Congruenz muss auf irgend eine Weise in jeder Sprache vorhanden sein; der Unterschied liegt nur in den Graden, und die Schuld mangelnder Vollendung kann das nicht gehörig deuüiche Hervorspringen jener Gesetze in der Seele oder die nicht ausreichende Geschmeidigkeit des Lautsystems treffen. Der Mangel an einem Punkte wirkt aber immer zugleich auf den andern zurück. Die Vollendung der Sprachen fordert, dass jedes Wort als ein bestimmter Redetheil gestempelt sei und diejenigen Beschaffenheiten an sich trage, welche die philosophische Zergliederung der Sprache an ihm erkennt. Sie setzt dadurch selbst die Flexion voraus." Vergl. hierzu S. 187—188. (S. 187): „Unterschied . . . zwischen Sprachen, die sich aus reinem Prinzipe in gesetzmässiger Freiheit kräftig entwickelt haben, und zwischen solchen, die sieh dieses Vorzuges nicht rühmen können . . . Die Letzteren haben eine abweichende Form, in welcher zwei Dinge zusammentreffen, Mangel an Stärke des ureprünglich immer im Menschen rein liegenden Sprachsinnes, und eine einseitige, aus dem Umstände entspringende Vorbildung, dass an eine nicht aus der Sprache nothwendig herfliessende Lautform andere, durch sie an sich gerissene, angeschlossen werden." 334 IVy III. Inhalt und Form der Rede. (S. 255): Wenn man als die Scheidewand der von dem wahren Begriff der grammatischen Formen ausgehenden (flectirenden) und der unvollkommen zu ihnen hinstrebenden (agglutinirenden) Sprachen den zwiefachen Grundsatz aufstellt: aus der Form ein einzeln ganz unverständliches Zeichen zu büden, oder zwei bedeutsame Begriffe nur eng aneinander zu heften, . . ." (S. 260): „Denn ich habe schon oft in diesen Blättern bemerkt, dass, wo die Sprachform klar und lebendig im Geiste dasteht, sie in die, sonst die äussere Sprachbildung leitende äussere Entwickelung eingreift, sich selbst geltend macht, und nicht zugiebt, dass im blossen Fortspinnen angefangener Fäden, statt der reinen Formen, gleichsam Surrogate derselben gebildet werden." Endlich ist §.11 derselben Abhandlung überschrieben: „Innere Sprachform", und hier sagt er: „Denn die Sprache stellt niemals die Gegenstände, sondern immer die durch den Geist in der Spracherzeugung selbstthätig von ihnen gebildeten Begriffe dar; und von dieser Bildung, insofern sie als ganz innerlich, gleichsam dem Articulationssinne vorausgehend angesehen werden muss, ist hier die Rede.** — Soviel von Humboldt, dessen Anschauungen noch bis auf den heutigen Tair fast von Allen angenommen worden sind, die solche Fragen eines Interesses würdigen. Immer findet man seine Gedanken wiederholt, seinen Massstab an- gelegt, wenn den Sprachen Form oder Formlosigkeit, ihren Formen Lob oder Tadel zugesprochen wird. Im letzten Grunde ist es auch auf ihn zurückzufüliren. wenn besonders strenge Eichter den meisten Sprachen das Verbum, ja den Besitz von Wörtern aberkennen. Wenn die Etymologie über die innere Sprachform entscheidet, wie Humboij)t will, so wird sich die innere Sprachform in der Wortschöpfung mindestens eben>o klar zeigen, wie in der Formenschöpfung, im Sprachschatze nicht weniger klar, als im Sprachbaue. Hier, von der lexikalischen Seite, griff Pott die Sache an. Wie sind die Dingo benannt? Diese Frage kann und will von zwei Gesichts- punkten aus beant^vortet sein, indem der Weg entweder von der Benennung' zum Benannten genommen wird, oder umgekehrt. Dort werden die Wörter etymologisch geordnet, die Wurzeln und Stämme durch ihre Ableitungen uiui Anleitungen hindurch verfolgt. Hier ist der Gesichtspunkt der der Synonymik, und die Frage lautet: Nach welchen Merkmalen werden die Dinge benannt? In diesem Sinne führte schon Humboldt die Namen des Elefanten im Sanskrit an: hdstin, der Behandete, dvipa, der zweimal Trinkende u. s. w. Pott hat beide Wege verfolgt, weit über die Grenzen des indogermanischen Sprachstammes hinaus. Jetzt zeigte er, wie dieselbe Vorstellung auf verschiedene Gegenstände angewandt wird, jetzt wieder, wie derselbe Gegenstand nach verschiedenen mit ihm verbundenen Vorstellungen, — Merkmalen — bezeichnet wird. Mehr und schärfer hat vielleicht Keiner über Stoff und Form und Form- II. B. §.3. 1. Die innere Sprachform. Humboldt, Steinthal. 335 losigkeit der Sprachen geschrieben, als H. Stedjthal. Zur Kennzeichnung seines Standpunktes mögen folgende Stellen aus seinen Schriften dienen. (Charakteristik der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues S. 78): „Was nur immer durch Wahrnehmung gewonnen wird, das ist im Bewusstsein als Stoff . . . Es giebt im Keiche der Wahrnehmung, und das heisst soviel wie im vorsprachlichen Bewusstsein, nur Stoff und keine Form. Form wird nicht Tvahrgenommen, sondern ist reines Erzeugniss der Selbstthätigkeit der Seele, und zwar ist Sprechen die erste formende Thätigkeit, und der erste Stoff, an dem sich diese versucht, sind die Wahrnehmungen.'' (Das. S. 79): ,,Das Wesen der formenden Thätigkeit wird am All- gemeinsten und noch ganz unbestimmt bezeichnet als die Anschauung der An- schauung." (Das. S. 81): „Die Producte der Anschauung von Anschauungen mögen Vorstellungen heissen.'' (Das. S. 87): „[Innere Wortform ist] dasjenige Merkmal, diejenige Be- ziehung, wodurch die Subjectivität der Völker die Anschauung sich vergegen- wärtigen und reproduciren wollte." (Sprachw. Werke W. v. Humboldt's S. 341): „So ist die Vorstellung oder innere Form des Wortes, subjectiv; die Auffassung des Objectes, welche in ihr liegt, wird bestimmt von Sinnlichkeit, Phantasie, dauernder oder augenblick- licher Gemüthserregung." (Charakt. S.89): [Grammatische Formung ist] „die sprachliche Gründung und Bezeichnung einer bestimmten Beziehung zwischen den einzelnen Vor- stellungen und Wörtern." (Das.) „ . . . dass, wenn und insoweit imd wie im Bewusstsein Beziehungs- f<»rmen ausser den einzelnen Vorstellungen und sich über sie verbreitend, sie umschlingend, auftauchen, dann auch ebensoweit und in entsprechender Weise, unbewusst und ungewollt, die Wörter auch lautlich geformt hervorbrechen ^Verden." (Das. S. 84): „Wie wir also dui-ch die Sinne die äusseren Gegenstände wahrnehmen, percipiren: so ist im Allgemeinen die innere Sprachform eine Anschauung oder Apperception jedes möglichen Inhaltes, den der Geist besitzt, ein ilittel, diesen Inhalt sich zu vergegenwärtigen, festzuhalten und zu reproduciren, ja sogar ein Mittel, neuen Inhalt zu erwerben oder geradezu zu schaffen". Das. S. 92 bezeichnet er die innere Sprachform als „eine innere Anschauung des inneren Inhaltes, eine Apperception von Anschauungen und Begriffen." (Mande-Negersprachen S. VII): „ . . . TJnterscheidimg der inneren Sprach- norm, d. h. der grammatischen Kategorien, von den logischen Formen der An- schauungen und Begriffe." (Das. S. VIII): Wir müssen bei der Erforschung der inneren Sprachform 336 IV, iii. Inhalt und Form der Rede. Überall von der vergleichenden Etymologie ausgehen und dürfen nie innere Sprachform da annehmen, wo ihr keine phonetische Fonn entspricht, und dürfen auch keine andere Kategorie sehen, als worauf die Etymologie hinweist; denn die Phonesis ist der einzige feste Boden, der sichere Haltepunkt des Sprach- forschers, den er ungestraft nicht aufgeben darf/' — Ähnlich (Abriss der Sprachw. I, S. 428): „ . . . das Etymon, die characterisirende innere Sprachform," und (Das. S. 429): „ . . . die innere Sprachform, das Etymon.'' Dagegen (Das. S. 432): „ . . . die innere Sprachform, welche aber doch nicht in der Etymologie liegt" Und ähnlich (Charakteristik S. 234): „Darum aber, dass im Ägyptischen Wurzel und Suffix nicht fest miteinander verbunden sind, ist dasselbe nicht etwa keine Formsprache; denn nicht auf der Lautverbindung, sondern auf dem inneren Sinn beruht die Form. Der Ägypter aber hat formal gedacht, und darum ist seine Sprache formal." Dagegen wieder von den finnischen Sprachen: (Das. S. 203): „Man hatte nicht das ßedürfniss, jedes Element nur geformt nur mit einem bestimmten Characteristicum, in der Rede zuzulassen; und darum gilt auch ein Suffix nicht als Form, und ein Stamm mit einem Suffix ist nicht ein zur Wortform gewordener Stamm, hat nicht aufgehört Stamm, d. h. form- los zu sein." (Das. S. 318flg. spricht er sich noch ausführlicher aus): „Die Etymologie ist, abgesehen von der in so vielen Fällen ihr anhaftenden Unsicherheit, auch sonst ein zweifelhafter Zeuge für oder gegen formale Auffassung: denn es kann, wie wir in unseren Sprachen zuweilen sehen, ein ursprüngliches Stoffwort rein formal verwendet werden. Das Wesentliche also, worin sich die materielle oder formelle Vorstell ungs weise kundgiebt, liegt in der Behandlung der Wörter, in der Construction . . . Überhaupt aber liegt das formale Wesen der Sprache eben immer in der Construction, d. h. in der reinen Thätigkeit, Synthesis, an sich, im Ausdruck der Prädicirung, der Attribuirung, der Objectivirung, als der geistigen Function sprachlicher Vorstellung. Nur an diesem Punkte, wo der Geist in feinster Weise äusserlich wird, wo er als Thätigkeit, abgelöst von dem Gegenstande der Thätigkeit, rein und nicht materialisirt, den Gegenstand ergreifend und durchdringend, offenbar wird: nur hier ist das formale Prinzip des Sprach- baues zu prüfen, und hier am Sichersten. Denn wenn hier auch die Offen- barung des Geistes fein ist, so ist sie doch mächtig und wirksam. Bleibt man bei einer einzelnen Form einer Sprache stehen, so lässt sich in keinem FalJe entscheiden, ob man eine wirkliche Form vor sich hat, oder eine Agglomeration. Das Entscheidende in jedem einzelnen Falle liegt im allgemeinen Princip der Sprache. Ist eine Sprache dem Prinzip nach formlos, so besitzt sie auch keine einzige wahre Form. Wäre nur eine wahre Form in dem Geiste eines Tolkes II. B. §. 3. 1. Die innere Sprachform. Steinthal. 837 welches eine formlose Sprache spricht, vorgestellt worden, sie würde nicht wie ein Blitz in finsterer Nacht vorübergegangen sein und dichte Finstemiss zurück- gelassen haben; sie würde vielmehr gezündet und eine Gluth erzeugt haben, welche die ganze Denkweise des Volkes umgeschmolzen hätte." (Das. S. 223 über Zusammensetzung und Anbildung): „Erstere ver- bindet Stoff mit Stoff, d. h. die Vorstellung eines Materialen, einer Eigenschaft, Thätigkeit, Substanz, mit einer anderen Vorstellung eines Materiellen, um durch Beide wiederum den Begriff eines Materiellen darzustellen; letztere fügt ein Formelement an ein Stoff element, um einen Begriff durch eine einfache Vor- stellung und eine formale Beziehung zu bezeichnen." (Das. S. 186): „Und hierin sehe ich wieder den Materialismus, der nur den wirklich vorliegenden Thatbestand so darstellen will, dass der Hörende ihn so nachbildet, wie er ist; wähi*end der Volksgeist, der wahre Formen schafft, am formalen Thun selbst seine Freude findet und nichts ungeformt lässt, was in der Rede auftritt" (Das. S. 234, Flexion): „Bei uns ist es alleraal das ganze Wort, das im Sprachgeiste lebt, ohne Unterscheidung von Wurzel und Affix: denn der lebendige Geist erfasst den Inhalt in der Form als Eins mit der Form, und nur der wissenschaftliche, analytische Geist scheidet durch Abstraction die Form vom Inhalt. Ist nun das Wort eine Einheit, so schrumpft es mit der Zeit allmählich zusammen, ohne an Verständlichkeit zu verlieren, und gerade sein Ende ist am Meisten der Verwitterung ausgesetzt." (Das. S. 251, Agglutination): „Denn jenes Aneinanderleimen eines Suffixes an das andere, wie wir es im Türkischen und noch mehr im Amerikanischen finden, ist eben Formlosigkeit." (Mande-Negerspr. S. 234, §. 592): „Das ist nun der eigentliche Charakter der Formlosigkeit, dass Wortfügung, Zusammensetzung und Wortbildung zusammenfallen." Soweit Steinthal. Wo Humboldt von Sprachen redet, „deren grammatische Formen nicht so formaler Natur sind, wie die der flectirenden", — also doch immerhin auch grammatische Formen und formaler Natur sind, — da sieht Steinthal einen schroffen Dualismus, theilt die Sprachen in formlose und in Fonnsprachen und geht mit den grammatischen Formen der Sprachen scharf in's Gericht, ob sie auch wirklich formal seien oder nicht. Was seinem grossen Vorgänger als Merkmale minder formaler Natur galt, das ist ihm ein Zeichen der Formlosigkeit, und nur innerhalb dieser beiden scharf geschiedenen Kategorien lässt er verschiedene Stufen niederer oder höherer Entwickelung zu. Ähnlichen Anschauungen huldigt Friedrich Müller, dessen Grundriss der Sprachwissenschaft ich zwei Stellen entnehme: (I, S. 104): „Der auf Grundlage der Wurzeln vor sich gehende Sprachprozess ▼. d. Gabelents, Die Sprachwissenschaft. 2. Aufl. 22 388 IV, iii. Inhalt und Form der Rede. ist derart, dass das denkende Subject die durch die Wurzeln zum Ausdrucke gelangenden Vorstellungen bearbeitend (d. h. bald zerlegend, bald miteinander yerknüpfend), daraus bestinunte Worte (Repräsentanten näher bestimmter, deter- minirter Anschauungen) formt. In der Art und Weise aber, wie die primitiTen Anschauungen näher bestimmt — wie aus den rohen Wurzeln die fertigen Worte — Theile eines Satzes — herausgebildet werden, gehen die verschiedenen Sprachen weit auseinander. Während jene Sprachen, welche den principiellen Unterschied zwischen dem Stoffe (dem von Aussen Gegebenen) und der Form (dem Ton Innen aus zum Stoffe Hinzutretenden) festhalten, auch von Anfang an zweierlei verschiedene Lautcomplexe für Beide ausbilden, also neben den Stoff-Wurzeln auch Form-Wurzeln entwickeln, bleiben jene Sprachen, welchen der principielle Unterschied zwischen Stoff und Form nicht in's Bewusstsein gedrungen ist, bei den Stoff wurzeln stehen und sehen dort, wo wir Form im Gegensatze zu Stoff zu sehen gewohnt sind, nur Stoff. Wir wollen damit nicht behaupten, dass jene Sprachen, welche kein Verständniss für die Form besitzen, neben den Stoffwurzeln nicht auch andere Wurzeln entwickelt hätten, welche unseren Formwurzeln analog sind (z. B. Pronominal- und Adverbialstämme), aber diese Wurzeln werden von der Sprache nicht anders denn als Stoffwurzeln gefühlt — was sich namentlich aus dem Umstände ergiebt, dass die Sprache dort, wo reine Formwurzeln zur Verwendung kommen sollten (bei der Flexion, Conjugation), diese nicht zur Anwendung bringt, sondern vielmehr reine Stoff- wurzeln dazu verwendet Wir können also trotzdem behaupten: Alle Sprachen kennen Stoffwurzeln, während nur jene Sprachen, welche ein Vei-ständniss für den Unterschied zwischen Stoff und Form besitzen, neben diesen noch eine zweite Kategorie von Wurzeln, nämlich Form -Wurzeln entwickelt haben.'* (S. 131): „Wir bemerken gleich hier, dass mir Sprachen, welche wirklich Sinn für Form haben, wahre Formen erzeugen, d. h. Bildungen, die in ihrer Ganzheit abgeschlossen sich darstellen, während Sprachen, die keinen Sinn für Form zeigen, auch keine wahren Formen hervorbringen können. Da der Gegen- satz zwischen Stoff und Form dort nicht existirt, so ist auch ein Unterschied zwischen Stamm und Form nicht vorhanden. Das was uns auf den ersten Anblick als wirkliche Form erscheint, ist es bei näherer Betrachtung dennoch nicht, da es weiterhin als Stamm behandelt werden kann." Kaum weniger ausgiebig als Steinthal, aber, soviel ich sehe, milder ist der Neubearbeiter seiner Charakteristik, Franz Misteli. Ich entnehme dem Buche folgende Stellen: (S. 2): „Unter Form der Rede versteht man alle diejenigen Mittel, welche entweder den grammatischen Rahmen bUden, oder wenigstens zur logischen Deutlichkeit oder zur subjectivon Färbung der Rede beitragen.'' (S. 3): Schon hier stossen wir auf formelle Behandlung der gegebenen n. B. §. 3. 1. Die innere Sprachform. Fr. Müller. 339 Sachujxterschiede, und derjenigen Sprache werden wir einen Vorzug zu- schreiben, welche bei strenger Wahrung nominalen und verbalen Unterschiedes möglichst viele Nomina leicht und ungezwungen in Verba auflösen kann/^ (Beispiele : Kopf -r köpf en, Mund — munden, englisch to head u. s. w.) (S. 4): „Zahlwörter, Verhältnisswörter und Pronoraina . . . dienen Bestimmungen, die vom Subjecte und Objecto gleichmässig abhängen, und lo- gischen Verhältnissen entweder gar nicht, wie die Zahlwörter und Pronomina, oder wie die Verhältnisswörter, in übertragener Weise und nicht von Anfang an, und sind daher gleichfalls zunächst als Stoff der Bede zu betrachten.'' (8. 5): „In der verschiedenen Gestalt und Auffassung des einen wurzelhaften Lautstoffes (du: dein, vier: vierter) liegt schon grammatische Form, ob Sub- stantiv, Adjectiv, Verbum, gerade wie in dem Austausch der letzteren drei Wort- arten untereinander." (S. 15): Französisch: conceimanty touchant = betreffend, suioarU = gemäss, ä pariir de = von ... an, griechisch Ixmv, Xaßdv, (pigmv = mit u. s. w.) „Alle diese Wendungen folgen durchaus der Construction der finiten Verbalformen und fallen aus dem Bereiche der Präpositionen heraus. Denn daran muss man, wie bei der nominalen, auch bei der verbalen Präposition festhalten, dass Form oder Construction sie vom betreffenden Nomen und Verbum unterscheide, wenn sie eine eigene Classe bUden sollen." (S. 19): „Obschon noch ganz im Stoffe der Rede befindlich, unterscheiden wir doch zwei Arten einer niederen Form: Die Möglichkeit des Austausches gegenständlicher, eigenschaftlicher und verbaler Vorstellung, besonders die der Auflösung des Nomons in ein Verbum, imd die der Vergegenständlichung von Eigenschaften, Zuständen und Thätigkeiten in ein Nomen; dann die verschiedenen Grade der Deutlichkeit, mit der Verhältniss- und Umstandswörter sich vonein- ander imd von den Substantiven, Adjectiven und Verben abheben, welche als stofflicher Ersatz dienen können. Eine dritte Art wird sich im Folgenden zeigen" [nämlich:] (S. 19— -20): ...„Dagegen den Partikeln, Conjunctionen und Negations- wörtchen entspricht nichts Objectives, weder Dinge noch Bestimmungen oder Verhältnisse von Dingen; sie sind rein formaler Art, weil sie theils subjective ^emüthsstimmungen, theils logische Verhältnisse der Vorstellungen, theils Nicht- setzen und Ablehnen solcher bezeichnen, lauter Gefühls- und Denkacte, deren keine menschliche Rede entbehrt." (S. 28): „Auch für die Partikeln muss, wie für die Pronomina und Präpo- sitionen, als die geeignetste Form diejenige gelten, welche an ein Nomen oder Verb gar nicht erinnert und auch nach den Lauten sich bequem handhaben lässt . . . Interesse verdient es, . . . dass es immer solche leichtbeschwingte, eines energischen Sinnes entleerte Sprachgestalten waren, an die das Sprachgefühl sich 22* 340 lY, iii. InhaH und Fonn der Rede. wandte, und in denen wohl die primitivsten Formelemente sich bargen. Das ist eben Formsinn, der nun auch in der feineren Ausgestaltung des Begriffes wirkt . . ." (Yergl. dazu S. 38). (S. 30): „So kann man den Inhalt der jeweiligen Form unmöglich von vorn- herein bestimmen, noch einer Sprache einen Vorwurf daraus machen, dass diese oder jene Kategorien ihr fehlen, welche eine andere entwickelt . . . Aber d^^ die Kategorien consequent, nicht zu eng, noch lauüich schwerfällig seien, das sind die Erfordernisse einer richtigen Form." (S. 35 — 36, Substantiva, Adjectiva, Verba): „Darin, dass diese Drei- theilung, so sehr sie durch den Augenschein und die Logik gleichmässig empfohlen wird, die freieste Behandlung durch Vertauschung ihrer Glieder erfährt, besteht in diesem Falle eben die Form; denn jede Form ist geistige Bethätigung." (S. 39): . . . „ebenso sehr oder noch mehr geistig als lautlich geformte B^de- theile giebt es im Alt- Chinesischen nicht, und deswegen müssten wir diese Sprache als formlos bezeichnen, weil sie nicht einmal so viel Form an sich zu tragen scheint, als zur deutiichcn Sonderung des Stoffes nöthig ist, wenn sie nicht den Mangel der niederen Form durch die höhere des Satz- und Gredaiiken- Ausdruckes vollständig ausgliche." Hierzu: (S. 43): „Je mehr eine Sprache die Verständlichkeit des Satzes auf formello Weise, durch Wortstellung, Flexion, abstracto Wörtchen nicht dui'ch blossen Inhalt und Zusammenhang, zu sichern sucht, desto mehr darf sie diese höhere Form zu besitzen Anspruch erheben." (S. 46: Das Chinesische) „besitzt kein achtes Verbum und keine Conjugation, aber auch kein unächtes Verbum und keine Scheinform. Denn dass nur dann, wenn das Subject am Verbum, und innig mit ihm vereint, eine leichte allgemeine Andeutung findet und specieller als Nomen in Nominativgestalt oder nach fester Stellung, oder wenigstens als Absolutiv von Aussen noch einmal hinzutritt d. h. in der Vereinigung von Nomen und conjugirtem Verb, der erstere der beiden Gegensätze sich auflöst, dürfte man willig zugeben. Hierbei verschlägt es nichts, durch welches lautliche Mittel die Andeutung stattfindet, oder ob sie gar nui" negativ vollzogen wird . . . weil man jede Form nicht für sich, sondern im Verhältnisse zu den anderen vorstellt, und somit die allgemeine Hinweisung auf ein Subject von den letzteren auch auf diejenige Form übergeht, wo sie aus- drücklich nicht vorhanden ist." (S. 51, Semitisch): „Die Geschlossenheit der Wortform oder die Wort- einheit tritt hier wieder als nicht unerlässliche aber wichtige Bedingung höherer Formung hervor." (S. 52): . . . „Das ächte Verbum auf das Indogermanische und Semitische zu beschränken." (S. 60): „Wo aber diese Mischung (von Subjects- und Possessivsuffixen) von II. B. §. S. 1. Die innere Sprachform. Ft. Müller. 341 Anfang an auftritt, da herrschte eben auch von Anfang an eine laxe Auffassung der Terbalen und nominalen Kategorie.". [Ähnlich Humboldt, z. B. Versch. des raenschl. Sprachbaues S. 260 — 261.] (S. 66, Das Particip auf — l, — la, — lo der heutigen slavischen Sprachen) .•hat heute teine participiale Geltung mehr, . . . sondern versieht den Dienst eines IBrzählungstempus und darf wohl, trotz der Unterscheidung der Geschlechter als Verbum finitum gelten; die blosse Form kann dasselbe kaum des Anspruchs berauben, dem Verbum finitum beigezählt zu werden; nur wenn es bald als Participium bald als Verbum finitum auftreten wollte, könnten wir das Letztere von Rechtswegen ilim nicht zugestehen". (S. 68): ... „dass einige finite Verbalformen, ohne weder possessive noch abstracto noch participiale Form zu zeigen, deswegen als Nomina gelten müssen, weil sie an den Tempusstamm das nominale Mehrheitszeichen hängen." (S. 76): „Die Objectsconjugation beruht auf dem Mangel, die Thätigkeit reinlich von Subject und Object abzusondern — die Wirklichkeit giebt alle drei inuuer verbanden — , in Folge dessen das Object an Wichtigkeit dem Subjecte iiiindestens gleichsteht" (S. 80): „Dass in der prädicativen, objectiven, attributiven Beziehung die beiden Glieder sich nicht in einem Ganzen vermischen, sondern abgetrennt durch Stellung, Partikeln und Flexion ihre Geltung zeigen sollen, das liegt im richtigen Verhältniss von Satz und Wort. — Nun überschreiten eben objective Con- jugation imd possessive Prononimalsuffixe durch Einverleibung des Ob- jectes und des Besitzes die Wortgrenze; doch wer Satzworte bildet, braucht vor Possessiv-, Sub- resp. Präfixen nicht zurückzuschrecken." (S. 81): „Von Seiten der sprachlichen Form kann man es nicht gestatten, das Object mit dem Verbum zu verschmelzen, auch nicht in der milderen Art der Einverleibung bloss des Pronomens, weil damit die Grenze von Wort und Satz nach Seiten des Wortes verrückt, und die Energie des Subjects ge- schwächt wird, wenn ein Ganzes Subject und Object umschliesst." [Dem Semitischen spricht er die Objectivconjugation ab.] (S. 82): „Fehlerhaft ist auch die Vereinigung von Besitz und Besitzer in einem Wort, denn der Possessivbegriff verändert weder den Inhalt noch die grammatischen Verhältnisse: er bezeichnet ein Sachverhältniss." (S. 87): . . . „dass die Endungen des Nominativs und Accusativs nach Be- dürfnissen der Verständlichkeit wegfallen können . . . Nicht die Flexionslosigkeit als solche ist tadelnswerth, weil die Stellung immer noch die beiden Casus auseinanderhalten würde, wohl aber lässt wahre Flexion nie die Kategorie im Stiche, wofür sie geschaffen wurde, und strenge Worteinheit ist mit be- liebigem Abfallen der Endungen unvereinbar." (S. 98 — 9JI): „Beim objectiven und attributiven Verhältnisse werden 342 IV, III. Inhalt und Form der Rede. wir die Fonn so bestimmen, dass 1. beide Glieder eines jeden Verhältnisses gesondert bleiben, damit nicht objective Conjugation und Possessivbildungen resp. Composita an ihre Stelle treten und die Worteinheit zu Gunsten der Satz- einheit schädigen; 2. die Kategorien des Objectes und des Attributes abstract allgemeinen Sinn bieten und consequent angewendet werden; 3. ihre Wiedergabe entweder durch Stellung oder durch einen leichten, handlichen Exponenten (Flexion, Partikel) erfolge." (S. 9y — 100): „Nun ergab sich schon . . . dass von sämmtiichen bloss zwei beim Yerbum oder im prädicativen Verhältnisse die Eigenschaften der Subjectivität und Energie aufweisen, d. h. ein Yerbum besitzen, welches aus einer StoffwurzeJ und innig angeschmolzenen, das Subject allgemein andeutenden Affixen besteht und sich nicht auf die nackte Aussage einschränkt und doch auch keine un- gehörigen Nebenbegriffe enthält — der semitische und indogermanische Dadurch, dass ein durch Stellung, Partikel oder Endung als Subject (Nominativ oder Absolutiv) kennbares Nomen die allgemeine Andeutung des Personalaffixes specialisirt, kommt der Satz zu Stande. Diese Auffassung des Verbums schliesst aber den Begriff der Flexion und des Wortes in sich; Wort ist eine nach allen anwendbaren Kategorien der Sprache bestimmte und als solche lautlich charakterisirte Vorstellung, welche als geschlossenes Ganze in den Satz sich ein- fügt; das Verbum ist das Wort par excellence. Wir werden die beiden genannten Sprachen die flektirenden oder ächtwortigen nennen, und sie wegen de^ richtigen Verhältnisses von Wort und Satz, insofern nämlich Subject und Prädicat Prädicat und Object, Attribut und Regens gesondert auseinandertreten, als Form- sprachen betrachten. Andere Sprachen besti-eben sich, Verba zu schaffen und Worte zu bilden, und die Länge fehlt nicht, aber die Kraft fehlt, die lautliche Fülle und die geistigen Processe abzukürzen; das Verbum ist nominal gedacht und die Wörter sind nicht geschlossen; die uns flexivisch erscheinenden wort- schliessenden Elemente können fehlen, meist nach Rücksichten der Verständlich- keit, oder auch da antreten, wo das Wort schon geschlossen erschien; das sind die agglutinirenden oder scheinwortigen Sprachen, Finnisch, Magyarisch, Jakutisch, Karnattisch; wegen des schwankenden Verhältnisses von Wort und Satz bezeichnen wir Beide als formlos, wenn gleich einzelne namentlich finite Verbalformen als geschlossene Wörter anzuerkennen sind . . . Formlos ohne Frage sind dann die einverleibenden oder satzwortigen Sprachen . . . (Mexicanisch, Grönländisch.] Und den Rest darf man mit dem Namen nicht- wortig zusammenfassen, muss aber drei AbtheUungen unterscheiden: die Wurzel- isolirenden, Stamm-isolirenden und anreihenden Sprachen, oder 1. Chinesisch und Siamesisch (Barmanisch); 2. Malajisch und Dajakisch; 3. Ägyptisch-Koptisch und die BantufamiUe.'' (S. 104): „Diese . . . nichtwortigen Sprachen ermangeln freilich der II. B. §.3. 1. Die innere Sprachform. Fr. Müller. 343 richtigen Form, weil sie kein echtes Verbum besitzen, und damit auch das Verhältoiss von Wort und Satz Schaden leidet, und dürfen doch nicht von vorn- herein als formlos im Sinne von missformig gelten; weder fassen sie in un- gehöriger Weise, wie die satzwortigen, einverleibenden Sprachen, die zwei Glieder der prädicativen, objectiven, attributiven Beziehung in ein Ganzes zusammen (sie haben eben nicht solche Ganze oder Worte), noch machen sie den Versuch, solche Ganze zu schaffen, wie die scheinwortigen, agglutinirenden Sprachen, und bleiben daher vor jedem Misslingen bewahrt" (S. 226): „Denn Formen, welche bald aus gehäuften Elementen bestehen bald wieder fehlen können, verdienen diesen Namen nicht" (S. 232): „Denn ein Lautgebilde, das nicht einer bestimmten Wort-Kategorie angehört und ein bestimmtes Yerhältniss zum Ganzen des Satzes an sich trägt, ist kein Wort" (S. 241): „Da gewahrt man jene Kücksichtnahme auf blosse Verständ- lichkeit, die die uralaltaischen Sprachen charakterisirt und mit dem Sinne für strenge Form sich nicht vereint" (S. 264): „Unserem „man" entspricht [im Malaischen] wieder oran^ eigentl. „Menschen", und gerade diese Einzelheit ist geeignet, den Unterschied von Form und Stoff in's Licht zu setzen; „man" trennt sich durch den Singular und mangelnden Artikel so sehr vom Substantivum „Mann" ab, ebenso französisch on schon durch den Laut von homme^ dass es füglich als Pronomen gelten darf, an dessen eigentliche Bedeutung man kaum mehr denkt; oran dagegen ist „Männer* [?] und nicht „man", wenn die verschiedene Auffassung am nämlichen Worte einleuchten soll." (S. 268): ,, Wegen ihrer [der formalen Elemente] grösseren Zahl und laut- lichen Schmächtigkeit tritt das Ägyptische in den Zustand der Anreihung; denn die formalen Elemente und Silben begleiten nur den Stoff, gesellen sich ihm von Aussen bei, treten ihm selbstäudig zur Seite." (S. 274): „Dass wahre Formenelemente, noch so lose angefügt, doch den Stoff begrenzen und gestalten." (S. 275): „Dass das Ägyptische, obwohl es Wurzel und Affix nicht fest mit- einander verbindet, doch in gewisser Hinsicht eine Formsprache ist; der Ägypter hat formal gedacht, und insoweit ist seine Sprache formal." [Vergl. dazu das oben, S. 337 aus Steinthal's Charakteristik S. 234 Angeführte.] Ich habe hier, wie bei Steinthal, möglichst ergiebige Auszüge mitgetheilt, um aUen drei Forschern nach Kräften gerecht zu werden, zweifle aber, ob die Sache dadurch sehr an Klarheit gewonnen. Vieles des hier Wiedergegebenen betrifft schon die äussere Form, Alles zweckt auf die Werthabschätzung der Sprachen ab, der ich einen späteren Abschnitt widmen werde. Ich meinerseits 844 rV, III. Inhalt und Form der Rede. sehe hier überall Gradunterschiede, mehr oder minder lebhafte Äusserungen des Formungstriebes, nicht eigentliche Gegensätze, die mich berechtigten einer Sprache die innere oder äussere Form abzusprechen. Den etymologischen Massstab überall anlegen zu wollen, scheint mir misslich. Denn dieser Massstab versagt da den Dienst, wo die Quellen der Sprachgeschichte versiegen: seine Anwendbarkeit hängt sehr vom Zufall ab. Ein Beispiel aus dem Ganaresischen (Eamatta, Kannadi). Hier fügen die positiven Formen des Verbums zwischen den Stamm und die Personalsuffixe Tempuscharaktere. Stamm gey, thun: geydamy er that, geydal, sie that, geyvantj geyval, er, sie wird thun, geydapam, geydapal, er, sie thut. Dagegen fügt das negative Verbum die Personal- endungen unmittelbar an den Stamm: geyyam, geyyal, er, sie thut nicht. Ein Glück, dass der Imperativ: thue! neben den Formen geyya^ geyvudu noch das einfache gey hat, und dass Tamulisch, Malayälam und Telugu Spuren eines alten Negativsuffixes a aufweisen. Man wäre sonst versucht, dem Canaresen den Unsinn zuzumuthen, er betrachte das Negative als das Erste und leite erst davon das Positive ab. (Vergl. R. Caldwell, A Comparative Grammar of the Dravidian or South-Indian Family of Languages. 2d. ed. London 1875, S. 360 flg. 442 flg.) Dann aber sollte man auch einerseits dem mechanischen Formenschliffe und andrerseits jenen mächtigen Neuerungen Rechnung tragen, die, — oft Hand in Hand mit phonetischen Abnutzungen, — ein lebhaftes DeuÜichkeits- und An- schaulichkeitsbedürfniss in die Sprache einführen kann. Periphrastische Gebilde, nachdrückliche Doppelungen oder Tautologien und die meisten figürlichen Rede- weisen sind freilich im Grunde sinnlich und stofflich. Aber um so wirksamer äussern sich eben darum in ihnen die Stimmung und der Gedanke des Redens, und um so sicherer wird durch sie der Hörer ergriffen und zum Redner seelisch hinübergezogen. Was so entsteht und so wirkt, das braucht sich weder seiner Herkunft noch seiner Bestimmung zu schämen, — auch dann nicht, wenn es aus den Höhen der Rhetorik und Poesie mit verblassten Zügen iu die Grammatik oder das Wörterbuch des alltäglichen Gebrauchs hinabgestiegen ist, und ihm nun die Etymologen seinen Geburtsschein vorhalten. Formell, vielleicht im höchsten, künstlerischen Sinne, war es von Hause aus, und formell, die „An- schauung einer Anschauung*' darstellend, ist es geblieben. Um nun den Begriff der inneren Form festzustellen, schlage ich den ge- netischen Weg ein. Jeder Mensch hat seine innere Welt von einem gewissen engeren oder weiteren Umfange, mit anderen Worten seiuen Ideenkreis. Zn dieser inneren Welt, sie beherrschend, gehört auch eine subjective (innere) Welt Ordnung, die in mehr oder minder feiner und reicher Weise die Dinge gruppirt, in Zusammenhang setzt oder trennt. Mit anderen Worten: der Ideenkreis wird beherrscht durch eine bestimmte Anschauungsweise, die er doch natürlich auch seinerseits wiederum bedingt. In Beidem nun, in jenem Ideenkreise imd in n. B. §. 4. 2. Die äussere Sprachform. Die morphologische Classification. 345 di^er Anschaaungsart, besteht, Dank dem sprachlichen Gedankenaustausche, eine gewisse Gemeinschaft unter den Sprachgenossen, die in der Sprache ihren Aus- druck finden muss. Soweit sie den Ideenkreis, die Art und Menge der einzelnen Vorstellungen betrifft ist sie stofflich. Soweit sie dagegen in der Anschauungs- weise beruht, ist sie formal, innere Form. Diese innere Form wird sich zeigen erstens im Wortschatze, wie er sich etymologisch aufgebaut hat und synonymisch gmppirt; zweitens im Sprachbaue, wie, mit mehr oder minderer Schärfe und Lebhaftigkeit, die Vorstellungen in Kategorien geordnet, ihre wechselseitigen Be- ziehungen im Gedanken und die Beziehungen des ausgesprochenen Gedankens zur Seele des Sprechenden erfasst und unterschieden werden. . Der Fall ist über- aus häufig, dass Formative, seien es Hülfswörter oder Affixe, beliebig gebraucht oder weggelassen werden können. Als Beispiele diene deutsch: „Das Haus, das er gebaut (hat)^'; englisch: ihe house (which) he hos huüty älteres Deutsch: „es ist viel übrig (ge-)blieben", endlich das Augment im homerischen Dialekte. Viel gewöhnlicher ist Solches in den isolirenden und vielen agglutinirenden Sprachen. Man hat eben hierin Formlosigkeit erblicken wollen; mir aber scheint es richtiger, von Formdoubletten zu sprechen und leise Abschattungen des Sinnes anzunehmen. Wenn der Chinese für „im Hause sein" sagen kann: tsdi kia = sein-in Haus; tsdi iü kia = sein-in betreffs Haus; Udi iü kia (öi) cün = sein-in betreff Haus (-es) Mitte: merken wir ohne Weiteres, wie die Anschauung Schlag für Schlag schärfer ausgeprägt wird. Auch dies, auch der Fortschritt vom Unbestimmten zum Bestimmteren, gehört in den Bereich der inneren Form. Wie diese inner- halb der verschiedenen Sprachfamilien und Sprachen die Welt der Vorstellungen auffasst, eintheilt und verknüpft, das muss die äussere Sprachform erweisen. §. 4. 2. Die äussere Sprachform. Die morpliologische Classification. 1. Um auch bei der Betrachtung der äusseren Sprachform genetisch zu verfahren, beginnen wir bei jenen Sprachäusserungen , denen das entscheidende Merkmal der menschlichen Rede, die Gliederung noch fehlt Wir denken an die ersten Sprachäusserungen der Kinder, jene einfachen, aller Formenzeichen entbehrenden Ausrufe, die ersatzweise einen Gedanken ausdrücken: „Au!" ^ mir thut etwas weh; ,,Wauwau!" = da ist der Hund; „Happhapp!" = ich will essen, u. s. w. Man mag hier von ungeformten Satzwörtern, von Satzwörtem im logisch-inhaltlichen Sinne reden, im Gegensatz zu jenen geformten, gegliederten Satzwörtem wie risit, lacrimabü. 2. Solche Ausrufe, jeder den Ausdruck eines vollständigen Gedankens ver- tretend, können nun auch gehäuft werden, ohne darum in der Rede verbunden zu sein. Sie werden einzeln hervorgestossen, jeder hat seinen Werth für sich. Aber der Rufende weiss, wie er von einem Gedanken auf den anderen gekommen 346 VI, III. Inhalt und Form der Rede. ist, und der Hörer ahnt es vielleicht auch. Ein Kind wird vom Hunde ge- bissen; das schmerzt: „Au!" Den Schmerz hat der Hund verursacht: „Wauwau!" Er hat ihn verursacht, indem er biss: „Happ!" Das sind drei Gedanken, jeder durch ein ungeformtes Satzwort vertreten. 3. Nun denken wir uns die drei Ausrufezeichen, das heisst das, was ihnen in der Rede entspricht, weg: „Au wauwau happ", und übersetzen mittels der Copula: der Schmerz ist (verursacht durch den) Hund, welcher biss. Hier ist in rohester Weise die Synthese des Gedankens in einer dreigliedrigen Rede zum Ausdrucke gebracht; ein Kind, das so spricht, redet schon in menschlicher, das heisst gegliederter Sprache. Die Synthese aber besteht in einer blossen Anein- anderreihung, sie ist ohne bindenden Mörtel wie eine cyklopische Mauer: die Sprache ist isolirend. In solcher isolirenden Sprache können Kinder sich sehr gut verständlich machen. Ein kleines Mädchen erzählte, vrie sie (Mädel) auf den Stuhl geklettert, heruntergefallen und dafür von ihrer Mama Schläge (Puch- puch) erhalten habe, aber nur massige (ein Bischen): „Mädel Tuhl, ketter; bum! Mama puchpuch, bissen!" Versteht man die einzelnen Wörter eines solchen Kindergelalles, so ist die Construction leicht zu deuten: man hat nur die Wahl zwischen der Copula des Seins, des Habens oder der Ursache. Manche Yölker- sprachen, und nicht nur isolirende, haben es nicht viel weiter gebracht Dafür wollen wir uns aber auch daran erinnern, dass eine rein isolirende Sprache, die chinesische, zu den vollkommensten Trägerinnen des Gedankens gehört, den sie wunderbar fein zu gliedern, wunderbar mannigfaltig zu verknüpfen und fein- sinnig abzuschatten versteht 4. So rein isolirend, wie das Chinesische, sind meines Wissens nur noch wenige Sprachen Hinterindiens: das Siamesische und das Annamitische samnit ihren nächsten Venvandten. Und bei allen Sprachen dieser Classe scheint die Isolation nicht ursprünglich, sondern tertiär, vielleicht quartemär zu sein. Wohl auch bei allen zeigt sie die Tendenz, einen Theil des Wortschatzes lautlich und inhaltlich zu verflüchtigen und im Yergleiche zu den übrigen Bestandtheilen der Rede als minder selbständig zu behandeln. Schon im Altchinesischen sind davon Spuren nachzuweisen, und neuchinesische Dialekte leisten hierin bereits soviel dass sie kaum mehr als monosyllabisch -isolirend gelten können. Was seiner Selbständigkeit beraubt wird, muss sich an Anderes anlehnen, sich mit ihm ver- binden. Was früher isolirt war, davon wird nun ein Theil zusammengefügt componirt, und nun erscheint das Compositum als ein nach Aussen hin isolirter Satztheil höherer Ordnung. Bis jetzt jedoch ist die Zusammensetzung noch immer der Hauptsache nach eine bereichernde Erweiterung des isolirenden Baues. 5. Zusammensetzungen können sehr verschiedener Art sein, in Rücksicht sowohl auf das logische Verhalten ihrer Glieder zu einander, als auch auf ihr Gesammtergebniss; man denke an Gebilde wie Schleifstein, Dickkopf, schwarz- II. B. §. 4. 2. Die äussere Sprachform. Die morphologische Classification. 347 braun, Kerbholz, Eichbaum, schwarz- weiss -roth u. s. w. Eins aber ist ihnen gemein: dass die Glieder gleichermassen stofflich sind. Nun hatte aber sicher schon die älteste, noch ungegliederte menschliche Eede Ausdrücke, die, einmal in s Satzgefüge gebracht, sich vorzugsweise zur formalen VerweAdung eigneten. Die Empfindungslaute drückten das subjective Verhalten des Eedenden aus, und auch Deute- und Fragerufe dürfen wir jener frühesten Zeit zutrauen; wie bald sagen unsere Kinder „da-da", wenn sie nach etwas greifen oder auf etwas hin- weisen. Auch der Vemeinungsruf ist sicher uralt; lernen doch Kinder sehr schnell, jene unarticulirten Laute, durch die sie ihre Unzufriedenlieit ausdrücken, mit dem Nein vertauschen, das sie von den Eltern hören. Endlich erforderte gewiss schon der früheste Kedebedarf Bezeichnungen für örtliche Lage, Richtung und Bewegung, für oben, unten, vom, hinten, herwärts, hinwärts, kommen, gehen, verweilen, beisammensein, femer für geben, nehmen, wohl auch für Sache, Besitz oder Zubehör u. s. w. So grob sinnlich das an sich sein mag, so bietet es doch gefügigen Stoff zum Ausdrucke rein formaler Beziehungen. Am Schwersten be- greifen wir, wie Empfindungslaute zu solchen logischen Zwecken tauglich werden konnten. Dürfen wir jedoch aus geschichtlichen Thatsachen auf vorgeschicht- liche Vorgänge schliessen, so liefern ostasiatische Sprachen wenigstens dafür Beispiele, dass dieselben Laute jetzt als Casuszeichen, jetzt als Empfindungs- äusserungen dienen können. Im Chinesischen ist hü bald Laut der Frage und des Zweifels, bald Präposition der allgemeinen Beziehung, iü (ü) bald eine Prä- position von ähnlicher Bedeutung, bald eine Interjection. Im Mandschuischen fällt das Genetivzeichen ni lautlich mit der Partikel des Fragesatzes zusammen. Und im Japanischen sind wo, ka (ga), mo und na zugleich Empfindungslaute und Hülfswörter für logische Beziehungen. Jetzt scheint das Object im weitesten Sinne, als ein Erstrebtes durch Rufe der Frage, der Klage, des Begehrens, jetzt Zugehörigkeit, Abhängigkeit und Urheberschaft als ein Zweifelhaftes,, nur zu Er- schliessendes durch Fragelaute bezeichnet worden zu sein, — vertritt doch noch bei uns oft genug der Fragesatz den bedingenden. Doch sei dem wie ihm wolle: schon die isolirende Sprache trägt in sich reichen Stoff zu Hülfswörtern, die sie formal empfinden wird, sobald sie sie als Fomienmittel anwendet. Eine Grammatik verliert dadurch nichts an fomiender Leistungskraft, dass sie rein syntaktisch, auf die Mittel der Wortfolge und Formwörter angewiesen ist. 6. Werden nun die Formwörter als solche im Gegensatze zu den Stoffwörtern empfunden, so liegt es nahe, diesem Gegensatze auch in der Articulation Aus- druck zu geben. Zunächst in der Betonung, sei es, dass man das Formale leicht- hin behandelt, sei es, dass man umgekehrt die logisch -psychologischen Be- ziehungen scharf benachdruckt In unserer freien Rede kommt bekanntlich Beides vor; in vielen Sprachen aber haben sich Gewohnheit und Regel für das Eine oder Andere entschieden. In beiden Fällen ist nun der Erfolg der, dass sich Stoff- 348 IV, III. Inhalt und Form der Rede. und Formelemente der Rede zu akustischen Einheiten verbinden, — es ist wie mit den Wellen, die man nach Gipfeln zählt. So haben wir wieder im weiteren Sinne Zusammensetzungen, nun aber nicht mehr solche von gleich werthigea, stofflichen Gliedern, sondern Verbindungen von Stoff und Form. Und die^ Art der Zusammensetzung nennen wir Anfügung oder Agglutination. Die Hülfswörter werden dann zu Affixen, je nach ihrer Stellung zu Prä-, Sub- oder Infixen. Letzteres, Infixe, werden sie dann, wenn sie so zu sagen durch die Rinde des Stoffwortes hindurch in sein Inneres dringen. Dieser Vorgang ist vermuthlich immer secundär: leichtlau tige Prä- oder Suffixe, zumal solche mit Liquidis, schlagen vermöge einer mächtigen Anziehungskraft ein, wie der fallende Stein in den weichen Boden. In malaischen Sprachen wird aus m-kan, essen: kuman, koman (statt kman), und von dem gleichen Stamme aus in-ka» o oder ni'kan: hinan. Lateinisch findo und das gleichbedeutende sanskritische bhinadmi stehen an Stelle von *fidno, *bhidnamu In den kolarischen Sprachen finden sich Gebilde wie dal, schlagen: dapal, einander schlagen, daUpal, ein- ander heftig schlagen, hidiu^ kommen: hinidiu, das Kommen; und dem hebräischen hit-pha^^el entspricht im Arabischen i-f-ia-lala: das t des Präfixes ist in den Stamm gedrungen. So sollte man zwischen Prä-Infixen und Sub-Infixen unterscheiden. 7. Wie Alles in der Sprache, vollzieht sich auch die Agglutination nicht mit einem Schlage, und der Eine mag noch lange als selbständiges Hülfswort empfinden, was der Andere schön als blossen formativen Worttheil behandelt. Hier aber, wie tiberall, wo die Grenzen fliessen, gilt der Satz, dass sti-eirige Fragen unerhebliche Fragen sind. Je weniger die stofflichen und formalen Elemente einander in Laut und Betonung beeinflussen, je freier die Formativen gebraucht oder weggelassen, umgestellt oder durch Einschieben anderer Elemente von dem Träger des Stoffes, dem Wortstamme, abgedrängt werden können, je lebhafter endlich das Sprachbewusstsein an die ursprüngliche Identität des For- mativs mit einem noch gebräuchlichen Stoffworte erinnert wird: desto länger behauptet das Hülfswort seine Selbständigkeit im Empfinden des Redenden, und es scheint, als wären die proklitischen Wörter hierin besser gesichert, als die enklitischen. Wenn z. B. das Französische und Englische viele Suffixformen des Lateinischen und Angelsächsischen durch vorgefügte Formenzeichen ersetzt haben, so sind sie damit noch nicht zu einer präfigirenden Agglutination, sondern nnr zu einer theilweisen Isolation gelangt. Dagegen sind die ludöslichen Futui'gebilde der neuromanischen Sprachen mit habere; je dir-ai u. s. w., die Adverbialfonnen durch — menie, — ment, trotz der darin eingekapselten Infinitive und Ablative ebensogute Agglutinationen, wie unsre Ableitungen mittels der Suffixe — beit — thum, — niss, — lieh, deren stofflichen Ursprung wohl die Sprachwissenschaft nicht aber mehr das Sprachbewusstsein des Volkes kennt II. B. §. 4. 2. Die ftussere Sprachform. Die morphologische Classification. 349 8. Der Fortschritt von der isolirenden Stufe zu der agglutinirenden besteht darin, dass zu den beiden Formenmitteln der Wortstellung und der Hülfswörter noch ein drittes gekommen ist: das Affix. Dies besagt aber immerhin noch wenig genug, und die sogenannte agglutinirende Sprachenclasse, der man die ungeheure Mehrzahl der Sprachen eingereiht hat, ist im günstigsten Falle ein Verlegenheitsbegriff, dessen man nicht wohl entrathen kann, so eine Art cache- desordrcj eine Bumpelkammer, wie man sie Im Haushalte braucht, imi ander- wärts desto bess^e Ordnung zu halten. Nur das sollte Bedenken einflössen, dass diesmal die Rumpelkammer den grössten Theil des Gebäudes einnimmt. Unter- abtheilungen sind nöthig, und zwar nach verschiedenen Eintheilungsgründen. a) Am Nächsten liegt es, zu unterscheiden zwischen solchen Sprachen, die nur suffigiren, wie die uralaltaischen, die dravidischen, die australischen, das Grönländische, das Hottentottische und viele andere, — und solchen, die auch Präfixe haben, wie die malaio-polynesischen, die kolarischen, die des Bantu- Stammes u. s. w. Die Infixe kommen hierbei nur als Abarten der Prä- oder Suffixe in Frage. b) Auch der Umfang, die Erweiterungsfähigkeit der Agglutination verlangt Berücksichtigung. Hier aber sind die Möglichkeiten und Zwischenstufen unzählig, und zwischen verwandten Sprachen können grosse Unterschiede bestehen. Das Ostmongolische z. B. kennt keine Pronominalendungen am Verbum, wälu*end das KalmüMsche (ölöt). und burjatische Dialekte solche besitzen. Das Gleiche findet sich innerhalb verschiedener Glieder der tungusischen Sprachfamilie. Zum malaischen Stamme gehören die so überaus bildsamen Sprachen der braunen Philippineninsulaner (Tagala, Bisaya, Pampanga, Uoca, Bicol, Zebu u. s. w.) und andrerseits das Malaische und das Dajak mit ihrer kindlichen Einfachheit Von der Leistungsfähigkeit der Agglutination mögen ein paar Beispiele einen Begriff geben. Im Türkischen bedeutet der Stamm sev: lieben. Die nun folgenden Suffixe theile ich nui* in der Form mit, die sie vermöge der Vocalharmonie uiit dem — e — Stamme haben müssen. — mek, Zeichen des Infinitivs: sevtnek, lieben. ~ti, Zeichen der Gegenseitigkeit: seviSmek, einander lieben. — dir, Zeichen des Causativums: sevdirmek, lieben machen; semsdirtnek^ machen, dass sie einander lieben. — iZ, Passivsuffix: seviltnek, geliebt werden, sevi§dirilmek, veranlasst werden einander zu lieben. — nie, Negation: sevmemek, nicht lieben; sevicmemek einander nicht lieben u. s. w. Endlich seviSdirüememek = nicht veranlasst wer- den können, einander zu lieben. Das Grönländische versteigt sich zu Gebilden wie diesem: qasu — er — sar — fi — gssar — si — ngü — dluinar — müde — ent — machen — wo — womit — erlangen — nicht — gänzlich — nar — poq V. impers. — indicat. 350 IV, III. Inhalt und Form der Rede. = man hat durchaas keine Ausruhestelle gefunden, oder zur Ruhe kommen können. Den Satz: „Vermuthlich wird er sehr suchen, es baldigst fertig zu machen,^^ drückt diese Sprache in einem Worte aus: inilertomiarpatdläsarqdrpä (KLEiNSCHumT, Gramm. S. 155). — Jm Toumpakewa-Alifurischen von Nord-Celebes, einer in ihren Baue den philippinischen nahestehenden Sprache, heisst der Stamm üeh: sehen: Activ: milek, zuständlich: maüekj Passiv des Objectes: itekffn, mit causativer Schattirung pailekffn. Weiter: makaäek, zu sehen erlangen, einsehen, wissen; mapaüek sehen lassen, zeigen. Hierzu die Passiva: pakaüek^ gewu5;st werden, und papaäek, gezeigt werden. Endlich aus beiden combinirt: mapa- kailek machen, dass man wisse oder erkenne, und davon wieder das Passivom papakailek u. s. w., denn die Mittel und Combinationen der genera verbi sind damit noch nicht erschöpft c) Besonders wichtig, aber natürlich zahllose Abstufungen zulassend, ist die mehr oder minder innige Verbindung von Formativ und Wortstamm. Wenn das Malaische neben dem Suffixe — kän, das die Beziehung des Verbums auf ein indirektes Object anzeigt, noch eine selbständige. Präposition verwandten Sinnes a/idn, besitzt, wenn in der Fidschi-Sprache neben dem Verbalpräfixe faka nwh das selbständige Verbum faka, machen, besteht: so sind das Anzeichen einer besonders losen Agglutination. Besser, auf engere Vereinigung deutend, ist es schon, wenn die malaischen Verbalpräfixe me— und pe— {mm—, peh-j die stammanlautende tenuis i, t, p und s in den entsprechenden Nasal verwandeln: kibas^ schütteln: tnenibas, tahan, fangen: mmähan, podam, auslöschen: memodam, pemadant, sasal, Reue: meüasal u. s. w. Desgleichen, wenn in derselben Sprache nach dem Gesetze, dass die offene Paenultima Dehnung erfährt, die Quantität der Stammsylben durch antretende Suffixe, imd die Quantität der Suffixe durch den Hinzutritt neuer beeinflusst wird: krübon umringen, mit dem Activpräfix und dem Transitivsuffix: mehruhoni\ niüwat, laden: muwatan, Ladung: nanü, warten: nanttkan, erwarten; käta (sanskrit kaiha) sagen: mit Transitivsuffix menaiai, Passiv: dikatal, mit dem Possessivsuffix —na: dikaialikt, es wird von ihm gesagt = er sagt, — hierzu das Zeitsuffix — Iah: dikatainalah. Das Har- moniegesetz der meisten uralaltaischen Sprachen verlangt, dass die Suffixe je nach den Vocalen des Stammes verschiedene Vocale annehmen, z. B. türkisch sevmek lieben, aber vom Stamme yaZj schreiben: yazmdq; magyarisch k^^ Gartfen: kerte, sein Garten, aber hde^ Haus: hdea, sein Haus. Das Lappische entbehrt der Vocalharmonie, hat aber statt deren in mehreren seiner Dialekte merkwürdige Stammveränderungen. So im norwegischen Dialekte: gietta, Hand Genitiv: gie^a, aber Allativ gitti; — im Russisch-Lappischen wird der Indicativ Präsentis von poatte, kommen, conjugirt: poa^am, poa^ah^ poat^ puättep, puäi- beließ ^ puätteb; puä^e heisst: komm! und potme kommend. Das Koreanischo hat je nach dem Stammauslaute fünf Declinationen mit lautlich mehr oder minder II. B. §. 4. 2. Die äussere Sprachform. Die morphologische Classification. 351 Terschiedenen Suffixen; in seinen Conjugationen aber sind zudem auch manche Wortstämme auffälligen Veränderungen untOTworfen. . d) Endlieh wird auch zu fragen sein: welche Wortkategorien werden agglu- tinativ geformt, und welchen grammatischen Kategorien dient das Affixsjstem? Hier berührt sich aber die äussere Form mit der inneren, und die Frage nach den grammatischen Kategorien gilt unabhängig von der morphologischen Glasse. 9. Alle Agglutination ist von Hause aus Gomposition; das Entscheidende liegt bei ihr nur darin, dass die zusammengefügten Bestand theile dem Sprach- bewusstsein als verschiedenwerthig gelten. Jederlei Gomposition, gleichviel welcher Art ihre Elemente seien, kann sich aber so verdichten, dass sie schliesslich gar nicht mehr als solche empfunden wird, sei es, dass man den selbständigen Werth eines oder beider Bestandtheile vergessen, sei es, dass sich die Elemente bis zur Unkenntlichkeit lautlich verwischt haben. „Wer" = llann wird in der Zu- sammensetzung „Werwolf nicht mehr verstanden, aber noch als besonderer Be- stand theil empfunden; in „Welt", aus Wer — alt = Mannesalter, Generation, er- innert nichts mehr an die Zusammensetzung, weder der Klang noch der Sinn. Die Griechen werden bei yaQ nicht mehr an ye aga gedacht haben; sicher ge- mahnt uns ,^ur' nicht mehr an seinen Ursprung: ne wäre = ni esset. Der Römer mochte bei tW, ubi noch etwas von der alten Casusendung — bi empfinden; der Italiener thut dies bei seinem ivi, ove, dove nicht mehr, geschweige denn der Franzose bei den einsylbigen y, oö. So verschieden nun im Übrigen die angeführten Fälle sind: das Eine ist ihnen gemeinsam, dass das etymologische Bewusstsein abgestumpft und schliesslich in seinem Sinne nicht mehr ein Zu- sammengesetztes sondern ein Einfaches vorhanden ist, bildlich gesprochen, nicht mehr ein Zweimal drei, sondern eine Sechs, — die Zusammensetzung hat sich in Verschmelzung verwandelt. Natürlich ist dies um so leichter möglich, je stärker die zusammenzusetzenden Iheile einander lautlich beeinflussen; denn dann dringt ja, der Wirkimg nach, der eine thatsächlich in den anderen ein. Soll nun die äussere Form entscheiden, und bei einer morphologischen Classification muss sie das, so wüsste ich nicht, wieso jene Erscheinungen im Lappischen hinter den indogermanischen Stamm- wandelungen zurückstünden: ksljtcQ, IXtJiov, ZiZoijta, binden, band, gebunden, haben der äusseren Erscheinung nach vor jenen Formen von poatte nichts voraus; die Anbildung ist nur eine besonders innige Anfügung, die Flexion im indo- germanischen Sinne nur eine weit vorgeschrittene Agglutination. So sind wir wieder imi einen Dualismus ärmer, d. h. imi eine wissenschaftliche Einsicht reicher. Will man nun doch' von einer besonders innigen Verquickung von Stoff und Form in unseren Sprachen reden, so mag man an die Mehrheit und Ver- schiedenheit unserer Declinationen un'd Conjugationen erinnern, an die Genitive Caesaris, Pompeü^ an die Ablative Pluralis pueris, hominihus, an die Perfecta 352 IV, HI. Inhalt und Fonn der Rede. amavi, legi, scripsi, an die Plurale Fuss — Fasse, Mann — Männer, Mensch — Menschen u. s.w. Dann aber ist vielleicht der bescheidene Name des Defectiv- systemes angebrachter, als der wohltönende der Flexion. Denn in der That liegt hier, ganz ähnlich wie bei sum — - fui, Xiym — e/jror u. a. m., der Fall so, dass nicht jeder Stamm jede Form annimmt, und sich nicht jede Form an jeden Stamm fügt. Ähnliches kommt auch anderwärts vor, ohne dass mcm viel Wesens davon machte, z. B. in den Pluralbildungen vieler afrikanischer und amerikanischer, in den Conjugationen kaukasischer Sprachen. Entschieden defectiv ist auch jenes an- gebliche Passivum des Malaischen: kti^Hhat^ kau-tihat, llhai-fia = ich sehe, du siehst, er sieht Hier ist nur die dritte, das Posseäsivsuffix tragende Person zweifellos passivisch, und ihr würde */lÄa<-iu, H^at-mu entsprechen. Das Präfix iau' dagegen, und folglich wohl auch das vorgefügte iw- erscheinen eher ak Subjectsformen, Ät* statt aku, kau nsich. dem Zeugnisse verwandter Sprachen vielleicht nicht einmal als Abkürzung von ankau, sondern als volles aber un- erweitertes Personalpronomen. Grundsätzlich aber ist dieses Defectivwesen ver- schieden von jenen lautmechaiiischen Wechselwirkimgen zwischen Stamm und Affixen, denen man auch sonst weithin in der Sprachenwelt begegnet Unter- scheiden wir zwischen den lautlichen Formenmitteln und deren Werthen, — den Formkategorien — : so werden wir annehmen dürfen, dass ursprünglich der einen soviele verschiedene waren, wie der anderen, dass aber nachmals sozusagen dit' Zahl der Ämter vermindert, und die einmal vorhandenen Beamten den Ressorts mit zugetheilt wurden, zu denen sie am Besten zu passen schienen. Mit Recht rühmt man den eigentlich sogenannten agglutinirenden Sprachen grössere logische Folgerichtigkeit nach, als den indogermanischen: jede gramma- tische Kategorie hat dort in der Regel nur einen einzigen lautlichen Ausdruck, und die Wortfolge pflegt durch feste Gesetze geregelt zu sein. Nur ist im subjectiven Sinne ein solches logisches Verhalten weniger verdienstlich, als es scheinen könnte; denn es ist jedenfaUs das bequemste, weil einfachste, — wer Überflüssiges abwirft, darf sich darum kaum einer Kraftleistung rühmen. Was man aber andrerseits zum Lobe unserer „flectirenden'* im Gegensatze zu jenen agglutinirenden hervorhebt, gehört im Grunde der inneren Sprachform, nicht der äusseren an. 10. Bis hierher sind wir mit der Agglutinationstheorie gelangt: wo wir einen Lautwandel der Wortstämme oder Affixe begegneten, da war es mechanisch bedingt durch Lautwesen, Quantität und Ton der benachbarten Sylben und be- wegte sich überall in mehr oder minder eng bemessenen Grenzen, So haben m wir Reihen der Vocalsteigerung und Schwächung in den indogermanischen Sprachen, z. B. im Sanskrit i—e—ai, m— o — aw, r—ar — ar; so femer jene Schärfungen und Zerdehnungen in einigen Sprachen des finnisch-ugrischen Stammes; so im Mandschu Suffixe mit a— c— o und solche mit o m— ö. Allein IL B. §. 4. 2. Die äussere Sprachform. Die morphologische Classification. B53 wir dürfen annehmen, es habe in der Geschichte der Sprachen von Anfang an noch eine andere Macht ihr Wesen getrieben: jener Spieltrieb, der die Wörter nach freier Laune umgestaltet Er wird sinnig walten, malerisch die Laute sjmbolisirend, und es ist denkbar, dass er mit der Zeit einen Theil der Laute ausschliesslich für sich in Anspruch nimmt, den andern unangetastet lässt und sich nun innerhalb seiner Schranken in ein strenges Formensystem fügt. Denn auch das freieste Schaffen verlangt Ordnung und Regel, sobald es selbst durch Überhandnehmen zur Regel geworden ist. Sind diese Sätze richtig, sind solche ilöglichkeiten gegeben, dann nehmen unter den Sprachen der Erde die semitischen (Mne ganz vereinzelte Stellung ein. Zwar Beispiele von symbolischem Lautwandel sind auch sonst vieler Orten nachzuweisen. Dass aber in einer Sprache die Consonanten allein beständig, stamm- und wurzelhaft, die Vocale nach einem einheitlichen Systeme in den Dienst der Formung gewonnen sind: das findet sich nur einmal. Vielleicht sollte man hier von Symbolisation sprechen. Um nun Missverständnissen zu begegnen, sei gleich hier Folgendes bemerkt Der erste Anlass kann auch bei diesen Erscheinungen in vereinzelten laut- meehanischen Vorgängen gelegen, es mag sich z. B. ja oder aj in e oder i, aw oder wa in o oder ti verwandelt, und dann nach falscher Analogie, auch in anderen Fällen ein entsprechender Vocalwechsel Platz gegriffen haben. Allein: was gab der Analogie gerade hier diese 3Iacht? Und wenn die Regel sich ge- festigt hatte: wie wirkte sie nun weiter auf das Sprachgefühl? Mir scheint, es werde von ihr eine Neigung zur Symbolisation des Lautes nicht nur voraus- i^esetzt, sondern auch für die Zukunft mächtig gefördert. Dass in der That die Symbolisation zu den allerältesten Formungsmitteln der menschlichen Sprache gehöre, glaube ich in einem der nächsten Abschnitte (V., Ausspracheweise oder Stimmungsmimik) wahrscheinlich machen zu können. Wie man aber die indo- germanischen Sprachen mit den semitischen in eine Classe zusammensperren konnte, ist schwer einzusehen: dort sehr innige, hier sehr lose Agglutination; dort nur Suffixe, hier auch Präfixe. Dort fehlen die Possessivsuffixe und die Objectiv- c^njugation, die hier im Gebrauch sind; dafür ist hier die Bildung von Compositis verwehrt, — dort fast unbeschränkt. Und wie grundverschieden sind die beiden Sprachtypen im Satzbaue. Die Symbolisation ist mit jeder der bisher besprochenen Formen verträglich. Im hamito- semitischen Sprachstamme muss sie schon auf der isolirenden Ent- wickelungsstufe gewaltet haben; denn hier sind die Affomiativa sprachenweise bald Prä-, bald Suffixe. Selbst das Pracht- und Schaustück der semitischen Sprachen, die Casussuffixe — a, — i, — w, dürfte in den vocalischen Anlauten der Substantiva in den Berbersprachen sein Widerspiel finden. 11. Wo man es mit fliessenden Grenzen zu thun hat, da gilt der Satz: Denominatio fit a potiori. Und auch dieser bescheidenen Anforderung ist nicht ▼. d. Gabelents Die Sprach wisscnacbaft. 2. Aufl. 23 1 854 IV, III. Inhalt und Form der Rede. allemal leicht genügt Das Koptische ist sonst, gleich seiner altägyptischen Mutter, eine Sprache von ziemlich loser Agglutination. Daneben aber zeigt es hin und wieder in seiner Formenbildung einen Wandel der Stammyocale^ der an das semitische Muster erinnert und wohl ebenso symbolisirend ist Ähnlichem begegnen wir im Tibetischen. Die semitischen Sprachen ihrerseits verwenden den Vocalismus doch mehr zur Stanmi- als zur FormenbUdung im engeren Sinne. Ob die Casusendungen: Nominativ — m, Genitiv — i, Accusativ — a, symbolisch oder agglutinativ seien, darüber mag man streiten. Sonst aber werden die gegenseitigen Beziehungen der Satztheile und Sätze theils durch Hülfswörter, theils durch Affixe angezeigt Organischer, formativer Wandel des Stammauslautes findet sich übri- gens auch sonst; so in der Conjugation der Bantusprachen und des Japanischen. 12. Um die indogermanischen Sprachen mit den hamito- semitischen einer gemeinsamen flectirenden Classe zuweisen zu können, beruft man sich daraoi es sei erst in diesen Sprachen das Prinzip der Wortformung durchgeführt: Wurzel, Stanmi, Wort und jedes Stoff wort geformt Für unsem Sprachstanuu jedoch trifft das nicht zu. Wir haben die Pronomina m«, fe, ifie, ös u. s. w^ die keinerlei Formzeichen tragen und anscheinend nie ein solches getragen haben. Wir haben weiter formlose Nominative bei den Femininen auf ö, bei Wörtern wie sanskrit mana.% der Geist, lateinisch arbor u. s. w. Und verfolgen wir die fernere Entwickelung unserer Sprachen, so zeigt sich ein zunehmender Verfall der Casusformen, zumal jenes vielgepriesenen Zwitterdinges zwischen Subjects- und Prädicatscasus, dass man den Nominativ nennt Hatten schon unsere indogermanischen Urahnen eine Unterscheidung zwischen Nominativ und Accusativ im Neutrum nicht für nöthig gehalten, so durften ihre Nachkommen hierin noch weiter gehen. In den heutigen romanischen Sprachen ersetzt ein verstümmelter Casus des Substantivums oder Adjectivums den Wortstamm, die Casusbildung ist bis auf den letzten Best geschwunden, und nur noch die Zahl durch Wortformen ausgedrückt 13. Als eine besondere Classe hat man die einverleibende, incorpo- rirende aufgestellt, die man wohl auch die polysynthetische nennt Sie ist hauptsächlich durch Sprachen der amerikanischen Ureinwohner vertreten, und Wilhelm von Humboldt (Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprach- baues §. 17) schildert ihre Eigenart am Beispiele des Mexicanischen (NahuaÜ) wie folgt: „Um die Verknüpfung des einfachen Satzes in eine lautverbundene Form hervorzubringen, hebt das Mexikanische das Verbum als den wahren Mittelpunkt desselben heraus, fügt, soviel es möglich ist, die regierenden und regierten Theile des Satzes an dasselbe an, und giebt dieser Verknüpfung durcL Lautformung, das Gepräge eines verbundenen Ganzen: ni — naca — gtia, ich— Fleisch — esse. Man könnte hier das mit dem Verbum verbundene Substantiv als ein zusammengesetztes Verbvun gleich dem griechischen xQBoq>aYitD ansehen: II. B. §. 4. 2. Die äussere Spiachform. Die morphologische Classification. 865 die Sprache aber nimmt es offenbar anders. Denn wenn aus irgend einem Gmnde das Sabstantivam nicht selbst einverleibt wird, so ersetzt sie es durch das Pronomen der dritten Person, zum deutlichen Beweise, dass sie mit dem Verbum und in ihm enthalten, zugleich das Schema der Construction zu haben verlangt: ni — c — qua in nacatl^ ich — es — esse, das Heisch. Der Satz soll seiner Form nach schon im Yerbum abgeschlossen erscheinen, und wird nur nachher, gleichsam durch Apposition, näher bestimmt Das Verbum lässt sich gar nicht ohne diese vervollständigenden Nebenbestimmungen nach mexicanischer Vor- stellungsweise denken. Wenn daher kein bestimmtes Object dasteht, so verbindet die Sprache mit dem Verbum ein eigenes, in doppelter Form für Person imd Sachen gebrauchtes, unbestimmtes Pronomen: np-tla-qua, ich-etwas-esse, ni-te- tla-maea, ich-jemandem-etwas-gebe. Ihre Absicht, diese Zusammenfügungen als ein Ganzes erscheinen zu lassen, bekundet die Sprache auf das Deutlichste. Denn wenn ein solches, den Satz selbst oder gleichsam sein Schema in sich fassendes Verbum in eine vergangene Zeit gestellt wird, und dadurch das Aug- ment o — erhält, so stellt sich dieses an den Anfang der Zusammenfügung, was klar anzeigt, dass jene Nebenbestimmungen dem Verbum immer und nothwendig angehören, das Augment ihm aber nur gelegentlich, als Vergangenheits-Andeutung, hinzatritt So ist von m — «ewii, ich lebe, das als ein intransitives Verbum keine anderen Pronomina mit sich führen kann, das Perfectum o-ni-nen^ ich habe gelebt, von tnaca^ geben, o-ni-c-te-maca'^, ich habe es jemandem gegeben. Noch wichtiger aber ist es, dass die Sprache für die zur Einverleibung gebrauchten Wörter sehr sorgfältig eine absolute und eine Einverleibungsforra unterscheidet, eine Vorsicht, ohne welche diese ganze Methode misslich für das Verständniss werden würde, und die man daher als die Grundlage derselben anzusehen hat. Die Xomina legen in der Einverleibung ebenso wie in zusammengesetzten Wörtern, die Endungen ab, welche sie im absoluten Zustande immer begleiten und sie als Nomina charakterisiren. „Fleisch", das wir im Vorigen als nctca fanden, heisst absolut nacatl. Von den einverleibten Pronominen wird keines in gleicher Form abgesondert gebraucht Die beiden unbestimmten konunen im absoluten Zustande gar nicht in der Sprache vor. Die auf ein bestimmtes Object gehenden haben eine von ihrer selbständigen mehr oder weniger verschiedene Form. Die beschriebene Methode zeigt aber schon von selbst, dass die Einverleibungsform eine doppelte haben müsse, eine für das regierende und eine für das regierte Pi'onomen. Die selbständigen persönlichen Pronomina können zwar den hier geschilderten Formen zu besonderem Nachdruck vorgesetzt werden, die sich auf sie beziehenden einverleibten bleiben aber darum nicht weg. Das in einem eigenen Worte ausgedrückte Subject des Satzes wird nicht einverleibt, sein Vorhandensein zeigt sich aber an der Form dadurch, dass in dieser allemal bei der dritten Person ein sie andeutendes regierendes Pronomen fehlt 23* 356 rV, in. Inhalt und Form der Rede. „Wenn man die Verschiedenheil der Art überschlägt, in welcher sich aiioli der einfache Satz dem Verstände darstellen kann, so sieht man leicht ein, dass das strenge Einverleibungssystem nicht durch alle verschiedenen Fälle durch- geführt werden kann. Es müssen daher oft Begriffe in einzelnen Wörtern aus der Form, welche sie nicht alle umschliessen kann, herausgestellt werden. Die Sprache verfolgt aber hierbei immer die einmal gewählte Bahn, und ersinnt, wo sie auf Schwierigkeiten stösst, neue künstliche Abhelfungsmittel. Wenn also z. B. eine Sache in Beziehung auf einen Anderen, für oder wider ihn, ge- schehen soll, und nun das bestimmte regierte Pronomen, da es sich auf zwei Objecto beziehen müsste, UndeuÜichkeit erregen würde, so bildet sie, vermittelst einer zuwachsenden Endung, eine eigene Gattung solcher Verben, und verfährt übrigens wie gewöhnlich. Das Schema des Satzes liegt nun wieder vollständig: in der verknüpften Form, die Andeutung einer verrichteten Sache im regierten Pronomen, die Nebenbeziehung auf einen Anderen in der Endung, und sie kann jetzt mit Sicherheit das Verständniss dieser beiden Objecte, ohne sie mit Kenn- zeichen ihrer Beziehung auszustatten, ausserhalb nachfolgen lassen: chihtta, machen, chihtii-lia, für oder wider jemand machen, mit Veränderung des a in i nach dem Assimilationsgesetz: ni-c-chihuiMa in no-piltgin ce catli ich-es-macho- für der mein-Sohn ein Haus. „Die mexicanische Einverleibungsmethode zeugt darin von einem richtigen Gefühle der Bildung des Satzes, dass sie die Bezeichnung seiner Beziehimgen gerade an das Verbum anknüpft, also den Punkt, in welchem sich derselbe zur Einheit zusammenschlingt Sie imterscheidet sich dadurch wesentlich und vor- theUhaft von der chinesischen Andeutungslosigkeit, in welcher das Verbum nicht einmal sicher durch seine Stellung, sondern oft nur materiell an seiner Be- deutung kenntlich ist.*) In den bei verwickeiteren Sätzen ausserhalb des Ver- bums stehenden Theilen aber kommt sie der Letzteren wieder vollkommen gleich. Denn indem sie ihre ganze Andeutungs - Geschäftigkeit auf das Verbum wirft, lässt sie das Nomen durchaus beugungslos. Dem sanskritischen Verfahren nähert sie sich zwar insofern, als sie den die Theile des Satzes verknüpfenden FadeiJ Avirklich angiebt; übrigens aber steht sie mit demselben in einem merkwürdigen Gegensatz. Das Sanskrit bezeichnet auf ganz einfache und natürlicho Weise jedes Wort als constitutiven Theil des Satzes. Die Einverleibungsmethode thut dies nicht, sondern lässt, wo sie nicht Alles in Eins zusammenschlagen kann, aus dem Mittelpunkte des Satzes Kennzeichen, gleichsam wie Spitzen, ausgeben, die Richtungen anzeigen, in welchen die einzelnen Theile, ihrem Verhältniss zum Satze gemäss, gesucht werden müssen. Des Suchens und Bathens wird man nicht überhoben, vielmehr durch die bestimmte Art der Andeutung in das ') Ein Irrthum, der seitdem berichtigt worden ist. II. 6. §. 4. '2, Die Äussere Sprachfonn. Die morphologische Classification. 357 entgegengesetzte System der Andeutungslosigkeit zurückgeworfen. Wenn aber auch dies Verfahren auf diese "Weise etwas mit den beiden übrigen gemein hat, so würde man seine Natur dennoch verkennen, wenn man es als eine Mischung Ton Beiden ansehen, oder es so auffassen wollte, als hätte der innere Sprachsinn nicht die Kraft besessen, das Andeutungssystem durch alle Theile der Sprache durclizuführen. Es liegt vielmehr offenbar in dieser mexicanischen Satzbildung eine eigenthümliche Yorstellungsweise. Der Satz soll nicht con- struirt, nicht aus Theilen allmählig aufgebaut, sondern als zur Einheit geprägte Form auf Einmal hingegeben werden." Ich breche hiermit das Citat ab. Humboldt dehnt nun mit Recht den Be- griff der Einverleibung auf alle die Fälle aus, wo das Verbum nächst der Subjects- auch die Objectsbezeichnung formal andeutet, und folgerichtig hätte er ihn wohl weiterhin auch auf den Fall erstrecken mögen, wo bloss das Sub- ject in der Conjugation ausgedrückt wird, wo also doch auch das Verbum finitum einen logischen Satz darstellt. Auch den Fall zieht er hierher, wo pronominale Possessiv -Affixe sich mit Substantiven verbinden, ja selbst die Bahuvrihi-Com- posita des Sanskrit erwähnt er. Offenbar handelt es sich dabei mehr um die innere Form als um die äussere. Und hierzu stimmt auch eine weitere Äusse- rung (S. 182:) ,J)ie Einverleibungsmethode befindet sich, streng genommen, in ihrem Wesen selbst in wahrem Gegensatze mit der Flexion, indem diese vom Einzelnen, sie aber vom Ganzen ausgeht. Nur theilweise kann sie durch den siegreichen Einfluss des inneren Sprachsinnes wieder zu ihr zurückkehren. Immer aber verräth sich in ihr, dass durch seine geringere Stärke die Gegen- stände sich nicht in gleicher Klarheit und Sonderung der in ihnen das Gefühl einzeln berührenden Punkte vor der Anschauung darlegen." Hält man sich, wie wohl im Interesse einer festeren Terminologie zu empfehlen wäre, lediglich an die satzwortbildende Einverleibung, so ergeben sich folgende Fragen: a) Welche Casus werden dem Verbum einverleibt? Bloss der Subjectscasus, wie bei den indogermanischen Sprachen, — oder überdies der Objectscasus? bloss der accusativische, wie im semitischen Verbum, oder auch der dativische? — endlich noch andere Beziehungen: Art, Werkzeug, Genitiv zum Objecto u. s. w. Das Tscheroki bildet Verbalformen wie folgende: galölisanihiha, ich komme um es wiederholt zu binden; galölisanega, ich gehe um es wiederholt zu binden; galölidolihiha, ich komme um hier und da zu binden: galölidolega^ ich gehe um hier und da zu binden; galöstanihiha, ich komme um damit zu binden; galöstanega, ich gehe um damit zu binden; galöstisoiiha, ich binde wiederholt damit; 858 lY, III. Inhalt und Form der Rede. galöstisotanihiha, ich komme um wiederholt damit zu binden; gdlöstisotanega^ ich gehe um wiederholt damit zu binden; galöstanidoha, ich binde hier und da damit; galöstanidolilihat ich komme um hier und da damit zu binden; galöstanidolega, ich gehe um hier und da damit zu binden; galöstisanidoha, ich binde wiederholt hier und da damit; galöstisanidolihiha, ich komme um wiederholt hier und da damit zu binden: gdlöstisanidolega, ich gehe um wiederholt hier und da damit zu binden: gdlöonihiha, ich komme um mit Binden fertig zu werden; galöonega, ich gehe um mit Binden fertig zu werden; gdlöonisiha, ich werde fertig oder höre auf wiederholt damit zu binden u. s. w.: (vgl. H. C. V. d. Gabelentz, Kurze Gramimatik der tscherokesischen Sprache, in Höfer's Zeitschrift IH, S. 298). Im Kri, einer Sprache der Algonkin- Familie, wird nicht nur das Object, sondern auch ein ihm zugehöriger Genitiv oder Dativus commodi im Verbum angezeigt. Und die (kolarische) Santalsprache weist Formen auf wie: dal-e-a-e, er wird ihn schlagen, dal-ae-a-e, er wird für ihn schlagen, daZ-^-oc-a-c, er wird Seinen schlagen, dal't-ae't'iri'a-e, er wird meinen Seinigen schlagen, dal-ae-t-ae-a^e, er wird für Seinen schlagen, dal-ae-t-ae-t-in-a^e^ er wird für meinen Seinigen schlagen u. s. w. b) Zweitens fragt es sich, ob nur Formenelemente, oder auch fremde, zumal substantivische Stoff demente incorporirt werden. Von festen Compositis wie handhaben, berathschlagen, verschlimmbessern u. dgl. dürfen wir absehen, und 80 bleiben als Vertreter der zweiten Art wohl nur jene frei einverleibenden Ver- bindungen, wie wir sie in einigen amerikanischen Sprachen antreffen. Für diese passt der Ausdnick Polysynthetismus. In anderen und wohl weitaus den meisten Fällen verbindet sich der Verbalstamm nur mit verbalen, pronominalen und etwa präpositionalen Hülfeelementen, das heisst mit formalen Zusätzen. c) Auch die negative Seite verdient Beachtung. In der grossen Mehrzahl der amerikanischen Sprachen schiesst das Verbum seine Pfeile nach den sub- stantivischen Satztheilen, und diese stehen lediglich Scheibe, ohne durch Casus- zeichen zu reagiren; nur aus der Topographie des Satzes ist zu entnehmen, welcher Pfeil diesem und welcher jenem Ziele gilt Ausnahmen, Sprachen mit besser entwickelten Casusformen, wie das Yakama, das Choctaw (Tschahta) mit seinen Verwandten und das Mutsun, gehören in Amerika zu den Seltenheiten. Dagegen ist es bei den Einverleibungen in den Sprachen der alten Welt geradezu die Begel, dass die substantivischen Satztheile — das Subject etwa ausgenommen. — auf die hindeutenden Verbalformen congruenzmässig mit entsprechenden Casuszeichen antworten. Hat das Santal kein Accusativsuffix, so besitzt dafür das ihm verschwisterte Kolh ein solches. n. B. §. 4. 2. Die äussere Sprachfonn. Die morphologische Classification. 359 So mannigfaltig demnach die Möglichkeiten der Incoi'poration und des Polysynthetismus sind, so gehören doch alle einschlägigen Erscheinungen der äusseren Form nach in die Classen der Anfügung und Zusammensetzung. Sym- bolisixende Formen sind damit wohl vereinbar. So kennzeichnet das Kri den Conjunctiv durch Zerdehnung des Stamm vocales: a wird id, ä: e^ e: t^r, % im An- laute ayi, im Inlaute d; ^ wird c, u: wa, o im Anlaute toe^ im Inlaute to. 14. Eine weit verbreitete Formungsart ist die, welche ich als syntaktische Composition bezeichnen möchte. Es ist dies ein scheinbar bedenkliches Zwitter- ding zwischen Wortbildung und Syntax, zwischen isolirendem und agglutinativem Verftdiren. Das Wesen der sogenannten echten Composita der indogermanischen Sprachen besteht darin, dass zwei oder mehrere Wortstämme so miteinander verbunden sind, dass nur der letzte mit Formenzeichen versehen ist, während die grammatisch-logischen Beziehungen der übrigen unausgedrückt bleiben und nur aus dem Verhältnisse ihrer materiellen Bedeutungen und aus ihrer gegen- seitigen Stellung zu erschliessen sind. Sanskrit putradärau (Dual) = Kind und Gattin, lateinisch suovetaurilia = Opfer von Schweinen, Schafen und Stieren, sind sogenannte Dvandva mit coordinirten Gliedern. In anderen FäUen verhält sich das erste Glied zu dem folgenden irgendwie attributiv: Vaterhaus, Dreieck, Hochbau, schneeweiss, purificare, sanskrit agvavid = pferdekundig. Ähnlich z. B. im Japanischen: asi-fayalcu, fussgeschwind ==• schnellfüssig, ama-midu, Regen- wasser, nige-asi, Rennfüsse, d. h. Füsse in der Stellung, als wären sie zum Fliehen bereit u. s. w. Wir haben da in Worteinheiten verkapselte Gebilde isolirender Sprachweise. Ähnliches findet sich auch in Sprachen, denen die Bildung zu- sammengesetzter Wörter entweder gänzlich versagt, oder doch nur in beschränktem Masse gestattet ist Da bleiben die Wörter, die in ihrem Zusammenwirken eine einheitliche Vorstellung ausdrücken sollen, zwar selbständig, werden aber ohne lautliche Beziehungszeichen aneinander gereiht Im Mandschu heisst aniya biya (spr. afkt hyä) „Jahresmonaf' = erster Monat des Jahres, statt aniya-i biya; gala cibombi die Hände waschen, genauer etwa „handwaschen", nure omimhi^ Wein trinken; dagegen: nure be omimbi = den Wein trinken. Das Verbum bildet mit seinem vorausgehenden Objecte ein syntaktisches Compositum; stände hier das Accusativsuffix be, dort das Genitivzeichen — i dazwischen, so wäre die Einheit der Vorstellung unterbrochen. Ähnlich im Neupersischen: mnj nüSulafn = ich trank Wein; dagegen mit dem Objectssuffixe : maj-ra nüifdam = ich trank den Wein. So kann auch in einer formenarmen Sprache die recht- zeitige Unterdrückung dsr Formativlaute sinnig bedeutsam werden; sie wirkt, gerade durch den Gegensatz, im wahrsten Sinne formell. 15. Wichtig für die äussere wie für die innere Form der Sprachen sind die Erscheinungen der Wortstellung. Inwieweit ist die Ordnung der Satz- glieder freibeweglich oder starr? Steht das grammatische Subject vor oder hinter 360 IV. III. Inhalt und Form der Rede. dem Verbum? Stehen die genitivischen, adjectivischen, adverbialen Attribute voran oder nach? Steht das Object vor oder hinter dem Verbum, und wird e^ vom adverbialen Attribute unterschieden oder nicht? Und wie steht es mit jenen Erscheinungen, die man als Einschachtelimgen bezeichnet? Kommen sie vor? Sind sie geboten oder nur erlaubt? Will man die Sprachen morphologisch classificiren, so ist es einseitig, sich bloss an die Wortbildung zu halten, denn nicht das Wort, sondern der Satz ist die organische Einheit der menschlichen Rede, ist, bildlich gesprochen, der lebende Körper. Und nicht nur die Beschaffen- heit, sondern auch die Topik seiner Glieder ist für den Organismus entscheidend. Wir werden hernach, analytisch vom Ganzen zu den Theilen fortschreitend, in erster Reihe die Stellungserscheinungen in 's Auge fassen. §. 5. C. Der Formungstrieb. Der regelmässige Zweck der Rede ist Mittheilung. Diesem Zwecke kami in vielen Fällen auch durch ganz formlose Mittel genügt werden, durch Mienen, Gesten oder Zurufe, die auf nicht höherer Stufe stehen. Ein He! oder St! ist ist ein Befehl, ein Pfui! ist der völlig zureichende Ausdruck eines sittlichen oder ästhetischen Urtheils. Die Sprache kehrt, wo es angeht, immer und immer wieder zu diesen kürzesten und bequemsten Mitteln zurück, die ja gewiss auch zu ihren ursprünglichsten Mitteln gehören. Wörter, ja ganze Sätze verwandelt sie in formlose Aus- und Zurufe; das hhös, hhö =7 He! Sie! der alten Inder gilt für eine Zusammenziehung von bhaoas, Seiender; das französische helas, eng- lisch älas entspricht dem italienischen ah, mi lassol Wir sagen wohl nie Alles, was wir denken, lassen fast immer den ver- ständigen Hörer noch dies und jenes hinzuergänzen. Und doch sagen viele Sprachen, wenn man sie beim Worte und beim Buchstaben nimmt, weit mehr, als zur Verständigung nöthig ist, gewiss auch mehr, als der Redner gedacht und beabsichtigt hat. Jene conventionellen Redensarten, bei denen man nichts denkt, und die man doch weder selbst vernachlässigen noch bei Anderen ver- missen mag: sie haben in den sprachlichen Formen ihre ebenbürtigen Seiten- stücke. Jene Anschauungen z. B., die dem grammatischen Geschlechte zu Grunde hegen, sind längst unserm Denken und Empfinden fremd geworden, und doch hält die Sprache an den entsprechenden Formen fest, und das deutsche Kind lacht über den Ausländer, der etwa „die Mond" oder „der Bein" sagt So fest wurzelt noch das nutzlose Gewächs im Boden imseres Sprachgefühls. Doch das ist kein Wunder, dass wir mit der Kraft der Gewohnheit am Altererbten festhalten; das kann ja nicht anders sein. Räthselhaft ist es nur, was unsere Urahnen dazu getrieben haben mag, ihre Rede mit so vielem zweck- i n. §. 5. C. Der Fonnungstrieb. 361 losen Tand zu belasten. Denn an sie müssen wir die Frage richten aus dop- peltem Grunde: einmal, weil sie die Verantwortlichkeit trifft, und zweitens, weil uns nirgends sonst ein so weitreichender Blick in die Vorgeschichte der Sprache vergönnt ist. Für zwecklos aber gut uns in ihrer Sprache Vieles, was doch in ihrem, der Alten, Sinne gewiss auch seinen Zwek haben musste, wenn das auch nicht der Zweck der Mittheilung war. Dem gegenüber ist es Tand und Ballast, und es gilt zu erklären, woher und wozu dieser? Warum hielten die Ahnen der Vedensänger auf Dinge, die die Engländer längst in 's alte Eisen geworfen haben: auf das Genuswesen, auf die Congruenz und auf jene Menge verschieden lau- tender nnd gleichwerthiger Formen, deren jede nur für einen beschränkten Kreis des Wortschatzes brauchbar ist? Woher also der Luxus der verschiedenen Con- jugationen und Declinationen? Die allgemeine Sprachwissenschaft muss hier wie immer Fühlung suchen mit der Gesittungsgeschichte der Menschheit Will sie aber in unserem Falle etwa eine europäische Dampfmaschine oder eine jener riesigen Eisenbahnbrücken imserer Ingenieure mit den als Werkzeuge rohen und doch so reich und ge- sclimackvoll verzierten Geräthen eines wilden Volkes vergleichen, und stellt sie dann unseren Sprachen jene agglutinirenden der braunen oder schwarzen Men- schen gegenüber, so ist es, als wären plötzlich die Rollen vertauscht Denn nun ist auf unserer Seite die Formverschwendung, und drüben die verständige, ziel- bewusste Ökonomie. Die Parallele bleibt aber doch, auch wenn die Linien in entgegengesetzten Richtungen zu laufen scheinen. Und eben das, was jene jugendlichen Barbarenvölker an ihren Geräthen üben, das hat unsere Rasse in ihrer Jugendzeit auch mit der Sprache gethan. Es ist doch nur eine höhere Stufe des Spieltriebes, jenes Gefallen an freier, tünstlerischer Formimg, das in frischer Laune jeder Schöpfung den Stempel der eigenen Individualität und Stimmung aufdrücken muss. Es sei die künstlerische Leistung noch so gering: schon jener Überschuss von Arbeit, die ich meinem AVerke über den blossen Nützlichkeitsbedarf hinaus zugewendet habe, ist ein Stück Liebe gewesen und hat dem todten Stoffe für alle Zeiten einen Hauch des Persönlichen gegeben. Und ebenso geschah es mit der Sprache. Die Seele verlangte ein Mehreres als jenen Geschäftsstil, der in objectiver Klarheit alles Xothwendige sagt und weiter nichts. Sie wül in der Sache sich selbst wieder- finden, wie sie sich ihrer Welt gegenüber gemütlivoll, phantastisch, launenhaft verhält, will, — dass ich den Ausdruck wiederhole, — nicht nur etwas, sondern auch sich selbst aussprechen, und wird um so sicherer den Hörer nicht nur zum Mitdenken, sondern auch zum Mitfühlen zwingen. Da wirthschaftet sie aus dem Vollen, — sie ist ja so reich; da wird auch dem Kleinsten et^vas von eipjener Zuthat angeheftet, erst nach der Eingebung dos Augenblickes, scheinbai* 362 VI, III. Inhalt und Form der Rede. regellos und doch immer bedeutsam; dann je länger je mehr unter dem Zwange gewohnheitsmässiger Normen. Soweit die Formdoubletten unserer Sprachen aus Urzeiten herrühren, mögen sie als Denkmäler jener Periode ungezügelter Ge- staltungslust gelten. Ob jene nüchternen Sprachen, die wir agglutinirende nennen, vormals einen ähnlichen Zustand durchlebt haben, wissen wir nichts und ich sehe kein Mittel, einen Beweis für oder wider zu führen. War ihr Jugendleben dem indt>- germanischen ähnlich, so müssen wir zugestehen, dass sie viel früher „abgelegt haben, was kindisch war*'. Und auch dies ist ihnen weder als Verdienst, noch als Glück anzurechnen. Derselbe Gestaltungstrieb, dessen halbwelke Früchte noch unsem Sprachen anhaften, hat nachmals die Wunderwerke europäischer und indischer Kunst geschaffen; die Form wurde zum Zwecke erhoben, und eben damit wurden die Zwecke höher gesetzt, die Technik härter geschult Wo sich gothische Dome erheben, da erfand man schliesslich auch jene kühnen und doch so nüchternen eisernen Brücken und die prosaischen Maschinen, die da- rüber rollen. Und wo die Vedenlieder und die homerischen Gesänge gedichtet wurden, da fand nachmals die Philosophie Sprachen vor, denen die höchsten Aufgaben nicht zu hoch waren. Seltsam aber, das gleiche Lob gilt nicht nur von den gealterten neueren indogermanischen Sprachen, die sich des Formengepränges nach Kräften ent- ledigen, sondern auch vom Chinesischen, das seiner seit mindestens viertausend Jahren entbehrt. Eine innige, sinnige Lyrik, eine reiche fein ausgemeisselte Prosa, jedem Fluge des Gedankens dienstbar und gerecht, sind auf dem Boden einer isolirenden Sprache erblüht. Und schwerlich ist der Formungstrieb hier schwächer, als er bei unsem indogermanischen Urahnen war; er hat nur andere Bahnen eingeschlagen und einen anderen Stoff bearbeitet: nicht das Wort- bildungs- und Wortformungswesen, sondern die Syntax. Ich glaube nun, wo Poesie oder Bhetorik blüht, da dürfe man getrost auch von sprachlichem Formungstriebe reden. Und wo blühen nicht die Beidens oder wo blüht nicht wenigstens die eine oder andere von ihnen? Wir lesen von den kunst- und kraftvollen Reden amerikanischer Indianer, von den zier- lich gewandten Plaidoyers in den Gerichtsverhandlungen der Bantimeger, er- fahren inmier mehr von den Liederschätzen der ural - altaischen und der nia- laischen Völker. Ja selbst die armen, verkommenen Buschmänner verwenden ihre glucksende Sprache zu ausdrucksvoll klangspielenden Erzählungen, Kunst werken, ebenbürdig ihren meisterhaften Thiersilhouetten, gleich diesen entflossen der doppelten Quelle feinfühliger Naturbeobachtuug und schöpferischer Ge- staltungslust. Legen -wir an die Sprachen den Massstab, den ich in Ermangelung eine passenderen Wortes den geschäftlichen nennen will, fragen wir: Wieviel haben II. §. 5. G. Der Formungstrieb. 363 sie nöthig zum Zwecke der zureichenden, völlig deutlichen Gedankenmittheilung? so ergiebt sich erstens ohne Weiteres, dass dies abhängig ist von Art und Um- fang der mitzutheilenden Gedanken. So und soviele Einzelvorstellungen, so imd soviele logische Beziehungen verlangen Ausdruck und finden ihn. Und dies Bedürfnissmass "wird je nach dem Gedankenleben der einzelnen Völker ein sehr verschiedenes sein. Nun stellen wir zweitens an die Erfahrung die Frage: Wie verhalt sich der Formenvoirath der Sprachen zu diesen ihren geschäftlichen Er- fordernissen? Da wird sich ein mehr oder minder bedeutender Überschuss herausstellen. Je genauer wir Sprachen kennen lernen, desto reicher pflegt sich vor unseren Blicken ihre grammatische Synonymik zu entfalten. Es hat aber von dem gewählten rein geschäftlichen Standpunkte aus alles das als synonym zu gelten, wodurch dem Hörer derselbe Gedankeninhalt über- mittelt wird. Vielleicht ist es gut, hierfür drei der nächstliegenden Beispiele anzuführen. 1. Neben der activen Ausdrucksweise besitzen viele Sprachen noch die passive, das Tagalische und seine Verwandten können sogar das Werkzeug und den Ort der Handlung zum Subjecte des Satzes erheben. Ob ich nun sage: Ich suche das Buch mit dem Lichte in der Kammer, — oder: Das Buch wird von mir mit dem Lichte in der Kammer gesucht, — oder: Die Kammer wird von mir mit dem Lichte nach dem Buche durchsucht, — oder: Das Licht wird von mir in der Kammer zum Suchen nach dem Buche gebraucht: — immer erfährt der Hörer genau dieselbe Thatsache. 2. Das Gleiche gilt, ob man den prädicativen oder den attributiven Aus- druck wählt, ob man etwa sagt: Hoher Berg, — oder der Berg ist hoch. Beides erweckt dieselbe Gesammtvorstellung. Und um in höhere Kreise der Syntax zu steigen, auch die Periode ist gleichwerthig den durch Conjunctionen aneinander- gereihten Einzelsätzen, in die wir sie auflösen. Auch solche Doubletten sind in der Sprachenwelt häufig, mag auch der Periodenbau, wie der ural-altaische, einem aneinandergekoppelten Eisenbahnzuge gleichen, und der Vorrath an Conjunc- tionen ärmlich genug sein. 3. Wohl in weitaus den meisten Sprachen ist die Wortstellung an enge und strenge Regeln gebunden. So unverbrüchlich und unumgänglich in allen Stücken sind aber diese Regeln meines Wissens nirgends, dass sie nicht doch noch gewisse Freiheiten zuliessen. Der menschliche Geist lässt wohl gern in seiner Trägheit das Gewöhnliche zur bindenden Regel werden. Aber nicht immer ist er gewillt, mit Zwangspass auf gebundener Marschroute zu wandern; gewisse Freiheiten behält er sich vor, scheint wohl gar sie zu erschleichen, wenn er sich die Gesetze der Sprache dienstbar macht, indem er sich ihnen unterwirft Das Französische liefert bekanntlich Meisterstücke dieser Kunst; das Chinesische desgleichen. Doch auch viele jener Sprachen, die man sonst wohl 364 lY, iii. Inhalt und Fonn der Rede. als formlose schilt, äussern gerade in diesem Punkte einen unverkennbaren Drang nach freierer Gestaltung des Satzes. Dass in Alledem und noch in vielen anderen Dingen die Sprachen sich einen gewissen Luxus gestatten, ist doch unleugbar. Und gleichwohl muss auch dieser scheinbare Luxus einem Bedürfnisse entsprechen; denn was keinem Be- dürfnisse entspricht, hat auf die Dauer keinen Bestand. Nun kann in unserem Falle das treibende oder erhaltende Bedürfniss ein objectiv, durch die Sache gebotenes nicht sein. Folglich muss es subjectiv, das heisst in der Seele des Eedenden begründet sein und nicht der Sache, sondern der Form selbst gelten. Mit anderen Worten: ich will nicht nur das sagen, sondern ich will es auch so sagen und es nach Laime und Umständen auch noch ganz anders sagen können. Offenbar bekundet sich auch hier ein Formungstrieb, mag er auch noch so bescheiden in seinen Ansprüchen sein. Diesen Trieb müssen wir wohl von vornherein jeder menschlichen Sprache zuerkennen. Ganz absprechen möchte ich ihn höchstens etwa jenen armseligeu neugeborenen Blendlingssprachen, jenen verwahrlosten, die sich der internationale Verkehr oft nur zum flüchtigen Gebrauche erzeugt, und zwar recht eigentlich zum geschäftlichen Gebrauche. Nach Mass und Richtung äusserf der Trieb sich verschieden, und insoweit vermag nur die eingehendste Sprachkenntniss ihn ge- recht zu beui'theilen. Eine erschöpfende Synonymik, sowohl eine lexikalische wie eine grammatische, müsste zu der Erkenntniss führen, inwieweit und wiap, rolq Xvxolq, u. s. w. Und so nennt sich auch das Ich im Subjects- falle anders als in allen übrigen Casus: hyd^ aber iiov, (loi, fie. — Dies nebenbei. Auch den Mangel eines formell ausgezeichneten Nominativs müssen sich die Uralaltaier und viele Andere vorwerfen lassen. Nach der Gheschichte der indogermanischen und semitischen Sprachen zu schliessen, gehört diese Form nicht zu denen, an deren Bewahrung den Cultm'spracben sonderlich gelegen ist Übrigens besitzt z. B. das Lappische Nominative, die sich lautlich sehr scharf vor den übrigen Casus auszeichnen, mögen sie auch, wie lateinisch leo, griechisch ydXa^ auf Lautschwund beruhen. Dass unser Nominativ die zwei sehr ver- schiedenen Functionen des Subjects- und Prädicatscasus in sich vereinigt, lässt man ihm ungerügt hingehen; und jenen Völkern finnischen Stammes, die dem Unterschiede förmlichen Ausdruck gegeben haben, weiss man es kaum Dank. Wo unsre Sprachen offenbare Schwächen zeigen, ist man merkwürdig mild. Unser und das semitische Pronomen der 1. Person Pluralis rechne ich dahin. / 3. MasBstab auf Seiten der Sprachen. 393 « Sehr viele Sprachen unterscheiden zwischen einem exclusiven und einem in- clusiven Wir, jenachdem der Angeredete mit einbegriffen oder ausgeschlossen ist Dass dies wichtig sei, haben hinterdrein die neuromanischen Sprachen begriffen : französisch: notis autra^, spanisch nos otros, neben nous, nos; gemein indoger- manisch ist es aber nicht. Da wird nun ganz folgerichtig inducirt: Weil wir es nicht haben, so ist es irrelevant TJnsem Dualis zieht man als ein Prachtstück hervor aus dem alten Eisen, zwischen das er längst gerathen ist Wird man wohl auch dem Trialis der Me- lanesier, dem Quatralis der Marschall-Insulaner den Ruhm ästhetischen Feinsinns zugestehen? Gerade die Vierzahl drängt sich dem Menschen oft genug auf: in [ u A A\ U Das heisst: Auf jeden VocaJ kann nur der gleiche oder derjenige folgen, auf den der Pfeil weist Nun bewegt sich jedes Suffix entweder in der schweren oder in der leichten Vocalreihe. Schwer ist z. B. das Ablativsuffix: tan, tan, ton, ton, leicht dagegen das Suffix des Accusativus bt^ i, u, m. Man muss das Gleichmass und die Folgerichtigkeit dieses Systemes bewun- dem. Man muss auch gestehen! schärfer konnte sich das Gefühl für die Einheit des Wortes kaum ausprägen. Aber welches ist der seelische Hergang, der dabei zu Grunde liegt? Es ist, wie schon Steinthal hervorgehoben hat, eine geduldete Nachwirkung des Vergangenen, nicht ein Drang nach immer neuen vorgesteckten Zielen. Das giebt mechanisch dem empfangenen Schübe Folge, bis ihm ein neuer Schub eine neue Richtung giebt, und es schliesslich torkelnd ausläuft. Ein solches Wort mag, dank der reichen Bildsamkeit des Agglutinationssystemes, noch so lang ausfallen: schliesslich verbildlicht es immer die Geschichte jener üralaltaier, die in die Geschichte eingegriffen haben, der Hunnen, Mong(»len, Türken u. s. w. Erst eine mächtige Lan9ade und dann ein müder Zottel trab. Die rückwärts wirkende, also vorgreifende Vocalharmonie in den Dravidasprachen und theilweise im Japanischen muthet mich dagegen an wie ein glücklielies Omen; und ebenso die Epenthese der westfinnischen Sprachen, die jener des Zend auf's Haar gleicht {Weske, Untersuchungen z. vergl. Gramm, des finnischen Sprachstammes, Leipzig 1873, §. 5). Ich glaube, wenn man eine Sprache auf ihre psychischen Grundlagen hin untersuchen will, so gehört die Richtung, in der die Laute aufeinander wirken, zu den ersten Dingen, auf die man sein Augen- merk wenden sollte. 8. Agglutination. 403 Hier hat man es wenigstens mit sicheren Thatsachen zu thun, und zudem mit hochbedeutsamen. Ganz anders bei der etymologischen Betrachtung der grammatischen Formen, auf die ich hier nochmals zurückkommen muss. Anmerkung. Nur zur Vermeidung von Missverständnissen sei hier bemerkt, dass sich die uralaltaischen Sprachen im Punkte der Yocalharmonie nicht ganz gleichmässig verhalten. Dem Syijänischen ist diese Erscheinung überhaupt fremd; das Estnische . hat sie nur noch in einer seiner Mundarten, der werroschen, bewahrt; und im Kalmückischen findet, im Gegen- satze zu dem alterthümlicheren Ostmongolischen, rückwirkende Assimilation der Vocäle statt: sira, gelb: sara. Ahnliches im Burj&tischen und in der neumongolischen Volkssprache. Im Magyarischen hat nachweislich noch in geschichtlicher Zeit die Yocalharmonie Fortschritte gemacht. Die Anlage ist aber doch dem ganzen Stamme gemeinsam, und darauf kam es hier an. 8. Agglutination. Die Leichtigkeit, mit der sich die Formativelemente in den meisten Sprachen des sogenannten agglutinirenden Baues zerlegen und oft auf sehr materielle Unter- lagen zurückführen lassen, hat geradezu etwas Verführerisches. Aber was bürgt uns dafür, dass die gefundenen Etymologien auch die ursprünglich echten seien? Wie leicht können durch den Wandel der Laute die etymologischen Beziehungen verschoben, verwischt werden. Auf die eigentlichen Volksetymologien will ich hier nicht näher eingehen. Aber das seelische Bedürfniss, auf dem sie beruhen, kann sehr weittragende Wirkungen äussern und sich dabei doch mit qualitativ sehr kläglichen Abfindungen begnügen. Wir Indogermanen lassen es uns ge- fallen, wenn die grammatischen Formen unserer Sprachen unserm et}"mologischen Bewusstsein fremd w^erden. Fremdartige Stoffwörter aber, gleichviel ob sie von Auswärts entliehen oder nur für unser Gefühl fremdartig geworden sind, modeln wir gerne um, bis ihre Laute einen halbwegs zutreffenden Sinn geben oder doch an die uns geläufigen Gebilde der Muttersprache anklingen. Offenbar stehen nuji agglutinirende Sprachen, deren Formensystem sich durch einen klaren, leiclit zu analysirenden Aufbau auszeichnet, mit einem viel lebhafteren etymologischen Bedürfnisse in Wechselwirkung: jene Durclisichtigkeit des Formenwesens ent- fliesst diesem Bedürfnisse, erhält es aber gleichzeitig auch lebendig. Den me- chanischen Lautverfall wird es nicht hindern, höchstens vielleicht etwas ver- langsamen, indem es etwa zu sorgsamerer Articulation der Formativlaute mahnt. Werden aber schliesslich zugleich mit den Lauten die Fäden der ursprünglichen etymologischen Verwandtschaft morsch, so kann jenes Bedürfniss dazu führen, sie an einer anderen Stelle, die nun näher gerückt scheint, anzuknüpfen, imd eben dabei können Plattheiten zuwege kommen, ganz wie bei unsern Volksetymologien. Es ist das eine blosse Möglichkeit. Beispiele kann ich natüi-lich nicht an- führen; denn die Denkmäler agglutinirender Sprachen reichen günstigsten Falles nur wenige Jahrhunderte weit zurück. Aber nahe genug liegt die Möglichkeit doch, — ich möchte fast von apriorischer Noth wendigkeit reden. Und nun 26* 404 IV, IV. Sprachwürderang. frage ich: Wie soll man hier urtheilen? Gewiss darf man nur sagen: Jetzt verbindet die Sprache mit den Ausdrücken für bestimmte grammatische Kate- gorien grob materielle Vorstellungen. Aber auch damit kann man noch zu weit gehen. Ich weiss nicht mehr, wo und über welche Sprache ich die Behauptung gelesen habe: da werde „im Hause" ausgedrückt durch „Bauch des Hauses^*. Es ist möglich, dass dem ursprünglich so war; — es zu beweisen wird so schwer sein, wie es zu widerlegen. Allein soviel möchte ich behaupten: entweder musste sich der Begriff Bauch bis zu dem des Inneren verallgemeinert haben, ehe man das Wort als Ausdruck des Inessivs gebrauchen konnte, — oder es lag wirklich von Hause aus eine Art poetischer Umschreibung vor, dann wurde der Ausdruck gemeingebräuchlich und gleichzeitig verlor er im Sprachbewusst- sein den Charakter der Bildlichkeit. Nun wechselten also die Rollen: nicht mehr hiess das Innere der Bauch, sondern der Bauch hiess das Innere. Wörter und Wortformen unterliegen dem Courswechsel: vergeistigt sich ihre Anwendung, so vergeistigt sich auch ihr Inhalt. 9. Das etymologische Bewusstsein. Offenbar gehört das Bedürfniss nach etymologischer Deutlichkeit der Formen- elemente (Wertformen und Hülfswörter), nach einem klar analysirbaren Affix- wesen zu den charakteristischen Eigenschaften der Sprachen und Sprachstämme, und ebenso der theil weise Mangel dieses Bedürfnisses. Welche weitergehenden Schlüsse aber daraus zu ziehen seien, ist schwer zu sagen. Von vornherein sollte man meinen, es müsse diesem Bedürfnisse ein gewisser Drang nach logischer Klarheit zu Grunde liegen, während etwa eine mehr phantastische Geistesrichtung sich in der Vielgostaltigkeit unseres indogermanischen Defectivsystemes gefallen mochte. Dann hätte also schliesslich nach jahrhimdertelangem Ringen die logische Kraft des indogermanischen Geistes durch die Schöpfung der analytischen neueren Sprachen jenem Drange nach Klarheit und Vereinfachung mehr oder minder Ge- nüge verschafft; es läge etwas wie eine galvanische Schichtung vor: zu unterst glühende, mythenschaffende Einbildungskraft, darüber die Klarheit imd Schärfe des wissenschaftlichen Denkens, dieses Denken vertieft durch die Unterlage der genial ahnenden Phantasie, — und dieser Schichtung entspränge der kräftige Strom, der in den indogermanischen Völkern und ihren Sprachen pulsirt Wie nun im Organismus der Sprache Alles mit Allem in Verbindung steht, so ist auch ein Zusammenhang zwischen diesem ahnenden Sinne und jener voreiligen Hast anzunehmen, die sich in der Behandlung der Laute kundgab. Ich kann mir eher denken, dass dereinst die uralaltaischen Völker es uns in den Wissen- schaften gleichthuen, als dass sie je in den Künsten mit uns wetteifern sollten. Ein besonders lebhaftes etymologisches Bewusstsein, eine Consonantensyni- bolik, die Stamm- und Bildungselemente gleichmässig erfasst, muss, wenn Petttot 9. Etymologisches Bewusstsein. 10. Missgriffe. 405 (Dietionnaire de la 1. D^nd-Dindji6 p. XUX) Recht hat, in den Athapaskensprachen C'anadas hen'schen. Damach zerfallen die Consonanten und Consonantenver- bindungen in vier Hauptabtheilungen, diese in neun Unterabtheilungen, deren jede gewisse Begriffskategorien ausdrückt. Die Zugehörigen dieser Unterab- theiliingen können untereinander vertauscht werden, und es wird dadurch oft der Sinn ein anderer, verwandter oder entgegengesetzter; denn jene Kategorien umfassen immer zugleich die These mid die Antithese z. B. sehen und verborgen sein, hart und weich, Vereinigung und Trennung, — also echter Gegensinn. Die Sache scheint verblüffend; die Kategorien sind natürlich einigermassen dehn- bar, und unser Gewährsmann hat nicht Raum gefunden, seine Lehrsätze durch reichliche Beispiele zu beweisen. Zu den Leuten, denen man eine Faselei zu- trauen mag, gehört er aber nicht, eher wohl zu denen, die sich mit Recht in ihrem Sprachgefühle mit den Eingebonien im Einklänge wissen. 10. Missgriffe bei der Analyse und Beurtheilung; störende Factoren. Nichts ist gefährlicher, als wenn man eine fremde Sprache unter dem Prisma zwisehenzeiliger Übersetzungen und Analysen betrachtet. Beim besten Willen kleidet man doch den fremden Körper in das eigene Gewand, zieht ihm wohl unversehens den linken Stiefel an den rechten Fuss und hat dann bUlig spotten und tadeln. Es ist ein summarisches Verfahren, dessen vorübergehenden Werth für den Lehrzweck Niemand bestreiten wird, das aber für die Abschätzung einer fremden Sprache geradezu verhängnissvoll werden kann. Man darf kühnlich an- nehmen, dass nicht zwei grammatische Formmittel verschiedener Sprachen ein- ander in ihrer Bedeutung vollständig decken. Der deutsche Genitiv ist vom latei- nischen und griechischen sehr verschieden, und ebenso sind es die übrigen Casus, die Genera, Tempora und Modi des Verbums. Die Namen bezeichnen das Wesen der Sache nur annähernd; sie sind bequeme, aber sehr mangelhafte Ersatzmittel für sehr schwierige und weitschweifige Definitionen. Das Gleiche gilt von den Hülfswörtem und ihren herkömndichen Übersetzungen. Der flüchtige Betrachtor ahnt gar nicht, wie mannigfach und wie fein umgrenzt selbst in scheinbar rohen Sprachen die grammatischen Kategorien sein können; und die weitaus über- wiegende Mehrzahl der Grammatiken lässt ihn auch gar nicht zu einer solchen Ahnung kommen. Auf solche Grammatiken verlässt er sich nun, baut höchstens das Wenige, was sie ihm bieten, nach seiner besseren sprachphilosophischen Ein- sicht neu auf und fällt darauf sein Urtheil. Schon besser, wenn er es der Mühe werth erachtet, erst einmal die fremde Sprache praktisch in sich selbst zu er- leben und es wenigstens bis zu einer gewissen Geläufigkeit in ihr zu bringen. Aber auch dann sollte er noch seinem Urtheile nicht zuviel zutrauen. Jene Geläufigkeit in einer Sprache besteht zum grossen Theile aus Factoren, die mit Unfehlbarkeit wirken und uns doch unbewusst bleiben können. Um sie an's 406 IV, lY. Sprach wflrderung. Tageslicht zu heben, dazu genügt die übliche grammatische Analyse nicht, da bedarf es reichhaltiger aus dem Leben der Sprache geschöpfter CoUectaneen, der Fähigkeit, diese inductiv auszunutzen, mit einem Worte, man muss im Kopfe oder auf dem Papiere eine ausführliche, möglichst vollständige Grammatik be- sitzen. Wie oft aber und bei wievielen Sprachen hat man es so weit gebracht? Das Gesagte soll nur davor warnen, aus der scheinbaren Einfachheit und Annuth einer fremden Sprache voreilige Schlüsse zu Ungunsten ihres geistigen Ciohaltes zu ziehen. Die Thatsache bleibt darum doch bestehen, dass es wahr- haft armselige und rohe Sprachen giebt Nur das ist mir fraglich, ob sie alle- mal und nothwendigerweise auf einer entsprechend niedrigen Begabung der Völker beruhen. Erst in jüngster Zeit hat misre Wissenschaft die Mischsprachen in den Be- reich ihrer Forschungen gezogen. Wo zwei Völker miteinander in massenhafte Berührung kommen, da radebrecht das eine in der Sprache des andern. Eine Art stillschweigenden Vertrages verpönt Alles, was nicht beiden Theilen gleich ge- nehm ist, und das ist oft sehr viel. Der Rest festigt sich durch Gebrauch zu einer neuen Sprache, die sich natürlich auf die dringendsten Bedürfnisse des internationalen Verkehrs beschränkt und sehr arm und roh ausfallen wird, — ein Kuli unter den Sprachen, dazu ein Blendling, der den Stempel seiner ge- mischten Herkunft auf der Stirn trägt Aber der Kuli kann sich emporarbeiten, der Bastard kann geadelt werden, es bedarf nur der Zeit und d.er Gunst des Schicksals. Es kann geschehen, dass die Mischsprache die allein herrschende in einem Volke wird, dass sie „wächst mit ihren höheren Zwecken'' und, indem sie sich beide Quellen ihrer Herkunft offen erhält, zu doppeltem ßeichthume emporblüht. Das war das Glück der englischen Sprache, allerdings ein Glück mit Verdienst verkettet. Jetzt glaubt man Sprachmischungen zu ahnen, wohl auch nachweisen zu köjmen, wo man früher nur von Entlehnungen redete. Mein verewigter Vater, als er das Endergebniss seiner melanesischen Forschungen feststellte, drückte sieh nuch negativ aus; er erkannte, „dass die melanesischen und polynesichen Sprachen melir miteinander gemein haben, als aus einer blossen Entlehnung der einen von den andern hervorgehen kann^\ Richard Lepsius sprach in der Einleitung zu seiner Nubischen Grammatik die Vermuthung aus, es möchte ein grosser Theil der Sprachen Afrikas hybriden Ursprunges sein, in quantitativer und qualitativer Hinsicht verschiedenlich gemischt aus hamitischen und ßantu-Elementen. Die Ergebnisse sind nun auch in Afrika wie in Melanesien von sehr verschiedener Güte und stellenweise kläglich genug. Der Sprachbeurtheiler wird nicht allemal sagen können, was hier gehemmt und dort gefördert habe, ob die geistige Be- anlagung oder die äusseren Schicksale der Völker, ob etwa nur die J^Iischung zu jung sei, als dass sie sich schon zu einem vollkommenei-en Gebilde hätte entwickehi 10. Missgriffe; störende Factoren. 407 kunnen. Das aber darf er behaupten: ein Volk mit roher Sprache entbehrt eines wichtigen geistigen Anregungsmittels; mag es früher gewesen sein was und wie es wolle, jetzt ist es zu beklagen. Immer werden die Wortformen die ersten Späne sein, die beim Contäcte der Sprachen abfliegen, es müssten denn ganz regelmässige, leicht analysirbare und darum bequeme Formen sein. Dem geringen Formenbedürfnisso wird auf die einfachste und dürftigste Weise genügt, und wenn sich die Contactsprache etwa zur Volkssprache entwickelt, so bedarf sie natürlich im günstigsten Falle langer Zeit, ehe sie es zu einem höher entwickelten Formenwesen bringt Dann aber war die Formlosigkeit doch nur eine vorübergehende, und es war ein Zu- fall, dass der Beurtheiler sie just im wüstesten N6glig6 überraschen musste. Wer weiss, ob zwar nicht in aber doch hinter ihr drängende geistige Kräfte vorborgen liegen, die den ungestalten Keim dereinst zu üppiger Entfaltung em-. pnrtreiben werden? Aber auch das Andere ist möglich: ein gut beanlagtes Volk mit schöner, bildsamer Sprache kann durch die Ungunst des Schicksals ver- kommen, ohne dass vorerst seine Sprache dabei Schaden nehme. Beispiele sind i]ö6v schreiben, es wäre Alles umgekehrt. Dagegen scheint das Cral- altaische in den grössten Umrissen seines Baues dem Ur-Indogermanischen älm- lich geistesverwandt, wie das Malaische dem Semitischen. Die wesentlichen Charakterunterschiede zwischen dem uralaltaischen Menschen und dem malaischen sind wohl leicht aus geographischen und geschichtlichen Ursachen abzuleiten. Die Heimath der Uralaltaier, denen ich aus sprachlichen Gründen die Sumero-Akkader nicht zuzählen möchte, lag, wie man annehmen darf, in den weiten, rauhen Steppenländem Asiens. Es war eine rechte No- madenheimath : Raum genug, um sich nach Herzenslust wandernd auszubreiten. Boden und Klima mehr zur Viehzucht als zur Landwirthschaft einladend, die ohnehin dem Menschen mehr Zwang und Arbeit auferlegt, als das beschauhche Leben des Hirten. Der baut sich nicht sein Heim, sondern er sucht es und wird sich wieder ein neues suchen, sobald das alte ihn und seine Herde nicht mehr bewirthen will. Ein Schüblingsdasein führt er, muss aufbrechen, wann ihm die Noth zum Aufbruche bläst, — ein Glück noch, wenn er die Wahl hat. wohin er wandern will. Jedenfalls will und muss er weiter, bis er eine neue Wohn- und Weidestätte gefunden hat, und die wird er, wo nöthig kämpfend erringen. In einer solchen Lebensschule wird der Mensch wohl nicht zu mun- terer Initiative, dafür aber zu nachhaltig zielbewusster Thatkraft erzogen. Im 13. Malaien und Uralaltaier. 417 Ganzen war diese Erziehung mehr hemmend als fördernd. Für Wissenschaften und bildende Künste bietet das Wanderleben wenig Zeit und Raum. Wahre Poesie, lyrische und epische, ist aber auch in den Zelten jener Nomaden er- blüht Und wo das Schicksal den Uralaltaier einem leidlich behaglichen sess- haften Leben zugeführt hat, da ist er auch in den Wissenschaften schnell mit den benachbarten Culturvölkem in erfolgreichen Wettbewerb getreten. So in Europa die Magyaren, die Finnen und Esten, so die Mandschu in China, Weniger an Begabung hatte es ihnen gefehlt, als an Gelegenheit, die Begabung zu entfalten. An der malaischen Art mag das Meer ebensoviel Antheil haben, wie Klima und Boden. Keizt die üppige Tropenwelt die Sinnlichkeit, so weckt der Blick auf die weite See in dem erregbaren Menschen die Sehnsucht in's Weite und den Trieb zu kühnem Wagniss. Der Hirt weicht den Naturmächten, der See- mann nimmt den Kampf mit ihnen auf, jenen drängt die Noth, diesen lockt die Gefahr. Gerathen uralaltaische Massen einmal in's Rollen, so wälzen sie sich wohl, lawinenartig anschwellend mit unwiderstehlicher Gewalt über die Länder dahin; ihre Macht liegt in der Einhelligkeit der Massen, die sich willig dem Willen eines grossen Mannes unterordnen. Ein derartiges Auftreten malaischer Völker wäre schon aus geographischen Gründen imdenkbar. Aber auch durch ihre seelischen Anlagen wären sie dazu nicht geeignet. Wollen wir diese nach ihren tollsten Äusserungen beurtheilen, so müssen wir an das Amok-laufen denken oder an die Kopfjagden. Dem Mongolen und seinen Rassenverwandten fehlt zu solchen Ausschweifungen nicht weniger als Alles: die grausame Gier, aber auch der abenteuerliche Sinn und die Initiative.*) Mehr oder minder sind wohl alle malaischen Völker auf den Ackerbau hingewiesen. Wo diesen jedoch eine tro- pische Natur aUzuselu: erleichtert, da kann er nicht seine volle erziehliche Macht entfalten. Zur Bildung wirklicher Staaten mit einer wohlgegliederten Gesellschaft ist es nur stellenweise gekommen, und die Menge kleiner gesonderter Gemein- wesen kam dem Particularismus der zahllosen Dialekte zugute. Beide Stämme haben sich sehr culturempfänglich gezeigt, die Kalmücken und Mandschu sogar es verstanden, eine schlechte semitische Schrift durch con- sequente Vocalbezeichnung zu verbessern, während die eigentlichen Malaien nach Annahme des Islam ein Alphabet indischen Ursprunges gegen das arabische ver- tauschten, das handlicher aber weniger deutlich und eigentlich für jede nicht semitische Sprache ungeeignet ist. Bekanntlich sind die Türken, die Perser und die muhamedanischen Hindus in diesen Punkten nicht verständiger gewesen, und Allen kommt die gleiche Entschuldigung zugute. Es wäre nun interessant *) Ähnliches wie die Kopfjagd kommt wohl auch bei türkischen Völkern vor, aber wohl immer als Blutrache. Und dann ist überhaupt in diesen Stämmen der Rassencharakt«r zu stark verwischt, als dass man ihre Besonderheiten auf Rechnung der uralaltaischen Rasse schreiben dürfte. ▼. d. Gabel entz, Die Sprachwissenschaft. 2. Anfl. 27 418 IV, IV. Sprachwürderung. zu vergleichen, wie sich der Buddhismus bei den Mongolen und den Javanern der Islam bei den Türken und Malaien gestaltet hat, dieselben Gegenstände im Bilde zweier so verschiedener Spiegel. Die Vortheile und Nachtheile einer be- weglichen, mehr phantastischen Naturanlage dürften auf malaischer Seite sein, während der UraJaltaier in der Auffassung und Verarbeitung der Wissenschaften eine Tüchtigkeit gezeigt hat, deren ich den Malaien nicht für fähig halten würde. Man sieht leicht ein, wie auf beiden Seiten je die Denkungsart^ das Tem- perament und der Sprachbau einander parallel gehen. Der bedächtige Ural- altaier baut in der Rede Stück für Stück den Gedanken aus seinen Bestand- theilen auf. Erst nennt er die Ursache der Erscheinung (das Subject), dann diese selbst. Was einen Satztheil näher bestimmen soll (das adnominale oder adverbiale Attribut), wird vorsorglich vorausgeschickt, das Material wird zu- sammengeschafft, jeder Theil zu seiner Zeit, und gleichzeitig wird es zum Auf- bau des Ganzen verwendet. Ein Ordnungssinn, wie er sich hier kund giebt thut sich nicht so leicht Genüge. Gedanke und Satz sind mit dem Verbum ab- geschlossen. Aber die Gedanken verketten sich miteinander, und das thun auch gern die Sätze. Hier ist nun die Vorliebe dieser Sprachen für participiale und gerundiale Satzverknüpfungen sehr bedeutsam. Die Conjunctionen der indo- germanischen Sprachen, die Wortstellungsgesetze des Deutschen nöthigen den Geist den Satz von Anbeginn zielbewusst als einfachen oder als Satztheil einer bestimmten Art zu behandeln. In den uralaltaischen Sprachen waren ursprüng- lich die Conjunctionen wenig zahlreich und die Wortstellungsgesetze von der Natur des Satzes unabhängig. Da hat man denn bis zum Aussprechen der Ver- balform die Wahl, ob man den Satz schliessen oder in den oder jenen Zu- sanmienhang mit dem folgenden bringen will. Ein Beispiel aus dem Mandschu: / -mhi (v. finit) 'Ci, wenn -ciftc, obschon -Äi, wollen -/?, nachdem -me, indem •re de, während u. s. w. tere ilan niyalma emgi yabti- jene drei Menschen zusammen gehen Und so lässt sich auf die einfachste Weise der Welt Satz an Satz haken wie die Wagen eines Eisenbahnzuges; man könnte wohl ein ganzes Buch in einem einzigen zusammengesetzten Satze verfassen. Aber welcher Unterschied zwischen einer indo- germanischen Periode und einer solchen Satzkette! Dort auf Seiten des Eedenden wie des Hörenden eine Energie, die nicht erlahmen darf, bis das ganze Gebäude fertig dasteht Hier eine ganz nomadenmässige Vereinigung von Unstätigkeit und Schlendrian; man hat überall die Wahl, ob man Station machen oder weitergehen will 13. Malaien und Uralaltai er. 419 Anders nun wiederum der Malaie. Der eilt mit lebhafter Sinnlichkeit den ganzen Eindruck, der seine Seele bewe^, gleichwie in einem flüchtigen Bilde, im Verbum darzustellen; und dann füllt er, von Prädicat zu Prädicat weiter- sehreitend, die Zeichnung mit Farben und neuen Zügen aus. Gleich mit dem Verbum mag er es zu Anfang des Satzes oder etwas später setzen, hat er etwas relativ Fertiges geschaffen; nun ist es seine Sache, wie lange er daran ergänzend und verschönernd weiter arbeiten will. Die erste Ungeduld, etwas Fertiges zu sehen, war schnell befriedigt, und nun ist das Nachbessern vielmehr ein Ver- gnügen, als eine That mühevollen Fleisses, Dann und wann adverbiale Satz- verbindungen, vorsorglich zu Beginn des Vordersatzes durch Conjunctionen ein- geleitet Sonst wird wohl Satz an Satz mit eintönig M'iederkehrenden Conjunc- tionen gefügt, — es gemahnt mich an das ewige „und da, und da" in den Erzählungen eines Kindes. Frischen Unternehmungsgeist athmet diese Rede. Wie steht es aber mit der Kraft zu zielbewusster, stätiger Arbeit? Denken wir an die zierlichen Holzbauten der Malaien, an ihre trefflichen Fahrzeuge, an die sorgfältig geritzten Palmblattmanuscript« der Javanen und an ihre herrlichen Nachbildungen indischer Architectur: so könnten unsre Erwartungen überspannt werden. Wer über Sclaven verfügt, wälzt auf deren Schultern die Last ein- töniger Arbeit, — er hat gut Planen und Erfinden. Will man aber an jene prächtigen Erzeugnisse freier Kunst, etwa an die geschnitzten polynesischen Ruder xmd Keulen denken, so wiederhole ich mit den nöthigen Abänderungen das oben Gesagte. Bis zur Brauchbarkeit war das Ruder oder die Keule bald fertig. Nun mochte der Besitzer, so oft es ihm einfiel, daran herumschnitzen, es war ein Zeitvertreib, wie die endlosen Stickarbeiten unserer Damen. Jene Ausdauer, um die es sich hier handelt, haben die malaischen Völker höchstens in der schriftstellerischen Arbeit bewiesen. Und doch hat auch diese Schrift- stellerei wohl so zu sagen agglutinirenden Charakter: ein Stück wird an das andere gereiht, so oft xmd so lange es dem Verfasser beliebt, und die Stücke sind selten gross. Sinnlich und leidenschaftlich ist der Malaie, aber durchaus kein sanguinischer Augenblicksmensch. Den einmal gefassten Vorsatz kann er lange im Busen verborgen halten, um ihn zu gelegener Zeit auszuführen. Er versteht zu warten, sich zeitweilig anderen Gedanken hinzugeben; aber derweile späht das Auge nach Ort, Zeit und Mitteln zur längst beschlossenen That. Diese Denkweise nimmt die Dinge in den Dienst einer vorgestellten Thatsache: dies ist die That, dies ihr Object, dies ihr Urheber, — und weiter: dies ist die Gelegenheit und dies sind die Mittel. Was der Seele vorschwebt, ist em ersehntes Ereigniss, nicht ein Prozess, d. h. eine Reihenfolge von Ereignissen. Darum vernachlässigt die Sprache einigermassen das Tempus verbi. Zu jenem Ereignisse werden die Dinge in mannigfache Beziehungen gesetzt, und diese Beziehungen finden ihren 27* 420 IV, IV. Sprach würderung. Ausdruck auf der Seite, die für den Gedanken die wichtigste ist, also auf der Seite des Verbums, nicht des Substantivums. So bleiben die Casus vernach- lässigt und finden Stellvertretung in dem reich entfalteten Genus verbi. Endlich: weniger auf die That kommt es an, als auf den Erfolg, Daher wird der passiven Redeweise so oft der Vorzug vor der activen gegeben. 14. Die Bantuvölker. — 6. Blebk, A Comparatiye Graznmar of South African Languages, I u. II, i. 1862, 1869. — J. ToBREND, A Gomparative Grammar of the South- African Bantu Langoages. London 1891. Die Bantuvölker und ihre Sprachen scheinen für Untersuchungen wie die hier beabsichtigten ganz besonders geeignet Wir haben es da mit einem grossen, ganz sonderbaren ethnographischen und linguistischen Typus zu thun, der durch Jahrtausende gefestigt, trotz seiner ungeheuren Verbreitung und particularistisclien Zersplitterung eine erstaunliche Gleichförmigkeit bewahrt hat Gleich den malaischen Sprachen zeichnen sich die meisten Angehörigen des Bantustammes durch Wohlklang aus; aber ihre Sandhigesetze sind über- wiegend vorgreiflich. Der agglutinirende Bau mit leicht zu analysirenden Prä- und Suffixen ist wenigstens im Äusserlichsten beiden Sprachfamiüen gemein. Der organische Wandel der Vocale im Stammesauslaute erinnert einigermassen an ähnliche Erscheinungen im Japanischen. Man vergleiche Kongo: haJca fangen, hakwa gefangen werden, bakila fangen in Bezug auf . . . , bakisa fangen lassen, mit den japanischen Stammformen von der Wurzel med, warten: mcUi, motu, mata, mate. Das Subject steht vor, das Object hinter dem Verbum, die Attri- bute treten nach. Von den Casus wird der Genitiv durch eine Relativconstruction, eine Art Casus constructus, die übrigen, — wieder ähnlich wie in den malaischen Sprachen, durch Verbalformen oder Präpositionen, seltener Postpositionen oder Suffixe, ersetzt Im Verbum ist Tempus und Modus reicher, dagegen das Genus minder üppig entwickelt als dort, die passive Redeweise beliebt, wenn auch nicht vorherrschend. Die Conjugation besitzt subjective und objective Pronominal- präfixe; dagegen werden die possessiven Pronominalelemente suffigirt Den Glanzpunkt der Sprache bildet ihr Congruenzsystem, das man nach seiner äusseren Erscheinung als Alliteration bezeichnet hat Das Wesen der Sache ist dies. Jedes Substantivum fällt unter eine bestimmte Classe, deren es je nach der Einzelsprache acht bis etwa fünfzehn giebt Jede dieser Classen ist durch besondere Präfixe ausgezeichnet, meist durch deren zwei, eins für den Singular und eins für den Plural. Jedes Wort nun, das sich als Prädicat oder Attribut auf ein Substantivum bezieht, muss ein dem Classenzeichen entsprechen- des Präfix annehmen, in der objectiven Conjugation keliren sie, ganz wie die 14. Die BantUYölker. 421 Pronomina der ersten und zweiten Person, als Subjects- und Objeetselemente wieder, und meist erleidet ihre Lautfonn je nach der Function gewisse Wan- delungen. Die Vertheilung der Substantiva unter die verschiedenen Classen ist nicht überall dieselbe, und demselben Singularpräfixe entsprechen zuweilen in den verschiedenen Sprachen verschiedene Pluralpräfixe. Das Prinzip aber ist allerwärts das nämliche, und ihm verdanken die Bantusprachen ihre eigenthüm- liehe Physiognomie. W. H. J. Bleek (A Comparative Grammar of the South African Languages, II, p. 96—100) stellt folgendes kaf&ische Paradigma auf: 1. U-mti-rUu w-etu o-mu-xle u-ya-bonaka, si-m-tanda. Mensch unsrer schöner er erscheint, wir ihn lieben. 2. A'bchntu (Menschen) b-eiu a-ba-xle ba-ya-bonaka^ si-bc^tanda, 3. ü-mu-ti (Baum) w-etu o-mu-xle u-ya-bonaka, si-wu^tanda. 4. hmi-ti (Bäume) y-etu e-mi-xle i-ya-bonaka^ si-yi-tanda, 5. I-U-ewe (Land) Uetu e-li-xle li-ya-bonaka, si-li-tanda. 6. Ä-ma-ewe (Länder) etu a-ma-xle a-ya-banaka, si-wa4anda. 7. I-si-zwe (Volk) s-eiu e-si-xle si-ya-bonaka, si-si-tanda. 8. I'Zi'gwe (Völker) 0-etu e-zi-xle ßi-ya-banaka, si-zi-tanda. 9. I-n-tombi (Mädchen, sg.) y-etu e-n-xle i-ya-bonaka, si-yi-tanda, 10. I-ein-tonibi (Mädchen, pl.) js-efu e-zin-xle zi-ya-bonaka, si-zi-tanda, 11. U'lU'ti (Stock) Ito-etu o-lu-xle lu-ya-bonaka, si-lu-tanda, u. s. w. Die ursprüngliche Bedeutung dieser Präfixe ist streitig, aber auch für unsem Zweck unerheblich. Manche vermuthen, es wären von Hause aus substantivische Stoff Wörter gewesen. Selbst wenn dies richtig wäre, so ist doch dagegen ein- zuwenden, dass diese Elemente in der Grammatik den persönlichen Fürwörtern völlig gleich behandelt, folglich im Sprachgeiste diesen gleichgestellt werden; es sind echte Formenolemente. Auch der Grund, warum ein Substantivum gei-ade zu dieser oder jener Classe gehört, ist nur in gewissen Fällen einzusehen. In der lautlichen Bildung der Affixe besteht wohl eine gewisse Gleichförmigkeit; ein etymologischer Zusammenhang unter ihnen ist aber so wenig zu entdecken, wie etwa in den englischen he, she^ it, they, oder wie in den ägyptischen Suffixen /*, t und u. Man sieht, auch die irrationalen Mächte, die am Baue unserer flectirenden Sprachen so reichen Antheil haben, treiben hier ihr Spiel. Reich entfaltet und, dank einer lebendigen, freien Agglutination, unzähliger Abschattungen * fähig sind Tempus und Modus des Verbums. Die erzählende Rede ist oft von entzückender Farbenpracht, ein Meisterstück sinnlicher Anschaulichkeit. (Vergl, L. Grout, A Grammar of the Zulu Language, §. 551 in Verb, mit §§. 226 — 306. LE Berbe, Grammaire de la langue Pongou6e, pg. 52 — 141 , 201 — 204. W.H. Bextley, Dictionary and Grammar of the Kongo Language, pg. 619 — 698.) Und wenn wir nxm weiter die syntaktische Bildsamkeit dieser Sprachen betrachten und aus Alledem einen völkerpsychologischen Rückschluss ziehen wollten, so würden wir 422 lY, IV. Sprachwürderung. schwerlich das Bild von Eaffem und Kafferngenossen gewinnen. Der Grundsatz: wie der Geist des Sprachstammes, so der Geist der Völkerfamilie, scheint dies- mal durch die Thatsachen widerlegt zu werden. Und doch muss er gerade hier sich bewähren, und die Induction hat ahnend und tastend zu versuchen, wie sie die Thatsachen in Zusammenhang bringt; den Zusammenhang leugnen darf sie hier weniger denn je. Der Neger, auch der Bantu, ist im vollsten Sinne Sanguiniker: leicht em- pfänglich und in raschem, heftigem Strohfeuer auflodernd, gelehrig, witeig, ge- schickt im Nachahmen, aber ohne Tiefe der Auffassung, fleissig wenn er muss, faul wenn er darf, und doch dank seinem Temperamente nicht eigentlich träge; er ist geschwätzig, putz- und vergnügungssüchtig, überaus eitel, dabei im Gmnde gutmüthig. Natur und Geschichte haben ihn zum Bauern gemacht Mit leichter Mühe bestellt er seine Äcker imd Pflanzungen, — den Weibern fällt dabei der Haupttheil der Arbeit zu. Seinen Stolz aber setzt er in seine Heerden. Hier laufen Habgier und Eitelkeit in ihren Zielen zusammen. Yiehraub ist Grund und Zweck zahlloser Kiiege. Die Staatswesen sind meist klein, grössere Ver- einigungen mehrerer Stänmie unter einem Könige haben nur kurzen Bestand. Überall ein Eintagsleben, Ereignisse, aber keine Geschichte; die Dinge folgen aufeinander, aber sie entwickeln sich nicht fortschreitend. Doch das sesshaft politische Leben, der Ackerbau und der leidenschaftlich betriebene Handel haben auch hier ihre Erüchte getragen. Erwerb imd Schutz des Eigenthums beschäf- tigen die Geister nachhaltiger, als die leicht befriedigte Liebe oder der rasch verrauchende Hass. Im bürgerlichen Beisammenleben ninunt das Recht die ihm zukommende Stelle ein, und das juristische Denken schult die Geister zum Classi- ficiren und Subsumiren. Was der Bantugeist sonst geschaffen hat an religiösen Vorstellungen, Märchen und Dichtungen, ist durchaus nicht vielverheissend. In der Ausbildung des Hechtes aber darf sich der Eaffemstamm mit viel höher stehenden Rassen messen. Er hat nicht nur ein bürgerliches, sondern auch ein internationales Recht entwickelt Die Bantu sind Rechtspedanten wie die Römer, prozesslustig und gewiegte Advocaten. Es bleibt nichts Anderes übrig: hier wo ein beschränkter Geist eine hochgradige einseitige Befähigung bewiesen hat, hier müssen wir den Grund suchen jener wunderbaren Kraftentfaltung des Sprach- • Vermögens, und nun wäre es interessant, wenn bei näherer Kenntniss der kaff- rischen Rechtsanschauungen sich etwa zwischen diesen und den grammatischen Classen der Substantiva ein Zusammenhang nachweisen Hesse. Dass ein hierauf abzielender Versuch gelingen müsse, dafür kann die Sprachwissenschaft nicht einstehen; denn wie gesagt, bei vielen Substantiven ist die Classification sprachenweise verschieden. Wir haben es hier mit einer Art Pedanterie zu thun, die zugleich eine hochgradige Beweglichkeit und Unstätigkeit in sich schliesst Denn die Rede t t 15. Indianersprachen Amerikas. 423 wird mit jedem Substantivum einer anderen Classe, das sie einführt, in eine neue Alliterationsreihe tibergeleitet; fast von Satz zu Satz wechselt sie die gram- matischen Formen. So dürfte auch das Temperament der Easse sich in der Sprache spiegehi. 15. Indianersprachen Amerikas. Die Sprachen der amerikanischen Ureinwohner von Grönland und Älaschka bis zam Feuerlande hat man etwas vorschnell in einer Glasse, der einverleibend polysynthetischen, zusammengefasst. Die Wahrheit ist, dass sie doch sehr ver- schiedene Bauformen darstellen, darunter so einfache wie das Othomi, das Chibcha, das Mutsun und das Bribri. Neigt sich das Ketschua zu den aggluti- nirend-suffigirenden Sprachen der alten Welt, so darf man die Conjugations- systeme des Baskischen, des Abchasischen und Hürkanischen mit denen ver- gleichen, die für typisch amerikanisch gelten. Und allerdings an diese müssen wir uns halten. Dass alle amerikanischen Sprachen untereinander urverwandt seien, mag man von vornherein vermuthen; nachgewiesen ist es nicht, und auch schwerlich nachweisbar. Den meisten aber ist jene überwuchernde Entwickelung des Yerbums gemein, die am liebsten den ganzen Satz in einem Worte zu- sammenfassen möchte. Dagegen ist das Casuswesen meist entsprechend schwach entwickelt, wie A. 8. Gatschet nachweist, noch am stärksten in Sprachen der westlichen Stämme Nord- und Südamerikas. Art heisst Anlage. Man kann den Werth einer Art nur dann schätzen, wenn man sie in ihren zugleich höchsten und eigenthümlichsten Entfaltungen kennen lernt. So sind die würdigen Ver- treter des amerikanischen Typus nur die Sprachen imd Sprachfamilien, die den incorporirend polysynthetischen Baustil in reinster und reichster Entwickelung darstellen, etwa die athapaskischen, irokesischen, algonkinischen, das Nahuatl, das Guarani (Tupi) u. s. w. Die Geistes- und Charakteranlagen und, wenn wir von den Culturvölkern Centralamerikas und Perus absehen, die Lebensbedingungen des sogenannten rothen Menschen sind im Wesentlichen überall dieselben. Zu Ackerbau, Vieh- zucht und sesshaftem Leben hat sich der Indianer nur da bequemt, wo ihn die Natur dazu zwang; seinem stolzen, verschlossenen Sinne sagte das freie Leben des wandernden Jägers mehr zu. Gewiss ist diese Lebensweise keine Schule zu höherer Gesittung; aber ebenso gewiss ist die Vorliebe für eine der auf- regendsten und anspannendsten Beschäftigungen kein Zeichen matten Willens oder schwachen Verstandes. Culturstaaten wie jene, die die spanischen Eroberer in Mittel- und Südamerika vorfanden, hat kein Bantuvolk geschaffen; und wo sich bei den Malaien Ähnliches findet, da darf man an arische und semitische Anregungen denken. Empfänglichkeit für europäische Gesittung haben unter Anderen die Tscheroki bewiesen. Und wenn man mit Entsetzen die Schilderungen 424 IV, IV. Sprachwürderang. indianischer Grausamkeit liest, so muss man doch wiederum bekennen: es liegt ein idealer Zug in jener mächtigen Willenskraft, die den einmal gefassten Vor- satz unerschüttert bis an's Ziel verfolgt und höhnend alle Qualen erträgt Mit Recht hebt Byrne in seiner tiefsinnig abstrakten Weise hervor, wie das Denken solcher Menschen durch ein Leben der Verfolgung zu Beharrlichkeit imd Um- sicht geschult sei, und wie sich dies in dem verbalen Charakter ihrer Sprachen äussere. Wer diese Sprachen so betrachtet, dem erzählen sie wahre Leder- strumpfgeschichten von Verfolgen und Verfolgtwerden, von scharf- und umsich- tiger Beobachtung aller Anzeichen und Nebenumstände. Es ist wie der Bericht eines tüchtigen Detectivbeamten, ganz zur Sache, vollständig, für den Einge- weihten übersichtiich imd plastisch. Viele dieser Sprachen lieben es, die ganze Situation wie in einem Bilde in einem einzigen grossen Compositum zusammen- zufassen, dessen einzelne Bestandtheile dann wohl scheinbar bis zur Unkennt- lichkeit gekürzt sind. Meister in dieser Kunst des Zusammenfassens und Ver- dichtens sind wohl zumal die Irokesenvölker. Wenigstens hat der europäische Forscher in ihren Sprachen besondere Mühe, die Elemente herauszuschälen. Kein Wunder, wenn ein solches Denken dahin gelangt, die nominalen Begriffe, die des Stätigen, mit in die beweglichen verbalen einzuschmelzen. Pars maior trahit post se minorem. Alles, auch die Wesen und ihre Eigenschaften erscheinen nachgerade wie wechselnde Ereignisse im forüaufenden Geschehen, der ver- storbene Mensch, die zerbrochene Tabakspfeife als ein Perfectum absolutum. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich in diesem Grundzuge der amerikanischen Sprachen die indianische Geistesart abgespiegelt finde: scharfe Beobachtung der Thatsachen, beharrliche Thatkraft und stolze Resignation. Ein seltsam umsich- tiger Sinn spiegelt sich z. B. in dem Verbum der Kri-Sprache. Dies hat ver- schiedene Suffixe für das Vermuthete oder Geglaubte, für die Wahrnehmungen der verschiedenen Sinne, für die Thätigkeiten der verschiedenen Körpertheile, den Gebrauch verschiedener Werkzeuge, für das Geschehen zu Wasser, auf einem Pfade u. s. w. (Lacombe, Grammaire p. 111 — 116). Vielleicht noch reicher in dieser Hinsicht ist die Sprache der Baures in Bolivia (A. Magio, Arte p. 22 — 40). Das Dakota, auch sonst verhältnissmässig arm, hat doch sechs Präfixe, die an- zeigen, dass die Handlung mit gewissen Körpertheilen oder Werkzeugen, stossend, drückend, schlagend, schneidend, stechend u. s. w. geschieht (S. R Riggs, Grammar p. 15). Unglaubliches leisten hierin auch die nord-athapaskischen Sprachen (E. Petitot, Dict de la 1. Dönö-Dindji6, p. LXVI— LXXV). DasTakamahat eine besondere Verbalform für das Geschehen bei Nacht (M, C. Pandost, Granunar p. 28). So werden die mannigfaltigsten, unserm Gefühle nach oft die äusser- lichsten Nebenumstände als charakteristische Züge in das verbale Bild hinein- gezeichnet. Dazu kommmen dann noch jene anderen Genus- und Modusformen^ .die wir eher gelten lassen: Transitivum, Passivum, Causativum, Factivum und 16. Andere Völker und Sprachen. 425 Fictivom, Negativum, Interrogativnm, Inchoativum, Cessativiim und wie man sie sonst heissen mag; femer Angaben der Richtung und manchmal gemüthliche Modalitäten, wie die des Mitleides oder des Hohnes. Auch jener ernste, stolze Sinn, der Achtung yerlangt und gewährt, äussert sich in manchen dieser Sprachen durch allerhand ehrende, nie aber, dass ich wüsste, durch kriechende Formen. So hat das Nahuatl respectvoUe Pronomina und Verbalformen: und oben, S. 246 ff., sahen wir, wie die Algonkinsprachen in ihrer Conjugation der zweiten Eerson den Vortritt einzuräumen wissen. Eine gewisse Geringschätzung des weiblichen Geschlechtes drückt sich im Irokesischen aus. Will man da von einer Ver- wandten oder Verschwägerten höflich reden, so wendet man nicht das Femininimi, sondern eine unbestimmte Form (etwa: „man" statt: „sie") an. (N. 0. fitudes philolog. sur quelques langues sauTages de TAmörique, Montröal 1866, p. 145). Es ist erstaunlich, wie mannigfaltig sich die grammatischen Kategorien je nach den Sprachen und Sprachstämmen gestaltet und gegeneinander abgegrenzt haben, und wie doch nach glaubhaften Beobachtungen ein Indianer leichter die schwie- rigste fremde Indianersprache bemeistert, als eine leichtere europäische, — ganz umgekehrt wie wir. So solidarisch ist hüben und drüben der Sprachgeist Es lohnt sich wohl, an dieser Stelle um des Gegensatzes willen an diejenige unter den indogermanischen Sprachen zu erinnern, die der verbalen Ausdrucks- weise am Entschiedensten abhold ist, — ich meine an das classische Sanskrit Man nenne es eine Kunstsprache oder doch eine schulmässig verkünstelte, so war eben die Art ihrer Verkünstelung erst recht bezeichnend für den Charakter der Künstler. Es lag doch ganz in der Sinnesart jener in beschaulicher Euhe lebenden Menschen, dass sie in ihrer Eede dem ruhenden Nomen vor dem ge- schäftigen Verbum den Vorzug gaben, als gälte es, auch das Flüchtige sub specie aetemitatis erscheinen zu lassen. 16. Andere Völker und Sprachen. Nicht inmier sind wir in der glücklichen Lage, die Sprachen familien- oder classenweise mit ganzen Menschenrassen oder Völkersippen vergleichen zu dürfen. Ich halte dies nur da für zulässig, wo alle Hauptfactoren eine gewisse Ein hei t- Uchkeit und Beständigkeit aufweisen. Schon die Sprachen der Australneger möchte ich von dieser Untereuchung ausschliessen. Soweit wir die kennen, sind sie alle nicht nur verwandten Charakters, sondern vermuthlich auch Töchter einer gemeinsamen Mutter. Aber die Menschen, die sie reden, sind durch die denkbar ungünstigsten Lebens- bedingungen sichtlich verkommen. Ihre Sprachen sind keineswegs besonders schlecht angelegt aber im Verhältnisse zu dem dürftigen Geistesleben der armen Schwarzen gleichen sie schlotternden Gewändern an einem ausgehungerten Körper. Es hiesse aus der Induction in die Speculation hinüberschweifen. 426 IV, IV. Sprachwtirderung. wollten wir aus dem Gewände schliessen, wie der Körper etwa in besseren Tagen beschaffen gewesen. Die indocliinesische Sprachfamilie ist wohl die typenreichste der Erde. Hier die Perle unter den isolirenden Sprachen, die chinesische, und daneben die Thai-Familie, Siamesisch, Lao, Schau, Ahorn, Aitom, EJiamti u. s. w., sämmtlich schwächlichere Gestaltungen des isolirenden Baues. Dann auf der Scheide zwischen isolirendem und agglutinirendem Baue das Barmanische mit seinen Geschwistern. Ihm nahe vervettert das Tibetische mit flexionsartig abwandel- baren Wortstämmen. Endlich ein erstaunliches Sortiment agglutinirender Sprach- organismen in allen Abstufungen bis zur formenreichen Incorporation. Und welch bunte Vielartigkeit der Volkscharaktere und Gesittungen! Im Kaukasus tragen sowohl die Sprachen wie die Völker gemeinsame Charakterzüge. Es ist ein Herd der Völker, aber wohl nicht ihre Wiege, viel- leicht nicht einmal der Tummelplatz ihrer Jugend, vielleicht nicht einmal eine Zufluchtsstätte Versprengter. Dem Gebirgsleben mag der Charakter seine Prä- gung, das Denken seine Richtung verdanken; jene Mächte aber, welche bei der Formung der Sprachen gewirkt haben, können einer längst vergessenen Ver- gangenheit angehören. Nicht viel besser sind wir mit den Basken daran, wie denn überhaupt vereinzelte Völker und kleine Völkergruppen für solche Zwecke keine vollwerthigen Untersuchungsobjecte abgeben. So die Drävidas und die Kolarier, die Annamiten mit ihren Sprachverwandten in Kambodscha und Pega, die Japaner, Koreaner und die übrigen sprachlich vereinzelten Völkerschaften Nordasiens. So auch aus anderem Grunde die Nubavölker, deren Leben von Alters her unter fremden Einflüssen gestanden haben dürfte. Eher noch Hesse sich mit den Hottentotten und den Völkern der Eskimo - Familie ein Versuch wagen. Sollten die Letzteren nicht in culturlicher und sprachlicher Hinsicht eine Art Mittelglied darstellen zwischen den uralaltaischen Hirtennomaden und den Jäger- und Kriegervölkem Amerikas? 17. Btrne's Principles of the Structure of Language. Über die Fragen, die uns hier beschäftigen, ist meines Wissens seit Humboldt's Hauptwerke kein tiefsinnigeres Buch geschrieben worden, als Bybke's Principles of the Structure of Language. Das ist ein grossartiger Versuch, die wichtigsten Erscheinungen der Sprachen durch analytische Schlussfolgerung auf ihre psychischen Grundlagen zurückzuführen, und dann inductiv nachzuweisen, wie sie thatsächlich dem Cultur- und Seelenleben der Völker entsprechen. Sicht nur die Kühnheit und Neuheit des Unternehmens verdient Bewunderung, sondern auch die Art, wie es nach einem gross gedachten einheitlichen Plane durch- geführt ist Eine Fülle neuer fruchtbarer Gesichtspunkte, lehrreich und anregend auch da, wo man dem geistvollen Sprachphilosophen widersprechen muss. ^ 17. Btrnb^s Principles of the Strukture of Language. 427 den HuMBOLDT'ächen Anschauungen spukt doch noch etwas von dem schroffen Dualismus zwischen Helenen und Barbaren, Cultunnenschen und Wilden. Es wird von vollkommenen und minder vollkommenen Sprachen geredet; allein wie der unterschied dargestellt wird, ist er nicht graduell sondern gegensätzlich, und Steinthal hatte Recht, als er ihn so auffasste und von fonnhaften und form- losen Sprachen redete. Dieser Gegensatz hat schon früher Manchem nicht ein- geleuchtet, der sich wahrhaft philologisch in sogenannte formlose Sprachen ver- tiefte. Mein unvergesslicher Vater zumal hob gern hervor, wie eigenthümliche Schönheiten und Feinheiten diese oder jene fremdartige Sprache aufweist, und dann schilderte er, wie sich in ihr die Welt der Vorstellungen formt und gliedert Es musste schon schlimm stehen um eine Sprache, wenn er ihr Roh- heit vorwarf, und dann traf sein Vorwurf doch mehr die Geistesarmuth, die sich in dürftiger oder einseitiger Entwickelung der grammatischen Mittel äussert, als die lautliche Beschaffenheit dieser Mittel selbst, und, — ich glaube es ohne Übertreibung sagen zu dürfen, — hinter den thätigen Mächten erkannte er auch jene schlummernden, die nur geweckt sein wollen, um die Sprache zu höheren Leistungen zu befähigen. Andrerseits hatte er aber auch beobachtet, wie un- günstige Geschicke eine Sprache in der Entwickelung hemmen oder entwegen können, so am Mandschu, das er wohl eine in ihrer Ausbildung gestörte Sprache nannte. Diesen äusseren Einwirkungen, die ja nur selten geschichtlich nachweisbar, aber um so öfter zu vermuthen sind, trägt meiner Meinung nach Byrne nicht genügend Rechnung. Er schiebt zu viel auf die geistige Beanlagung der Völker, thut zu oft, als müssten die historischen Bedingungen, unter denen wir sie lebend kennen, immerdar dieselben gewesen sein, vereinfacht sich damit die Arbeit, gefährdet aber dafür ihre Ergebnisse. Und dann widerfährt es auch ihm, dass er auf Treu und Glauben unwissenschaftlichen oder dürftigen Quellen Dinge nachschreibt, über die ihm nur die eingehendste Sachkenntniss eines geschulten Sprachforschers Auskunft geben durfte. Beide Fehler glaubte ich zu vermeiden, indem ich mich an wenige grosse Sprachengruppen und an die handgreiflichsten Erscheinungen derselben hielt. Auch hier wieder muss man es zuweilen machen wie der Maler, der den Gegenständen fem tritt, um ihren Gesammteindruck auf sich wirken zu lassen. 18. Einzelerscheinungen und Einzelsprachen. Offenbar jedoch ist damit die Aufgabe der Sprachenwürderung erst zum kleinsten Theile gelöst Auch die einzelnen und die vereinzelten Sprachen und auch die geringfügigsten ihrer Erscheinungen vertragen die Werthabmessung und verlangen sie folglich auch. Denn jede Sprache und Alles in der Sprache beruht auf psychologischen Ursachen und gewährt Rückschlüsse auf solche. 428 VI, IV. Sprachwürderung. Auch die übele Angewohnheit; denn was nöthigt die Menschen sie anzunehmen? Auch der äussere Zwang; denn was nöthigt die freie Sprache sich ilim zu fügen? Es mag dies an ein paar Fällen erläutert werden. Jede Neuerung in der Sprache, die mehr ist, als eine regelmässige neue Verwendung vorhandener Mittel, wollen wir als Abänderung bezeichnen im Gegensatze zu den so zu sagen constitutionellen Weiterbildungen. Jede der- artige Abänderung nun war ursprünglich fehlerhaft Man redet eine Sprache richtig, wenn man so redet wie die Stanungenossen, denn die Sprache ist lir- demokratischer Art. In diesem strengsten Sinne fehlt wohl Jeder hin und wieder gegen seine Muttersprache: im Eifer oder aus Nachlässigkeit articulirt er falsch, fällt aus der Construction, bildet wohl auch fehlerhafte Wortformen, wendet Casus, Tempus, Modus unrichtig an u. s. w. Schon das ist psychologisch. Nun ist aber die menschliche Sprache der Ansteckung ebensosehr ausgesetzt, wie der menschliche Körper. Unbewusst ahmen wir immer nach, uns selbst imd Andere. Was wir oft hören oder sagen, daran gewöhnen wir uns früher oder später; und wenn es anfangs ein Fremdes war, so wird es schliesslich ein Eigenes, imd wir machen es ohne Arg selbst mit Individuen und Völker ver- halten sich hierin graduell sehr verschieden, die Einen mehr zähe und ablehnend, die Anderen nachgiebiger. Das ist wieder psychologisch. Es gehört zimi Charakter des Czechen, dass er seine Sprache viele Jahrhunderte hindurch fast unver- ändert und frei von mundartlichen Spaltungen bewahrt hat Ein Gegenbild liefern melanesische Völker, die, seit europäische Schiffe an ihren Küsten landen, eifrig die Sprachfehler der Fremden nachäffen. So weit brauchen wir aber nicht zu gehen. Auch bei uns geschieht es wohl, dass Redewendungen, ja Eigen- thümlichkeiten der Lautbildung sich von einer einzelnen hervorragenden, popu- lären Persönlichkeit aus über ganze Volksclassen und schliesslich über das ganze Volk verbreiten. Welche seelischen Mächte mögen dabei mitwfrken? Zuerst vielleicht Eitelkeit Einzelner, dann bei Anderen Empfänglichkeit, Geschmeidig- keit, endlich die Allbeherrscherin Trägheit Trägheit kann aber zweierlei Art sein; hier nachgiebig, so zu sagen um des lieben Friedens willen, dort ablehnend, klebend am Altgewohnten. So be- urtheile ich es, wenn Ausfralnegerinnen, die in einen fremden Stamm geheirathet haben, zeitlebens die heimische Sprache beibehalten. So auch das Nebenein- anderbestehen von Formen und Wörtern der arowakischen und der Galibisprache in den sogenannten Männer- und Weibersprachen der Caraiben von Trinidad. Und umgekehrt: dieselbe Gabe und Neigung, vermöge deren heutzutage die Japaner im Sturme europäische Cultur erobern, hat sie seit Jahrhunderten ver- leitet, ihre schöne Sprache durch geborgte chinesische Flitter zu verunzieren. Indem ich diesen Ausdruck wähle, denke ich daran, wie fremdartig noch immer jene chinesischen Elemente in der japanischen Rede lassen, und wie anderer 18. Einzelerscheinungen und Einzel sprachen. 429 Art doch die Aneignungskraft der Engländer ist, die die zahllosen Fremdwörter ihrer Sprache rücksichtslos englisirt haben, als gälte die Importwaare erst, wenn sie mit britischer Emballage und Marke versehen ist So ist die seelische Anlage der Yölker selbst in den scheinbar äusserlichsten und zufälligsten Erscheinungen des Sprachenlebens erkennbar. Uns aber dürften andere Dinge näher liegen. Wie immer, so will auch hier die Sprache unter dem doppelten Gesichts- punkte einer Erscheinung und eines Mittels betrachtet werden, genauer gesagt eines Systemes von Erscheinungen und eines Systemes von Mitteln. Und unter beiden Gesichtspunkten kommt nicht nur ihr Bau, sondern auch ihr Wortschatz in Frage, also das Wörterbuch sowohl wie die Grammatik. In der wissenschaft- lichen Grammatik sind beide Gesichtspunkte zu trennen, und dem analytischen Systeme, das die Erscheinungen organisch ordnet und erklärt, gebührt aus inneren Gründen der Vortritt vor dem synthetischen, das die Mittel anzuwenden lehrt. Ahnlich sind wir bisher verfahren, wo es galt, im Baue der Sprach- stämme die Geistesanlagen der Menschenrassen nachzuweisen. Es waren hüben und drüben constante Grössen, und wir wollen uns daran erinnern, dass ja der Sprachbau auch in seinen gröbsten Umrissen im Grunde nur der adäquate Aus- druck war für die geistigen Bedürfnissse einer Gruppe der vorgeschichtlichen Menschheit Ein Ausdruck, das heisst ein Mittel. Die Mittel aber gestalten sich nach den Zwecken, und diese ändern sich im Laufe der Geschichte. Jede nationale Sprache ist ein relativ vollkommenes Mittel, das heisst: sie erfüllt die Zwecke, die ihr durch das geistige Bedürfniss ihres Volkes gesetzt sind. Diese Bedürfnisse und jene Zwecke mögen hoch oder niedrig, eng oder weit, fein oder roh sein, immer muss die Sprache streben, ihnen das Gleich- gewicht zu halten. Ganz kann sie dies indessen nur in Zeiten ruhiger Ent- wickelung. Bei überraschem Aufschwünge hinkt sie mülisam nach, am Liebsten auf geborgte Krücken gestützt Fremdwörter werden eingeführt, fremde Satz- und Stilmuster nachgebildet Solche unruhige Zeiten durchlebt unser Erdtheil mit seinem regen geistigen Völkerverkehre nun schon seit Jahrhunderten, und die Sprachen haben dabei an Leistungsfähigkeit gewonnen, was sie etwa an Eigenartigkeit eingebüsst haben mögen. Hingegen bei schnellem Verfalle der Nation schleppt sich die Sprache noch lange mit nutzlosem Hausratlie, den sie, Feindin alles Überflusses und doch conservativ, langsam und zögernd abw^erfen wird. Und werden ihre Aufgaben verschoben, soll sie neuen Gedankenkreisen dienen, so macht sie es wohl gar wie jener reitende Matrose, der von Steuer- bord und Backbord seines Gaules redete. Darin beruht ja der dialektische Prozess aller Geschichte, dass die Gegenwart die Zwecke setzt, die Mittel abe^ ein Vermächtniss der Vergangenheit sind. 480 IV, XV. Sprachwürderung. Halten wir uns für den Augenblick an das Grammatische, an die sprach- 1 liehe Form im weitesten Sinne des Wortes, so werden wir fragen: Warum ist hier diese, dort jene Kategorie in grammatischer Form gefestigt worden? imd warum wird hier dies, dort jenes Formungsmittel angewandt? warum hier als ein unerlässliches, dort mehr nach Bedarf und Laune? Offenbar fasst die Sprache nur das in feste Formen, was dem Denken des Volkes besonders nahe liegt. Offenbar wählt sie die Formenmittel je nach der Art, wie Stoff und Form verbunden gedacht werden. Sie können bis in's Mark der stofflichen Wurzeln eindringen, wie der Vocalismus in die dreiconsonantigen Wurzeln des Semi- tischen. Sie können als selbständige Hülfswörter zwischen den Stoffwörtern 1 stehen, körperUch diesen gleich, nur im Werthe von ihnen verschieden. Sie können sich als Affixe mehr oder minder innig an die Stämme heften, vor oder hinter diese, je nach der Folge der Vorstellungen. Sie können endlich, körper- los und doch erkennbar, als Stellungsgesetze zwischen den Stoffwörtern schweben. Es ist, als brauchte man nur die Erscheinungen richtig zu beschreiben, so habe man auch schon die zu Grunde liegenden Kräfte verrathen. Und wenn man nun weiter die Dinge statistisch betrachtet, wie das eine Mal die äussere Form ihrer Kategorie unlösbar anhaftet, das andere Mal die logisch -psychologischen Beziehungen nach Wahl ausgedrückt oder verschwiegen werden dürfen, vrie diese Beziehungsausdrücke hier an den verschiedensten Satzgliedern wiederholt dort nur ein einziges Mal auftreten, wie sie sich auf die Redetheile vertlieilt haben u. s. w.: so hat sich wieder die Deutung zunächst an das Idem per idom zu halten: Übersetze das Sprachliche in's Gedankliche, das Gedankliche in's Seelen- und Culturleben zurück. Der zweite Schritt ist der schwierigere. Wer ihn wagt, verlässt den gebahnten Weg und niuss zusehen, dass er nicht auf loses GeröUe trete. Die Art, wie die Völker mit den gegebenen Kräften ihrer Sprachen wirth- schaften, möchte ich als Erziehung oder Verwahrlosung der Sprachen bezeichnen. Kein Zweifel, dass sich gerade in diesem Punkte die nationale Eigenart recht unmittelbar und unverkennbar äussert, mögen auch die tiefer liegenden Ursachen schwerer erkennbar sein, als dort, wo wir es mit den auffälligsten Merkmalen der Rassen imd Sprachstämme zu thun hatten. Die Römer- begnügten sich mit drei Zeiten der Vergangenheit; die Franzosen haben deren fünf, und rechnet man noch die Verbindungen mit venir de . , . dazu, so darf man sogar acht zählen. Einen feiner unterscheidenden Sinn haben sie damit bewiesen. Miiss man den aber nicht ohne Weiteres in Beziehung setzen zu den sonstigen Unter- schieden zwischen römischer und franz()sischer Art? Von vom herein ist es wohl einleuchtend; es muss ja Alles mit Allem zusammenhängen. So möchte ich denn jenen Fortschritt der jüngeren Sprache auf ein gesteigertes ästhetisches Bedürfniss nach Anschaulichkeit zurückführen. Ein solches beherrscht in der 18. Einzelerscheinungen und Einzelsprachen. 431 Tliat die Behandlung des Verbums im Französischen; man vergleiche die so beliebten Verbindungen des Infinitivs mit aller, venir, se tnettre ä, faillir, penser, finir par. Eine Kede, die sich in dergleichen gefällt, besitzt eine bunte Lebendig- keit und Beweglichkeit, die uns mit Recht entzückt. Anschaulich, malend ist auch das Englische, dank seinen Hülfsverben und Adverbien, es malt jedoch lieber das Dauernde und Stätige aus, als das Augenblickliche. Vergleiche ich damit jene oberdeutschen Dialekte, die sich gar mit zwei Zeiten der Vergangen- heit begnügen, dem Perfectum, das zugleich das Imperfectum und den Aorist vertritt, und einem Perfectum Perfecti (ich habe gegessen gehabt), so muss ich wieder Tor Allem die Qualität berücksichtigen, die Art meine ich, wie hier das Vergangene vergegenwärtigt und so zu sagen warm gehalten wird. Diese Wärme muss denn auch halbwegs ersetzen, was der Darstellung an Anschaulichkeit mangelt, und dazu passt nun wieder das Überwuchern gemüthlicher Modal- partikeln in der Rede des oberdeutschen Volkes. Das Wesentliche dabei ist dies, dass der Redende auf objective Vollständigkeit und Anschaulichkeit verzichtet, dafür aber den Hörer um so lebhafter an dem eigenen seelischen Verhalten zur Sache theilnehmen lässt. Dies Verhalten nim ist doch durch die Sache reichlich ebenso beeinflusst, wie durch die Subjectivität des Darstellenden, und seinerseits beeinflusst es thatsächlich und inhaltlich die Rede. Wie sinnig also, wenn dieser Einfluss in der Form der Rede zur Geltung kommt. Ein Ähnliches ist mir in der »^prachenwelt nur noch zweimal bekannt, bei den Hellenen und bei den Chinesen. Ich muss jedoch hervorheben, dass die Feinheiten der psychologischen Modalität, wie ich sie nenne, zu den Dingen gehören, die man den Sprachen am schwersten ablauscht So sind wir durch diese Untersuchungen mitten hineingeführt in das Geistes- leben der Einzelvölker, und nun dürfen wir es wagen, die wichtigsten werth- bestimmten Pactoren mit einiger Aussicht auf Vollständigkeit in systematischer Ordnung aufzuführen. A. Das Lautwesen. Gewiss ist schon die Phonetik der Einzelsprachen für deren Beurth eilung verwerthbar, nur scheint es zweifelhaft, welche Schlüsse aus ihr zu ziehen seien, vmd auf welche Factoren es zumeist ankomme, ob auf die Menge und Art der wirklich vom Sprachgefühle unterschiedenen Laute, die Feinlioit der Articulation, Metrik, Rhythmus, Tonfolge. Wie Vieles ist dabei Sache der eng begrenzten örtlichen Mundart, und wie wenig beleuchtet ist noch die Frage nach der laut- lichen Beeinflussung benachbarter Sprachen. Dass der Russe die altslavische Betonung bewahrt, der Serbe den Ton um eine Sylbe zurückverlegt, der Czeche ihr Vater sukmasrt | Plural kokmasri I ^r . 7 7 xr... > unser Vater kokmasersty unsere v ater kokmami | mgoknamiy euer Vater mgokmamsi I ,,. , V eure » arer mgokmaserst | sikmasri, ihr Vater sikmasersi, ihre Väter. Dagegen ist es nicht logisch sondern sinnlich, wenn das Arabische für Farben und Gebrechen besondere Nominal- und Verbalformen entwickelt hat: af^alu, fem.: fa^lau, — iflalla, iflalla; z. B. aßfaru, f. ßafrau, gelb, ißfarra, gelb sein, ißfarra, sehr gelb sein; ebenso abyadu, haidauj weiss: ibt/adda, ibyadda. unser Vater mumasrt 442 IV, IV. Sprachwürderung. weiss sein bezw. ganz weiss sein. Man beachte, dass auch das Französische die Eigenschaftswörter dieser zwei Kategorien auszeichnet, allerdings syntaitiscli, indem es ihnen unwandelbar die Stellung hinter dem Substantivum zuweist: une feuille verte, un homme boiteux. Diese syntaktische Regel und jene des Arabischen, dass solche Adjectiva nur in der bestimmten, nicht-nunnirten Form erscheinen, dürfte auf dem gleichen Grunde beruhen. Etwas von jenem Ordnungssinne, der sich in jederlei Classification be- kundet, zeigen die Sprachen auch da, wo sie die Verba in verschiedene, prinzipielle, nicht nur phonetisch unterschiedene Conjugationen vertheilt haben, mag auch der Eintheilungsgrund noch so schwer zu enträthseln sein. Diese Erscheinung ist namentlich in amerikanischen Sprachen häufig und wohl kaum mit dem De- fectivwesen zu verwechseln. Denn die Wahrscheinlichkeit spricht eher dagegen als dafür, dass ja alle Formen für alle Stämme anwendbar gewesen wären. Ganz seltsam sinnlich verhält sich in der Classification der Substantiva das Süd-Andamanische (E. H. Man, The Andaman Islanders pg. 51 flg. und 199). Hier werden siebzehn Classen unterschieden: I. nicht menschliche Lebewesen imd Sachen; IL menschliche Wesen; III — IX. Körpertheile in sieben Classen; X — XVH. Verwandtschaftsgrade in acht Classen. Je nach diesen Classen richtet sich die Form der attributiv zugefügten Possessivpronomina. Nun werden aber diesen Formen nach vier der Verwandtschaftsclassen mit vier Classen der Körpertheile völlig gleich behandelt: die Eltern mit dem Leibe, den Fleischtheilen und gewissen Eingeweiden, — der jüngere Bruder mit dem Munde u. s. w., — der Sohn mit den Beinen, Hoden u. s. w., — der Adoptivsohn mit dem Kopfe, der Brust, dem Herzen. Damach mindert sich die Zahl der formell unter- schiedenen Classen auf dreizehn herab. Dass die Verwandtschaftsgrade mit den Köipertheilen in symbolische Beziehung gesetzt werden, kommt wohl auch sonst in der Sprachen weit vor, und eine solche Symbolik, freilich eine recht wunderliche, scheint auch hier durchzuschimmern. Anhangsweise möchte ich an dieser Stelle von einer anderen sehr weit- verbreiteten Erscheinung verwandton seelischen Ursprungs reden, die ich als äussere oder syntaktische Classification bezeichne. Zumal das findet sich häufig, dass die Zahlwörter mit den gezählten Sub- stantiven nicht ohne Weiteres, sondern durch Vermittelung gewisser, je nach der Art des Gezählten verschiedener substantivischer Hülfswörter oder Affixe verbunden werden. So geschieht es z. B. in indochinesischen und malaischen Sprachen, im Japanischen, aber u. a. auch in den Sprachen der Maya-Familie (H. DE Charencey in der Revue de linguistique XIII, 339 — 386) und, im hohen Nordwesten von Nordamerika, im Zimshian (A. C. Grf. v. d. Schxtlenburo, Grammatik S. 108 ff. I. b. Wortformen von absoluter Bedeutung. 443 b. Wortformen von absoluter Bedeutung. Unter dieser Überschrift will ich von Formen reden, die weder der classi- ficirenden Eintheilung des Wortschatzes, noch den logischen Beziehungen zwischen den Theilen der Rede, noch endlich auch dem seelischen Verhalten des Sprechenden zur Rede gelten, sondern lediglich Abschattungen der im Worte ausgedrückten Vorstellung darstellen. Diese Formen sind sonach vorwiegend wortbildend, zur Bereicherung des Wortschatzes dienlich; aber die Grammatik bemeistert sich ihrer gern, kleidet sie in ihre Livr6e und verwerthet sie in ihrem Haushalte. Zahl, Zeit, Ort und manches Andere tritt dann ein in die Reihe der grammatischen Formen und Beziehungen. Man bedenke, dass wir es überall mit fUessenden Grenzen zu thun haben. Alle hierher gehörigen Erscheinungen sind ihrer Bedeutung nach attributiv, gleichviel ob in adnominalem oder adverbialen Sinne. Sie sind recht eigentlich Thaten des Anschaulichkeitsbedürfnisses, aber, wie gesagt, zunächst eines Be- dürfnisses nach Anschaulichkeit der Einzelvorstellung. Oft mögen es recht un- nütze Zuthaten sein; aber bezeichnend sind sie doch immer. Jede Maus ist klein; aber ein „Mäuschen" wird noch so zu sagen als klein etiquettirt. Alles Quellen geschieht aus einem Inneren heraus; aber „herausquellen, hervorquellen" besagen dies erst ausdrücklich, und so ist es mit dem „lieben Gotte", der „lieben Sonne" und dem „lieben Brode", von denen unser Volk nach frommem Brauche redet Es sind Pleonasmen, die doch der Rede Stimmung und Farbe verleihen; und es sind Äusserungen der nationalen Geistes- imd Gemüthsart. Offenbar ist es wichtig, welche Richtungen hierbei bevorzugt werden, und in welchem Masse ihnen die Sprache folgt. Verstand, Gemüth, zumal auch ästhe- tisches Gefallen und MissfaDen: Alles mag dabei mit entscheiden; aber hier wird das Eine, dort das Andere mehr vorwiegen. Und eben dies gehört zur Charakteristik der Sprache sowohl wie der Volksart. Die Mafoor-Sprache weist eine Eigenthümlichkeit auf, die an dieser Stelle Erwähnung finden mag. Viele Wörter haben doppelte Formen, mit oder ohne i hinter ^em Stamm vocale: wös, wois, Stimme, Rede; djaf, djaif, Garten, Acker; kam, kaim, alle; mam, maim, sehen; mbran, mbrain, gehen; mkak, mkaik, sich fürchten u. s. w. Ursprung und Bedeutimg dieser Erscheinung sind nicht ganz sicher. In einigen Fällen ist die Form mit i nachweislich die ältere, organisch durch Epenthese eines i der zweiten Sylbe entstanden; dann war also die Form ohne * eine gekürzte. Dann mag wohl weiter die Analogie ihr Wesen getrieben haben: einmal an die Doppelformen gewöhnt, schuf man solche auch da, wo das i geschichtlich nicht gerechtfertigt war. Nun wurde für das Sprachgefühl dieses i zu einer Art Vocalsteigerung, oft mit Dehnung des vorausgehenden Vocales verbunden (djäif, mäim), und der Gebrauch dieser Steigerungen scheint jetzt völlig frei zu sein. Es ist von vornherein nicht glaublich, dass solche 444 IV, IV. Sprach würden] ng. Doppelf onnen ganz unterschiedlos angewendet werden, wie der Grammatiker VAN Hasselt behauptet. Die mir vorliegenden Texte, Bücher der Bibelüber- setzung und biblische Geschichten, von verschiedenen Missionaren verfasst zeigen sehr ungleichen Sprachgebrauch. Nur in den biblischen Geschichten wird beiden Formen ungefähr gleiches Recht, und hier wendet der Verfasser, offenbar von einem sicheren Instincte geleitet, die vollere Form regelmässig da an, wo die Vorstellung imbestinmiter oder allgemeiner ist Vergl. meinen Auf- satz in der Ztschr. f. Völkei-psych. u. Sprachwiss. IK S. 394 — 397. Wir haben Ähnliches vereinzelt in Wörtern wie Feld, Gefilde, Land, Gelände, und in doppelten Pluralen: liänder, Lande, örter. Orte, Männer, Mannen, Wörter, Worte, vielleicht auch in den Ortsnamen auf — walden, — felden, — hausen neben Felder, W^älder, Häuser. Noch eine andere Form der Yocalsteigerung kennt die interessante Mafoor- sprache, eine allerdings seltenere mit vorgefügtem i: rama, riama^ kommen; kanes, kianes, weinen; roh, riob, fliegen; na, nia, niai, haben; rar, riar^ wie, ähnlich; ro^ rio, rijoy von; baber, schälen; biaber, nackt u. s. w. Täuschen mich meine Quellen und Beobachtungen nicht, so haben die volleren Formen die Nebenbedeutung des Femeren oder Entfemens. Allerdings behandelt diese Sprache auch sonst den Inlaut mit erstaunlicher Freiheit Da finden wir nebeneinander: sbar, sbawer, gi essen, ausschütteln; {*bar) baij^r, bawer, abhäuten, schälen; kär, koffar, brechen, kawer, stossen; kas, Knopf, kabes, Muttermal; fnok, fnobek, hinzufügen; bissSr, hungern, biwassSr, gähnen; sar, scharf, swarSr, schärfen; sariar, swariar, langsam: riiiw^r, riwwer, entfalten; ruös, stampfen, rös, treten; — also auch labiale Einschaltungen (oder Einbussen?) vor und nach dem Haupt- vocale, deren Grund und Zweck schwer zu erklären sein möchte. Nim sind gerade jene Papuas, wie sie geschildert werden, einer unsicheren Articulatiou verdächtig. Die Leute sind überaus geschwätzig und gewöhnt, sich schreiend aus der Feme miteinander zu unterhalten. Die langen Yocale erleiden weitea» Dehnung, werden im sogenannten geschliffenen Accente zerdehnt, zwei oder dreisylbig {kas: ka-as, ka-äs^ kä-as) und in diesem Zustande von der erschöpften Stimme weiter verderbt. Ähnliches kann man bei ungeübten Rednern und Sängern auch hierzulande beobachten. Auf Neuguinea aber gehört die Schreierei recht eigentlich zu den gesellschaftlichen Umgangsforaien, nimmt also an der Lb. Wortformen von absoluter Bedeutung. 445 Entwickelung der Sprache ganz anderen Antheil, als bei uns. Nun wird all- mählich System und Methode in die Sache gebracht; denn so will es die Sprache: was oft geschieht soll ordentlich geschehen. Und schliesslich wird aus der Noth eine Tugend, aus den Lautverzerrungen der Schreier werden gleichberechtigte Nebenformen, deren man sich auch in ruhiger und leiser Eede zu bedienen lernt, und deren lautliche Verschiedenheiten sich in den Vor- stellungen, diese abschattend, spiegeln. Dabei mochten denn gerade solche Ab- schattungen bevorzugt werden, die bei den Zurufen weit voneinander entfernter Personen von sachlicher Wichtigkeit sind: Nähe, Richtung, Deutlichkeit der Objecte u. dgl. Gefördert und beschleunigt mochte der Hergang durch eine andere Gewohnheit der Papuas werden. Die lassen nämlich, — darin sehr ver- schieden von den Malaien, — ihre Kinder als Gleichberechtigte an den Unter- haltungen der Erwachsenen theilnehmen. Natürlich gewinnt dadurch die kindische Rede einen sehr wichtigen Einfluss auf die Entwickelung der Sprache. Be- kanntlich lieben es aber die Kinder, mit der Sprache zu spielen und zu malen, und die freundlichen Alten gehen frischweg darauf ein, spielen und malen mit, erhallen ihrer Sprache alle die Zauber und alle die Schwächen kindischer Rede. Kein AVunder, wenn dabei nach Kinderart naiv dualisirt wird: hell oder dunkel, bestimmt oder unbestimmt, nah oder fem, gross oder klein, gut oder schlecht Gefallen sich doch auch die feinsinnigen Italiener in Wortgebilden wie libretto, lihrettinoj libriccino, lihruccio, libricciuolo, libretticciuolo, casdta, casaccia, casino, caseWna, C(isuccia, casotto, casupola u. s. w., und die ernsten Spanier modulireu chicOj klein, Knabe: chiquito, chicote, chicorroiin, chicuelo, chiquiUoy chiquirritin, ckiquitillo, chiquitico, chiquirritico. Das sind nun allerdings nicht Formen im grammatischen Sinne, sondern lediglich Wortableitungen, die mithin als ver- mehrende und verfeinernde Factoren des Wortschatzes zu gelten haben. Indessen sind es offenbar verwandte seelische Regungen, die es bewirkten, dass dieselben Vorstellungen hier zur Wortbeugung, dort zur abschattenden Weiterbildung der Wörter verwendet wurden. Es ist das Bedürfniss nach Anschaulichkeit in Rücksicht auf die einzelne Vorstellung. Das Gleiche gilt nun auch von der Kategorie der Zahl und ihren möglichen Ausdrücken. An sich dient sie weder der classifictrenden Ordnung der Satz- theile, noch ihrem gegenseitigen logischen Verhalten, sondern lediglich der Einzel Vorstellung. Erst dann, wenn sie die zusanunengehörigen Satzglieder durch Congruenz verknüpft, wird sie dem Redeverbande dienstbar. Während jedoch jene früher besprochenen Kategorien in der Sprachenwelt mehr vereinzelt er- scheinen, gehört die der Zahl zu den weitest verbreiteten. Ich rede nicht von den eigentlichen Zahlwörtern, — die gehören dem Wortschatze an; sondern von den Formen für die Mehrzahl der Substantive, für mehrmaliges Geschehen beim Verbum, dergleichen sich fast überall da finden, wo die Sprache einen Trieb zu 446 IV, I?. Sprachwürderung. grammatischer Formung zeigt Wir sahen, wie verschieden die grammatischen Functionen in den Sprachen vertheilt sein können; hier das Activum und das Neutro-passivum als Casus des Substantivurns, dort der Dativ, Locativ, Instru- mentalis als Genera verbi. So ist es auch mit der Pluralität Der Dajak z. B. liebt es, nicht die Dinge, sondern die Ereignisse als mehrfach zu bezeichnen, die Puralität in das Verbum zu verlegen, das durch Doppelung iterativen Sinn erhält: was Mehrere thuen, das geschieht ja auch mehrfach. Ähnlich wirkt in der merkwürdigen Sprache von Murray's Island die Iterativform auf -are (A. C. Gbf. v. d. Schülenburg, Gramm. S. 48 — 50). Was ich früher von der malaischen Denkweise sagte, äussert sich hier nach einer neuen Seite hin. Mir scheint es einseitig, wenn man den indogermanischen und semitischen Sprachen zuliebe den Kategorien der Zahl und des Geschlechts vorzugsweisen Werth beimisst. Das grammatische Geschlecht hat noch den Vorzug des inter- nationalen, das formal und ideal genannt werden mag, weil es die Grenzen der gegebenen äusseren Thatsachen überschreitet. Die Zahl aber ist etwas ganz Sachliches, Stoffliches; sie ist dies nicht weniger, als jene Merkmale, mit denen die Indianersprachen ihre Verben belasten, — und sie ist es in noch weit höherem Grade, als etwa die substantivischen Classen der Bantusprache oder Kategorie des Unbestimmten, die der Mafoor durch inneren Vocalwandel ausdrückt. Sie alle aber dienen eben zunächst nur der Formung der Redetheile, nicht dem Aufbaue der Rede zum Satze, nicht der Verkettung der Sätze zur Rede, auch nicht der gemüthlichen Färbung des Gespräches. Auch die Kategorie der Zeit kann im absoluten Sinne entwickelt sein, so- dass die Gegenwart und die grössere oder geringere Entfernung von ihr, nicht die Zeitfolge unter den verschiedenen Thatsachen massgebend ist Dies gilt nach dem Zeugnisse der indischen Grammatiker von den Präteriten des Sans- krit, die sonach auf einem minder hohen Standpunkte stehen, als die der euro- päischen Sprachen. Kein Wunder, wenn sich amerikanische Indianersprachen in dieser Richtung der Anschaulichkeit auszeichnen und neben der Zeit auch die Umstände berücksichtigen. Auf die Kategorien des Ortes, der örÜichen Richtung oder Entfernung, will ich hier nicht näher eingehen. Auch hier ragt unter den europäischen Sprachen das Französische durch Ausdrucksfähigkeit hervor, entsprechend dem ästhetischen Feingefühle der Nation. AUe jene Formen stellen Besonderungen dar, und wo sie als unerlässlich herrschen, da zwingen sie der Rede auch da eine einschränkende Ausdrucks- weise auf, wo der Gedanke ein allgemeiner ist Eine Sprache, in welcher ent- weder Einheit oder Mehrzahl, entweder Gegenwart oder Vergangenheit oder Zukunft ausgedrückt werden muss, hat streng genommen keinen angemessenen Ausdruck für das Allgemeine und Ewige. Interessant ist hier der Gegensatz I. b. Wortfonnen von absoluter Bedeutung. 447 zwischen unseren Sprachen und der chinesischen. Wir nehmen immer den TVeg vom Besonderen zum Allgemeineren, der Chinese den umgekehrten. Wir sagen: der 15. April 1888; der Chinese umgekehrt: des 1888ten Jahres vierten Monats fünfeelmter Tag. Eine englische Briefadresse, hierin am consequentesten, lautet: Yomame, Familienname, Hausnummer, Strasse, Stadt, Land, — die chi- nesische genau umgekehrt Der Unterschied ist durchgängig, denn er beruht in den Geistesanlagen der Völker. Wollen wir Allgemeines aussagen, so müssen wir das entweder umständlich hervorheben oder stillschweigend dem Verständ- nisse des Hörers überlassen. Genau dasselbe gilt vom classischen Chinesisch da, wo es Besonderes ausdrücken will: nur im Nothfalle bedient es sich der l>esonderen Hülfemittel. Der Chinese hat wahrscheinlich viel früher über ewige Wahrheiten nachgedacht, als der jüngere Indoeuropäer. Jener trat voll ausge- rüstet an's Werk, mit einer Sprache, die dem Zeichensysteme der Algebra ver- gleichbar ist Allein ähnliche Hülfamittel, Sprachen, die gleichfalls nur nacli Bedürfniss specialisiren, besitzen auch Völker von niedriger geistiger Beanlagung, — die Vorzüge des Chinesischen vor den agglutinirenden Sprachen beruhen in ganz anderen Dingen, und wie konnten nun wir, mit den scheinbar schlechtesten Hülfsmitteln, das Scepter im Reiche des Gedankens erringen? Vielleicht hatte doch auch hieran die Sprache einen verdienstlichen Antheil. Ich muss hier etwas weit ausholen, denn die Sache ist schwierig. Im Geistesleben unserer Urväter spielte die Mythologie eine bestimmende Rolle; eine kühne Phantasie vermenschlichte das gesetzmässige Geschehen in der Xatur, gestaltete es zu sinnigen Märchen. Die trugen, noch ihrer Schwangerschaft unbewusst, den Keim der Wissenschaft im Schoosse. Es war ein kindliches Spiel, jene Mythen- schöpfung, aber ein Spiel genialer Kinder. Die wuchsen nim heran, und an sie heran traten die Aufgaben des Mannesalters; es galt nüchtern und ziel- bewusst zu denken, das bunte Glas von den Augen zu nehmen und die Dinge anzusehen, wie sie sind. Diese selbst aber hatte die Sprache längst mit phan- tastischem Flitter umkleidet, und der musste nun im Geiste abgestreift werden, es war recht buchstäblich eine That der Abstraction. So stelle ich mir vor, dass die Sprache just durch die Schwierigkeiten, die sie zu überwinden nöthigte, erziehend auf den Geist gewirkt habe. Es ist wie mit dem Geldstücke, das man wohl einem Klavierschüler auf den Rücken der Hand legt: sein Mitschüler, den man damit verschont hat, spielt vorläufig flinker, später aber wird der Ge- quälte die Früchte der härteren Schule ernten. Nur eben gehörte der Schul- zwang dazu, der das Hemmniss in ein Förderungsmittel verwandelte, und die Kraft, die das Hemnmiss zu überwinden wusste. Jenen Zwang oder diese Kraft können andere Völker nicht gehabt haben, deren Denken zeitlebens am Be- sonderen haften blieb. Gewiss ist es nicht gleichgültig, wie der Mensch zu den allgemeinen Vor- 448 IV, IV. Sprach würderung. Stellungen kommt; ob durch die Schwäche des Gredächtnisses, das sich von den Einzelnen nur die gemeinsamen Eigenschaften merkt, oder durch die That des Geistes, der bewusst zwischen dem Individuellen und dem Gemeinsamen unter- scheidet Nur freilich muss es wiederholt werden: Was wissen wir denn von der Vorgeschichte der Sprachen? c. Ausdrücke für die Beziehungen der Satzglieder und Sätze untereinander und des Sprechenden zur Rede. a. Im Allgemeinen. Die Grammatik ist nicht Logik, aber sie lässt sich einen Theil ihrer Auf- gaben von der Logik stellen und löst diese Aufgaben in grösserem oder kleinerem Umfange, mit mehr oder minderem Glücke. Offenbar liegt hier einer der wichtigsten AVerthmesser vor. Man soll den Begriff der Logik und des logischen Denkens nicht allzusehr einengen. Über die Grundsätze der Logik denken freilich nur die Wenigsten nach, ihnen gemäss aber denkt innerhalb seines Lebenskreises jeder halbwegs verständige Kopf. Es hat indessen der Eine mehr, der Andere weniger das Bedürfniss, die Logik seines Denkens zum immittelbaren Ausdrucke zu bringen; und der Ausdruck kann sehr verschieden sein, je nach der Sprache und nach der geistigen Beanlagung oder Stimmung des Redners. Ich wähle ein einfachos Beispiel. 1. „Er hat lange nicht gegessen; er ist hungrig." Hier steht die Ursache vor der Wirkung; ob aber aus jener auf diese oder umgekehrt geschlossen worden ist, oder Beides mir unmittelbar thatsächlich feststand, bleibt unentschieden. 2. „Er ist hungrig; er hat lange nicht gegessen." Wieder zwei Thatsachen, der Form nach coordinirt, doch unverbunden, dem Inhalte nach erst die Wir- kung, dann die Ursache. Der Hörer wird es so verstehen, dass die Ursache als Prädicat der Wirkung gilt: dass er hungrig ist, kommt daher, dass er lange nicht gegessen hat Unentschieden bleibt aber der Erkenntnissgrund: habe ich vom Hunger auf das vorausgegangene Fasten, oder von diesem auf jenen ge- schlossen, oder brauchte ich überhaupt gar keinen Schluss zu machen, weil ich Beides unmittelbar beobachtet hatte? 3. „Er hat lange nicht gegessen, darum ist er hungrig." Die Thatsache wird gesetzt, dann als Ursache einer anderen Thatsache hingestellt. Zwei Sätze, folglich zwei Gedanken, aber formell verbunden. 4. „Er ist hungrig, denn er hat lange nicht gegessen." Zwei Thatsachen in zwei Sätzen, mithin zwei Gedanken, die aber so miteinander verknüpft sind, dass die zweite als Ursache der ersten gilt 5. ,,Er ist hungrig, weil er lange nicht gegessen hat" Zwei Thatsachen in einem Satze, mithin ein aus zweien verknüpften Urtheilen bestehender Ge- danke, worin die Ursache von der Wirkung prädicirt wird. I. c. Allsdrücke für die Beziehungen der Satzglieder u. s. w. «. Im Allgem. 449 6. „Weil er lange nicht gegessen hat, ist er hungrig.'' Wieder ein einziger aus zwei Urtheilen zusammengefügter Gedanke, worin aber die Ursache zu der Wirkung sich verhält w^ie das Subject zum Prädicate. 7. „Er hat lange nicht gegessen, denn er ist hungrig." Zwei Gedanken so verknüpft, dass die Wirkung als Erkenntnissgrund der Ursache ei-scheint. 8. „Er hat lange nicht gegessen, weil er hungrig ist" Im Deutschen kaum statthaft, aber im Französischen (puisqull a faim) und anderwärts erlaubt Die Analyse ergiebt sich aus dem Bisherigen. Ebenso 9. „Er ist hungrig, also hat er lange nicht gegessen," und 10. „Da er hungrig ist, hat er u. s. w." — Dagegen: 11. „Er ist, weil er lange nicht gegessen hat, hungrig" und 12. „Er hat^ da er hungrig ist, lange nicht gegessen." In diesen beiden Sätzen vollzieht sich die stärkste Verdichtung und Vereinheitlichung des Ge- dankens. Es ist jenes \'ielberafene zwiebeiförmige Einschächtelungssystem des deutschen Satzbaues, das wir nun näher betrachten wollen. a) Im deutschen mittheilendon Satze nimmt bekanntlich das Verbum finitum immer die zweite Stelle ein; vor diesem darf, muss aber auch nur ein einziges Satzglied stehen, gleichviel welches. Ist das Verbum finitum ein Hülfsverbum, so tritt das Hauptverbum, wenn es nicht den Satz eröffnet, an die letzte Stelle, zwischen Beide wird alles Übrige so zu sagen syntaktisch infigirt: Er hat lange nicht gegessen. Gegessen hat er lange nicht: Lange hat er nicht gegessen. Warme Speisen hat er lange nicht gegessen. b. Im Nebensätze steht das Verbum finitum an letzter Stelle, das etwaige Verbum infinitum (Hauptverbum) unmittelbar davor; zwischen Subject und Verbum findet wieder syntaktische Infixion statt: da er lange nicht gegessen hat c) Der solchergestalt gebildete Adverbialsatz, der sich schon durch seine Form als Einheit und als blossen Satztheil (Quasi-wort) zu erkennen giebt, wird nun wieder in den Hauptsatz infigii't als blosser Bestandtheil des Prädicates: hat — gegessen, ist — hungrig. Mag die Ästhetik dazu sagen was sie will, eine gewaltige geistige Energie offenbart sich doch in diesen Gebilden, das Be- dürfniss und die Macht, das einheitlich Gedachte auch einheitlich zu formen. Wir gehen weiter. Beide Thatsachen, dass er lange nicht gegessen hat, und dass er hungrig ist, können mir, dem Redenden, gewiss sein. Möglich aber auch, dass ich die eine oder die andere, möglich dass ich beide nur vermuthe, eine aus der anderen, beide aus einer dritten Thatsache folgere. Auch dies kann ich ausdrücken, jetzt durch das vermuthende Futurum, jetzt durch ein Adverb: „wahrscheinlich, gewiss, jedenfalls" u. s. w. Und alle diese Ausdrücke enthalten feine Abschattungen, die gleichfalls untersucht sein wollen, weil sich der Reich- thum, die logische Schärfe, die gemüthliche Sinnigkeit und Innigkeit der Sprache in ihnen offenbaren wird. Kein Zweifel, um eine Sprache so beurtheilen zu T. d. Gabelentz, Die Sprach «risseascbaft. 2. Aufl. 29 450 IV, IV. Sprach würdening. können, muss man entweder selbst ihrer im vollsten Sinne Meister sein, oder Grammatiken zur Yerfügung haben, auf deren Vollständigkeit und Richtigkeit in solchen Dingen man sich verlassen darf. Wie wenige Menschen beherrschen aber eine fremde Sprache so vollkommen, wie wenige besitzen den Scharf- und Feinsinn, das, was sie richtig empfinden und anwenden, auch richtig und fass- lich darzustellen. Wie wenige Sprachen der Erde sind in annähernd erschöpfen- den und zuvorlässigen Grammatiken bearbeitet Es ist noch nicht lange her, dass ich bei Germanisten vergeblich nach einer deutschen Grammatik gefragt habe, die eine zutreffende Darstellung unsrer Wortstellungsgesetze enthielte. Es ist noch nicht lange her, dass man glaubte, das Altchinesische sei zum Baue grösserer Perioden ungeeignet Jetzt weiss man, mit wie einfachen Mitteln und wie gern die Sprache ganze Sätze in Satztheile verwandelt Man kann aber nicht ahnen, in wie vielen Sprachen uns noch ähnliche Entdeckungen noch bevorstehen, und wird gut thun, nicht eher eine Sprache für arm oder roh zu erklären, bis man ihre geheimsten Schubfächer eröffnet hat Selbst verkommene Völker mögen noch aus einer besseren Vergangenheit Schätze gerettet haben, die sich den Blicken des flüchtigen Betrachters entziehen. Also der Grammatiker muss der fremden Sprache bis in ihre Feinheiten hinein mächtig imd überdies im Stande sein, diese Feinheiten nicht nur zu empfinden, sondern auch wissenschaftlich zu zergliedern. Und er muss sich dieser Arbeit voll und ganz unterzogen haben, wenn anders sein Zeugniss dem Sprachbeurtheiler für vollwichtig gelten soll. Dieser, mag er sich an die Grammatiken halten, mag er es versuchen, sich selbst in die fi'emde Sprache einzuleben, ist im ersteren Falle immer, im anderen meist auf schriftliche Quellen angewiesen. Die müssen ihm die lebendige Rede der Eingeborenen ersetzen. Es seien die besten Quellen, keine Übersetzungen, sondern echte Geburten des Volksgeistes. Zur lebendigen Rede des Volkes verhalten sie sich aber doch nur, wie Kreidezeichnungen zu farbigen Bildern; und ich zweifle, ob auch die besten phonetischen Aufzeichnungen, die wir bisher besitzen, in allen Fällen den grammatischen Factoren der Sprache ganz gerecht werden. Zu diesen müssen wir ausnahmslos jede und jeder Art Gehörserscheinung rechnen, die zum Ausdrucke einer grammatischen Kategorie erzeugt wird, auch die Tonhöhe und Tonbiegung, den Rhythmus, die Pausen. Erfahren wir, dass in einer Sprache ,,Blatt grün'' Beides bedeuten kann: „das grüne Blatf', und „das Blatt ist grün": so sind wir geneigt, diese Sprache zu jenen Schwächlingen zu zählen, die nicht einmal den Unterschied zwischen Attribut und Prädikat, zwischen Satztheil und Satz zu fassen vermögen. Wie aber, wenn im einen Falle „Blatt", im anderen „grün" den Hauptton trüge? Wie, wenn die beiden Wörter das eine Mal ohne Absatz hintereinander ausgesprochen, das andere Mal durch eine kleine Pause getrennt würden? Ich kenne keine Texte, auf die ich mich in solchen Dingen verlassen I. c. Ausdrücke für die Beziehungen der Satzglieder u. s. w. a. Im AUgem. 451 möchte, und wenn die Entlastungszeugen zu Hause bleiben, so hat der Ankläger leichtes Spiel. Auch denke man nicht, dass solche Möglichkeiten fem lägen. Im Gegentheil, nach psychologischen Gründen ist es eher zu erwarten, dass die Stimme, sei es durch Tonfall, sei es durch Fortgleiten oder Einhalten, irgend- wie zwischen Satztheil und Satz unterscheide. In den Sprachen der Mande- Völker, soweit man sie darauf kennt, giebt es keinen festen Wortaccent, sondern nur einen Satzaccent, der aber ähnlich mechanischen Gesetzen unterliegt, wie der Hauptton im griechischen Worte. Er ist auch von der grammatischen Function der betonten Sylben unabhängig; aber eben dadurch dürfte er bezeugen, wie sehr hier der Satz, und wie wenig das Wort als fertige Einheit empfimden wird. (Vgl. Stkinthal, Die Mande-Neger-Sprachen, S. 20—24.) Wie sollen wir aber weiterhin von solchen Mitteln urtheilen? Denn es kommt ja nicht bloss auf den Inhalt, sondern auch auf die Form des Aus- druckes an. Dem Chinesischen wird es als Tugend angerechnet, dass das zarte Mittel der Wortstellung in seiner Grammatik herrscht das wie Humboldt (Ver- schiedenh. d. menschl. Sprachbaues S. 303) sagt, die Form dieser Sprache, „mehr als vielleicht irgend eine andere Kraft des reinen Gedankens herausstellt und die Seele gerade, weil sie alle kleinen, störenden Verbindungslaute abschneidet, ausschliesslicher und gespannter auf denselben hinrichtet". Das kann man je- doch von jenen positiven und negativen Stimmmitteln ebenso wenig sagen, wie etwa von verdeutlichenden Gesten und Mienen. Sie sind in der That reichlich so sinnlich, wie die hörbaren Lautformen, ja es liesse sich fragen, ob sie nicht noch gröber seien, als die gröbsten Agglutinationen, da sie mit jenen optisch rhetorischen Zeichen fast auf einer Linie stehen. Sprachliche und zwar vermöge ihrer Bestimmung grammatische Zeichen sind sie aber doch. Sei dem wie ihm woUe, immerhin würden sie bekunden, dass der Sprachgeist eine Unterscheidung kennt, die man ihm sonst absprechen müsste. Ein Grund mehr, bei der Be- urtheilung von Sprachen mit dem Tadel zurückhaltender zu sein als mit dem Lobe. ß. Prädikat und Attribut, Satz und Satztheil. Sprache ist Ausdruck des Gedankens. Dieser Ausdruck dient vorwiegend der Mittheilung im weiteren Sinne des Wortes; denn gleich der aussagenden Rede ist auch die fragende, befehlende, bittende eine Gedankenmittheilung. Die einfachste Form des Gedankens, zugleich diejenige, auf welche sich alle übrigen zurückführen lassen, ist die prädicative Verbindung (Copulirung) zweier Vorstellungen. Der Geist zerlegt die Gesammtvorstellung in ihre Theile und baut sie daraus wieder auf. Seien dieser noch so viele, seien die Vor- stellungen noch so abstract, handle es sich um das Gewirr einer Strassenscene oder um einen wissenschaftlichen Lehrsatz: immer ist es ein einheiüiches Bild, 29» 4ft2 IV, i¥. Sprach würderung. das dem Geiste vorschwebt, das er zergliedern muss, ehe er es in sprachlicher Synthese nachbilden kann. Auf zwei Dinge kommt es nun hierbei an. Erstens auf die Reihenfolge, in der die Theile zum Ganzen zusanmaengefügt werden. Das ist die Frage nach dem psychologischen Subjecte und Prädicate, auf die hier nicht nochmals ein- gegangen werden soll. Zweitens auf die gröbere oder feinere Gliederung der Theile. Und diese müssen wir nun näher betrachten. Wir gehen dabei zunächst von früher Erörtertem aus. Handelt es sich bloss um die Gesammtvorstellung', die dem Redenden von Anfang an vor- geschwebt hat, und die schliesslich im Sinne des Hörenden zu Stande kommt, handelt es sich nur um den ersten Anlass und den letzten Erfolg der Rede: so stehen prädicative und attributive Ausdrucksweise einander völlig gleich; inso- weit ist es einerlei, ob gesagt wird: „das grüne Blatt" oder „das Blatt ist grün". Worin beruht also der Unterschied? Wenn er weder am Anfangs- noch am Endpunkte liegt, so muss er irgendwo zwischen beiden Punkten zu suchen sein, recht eigentlich imterwegs, auf dem Wege, den die Mittheilung eingeschlagen hat. Das heisst aber: in der Gliederung der Gedankentheile. Die Rede ver- läuft immer eindimensional, fadenförmig. An ihren Faden werden die Glieder angereiht wie Perlen auf die Schnure. Diese Perlen können gleichwerthig und gleichgross sein: dann ist die Gliederung die denkbar schwächste. Dafür ein Beispiel aus dem Thai (Siamesischen): nah Ml> sau cai nah ^yü Mai] Quh cim röh Frau Mi Mädchen miethen sitzen weilen fem; Quk darum schreien rlyeh wa. rufen sagen. = Das Dienstmädchen Jungfer Mi sitzt in einiger Entfernung; darum Sii^it Quk mit laut rufender Stimme. — Das sind lauter Einsylbler ohne Formen- zeichen, Stück für Stück prädicativ aneinandergereiht Relativ- und andere Hülfswörter des Neben- und Zwischensatzes fehlen aber auch dieser Sprache nicht, und wo sie erscheinen, da ist wenigstens für einen Augenblick die Ein- tönigkeit unterbrochen, wie bei der Patemosterkugel des Rosenkranzes. Wo die blosse Wortstellung die Beziehungen unter den Satztheilen anzeigt ist es folgerichtig, dass nominales und adverbiales Attribut, letzteres einschliess- lich der Objecto, gleichmässig behandelt werden. Wo aber Hülfswörter oder Wortformen verdeutlichend hinzukommen, da ist es schlimm, wenn dieselben Laute das Objectsverhältniss und das adnominale Attribut bezeichnen. So im Koptischen: slre n röme, Sohn von Menschen u-röme n sabe, ein Mensch welcher klug; aber auch: nau m (statt w) p noutCy sehen den Gott Und ähnlich in der armen Sprache von Kabakada: pal na minat, Haus von Todten; ho na marpt. I. c. ß. Prädicat und Attribut, Satz und Satztheil. 453 Av eiche gut Sache = gute Sache; ha dia qa ruk na pal na wawaque, als sie bereits betreten das (na = acc.) Haus der (na = genit.) Thiere. Thatsächlich deuten diese Hülfalaute n (m) des Koptischen, na des Kabakada nur an, dass hier das folgende Prädicat in ein Relativverhältniss zum Yorhergehenden ge- bracht wird; es ist eher eine sehr vage Unterart des Prädicates als ein wirk- liches Attribut So kann jenes na sogar zwischen Subject und Terbum treten, um Letzteres als ein nur Zukünftiges, Gewolltes oder Geseiltes zu kennzeichnen: u na mai, u na qire; du mögest kommen, du mögest sehen! ba haliak a Kalou na hankanuane diat^ (er bat) dass nicht der Gott möchte zürnen ihnen. Besser steht es schon da, wo Wortformen oder Formenwörter die Prädicats- verhältnisse unterartlich specificiren, z. B. anzeigen, dass das Subject activ- instnimental oder neutro-passivisch zu verstehen, dass das Verbum auf ein näheres oder entfernteres Object zu beziehen sei. Die Prädicatsverbindung bleibt dabei nach wie vor die alleinherrschende; aber die Perlen sind nicht mehr durch die gleichmässige Schnur aneinandergereiht, sondern so zu sagen mit verschieden geformten Hefteln zusammengehakt Die Rede geht nach wie vor fadenförmig von Statten; nach wie vor sind alle Glieder einfach. Aber sie sind nicht mehr gleichwerthig, und ihre Verknüpfung ist nicht mehr unterschiedslos gleichartig. Unendlich viele Abschattungen und Abstufungen sind hier möglich, je nach Art und Zahl der verbindenden Elemente, Nothwendigkeit oder Erläss- lichkeit ihrer Anwendung. Vielleicht stehen die Bantusprachen mit zu oberst auf dieser Staffel. Das Gleiche gilt mutatis mutandis von jenen Sprachen, die unter der Allein- hen-schaft der Attributskategorie stehen. Der Weg ist der umgekehrte, die Ein- tönigkeit aber ist die gleiche, mag auch eine reich entfaltete Agglutination in den Casus der Substantiva, den Genus-, Tempus- und Modusformen der Verba noch so feine Unterschiede machen. Es ist eine lange Stufenleiter von dem fast isolirenden Barmanischen bis zu dem formenreichen Türkischen, Japanischen, Tamulischen oder Quechua. Inhaltlich sind Prädicat und Attribut einander völlig gleich: jederlei Prä- dicat kann Attribut, jederlei Attribut kann Prädicat werden. Und, wie gesagt, ist auch die Gesammtvorstellung, die der Rede vorausgeht, in ihr ausgedrückt und im Hörenden geweckt wird, bei beiderlei Redeweise genau dieselbe. Jetzt greifen wir noch weiter zurück, erinnern uns, dass ein- für allemale die Glieder der Rede in der Ordnung des psychologischen Subjectes und Prädicates auf- einanderfolgen. Und nun fragen wir nochmals: Worin beruht also der Unter- schied, wie ist er überhaupt möglich? Denn in der That scheint die Sache um so schwieriger zu werden, je ernster man ihr nachdenkt. Wir müssen ja auch das im Sinne behalten, dass Alles Subject, und Alles Prädicat, folglich auch Alles Attribut sein kann, dass wir vom Blatte aussagen können, es sei grün, 454 IV, IT. Sprachwürderung. aber auch vom Grünen: es sei ein Blatt, oder von dem Grün: es sei das eines Blattes u. s. w. Begreifen wir unter den Eigenschaften eines Dinges im weiteren Siiine auch seine Bethätigungen , Um- und Zustände, so sehen wir: nicht immer ist das Ding Subject, nicht immer sind die Eigenschaften Prädicate; es kann auch der umgekehrte Fall eintreten. Und das gilt von den grammatischen wie von den psychologischen Subjecten und Prädicaten. Aber die Grammatik und die Psychologie binden sich eben nicht an die Regeln der formalen Logik, — sie wollen nach Bedarf und Laune auch das Ding als Eigenschaft, auch die Eigen- schaft als Ding behandeln. Und was sie wollen, das können sie auch, und was sie stempeln, das trägt den aufgestempelten Namen. Was sie als Subject oder als Träger eines Attributes behandeln, das gilt ihnen als Ding, und was sie zum Attri- bute oder Prädicate machen, das behandeln sie als Eigenschaft, mag die Logik davonhalten, was sie will. Der Satz: „Der Mann wirft den Stein" lautet in einer prädicativen malaischen Sprache etwa: „Das Werfen (oder Geworfene) des Mannes (ist) der Stein", — und in einer vorwiegend attributiven, etwa der tibe- tischen oder einer australischen, ungefähr: „Mann (activ) Stein (passiv) werfen = das vom Manne geschehende den Stein Werfen". In beiden Fällen wird die That als Ding, ihr Subject und Object als ihi-e Eigenschaften behandelt Jetzt wird es nicht mehr missverständlich sein, wenn wir uns auf dem sprachlichen Standpunkte halten. Das Ding ist mit Eigenschaften bekleidet Das so bekleidete Ding soll als solches in der Rede dargestellt werden. Dies kann auf zweierlei Weise ge- schehen: um im Bilde zu bleiben, indem man es entweder nackt hinstellt und Stück für Stück ankleidet, oder es umhüllt vorführt und Stück für Stück ent- kleidet Das sind die zwei entgegengesetzten Wege, von denen ich oben redete. In der prädicativen Rede erscheint die Eigenschaft als Zuthat zum Dinge, — der Hergang ist so zu sagen addirend. In der attributiven Rede ersoJieint das Ding als Kern seiner Eigenschaften: das Verfahren erinnert au die Division. Aber beim Bekleiden und beim Addiren kann man jederzeit aufhören oder fort- fahren, man braucht von vornherein noch gar nicht zu wissen, wie weit man damit gehen will. Dagegen weiss man beim Entkleiden von Anfang an, wel- chem Kerne man zustrebt. Darum scheiut mir, als werde durch die attributive Redeweise dem Geiste ein grösseres Mass von Vorbedacht auferlegt, als durch die prädicative. Darum dürfte aber auch diese letztere der erregbaren Gemüths- art besonders zusagen. Soviel ich sehe, findet dies in der Geschichte und Völkerkunde seine Bestätigung. Beide Wege, den prädicativen wie den attributiven, nannte ich eintönig, weil die geistige Thätigkeit, mittels deren ein jeder zurückgelegt wird, immer im Wesentlichen die gleiche bleibt Dies schliesst aber nicht aus, dass sich I. c. ß. Prädicat und Attribut, Satz und Satztheil. 455 Theile der Kette zu grösseren Gliedern verbinden können. Jene Relativ- und sonstigen Fonnenwörter und Wortformen, auf die ich früher hindeutete, dienen diesem Zwecke. Auch die prädicativen Sprachen verlangen wohl verdeutlichende oder beschreibende Attribute und also Kennzeichen für diese, zum Unterschiede von jenen echten Prädicaten, die ein Neues mittheilen. Aber sie erreichen dies, ohne ihrer prädicativen Methode untreu zu werden: die Attribute sind eigent- lich doch nur Zwischenprädicate. Und andrerseits: auch die vorwiegend attri- butiven Sprachen verlangen Ausdrücke für das Subjects- und Prädicatsverhält- lüss. Meist wohl erreichen sie diesen Zweck, indem sie das psychologische oder logische Subject ohne besonderes Formenzeichen an die Spitze des Satzes stellen, seltener, indem sie es durch Casusformen in eine Beziehung zum Ver- bum setzen. Im letzteren Falle sind doch auch diese Subjecte im Grunde eine Art adverbialer Attribute, — im ersteren scheinen sie absolut, aus der Satz- verbindung gelöst, ihr wie übergeschriebene Titel vorausgeschickt zu sein. Das zeigt sich dann auch wohl in der Rede durch eine kleine Pause, die der Mand- schu in seiner Schrift oft durch ein Komma andeutet Auch sind die beiden entgegengesetzten Systeme der prädicativen oder attributiven Ausdrucksweise nicht überall mit gleich folgerichtiger Strenge durch- geführt, und gerade in den Abweichungen, die sich die beiden Systeme ge- statten, treffen sie oft seltsam überein. So hat es das vorwiegend attributivisch geartete Tibetische, sowie das Grönländische, das Baskische, mit mehreren fast rein prädicati vischen Negersprachen, z. B. dem Ewe, dem Grebo u. a. ra., ge- mein, dass der Genitiv ausschliesslich attributiv behandelt, daher vorangestellt, das Adjectiv dagegen, auch wo es rein attributiv (näher bestimmend) wirken soll, die prädicative Stellung hinter dem Substantive einnehmen muss oder doch wenigstens einnehmen darf. Denkt man an die Neigung der Sprachen, das Ge- wöhnliche zur Regel zu erheben, so leuchtet der Grund dieser Sonderbarkeit wohl ein. Der Besitzer eines Dinges wird wolü häufiger genannt, um dieses von anderen gleichartigen zu unterscheiden, als um über das Ding etwas auszu- sagen. Dagegen ist die Eigenschaft eines Dinges ebenso oft, wo nicht öfter, Inhalt einer Aussage, als unterscheidendes Merkmal. Einen Vorzug vermag ich in solchen Entwegungen nicht zu erblicken: die Ein- heitlichkeit ist durchbrochen, die Einseitigkeit in der Hauptsache doch geblieben. Nicht auf's Mischen und Manschen kommt es an, sondern auf Scheiden. Und hier erblicke ich einen wahren Probestein für die sich in den Sprachen bethätigende geistige Kraft Und diese kann sich gerade in den garstigsten, schwerfälligsten Gebilden kräftig bewähren. Sage ich: 19 8 4 4 3 „Der die das dem Fiscus allein zustehende Recht auf Silberbergbau be- 2 1 „treffenden Einzelfragen bearbeitenden Commission steht es zu u. s. w.'^ 456 VI, IV. Sprachwürderung. — SO ist dies eine Art sprachlicher Grimasse, die auf eine gewaltsame und ge- waltige Verdichtung des Denkens deutet Hegel hat Älmliches geleistet, in der Condensation des Denkens sowohl, wie im stilistischen Pratzenschneiden. Das Attribut engt eine Vorstellung ein, um sie schärfer zu bestimmen. Es bildet mit seinem Träger zusammen einen einheiüichen Begriff, schliesst sich daher mit diesem, wo die Sprache Zusammensetzungen duldet, gern zu einer Worteinheit zusammen: Dintenfass, Schreibfeder, Reinschrift, abschreiben, roth- faul u. s. w Immer ist es ein Glied des Gliedes, denn immer ist sein Träger nur ein Satztheil, eine Einzelvorstellung, mag diese aus noch so vielen Glie- dern zusammengesetzt sein. Subject und Prädicat dagegen stellen einen fertigen Gedanken dar, sei dieser, und seien seine beiden Theile noch so einfach. Das Attribut verengt seinen Träger; darum verglich ich es mit dem Divisor. Das Prädicat fügt der Vorstellung des Subjectes copulativ eine neue hinzu; darum verglich ich es mit dem Summanden. Je tiefer nun der sprachgestaltende Geist diesen Gegensatz empfindet, desto schärfer w^ird er ihn auch zum Ausdrucke bringen. Steht naturgemäss das Prädicat hinter dem Subjecte, so erheischt schon der Gegensatz, dass das Attri- but seinem Träger parenthetisch vorangehe. So hält es, unter den Sprachen isolirenden Baues, die vornehmste, die chinesische, die hierin gegen die ein- seitig prädicative siamesische wie gegen die ebenso einseitig attributive barma- nische glänzend absticht. Darf ich nochmals zu dem früher gebrauchten Bilde zurückkehren, so läuft die Schnur nun nicht mehr geradlinig, sondern bildet Schlingen. Die Logik mit ihrem ewigen Entweder — Oder erschöpft aber keineswegs das, was die anima vagula blandula will. Diese, ein Widerspiel der Welt, die sich in ihr spiegelt, verlangt schillernde Mitteltöne, Zwischenstufen. Und in ihren Bedürfnissen äussert sich ihre Kraft, ihr ßeichthum. Die genügsame Logik mag mit sehr schmaler Kost abgespeist werden: die gestaltende Ein- bildungskraft, das bewegliche Gemüth wollen heiTSchaftiich bedient sein. Cnd bei ihnen trifft es wirklich zu: je anspruchsvoller, desto vornehmer. y. Prädicativattribute. Zwischenprädicate. So völlig gleichwerthig, wie es die Logik zu ergeben scheint, sind die Attri- bute doch nicht Nicht immer beschränkt sich ihre Aufgabe darauf, ihi-e Träger durch unterscheidende Merkmale näher zu bestimmen, zu besagen: denkt Euch unter den vielen sonst Gleichartigen einen Solchen oder Solche und keine Anderen. Nicht immer also wollen sie mit ihrem Träger zusammen eine schlecht- hin einheitliche Einzelvorstellung darstellQji. Sondern sie können ihm auch etwas Neues prädicativ hinzufügen, und dann mag man sie Prädicativattribute nennen. Attribute bleiben sie aber doch, denn sie bilden mit ihrem Träger zu- I. c. y, Prtldicativattribute, Z wisch eiiprädicate. 457 sammen einen Satztheil, im Gegensatz zu jenen (Haupt-)Prädicaten, in denen sich der Satz vollendet Damm mögen sie Zwischenprädicato heissen. Die verbreitetste Erscheinung dieser Art sind die Relativsätze, die ad- iioniinalen wie die adverbialen. In manchen Sprachen wuchern sie geradezu. Da*; Malaische verbindet sehr oft das Substantivum mit dem Adjectivuni durch das Relativwort yah da, wo wir gar nichts Prädicatives zu entdecken vermögen: öra« yan layin, Mensch welcher anderer = ein anderer Mensch; k^a yan baüaq Uu, Affen, welche viele diese = die vielen Affen. Wird im Neupersi- iM-hen das Substantiv durch ein darauf folgendes Adjectiv oder einen nachge- fügten Genitiv näher bestimmt, so nimmt es die Endung — i an, die gleichfalls ursprünglich ein Relativ wort war: kebüd espy graues Pferd, ^)ehan Sah Welt- König, aber: esp-i Jcebüd, Pferd, welches grau, Sah-i jehan König der Welt. Die pronominale Declination der attributiven Adjectiva in den germanischen und litu-slavischen Sprachen wird auf Suffixion von Relativwörtem zurückgeführt. Der Satz, dass das eigenüiche Attribut vor seinen Träger gehöre, galt in der Urzeit des indogermanischen Stammes allgemein. Zeuge dessen sind die Composita: dßvadatta^ gottgegeben, tufieinjg, wohlgesinnt, iripes^ Dreifuss u. s. w. Di(? Einheit der Vorstellung fand in der Einheit des Accentes ihren Ausdruck, auch da, wo das vorangestellte Attribut ein selbständiges. Formen tragendes Wort war. Daneben war es aber auch gestattet, das Attribut seinem Träger folgen zu lassen; und diese Stellung war offenbar die nachdrücklichere, halb- prädicative. Spuren davon haben sich lange erhalten, auch da, wo nachgehends die Freiheit der Wortstellung eingeengt worden ist. Die germanischen Sprachen gestatten zum Theil noch Xachfügung des Adjectivums in herzig kosender oder hottig scheltender Anrede: sister dear! Schurke verfluchter! Im Französischen haben jene Adjectiven, denen beide Stellungen gestattet sind, dann nachzutreten, wenn sie etwa durch einen entsprechenden Relativsatz ei'setzt werden könnten: un fidele ami giebt die einheitliche Vorstellung eines echten Freundes; un ami fidele dagegen redet zunächst von einem Freunde und sagt dann von ihm aus, dass er auch wirklich ein echter treuer sei. Ähnlich verhält es sich mit: un savant professeur — une femme savante Auf die sprachgebräuchlichen Ein- enpingen jenes allgemeinen Grundsatzes will ich hier nicht weiter eingehen. Das Wichtigste, eigentiich Bezeichnende ist jene Freiheit, die Beiden gerecht zu w^erden weiss, jetzt dem umsichtigen Verstände, der das Ding und sein Merkmal in Eins zusammmenfassen will, jetzt dem erregbaren Gemüthe, das Voi-stellung auf Vorstellung häuft. An dieser Stelle dürften nun auch die Appositionen im weiteren Sinne des Wortes zu nennen sein. Etwas ist gesagt, und nun bestimmt sich der Redner, dass er den Satz oder einen Theil desselben noch deuüicher oder ein- diiiiglicher hätte sagen sollen und wiederholt ihn darum mit anderen Worten. 458 IV, IV. Sprachwürderung. Das ist wohl der psychologische Thatbestand. Schon jene nachgesetzten Attri- bute in den germanischen Sprachen mögen dahin gehören; sie werden wie Pleonasmen empfunden: die Schwester ist Einem lieb, der Schurke ist ein Ter- fl achter. Aber auch jene Fälle gehören dahin, wo ein pronominaler Satztheil nachträglich erläutert wird: „Ich kenne ihn nur zu gut, Deinen Freund. Er wusste es, dass er mich damit kränken würde. Bist du schon dort gewesen, in der Ausstellung?" u. s. w. Dergleichen kommt wahrscheinlich in jeder Sprache vor; denn kein Mensch redet immer so bedächtig, dass er nicht manchmal nach- flicken müsste. In manchen Sprachen bilden aber ähnliche Erscheinimgea geradezu die Regel: Das Fürwort ist nothwendiger Vorläufer des Satztheiles, der es erläutern soll; und es liegt nahe, hierin überall den gleichen seelischen Hergang, also im Grunde eine Art Überstürzung zu wittern. Allein die Sprachen und Völker, die hierbei in Frage kommen, sind zu verschieden, als dass ich einen inductiven Beweis wagen möchte. Zweifellos sind die einschlägigen Thatsachen für die psychologische Be- urth eilung der Sprachen überaus wichtig; man darf sie aber nicht für klarer halten, als sie sind. In „bonus vir*' und „vir 6owm5" gilt das Adjectiv ohne Weiteres als Attribut, allenfalls, wenn ich Recht habe, das nachgesetzte Adjectiv als prädicat- ähnliches Attribut. Wie aber, wenn ursprünglich in beiden Fällen Apposition gewaltet hätte: „ein Guter, und zwar ein Mann, — ein Mann, und zwar ein guter'^ Wir wissen, dass dies dem seelischen Thatbestande, der der lateinischen Sprache zu Grunde lag, nicht entspricht. Wir brauchen aber nur ein paar Schritte weiterzugehen, um wahrhaft appositioneilen Figuren da zu begegnen, wo die Grammatiker von ganz anderen Dingen reden. Denen ist „magnus vir et bonus*' = ,^magnus et bonus vir'' = „vir magnus et banus'% ein Substantiv mit zwei Attributen. In der Seele des Redenden aber ist „et bantts'* eine Appo- sition zu dem vorausgegangenen „magnus vir^; ein grosser Mann, und zwar ein guter. Fasst man in einer Sprache mit freier Wortstellung «die Verrenkungen und Verschränkungen der Satzglieder in diesem Sinne auf, so gewinnen sie ein ganz neues Licht und Leben. Solche Appositionen geben der Rede etwas Leidenschaftliches. Der Redner hat sich im Eifer übereilt, und nun muss er Versäumtes nachholen; oder er hat schon Alles gesagt, und glaubt doch noch nicht genug gesagt zu haben. Das kann dann rhetorische Form, es kann sogar grammatische Regel werden: immer behält es etwas von seinem ursprünglichen Beigeschmack. Der Satz: „nefarium commisit scelm" wirkt immer noch ähnlich wie die plumpere Übersetzung: „Er hat etwas Schändliches verübt, ein Verbrechen"- Eine den Zwischenprädicaten verwandte Erscheinung möchte ich S. Attributivprädicate, Pradicatsprädicate oder secundäre Prftdicate nennen. Sie besonders hervorzuheben veranlasst mich eine einzelne Sprache, f. Active und passiye Redeweise, Incorporation. 469 die chinesische. Diese lässt an Fähigkeit attributiver Entfaltungen nichts zu wünschen übrig, die längsten Prädicate, ja ganze Sätze weiss sie durch Stellung und Hülfswörter in Attribute zu einem folgenden Satzgliede, mit diesem zu- sammen in höheren Theileinheiten zu verwandeln. Andrerseits aber liebt sie es auch, gewisse, im logischen Süme attributive, adverbiale Satztheile auf das Prädicat, gewissermassen als Prädicate dieses letzteren, folgen zu lassen. 1. Regelmässig gilt dies vom Objecto. Dies folgt — bis auf wenige noth- wendige oder erlaubte Ausnahmen, — immer auf das Yerbum oder die Prä- position. Es ist mir sonst keine Sprache bekannt, die das Object, so scharf, fast gegensätzlich, aus der Beihe der adverbialen Bestimmungen heraushöbe. 2. Ähnlich ist es mit Angaben der Zeitdauer: ,,er schlief acht Stunden." Diese werden vielleicht als eine Art Objecte behandelt; man vergleiche unsem Accusativ in ähnlichen Fällen. 3. Das Gleiche gut von Massangaben nach entsprechenden Adjectiven: ^Jang sieben Fuss", — und vielleicht auch von Angaben des Inhaltes hinter Zahl- und Masseinheiten: eine Heerde Schafe, drei Becher Wein. 4. Aber auch eigentliche Adverbien und adverbiale Satztheile, Präpositionen mit ihren Regimen, können prädicativ hinter das Verbum treten: Er bereute es tief, sie sang im Garten = er bereute es, und seine Reue war tief; sie sang, und zwar that sie dies im Garten. f. Active und passive Redeweise, Incorporation. Nur der Vollständigkeit halber erinnere ich hier nochmals daran, wie ver- schieden die Sprachen das Verbum behandeln, wie sie jetzt in activer Redeweise den Thäter und die That, jetzt in passiver Wendung den Erfolg, die Thatsache in's Auge fassen, oder auch in einem allverschlingenden Verbum die ganze Welt wie ein lebendiges Geschehen darzustellen scheinen. Wenige Dinge sind für die Geistesart der Völker so bezeichnend, wie diese, und unter den Ver- diensten des tiefsinnigen J. Byen*: (General Principles of the Structure of Lan- guage, 2 voll. London 1885) scheint mir die Erörterung dieser Punkte mit oben- an zu stehen. Theoretisch mag man zweifeln, ob nicht der vorwiegend prädicativen oder attributivBn und der höheren, beiden Kategorien gerecht werdenden Form des Satzbaues noch eine vierte, die einverleibende, zuzugesellen wäre. Ich wenigstens wüsste sie keiner der drei übrigen zuzuordnen. Als Mittelpunkt das Verbum, Träger aller Beziehungsausdrücke; es umgebend Nomina, denen jederlei fonnale Gegenwirkung versagt ist, die, wie ich es an einer früheren Stelle ausdrückte, lediglich Scheibe stehen für die vom Verbum verschossenen Pfeile. Ein solches Satzgebilde scheint mir von jenen früher geschilderten geradezu artverschieden. 460 IV, IV. Sprach wttrderung. Zwischenstufen, Übergänge nach der prädicativen oder attributiven Seite, giebt es freilich selbst in den amerikanischen Vertreterinnen des incorporirenden Baues genug; jenes Hauptmerkmal aber ist doch so hervorstechend, dass es auch namengebend zu sein verdient S. Nominales und verbales Prädicat, prädicative und possessive Gonjugation. Der Conjugationsfrage vermag ich nicht den hervorragenden Werth beizu- messen, der ihr von manchen Seiten zugesprochen wird. Die Geschichte be- weist, dass Sprachen in verhältnissmässig kurzer Zeit eine Verbindung des Verbalstammes mit pronominalen Elementen sowohl schaffen als auch abschaffen können, ohne dass daraus auf einen geistigen Aufschwung oder Verfall des be- treffenden Volkes, noch auf eine tiefer gehende Wandelung seiner Sinnesart zu schliessen wäre. Mit mehr Scheine Rechtens hat man auf das Vorhandensein oder Fehlen eines Affixes für die dritte Person der Einzahl Gewicht gelegt. Ich, du, vrir, ihr sind ja immer schon durch das Fünvort zur Genüge bestimmt Wer und was aber Alles er, sie, es sein könne, das verlangt eine besondere namentliche Angabe. Wo diese vorliegt, da ist das entsprechende Pronominalzeichen eigent- lich überflüssig, pleonastisch, — und eben dies hat man verdienstlich, ein Zeichen lebhaften Formungstriebes genannt Dies ist wohl begründet Allein erstens werfen die Sprachen das Überflüssige gern ab: der jetzige Mangel einer pleonastischen Form beweist also nicht viel. Und zweitens sind auch die viel- gerühmten Formsprachen der 8. Pers. sing, nicht immer gleichraässig hold. Im Perfectum sowohl der indogermanischen wie der semitischen Sprachen trägt sie kein erkennbares Pronominalzeichen; das — f der 3. pers. sing. fem. im Semi- tischen ist doch nur Geschlechtssuffix. Dafür sahen wir oben, dass manchmal recht geistesarme Völker ihren Sprachen dies Kleinod gewahrt haben. Stimmen die Personalaffixe der Gonjugation lautlich mit den entsprechen- den Possessivaffixen überein, so nennt man die Gonjugation possessiv und spricht dem Verbum nominalen Charakter zu, redet wohl von Nomen -Verbum oder Verbalnomen. Diese Erscheinung ist sehr weit verbreitet, und der Tadet dass dabei die energische Verbindung von Thäter und Handlung nicht genügend zum Ausdrucke komme, hat viel Einleuchtendes. Wir sahen aber auch, wel- chen Schwierigkeiten man begegnet, sobald man den inductiven Weg betritt. Da hatten auch ganz armselige Völker die prädicative, und -sehr ansehnliche Völker die possessive Gonjugation. Und dann noch einmal: wie soll man es beurtheilen, wenn z. B. die Semiten die Pronominalobjecte in die Possessivform hüllen: (arabisch) alta-nl-ka (dedit meum tuum) = er hat dich mir gegeben, ya-kfl-lca-hüm er genügt dir gegen-sie (eig. er-genügt-dein-ihr)? I. c. 7. Casus, Prä- und Postposition en. 461 17. Casus, Prä- und Postpositionen. Nach logischen Gesichtspunkten kann ein substantivischer Satztheil anderen Satztheilen gegenüber in dreierlei Beziehungen treten: 1. in die des Subjects, einem Prädicate gegenüber, 2. in die des Prädicates einem Subject gegenüber, und 3. in die des Attributes, das, jenachdem der Träger substantivisch oder anderer Art ist, a. adnominal oder b. adverbial sein kann. Nach der Logik ist auch das Object eine Art des adverbialen Attributes. Wenn ich einen Nagel mit dem Hammer in die Wand schlage, so sind Nagel, Hammer und Wand gleichermassen nähere Bestimmungen meines Schiagens und werden auch gleichermassen, wenn schon in verschiedener Art, davon betroffen. Die Logik kann es also nur billigen, wenn unsere Sprachen gleich den meisten anderen die Objectsverhältnisse den übrigen adverbialen einordnen. Eher mag sie Einspruch erheben, wenn wir uns unseres zwittermässigen Nominativs rühmen. Doch die menschliche Sprache hat andere Aufgaben zn lösen, als die Mathe- matik und Chemie mit ihren pasigraphischen Ziffern imd Zeichen; die logischen Aufgaben, soweit sie sie erfasst, löst sie nur nebenher, ordnet sie einfach ihren übrigen Anschaulichkeitszwecken ein. Es ist schwer zu sagen, was man mehr loben soll, ob etwa die scharfe, klare, folgerichtige Art, wie das Chinesische mit den einfachsten Mitteln haushält, oder jene üppige Mannigfaltigkeit der Aus- drücke, in der so manche andere Sprachen Befriedigung ihres Anschaulichkeits- bedürfnisses finden. Lob aber verdienen sie beide, Diogenes wie Alexander. In der That haben wir es hier mit einem Gegenstande zu thun, dessen er- schöpfende Behandlung ganze Bücher erfordern würde. Denn das Verhalten der Sprachen, oft sehr nahe verwandter, den hier fraglichen Kategorien gegenüber ist in's Endlose verschieden. Ich mag nicht einmal ein Schema entwerfen, son- dern greife auf gut Glück einige Dinge heraus. L Wenn das Chinesische den Objectscasus aus der Reihe der adverbialen Attribute heraus in die Stellung eines secundären Prädicates rückt, so wissen wir, was die Logik dazu sagt. Für den Zweck der sprachlichen Darstellung, die Anschaulichkeit, ist aber doch dadurch viel gewonnen. Was dabei im gram- matischen Sinne adverbiales Attribut bleibt, ist noch bunt genug: Ort, Zeit, Werk- zeug, Art und Weise und allerlei Nebenumstände können adverbial zwischen das Subject und das Verbum treten, — nur der Adressat, das Object kommt zuletzt, zwischen ihm und dem Subjecte ist das Verbum recht sinnfälliger Weise Mittler, Zwischenträger. Das hat wirklich etwas Ansprechendes, scheinbar Sachgemässes; so etwas von einer ungesuchten Symbolik, die, einmal geboten, von selbst ein- leuchtet. Die Sprachgeschichte kann freilich mit solchen Erwägimgen nichts an- 462 IV, IV. Sprach würdening. fangen. Für die allgemeine Sprachwissenschaft ist es aber doch interessant, zu beobachten, wie sich in vielen der neueren indogermanischen Sprachen das gleiche Stellungsgesetz durchkämpft II. Das Chinesische kann das Attributsverhältniss sowohl durch die blosse Wortstellung als auch durch eingeschaltete Hülfewörter ausdrücken. In diesen Hülfewörtem nun bewährt die Sprache eine geistige Kraft und Schärfe, die ihr /u hoher Ehre gereicht Indem sie ein- für allemal öi als Zeichen des adno- minalen, r» als Zeichen des adverbialen Attributes gebraucht, unterscheidet sie mittelbar auch die grammatische Natur der betreffenden Träger; denn auf ci kann nur ein substantivischer, auf rt nur ein verbaler oder adjectiviscber Satz- theil folgen. Einige ihrer feinsten und mächtigsten syntaktischen Entfaltungen beruhen hierauf. III. Wohl Alles, was sich zum adnominalen Attribute eignet, kann seinem materiellen Inhalte nach auch adverbiales Attribut sein, und umgekehrt Dem gegenüber lässt es einigermassen pedantisch, wenn es die lateinische Syntax ver- bietet, Präpositionen mit ihren Regimen ohne verbale Vermittelung zur näheren Bestimmung von Substantiven zu verwenden: Das Haus vor der Stadt, der Kampf iim's Recht u. s. w. IV. Eine gewisse Vernachlässigung des adnominalen Attributes im Gegen- satze zu den adverbialen zeigt sich auch sonst vielfach. Wir Indogermanen stellen den fünf adverbialen Casus: Dativ, Accusativ, Ablativ, Locativ und In- strumentalis nur den einen Genitiv entgegen, — der sich noch dazu als Partitivus oder Modalis manchen adverbialen Nebenverdiensten iinteiziehen muss: xivhv Tov olvov, donnejs-mai du pain, kurzer Hand abfertigen u. s. w. Eine ähnliche Bevorzugung der adverbialen Casus zeigen auch solche Sprachen, die den Genitiv rein adnominal behandeln: die finnischen, die drävidischen, die kolarischen, die koi'eanische u. a. m. Der Grund ist wohl einleuchtend: die besondere Art der adnominalen Beziehung ergiebt sich in der Regel von selbst: Berghaus, Herren- haus, Steinhaus, Waschhaus, Hinterhaus können gar nichts Anderes bedeuten, als: Haus auf dem Berge, — des oder der Herren, — aus Steinen, — zum Waschen, — hinter den Vordergebäuden. Dagegen kann dieselbe Sache mit demselben Verb um jetzt das Object, jetzt etwa als Werkzeug, Stoff, Ursache oder wie sonst verbunden sein. V. Nun müsste es interessant sein, zu vergleichen, welche Arten der ad- verbialen Beziehungen die Sprachen besonders bevorzugen, gleichviel, welches die Mittel des Ausdruckes sind, ob Stellung, Casus, Prä- oder Postpositionen. Wohl unvergleichlich reich in dieser Hinsicht sind die ostkaukasischen Sprachen, die zumal im Ausdrucke der örtlichen Verhältnisse eine erstaunliche Menge feinster Abschattungen zum Ausdrucke bringen. Das KasikumüMsche hat allein sechsunddreissig örtliche Casus. Es offenbart sich hier ein Orientirungstrieb, I. c. 17. Casus, Prä- und Fostpositionen. 463 der nicht allein aus geographischen Gründen erklärt werden kann, sonst raüsste er bei anderen Grebirgsbewohnem zu ähnlichen sprachlichen Erscheinungen ge- führt haben. YI. Zeichnen sich die kaukasischen Sprachen durch wuchernde Üppigkeit der Formen aus, so stehen die polynesischen in ihrer Armuth an Afformativen dem isolirenden Sprachbaue nahe. Auch ihre Formenwörter sind nicht zahlreich. Wenn aber das Chinesische beweist, dass auch ein geringer Vorrath von Pai- tikeln, glücklich verwendet, genügt, um einer Sprache alle Vorzüge des Reich- thums, der Kraft, der Feinheit und Biegsamkeit zu sichern: so darf es nicht Wunder nehmen, dass jene Insulaner mit ihren weichlichen Sprachen in be- scheidenem Masse etwas Ähnliches erreicht haben. Wahrhaft feinsinnig ist zu- mal ihre Behandlung des Genitivverhältnisses. Sie unterscheiden hier ein actives, spontanes, das durch die Präposition a ausgedrückt wird, und ein passives, un- gewollt zufälliges, dessen Zeichen 0 ist Dies kehrt dann in anderen, vermuth- lich zusammengesetzten Präpositionen wieder: fta:no, ntaimo^ taifo u. s. w. Tahitisch: ta-u vaa^ mein Boot (dessen ich mich bediene): to-u fare, mein Haus (das mir Obdach giebt). Marquesas: te inoa 0 te motua, der Name des Vaters (der ihm gegeben worden ist); te tamahine a Makii, die Tochter des Makii, die er gezeugt hat (P. L J. B. Gaussin, Du dialecte de Tahiti &c. Paris 1853, p. 1K5 flg.). Hawaiisch: ka hale 0 ke alii^ das Haus des Häuptlings; ka toahine a ke kane, das Weib des Gatten; dagegen würde ka wdhine 0 ke kane nicht das Eheweib, sondern die Magd oder das Kebsweib des Gatten bezeichnen (L. Andrews, Grammar of the Hawaiian Language. Honolulu 1854, p. 34 flg.). Maori: ta-na tamaiti, sein Kind; to-na rangatira, sein Herr (W. C. Williams, First Lessons in the Maori Language. London 1862, § 19). Der Sprachgebrauch ist nicht frei von scheinbaren Willkürlichkeiten und im Einzelnen nicht bei allen Poly- nesien! der gleiche. (Vergl. noch G. Pratt, Grammar and Dictionary of the Samoan Language. 2d. ed. London 1878, p. 6 — 7. L. Violette, Dictionnaire Samoa-Fran9ais-Anglais &c. Paris 1880, p. LXIII. Gr6zel, Dictionnaire Futunien- Pran9ais &c. Paris 1878, p. 14flg.) — Es lohnte gewiss, die polynesischen Sprachen in Bücksicht einmal auf die sinnliche Anschaulichkeit und dann auf die logisch^i Beziehungen recht eingehend zu betrachten. Wir wissen, wir haben es mit reichbegabten, aber verwöhnten, ebenso sinnlich wie sinnig angelegten Naturkindem zu thun, — wieder mit einer Basse, die seit ungezählten Gene- rationen unter annähernd gleichgebliebenen äusseren Verhältnissen gelebt hat Wir haben weiter westwärts die sprachverwandten Malaien Völker: wie haben sich hüben und drüben die Geister und die Sprachen entwickelt? ^. Verwandlung der Sätze in Satztheile. Der Gedanke steht, wie ein fertiges Bild, mit einem Schlage vor der Seele. Er Avird in seine Theile zerlegt, aus diesen in der Bede wieder aufgebaut: das 464 IV, IV. Sprachwürderung. ist die Aufgabe des Satzes. Nun ist der Satz wieder ein fertiges Ganzes, das sieh einem grösseren Ganzen als Theil ein- und unterordnen lässt Damit wird dem sprachbildenden Geiste eine neue, höhere Aufgabe gestellt, die er je nach der nationalen Begabung und Bildung nach Mass und Richtung sehr verschieden aufgefasst und gelöst, die er vielleicht stellenweise nie erfasst hat Der Satz ist ein aus Gliedern Zusammengesetztes. Dieses Zusammengesetzte soll mm wieder zur formellen Einheit zusammengerafft und einer höheren Einheit eingegliedert werden. Schon das Bedürfniss, dies zu thun, zeugt von ansehnlicher Kraft des Denkvermögens. Jene Kategorien der Gedankenverbindung, die wir durch Wenn. Weil, Obgleich, Und, Aber, Oder u. s. w. ausdrücken, gehören freilich zu den unerlässlichsten Werkzeugen jedes überlegenden Geistes; kein Menschenvolk kann ohne sie auskommen, jedes hantiert in seinem Denken mit Bedingungen, Ur- sachen, Einschränkungen, Alternativen. Allein wir wissen es: ein Anderes ist die logische Kategorie, ein Anderes die sprachliche Form, in der sie Ausdruck findet, die Kraft, der Reichthum, die sinnige Feinheit des Denkens, die sich in diesem Ausdrucke bekundet, die Mannigfaltigkeit in den Ausdrucksmitteln und die Vorliebe für das eine oder andere derselben. Zudem kommt es hier wie überall nicht nur darauf an, was eine Sprache, wenn man sie anstrengt, vor- mag, sondern auch auf das, was sie bevorzugt und also regelmässig übt Man wird nicht fehlgehen, wenn man Alledem einen, sehr hervorragenden Werth für die Beurtheilung der Sprachen beimisst; es sind so zu sagen Leistungen der hohen Schule, die verschiedene Classen, vielleicht fachlich verschiedene Parallel- classen hat Dafür ist denn auch just hier die Beurtheilung besonders schwiori.e:. — nicht sowohl weil die Gesichtspunkte für die Beurtheilung schwer zu tait- decken wären, als deshalb, weil sich die einschlägigen Leistungen der Sprachen das zehnte Mal der Beurtheilung entziehen. Man ist nur zu versucht, dem Prüf- ling für jede unbeantwortete Frage eine Vier anzuschreiben, ohne sich zu fragen, ob deün jener auch gehörig gefragt worden? Und wenn man mit dem Deducirt^n fertig zu sein glaubt, so mag Einem noch immer vorder inductiven Probe gi-aucn. So seien denn auch die folgenden Bemerkungen nur mit allem Vorbehalte t:e- macht; es sind Apriorismen, die ich versuchsweise aufstelle, — weiter nichts. Ich lasse es darauf ankommen, ob das Idem per idem sich auch diesmal b*^- währt; im Grossen und Ganzen darf ich das vermuthen, im Einzelnen bin ich der Gegeninstanzen gewärtig. L Die unvermittelte Aneinanderreihung logisch verbundener Gedanken dürfte wohl in allen Sprachen zulässig, in keiner alleinherrschend sein. Sie hat je nach dem Inhalte des Gesagten, jetzt etwas Flackerndes, jetzt etwas Wuchtiges, immer aber den Charakter zugleich des Lebhaften und des Sachlichen. Ein Sapienti sat überlässt es dem Hörer, die fehlenden Zwischenglieder zu ergänzen, während der Redende springend weiter eilt So macht diese Stilform im Sinn- I. c. ^. Verwandlung der Sätze in Satztheile. 465 Spruche den Eindruck des plötzlichen Einfalles, mag auch der Gedanke noch so tief durchgearbeitet sein. Und der Erzählung verleiht sie den Ton leiden- schaftlicher Erregung, sei auch das Erzählte noch so geringfügig. In beiden Fällen drückt sie eine subjective Sicherheit aus, die auch beim Hörer Zweifel und Widerspruch nicht aufkommen lassen will. Jetzt dürfte es zu verstehen seia, warum Napoleon I. sich ihrer so vorzugsweise bediente, und warum sie in den Reden slavischer Völker die herrschende ist: sie entspricht der slavischen Gemüths- imd Denkungsart Solange sich die chinesische Philosophie in autori- tativen Aussprüchen bewegte, liebte sie diese abgerissene Schreibweise. Als aber machen, aber, ich mache es am Liebsten so und nur ausnahmsweise anders." Er hat seine Neigungen und Abneigungen, vielleicht Moden, die mit der Zeit wechseln; inmier spiegelt sich in ihm die jeweilig herrschende Geistesart. Xur beispielsweise will ich hier auf einige Mittel des sprachlichen Ausdruckes hin- weisen, deren häufiger oder seltener Gebrauch so selbstredend charakteristisch ist: Beschreibende Zusätze, Umschreibungen, bildliche Ausdrücke, Personifica- tionen, pars pro totOy — oder nüchterne Beschränkung auf das Eigentiiche und Wesentiiche; Erregte Redeweise: Interjectionen, rhetorische Fragen, starkes Hervortreten der psychologischen Modalität, — oder geschäftsmässig kühle Haltung; Satzverknüpfung imd Periodenbau, oder loses Aneinanderreihen der Gedanken. Hervor- oder Zurücktreten des logischen Momentes in der Satzverknüpfunir, in Antithesen u. s. w. — Es leuchtet ein, wie sich in allen solchen Dingen Geistesträgheit oder rascher Witz, beharrliches Denken oder flackernder Sinn, Phantasie oder Nüchternheit, Wärme oder Kühle des Empfindens, gesellige Mittheilsamkeit oder ein trocken geschäftliches Wesen bekunden muss. Nur eben stellt in der Regel der Stil in der Physiognomie der Sprache weniger die Züge als die Mienen dar; er kann boden wüchsig und durch die Geistesanlage des Volkes gegeben, — er kann aber auch modeweise, je nach dem Zeit- geschmacke wechselnd, oder fremden Mustern nachgebildet sein. Und dann beweist er nur, was der nationale Geist vermag, wenn er wUl, nicht aber was er muss, wenn er seiner angeborenen Anlage folgt. Anmerkung: Wie politische und sociale Umwälzungen den Stil eines Volkes ver- ändern können, ist wohl nirgends besser zu beobachten, als in der französischen Literatur. V. Capitel. Die Sprachschilderung. Das Ziel, dem die allgemeine Sprachwissenschaft anzustreben hat kann kein anderes sein, als dies, die Wechselbeziehungen zwischen Volkstiuim and Sprache festzustellen. Hüben die Geistes- und Gemüthsart, die Lebensbedingunfi^eii, der Gesittungsstand der Völker und Völkerfamilien, — drüben die Erschei- nungen, die Kräfte und Leistungen ihrer Sprachen. Und, zwischen diesen beiden. Gleichungen, die besageü: Je mehr auf der einen Seite so, desto mehr oder weniger auf der anderen Seite so. Ihre Aufgaben. 477 Offenbar können solche Gesetze, wenn überhaupt, nur auf dem Wege der umfassendsten und bedächtigsten Induction gewonnen werden. Der umfassend- sten; denn sie müssen auf beiden Seiten, auf der Völker- und sprachenkund- lioheu, thunlichst alle Factoren berücksichtigen. Der bedächtigsten: denn es würde gelten, diese Factoren in .Rücksicht auf ihre Stärke gegeneinander abzu- schätzen und etwaige störende zu erkennen und auszuscheiden. Man wird leicht einsehen, wie schwierig das ist; man wird, wenn man sich an die Aufgabe wagt, bald gewahr, dass unser Inductionsmaterial noch immer an den empfindlichsten Lücken leidet Es wird noch lange dauern, dass wir aus dem Gröbsten arbeiten müssen und höchstens etwas brauchbares Stückwerk liefern, wie ich es vorhin versucht habe. Die Aufgabe aber bleibt, sei sie lösbar oder nicht Und schlimmsten Falles gilt die Fabel vom Schatze im Weingarten: Durchwühlt nur den Boden: findet ihr nicht den goldgefüllten Topf, so wird das verjüngte Land selbst zur Goldquelle werden! Es gilt, die Sprachen allseitig zu betrachten und nach jedem ihrer hervor- stechenden Merkmale zu ordnen. Allseitig, das heisst in Hinsicht auf die Grammatik sowohl, wie auf den Wortschatz, in Hinsicht auf die Erscheinungen sowohl, wie auf die Zwecke, und alles dies mit steter Beziehung auf das Geistes- leben, dessen Ausdruck sie sind. Um eine betrachtende Darstellung handelt es sich, nicht um eine lehrhafte im Sinne der Sprachlehre. Der Zweck ist nicht die Erlangung einer Kenntniss oder Fertigkeit, sondern die Erzeugung eines lebendigen, wahrheitsgemässen Eindruckes. Er ist in hohem Grade ästhetisch, und die Arbeit, die ihm dient, ist in gleichem Masse künstlerisch wie wissen- .sehaftlich, denn sie ist eine Schilderung. Soll ich sie jener des Sprachimter- richtes gegenübersetzen, so erinnere ich daran, wie jede Sprache eine bestimmte Art geistiger Gymnastik darstellt Diese Gymnastik zu erlernen ist nur auf dem Turnplätze möglich, durch eigene mühsame Arbeit Aber: Ars longa, vita brevis. Selbst die Begabtesten und Fleissigsten uuter uns können sich doch nicht mehr als einen kleinen Bruchtheil der auf der Erde erklingenden Sprachen zu Eigen machen, — die anderen kennen sie höchstens von H('»rensagen oder von flüch- tiger Betrachtung. Nun verlangt aber die allgemeine Sprachwissenschaft als erste Voraussetzung einen möglichst alle Sprachen erfassenden Ein- und Über- blick, also ein Anderes, zugleich ein Wenigeres und ein Mehreres, als sich im Ringkampfe mit den Sprachen gewinnen lässt Wer sich ihr mit Erfolg widmen will, muss wohl über eine möglichst reiche einzelsprachliche Erfahrung verfügen und den Arbeiten der genealogisch-historischen Forschung mit Aufmerksamkeit gefolgt sein: aber allerwärts selbst mitgethan haben kann er nicht, es wäre denn ein obeiüächliches ümherschnüffeln und Xippen gewesen. Somit sieht er sich in der Mehrzahl der Fälle auf Andere angewiesen, deren Erfahrungen er mehr, (leren Ui*theilen er mindestens ebensoviel zuti-auen darf, als seinen eigenen. 478 IV, y. SprachBckilderung. Muss er sich an Grammatiken und Wörterbücher halten, so möchten diese schon recht ausführlich sein, um für seine Zwecke zu taugen. Denn das, was er sucht, liegt oft in den tieferen Falten der Sprachen verborgen, oder gehört zu jenen Feinheiten, für die in Elementarbüchem kein Platz ist Und will er das Wenige, was sich ihm darbietet, recht ausnutzen, so wird das Durchlesen schon zu einem lernenden Durcharbeiten, und er redet hernach mit der Weisheit eines Quartaners. Das kann uns Allen begegnen. Wir haben mehrmals gesehen, wie sich in einer Sprache oder Sprachsippe die gleichen Anschauungsweisen imd Denkgewohnheiten an sehr verschiedenen Punkten äussern. Die Sprachschilderung muss solche Tendenzen nachweisen, die Erscheinungen, worin sie zu Tage treten, unter Einer Kategorie zusammenstellen, gleichviel ob sie der Laut- oder der Satzlehre, der Grammatik oder dem Wörterbuche angehören. Ich wollte, die allgemeine Sprachwissenschaft könnte den Meistern der einzelsprachlichen Forschung so eine Art Kopfsteuer auferlegen. Jeder müsste es versuchen, die Sprache, die er am Besten beherrscht, so lebenswarm zu schildern, wie er sie selber empfindet. Nicht sie uns lehren, nicht in den Staub der Arena sollte er uns führen, sondern hinauf auf die Zuschauerplätze. Und nun müsste er uns die besten, bezeichnendsten Leistungen vorführen und bis ins Einzelnste erklären, und dann uns wieder auf die Schwächen seiner Sprache aufmerksam machen und uns zeigen, wie die Mängel und die Vorzüge einer gemeinsamen Quelle entfliessen. Wir müssten mitempfinden ohne mitzuthuu» dürften reden wie Augenzeugen und überliessen Jenem nur die Verantwortmig für die Auswahl. Allerdings wiegt diese Verantwortung schwer und ist nur von dem zu tragen, der sich bei uns umgesehen hat und unsere Bedürfnisse kennt. Nur ein Solcher kann beurtheilen, was wir am Meisten zu sehen und zu hören be- gehren; und die wenigen ausgezeichneten Sprachschilderer, von denen ich weiss, sind zugleich hervorragende Vertreter der allgemeinen Sprachwissenschaft Kein Wunder auch; denn nur im Lichte der allgemeinen Sprachwissenschaft kami die Eigenart einer Einzelsprache oder eines Sprachstammes voll zur Geltung kommen. Der praktische Sprachlehrer beurtheilt seinen Stoff nach dem Ge- brauchswerthe. Der gelehrte Philolog schätzt neben dem Schönen und Feinen, das er kennt, das Seltene und Schwierige, das er sucht Der Sprachphilosoph fragt nach dem Charakteristischen, nach den innersten treibenden Kräften, nach Maass und Richtung der Leistungsfähigkeit Für eine Sammlung solcher Sprachschilderungen würde ich eine Art trichterförmiger Anlage empfehlen: vom Weitesten zu immer Engcrem fort- schreitend, von der Gesammtclasse, z. B. der inoorporirenden amerikanischen, oder dem Stamme, z. B. dem indogermanischen, zu der Einzelfamilie, z. B. der irokesischen, der romanischen, und dann zu den Einzelsprachen. Überall wäre Ihre Aufgaben. . 479 mir das charakteristisch Unterscheidende hervorzuheben; und doch müsste dies in zusammenhängender, lebendig anschaulicher Weise geschehen, bei aller Ver- dichtung durchsichtig. Handelt es sich um einen Sprachstamm, so braucht man nicht zu warten, bis die Historiker die Ursprache reconstruirt haben; sondern es konmit auf die gemeinsame Anlage an, wie sie sich in der Weiter- entwickelung der Familienglieder bekundet haben wird. VI. Capitel. Die allgemeine Grammatik. In der schildernden Darstellung werden die Einzelsprachen und Sprach- familien unter den Gesichtspunkt der allgemeinen Sprachwissenschaft gerückt. Damit wird deren Arbeit vorbereitet, erleichtert, aber nicht gelöst; es wird etwas Fassliches geschaffen, aber noch keine Zusammenfassung. Auf diese aber kommt es an, und zwar dürfte die grammatische noch wichtiger sein, als die lexikalische. Wie immer gelten auch hier die beiden Gesichtspunkte, die wir im ana- lytischen und synthetischen Systeme kennen lernten: die Sprachen wollen synop- tisch, einmal in Rücksicht auf ihre Erscheinungen, und dann in Rücksicht auf ihre Leistungen beurtheilt werden. Es ist aber von vornherein anzunehmen, dass Beides, Form und Leistimgskraft einer Sprache einander einigermassen be- dinge, und dies nachzuweisen wäre dann die dritte, höchste Aufgabe. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass die allgemeine Grammatik alle Theile der Grammatik zu umfassen hat, dass für sie im Wesentlichen das gilt, was ich von der einzelsprachlichen Grammatik gesagt habe. So stelle ich sie mir denn vor als zerfallend in jene drei Haupttheile: den allgemeinen, den ana- lytischen und den synthetischen. Schon das Lautwesen dürfte wichtige Gesichtspunkte liefern. Offenbar ist seine Entwickelung in den einzelnen Sprachen zunächst mit abhängig von der sonstigen Ausbildung der Sprach- und Athmungsorgane, also von der Art ihrer sonstigen Beschäftigung. Hier wird die Geographie ihr Wort zu reden haben; denn Elima und Boden bedingen vor Allem die Art der Nahrung und des Athmens. Allein auch Sitten und Unsitten können mit einschlagen, die Ge- wohnheit, Betel oder Tabak zu kauen, zu schreien oder zu flüstern. Hier mag denn nun auch die nationale Gemüthsart sich äussern: zänkisches oder schwatz- haftes Wesen oder dessen Gegentheil. Wenn ich früher darauf hinwies, wie wichtig mir die Richtimg der Sandhiwirkungen dünkt^ so möchte ich nun weiter fragen: Warum wird der Euphonik hier so viel, dort so wenig Macht gegönnt? 480 rV, VI. Allgemeine Grammatik. Was schützt den Lautbestand der Wörter in seiner Reinheit und Fülle? "Was mochte also seinen Verschliff, was folglich den Agglutinationsprozess befördern? Worauf beruht die schärfere oder losere Articulation , die Freiheit dessen, was ich früher Lautmimik genannt habe? — Es kann und muss geschehen, dass sich an dieser Stelle die Untersuchung in rein Provinzielles vertieft; denn in der That kann sie nur die schärfsten Lautbeobachtungen als Unterlage ge- brauchen. Dafür wird sie aber auch, wenn ihr das Glück hold ist, zu Ergeb- nissen führen, deren Tragweite in dunkele Femen der Sprachen- und Völker- geschichte hineinreicht. Damit wäre mm gleichzeitig ein gutes Stück geschehen zur Vorbereitung des folgenden Abschnittes, der von dem Baue der Sprachen im Allgemeinen handeln würde. Denn wir sahen es: die Art dieses Baues ist mindestens zum Theile von den Schicksalen des Lautwesens abhängig, und die seelischen Mächte, die hier gewirkt haben, müssen auch dort mit thätig gewesen sein. Gingen Laut- verschliff und Agglutination Hand in Hand, so führte weitere Abnutzung der Formativlaute zu neuen analytisch umsohreibenden Formgebilden. Duldete die Articulation nachlässige oder bedeutsame (mimische) Abweichungen in der Aus- sprache, so lag es nahe, diese letzteren im Sprachsysteme nutzbar zu machen. Mochte die Gemüthsart mehr wuchtig, nachdrücklich und zähe, oder mehr auf- wallend, hastig und heftig, oder mochte sie träge und schwächlich sein: immer musste sie zugleich mit der Articulation auch den Sprachbau beeinflussen, vom Stile der Rede bis hinab zur Bildung und Formung der Sätze und Wörter. Es könnte scheinen, als bliebe somit für das analytische System eigentlich nichts übrig, als wäre die Lehre von den Erscheinungen der Sprachen allem Wesentlichen nach schon in jenem zweiten Hauptstücke des allgemeinen Theils enthalten. Ich bin anderer Meinung. Erstens gälte es, die grammatischen Erscheinimgen der Sprachen als solche, also in Rücksicht auf die Erscheinung, zu classificiren und nun festzustellen, welchen Zwecken in den verschiedenen Sprachen und SprachfamUien jene Classen dienen. Es handle sich um die Wortstellung: inwieweit ist sie durch die grammatisch -logischen Beziehungen der Satztheile gebunden, inwieweit ist sie frei, das heisst nur von psychologischen und rhetorischen Bedürfnissen abhängig? Und soweit sie gebunden ist: was bedeuten ihre Erscheinungen? Steht das Subject, das Attribut voran oder nach? u. s. w. Es gelte den Hülfswörteni: wieviele Arten werden der Erscheinung ( — auch der syntaktischen Erscheinung) nach unterschieden, und welchen Zwecken dient jede Art? Es handle sich um die Formativlaute: sind sie prä-, sub- oder infigirt, und welcherlei grammatische Functionen vei-sehen die Prä- und die Suffixe? Endlich: wie steht es mit den inneren Wandelungen der Wörter, Wortstämme und Wurzeln? welcher Art sind sie, und was bedeuten sie? Ihre Einrichtung. 481 Zweitens denke ich mir als Gegenstand dieser Untersuchungen auch das Maass der Regelmässigkeit, die in den einzelnen Sprachen herrscht, imd die Frage, an welchen Stellen die meisten Unregelmässigkeiten erscheinen. Endlich, drittens, müsste alles dies soweit möglich durch die Phasen seiner Entwickelung hindurch verfolgt w^erden. Hier wie überall soll die allgemeine Sprachwissenschaft auch dem Ziele einer allgemeinen Sprachengeschichte zu- streben. Ich bekenne aber auch, dass ich dies Alles doch nur erst in dunkelen Umrissen sehe, das Problem ist nicht wegzustreiten, aber unsere junge Wissen- schaft steht ihm gegenüber, wie ein Einmaleinsschüler, dem man von der Be- rechnung der Kometenbahnen spricht. Jeder Sprache ist ein System, dessen sämmtliche Theile organisch zusammen- hängen und zusammenwirken. Man ahnt, keiner dieser Theile dürfte fehlen oder anders sein, ohne dass das Ganze verändert würde. Es scheint aber auch, als wären in der Sprachphysiognomie gewisse Züge entscheidender als andere. Diese Züge gälte es zu ermitteln; und dann müsste untersucht werden, welche andere Eigenthümlichkeiten regelmässig mit ihnen zusammentreffen. Ich denke au Eigenthüralichkeiten des Wort- und des Satzbaues, an die Bevorzugung oder Verwahrlosung gewisser grammatisclier Kategorien. Ich kann, ich muss mir aber auch denken, dass alles dies zugleich mit dem Lautwesen irgendwie in Wechsel- wirkung stehe. Die Induction, die ich hier verlange, dürfte ungeheuer schwierig sein; und wenn und soweit sie gelingen sollte, wird es scharfen philosophischen Nachdenkens bedürfen, um hinter der Gesetzlichkeit die Gesetze, die wirkenden Mächte zu erkennen. Aber welcher Gewinn wäre es auch, wenn wir einer Sprache auf den Kopf zusagen dürften: Du hast das und das Einzelmerkmal, folglich hast du die und die weiteren Eigenschaften und den und den Gesammt- charakter! — wenn wir, wie es kühne Botaniker wohl versucht haben, aas dem Lindenblatte den Lindenbaum construiren könnten. Dürfte man ein ungoborenes Kind taufen, ich würde den Namen Typologie wählen. Hier sehe ich der allgemeinen Sprachwissenschaft eine Aufgabe gestellt, an deren Lösung sie sich schon mit ihren heutigen Mitteln wagen darf. Hier würde sie Früchte zeitigen, die jenen der sprachgeschichtlichen Forschung an Keife nicht nachstehen, an Erkenn tnisswerthe sie wohl übertreffen sollten. Was man bisher von geistiger Verwandtschaft, von verwandten Zügen stammverschiedener Sprachen geredet hat, das würde hinfort greifbare Gestalt gewinnen, in ziffermässig bestimmten Formeln dargestellt werden; und nun träte das speculative Denken an diese Formeln heran, um das Erfahrungsmässige als ein Noth wendiges zu begreifen. Es war kein Zufall, dass die allgemeine Grammatik von dem Augenblicke an, wo sie den Weg der Induction beschritt, mit Vorliebe einzelne Partien des synthetischen Systemes monographisch behandelte. So wurden bearbeitet: der Dualis (Humboldt), das grammatische Geschlecht (Pott, Fr. Müller, L. Adam), V. d. Gabelentc, Die Sprachwlaaenschaft. 2. Aufl. 31 482 IV, TU. Aligemeine Wortschatzkunde. die quinäre und vigesimale Zählmethode (Pott), das Relativpronomen (Steixthal). das Passivum (EL, C. v. d. QABi-n.ENTz), Intensiva und Iterativa (Q. Oerland) u. s. w. Neuerdings hat Baoul de la Grasserie mit Geist und Geschick eine Reihe fitudes de grammaire coraparöe geliefert. Schon Humboldt aber hat es ausge- sprochen, dass man hierbei immer die Gesammtbeschaffenheit der Sprachen im Auge haben müsse, um die Einzelerscheinung recht zu würdigen und zu erklären. Soviel ich sehe, herrscht in allen diesen Arbeiten der philosophische Ge- sichtspunkt vor: Wie ordnen sich die Kategorien, imd wie ist der menschliche Geist auf sie verfallen? Eine andere Reihe von Fragen ist aber reichlich ebenso wichtig, nur freilich kaum in Monographien zu lösen: Warum herrschen hier diese, dort jene Kategorien vor, fehlen die einen hier ganz, sind andere dafür scheinbar hypertrophisch ausgebildet worden? Um dies zu beantworten, müsste nun wieder die volle geistige Eigenart der Völker und Völkerfamilien, müssten schliesslich Geschichte, Länder- und Völkerkunde mit zur Erklärung herbei- gezogen werden, vor Allem aber auch die Geschichte der Sprachen, soweit sie erreichbar ist. VIL Capitel. Die allgemeine Wortschatzkunde. Die Lehre, von der ich hier zu reden gedenke, ist von der allgemeinen Sprachwissenschaft bisher fast gänzlich vernachlässigt worden. Bei einzelnen Sprachen hat man wohl hervorgehoben, wie sie in ihrem Wortschatze gewisse Vorstellungskategorien bevorzugen, andere benachtheiligen. Besonders gern hat man es ihnen als Fehler angerechnet, wenn sie in bestimmten Fällen nur das Besondere, nicht das Allgemeine auszudrücken wissen, wenn sie z. B. Wörter für älteren Bruder und jüngeren Bruder, aber kein gemeinsames Wort für Bruder haben. Aber das Ganze zu übersehen und es dann mit anderen Ganzen zu ver- gleichen, das hat man noch nicht unternommen, auch nicht wohl imtemehmen können, solange es keine systematisch-encyklopädischen Synonymenwörterbücher der einzelnen Sprachen gab. Offenbar sind solche das erste Erforderniss. Und zwar müssten sie mög- lichst vollständig und zuverlässig sein, — sonst kommen die minder genau er- forschten Sprachen allemal zu kurz. Darin liegt nun eben die Hauptschwierigkeit der Sache. Denn verhältniss- mässig haben doch niu- wenige Sprachen das Glück, so lange, von so Vielen Ihre Aufgaben. 483 und so eingehend erforscht zu werden, dass man ihren Wörterbüchern eine ge- wisse Vollständigkeit zutrauen darf. Und auch wenn diese erreicht ist, wird immer die alphabetische Ordnung bevorzugt bleiben, und der Forscher sieht sich zu endlosem Hin- und Herblättem verurtheilt, wenn er nicht gar erst ein ganz neues Buch nach eigenem Plane herstellen will. So bleibt vielleicht das, was ich hier verlange, in alle Zukunft ein frommer Wunsch. Aber ein berechtigter Wunsch bleibt es darum doch. Die Wort- schöpfung ist nicht weniger eine That des menschlichen Sprachvermögens, als die grammatische Formung der Rede. Letztere allerdings wird mehr von inneren, Erstere mehr von äusseren Mächten bestimmt, — aber das ist eben nur quan- titativ. Auch die äusseren Lebensbedingungen nehmen Antheil an der Ge- staltung des Sprachbaues, und auch die Geistesanlagen eines Volkes müssen sich äussern in der Art, wie es seine Gedankenwelt generalisirend oder speziali- sirend ordnet, und wie es durch Erstreckung und Übertragung der Vorstellungen seine Begriffe zu benennen verstanden hat Denn hier, wie überall, gilt der doppelte Gesichtspunkt des Gedankeninhaltes und der Erscheinung, das ist der Zwecke und der Mittel. Es mag uns mit Stolz erfüllen, wenn wir den Schatz unserer wissenschaftlichen und technischen Ausdrücke mustern: — welches Culturleben! «Es mag unser Mitleid erwecken, wenn wir von den Araukanem lesen, wie fein ihre Sprache alle Abschattungen des Hungers unterscheidet: — welches Elend! Das sind Proben des Gedanken- inhaltes. Aber ohne Zweifel ist es ebenso interessant, zu sehen, woher für diese Fülle der Vorstellungen die Namen genommen wurden. Und an dieser Stelle zeigt sich nun eine zweite, vielleicht noch bedenk- lichere Schwierigkeit Woher die Namen? Das heisst: Welches ist die Ety- mologie? Wir wissen ja nur zu gut, wie wenig wir selbst in unseren best- erforschten Sprachen um die Et^Tuologie wissen. Dafür sehen wir auch, wie schnell die sprachgeschichtliche Forschung auf ihren Lieblingsgebieten vorwärts ringt Sie wird ihr Arbeitsfeld erweitern, ihre Werkzeuge in fernerer Übung schärfen. Was sie dereinst noch aus den Tiefen der Vorzeit zu Tage fördern wird, das ist heute noch nicht zu ahnen. Und in der That ist dessen, was schon jetzt zu Tage liegt, doch recht viel. Eine Menge Zusammensetzungen zerlegen sich ohne Weiteres in ihre Bestand- theile. Und in manchen fremden Sprachstämmen ist die Herkunft der Wörter und Wortformen viel leichter ersichtlich, als in dem unseren. Gleichviel ob ein lebendiges etymologisches Bewusstsein oder ein widerstandskräftiges Laut- wesen die Spuren der Herkunft bewahrt, oder ob ein reges etymologisches Be- dürfniss sich in Volksetymologien Genüge verschafft hat: immer zeigt es sich, wie der Geist die Vorstellungen mit iliren Benennungen in Beziehung setzt, und wie dabei Witz, Phantasie, vielleicht auch platte Dummheit das Wort führt 31» 484 lY, VIII. Allgemeine Wortschatzkunde. Die Objecte der Aussenwelt, die sich in den Geistern spiegeln und in den Sprachen verarbeitet werden, mögen die gleichen sein: so ist doch die Art, wie sie sich in den Geistern spiegeln und wie sie demgemäss in den Sprachen Ausdruck finden, sehr verschieden. „Üie Sonne Homer's, siehe sie leuchtet auch uns." Aber was war sie dem Homer, und was ist sie uns? Was ist sie dem Astronomen, was dem, der sie als seinen Gott anbetet? Was ist sie dem Schiffer, dem Nomaden, dem Jäger, dem Ackerbauer? Und wie mannigfaltige Vorstellungen verbinden wir, je nach Nationalität, Individualität und jeweiliger Stimmung mit den Namen des Hundes, des Rindes, des Fisches oder der Maus, mit „Mann, Weib, Kind, Thier, essen" u. s. w., kurz mit den alltäglichsten Wörtern. Nun leuchtet es wohl ein: nicht weniger bedeutsam, als das zu- sammengesetzte Wort ist die zusammengesetzte Redensart, die Phrase; und dies ist doch fast immer leicht in ihre Bestandtheile zu zerlegen. Verschiebungen kommen ja auch da vor. Statt „langen (= verlangen, sich sehnen) und bangen" sagen heute Viele: „hangen und bangen". Das ist auch eine Art Volks- etymologie, die der Archäologe verwirft. Der Sprachforscher aber soll ebenso gern bei den Lebenden anfragen, wie bei den Todten. Wie der Mensch denkt, das ist zum guten Theile mit davon abhängig, woran und worüber er zu denken pflegt Bestimmt bei ungestörter Entwickehuig die Sprachform durch Mass und Art ihrer Bildsamkeit zugleich mit den Wort- und PhrasenschatÄ, und zwar vorwiegend in quantitativer Hinsicht: so gälte es nunmehr Parallelen zu ziehen zwischen der Qualität des Sprachstoffes und den Formen des Sprachbaues, oder besser, sie beide auf die gemeinsame völker- kundliche Quelle zurückzuführen. Man begreift, wie richtig hierbei jene gramma- tische Statistik wäre, die ich vorhin als Typologie bezeichnete. 485 VIII. Capitel. Schluss. Wir halten noch einmal Eückschau. Die einzelsprachliche Forschung stellte sich die Frage: „Wann und warum reden wir unsere Muttersprache richtig?" Die erste, allgemeinste Antwort lautete: Wir reden dann richtig, wenn wir unsere Muttersprache so sprechen, wie sie von unseren Volks- und Zeitgenossen gesprochen wird. Die Fähigkeit hierzu haben wir durch Erlernung erlangt Dem Erlernten gegenüber aber ist unser Verhalten ein zweifaches: einmal ein rein gedächtnissmässiges, das nichts Besseres kann, als das Gehörte wiederholen: — und zweitens das einer unbewussten Abstraction, vermöge deren wir nach überkommenen Regeln selber schaffen. Wer anders redet, als seine Sprachgenossen, der redet falsch; jede Ver- änderung an und in der Sprache ist zunächst ein Sprachfehler. Aber die Sprachen verändern sich, werden folglich nicht immer, nicht von allen Sprach- genossen richtig gesprochen, und das Fehlerhafte kann Rechtens werden, indem es Anklang und Aufnahme findet. Verhält sich die Sprachgemeinde solchen Neuerungen gegenüber hier so, dort anders, so spaltet sich die Sprache, sie ver- zweigt sich. Diesen Verzweigungen nachzugehen, ist Sache der Sprachen- genealogie oder der äusseren Sprachgeschichte. Die innere Sprachgeschichte hingegen hat die Veränderungen zu verfolgen und systematisch zu ordnen, um sie womöglich zu erklären. Immer ist ihr Gegenstand die Einzelsprache, mag diese sich auch noch so weit verzweigt und noch so arg verändert haben; der Gegenstand der Indogermanistik z. B. ist weiter nichts, als die Geschichte der indogermanischen Ursprache. Darum kann auch die sprachgeschichtliche For- schung von ihrem Standpunkte aus nicht gemeingültige Gesetze aufstellen, sondern nur Formeln, die besagen, von welchen Tendenzen innerhalb des ein- zelnen Sprach- und Zeitgebietes die Veränderungen beherrscht gewesen seien. Offenbar wurzelt Beides, das richtige Sprechen und jene Abweichungen, die den Fortgang der Sprache veranlassen, wurzeln die erhaltenden und die ver- ändernden Mächte in demselben Boden. Offenbar ergreifen sie alle Theile und Seiten der Sprache, das Lautwesen wie den Sprachbau und den Wortschatz, die äussere Erscheinung wie den Bedeutungsinhalt Offenbar aber haben sie in den verschiedenen Sprachen und an deren verschiedenen Theilen nicht gleichmässig und gleichartig gewirkt; und dies zu ermitteln und auf Gesetze zurückzufülu'en, ist Aufgabe der allgemeinen Sprachwissenschaft Wir haben gesehen, dass sie 486 IV, Till. Schluss. dies nur thun kann, indem sie die Gesittung, die Geschichte und die Geistesart der Völker vergleichend herbeizieht, und den Versuch hierzu haben wir in ein paar Fällen, wo er schon jetzt möglich schien, gewagt. Es kann nicht anders sein: Alles muss mit Allem nothwendig zusammen- hängen. Diesen Zusammenhang zu begreifen, ist Ziel' der inductiven Wissen- schaft. Auch unsre Wissenschaft hat dahin zu streben, schliesslich eine Statik und Dynamik zu gewinnen, vermöge deren wir mit gleicher Sicherheit von den Ursachen auf die Wirkungen, wie von den Wirkungen auf die Ursachen folgern. Jene Beziehungen zwischen der geistleiblichen Eigenart der Völker, ihren Schick- salen, Lebensbedingungen und geistigen Anlagen, und ihren Sprachen, jene Be- ziehungen, die wir heute mehr ahnen als nachweisen können: die müssten bis zu völliger Klarheit blossgelegt werden; nichts dürfte mehr zufällig scheinen, nichts unerklärt bleiben. Wir wissen, das ist ein unerreichbares Ideal. Aber wir müssen uns unsere Ziele so hoch stecken, wie möglich. Nicht sie zu erlangen gilt es, sondern ihnen zuzustreben. Der Hinblick auf sie soll uns anspornen, nicht zu hals- brecherischem Wagniss oder flimmernder Phantasterei, sondern zu streng metho- dischem Forschen und zu folgerichtigem Denken. Entmuthigen aber kann und darf er uns am Allerwenigsten. Unsere Wissenschaft ist noch kein Jahrhundert alt, und hat schon herrliche Fortschritte und Errungenschaften aufzuweisen. Das wissen wir. Wir können aber nicht wissen, wieviele Jahrtausende noch dem forschenden Menschengeiste zu weiterer Arbeit vergönnt sein mögen. Register. A in der indogenn. Ursprache 188. Abchasisch, dessen Laute 34. Conjugation 423. Abel, Carl 229, 244, 380. Abendmahl 245. Abfragen fremder Sprachen 68 — 69. Abgrenzung der Sprachgemeinschaften 56. Ablatiyns absolutus 467. Ablaut 200. Ableitung. Abgeleitete Wörter und ver- schiedene grammatische Formen desselben Wortes 121—122. Abschaffen von Ausdrücken 45. Abschattungen, dialektische, sieheDialekt — In den Bedeutungen 100. Absicht. Adverbialsätze der Absicht 104. Absolute Redeform 322. Abstracta. Bildliche Benennung derselben 42—43. Abstraction, unbewusste, bei der Sprach- erlemung 63, 210. Abstumpfung des sprachlichen Gewissens 276. Accent. Die Lehre von ihm in der Gram- matik 87. Wort- und Satzaccent, dessen Einfluss auf die Euphonik 198. Ge- schliffener 200. Accent (französisch ausgesprochen) 34. Accentwandel, Beispiele dafür 212. Accusativ cum Infinitiv 467. Accusativus 102. Aecusativus interjectionis 321. Achsel 236. Activum 102, 459. Activus, casus 102. Adam, Lucien 31. Seine grammatischen Extracte 52. Du parier des hommes etc. dans la langue caralbe 248. Hybridologie, Creolensprachen 279. Über das gramma- tische Geschlecht 481. Adaptationstheorie 180. Adelung, Job. Christoph, Mithridates 28, 31. Adessivus 114. Adjectivum 101. Werth der A^jectiva für den Yerwandtschaftsnachweis 152. A. — Substantivum — Verbum 382—385. Stellung^ des attributiven A. 401. Adnominalcasus llö. Adnominale Attribute 101. Adnominalsätze 104. Adverbiale Attribute 101; — und Objecto 102. A. A. und psychologisches Subject 371—372. Adverbialsätze 104. Adverbien 101. Deutende und fragende 385. Aelius Herodianus 21. Aes, Neutrum, nachwirkend im grammatischen Geschlechte der übrigen lateinischen Metall - namen 237. Affixe, vergl. Formativlaute. Prae-, Sub- und Infixe 349. Lautlicher Gehalt, Arti- culation 436. Afformative 256. Afrika. Lepsius* Hypothese über die gene- alogischen Beziehungen der Sprachen Afrikas- 282. Anscheinende Mischsprachen 406. Agau 160, 282. Agglutination. Etymologisches und mor- phologisches Bewusstsein 124, 384. Be- griff der A. nach Steinthal 337. Wesen der A. 345. Unterabtheilungen 349 flg. Vorwurf der Formlosigkeit 396—397. Werth. für die Beurtheilung der Sprachen 403^ —404. Agglutinationstheorie 180, 255— 258. Er klärung der Unregelmässigkeiten von ihr aus 211. Spiral lauf 255— 258. Vorgeschicht- liche Wortstellungsgesetze 365. Innere Arti- culation 434—436. Agglutinirende Sprachen 122, 349. Aegypter, Erfinder der Buchstabenschrift 18. A e g y p t i s c h 142. Als Koptisch noch Kirchen - 488 Register. spräche 146. Pronomina, Zahlwörter 161. Aeg. als Fonnsprache (nach Steinthal) 386 Femininbildung 240. „Nichtwortige" Sprache 342. Gegensinn der Wörter? 380. Höhere Würdigung der Sprache 389. Aham (sanskrit) — ego 214. Ahn. Dessen grammatische Methode 110. Aehnlichkeit, Wie, als grammatische Kate- gorie 104. Ae. als Merkmal des Verwandt- schaftsgrades 148—149, 159. Ae. der Laute, der Bedeutung als Grund falscher Analogien 211—212. Ae. der Vorstellungen den Be- deutungswandel fördernd 232—234. Ahorn 149, 257, 426. jAin in k verwandelt 314. Aino, Ainy. Isolierte Sprache 147. Im Aus- sterben 261. Vocalismus 408. Aisin 131. Aitom, 149, 257, 426 Akademien, die Sprachen regelnd 1 25— 12(J . Akka 177. Akkader 18, 389. Akra 150, 282. Akustische Mittel der Gedankenmitthei- lung, warum tauglicher als die optischen? 311—312. Akvas avis ka 170. AI—, Arabische Lehnwörter mit al— im Spanischen 266. Alalen 303. AlasI (englisch) 360. Albanesen, Albanesisch, s. Amanten. Aleu tisch 147, 883. Alexandriner, Philologen 21. Algonkin 162. Algonkin- Sprachen Namen des Pferdes 41. Verwandtschaft mit dem Nahuatl ? 147, 152, 172—173. Polysynthetischer Bau 423. Substantiva für Theile oder Beziehungen 441. Congruenz der Tempora und Modi 466. Alif prostheticum, arabisches 157. Alifuru, s. Toumpakewa. Allgemeine Sprachwissenschaft. Ihre Aufgabe 11—12, 302-303. Bücher über sie 48-49, 52, Anm. Allgemeinheit. Ausdrucksformen dafür 9.0. A. und Unbestimmtheit 326. Fähigkeit, die A. zum Ausdrucke zu bringen 446 — 447. Allheit, Ausdrucksformen dafür 95. Alliteration, lautsymbolisch empfunden 220 flg. „Alpdrücken", Albdrücken 127. Alphabetische Anordnung der Wörter- bücher 123—124. Altbaktrisch, Schrift und Transscription 134. Epenthese 199, 401. Altbulgarisch 254. Altersstufen. Die Sprache verschiedener A. 258. Verschiedene Stimmlagen der Men- schen je nach den A. 310 — 311. Althebräisch 111. Altfranzösisch, Lautwandel 192. Altirisch 111. Altitalische Sprachen 114. Altlibysch 160. Altnordisch. Das Passivum auf — sk, — st 241. Der Umlaut 401. Aitpreussisch 114. Ausgestorbene Sprache 146. Altslavisch. Lautwesen 34. Alvarez. Dessen lateinische Grammatik 1043. Ameisen, ob sprachbegabt? 4. Amerika. Sprachen der Ureinwohner, s. Indianersprachen. Amharisch 282. Amtlicher Geschäftsstil 246. „Ana", Nachsilbe, 215 Anähnlichung der Laute 200. Analogie, Wirkung unbewusster Abstraction 63 - 64. In der neueren Indogermanistik 137. Lautgesetz und A. 174, 186—187. A. als sprachgeschichtliche Macht 210 — 212. 211. Falsche A. in der Sprachgesckiefate 251. Analyse des Gedankens in der Sprache 3, 81. Grammatische Analyse der Sprache 92 (vergl. auch analytisches System). A. der grammatischen Beispiele 116. Analytische Sprachen, neu-europäische 393. Analytisches System der Grammatik 86, 88. Hat dem synthetischen voranzugehen 86. Inhalt und Einrichtung 88—93. Vergleich mit dem synthetischen 93 — 94. Anatomie und Sprachwissenschaft 15. Anbildung = Flexion, nach Steinthal 337, A. und Agglutination 351. And amanisch. Classen der Substantiva 442. Andree, Richard, Ethnographische Parallelen und Vergleiche 148. Andrews, L., Grammar of the Hawaiian Language 463. Aneinanderfügung als Verbindung des Stoffes 824. Register. 489 Aneiteum, Aneityum, s. Annatom- Sprache. Anfügende Sprachen, s. Agglutinirende Sprachen. Annamitisch. Schrift 129. Wortaccent 14^. Verwandtschaft mit den kolarischen Sprachen ; Bau 150. Composita auf iek, iet 223. Doppelungsformen 224. Einsilbigkeit und Isolining nicht ursprünglich 255. Chine- sischer Einfluss 271. Den kolarischeu Sprachen verwandt 273. Schwierigkeit der Beurtheilung 426. Annatom-Sprache. Lautwesen 34. Innere Sprachform, Satzbau, conjugirtes Fürwort 151 Lautcongruenz 214. Anomala,s. Unregelmässige Bildungen. Anregung zur Sprachwissenschaft 17. Anschaulichkeit, ein Vorzug der neu- romaniscben Sprachen 183. Eine sprach- geschichtliche Macht 185. Streben nach A , zu periphrastischen Formen führend 239—241. Anschauungder Anschauung, innere Sprach- form, Vorstellungen 335. Ansprache, Gegensatz zur Deklamation 318 Anstandswerte der Ausdrücke, Einfluss auf den Bedeutungswandel 235. Ansteckung, sprachliche, s. Sprach- mischung. „Anstehen" 232. Anstrengung der Sprachorgane, besondere, die Laute umgestaltend 183. Anthropologie und Sprachwissenschaft 13 Inwieweit Leibes- und Geistesart auf Sprach- ver\«'andtschaft schliessen lasse? 147 — 148. Einfluss der amerikanischen Schule auf die Sprachwissenschaft 159. Anthropomorphisirung in der Sprache 2. Anti (Campa\ Unsichere Articulation J94. Anticipation im Lautwesen, Congruenz u. s. w. 401-403. Antithese, s. Gegensatz. Anubandhas 119. Aorist 114, A. im Germanischen verloren ge- gangen 253. Apellativum 307. Aphaeresis 201. Aphoristische Redeweise 464 — 465. Apokope 201. Apollonios Dyskolos 21. Appendices der Grammatik 106—107. Apposition 101. Ergänzung der elliptischen Rede durch eine Art A. 375. Arabisch. Vocalismus und Rliythmus 92 — 93. Die fünfzehn Conjugationen 116. Das typische fa^ala 1 17. Die a. Schrift bei Türken, Persem und Malaien 129. Das Alif pro- stheticum 157. Gutturale, Abneigung gegen Consonantenhäufungen 197. Femininbildung 240. Einfluss auf andere Sprachen 271. Aegyptisches Vulgär -A. 276 Genealogie 282. Consonantisraus400 Wörter für Farben und Gebrechen 411. Objectivconjugation 460. Congruenz der Tempora und Modi 466. Arakanisch 149, '^bl. Araukanisch. Ausdrücke für .,hungern** 482. Arawakisch 248. Arbeit, gemeinsame Arbeit und Sprachver- mögen oOJJ. Archaismen 107. Berücksichtigung in der einzelsprachlichen Forschung 125 — 127. Argot 45. Arische Sprachen im engeren Sinnne, s. Indisch-iranische Sprachen. Aristokratiein der Sprachgeschichte249_250. Aristoteles, sein Verdienst um die Gram- matik 20. Armbrust 267. Armenisch 256. Armuth der Sprachen, scheinbare und wirk- liche 40G flg. Amanten, Nachkommen der Pelasger? 146. Arnautisch 256. Suffigirte Artikel 273. Arowaken 390. Art und Weise. Adverbiale Bestimmungen der — 101. Artentheilung, sprachliche 15. Articulation, deren Begriff 4 flg. Schärfe der A., verschiedenes Verhalten der Sprachen in dieser Hinsicht 34. Mangelhafte A. aus Bequemlichkeit 181 — 182. Normale, flüchtige, übertreibende, Einfluss auf die Gestaltung des Lautwesens 183. Bevorzugung und Ver- wahrlosung in derselben 20j. Einfluss der Stimmung, Stimmungsmimik 376 — 380. Innere A. 4:32—437. Artikel, bestimmter, der sinnlichen Anschau- lichkeit dienend 415 — 416. Aschanti 150, 282. Assimilation der Laute 37—38. Association, vgl. Abstraction, Analogie. — A der Vorstellungen 43—44. Assonanz, lautsymbolisch empfunden 220 flg. 490 RegiRter. Assyrer, ihre sprachkundlichen Arbeiten 18. Aesthetik. IlirEinfluss auf die Grammatik 95. Aesthetisches Verhalten der zuerlemen- den fremden Sprache gegenüber 83 — 84. Athapaskische Sprachen 405, 423. Aethiopisch. Hamitische Sprache 160. Griechische Einflüsse 272. Possessive Con- jugation 391. Athmung und Tonerzeugung 225. Attribute, adnominale und adverbiale 101, 462. Stellung voran oder nach J49, A. und Prädicate 451—459. Attributivprädicate 458. Auch 103. Auer, J. G., Elements of the Gedebo Lan- guage 379. ^u§>6) geistiges, Uebung desselben 32. Aeusserung desselben in der Sprache 325. Ausdrucksfähigkeit der Sprache und Ausdrucksbedürfniss 394. Ausführlichkeit der Grammatik 112. Ausnahmen, ünregelmässige Formen 64. A. gegen die Lautgesetze 141, 187—209. Ausruf, ausrufende Rede 319 flg. Formloser 345, 360. Inhalt des A. in der Ursprache und den jetzigen Sprachen 349. Ausrufsätze 103, 321. Ausschliesslichkeit, s. Nur. Aussprache (vgl Laute\ Schwankungen 33 — 34. Gleichberechtigte mundartliche 125^126. Aenderungen in der A., gleiche und verschiedene A. 184, 245. Gezierte 187. Einathmende A. 225. Ausspracheweise, Stimmungsmimik 376 —380. Aussterben von Sprachen und Mundarten 146, 260—261. Austausch der Sprache = Ausgleichung 259. Vgl. Sprachmischung. Australische Sprachen 142. Den kola- rischen verwandt? 147, 152, 281. Casus activo-instrumentalis und neutro - passivus 151. Unsichere Articulation 194. Suffi- girender Bau 349. Sprachverwandtschaft? 280. Schwierigkeit, ihren Werth zu be- stimmen 425. Die verheiratheten Weiber behalten auch im fremden Volke ihre Mutter- sprache bei 428. Auszug aus der Grammatik 108. Autochthonen und ihre Sprachen 143. AymarÄ 389. Azteken 889; ihre Schrift 131. B. B aar da, M. J. van, 475. Babyloniscber Thurm 386. Bachstelze 216. Bacon, Francis 15, 158. Bagrima, Baghirmi 208, 282. Bahuvrthi-Composita 357. Bakairf- Sprache, Unsichere Articulation 194. Bambara 150, 282. Bantusprachen. Lautwesen 34. Verbrei- tung 142. I^- und suffigirender Bau 149. Entferntere Verwandte? 150. Substanti- vische Classen 150. Lepsins' Hypothese 282. Gleiche Denkgewohnheiten 293. „Nicht- wortige" Sprachen 342. Congruenzgesetz 390. Sprachbau und Volkscharakter 420. Unterscheidung der Redetheile 440. Prä- dicativer Satzbau 453. Satzverknüpfung 465. Congruenz der Tempora und Modi 466. — bar 122. Barea 160, 282. Bari 282. Barmanisch, dessen Bau 149, 257. Innere Sprachform 151. Attributiver Satzbau 453. Barth, Heinr. 69. Barth, J. 160, 411. Baskisch 54, 102, 299, 301, 383. Lautgeseue 190, 193. Euphonische Einschiebsel 202. Höflichkeitsformen 246. Einengung des Ge- bietes 146. Genitiv und Ai^ectivum 455. Baskische Wurzeln im I3 Cochinchinesisch ^Khmßr) 273. Codrington, R. H., The Melanesian Lan- guages 141, 280. Colcbrooke, Sanskrit-Grammatik 26. Collectaneen 68. Deren Anlegung und Führung 77—79. Deren l*rüfung und Ord- nung 79—80. C. zur Sprachenvergleichung: lexikalische 16»>— 167, phonologische, gram- matische 168. Comparativ 103. Composita 122, Composition, s. Zu- sammensetzung. Fähigkeit einzelner Sprachen zu deren Bildung 236. Syntak- tische 359. Composition und Isolation 346. Concessivsätze. Verschiedene Formen der- selben im Deutschen 98. Concessivverhältnisse 104. Confucius, seine Lehre in Japan 24. Congenialität einer fremden Sprache gegen- über 84. Congruenz, falsche 214. Bedeutsamkeit für die Werthbestimmung der Sprachen 3i'0. Vorgreifende C. 402. C. in den Bantu- sprachen 420 — 421. C. der Tempora und Modi im zusammengesetzten Satze 465. Conjugation, possessive und prädicative 391, 460. Bedeutung für die Sprachform 339. Conjunctionen 104. C. und Satzbau 4l8- Satz verknüpfende C. 46ü flg. Construction, Fallen aus der C. 43, 182. Einfiuss der C. auf den Bedeutungswandel 234—236. Coordination 101. C. der Sätze 104. Übliche C, den Bedeutungswandel beein- flussend 234—236. Copula 102. cor 186. Cordova, J. de, 194. Cornisch, ausgestorben 146. Cornwall, keltische Sprachinsel 146. Correctheit, s. Richtigkeit. Creolensprache 158, 1^2, 279. Culturerwerb veranlasst Neubildungen von Begriffen 231. Culturge wachse. Deren Namen in den europäischen Sprachen 297. Cultursprachen, junge, durch Akademien geregelt 126. C. scheiden sich in Standes- sprachen 288. Welche sind es? 388—389. Culturvölker erweitern den Begriff der Sprachgemeinschaft 57 — 58. Culturwerth der Sprachen und Völker 388—389. Cultus. Ausdrücke des C. 107. Cursorische Leetüre bei der Spracli- erlernung 78. Cursus, grammatische 111. Curtius, Georg 30. Wurzeletymologie 252 Cushing, J. N., 224. Czechisch. Tonfall 34, 431. Mangel des dicken l 260. Beständigkeit der Sprache 42S. Dame im Schachspiel, deren Name 268. Dänisch. Graasmyge 216. Dankali 160, 282, 307. Darwin, Charles 15. Dativus 102. Partikeln und Affixe mit d oder t 153. Dayak- Sprache. Archaismen in den Dich- tungen 107. Unsichere Articulation li'4. „Nichtwortige" Sprache 342. Einfachheit des Baues 349. Verlegung des Plurals in das Verbum 446. Declamation 315. Defectivsy Stern in den indogermanischen und anderen Sprachen 352, 398, 400. In den semitischen Sprachen 4:^0. Definition, grammatische, Wort- und Sach- def. 1. — der Wörter und grammatischen Formen im Gegensatze zu Übersetzungen 47-4ö. Defter — ÖKpi^i^a 264. Delaware, s. Lenape. Delbrück, Einleitung in das Sprachstudium 171, 180. Die indogerman. Verwandtschafts- namen 294. Denken, Begriff desselben \JÜg, — und Sprechen, gleichzeitiges Verhalten Beider 43 — 44. Gegenseitige Förderung Beider 312. D. als Stoff der Rede 324. Denkgewohnheiten, individuell und natio- nal verschieden 44, individuelle, äussern sich in Sprachgewohnheiten 98—99, 150. D.und grammatische Kategorien 253. Rassen- weise gleichmässige 293. Einfluss auf die Wortstellungsgesetze 372; — auf die Be- tonung 376; — auf die Bildung gramma- tischer Redetheile 382. Worauf können sich die D. richten? 428. Denkvermögen verleiht der Sprache Forma- lität 329. 494 Register. Denominatio fit a potiori 56. DenominatiTum 102. Dentale 36. Unorganische im Deutschen, Holländischen. Malaiscben, Mafoor 201. Deprecativus, modus 114. Deutlichkeit als sprachgeschichtliche Macht 181—185. Verdeutlichungen, den Bedeu- tungswandel beeinflussend 230—243. Deutsche Dialekte 284flg. Baltisch, dessen Tonfall c4. Thüringisch, das Singen 34. Niederrheinisch: Lautverschiebung 189. „derschlagen , derzählen" 201. Conjugirte Conjunctionen 214, 398. Ostseeprovinzen, Einfluss des Esthnischen und Lettischen 269. Ostpreussischer : Diminutiva 218. Alten- burgischer: „meech, halch" 284. Sieben- bürgische 286. Obersächsisch: „lemen'^316. Dgl. Stimmungsmimik in der Lautbildung 378. Tempora und Modalausdrücke in den süddeutschen D. 431. Deutsche Sprache. Vorherrschen von e und n 31. Wortstellungsgesetze 63. Gleich- berechtigte Ausspracheweisen, Provinzialis- men und Archaismen 125 — 127. Die Ortho- graphie 132—133. Umlaut 199. Plural- doubletten 254. In Amerika 261—262. Französische und englische Lehnwörter 264. Kosenamen 277—278. Der Umlaut 401. Wörter mit zweifachen Pluralen 444. Stellung des Verbum finitum 429. Bildung zusammen- gesetzter Sätze, Einschachtelung 467—469. Deutschrussen, ihre Mehrsprachigkeit 70. deva 186. AiaßoXoq 230. Dialekt und Sprache, Haupt- und Unter- dialekte 54 — 58. Mischungen der Dialekte 177, 273—277. Schichtung verschiedener Dialekte in einem Individuum 269. Dialekt- forschung 283—287. Dicere, zeigen 153. Didaktische Grammatiken 113. Diez, F , Grammatik der romanischen Sprachen 173. Differenzirung der Bedeutung 100. Bei Formdoubletten 254. Vgl. Entähnlichung. Diminutiva, die ursprünglichen Namen der Dinge verdrängend 242. D. als Formungen 324. Im Italienischen und Spanischen 445. Ding — Eigenschaft, Zustand, Bethätigung 381 flg., 463 flg. Dinka 282. Donner, 0. 294. Doppelformen, s. Doubletten. Doppelsinn, Euphemismus und Zote 248. Doppelung in Onomatopöien der mensch- lichen Ursprache 255, 314. D. als ursprüng- liche Form 326. Doubletten. Entähnlichung der Bedeutung bei Doubletten 238. Gleichwerthige Wörter infolge unsicherer Articulation 195. Gleich- werthige grammatische Formen 254. Wörter gleicher Herkunft, aber verschiedener Laut- form in derselben Sprache 266—267, 276. Dialektische 285. Dr&vidische Sprachen, suf figirend 29, 142, 149, 349. Dentale und Cerebrale 269. Sufflgirender Bau 349. Vocalharmonie 402. Schwierigkeit der Beurtheilung 281, 426. Du. Ich und Du 2. In der Ehe 306. Du und Weib durch die gleichen Laute ausge- drückt 306. Das Du bei der Rede 318. Dualis im Schwinden begriffen 254, 393. Dubec. Ursprung des Wortes 41. Ducken — tauchen 267. Duke of York Island 165. Durchdringung, gegenseitige der Stoife, als Verbindung 324. Dur et, Claude, Thresor des langues etc. 27. Dvandva-Composita 114, 359. E. E in der indogermanischen Ursprache 186. Efik 282. Egede, P., Grammatik 248. Ego — aham 214. Eigennamen 107. Eigenschaft und Ding 381, 453 flg. Ein Tager vierzehn, ein Stücker zwanzig u. s. w. 60. Einathmen im Sprechen, einathmende Aus- sprache 225. Eindringlichkeit als sprachgeschichtliehe Macht 185. Einfälle, als Grundlage sprachgeschichtlicher Forschung 289. Einheit oder Mehrheit des Menschen- geschlechts und der Sprachen 62, 143» 395. Einschachtelung im deutschen Satzbaue 468 flg. Einschiebsel, euphonische 202. Einschliesslichkeit, s. Auch, Noch. Einsylbigkeit schlechthin, nicht noth- wendiger Urzustand der menschlichen Sprache 255, 314. Register. 495 EinTerleibende Sprachen 354—359, 460. Einzahl, Singular 101. Einzelsprachen, als Gegenstand der Sprach- wissenschaft 8. E. u. Sprachwissenschaft 49—50. Ihre Zahl und ihr Umfang 54—58- Deren Werthbestimmung 428. Ihre Er- forschung 75- 80. Ziel der Erforschung 76. Grammatik 81—82. Einzelsprachliche Forschung. Ihre Auf- gaben und Grenzen 8—9; 58—61. Wichtig- keit der Sprachgeschichte in ihr 60. Ver- hältnis zur Sprachgeschichte 140. Neue Fassung ihres Problems 209. Einzelvorstellung 325. Eitelkeit und Sprachschöpfung 245, 309. Elativus 114. *EX€tjfioavvri 231. Elementarb fleh er, grammatische 108 — 109. Elementarmethode in der Grammatik 112. Elephant, bos libycus 41. Ellipsen 101. In der Wortschöpfung und Bedeutungsänderung 238. In der Classi- fication der Redeformen 321. Voraus- setzungen der E. 867—368. Empfindungen. E. als erste Anlässe zur Stimmäusserung 312. Empfindungslaute als Ausnahmen von den Lautgesetzen 208 — 209. In der mensch- lichen Ursprache und den jetzigen Sprachen 365. £n CO unter Bay, Sprache 102. Encyklopädie. Encyklopädisches Wörter- buch einer Sprache 123 — 124. Englisch. Laute und Stellung der Sprach- organe 34, 36. Orthographie 133. Schwund des pron. 2. pers. sing. 152. Germanische Grundlage 158. Neigung zur Lautverflüchti- gung 207. S statt — th als Endung der 3. pers. sing. 213. To want «. wünschen 222. Periphrastisches Verbum mit to do 239. Prüderie 249. Das grammatische Geschlecht 254. Analytischer Bau 257. Hülfsverbuni to will 316. Angelsächsische Suftixformen 348. Betonung, Verba und Nomina unter- scheidend 379. To be doing 384. ürtheile über das E. 393. Aneignungskraft 429. Mischsprache 406. Wortverstümmelungen 433. Genitiv des Subjects mit Verbalnomen auf — ing 467. Sozial -Modalität 474—475. Enklitische Wörter 348—349. Entähnlichung der Laute 200. E. der Be- deutungen 238—239. Entdeckung von Sprachverwandtschaften. Zufall und Methode 144—145. Entlehnung. Uebertragung von Namen auf neue Vorstellungen 40—43. E. in der Laut- geschichte 186. E. von Wörtern 262—268. E. von Redeweisen und Stilformen 270 — 273. Entwickelung, sprachgeschichtliche, deren Erkenntnisquellen 175. E , freie, im Gegen- satze zu äusseren Beeinflussungen 178. An- geblich aufsteigende 415. Entzifferung 28, 74. Epenthese im Zend 199, 401. Epidemien, sprachliche 274.. *Enlaxo7iog 231. Erfahrungswissenschaft, die Sprach- wissenschaft als solche 10 — 11. Erforschung und Erlernung 75. Erlernung der Sprachen zu praktischen Zwecken 7, 16. Deren Nothwendigkeit für den Sprachforscher 50 ff. Jede Sprache wird durch £. angeeignet 61. Erman, Ad. 160 Anm. Eroberer und Unterjochte, ihr sprachlicher Verkehr 182, 260. Ersatzdehnung 200. Ersatzwörter: Pronomina, Proadverbien, Pro verba u. s. w. 101. Erscheinung. Die Sprache als zu deutende E. 84—85 (vergl. analytisches System) Erweiterung der Bedeutungen, s. Be- deutungswandel. Erweiterung der Satztheile 101. Erziehung, zwei- oder mehrsprachliche der Kinder 70. Eskimo-Sprache 426. Esthen, ihre Rasse 147. Geistige Begabung 389. Esthnisch, gepflegt und doch gefährdet 146. Vokalharmonie 403. Ethik, ihr Antheil an der Formung der Sprache 95. Ethnographie und Sprachwissenschaft 14. Inwieweit sie die Vermuthung einer Sprach- verwandtschaft begründen könne? 148. Etiquette, gesellschaftliche, ihrEinfluss auf die Grammatik 95, 246. Etrnskisch, ausgestorbene Sprache 146. Etruskische Wurzeln im Latein 251. Etymologie kann im Sprachbewusstsein schwinden oder verschoben werden 60 — 61. E. als Erkenntnissgrund der Synonymik 100. E. als Grundlage eines Wörterbuches 123-124, 49G Register. 179. E. als Theil der geschichtlichen Sprach- forschung 179—181. Bewusstsein der E wirkt laut- erhaltend 20J. Etymologisches Bedürfniss 214—218. Die E. und das laut- symbolische Gefühl 218—225. Falsche E., Einfluss auf die grammatische Behandlung der Wörter 225. Wurzeln 295— 297. E. und innere Sprachform 328—334,336,344. Be- deutsamkeit für die Werthbestimmung der Sprachen 395—398, 437. Wichtigkeit für eine allgemeine Wortschatzkunde 482—483. Etymologisches Bedürfniss als sprach- geschichtliche Macht 215 — 218. In den indo- germanischen und in agglutinirenden Sprachen 403. Etymologisches Bewusstsein 401. Etymolog y, BegriflF des Wortes bei den Engländern 179. Euphemismen und Zoten 218—249. Euphonik. Sandhi 196-205. Euphonischer Zuwachs der Wörter 157. Evolutionstheorie 216. Ewhe, Ewe 150, 282. Genitiv und A^jecti- vum 455. Exclusivität, 8. Nur. Exercitien im Sprachunterrichte 72 Explosivlaute, vocallose, von der Natur vorgebildet 314. Extemporalien im Sprachunterrichte 72. Eys, J. W. van, 193, 202. F. F, bilabiales und labiodentales im Deutschen 188. FabriciuB, 0. Grammatik 248. Factivum 102. Fady 245. Faidherbe, General 32, 69. Fajala, in der arabischen Grammatik para- digmatisch verwendet 117. Falascha 282. Familie, Familienleben. Einfluss auf die Sprachschöpfung 306. F. und Clan 307. Fehlerlose Sprache im Sinne des Sprach- forschers G2. Fetisch 315. Feuerländer 187. Fick, A., Etymologisches Wörterbuch 293. Die ehemalige Spracheinheit etc. 294. Seine Etymologien 295. Fidschi: 280 faka Praefix und selbständiges Verbum 350. Finnen, ihre Rasse 1 47. Blondes Haar 20o. Geistige Begabung 389. Finnisch, gepflegt und doch gefährdet 146. Finnische Wurzeln im Germanischen 251. Germanische Lehnwörter 266. Agglutinirendc oder scheinwortige Sprache 342. Finnische Sprachen. Tonfall 34. Stein- thal's Urtheil über sie 33«). Epenthese 40 J Wandel im Stamm vokalismus 434. Ad- verbiale und adnominale Casus 462. Finnisch-ugrische Sprachen. Vocalhar- monie 148— 149. Accent2l2. Schärfung35i^ Finno-tatarische Sprachen, s. Ural- altaische Sprachen. Fiotessprache 397. Firlinger, v. 196. Flectirende Sprachenklasse 354. Flexion, Anbildung nach Steinthal 337. Die 8. g. Flexion der indogermanischen Sprachen 351—352, 389, 398-401. Florentiner Mundart und Lateinisch 192 Fläche, als Ausdruck der Versicherung Ibo. Euphemistisch abgeändert 249. Fl ü c h t i g k e i t als sprachgeschichtliche Macht 183. „Flügel" 232. Folgerichtigkeit in der Lautverschiebung 191. Form der Rede, Sprachform 327 flg. Innere 327—345. Aeussere 345 flg. Formati vi aute. Deren Stellung in der Grammatik 88. Ihr Werth für den Ver- wandtschaftsnachweis 153. Umladung der F. 214. Ihre Entstehung aus selbständigen Wörtern, s. Agglutinationstheorie. — Schwund in Contactsprachen 407. Formdoubl etten sich in der Bedeutung diflFerenzirend 254. Ursprüngliche 361. Formen, grammatische, periphrastisch durch Zusammensetzung entstanden i^vgl. auch Agglutinationstheorie) 241. F. der Rede 320-323. Ursprüngliche F. 326. Ver- schliff 437. Formenmittel 104. F. begreifen Mittel der Wort- und der Formenbildung in sich 122. Tonhöhe, Tonbiegung, Rhythmus, Pausen als grammatische F. 450 — 451. Formensinn der Sprachen 394. Formeln, graphische, zur Darstellung gram- matischer Lehrsätze 116 — 119. Religiöse, rechtliche und sonstige solenne, den Sprach- gebrauch beeinflussend 245. Register. 497 Formenbildung, Formenlehre, ob im Sprachbewusstsein yon der Wortbildung unterschieden? 122. Formkategorien 852. Formlosigkeit der Sprachen (Stein thal) 337 flg. (Fr. Müller) 338. Vorwurf der F. 364. Angebliche F. 393. Formosa 147. Formprinzip der Sprache 17. Formsprachen 342, 388. Formung, Verbindung, Gliederung 324. Formungs trieb in der Sprache 360 — 365, 394. Formwurzeln nach Fr. Müller 338. Forschungsreisen de, linguistische 69. Forster, Sanskrit-Grammatjk 26. Fortsetzung als syntaktische Kategorie 104. Frage. Formen der Fr. im Deutschen 96. Rhetorische Fr., statt der versichernden Rede 183, 244. Seelischer Thatbestand der Fr. 310. Fragende Rede 319. Fragesätze 103. Die zwei Arten derselben 468—469. Fränkisch (Dialekt) und Holländisch 159. Französisch. Inversionen 103, 370, 371. Die Akademie und die Belletristik 126. Orthographie 132. Fr. auf Hayti 147. Nasale 148. Neigung zur Lautverflüchtigung 207. Lautsjmbolisch anmuthende Wörter 219. Uebertreibende Ausdrücke 243. Deutsche Lehnwörter 264. Doubletten von verschie- dener Lautform 267. Die Dame im Schach- spiele 268. Kosenamen 278. Fr. auf Hayti 293. cinq. 298. Lateinische Suffixformen 348. Tempora der Vergangenheit 430. Eine Uebereinstimmung mit dem Arabischen 441. Ausdrucksffihigkeit 446. Stellung der attri- butiven Adjectiva 457. Soziale Modalität 475. Freiheit im Gebrauche der Sprache 234 — 239, 386. Fremdwörter, s. Lehnwörter. „Frug" statt: fragte 186. Fulbe, s. Pul. Functionslehre als Gegenstand der allge- meinen Grammatik 480. Furcht, das Leblose belebend und beseelend 315. Fürwörter, Ersatzwörter 101. Futurum, vgl. Vorhaben 103. F. der neuromanischen Sprachen 159, 348. y. d. Gabelentx, Die Sprachwissenschaft. 2. Aufl. 6. Gabelentz, Hans Conen von der 30, 49» „Die melanesischen Sprachen*' 74, 151, 280^ 406. Seine grammatische Kunst 112. Tschero- kesische Grammatik 358. „lieber das Passi- vum'' 327. Beurtheilung von Sprachen 427. üeber das Passivum 481. Galela 391, soziale Modalität 475. Galibi 248. Galla- Sprache 142, 282, 307. Pronomina,. Zahlwörter 160—161. Gallicismen, syntaktische, im Deutschen 243, 272. Gate (ital., span.) — catus 190. Gatschet, A. S. 194, 423. Gauch — Kukuk 208. Gaunersprachen 45. Hebräische Elemente in der deutschen, deutsche in der spanischen 288, 289. Gaussin, P. L. J. B., Du dialecte de Tahiti 463. Gazelle-Halbinsel, Neu-Pommem 165. Geberdensprache 2, 311. Gebietende Rede 319 flg. Gebrauch wirkt erhaltend aber auch ab- nutzend 182. Gedächtniss, dessen Antheil bei der Sprach- erlemung 63 — 64. Gedanke, s. Denken. Gedankenverkehr alsZweck derSprache55. Gedebo, s. Grebo. Ge^ez 282, s. Aethiopisch. Geflügelte Worte 45. Gegensatz bei der sprachwissenschaftlichen Induction 48. G. in der Synonymik 100. Gegensinn 244, 381. Gehör und Gesicht Warum Ersteres besser für die sprachliche Mittheilung geeignet? 312. Gehörseindrücke, alphabetisch wieder- gegeben 299. Geist, naiver — logisch geschulter 39. Geistes* art der Sprachen und Völker, s. Sprach - würderung. Gemeinsinn 307. G e m ü t h , dessen Perspective entscheidend bei der Classification der Aussenwelt 307. G. und Stimmungsmimik 378. Antheil an der Formung der Rede, psychologische Modalität 472—474. Gemüthsznstände. Bildliche Benennung derselben 43. 32 498 Register. Genealogisch - historische Sprach- wissenschaft (Vgl. Sprachgeschichte). Ihre Aufgaben 9 — 10. Ob ^» Sprachwissenschaft überhaupt? 11. Ihr Gegenstand 135 — 145. Unterschied von der einzelsprachlichen Forschung 138—142. Generationen. Die Sprache verschiedener G. 258, 284. Genitiv US 101. Lateinischer, griechischer deutscher 115. Partikeln und Affixe mit n 163. G. partitivns als Objectscasus 462. Zweierlei G. in den polynesischen Sprachen 463. G. absoluttts 467. Genus verbi. Lehre davon im synthetischen Systeme 101. Geographie. Inwieweit sie eine Vermuthung der Sprachverwandtschaft begründe? 146 -147. Georgisch. I^utwesen 34. Geräthe nach Thieren benannt 41. Gerben. Ursprüngliche Bedeutung des Wortes 229. Gerland, Gg. Intensiva und Iterativa 481. Germania, spanische Gaunersprache 288. Germanische Sprachen. Lautwandelgesetze 192. Eigenthümlichkeit ihrer Lautentwicke- lung: übertriebene Articulation 183. Deren Charakter 178. Spaltung des th in ein hartes und ein weiches 190. Das — st der 2. pers. sing. 203. Das Imperfectum der schwachen Verba 241. Verlust von Prae- teritformen 253—254. Infix -r-, -1-, ein Irrlicht 292. Stellung des Adjectivums hinter, statt vor das Substantivum 457. Gerundien. Satz verknüpf ung durch G. 466. Gesammtvorstellung 325. Gesang und Sprache 309—310, 311. Geschäftssprache 184. Geschichte und Sprachwissenschaft 13. Ge- schichtliche Einflüsse auf den Culturwerth der Völker und Sprachen 395. Geschlecht, grammatisches 150, 390. Deutet auf das zu ergänzende Substantivum 237. Schwund des grammat. G. 254. Natürliches G. 331. Zähigkeit, mit der es sich behauptet 364. Werth desselben 391. Geschlechtstrieb des Menschen, an keine bestimmten Zeiten gebunden 306. Geschmack, nationaler, und Stil 105—106. Geschöpf 235. Geschwätzigkeit 309, 472. Gesenius, Wörterbuch 410. Gesetz in der Sprache. Möglichkeit — Regel — G. 385—387. Gesichtskreis, geistiger 325. Gesittung, nationale, und Sprache 17. In- wieweit sie eine Vermuthung für Sprach- verwandtschaft begründen könne? 148. Gesprächigkeit 473. Gesten, als Verständigungsmittel 67. Gewichtswesen 107. Gewissen, Sprachliches G. 248. Dessen Ab - stumpfung 276. Gewohnheiten in der Sprache 39, 182. G. werden zu Regeln 382 flg. Ghat 160. Gickel — Kikeriki 208. Giljäkisch 147. Gleichartigkeit der grammatischen Er- scheinungen im Sinne der Einzelsprache 90. Gleichheit als grammatische Kategorie: „wie" 103. Gleichklanggefühl 227. Gleichmass, lautliches, das etymologische GefQhl beeinflussend 214—216. Gleichniss s. Vergleich. Gl. vom ver- lorenen Sohne, als Probetext 106. Einfluss des Gl. auf den Bedeutungswandel der Wörter 234. Gliederung als Merkmal der menschlichen Sprache 3, 5, 310, 346. Gl. des Stoffes in der Rede 324. Gröbere oder feinere im Satze 451—446. Glossarien 111 flg Glottik, s. Sprachwissenschaft Goajiren 390. Gotisch 111. G. in der Krim, ausgestorben 146. Gottscher Mundart im Aussterben 146. Grade der Sprachverwandtschaft, s. Ver- wandtschaftsgrade. Grammatik >»» Lehre vom Sprachbaue 81. Einzelsprachliche 81—121. Selbstschilde- rung. Selbsanalyse 82 — 83. Die beiden Systeme, das analytische und das synthe- tische 84—86. Prolegomena 86—88. Das Minimum einer Gr. 385. Allgemeine Gr. 479—482. Grammatiken, philosophische oder allge- meine 10 — 11. Missbrftuchliche Zugrunde- legung der lateinischen 25^ 52, 91, 105. Schulgrammatiken, deren Verstösse gegen System und Methode 81 — 82. Keine ^nche ohne Gr. 84. Gemischte Systeme 91—92. Register. 4e9 Systematische — methodische 109 — 110. Vollständige Gr. — Elementarbücher 110 —113. Kritische — didaktische 113—114. Die Beispiele 116. Paradigmen und Formeln 116—119. Verhäitniss zum Wörterbuch 122 — 123. Neuere indogermanische, ver- nachlässigen die Syntax 137 — 138. Ver- gleichende der indogermanischen Sprachen von Bopp, Schleicher und Brugmann 170 — 173. Gr. als Grundlagen zur Beurtheilung der Sprachen 406, 450, 471. Grammatiker. Arabische 21. Indische 22 — ^23. Japanische 24. Erfordernisse eines Gr. 81—82. Sprache des Gr. eine Zufällig- keit 88, 120—121. Grasmücke 216. Grasserie, R. dela31, £tudes de grammaire compar^e 481. Grebo 150, 282. 326. Unterscheidung der Pronomina 1. und 2. Person durch die Be- tonung379. Conjugation391. Innere Flexion 434- Genitiv und Adjectivum 455. Gregorio, A.de,Cennidiglottologiabantu283. Grenzen der Sprachgemeinschaften 56 — 58. Greve (italienisch) — grave 222. Gräzel, Dictionnaire futunien-fran^is 463. Griechen, fehlende Neigung zu sprachwissen- schaftlicher Arbeit 20. Entdeckung gram- matischer Kategorien 20, 113. G ri ech i seh , zur Bildung neuer Benennungen verwendet 230. No/jioc, nixxaxtov^ önp^iga in andere Sprachen übergegangen 264. Be- tonung 379. Grimm, Jacob, Deutsche Grammatik 27, 31, 122. Jacob und Wilhelm, ihr Wirken 173. Urtheil über das Englische 393. Grönländisch. Weibersprache 248. Ein- verleibende oder satzwortige Sprache 342. Suffigirend349. Genitiv und Adjectivum 455. Grosstädte, Brutstätten neuer Ausdrücke 45. Grotefend, G. Fr, Keilschriftentziiferung 28. Grouth, L., Grammar of the Zulu 421. „Grün" 232. Grund. Adverbialsätze des Gr. 104. Grusinisch, s. Georgisch. Guarani (= Tupi). Formenbildung 328, 423. Guineaküste. Sprachen 150. Gutturale 36, 148, 197. Guyard über die sumero-akkadische Sprache 389. Gyarmathy, S., seine grammatische Sprach- vergleichung 26. Gyarung 157. Gymnastik der Sprachorgane 35 — 88. H. H aspir^ 196. Hal^vy über die sumero-akkadische Sprache 889. Halmaheras 245. Hamitische Sprachen 142. Verwandtschaft mit den semitischen 160—162, 281—282. Lautschwankungen 300. üebereinstimmung der Conjugationsformen für die 2. pers. sing, und die 3. pers. fem. sing. 307. Hamito-semitische Sprachen. Ihre Ver- breitung 142—143. Grammatisches Ge- schlecht 150, 254. Zum Verwandtschafts- nachweise 160—162. Han-iü, dessen Ansicht vom Ursprünge der Sprache 19. Hand. Wörter dafür in den indogermanischen Sprachen 153. Die H. und das Sprach- vermögen 305. Handbücher — Lehrbücher, grammatische 111. Hanxleden, seine Sanskritgrammatik 26. Harari 282. Hardeland, A. 193, 411. Harris, J. 15. van Hasselt 444. Hauptdialekte, s. Dialekte. Hausa. Lautwesen 34. Anklänge an die hami tischen Sprachen 161, 282. Vocalismus der Personalpronomina 408. Havestadt. Chilidugu 194. Hawaiisch. Zweierlei Genitiv 463. Hayti, Negerstaat, französische Sprache 147, 293. Hebräische Grammatiker 22. Hegel. Stilistische Ungeheuerlichkeiten 275 456, 469. H^las (französ.) 360. van Helmont 251. Henry, V. Arte y Vocab. 248. Herodot 20. Herväs, Lor., Catälogo de las lenguas 27. Heumann, E. 390. Hiatus führt zur Entähnlich ung der Laute 200. H i d a t s a - Sprache. Unsichere Articulation 194. Hieroglyphen, ägyptische, stilisiren die Bilder 129. Ihr System 130—131. Himälaya 261. 32* 500 Register. Hindu, arische, ihre Rasse 147. Hindustanisch. Arabische Einflüsse 271. Hinterindien 261. Historisches Element in der Sprachwissen- schaft 14. Historische Sprachforschung, deren Aufgabe 136 flg. Hm! — lat. hem, franz. bein, heim 208^209. Hochdeutsch gegenüber deu Dialek ten und dem Plattdeutschen 56. Hodgson, B. H. 69. Höflichkeit Ausdrücke der H. 107. Als sprachgeschichtliche Macht 248. Ihr Wesen und ihre Wirkungen auf die Sprachform 474-475. Hold 236. Hollander, J. J. de, 193. Holländisch. Gutturale Lautbildung 34. Besondere Sprache 56, 57. Verlust des pron. 2. pers. sing. 152. H. und Fränkisch 159. Bilabiales w 188. schandaal 217. Fremd- wörter durch Nachbildungen ersetzt 262—263. Homophonen als Wirkungen des Lautver- schliffes 178. Sie können zu verdeutlichen- den Ausdrücken veranlassen 243. Horden 307. Horizont, geistiger 325. Hörnle 24L Horpa 157. Hottentotisch. Schnalzlaute 34, 269. Gram- matisches Geschlecht 150, 374. Lepsius* Hypothese 282. Suffigirender Bau 349. Ho well Grammar Arabic 409. Hrd (Sanskrit) — cor, xaQöia, Herz 186,217. o Huazteken 389. Hugo, Victor, seine Sprache 275. Hui da — Frau Holle 230. Huldvoll 236. Hülfs Wörter als Formenmittel 347. Humanismus, Studium der classischen Sprachen 25. Humboldt, Wilhelm von, als Sprachphilosoph 16, 28, 31. Analogie als sprachgeschicht- liche Macht 210. Ueber „symbolische Be- zeichnung*' 221. Ueber die innere Sprach- form 327 — 330. Einverleibender Sprachbau 354 — 359. Werthsbestimmung der Sprachen 888 flg., 426. Beurtheilung der Sprachen 394. Eawi Sprache 411, 413. Nominales und verbales Prädikat 439. Ueber den Dualis 481. Hundert. Die Endung nicht ursprünglich 157. Hürkanisch 423. Hyperboräer 177. Ibo 150, 282. Ideen, angeborene 381. Ideenassociationen 43 — 44. Illativus 114. Iloca. Bildsamkeit 349. Imperfectum futuri 253. Inclusivität s. Auch, Noch. Incorporation 354 — 359, 459. Inder, als Grammatiker 22 — 23. Indianer, amerikanische, ihre Pictographien 128. Indianersprachen Amerikas. Lautwesen 34. Geistige und leibliche Verwandtschaft 150—151. Unsichere Artikulation 194. Agglutination, Poly8ynthetismu8257. Gleiche Denkgewohnheiten 293. Incorporationen 354—359, 423 flg. Charakter der Sprachen und der Völker 423—425. Indianisten 173. Indicativ 310. I. statt des Imperativs 473. Indisch, verwandt mit Griechisch 173. Indische Schriften 129. Indisch-iranische Sprachen. Aehnlich- keit in der Entwickelung der Gutturale mit den Htu-slavischen 159, 163. Individuais prachen, ihre Umgrenzung 55—56. Gegenseitige Beeinflussung 273— 277. Indochinesische Sprachen. Mannig- faltigkeit im Baue 149, 257, 293. Wörter für Acht und Hundert 157. Desgl. für Ich, Fünf, Fisch, — Du, zwei, Ohr, — Auge, Feuer 158. Unregelmässigkeiten in den Zahlwörtern 226. Einsilbigkeit undlsolirung nicht ursprünglich 257. Schwierigkeit der Beurtheilung 426. Indogermanischer Sprachstamm. Seine Verbreitung 142. Grammatisches Geschlecht 150. Verfrühte Vergleichungen mit dem semitischen 162. Stammbaum und Wellen - theorie 163—165. Lautgesetze, unsichere Articulation 195. Sandhi 198, 401—402. Schwinden des Dualis 253. nexion256— 257, 251—354, 398—401, 435—436. Mundart- liche Spaltungen in der Ursprache 284, 285. Schwierigkeit, das Altgemeinsame zu er- kennen 293—294. Defectivsystem 352. Vocalsteigerung und -Schwächung 352. Pronominalsufflxe in der Coigugation 372. Register. 501 Waren diese possessiv oder prädicativ? 391. Etymologe, deren Bedeutsamkeit 395—398. EtTmologisches Bewusstsein 403—404. Wan- del im Stammvocalismus 434. Einfluss der M3rthologie 447. Stellung des Attributes, Ck>mposita 457. Die Casus 462. Indogermanistik 29 flg. Ihre Wichtigkeit für die allgem. Sprachwissenschaft 52. Die Schreibweise in ihren Lehr- und Hand- büchern 108. Ihre Geschichte vorbildlich 137. Ob sie alle Theile der inneren Sprach- geschichte erkl&ren kann ? 170. Zunehmende Zurückhaltung den etymologischen Fragen gegenüber 179—180. I. und Lautwandel 185. Einführung der Analogie 210. Berück- sichtigung möglicher dialektischer Neben- formen 285. Induction, grammatische 89,91 — 92. Sche- matismus 93. Zur Entdeckung der sprach- geschichtlichen Gesetze 170. Inessivus 114. Infinitiv, historischer im Latein. 473. Infixe 348. Innuit 8. Eskimo. Instrumentalis 102, 241. Intensität der Stimme 314. Interjectionen 321. Inversion 101—102, 321. Iranisch 159. Irokesische Sprachen 390, 423. Ironie. Einfluss auf den Bedeutungswandel 244. Islftm und arabische Philologie, W^irkung auf die Sprachenkunde 21. Gulturausgleichende Wirkung 148. Verbreitung arabischer Fremdwörter 231. „Ismen" 215. Isolation und Polysynthetismus 257. Isolirende Sprachen 257. Etymologie und Morphologie in ihnen 123. Cbiuesisch, bar- manisch und siamesisch in Rücksicht auf attributive und prfidicative Anschauung 346, 456. Isolirte Sprachen 177 flg. Als Gegen- stände der einzelsprachlichen Forschung 61. Aufzählung einiger 146 — 147. Schwierigkeit sie auf ihren Werth zu beurtheilen 426. Italienisch. Lautwesen 34. eglino, elleno 214. Greve-grave 222. Einfluss auf die kaufmännische Sprache 265, 289. Endung der 3. Pers. Pluralis 435. Diminutiva, Augmentativa u. s. w. 445. Itelmenisch 147. Iterativa 445. J. Ja und Nein 103. Ja und jo 233, 285. Jakutisch 271. Agglutinirende oder schein- wortige Sprache 342. Vocalharmonie 402. Japaner, ihre Sprachforschung 24. Geistige Begabung 389. Japanisch. Lautwesen der alten Sprache 34. Einfluss der Etiquette auf die Grammatik 95, 246. Silbenschrift 129. Isolirte Sprache 147. Lautverschiebung 190—191. J -f- a wird e 199. Höflichkeit in der Sprache 246. Chinesische Lehnwörter 266. Chinesischer Einfluss 271, 428. Vergleichung mit dem Mandschu 289—290. Empfindungslaute und grammatische Hülfswörter 847. Composita 359. Adjektivische Coiyugation 384, 440. Betonung der Composita 379. Vocalharmonie 402. Vocalismus der Zahlwörter 408. Sociale Modalität, Gebrauch des Passivums und Causativums 474. Japhetiten 162, 282. Jargon 125—126, 289. Javanisch: Kr&m&, m&dy&, ngoko 246. Sociale Modalität 475. Jemine 322. Jihvä (Sanskrit) — Zunge 185, 217. Jodirung s. Palatalisirung. Juden, ihre philologischen Arbeiten 22. Dauerhaftigkeit der Rassemerkmale 147. Beibehalten vererbter Lautgewohnheiten 270. Junggrammatiker. Die „falschen Ana- logien" 137. Unterschied zwischen den J. und ihren Gegnern 181. Jünglingsalter derVölkerund Sprachen 399. K. K (deutsch) -=» lateinisch c in Lehnwörtern 186. Eabakada und Duke of York -Sprache 165 —166. Hülfswörter 453. Relativwörter na, a 457. Kabylisch 160, 299, 301. Femininbildung 240. Lautschwankungen 299. Kaffernsprachon. Schnalzlaute 34, 199,269. Kaffernvölker. Merkzeichen für die Boten 127. Eallispel »-■ Selish. Lautwesen 34. Kalmückisch 349. Schrift 129,417. Vocal- harmonie 403. 502 Register. Kampf ums Dasein in der Sprachgeschichte 17, 143, 261—262. Kamtschaka, s. Itelmenisch. Kannadi, s. Canaresisch. Kanuri 282. KauQoq — Eber 224. Karen -Sprache. Anlaute 201. Karl — Kerl 230. Karnatha s. Canaresisch. Karnickel — caniculus 485. Kasikumfickisch. Reichtum an Ortlichen Casus 462. Kassia. Grammatisches Geschlecht 890. Vocalismus der Personalpronomina 409. Katechismen als Texte zur Spracherlemung 73—75. Kategorien, sprachliche, deren Aneignung 68 — 64. Deren Benennung. Terminologie 114 — 116. Grammatische, deren Schwund und Entstehen neuer 258—255. Gramma- tische Redetheile 881—885. Schwierigkeit ihrer Beurtheilung, Missgriife 405—408. K. der Gedankenverbindung, allen Völkern ge- meinsame 464. Logische Modalit&t 470—472. Katschari 257. Kaufmännischer Stil 184. Kaukasische Sprachen. Lautwesen 84, 197. Nördlicher und südlicher Stamm 142. Defectivsystem 352. Schwierigkeit der Be- urtheilung 426. Oertliche Casus 463. Kaukasus. Völker des K. vielleicht Nach- kommen alter kleinasiatischer Völker? 146. Keilschriften. Erste Untersuchungen 28. Sprachen, die uns in solchen erhalten sind (Altpersisch, Assyrisch, Modisch, Sumerisch u. s. w.) 114. Stilisirung 129. Hierogly- phisches System 130 — 131. — keit — heit 216. Kelten, keltische Sprachen. Einengung ihres Gebietes 146. Keine Agglutination 256. Kerbholz 128. Kerenzer Mundart 33, 298. Kerl — Karl 230. Kern, H. 245. Ketschua 389. Gutturale, Abneigung gegen Consonantenhäufungen 194. Lautsymbolisch anmuthende Wörter 219. Agglutinirend- suffigirend 423. Keuschheit. Ihr Einfluss auf den Sprach- gebrauch 248—249. Khamti 149, 257, 426. KhmSr s. Cambodjanisch. Kietze =» Kätzchen 324. Kikeriki — Gickel 208. Kinder. Spracherlemung und SprachschOpf- ungen derselben 65—67. Aufnahme ihrer Naturlaute in den Sprachschatz 154. Ihre HülfsbedQrftigkeit fördert das Familienleben 306. Sprachspielerei und Sprachvermögen 811. Einfluss auf die Sprache der Er- wachsenen 445. Kindersprache. Ihre Eigenthümlichkeiten und ihr Einfluss auf die Sprache der Er- wachsenen 277 — 278. Isolirende Sprachform 846. Kindertausch 70. Kir&nti-Sprachen 149, 257. Kirchenslavisch, s. Altslavisch. Kitan 181. Klamath- Sprache. Unsichere Articulation 194. Klangähnlichkeit und Lautgesetze 223. Klaproth, Julius 81. Kleinasiatische Sprachen, alte 114. Kleinasien. Alte Völker 146. Kleinschmidt, S., Grammatik 248, 350. Kluge, Etymol. Wtb. 190, 236. Knoten, Knotenschnüre, als Merkzeichen, Surrogate der Schrift 128. Koch, griechische Grammatik 112. Köhler, Aug. 270. Kolarische Sprachen 142. Verwandtschaft mit den australischen? 147, 152. Haben keinen Wortaccent 148, 150. Einfluss der Sitte auf die Syntax 249. Prae- und fiu£fl- girend 848. Schwierigkeit der Beurtheilung 426. Kolaro-australischer Sprachstamm? 281. K 0 1 h. Merkwürdiger Gebrauch des Duals 349. Accusativ 358. Kondschara 282. Kongo-kaffrische Sprachen s. Bantu- sprachen. Können. Eine Sprache k. oder beherrschen, nothwendig um sie zu begreifen 61, 82, Was es besagt 84, 89. Als grammatische Kategorie 103. Kopf: Haupt, caput, capo, chef , — testa, tßte 232. Koptisch ausgestorben, nur noch Kirchen- sprache 147. Hamitische Sprache 160, 282. Griechische Einflüsse 272. Präfigirende Conjugation240. Vocalwandel in der Formen- bildung 854. Innere Flexion 434. Hilfs- wörter 452. Register. 5oa Koreanisch. Scheinbare Unregelmässigkeiten . in der Declinatiou und Conjugation 87. Einfluss der Etiquette auf die Grammatik 95, 246. Orthographie 134. Schrift 129. Frag- und Verneinungswörter 244. Chine- sische Lehnwörter 266. Chinesische Schrift- sprache 260. Chinesischer Einfluss 271. Vergleichung mit Chinesisch, Mandschu, Aino 290—291. Fünf Declinationen 350. Ac^jec- tivische Conjugation 384. Korjakisch 147. Körpertheile, deren Namen in übertragener Anwendung 40 — 41. Kosenamen 277—278. Kottisch 383. Kräfte der Sprachgeschichte, erhaltende 46. Yergl. Mächte. Kraftaufwand einer Sprache zum Ausdrucke eines Gedankens scheint sich im Wesent- lichen gleich zu bleiben 243. KraftersparnisB, Bequemlichkeit 182—185. Kral (slavisch) — Karl 230. Kretzscham, Kretzschmar 265. Kri 163. Höflichkeitsformen gegenüber der angeredeten Person 246. Incorporation ä58. Der Co^junctiv 359. Wandel im Vocalismus 391. Suffixe 424. Krim. Gotische Gemeinden 146. Kritische Grammatiken 113. Kru 150,282. Unterscheidung der Pronomina 1. und 2. Person durch die Betonung 379. Kuhn, Adalbert, Zur ältesten Geschichte der indogermanischen Völker 294. Kuhn, Ernst 150, 281. Kühner, Raphael, lateinische und gri echische Grammatiken 111, 112. Kuki -Sprachen 149, 257. Demonstrativ- pronomina 408. Kukuk — Gauch 208. Rumänisch, ausgestorben 146. Kunama 160. Die Personalpronomina 379, 408. Kunstschriften 130. Kür zu ngen 101. K. der Composita 235—236. Kuschitische Sprachen 282. L. L, tönendes 186. Dickes, dessen Verbreitung in den slavischen, türkischen und mongo- lischen Sprachen u. s. w. 269. Labial isirung der Vocale 37. Labio-Dentale 36. Lacombe 424. Lagarde, Paul de 160, 411. Landsknechtsprache 288. Langeweile, Spiel trieb und Sprachschöpfung- 308 flg. Lao 149, 257, 426. Lappisch. Declination und Conjugation 350. Keine Vocalharmonie 350, 351. Der Nomi- nativ 391. Lapsus linguae, calami, mentis 43. Lateinische Sprache. Vorherrschen von i und s 34. Formen der erzählenden Rede 99. Nur schwache Spuren der Vocalabstufung 149. Entartung in der Lingua rustica 182 — 183. Lautwandel 195. Die Metallnamen Neutra 237. Imperfectum auf — bam, Fu- turum auf — bo 241. Verbale Composita 243. Carmen, germen, terminus 292. — mini (amamini) 384. Duodeviginti , undeviginti 401. Tempora der Vergangenheit 409. An- schaulich, aber ungemüthlich 473. Sociale Modalität wenig vertreten 474. Laterallaute 187. Laut, Articulation 4 flg. Nachahmung fremder, Uebung darin 33—39. Verschiedene Laute im Sinne der Phonetik und in jenem der Sprachwissenschaft 33. Einfache und Doppel- laute im Sinne der Sprachwissenschaft 135. Laut und Sinn 220. L. als ständige Sym- bole im Sprachvermögen 310. Laute in der menschlichen Ursprache 313 — 315. Lautanalyse, Voraussetzung für die Buch- stabenschrift 131. Lautbilder, unsichere 300. Lautbildung, Einflüsse auf dieselbe 187. Lautformen. Die ältesten für die Sprach- vergleichung wichtig 156 — 157. Lautgefühl. Grade seiner Empfindlichkeit 188. Lautgesetze und Ausnahmen 137, 185 — 196. Bedeutsamkeit in psychologischer Hinsicht 401-403. Lautkörper—s Wörter und lautliche Formen- elemente 64. Deren älteste Gestalt 265. Lautlehre. Deren Platz in der Grammatik 87. Lautphysiologie, s. Phonetik. Lautschwund 207. Lautsprache 4 flg. Lautsymbolik im Sprachgefühle 124, 218 —225, 379. Lautunterscheidung als phonetische Schu- lung 35—37. £04 Register. Lautverflüchtigung 207. Lautvergleichung bei der Sprachverglei- chung unerlftsslich 158. Lautvermischung dOl. Lautverschiebung, deren Entstehung 37. Hochdeutsche 159. Wie L. geschieht 187 — 188. Allmähliches Umsichgreifen, Stock- ungen 190—191. Beispiele dafür 193. Lautverschiebungsregel 191. Lautvertheilung in der Sprache 34. Lautvertretung, scheinbare 290. Lautvorstellung und Sachvorstellung 297 -301. Lautverwischung 301. Lautwandel 38. Durch Benachbarung, s. Sandhi. Gesetze desL., ob und inwiefern ausnahmslos? 185 — 196. Lautwesen. Aehnlichkeiten im L., inwie- weit sie Yermuthung der Verwandtschaft begründen 148 — 149. Aehnlichkeiten in seiner Entwickelung als Beweis für nähere Verwandtschaft 159—160, 164—165. Gleiches L. bei grosser Verschiedenheit im Wort- schatze 165 — 166. Verschlifif des L., dessen weitere Wirkungen 178. Einfluss der flüch- tigeren oder intensiven Articulation 18«S. Inwieweit brauchbar zur Beurtheilung der Sprachen 431 — 482. Problem der allgemeinen Grammatik 479. Leben der Sprache 8—9, 15. „Le style c'est Thomme" 98, 105. Leber — jecur u. s. w. 192, 217. Lehnwörter beim Verwandtschaftsnachweise 154. Anpassung an das heimische Laut- wesen 186 — 187. Umgestaltung im Volks- . munde 217. Religiöse 231. Kampf um's Dasein 238, 262. L. und Nachbildungen 261—268. Lehrbücher — Lehrer 71. L. und Hand- bücher 111. Lehrer und Lehrbücher 71. L. und Gelehrte 110. Lehrgänge, Cursus der Grammatik 111. Lehrsätze, grammatische, ihr Ausdruck durch Paradigmen und graphische Formeln 116 — 119. Zusammenwirken verschiedener 118 —119. Leibniz und die Sprachwissenschaft 27. . Leichdorn als Hühneruage, Elsterauge, Fischauge benannt 41. Leitfäden, grammatische 109. Lenape 163. L e p s i u s , Richard, Standard- Alphabet 38, 69. Nubische Grammatik 161. Ueber die genea- logischen Verhältnisse der Sprachen Afrikas 282, 406. „Lernen'* im obersächsischen Dialekte 316. Lesen, Lesbarkeit, als Kennzeichen der Schrift im Gegensatze zum Bilde oder Symbole 128—129. Das Durchfliegen und Ueberfliegen 483. Leskien, Aug. 254. Lessing. Volksthümliche Sprache 46, 438. Lettisch droht auszusterben 146. Lexikographie, deren Zweitheilung 85. Lexikon s. Wörterbuch. Libysche Sprachen, Berbersprachen 282. —lieh 122, 437. Liebe, Erweiterung des Ich 307. Lifu 280. Ligurer. Ihre Sprache ausgestorben 146. Limes sorabicus 287. Lingua — jihvS, Zunge 186, 217. Lingua rustica latina 174, 188. Lingua toscana 139. Linguistik s. Sprachwissenschaft Linien der Sprachverwandtschaft 146. Litauisch droht auszusterben 146. Litauisch-slavische Sprachen, Aehnlich- keit in der Entwickelung der Gutturale mit den indisch-iranischen 159, 163. Die Zahl- wörter Neun und Zehn 401. Literatur. Uebersichten der L. als Anhang zur Grammatik 107. Einfluss fremder Literaturen auf die Muttersprache 274 —275. Lituslavisch, Verwandtschaft mit dem Ari- schen? 164. Logik und Sprachwissenschaft 14. Logische Schulung des Sprachforschers 47—48. Die L. stellt der Sprache Aufgaben 48, 95, L. und Grammatik 448. Logone 282. Lotze, Definition des Denkens 6. Ludwig, Alfred, Adaptationstheorie 180. Lüge und Sprache 309, 310. Lule 328. Lüneburg. Sprache der Wendländer 146. Lushai 257. Luther 46. Seine Sprache und die heutige 139, 271. Luxus in der Sprache als Aensserung des Formungstriebes 361 — 364. R^8ter. 505 M. M, tönendes 186. Maba 283. Macdonald, D., Oceania, Linguistic and Anthropological 162. Mächte der Sprachgeschichte. Ihr Wirken im Allgemeinen 168 — 169. Einheimische und fremde 177. Die einzelnen M. 181 flg. — M. des Bedeutungswandels 232. Hem- mende und beschleunigende 258. Die all- täglichsten sind die wirksamsten 259. Maclay-Küste von Neu-6uinea,Sprachen 280. Madagaskar, von Malaien besiedelt 147. Madagassisch, Madegassisch, zum malai- schen Sprachstamme gehörig 26. Eupho- nisches — ä 157, 435. Lautwandel 192. Sandhi 198. Mädchen. Wörter dafür in den romanischen und germanischen Sprachen 153. Mafoor und Malaisch: Lautvertretungen 158. Unorganisches, euphonisches d 201. Malaio- polynesische Elemente 280. Prädicative Conjugation 391. Dual der Personalprono- mina 409. Namen fär Körpertheile und Verwandtschaftsgrade 441. Innerer Wandel der Wörter 443. Magio, A. 424. Magyaren, ihre Rasse 147. Nicht mit Chinesisch verwandt 156. Indogermanischer Einfiuss 273. Agglutinirende oder schein- wortige Sprache 342. Magyarisch. Aehnlichkeiten in der Con- jugation mit den indogermanischen Sprachen 153. Vocalharmonie 350, 403. Objectiv- conjugation 384, 391. Mähre 228. Malaisch. Tonfall 84. Wortschöpfungen 42. Arabische Schrift 129. Ersatz für die Fron. 1. und 2. pers. 152. M. und Mafoor: Laut- vertretungen 158. Unsichere Articulation 193. Unorganischer Dental verschlag 201. Lautsymbolik in den Wortstämmen 223« Präposition akan, Suffix -kan 348. Präfixe me-, pe-, Accent- und Quantitätswandel 350. Relativwort yan 457. Malaische Sprachen, consonantische Aus- laute 29. Wohlklang 34. Yerhältniss zu den melanesischen 141. Prä- und suffi- girender Bau 149. Innere Sprachform 150. Den semitischen verwandt? 162. Sandhi 199. Zweisylbige Wortstämme, ob zerlegbar? 242. Indische und arabische Lehnwörter 266. Gleiche Denkgewohnheiten 293. Ver- schiedengradige Bildsamkeit 349. Possesiv- conjugation 384. Wiederholung der Formen - elemente in der Coordination 400. Sprache und Rasse; Vergleichung mit den semitischen 411^-415. Desgl. mit den uralaltaischen 415—420. Satzverknüpfung 465. Malaie - polynesische Sprachen. Ihre Verbreitung 142, 147. Zweifelhaft, welche Stufe die ursprünglichere sei, die einfachere oder die reich agglutinirende 257. Bopp*s Versuch, sie dem indogermanischen Stamme zuzuweisen 144, 155, 266. Malayälam 344. Malediven, Maledivisch 147. Man, E. H. The Andaman Isländers 442. Mande, Mandingo 150, 282. Mandschu. Lautwesen 34, 814. Name des Hühnerauges 41. Schrift 129, 131. Ono- matopöien 154. Vocalharmonie 199. Accen- tuation 212. Nomun, bit;(e, debtelin, tumen, 264. Hosihon, Kosike 267. Aehnlichkeiten mit Japanisch und Koreanisch 289 — 290. Gleiches Hülfswort für den Genitiv und den Fragesatz 347. Vocalismus der Suffixe 352. Syntaktische Composita 359. Begabung des Volkes 389. Gebrauch der Formenelemente 381. Vocalsymbolik 408. Satz Verknüpfung 418. Eine in ihrer Ausbildung gestörte Sprache 427. Pause hinter dem Subjecte 465. Manieren, sprachliche 275. Manipuri 257. Männer- und Weibersprachen 248 — 249. Maori. Zweierlei Genitiv 463. Mar^ 280. Mariveles 280. Marquesas. Zweierlei Genitiv 463. Marschall 228. Marshman, chines. Grammatik 25. Massoreten 22. MasBwesen 107. Materialismus, EinflusH auf die Sprach- wissenschaft 15. Matthews, W. 194. Maya, Schrift 131, 383, 389. Maya-Sp rächen 258. Verbindungs - Hilf s- wörter zwischen Zahlwort und Substantiv 442. Mediae, Fehlen derselben in denpolynesischen Sprachen 148. M., in manchen Sprachen nicht von den Tenues unterschieden 188, 194 — 195. Media und Tennis aufeinanderfolgend 201. 506 Register. Mehrsylbigkoit in Naturlauten 314. Mehrzahl s. Plural. Melanesien 147. Melanesien Verhältniss zu den Malaien 141. Rasse und Sprachen 147. Sprach- verderb durch fremden Einfluss 156—166, 406, 428. Kannibalismus 177. Ihre Sprachen 280-283. Mende 150. Mensch, das M. 236. M. und Thier in Rück- sicht auf das Sprachvermögen 303 flg. Menschenkenntniss undUrtheil in sprach- lichen Dingen 47. -mente, -ment Adverbialendung in den romanischen Sprachen 316, 348, 437. Merkzeichen, Vorläufer der Schrift 127 —128. M e ssap i et* und ihre Sprache verschwunden 146. Metaphysik und Sprachwissenschaft 14. Metathesis. der Laute 200. Methode des Sprachunterrichts 71 — 75. M. und System der Grammatik 109 — 110. Mexikanisch. Schrift 130. Sprache dem Algonkinstamme verwandt? 147, 152, 162 — 163. P'ormenbildung, Incorporation 328, 354—357. Einverleibende oder satzwortige Sprache 342. Conjugation 383. Meyer, Adolf Bernhard 280. Meyer, H. A. E., Vocabulary 102. Mezzofonti, Cardinal, Sprachvirtuos 48. -mi, Conjugation auf -mi im Sanskrit und in einigen slavischen Sprachen 186. Miao-tse 257. Miauen 322. Miklosich, Franz, Vergleichende Gramma- tik der slavischen Sprachen 173. Mikmak 163. Mikronesien 147. Minahasa 245. „Mir" statt: wir 202. Mischsprachen. Früheres Verhalten der Wissenschaft ihnen gegenüber 158. Eigent- liche M. 278—283. Geschäftlicher Zweck, keine Entfaltung des Formungstriebes 366. Einfachheit und Armutli, Rohheit 406—407. Missionare, ihre Verdienste um Sprachen- kunde und Sprachwissenschaft 25. Ihr Ver- halten bei der Erlernung fremder Sprachen 68. Mist^li, Franz 296. Beurtheilung der Sprachen 894. Innere Sprachform 338 flg. Mittel. Die Sprache als M. des Ausdruckes 84 — 85 vergl synthetisches System). Mittheilende Rede ^18 flg. Mittheilsamkeit, sich in der psycho- logischen Modalität äussernd 473. ^ittheilung der Gedanken, der geschäft- liche Zweck der Sprache, aber nicht der einzige 362. Mixteken 389. Modalität, logische und psychologische 103^ Logische 470—472. Psychologische 472 —474. Sociale 474—475. Mode in der Sprache 126, 249—250. Modulationen der Stimme als Ausdruck der Stimmungen 376—380. Modus. Bezeichnung durch Verbalformen 383. Modi der Haupt- und Nebens&tze einander bedingend 465. Möglichkeit. Ausdnicksformen dafür 95. Die Kategorie des Könnens 103. M. — Regel — Gesetz 385—387. Momoro Dualu Bukere, Schrifterfinder 131 . Mön, s. Peguanisch. Annam -Sprachfamilie * 281. Mond. Namen in verschiedenen indogerma- nischen Sprachen 154. Mongolisch. Tonfall 34. Schrift 131. Nom, bi^ik 264. Indische Einflüsse 271. Vocal- harmonie 402. Monogamie 306. Morphologie der Sprache 17. Bildungs- weise der Wörter als lexikalischer Ein- theilungsgrund 123. M. des Satzes 149. Mouboddo, Lord 15. Moxa 390. Muffeln 36, 182. Muhammedanismus, s. Islam. Mulatte nsprache eine Mischsprache 1&9. Müller, A., Semitische Nomina 411. Müller, Friedrich, Grundriss der Sprach- wissenschaft 28, 51. Ueber hami tische An- klänge in anderen afrikanischen Sprachen 161. Innere Sprachform 337 flg. Ueber das grammatische Geschlecht 481. ^lüller, Max, Vorlesungen über die Wissen- schaft der Sprache 52 Anm. Die turanischen Sprachen 155. Religionsgeschichte 294. Unsichere Lautbilder 301. Munda - Sprachen, siehe Kolarische Sprachen. Mundart, s. Dialekt. Münzwesen 107. Murmeln 182. Murray*s Island 446. Register. 507 Musikinstrument e. Onomatopoetischer Name 225. Müssen 103. Mntsun 358, 423. Mutter. Wörter dafür 153. Muttersprache, angel en^t, nicht angeboren 61. Begriff 62— 63. Deren Erlernung 65 flg. Ursache von Fehlneigungen bei der Er- lernung und Handhabung fremder Sprachen 71, 120. Naives Verhalten zu ihr; laut- symbolisches Gefühl 218 — 225. Sprach- mischung innerhalb der M. 273 — 277. Mythologie. Neigung der Indogermanen zur M. 447. N, tonendes 186. Nachahmung von Lauten 36 flg. Der Sprach- anwendung überhaupt 104 — 105. In der Uebersetzungsliteratur 105. N. fremder Sprachformen und Redensarten in derMutter- sprache 270—272. Nachahmungstrieb und Sprachschöpfung 308 flg. Nachbarsprachen und -Dialekte. Einfluss auf das Lautwesen 269. Nachbildungen statt der Fremdwörter 262 flg. Naga-Sprachen 149, 257. Nahrung des Urmenschen und sein Sprach- vermögen 304. Nahuatl s. Mexikanisch. Naivität gegenüber der Muttersprache 218. Naive Beseelung des Leblosen 316 Nama-Hottentotisch 214. Namen der Vorstellungen, woher entlehnt 40—42. Nancowry-nicobarische Sprache 281. Napoleon I. Sein Stil 465. Napoleon III. Nationalitätsprinzip 261. Nasale, sich dem folgenden Consonanten anähnlichend 201. Im Auslaut 200. Nasalis sonans 186. Näseln 86, 184. Nationalität im Stil 105—106. Nationalitätsprinzip 55, 261. Naturlaute als Ausnahmen von den Laut- gesetzen 208—210. Vorbildlich für die Vocalsymbolik 255. Deren Nachahmungen in der Ursprache 314. Naturvölker 887. Naturwissenschaft und Sprachwissenschaft 15. Nebenbeschäftigungen, wissenschaftliche, des Sprachforschers 53. Nebenformen, s. Doubletten, Form- doubletten. N e b r i X a. Dessen lateinische Grammatik 106. Negation 103. Negritos der Philippinen 280. Neid 307—308. Nengone 280. Neubildungen, gemeinsame, deuten auf engere Verwandtschaft 159. N. von Wort- stämmen, lautsymbolische 223. Neu-Britannien 165. Neuerungen in der Sprache 126 — 127. Von Hause aus Fehler 184. Verbreiten sich von einem Punkte aus 229. N. in der Wort- bedeutung 228. Abänderungen und consti- tutionelle Weiterbildungen 428—429. Neugier und wissenschaftlicher Trieb 17. N. und Sprachschöpfung 309. Neugriechisch. Ort8namen mit Resten von Präpositionen im Anlaute 203. Neu-Guineal47. Sprachen von N. 280, 282. Neuindische Sprachen, arische. Gasus- suffixe 159. Agglutination 257. Dentale und Cerebrale 269. Neu-Lauenburg 165. Neupersisch, eine arische Sprache 158. Neu-Pommern 165. Neu-seeländisch (Maori). Zweierlei Genitiv 463. Neutro-passivus, casus 102, 15L Neutrum, vergl. verbum neutrum. N e V 0 m e - Sprache in Sonora. Unsichere Arti - culation 194. Newar 157. Niederrheinländer. .Ihr Dialekt 190. Nigritier. Rasse und Sprachen 147, 177. Noch 103. Nomen-Verbum 115. Nomina. N. propria s. Eigennamen, Nominativus 102, 115, 354. Sein angeb- licher Werth 392. Noten, musikalische, zur Bezeichnung des Redetones 377. Nothwendigkeit, vergl. Müssen, Sollen 103. Nuba 282, 426. Nufoor, s. Mafoor. Numerirung als Mittel der grammatischen Terminologie 116. Numerus, s. Zahl. 508 Register. Nupe 150. Nur 103. Nuscheln 36, 182. vv ifpskxvarixov 198. 0. 0 in der indogermanischen Ui*sprache 186. Objekt, logisches: Activum und Passivum 95. 0. und adverbiales Attribut 102, 461. Objectivität und Subjectivität als Gegen- stände des sprachlichen Ausdruckes 438. Die 0. 488 flg. Objectsatz 104. Odschi 282. Odschibwe, Otschipwe 163, 314. Oekonomie in der Sprache: kein Ueberfluss 100. Möglichst geringer Aufwand für den Zweck 182. Offi eiere. Schnarren und Näseln 184. Oigob 282. Oldenberg, H. 190, 196. Ollendorf. Grammatische Methode 110. Olymp 316. Onomatopöie, ähnliche in stammverschie- denen Sprachen 154. Die 0. als Ausnahme von den Lautgesetzen 208. 0. und Sprach- gefühl 222— 228. Vocalsymbolik 255. Sym- bolisirende 0. 312. 0. und Stimmungsmimik 378. Optativ, vgl. Wollen, Wünschen 103. Optische Mittel der Gedankenmittheilung, warum weniger tauglich als die akustischen? 311—312. Organismus der Sprache 17. Merkmale des höheren oder niederen 389 — 394. Ort. Adverbiale Bestimmungen des 0. 101. Passivum des 0. 102. Kategorien des 0. 446. Orthographie. Privatorthographien 108, 1 15 — 116, 133. Historische und phonetische 132—133. Wissenschaftlicher Werth der historischen 175. Ortsnamen aus Sprachen der früheren Landes- bewohner 265. 286. Osmanli Türkisch. Einwirkung des Islam 271. Ostasien, reich an isolirten Sprachen 147. Osterinsel, lUpa — nui 142, 147, 177. Ostmongolisch 349. Othomi 257, 423. Otschipwe 163. P. P, deutsch, in Lehnwörtern 186. Paarungszeiten. Der Mensch hat keine bestimmten 306. Pahi, Pahri 157. Palatisirung 37, 201. Pali 245. Pallegoix 224. Pampanga. Bildsamkeit 349. Pandosy, M. C. 424. Pangolat in der Batta-Schrift 131. P&nini, indischer Grammatiker, sein Werk 22—23, 111, 113. Papuas 280. Paradigmen, grammatische 116 — 119. Parsi, ihre philologischen Arbeiten 22. Partikeln, Bedeutung für die Sprachform 339. Participium, adjectivischeslOl. Participiale Verbindungen 465. Pasigraphie. Die chinesische Schrift als solche für einen Theil Ostasiens 129—130. Pass^ ant^rieur 253. Passivum 102. Die drei Passiva der phi- lippinischen Sprachen 363. Vorliebe der malaischen Sprachen für das P. 415, 419 -420. Pathologie der Sprache 17. Patois 126. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte 136. Paulinus a. S. Bartholomaeo, s. Wesdin. Pause in der Rede 225. P. als grammatisches Formenmittel 451. Payne, J., Grebo Grammar 379. Peguanisch 269, 273. Schwierigkeit der Beurtheilung 426. Pelasger und Amanten 146. Pepet im Malaischen 206. Perfectum 103. Das P. als erzählendes Präteritum in oberdeutschen Dialekten 253. Periphrastische Formen 183. Der An- schaulichkeit dienend, ältere Formen ver- drängend 241, 256. Perser, ihre Verdienste um die arabische Grammatik 22. Persisch. Arabische Schrift 129. Indoger- manische Grundlage, semitische Bei- mischungen 158. tuman in*s Mandschn über- gegangen ; defter b« ötfp^iQu 264. Arabische Einflüsse 271. A^jectivische und genitivische Attribute 457. \ Register. 509 Person —> Frauenzimmer 235. Dritte P. in derConjugation ohne Formzeichen 883, 391 —392, 460. Personifizirung als Factor der Sprach- bUdung 315—317. Perspective des Gemüths 307. (Geistige P. in der Sprache 325. Peruaner. Ihre Quipus 128. Petitot, E, 404, 424. Pf in deutschen Lehnwörtern 186. Pfeifen — piepen 208. Pferd, Ton den Algonkin Völkern „grosser Hund" genannt 41. Pgo — Karen 201. Philippinen-Inseln 147. Deren Sprachen besonders bildsam 349. Drei Passiva 363. Der malaische Sprachtypus 415. „Philister" 233. Philologie, Wissenschaft der Epigonen 21, 24 — 25; verlangt „dramatischen Instinct'^ 52. Philosophie und Sprachwissenschaft 14. Phonetik (Lautphysiologie) 5, ein Zweig der Naturwissenschaft 14. Kein Theil der Sprach- wissenschaft 33. Ihr Gegenstand 33. Pho- netische Schriftsysterae 38. Phonetische Orthographie 132—133. Phonograph 130. Phraseologie im Wörterbuche 124. Phr. und Sandhi 213. Vgl. Redensarten. Physiologie der Sprache 17. Ph. und Shandi 201. Pictet, A. 294. Pictographien 128. Piepen — pfeifen 208. Pirna- Sprache in Sonora. Unsichere Arti- culation 194. Pitaka 264. Pitchen — Englisch 435. Piaton: ^vasi oder ^iaei7 179. Plattdeutsch 55, 57. P. und Holländisch 159. Platzwechsel der Laute 200. Pleonasmus 239. Plinse 265. Plural 101. Collectiver und individualisiren- der im Deutschen 254. Poesie in der Wortschöpfung 42. Poetik als Anhang zur Grammatik 107. Polarvölker 177. Polnisch. Tonfall 34, 431. Accent 212. Polyglotten 27—28- Probetexte in P. 106. Polynesien 147. Polynesische Sprachen. Lautwesen 34, 149, 197. Das Tapu 245. Sprachen oder Dialekte? 54. Auftauchen alter Auslaute in der Passivbildung 87. Nicht typisch für den malaio - polynesischen Sprachbau 415. Schwund der Auslautsconsonanten 435. Armutli an Aiformadonen und Formwörtern; doppelter Genitiv 463. Polysynthetismus 354 — 359. P. und Iso- lation 257. Pomai — Bog 266. Portugiesisch 54. Posan 245. Possessivbegriff 341. Possessivconjugation 384. Postpositionen 101. P. oder Casus? 115. Ihr Werth 461—463. Pott, Aug. Friedr., Etymologische Forschungen 27, 176, 293. P. und Humboldt 29, 137 ; seine Vielseitigkeit 30, P. führt die Lautgesetzein die Indogermanistik ein 170. Zerlegung indo- germanischer Wurzeln 180, 242. Wurzelety- mologie 252. Definition der Wurzel 296. Innere Sprachform 327, 334. Schriften über Theile der allgemeinen Grammatik 481. Präkrit- Dialekte, dessen Wurzeln im Sanskrit 251. P r ä d i c a t , grammatisches 102. Pr. des Seins, possessives, ursächliches 103. Psychologisches 365—373. Nominales und verbales 339, 460. P. und Attribut 451—459. Secundäres P. 458—459. Prädicativattribute 456—458. Prädicatsprädicate 458 — 459. Prädicatscasus in finnischen Sprachen 392. Prädicatsnomina 115. Prädicatssatz 104. Prä- und suff igirende Sprachen 149, 349. Präfixe 348. Präpositonen 101, 461—463. Prärogativinstanzen bei der Sprachver- gleichung 158. Präsens, historisches im Lateinischen 473. Pratt, G. 193, 463. Prömare, chines. Grammatiker 25. Presse. Ihre Antheilnahme an der Sprach- bildung 288. Preussisch, s. Altpreussisch. Priscianus, Institutiones grammaticae 21. Proadverbien 101. Proklitische Wörter 348. Prolegoraena der Grammatik 86 — 88. 610 Register. Pronomina 101. — personalia, conjugirbar im Anatom 151. Beweiswertli der P. für die Verwandtschaft 152 flg. Die Personal- pronomina und das Familienleben 306 — 307. Bedeutung für die Sprachform 339. Prosa. Einfluss der griechisch-römischen und der französischen auf andere Sprachen 271. Griechische und chinesische 414. Prosecutivus 114. Protagoras als Sprachphilosoph 20. Proverba 101. Provinzialismen, fehlerhafte 44 — 45. Ein- mischung in die Schriftsprache 62. Berück- sichtigung in der einzelsprachlichen For- schung 125—127, Prüderie und Zote 248—249. Psychologie und Sprachwissenschaft 14. Psychologische Schulung des Sprachforschers 39—47. Praktische Ps. 47. Antheil an der Formung der Sprache 95 — 96. P. und Sandhi 201, 205. Psychologisches Prädicat 365—373. Psychologisches Subject 365—373. Bei den Semiten und Malaien 391. Pul 282. Lautwechsel am Substantivum und Adjectivum 391. Punctatoren 22. Pyrenäische Halbinsel, deren Sprachen 54. Quasi -Wörter 466 flg. Quechua 314. Queen (englisch) 230. Quipus, Quipos der Peruaner 128. R. Verschiedene Aussprachen dieses Lautes 36, 37. Tönendes r 186. Radioff, L. und W. 69. Rapa-nui 147. Rask, Rasmus Christian, entdeckt das ger- manische Lautverschiebungsgesetz 26 — 27. Rassen. Gleichheit und Ungleichheit derR. und Sprachverwandtschaft 147 — 148, 178. Verschiedene geistige Begabung 395. Geistes- anlagen der Rassen und Bauart der Sprach - Stämme 407. Semiten 408 — 411. Malaien und Semiten 411—415. Malaien und Ural- altaier 415—420. Die Bantuvölker 420—423. Indianer Amerikas 423 — 425. Andere Völker 425—426. Byme*s Beurtheilung 426—427. Realien als Anhang zur Grammatik 107. Rocht und Sprache 17. Reciprocum 102. Reconstruction alter Sprachen 175. Rede. Sprache = Rede 3, 59. R in abge- rissenen Worten 182. Gebundene 225—227. Inhalt und Form, Classification darnach 317 —324. Elliptische R. 367— 368. Polemische: lebhafte Betonung 374. Redeformen 318 flg. Redensarten, vergleichende 42. Werth der R. für die Synonymik 100. Alltägliche R. werden unvollkommen articulirtl82. Gleich- klang in R. 222. Einfluss auf den Bedeu- tungswandel 234. Entlehnte R. 270—273. Redetheile, grammatische, deren Entstehung 381—385. Deren Werth 438—442. Reißexivum 102. Reflexion als Anlass zur Ausbildung neuer Begriffe 308. Reflexlaute 309. Reformation, Bibelforsch., Hebräisch 25. Regel. Das Gewohnte wird R. 382. Mög- lichkeit — R. — Gesetz 385—387. Reim, lautsymbolisch empfunden 220 flg. Reimarus 263. R e i n i 8 c h . , Leo 69. Arbeiten zur Kunde und Vergleichung der nordostafrikanischen Spni- chen 162. Die Kunama-Sprache 379. Reisende. Ihr Verhalten beider Erlernung fremder Sprachen; sprachkundliche Samm- lungen 68—69. Relandus, Hadr., entdeckt Lautvertretungs- gesetze 26. Relativsätze. Adjectivische »> Adnominal- sätze. Substantivische 104. Zwischenprädi- cAte 457—459. Religionen und Sprachen 17. Rdmusat, Jean-Pierre Abel — 31. Repetitorien, grammatische 109. Rhetorische Fragen als verstärkte Ver- sicherung 183. Rh. Fr , Einfluss auf den Bedeutungswandel 244. Rhythmus, Bestandtheil der Sprache 34. Rh. als grammatischer Faktor 147. Gefallen der Menschen an rhythmischem Thun 226. Rh. als Mittel der Stimmungsmimik 380. Rh. als grammatisches Formenmittel 451. Richtigkeit. Richtige Handhabung der Muttersprache 61—63. Register. 511 Ridley, W. 193. Riggs, S. R, 424. Rohheit der Sprachen 381. Angebliche 396. Romanische Sprachen. Augmentativa, Diminutiva, kosende und schmähende Wort- bildungen 95. Bildung des Futurums 159, 348. Verhältniss zum Lateinischen und der Lingua rustica 183. Freiheit der Compo- sition mangelt 236. Das Futurum 241. Plusquamperfectum und Pass^ ant^rieur 253. Schwund des Neutrums 254. Analytische, periphrastische Formen 257, 349. Deutsche Lehnwörter 264. Futurgebilde mit habere 348. Schwund der Casusformen 354. Römer, als Grammatiker 21. R uf n am en. Kindliche Verstümmelungen der- selben 207, 277. R, Familiennamen, Appellativa 307. Rukheng 149. Rumänisch und Italienisch 74. Suffigirto Artikel 273. Russisch. Grammatische Fremdwörter durch Xachbildungen ersetzt 263. Betonung 431. s. S, laterales im Arabischen 187. Als Polster- laut im Patois 198. Auslautendes s in i verwandelt im Italienischen; — ob auch anderwärts? 191. Saali 245. Sacchetti, Franco, sein Toscanisch 139. Sachsen, Königreich, dessen Sprachen 54. Siebenbürgische S., deren Dialekt 190. Sacy, Sylvestre de 15,31. Gramraaire arabe in. Saho 160, 307. Sajnovics, J. 26. Salzburger in Litauen 287. Sammlungen zur Erforschung von Sprachen, 8. CoUectaneen. Vgl, Reisende. Samoanisch. Unsichere Articulation 193, Zweierlei Genitiv 463. Sandhi. Die Lehre vom S.in der Grammatik 87. Sandhigesetze 114. Der S.als sprachgeschicht- liche Macht 196 — 205. Bedeutsamkeit in psychologischer Hinsicht 401—403. Sanguinisches Temperament des Ur- menschen 309. Sanskrit- Sprache. Charakteristik derselben 22. Studium in Europa 26. Ihre Laute 34. Die zehn Conjugationen 116. Die Anu- bandhas der einheimischen Grammatiken 119. Suffix in 123. Viräma; mangelnde Wort- trennung in der Schrift 131 — 132. Zu- grundelegung der S. bei der indogermau. Sprachvergleichung 141, 186. Die Conju- gation auf — mi 186. Sandhi 199—200. Composita 236, 466. Periphrastisches Futur 241, 360. Acht Casus 253—254. Dentale und Cerebrale 269. Guna und Vriddhi 352. Bhös, bhö 360. Passivum mittels -yä- 397. ünavi^ati 402. Nominale Ausdrucksweise 425. Die Präterita 446. Santal 249, 390. Einverleibende Conjugation 358. Sassetti, Filippo, vergleicht Indisch und Italienisch 25. Satz, Ausgangspunkt für die grammatische Analyse 86, 89. — ist erste eigenlebige Einheit der Sprache 88. Zusammengesetzter S. 103—104. S. als Form der Rede 322. S. und Satztheil 451 — 456. Verwandlung der Sätze in Satztheile 463—470. Satz bau als Sprachbau 81. S. der malaischen und der semitischen Sprachen* 413 — 414. Der aralaltaischen Sprachen 418—419. Satzlehre, s. Satzbau, Syntax. Satztheile. Ihre Bildung, Erweiterung, Er- setzung 101; ihre Weglassung (Ellipse; 101. Verwandlung der Sätze in Satztheile 104. Zu ergänzende S. 366. S. und Sätze 451 —456. Verwandlung der Sätze in S. 463 —470. Satzung, den Sprachgebrauch beeinflussend 245—250. Satzverbindungen 103—104. Satzwörter 81, Ungeformte 345. Saugen, Wörter dafür 153. Sayce, A. H., Principles of Comparative Philology; Introduction to the Science of Language 52 Anm, 304. Schachspiel. Die Dame (Königin) statt des Wessiers 268. Schacht — Schaft 267. Schallnachahmung s. Onomatopöie. Schan, 257, 426. Seh. in Berma, laut- spielerische Gebilde 223. Doppelungsformen 224. Scheidekunst, Etymologie 179 — 181. Schematismus bei der grammatischen In- duction 92—93. Schi-hoang-ti, chinesischer Kaiser, Bücher- 512 Register. Verbrennung 19. Anmassung eines be- sonderen pron. 1. pers. 290. Schilluck 282. Schlaf. Geistesleben im Schlafe 276. Schlecht 234^235. Schlegel, Friedrich 26. Beide Brüder 31. Schlegel, J. B., die £we-Sprache 52. Schleicher, Aug., die Sprachwissenschaft als Theil der Naturwissenschaft 16. Philolo- gische Nebenbeschäftigungen 136. Stamm - baumtheorie 163. Aufstellung dor indo- germanischen Ursprache, Vergleichung mit Bopp 164, 172. Lautgesetz und Analogie 173. Etymologie 180.^ Verhalten zu den Lautgesetzen 185, 197. Der Zetacismus 201. Schliemann, Heinrich 75. Schmidt, Johannes. Wellentheorie 164 — 165. 192. Die Urheimatli der Indogermanen 294. Schnalzlaute 34. Seh. bei den Nama Hottentotten 270. Vorbilder in der Natur 314. Schnarren, schnarrende Sprache 184. Schoho 282. Schott, Wilhelm 31. Chinesische Sprachlehre 118. Schottland. Clan, loch, glen 265. Schrader, 0., Sprachvergleichung und Ur- geschichte 294. Schreibung fremder Sprachen 38 — 39. Schreibweise der Grammatiken 107 — 109. Schreien. Einfluss auf die Lautbildung 444—445. Schreiten 234. Schrift. Phonetische Systeme 38. Schrift und Sprache 127 — 135. Erfindung der S. 127—129. Abkürzungen 433. Das Schmieren oder Fledern 433. Schriftenkunde und Sprachwissenschaft 127. Schriftsprache als Ursache der Sprach- gemeinschaft 55, 57 — 58. Einmischung von Provinzialismen 62. Starrheit 132. Die S- ist eine zweite Volkssprache 133, 276. Schriftsteller, angesehene, deren sprach- liche Eigenthümlichkeiten 126. Schriftsysteme, phonetische 38. Schuchardt, Hugo 279. Schulen bürg, A. C. Grf. v. d., Grammatik d. Zimschian- Sprache 442. Murray's Island, Grammatik 446. Schulgrammatiken, lateinische, und grie- chische 112, 113. Schulung des Sprachforschers 31 — 53. Pho- netische 32-39. Psychologische 39—46. Logische 47 — 48. Allgemeine sprachwissen- schaftliche 48—53. Schwankungen in Form und Gebrauch der Sprache 97—98. Schwedisch. Orthographie 133. Bilabiales w 188. Schweigen: Onomatopöie tttib, sipp dafür 154. Schweinfurth, Georg 69. Schweizer-Deutsch. Lautbildung 34. Schwund der Laute 20L Schwüre, als Ausdruck der Versicherung 183. Sechs 279. Sehen, sequi 153. Gucken, schauen, lugen, blicken 288. Sehr, englisch sore 153. Sein (esse) 103. „Stehen" 326. Selbstprüfung des Grammatikers 83 — 84. Selbstunterricht in fremden Sprachen nach Lehrbüchern 73—74. Selbstverständlich ist in der Wissenschaft nichts 120. Sei er, Eduard, Das Gonjugationssystem der Mayasprachen 257. Seltene Laute und Lautverbindungen, ihre Tendenz zu verschwinden 192. S e 1 i s h. Lautwesen 34. Die 3. Person in der Conjugatien ohne Lautzeichen 393. Semitische Sprachen. Lautwesen 34. Sprachen oder Dialekte? 54. Vocalisnius (Triconsonantismus) 122, 148—149. Die Schriften 129—180. Transscription 134. Verwandtschaft derselben unter einander 160. Freiheit der Composition mangelt 236. Zweisylbige Wortstämme, ob zerlegbar? 242. Frage- und Vemeinungswörter 244. Schwin- den des Dualis 254. Gleiche Denkgewohn- heiten 293. Die Wurzeln 295. Lautschwan- kungen 300. Die 2. pers. sing, und die 3. pers. fem. sing. 307. Ursprüngliche Formen 326. Worteinheit 840. Flekdrende oder ächtwortige Sprachen 342. Verwandtschaft mit den indogermanischen Sprachen? 353. Symbolisation im Vocalismus 353. Perfec- tische und imperfectische Conjugation 372, 391. Der Vocalismus stammbildend 391. Die3. Pers.masc. in der perfectischen Con- jugation 392. Dreiconsonantismus 410. Die Sprachen und die Geistesart der Rasse 408 — 411. Malaien und Semiten 411 — 415. Obj ecti vconj ugation 462.Satzverknüpf unfiOö. Register. 513 Sonegambien. Sprachen von S. 150. Sequoyah, Schrifterfinder 131. Serbisch. Betonung 431. Serpa 157. Sette communi. Ihre Mundart droht aus- zusterben 146. Shan 149. Siamesisch, s. Thai. Sibilanten s. Zischlaute. Siebenburgen. Mehrsprachigkeit der Sachsen 70. Sievers, Phonetik 38, Anm. Singen, singendes Sprechen 33, 34. Singpho 157. Singstimme 314. Singular 101, Sinnlichkeit in der Sprache ausgeprägt 413. Sitte. Ihr Einfluss auf den Bedeutungswandel 245—250. Skandinavier, Rasse 147. Slang 45. Slavische Sprachen. Lautwesen 34. Sprachen oder Dialekte ? 54. Zischlaute 148. Praterita auf lu,la, lo 159,384. Entwickelung der Gutturalen im Vergleich mit der indo- iranischen 159, 164—165. Der Dualis 254. Ein neues grammatisches (leschlecht 254. Diminutiva 277. Particip 341. Die Zahl- wörter Neun und Zehn 402. ' Betonung 431. Aphoristische Redeweise 465. Slavo-lettische Sprachen s. Litauisch- slavische Sprachen. .,So** als Relativpronomen und =-wenn 100. Sollen 103. Somali 160, 282, 307. Sonanten 186. Sonrhai 282. Soso 282. Spaltungen der Sprachen 138. Vgl. Dia- lekte, Sprachstiimme. Spanisch 8, 54. Euphonisches e vor s + Consonanten 157. Der Dativ statt des Accusativs 255. Arabische Lehnwörter 266. Sp. von Nachkommen baskischer, maurischer und germanischer Völker gesprochen 293. Diminutiva, Augmentativa u. s. w. 445. Spielkarten, deren Farben und ihre Namen 233—234. S p i e 1 tr i e b und Sprachschöpfung 308%., 361. Spirallauf der Sprachgeschichte 255—258. Spitta Bey 276. Sprachaneignung der Kinder 67. T. d. Gabelentx, Die Sprachwisaenacbaft. 2. Aufl. Sprachbau. Kenntniss seiner verschiedenen Formen nothwendig zur allgemeinen Sprach- wissenschaft 50. =: Ausdruck der inneren Sprachform 81. == Satzbau 81— 82. Grund- gesetze des Spr. in der Grammatik 87. Aehnlichkeiten im Spr. als Anzeichen der Verwandtschaft 149—150. Der Spr. als Werthmesser 437%. Desgl. alsObject der allgemeinen Grammatik 479 — 482. Sprachbewusstsein, Sprachgefühl löst zuweilen alte Verbindungen und knüpft neue an 60 — 61 ; ist bei allen Sprachgenossen im Wesentlichen dasselbe 64. Rechtfertigung des synthetischen Systemes der Grammatik durch das Spr. 97. Ob das Spr. zwischen Wort- und Formenbildung unterscheide? 122. Verhalten gegenüber der Etymologie und Morphologie 123. Lautsymbolisches 123 — 124. Gegenüber Archaismen und Provinzialismen 125 — 127. Gegenüber der W^ortabtheilung 132. Spr. und Sandhi 204. Abstumpfung des Spr. 275. Sprache der Natur, der Steine u. s. w^. 2; der Thiere 2; menschliche, deren Begriff 3%. B. Rede 315 flg. =» Einzelsprache 3, 8; = Sprachvermögen 4. — des gemeinen Mannes 45. Deren Zahl 64. Logische, psy- chologische und räumlich -zeitliche Faktoren 81. Die Spr. als Erscheinung und als Mittel 84—85 (vgl. analytisches und synthe- tisches System^ In der Grammatik zu- gleich Gegenstand und Mittel der Darstel- lung 84—85. Einschmnggelungen, Neuer- ungen, Einbussen 126 — 127. Spr. und Schrift 127 — 135. Alles dem Wandel unterworfen 168—169. Deren Klang 192. Menschliches Erzeugniss oder göttliches Geschenk? 303 — 304. Die Sprache als Erzeugniss und Erzieherin des Volksgeistes 387 flg. Desgl. als Mittel des Gedankenausdruckes 429. Voraussetzungen des sprachlichen Ausdrucks- bedürfnisses 437 — 438. Arbeit des ganzen Volkes, verhältnissmSssiger Reichüium 470. Spr ach engenealogie, deren Aufgabe 142flg. Spracherlernung 65. Spracheninseln 146. Vergl. Isolirte Sprachen. Sprachenmischung 169. Sprachfamilien als Gegenstand der Sprach- wissenschaft 9—10. Jetziger Stand unseres Wissens darüber 142—143. Sprachfehler, auf Denkfehlem beruhend 33 514 Register. . 44—45. Ursache von Neuerungen in der Sprache 45, 184, 428. Sprachform, innere ■« Bildungsprinzip -» Sprachgeist 63. «== Auffassung der logischen' psychologischen und räumlich - zeitlichen Beziehungsarten 82. Inwieweit die Ver- mutlmng der Verwandtschaft begründend? 150—151. Innere Spr. 327—348. Aeussere Spr. 345—360. Die Redetheile 381—385. Sprachforscher. Einige namhafte, deren sonstiger Beruf 31. Unterschied zwischen Spr. und Sprachkenner 88. Sprachforschung, Verhältniss zur Sprach- philosophie 11—12. Schulung zur Sprach- forschung 31. Einzelsprachliche Spr. 54%. Genealogisch-historistorische Spr. 136 flg. Sprachgefühl, Dessen Empfindlichkeit 298. Spr., s. Sprachbewusstsein. Sprachgeist 9. =» System der Sprachge- setze 63. Sprachgemeinde, Sprachgemeinschaft 8, 55-58. Sprachgeschichte, als Aufgabe der Sprach- wissenschaft 9—10; ex^gänzt die einzelsprach- liche Forschung 59 — 60. Verhftltniss zur einzelsprachlichen Forschung 140. Aeussere und innere 141 —142. Die äussere 142 — 16b. Die innere; deren Aufgaben 168-171. Spirallauf 255—258. Die Arbeit des For- schers ist mikroskopisch 283. Anregungen u. Irrlichter 289— 293. Allgemeine Spr. 479, 481. Sprachgesetze, bilden ein System; dessen Aneignung 63—64. Sprachgewohnheiten, individuelle 97 — 100. B*eeinflusst durch fremde 259—260. Solche der Lautbildung 270—271. Sprachkenntniss und Sprachwissenschaft 29—30, 50. Grundsätze 61—64. Sprachkünstler, Gegensatz zum Sprach- forscher 32, 49. Sprachlehre, vgl. Grammatik. Vollstän- dige 111. Sprachmischung 259flg., 406—408. Sprach Organe, deren Haltung 34— 36. Auch die Bewegungen der Spr., nicht nur die akustischen Wirkungen, bedingen die Rich- tigkeit der Aussprache 187. Verhalten der Spr. in Ansehung der Euphonik 197. Sprachphilosophie, deductive, apriorische 11—12, 28; bei den Chinesen 19; bei den Griechen 20. Sprachschatz = Vorratli an Wörtern und Redensarten, ein Ganzes; Wechselbeziehunjr zum Sprachbaue 121. Wechselvolle Schick- sale 152. Uebereinstimmungen bedeutsam für die Urgeschichte 293—294. Allgemeine Wortschatzkunde 481^483. Sprachschilderung 476—479. SprachschOpfung 303. Sprachsinn 331. Sprachspielerei und Sprachvermögen 311. Sprachstämme, als Gegenstand der Sprach- wissenschaft 9 — 10. Einige bekannte 142 —143. Erweiterung 143—144. Methode der Entdeckung und Erweiterung 145 — 154. Sprachstoff 63. Sprachtalent (vgl. Sprachkünstler) und Sprachwissenschaft 48. Steigerung durch Uebung 50—52, durch Spracherlemung ans Texten 73. Sprachvergleichung, unmethodische 154 —156. Technik, CoUectaneen 166—168. Spr. und Urgeschichte 293—294. Sprachvermögen, menschliches, als Gegen- stand der Sprachwissenschaft 10 — 11. Das Spr. ist, insoweit es sich gleich bleibt. Gegenstand der einzelsprachlichen, insoweit es sich verändert, Gegenstand der sprach - geschichtlichen Forschung 138—139. Pho- netische Spr. versagt gegenüber den Laut- schwankungen 300. Grundlagen des mensch- lichen Spr. 303—317. Physische Grundlagen 804—307. Psychische Grundlagen 307—313. Sprachverwandtschaft 9. Sprachwissenschaft. Begriff 1 flg. Auf- gaben 7 — 13. Nicht durch diegenealogiscli- historische Forschung erschöpft 8—9, 11. Ihre Stellung 13 — 17. Anregungen zur Spr., Geschichtliches 17 — 30. Verschi edene Ri ch - tungen 29 — 31. Spr. und Einzelsprachen 49—50. Geschichte der Spr. 137—138. Sprachwürderung 387 flg. -st Endung dor 2. pers. sing, in den germa- nischen Sprachen 203. S taat. Frühe Anfänge des staatlichen Lel>en> 307. Stammbaumtheorie 163 — 165. Standard -Alphabet, Lepsius*sches 38, 69. Standessprachen 45, 237, 288—289. Der Offiziere 184. Standesverhältnisse. Sociale Modalitaw 474-475. Standpunkt, geistiger in der Spr. 325. Starke, die 237. Register. 515 S s s s s s s s s s s s s s s s latus constrnctus 114. teigerung, als syntaktische Kategorie 104. teinen, K von den 194. teinhaufen der Steppennomaden 127. teinthal, II., Definition des Denkens 6. Wissenschaftlicher Psycholog 46. „Die Mande - Negersprachen'' 451. Eintheilung dieses Buches 86. Die innere Sprachform 150, 327, 835 flg., 343. „Der Ursprung der Sprache" 304. „Sprachphil. Werke W. v. H." 330. Beurtheilung des geistigen Werthes der Sprachen 388, 394. Beurtheilung der uralaltaischen Yocalharmonie 402. Schil- derung des Arabischen 409. De pronomine relative 481. tellungsgesetzOy inwieweit in den Sprach- familien typisch? 149. Kennzeichnend für die äussere und innere Sprachform 359—360. Freiheiten 363. Psychologisches Subject und Prädicat 373—376. St. und die Stimmungs- mimik 380—381. til, individueller, »= Sprach- und Denk- gewohnheiten des Einzelnen 98, 105; nationaler 105—106. St. und Werthbe- stimmung der Sprache 475 — 476. tilisirung als Merkmal der Schrift 128 — 129. Desgl. der Sprache 315. tilistik als Theil der Grammatik 104—106. Einfluss des Flexionssystems auf die St. 400—401. timmlage, verschieden nach Alter und Ge- schlecht 311. timmung des Redenden im grammatischen Ausdrucke 95 — 96. timmungsmimik, Ausspracheweise 376 — 380. St. und Stellungsgesetz 380—381. locken in der Rede und Sandhi 203. toff und Form in der Sprache 122 — 123, 324—360. Der Stoff 324—327. toffwurzeln nach Fr. Müller 338. toiker, ihr Verdienst um die Grammatik 20. toll, Otto 31, dessen Arbeiten über die Maya-Sprachen 52, 257. tr eil 307,310. Schreiendes Sprechen dabei 374. tudentenjargon 289. ubject, Prädicat, Object; die Lehre davon im syntlietischeu Systeme 101—102. Psy- chologisches S. 102—108, 365—373. ubjectiviiät und Objectivität als Gegen- stände des sprachlichen Ausdruckes 438. Die S. 472-475. Subjectssatz 104. Substantiva. Ihr Werth für den Verwandt- schaftsnachweis 153—154. Als logische und grammatische Kategorie, im Gegensatz zu Adjectivum und Verbum 381 — 385. Namen für Theile oder Beziehungen, einen ergän- zenden Genitiv verlangend 441. Sudan Sprachen des westlichen S. 150. Suffigirende Sprachen 149, 349. Suffixe 348. Sumatra 147. Sumerier 18, 294, 389. Suomi 271. Superlativ 103. Suppe 264. Susu 150. Sylbenschrift, japanische 180. Die alt- semitische 131. Die der Tscheroki und der Vei 131. Symbole, Bilder und Schrift, ihr Unterschied 128. Symbolisation 353. Synonima, deren Entälinlichung 238. Synonymik, grammatische <= syntlietisches System 94 ; wurzelt im Sprachgefühle 97 — 98. Wornach dieses untersclieidet 98 — 99. Grund- sätze 99 — 100. Lexikalische, synonymisches Wörterbuch 123—124, 179. Syntax. Keine Grammatik ohne Syntax 84. Ihre Darstellung in Paradigmen und Formeln 117 — 118. Vergleicliende in der historischen Sprachforschung 137—138. Synthese in der Sprache 81. Synthetisches System der Grammatik 85 — 86; hat auf das analytische zu folgen 86. Inhalt und Anordnung 94 — 104. Syrjänisch hat keine Vocalharmonie 149, 403. Russische Hülfswürter 273. Svg — vg 202. System der Grammatik : Analytisches 85—86, 88—93; synthetisches 85—86, 94—104; ge- mischtes 91 — 92. S. und Methode in der Grammatik 109—110. T. Tabelle. Tabellarisclie Form, die ideale Form einer Grammatik 85. In gramma- tischen Auszügen 108. Tabuwesen (Tapu) 166, 245. Tacilus 20. Tagalisch 257, 266, 363. Bildsamkeit 349. 33* 516 Register. Ta In tisch. Zweierlei Genitiv 463. Talaing, 8. Peguanisch. Tamaschek 160. Tamulisch 344. Attributiver Satzliau 453. Tapu. Vgl. Tabuwesen. Taraskisch 390. TaBmanier 280. Taufen 231, 245. Techmer, Fr, seine Definition der Arti- culatiou und des Lautes 4 flg. Phonetik 38. Teda 282. Teichelmann, C. G. und C. W. Schünnann 194. Telugu 344. Terane 150, 282. Temporalformen 383. Tendenzen in der Entwickelung der Spra- chen 178. Ten u es in manchen Sprachen nicht von den Mediis unterschieden 188, 194, 314. Tenuis und Media aufeinanderfolgend 201, 298. Terminologie, grammatische 114—116. Texte zur praktischen Spracherlemung 51. Erlernung und Erforschung der Sprachen aus solchen 73 — 75. Besonders geeignete 106. Th (d-) im Germanischen in ein hartes und weiches gespalten 190. Thai, Wortschöpfungen 42. „Nichtwortige" Sprache 342. Prildicativer Bau 149, 151. Euphonikl99. Doi)pelung8formen 224. Ein- silbigkeit und Isolirung nicht ursprünglich 257. Phonetische Gestalt 135. Prädicativer Satzbau 452. Thai-Sprachen, Familie der — ; deren Bau 149, 257. Innere Si)rachform 150. Me =- Du und Mutter 306. Thaksya 157. Thätigkeit — Eigenschaft — Ding, vorbild- lich für grammatisclie Kategorien 381—385. Theater. Bühnenmässige Sprache 127. Theätre fran<;ais, Einfluss auf die S])rach- liildung 127. Thematische Wurzeln 296. Seog — deva, deus 186, 217. Thiere. Deren Sprache 3. Th. und Theile solcher, deren Namen in übertragener, ver- gleichsweiser Anwendung 40 — 42. Onomato- poetische Namen von Th. 208. Th., welche menschliche Sprachlaute nachahmen 304. Thierfabel 3irh Thiersprachen 3. Tibetisch. Lautwesen 34. Casus activus und neutro-passivus 102, 151. Hilfsmittel für die indochinesische Sprachvergleichung 141. Wortaccent in einem Dialekte 148. Bau 150. Innere Sprachform 151. Alterthüm- lichkeit des Lautwesens 157. Anlaut dp 19^^ Der Formati vlaut s 214. Nachbildungen indisch - buddhistischer WOrter 231, 271. Wandelbare Verbalstämme 257, 391. Vocal- Wandel in der Formenbildung 354. Innere Flexion 434. Tifinagh, berberische Schrift 131. Tigre 282. Tiki-tiki 187. Titanen. „Sprachstamm der T." 144. Titel. T. und Höflichkeitsformen, Stellun